Freiheit. Hoffnung. Frieden. Tod.   24

Nachdenkliches · Kurzgeschichten

Von:    Lena N.      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 13. September 2005
Bei Webstories eingestellt: 13. September 2005
Anzahl gesehen: 990
Seiten: 4

Sie weiß nicht, warum. Weiß nicht, was sie getan hat. Oder ihre Söhne, durch ein Gitter von ihr getrennt. Kurt, der Ältere, sonst so rastlos und laut, der sie nun mit angsterfüllten Augen aus der Ecke der Zelle ansieht, um plötzlich wieder sein Gesicht in den Händen zu verbergen. Er wird seine Tränen nicht zeigen. Und der Kleine. Thomas klammert sich an sie, so gut es geht, durch das kalte, eiserne Gitter, das sie gefangen hält wie wilde Tiere.

Kein Richter. Kein Prozess.

Spät am Abend, ein Klopfen an der Tür. Ahnungslos öffnet sie die Türe und lässt die drei unbekannten Männer ein. Sie überwältigen ihren Mann, der sich schützend vor seine Söhne gestellt hatte. Verschleppen sie und ihre Kinder, wo ihr Mann ist, weiß sie nicht.

Jetzt ist sie hier, gefangen in der kleinen, dunklen Zelle, einsam und verständnislos. Durch das Fenster, ein schwarzes Loch in der weißen Wand, sieht sie das Meer, hört das Rauschen der Wellen und das Stampfen und Tuten der Schiffe im Hafen. Schiffe wie jenes, das sie erst vor einem Monat mit ihrer Familie verlassen hatte. Es sollte ihnen Freiheit bringen, Hoffnung und Frieden.

Was wird mit ihnen geschehen? Wird man sie zurück in die Heimat schicken, wieder der Gefahr aussetzen? Werden sie für immer hier bleiben, das Ende ihrer Tage in diesen feuchten Zellen erleben? Oder wird man…?

Als das erste Licht am Horizont sichtbar wird, findet sie endlich ein wenig Schlaf, Thomas’ Hand in ihrer, kalt und feucht vor Angst.



Als sie erwacht, blickt sie direkt in das Gesicht einer Wärterin. Kalte Augen starren sie an. Ist es Hass, den sie sieht? Verachtung? Gleichgültigkeit?

Die Frau beugt sich über sie, fühlt ihren Puls, dann holt sie eine Spritze hervor, beginnt wortlos, ihr Blut abzunehmen. Rotes Blut auf ihrem weißen Arm.

Sie sieht es wieder vor sich. Das Blut auf den weißen, frisch getünchten Wänden ihres Elternhauses. So lange ist es her und sie sieht es vor sich, als wäre es gestern gewesen. Das Blut ihrer Eltern und Geschwister. Rot auf weiß. Es spritzt gegen die Wand, vermischt sich mit dem Putz, tropft auf den Fußboden.

Die Wärterin schlägt sie ins Gesicht, als sie aus Entsetzen über die stechende Röte ihres Blutes versucht sich zu wehren.
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Sie ergibt sich der Gewalt ihrer Quälerin, überlegt, was jene mit ihrem Blut vorhat.

Plötzlich trifft es sie wie ein Blitz. Ihre Söhne! Doch ein Blick auf die andere Seite des Gitters beruhigt sie soweit es in ihrer Situation möglich ist. Kurt hält Thomas in seinen Armen, tröstet ihn mit der Wärme seines Körpers und dem vertrauten Geruch seiner Kleidung.

Die Wärterin hat ihre Aufgabe vollendet, packt die Spritze und das Blut in ihre Tasche, wirft ein Stück Brot auf den Boden und verlässt die Zelle.

Sie sieht die fremde Frau die Zelle ihrer Kinder betreten, sich jenseits der Gitterstäbe den beiden nähern. Verzweifelt wirft sie sich gegen das Gitter, will ihren Kleinen beistehen. Doch die Wärterin führt unbeirrt ihre Routine an Kurt und Thomas durch. Puls. Blut. Brot.

