Kurzgeschichten · Nachdenkliches

Von:    Martin Guido Becker      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 11. Juli 2026
Bei Webstories eingestellt: 11. Juli 2026
Anzahl gesehen: 68
Seiten: 5

Unsere Welt ist vollgestopft mit Rezepturen, wie man glücklich wird. In sämtlichen Buchhandlungen biegen sich die Regale unter den Ratgebern, wie denkt man positiv, wie geht man als Sieger aus dem unvermeidlichen Daseinskampf hervor, wie gewinnt man Ansehen und Freunde, wie gelangt man zu Erfüllung und Zufriedenheit? Um ein paar Geldscheinchen erleichtert und um das Gewicht eines Buchpaketes beschwert, da schleppt man die Bände an Zuckerwatteliteratur nach Hause, dort verstauben diese zumeist nach kurzem Überfliegen und anschließender Zuckerkrankheit im Regal, das Glück ist also immer noch genauso weit entfernt ist wie zuvor… da hilft auch alle Lektüre nicht…



Wie heißt es in der Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens in Brechts Dreigroschenoper?



Ja, renn nur nach dem Glück

Doch renne nicht zu sehr

Denn alle rennen nach dem Glück

Das Glück rennt hinterher.

Denn für dieses Leben

Ist der Mensch nicht anspruchslos genug.

Drum ist all sein Streben

Nur ein Selbstbetrug.



Ja, das Streben ist oftmals Selbstbetrug, und zumeist bedarf es der Spanne eines ganzen Lebens, zu erkennen, dass man wie ein Esel einer angeschimmelten Karotte hinterhergelaufen ist. Und doch wird einem wieder und wieder eine Rezeptur verkündet, welche Haltung man einnehmen, welche Ziele man sich stecken soll, wo und wie man das Glück findet, nun ja, man praktiziert es so gut, wie man kann, man träumt also davon, Dompteur zu werden, um dann feststellen zu müssen, dass man an einer Löwenallergie leidet, wenn die Rezepturen zum Glücklichsein nicht funktionieren, die Anleitungen zum Unglücklichwerden, denen kann man blind vertrauen…



Man kann sich auch die Frage stellen, was ist Glück überhaupt? Und hat man dann sein Glück gefunden, wie will man es festhalten, was nützt schließlich das Glück, wenn es nicht von Dauer ist? Und dann stellt man fest, dass das Glück anfängt, dahinzuwelken, dass es fade, ranzig und unausstehlich wird, dass auf den Glücksrausch der Überdruss und die Langeweile folgt. Und so ist man versucht, dem Glück zu entsagen, man ist allzu lange dieser Karotte hinterhergelaufen, hat man es ja „zu etwas gebracht“, hat man sich Reichtum, Macht und Ansehen erworben, hat man sich ein Haus hingestellt, das einem eigentlich zu groß und zu protzig ist, einen Wagen in der Garage, den man sich nicht leisten kann, und das alles nur, um den Nachbarn zu beeindrucken, den man im Grunde genommen nicht ausstehen konnte…



Desillusioniert von der Jagd nach dem Glück im Außen, so fängt man an, sich der Jagd nach den Schätzen im Inneren zu widmen, man schaut in das verstaubte Bücherregal nach den angestaubten Ratgebern, die einem schon die Rezeptur geben werden, wie man glücklich wird, der eine rät zum Festhalten, der andere zum Loslassen, irgendjemand sagt einem, man solle im Augenblick, im Hier und Jetzt leben, der nächste empfiehlt sorgfältige Planung… Nun ja, Ratschläge sind zumeist Schläge… zumindest ist man um diese Erkenntnis reicher, wenn auch nicht glücklicher…

man kann auf Ratschläge hören oder auch nicht, im allerschlimmsten Fall endet man als Kopfbedeckungsnumismatiker, sprich Bettler.
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.. Glück kann ja immerhin bedeuten, vor der Unbill des Daseins hinlänglich geschützt zu sein, jeder Obdachlose wird ein Dach über dem Kopf, eine warme Mahlzeit und ein wenig Taschengeld zu schätzen wissen…



