Romane/Serien · Fantastisches

Von:    Francis Dille      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 5. Juli 2026
Bei Webstories eingestellt: 5. Juli 2026
Anzahl gesehen: 69
Kapitel: 0, Seiten: 0

Diese Story ist die Beschreibung und Inhaltsverzeichnis einer Reihe.

Verfügbarkeit:    Die Einzelteile der Reihe werden nach und nach bei Webstories veröffentlicht.

Kapitel 4 – Der Holländer an Bord





Queenstown, 11. April 1912. Am selben Morgen …



Als die mächtigen Glocken der Kathedrale von Queenstown um Punkt 7.00 Uhr läuteten, zog eine Reiterstaffel durch die Stadt. Die Sonne blinzelte am Horizont; der Himmel war noch in Violett getaucht und die Hufen der Pferde klackerten auf dem Kopfsteinpflaster. Einige Frühaufsteher blickten neugierig aus ihren Fenstern oder gingen gar hinaus auf die Straße, um herauszufinden, weshalb der örtliche Sheriff mit einem Polizeiaufgebot durch die Straßen patrouillierte. Die Hunde in der Nachbarschaft bellten aufgebracht. Begleitet wurde Chief Inspector Ottmar Marshall von sechs jüngeren Kollegen, die auf der Suche nach einem Schwerverbrecher waren – jedenfalls nannte der hiesige Polizeichef jeden so, nach dem er fahndete.

Der alte Ottmar Marshall mit dem elegant gezwirbelten Oberlippenbart war in Queenstown überall bekannt. Jeder redete ihn nur mit Otto oder Sheriff an. Er war ein rüstiger, fünfundsiebzigjähriger Polizeichef, der sich eigentlich schon längst im Ruhestand hätte befinden müssen. Aber dieser Haudegen war äußerst pflichtbewusst und glaubte, dass sein Städtchen ohne ihn niemals „sauber“ bleiben würde. Und weil Otto schon eh und je in Queenstown sowie in der Umgebung für Zucht und Ordnung gesorgt hatte, war es für ihn einfach unvorstellbar, dass ein anderer, ein jüngerer Inspector, ihn ersetzen und das heimische Polizeirevier übernehmen könnte. In absehbarer Zeit jedenfalls nicht – das meinten die Einheimischen und allen voran natürlich Otto selbst.

Nachdem der Chief Inspector stundenlang erfolglos nach dem Übeltäter gesucht hatte – hauptsächlich hatte er die Hotels, Pensionen und Fremdenzimmer überprüft –, führte er die Reiterstaffel in die ländliche Gegend hinaus. Er ritt einen Schotterweg entlang einer Anhöhe, direkt zur Pension Grace‘s Sunshine. Für die Polizisten war es jedoch die allerletzte Option, denn falls der sogenannte Schwerverbrecher sich in dieser Herberge auch nicht versteckt hielt, müsste Ottmar Marshall die Fahndung zähneknirschend einstellen. Immerhin hatte die Reiterstaffel in Herrgottsfrühe die Suche begonnen, als es noch dunkel gewesen war.



Grace’s Sunshine war eine idyllisch gelegene Pension nahe am Wald, die mit hölzernen Balkonen versehen war. Hinter dem großen Haus befand sich ein eingezäunter Garten mit Schaukeln, einem Sandkasten und Sitzbänken, dort sich die Gäste entspannen und die Kinder spielen konnten.
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Zudem begannen von dort aus einige attraktive Wanderwege.

Die Preise der Stuben waren erschwinglich, und die Küche sehr zu empfehlen, sodass hauptsächlich einfache Bürger dort verkehrten, die entweder auf der Durchreise waren oder gar ihren Urlaub dort verbrachten. Die Gäste hatten von ihren Balkonen aus einen wundervollen Ausblick auf die Stadt, auf den Hafen und auf das Meer. Zudem war das Haus von riesigen Tannen umgeben.

Es war bereits Mittag, bei angenehmen zwanzig Grad, und die Vögel zwitscherten in den Bäumen, als der Polizeichef kräftig an die Eingangstür klopfte. Schließlich öffnete eine beleibte Frau, die genauso wie ihre Dienstmädchen gekleidet war: Sie trug ein schwarzes Kleid und eine weiße Schürze, die sie sich um ihre Hüfte gebunden hatte. Zudem trug sie ein Haarnetz, obwohl ihre Frisur streng nach hinten gekämmt und zu einer Zopfschnecke gesteckt war.

Zuerst lächelte sie Ottmar Marshall erfreut an, weil er des Öfteren vorbeischaute, um mit ihr bei einem Tässchen Kaffee und Kuchen ein bisschen zu plaudern. Als sie jedoch seine uniformierten Kollegen auf ihren Pferden sitzen sah, an deren Sätteln ihre Gewehre steckten, entschwand die Fröhlichkeit aus ihrem runden Gesicht.

„Guten Tag, Grace. Entschuldige bitte die Störung, aber ich muss dir leider ein paar Fragen stellen“, begrüßte der Chief Inspector die Hausherrin, zog anstandshalber sein blaues Käppi ab und strich sich über das lichte Haar.

„Guten Tag, Otto. Nanu, diesmal mit Begleitung? Mögt ihr alle eine Tasse Kaffee? Oder lieber Tee?“, fragte sie überrascht.

Otto lächelte, setzte sein Käppi wieder auf und zupfte an seinem gezwirbelten Schnauzer.