Als sie die Zelle verlässt, die schwere eiserne Tür hinter sich schließt, erwachen die Kinder aus ihrer Trance und rennen zum Gitter, drücken sich an die Stäbe, um ihre Mutter zu umarmen.

Dann beginnen sie, flüsternd Fragen zu stellen. Dieselben Fragen, die sie sich gestellt hat. Auf die sie keine Antworten weiß. „Alles wird gut, alles wird gut. Solange wir einander haben, ist alles in Ordnung.“, die ersten Worte, die sie spricht, seit man sie verschleppt hat.

Sie weiß nicht, ob sie ihr glauben, weiß nicht, ob sie sich glaubt.

Kurt beginnt vorsichtig, an einem Brotstück zu nagen, seine hungrigen, verängstigten Augen, die sie jetzt mehr denn je an die seines Vaters erinnern, blicken immer wieder besorgt zur Türe.

Thomas lässt sie nicht los, klammert sich an sie, das Gitter zwischen ihnen wird langsam warm, sie spürt die Stäbe gegen ihren Körper pressen. Obwohl sie es sind, die sie einsperren, geben sie ihr Halt, Stabilität.



Ein Tag folgt dem nächsten. Morgens kontrolliert eine Wärterin ihre Zellen, wirft ihnen Brot hin, manchmal eine Karotte. Man behandelt sie wie Tiere, gefährliche, nicht lebenswerte Tiere.

Abends gibt es ab und zu eine zweite Kontrolle, wenn sie Glück haben, gibt man ihnen Gelegenheit, sich das Gesicht mit Meerwasser zu kühlen.

In der Nacht steht sie oft an dem kleinen Fenster, starrt in die Dunkelheit, bis sie die schwarzen Umrisse der Schiffe gegen den nachtblauen Himmel ausmachen kann.
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Freiheit. Hoffnung. Frieden.

Ihr Traum ist am Sterben, er geht ein in der Dunkelheit der modrigen Zelle. Wird sie je wieder Freiheit riechen, Hoffnung fühlen, Frieden erleben?

Doch sie hält den Kopf hoch, sieht den Wärtern ins Gesicht und schenkt ihren Söhnen Lächeln um Lächeln voll erlogener Hoffnung. In ihrer Unschuld wissen die beiden nicht wirklich, was vor sich geht, geben nicht die Hoffnung auf, sehen Licht am Ende des Tunnels.



Nach was scheint wie eine Ewigkeit, ein Monat, zwei, drei, sie hat das Zeitgefühl verloren, nimmt sie ihren ganzen Mut zusammen und fragt eine der Wärterinnen nach ihrem Mann.

Ein hämisches Lächeln, dann, für den Bruchteil einer Sekunde, ein mitleidiger Blick, die Worte: „Zurück, dort wo ihr herkommt.“

Sie weiß nicht, was sie daraus machen soll. Ist es wahr? Wird man sie auch deportieren? Ihre Gedanken drehen sich im Kreis, machen sie schwindlig und schwach.

Die meiste Zeit sitzt sie nur noch in der Nähe des Gitters, hält mit jeder Hand einen ihrer Söhne. Es spendet ihr Trost, sie hofft, dass die beiden dasselbe fühlen.

Manchmal steht sie plötzlich auf, geht zum Fenster, blickt in die Ferne, träumt vom Frieden und macht sich nicht die Mühe, die Tränen wegzuwischen, die ihr über das Gesicht laufen. Wenn sie sich wieder den Jungen zuwendet, lächelt ihr Mund, obwohl ihre Augen noch immer ohne Hoffnung sind.



Eines Tages geschieht ein Wunder. Die Wärterin betritt ihre Zelle, bedeutet ihr, mitzukommen und führt sie zur Zelle ihrer Söhne. Als die Tür sich öffnet und Kurt und Thomas ihr lachend und weinend in die Arme fallen, sinkt sie auf die Knie, überwältigt von einer Freude, wie sie sie nur selten gespürt hat.

Ihr Mann und sie, allein in der Sicherheit ihres Hauses, einige Monate später legt die Hebamme ihr Kurt in die Arme. Dasselbe drei Jahre später mit Thomas. Und der erste Schritt auf festem Boden, nachdem sie das Schiff verlassen hatten.