In Gefängnis und im Kloster ist aufgrund der Abgeschiedenheit und der Einförmigkeit der Tage die durchschnittliche Lebenserwartung höher als anderswo, allerdings würde wohl kaum jemand deswegen freiwillig sein Dasein im Knast oder hinter den Klostermauern verbringen wollen. Auch hat ein Eunuch eine wesentlich höhere Lebenserwartung als der unverschnittene Mann, und doch wird sich wohl niemand deswegen zu solch einer Operation entschließen, denn ein antriebsloses Vegetieren im Ohrensessel wird keiner wohl ernsthaft Leben nennen wollen, die Risikovermeidung wird unvermeidlich dann an eine Grenze stoßen, wenn die Einförmigkeit des Daseins zur unerträglichen Last geworden ist. Oder man widmet sich fernöstlichen Weltanschauungen, im Zen Buddhismus wird das Ertragen der Langeweile bis zum Exzess trainiert, man verbringt seine Lebenszeit so lange mit nichts oder mit dem Nichts, bis der Geist irgendwann still geworden ist und irgendwelche Hormondrüsen Glückshormone auszuschütten beginnen. So würde zumindest die Sichtweise vom materialistischen Standpunkt aussehen, die Mystik als ein Produkt allzu großer Einförmigkeit mit den daraus entstammenden Hormonausschüttungen, was allerdings nur eine Sichtweise von unendlich vielen sein kann.



Der Geist wird still, soll er das wirklich? Im Denken des fernen Ostens ist es klar, die Welt ist ein Trugbild, deswegen ist es nötig, sich von der Welt abzuwenden und diese Illusion zu durchschauen.
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Als Skeptiker könnte man sich fragen… und wenn sie nun doch kein Trugbild ist? Wäre dann nicht das Glück, der Schimäre, die dann doch keine ist, entronnen zu sein, ein Zweifelhaftes? Das Nirwana lediglich ein Symptom der Schläfenlappenepilepsie? Liegt das Glück in der Kontemplation oder liegt es im tätigen Sein, im abendländischen Weg? Und bei Letzterem kennen wir die Nebenwirkungen zur Genüge, den Workoholic, der süchtig nach Stresshormonen sich fortwährend betäubt, und in Momenten der Untätigkeit zusammenbricht, die vielen frustrierten Dauerbewohner der Gewinnerstraße, die alles erreicht haben, was man nur erreichen kann und die ihr Dauerlächeln einbetonieren müssen, um zu kaschieren, dass es doch nicht so geklappt hat mit der Jagd nach dem Glück.

Oder man kennt den Machthaber, der sein Glück daraus bezieht, Andere herumzukommandieren, diese zum Blitzableiter für seine chronisch schlechte Laune degradieren zu können. In diesem Fall besteht das Glück darin, sich jede noch so scheußliche Charaktereigenschaft bewahren zu können, die Devotion irgendwelcher jubelnden Massen ist sicher. Nun denkt jetzt jeder an einen bestimmten amerikanischen Präsidenten, dieser ist lediglich die Spitze des Eisberges…

Das Bewusstsein der Macht, es sorgt für regelmäßige Hormonausschüttungen, allerdings auch für eine gewisse Abstumpfung gegenüber den biochemischen Vorgängen im eigenen Körper. Der Rausch währt nicht lange, es bedarf höher Dosen, das Verhalten des Machthabers wird mit der Zeit bizarrer und irrationaler, das typische Verhalten eines Suchtkranken…

In seinem Buch „Politische Ponerologie bescheinigt der polnische Psychologe ?obaczewski einem Großteil der Machthaber abnorme Persönlichkeitsstrukturen. Soll, wer nicht unbeschwert feiern kann, als gemeingefährlich angesehen werden und von jeglicher Machtausübung ferngehalten werden? Und, wie leer wären unsere Parlamente und die Regierungsbänke, wenn sämtliche psychisch auffälligen Personen daraus entfernt werden würden?



Wo, bitteschön, auch abseits der Machtspielchen, bleibt da die Vernunft, die ewige Spaßbremse im Spiel der Hormone? Ist das Glück nicht vor allem Maximierung der Lust und Vermeidung der Unlust, so zumindest die landläufige Vorstellung von Glück.
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..

Die Frage bleibt offen, sind Vernunft und Lust tatsächlich Gegensätze? Sind sie miteinander unvereinbar? Ist ein freudloses Dasein in mausgrauer Pflichterfüllung etwa „vernünftiger“ als eine gewisse Freude am Leben zu haben. Ist Leidenschaft das, was „Leiden schafft“, oder ist das nicht überhaupt der Motor, der einen antreibt, überhaupt etwas zu tun. Ein Erfinder, der nicht leidenschaftlich an seinen Ideen arbeitet, der erfindet niemals etwas, ein Künstler ohne Leidenschaft, der wird für immer ein Stümper bleiben. Wird es Höhen und Tiefen geben, also Hell und Dunkel, oder wird das alles auf ein mittleres Niveau nivelliert, anstelle dem Wechselspiel von Lust und Unlust das mausgraue Einerlei…?

Ist es das Streben nach Glück, das Leiden schafft, oder ist es nicht vielmehr die Verdammung des Glücks, der allgegenwärtige Puritanismus in seinen verschiedenen Ausprägungen?

Schaut man sich Bilder aus Teheran vor der islamischen Revolution an, dann sehen wir Bilder einer gewissen Leichtlebigkeit, die wir auch aus unseren eigenen Ländern aus den 70er Jahren kennen. Und anschließend wurde das Land unter die Knute einer puritanischen Sittenstrenge gezwungen, diejenigen, die unfähig sind, Glück zu empfinden, die verfolgen das Lebensziel, das Glück der Anderen zu zerstören.

Möglicherweise gilt hier die folgende Zeile von Goethe: (Stella, 3. Akt)



Die Gegenwart des Elenden ist dem Glücklichen zur Last, und auch!, der Glückliche dem Elenden noch mehr.



Die Kehrseite der oftmals vergeblichen Jagd nach dem Glück ist das Moralapostolat. Der Miesepeter, oder gendergerecht, die Miesepeterin… Wenn ich schon nicht glücklich bin, dann dürfen Andere es auch nicht sein, man sperrt diese im Keller ein und lässt das Rollo herunter und nennt dies Fürsorglichkeit. Und in der Tat, es gibt ja unzählige plausible Argumente zum Unglücklichsein, im Leben ist das Scheitern schließlich der Normalfall, der Erfolg bedeutet die Ausnahme. Muss man nicht deswegen den Handlungsspielraum derartig beschneiden, so dass es weder Glück noch Unglück, weder Erfolg noch Scheitern gibt, sondern lediglich das reibungslose Funktionieren ferngesteuerter Automaten? Der Preis dafür, jegliches Unglück zu vermeiden, der kann ziemlich hoch sein, er bedeutet die komplette Aufgabe des freien Willens, das Leben im Futteral. Inwieweit lasse ich mich auf die Wechselfälle des Lebens ein oder schützt man sich vor jeglicher Eventualität, bis man irgendwann das Dasein eines Untoten führt? Der Preis für das Glück ist das Risiko, es gibt das Wechselspiel zwischen Aufstieg und Absturz und als Alternative der Verzicht auf Selbstbestimmung.
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Der unbegrenzte Individualismus krankt daran, dass kaum jemand auf Dauer diesem Wechselspiel gewachsen sein kann, und das Problem des Kollektivismus besteht darin, dass er jegliche Eigeninitiative und Kreativität im Keim erstickt. Zu welchem Risiko bin ich bereit und welche Sicherheiten sind unverzichtbar? Welche Beleuchtung bevorzuge ich für mein Heim, Stroboskoplampe oder eine trübe Funzel im mausgrauen Einerlei?

Wo also liegt das Glück, in einem gesteigerten Lebensgefühl oder in der Abwesenheit von Unbill? Beides zusammen kann man nicht haben… man kann nicht gleichzeitig normal und außergewöhnlich sein, es sind Bedürfnisse, die einander ausschließen. Der Versuch, ein ungetrübtes Glück zu finden, also den Rausch ohne Risiko, der gleicht der Quadratur des Kreises.

So wird man wahrscheinlich immer einer Schimäre nachjagen, man wird das Glück suchen und man wird es nicht finden, dazu Goethe in Gesprächen mit Eckermann:



Man hat mich immer als einen vom Glück besonders Begünstigten gepriesen; auch will ich mich nicht beklagen und den Gang meines Lebens nicht schelten. Allein im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen, daß ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt. (27.1.1824)



Nun ja, wenn selbst ein Goethe kein besonders glücklicher Mensch gewesen sein will, einer, der sein gesamten Dasein damit verbracht hatte, unzählige Schweißperlen vor die Säue zu werfen, dann braucht man sich auch nicht zum Glücklichsein zwingen, um diesen Stress erleichtert, lebt es sich unbeschwerter. Wenn man einmal angefangen hat, über das Glück nachzudenken, worin es besteht und was Glück eigentlich ist, dann weiß man von mal zu mal ein wenig mehr, dass man immer weniger darüber weiß... Vielleicht kommt da ein Gedicht, mit dem unsereins schon in der Schule traktiert worden war, der Wirklichkeit ein wenig näher:



Bertolt Brecht

Der Radwechsel

Ich sitze am Straßenhang.

Der Fahrer wechselt das Rad.

Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
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Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.

Warum sehe ich den Radwechsel

mit Ungeduld?
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