Freiheit! Hoffnung! Frieden!

Doch die Freude nun ist stärker, tiefer gehend, es geht um Leben und Tod.

Jetzt sind sie zu dritt, fühlend sich kräftiger, beinahe unbesiegbar.
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Den Kindern zuliebe erfindet sie Spiele, sie blicken aufs offene Meer, beruhigt vom tiefen Blau des Wassers und dem Tanzen der goldenen Sonnenstrahlen auf den Wellen.

Die beiden lernen sogar wieder, ein wenig zu lachen. Sie findet einen Funken Hoffnung in den warmen, unschuldigen Blicken ihrer geliebten Söhne.

Mit jeder Prise Meerluft, die sie einatmet, scheint sie das Gefühl der Freiheit in sich aufzusaugen. Das Wasser, so tief und blau, so lebendig und fröhlich, erinnert sie daran, wie es sich anfühlt, zu leben, zu lieben, zu lachen.

Wird sie es je wieder spüren?



Dann, nach Monaten in Gefangenschaft, beritt die Wärterin vom ersten Tag mit einem strahlenden Lächeln die Zelle. Zum ersten Mal hört sie ihre Stimme. „Auf Wiedersehen!“, sie streckt ihr die Hand zum Gruß hin.

Sprachlos starrt sie die Wärterin an, nimmt kaum die überglücklichen Blicke ihrer Söhne war, denkt, dass sie träumen muss.

„Sind wir frei?“

Die Wärterin gibt ihr einige Blätter bedrucktes Papier, ihr Lächeln friert ein. „Nein. Sie haben Leukämie. Sie kommen wo anders hin.“

Leere. Dunkelheit. Nichts.

Sie blickt auf das Papier. Schwarz auf weiß, die Diagnose, das Todesurteil, Krebs im fortgeschrittenen Stadium.

Sie reißt ihre Söhne an sich, ihre Tränen vermischen sich, endlose Ströme laufen über ihre Gesichter.

Dann packt man sie am Arm, führt sie weg, sie hört das verzweifelte Schreien ihrer Kleinen. Was wird mit ihnen geschehen, wenn sie…?

Sie weiß nicht, wo sie ist, die Treppen, Türen und Flure, alle gleich – kalt und trostlos – haben sie ihrer Orientierung beraubt.

Man sperrt sie wieder in eine Zelle, mit einer Matratze in der Ecke und einem größeren Fenster gegenüber der Ruhestatt.

Tage und Nächte vergehen, sie liegt auf der Matratze und starrt aus dem Fenster, schwindlig vom intensiven Blau des Himmels und dem lauten Rauschen des Meeres, dessen salzigen Geschmack sie noch immer im Mund hat.

Sie fühlt, wie sie schwächer und schwächer wird.

Eines Tages wird es dunkel vor ihren Augen, Himmel und Meer verschwimmen, sie sieht ihre Eltern, Geschwister, Söhne und ihren Mann vor sich und fühlt es endlich wieder… Freiheit, Hoffnung, … Frieden!.
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n, sie sieht ihre Eltern, Geschwister, Söhne und ihren Mann vor sich und fühlt es endlich wieder… Freiheit, Hoffnung, … Frieden!
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Punktestand der Geschichte:   24
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Kommentare zur Story:

  Nein, Chris, sie geht nicht davon aus, dass man ihre Söhne tötet. Sie wird einfach während ihrer Krankheit egoistisch, wenn man so will, und sieht den Tod als Ausweg in die Freiheit.
Dass es alles bisschen wirr und unlogisch ist, weiß ich, aber irgendwie mag ich die Geschichte trotzdem..
LG Lena  
Lena N.  -  27.09.05 11:56

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  Hallo Lena!
Jetzt fange ich beinahe automatisch mit der Traumdeutung an. Aber keine Sorge, ich ziehe keine Schlüsse.
Mir gefällt der Text. Ist auch mal was anderes von dir.
Deine Aussage: "Die Essenz der Geschichte ist das letzte Wort - "Frieden". Es geht mir darum, dass der Tod für die Protagonistin eine Erlösung bedeutet." kann ich nicht ganz nachvollziehen. Der Tod kann für deine Protagonistin nicht die Erlösung bedeuten, da sie ihre Kinder, die sie offensichtlich sehr liebt, zurücklassen muss. Aber entschuldige, da habe ich etwas überlesen. Die Protagonistin geht ja davon aus, daß man ihre Söhne getötet hat, nachdem sie die Diagnose bekam. - Zu unlogisch, um eine gute Geschichte zu sein, es ließe sich allerdings eine daraus machen. Es ist schwierig, würde sich aber lohnen.
Grüße  
Chris Stone  -  17.09.05 14:43

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  Danke für dein Verständnis ;-)
Ich hoffe, dass mir eines Tages eine Geschichte gelingt, die den gleichen Inhalt etwas klarer darstellt. Mal sehen.
Und danke für die sichs, eins ist schon verschwunden.
LG Lena  
Lena N.  -  15.09.05 11:53

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  o.k. wenn es für dich richtig ist, akzeptiere ich es natürlich. das nebulöse hat ja auch seinen reiz. man möchte es greifen und kann nicht. ein traum eben. in deinem falle ein schrecklicher.
mir ist stilistisch noch etwas aufgefallen - ab ...
die Ferne ... dreimal in kurzen abständen - sich - .
lg
rosmarin  
rosmarin  -  15.09.05 10:02

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  Hallo rosmarin!
Lustig, "weit weg, nebulös und nicht greifbar" - die Wörter, die du benutzt, um die Geschichte zu beschreiben, treffen auch meinen Eindruck von ihr. Ich habe mit dieser Geschichte einen Traum verarbeitet, bei dem ich nicht wusste, was warum geschieht. Und ich habe beim Schreiben versucht, so nah wie möglich an der "Wahrheit" meines Traumes zu bleiben.
Habe lange überlegt, ob ich ein paar der Rätsel lösen soll, Namen, Orte und Gründe nennen, mich dann aber dagegen entschieden.
So stehen Gefühle und Gedanken mehr im Vordergrund und um die ging es mir bei diesem Text.
Die zwei Fehler sind schon korrigiert, danke dir.
LG Lena  
Lena N.  -  14.09.05 23:14

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  hallo, lena, ich hab ein anderes problem mit der geschichte. ich habe sie kopiert und lange darüber nachgedacht. bei aller bildhaftigkeit und einer guten sprache bleibt alles etwas nebulös. weit weg und nicht greifbar. vielleicht liegt es daran, dass du deiner prot das unpersönliche wörtchen sie gibst und keinen namen. auch erfährt der leser nicht, aus welchem grund die familie eingesperrt ist, der vater verschleppt wurde, aus welchem land sie kommen. klar kann ich mir meinen reim darauf machen, aber das ist nicht der sinn. ich will es von dir erfahren.
ansonsten finde ich diese überaus traurige geschichte gut geschrieben.
hier noch einige kleine ungereimtheiten:
...Umrisse der Schiffe am (gegen den ) nachtblauen Himmel...
Nach was scheint wie eine Ewigkeit
...dass sie (die) beiden
lg
rosmarin  
rosmarin  -  14.09.05 23:04

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  Hi Christa,
danke für deinen Kommentar. Die Essenz der Geschichte ist das letzte Wort - "Frieden". Es geht mir darum, dass der Tod für die Protagonistin eine Erlösung bedeutet. Und damit will ich im Endeffekt meine Hoffnung ausdrücken, dass nach dem Ende wirklich "Licht am Ende des Tunnels" ist.
LG Lena  
Lena N.  -  14.09.05 22:39

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  Hallo Lena,
sehr traurig und mitleidserregend, Deine Geschichte. Aber, vielleicht geht es auch bloss mir so, was ist die Essenz dieser Geschichte, was ist die Botschaft, die Du vermitteln willst?
Es liest sich mehr wie ein Tatsachenbericht, der Sinn der Geschichte bleibt mir irgendwie fremd.
LG
Christa  
CC Huber  -  14.09.05 20:11

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Interessante Kommentare

Kommentar von "Aya" zu "Der kleine Vogel"

finde ich auch echt gut.

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