„Danke, diesmal nicht. Wir fahnden zurzeit. Sag mal, Grace, hast du gerade Gäste im Haus? Ausländer vielleicht? Beherbergst du zufälligerweise einen Holländer?“, fragte er freundlich grinsend, zog die Augenbrauen hoch und lugte über ihre breite Schulter, genau in die Gaststube hinein. Aber er sah nur auf etliche gedeckte Tische, und ganz hinten an der Fensterfront erblickte er ein älteres Ehepaar, das gerade zu Mittag speiste. Sonst war es still; nur das Ticken einer imposanten Standuhr war zu hören. Die Chefin der Pension blickte ihn verwundert an und überlegte kurz.
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„Meinst du etwa Mister van Broek? Ich weiß nicht genau, ob er tatsächlich ein Holländer ist. Er scheint mir eher ein Engländer zu sein. Mister van Broek hat seit gestern früh im zweiten Stock ein Zimmer gemietet. Das ist wirklich ein so netter Mann – mit tadellosen Manieren, wohlbemerkt. Ein äußerst gutaussehender Mann obendrein“, betonte sie begeistert, wobei sie ihre Hände faltete und kurz verträumt in die Luft starrte. Doch sogleich runzelte sie die Stirn und blickte ihn ernst an.

„Wieso? Warum willst du das wissen?“, fragte sie sogleich spitz.

„Soso, ist er das also … ein netter Mann“, bemerkte Ottmar Marshall spöttisch. „Hat Mister van Broek heute im Laufe des Tages sein Zimmer verlassen?“, fragte er sogleich nachdrücklich.

Grace schüttelte den Kopf.

„Nein, da bin ich mir absolut sicher. Mir entgeht es nie, wenn meine Gäste das Haus verlassen oder einkehren. Bestimmt schläft er noch.“

Sie beugte sich näher zu Ottmar, wobei sie die Augenbraue zusammenzog und flüsternd weiterredete.

„Ich habe gestern Nacht gehört, wie er die Treppe hinaufgestiegen ist und abgeschlossen hat. Da war es schon sehr spät … halb eins. Heute Morgen ist er nicht zum Frühstücken runtergekommen. Stell dir mal vor, Otto: Der arme Mann hat seit gestern Mittag keine warme Mahlzeit zu sich genommen“, klärte sie ihn aufgebracht auf. „Dabei hatte ich mich besonders beim Kochen bemüht, damit er …“

„Jajaja“, fiel Otto ihr genervt ins Wort und winkte ab, wandte sich seinen Männern zu, die ernst dreinblickten, gab ihnen ein Handzeichen und befahl lautstark: „Umstellt das Haus! Auf der Stelle!“

Nur der Jüngste von ihnen, mit dem niedrigsten Dienstgrad, sollte Chief Inspector Marshall ins Haus begleiten. Sogleich zogen die Polizisten ihre Gewehre aus ihren Satteltaschen, stiegen rasch von ihren Pferden ab und eilten geduckt hinter das Haus.



Grace war regelrecht perplex, als der Chief Inspector mit dem jungen Kollegen im Schlepptau einfach hineinspazierte, seinen Revolver zog und mit ernster Miene zielstrebig zum Treppenhaus marschierte. Der junge Polizist blieb direkt im Schatten seines Chefs, hielt sein Gewehr schussbereit und zielte wachsam hoch zur 2. Etage, während sie langsam die Stufen hochgingen.

„Ja aber … aber Otto. Was ist denn bloß los?“, fragte die beleibte Frau aufgeregt, wobei sie ihm schnaufend die Stufen hinauf folgte.
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Daraufhin hielt der Chief Inspector den Zeigefinger vor dem Mund. „Pschschscht! Sei bitte leise, Grace!“, zischte er sie an. Und während er die Stufen des engen Treppenhauses vorsichtig hinaufschlich, klärte er die Pensionschefin flüsternd auf, die unbekümmert neben ihm die Treppe hochstiefelte. Die hölzernen Dielen knarrten verräterisch, was den betagten Polizeichef etwas nervös machte.

„Grace, tu mir bitte einen Gefallen und tritt etwas leiser auf. Du bist ja das reinste Trampeltier. Schlafende Hunde schlafen nur mit einem Auge, aber sie lauschen mit beiden Ohren. Deinetwegen wird mir dieser Halunke noch entwischen!“, zischte er ihr zu.

„Ach, was soll denn das?“, fuhr sie ihn verärgert an. „Du tust ja so, als müsstest du einen Bankräuber oder gar einen Mörder festnehmen. Jetzt sag mir endlich, was los ist. Du vergraulst mir nur meine Gäste mit deinem Aufmarsch! Was sollen sie denn von mir denken, wenn eine halbe Armee mit Schießkanonen um mein Haus schleicht? Das macht ihnen doch Angst!“, schimpfte sie.

Otto stützte sich am Treppengeländer ab und seufzte.

„Also gut, Grace. Hör zu. Gestern Nacht gab`s unten im Hafen, in diesem verfluchten Puff Old Fishbone, wieder mal Krawalle“, sprach er flüsternd. „Eigentlich nicht der Rede wert, denn das verdammte Gesindel schlägt sich ja des Öfteren gegenseitig die Köpfe ein. Aber Orson Bradbury hat heute in der Frühe Anzeige erstattet, ebenso wie der Kneipenbesitzer und sogar dieser Kraftprotz Conner Thompson – wegen Sachbeschädigung und schwere Körperverletzung. Sie alle behaupten, dass ein gewisser Ike van Broek, der eher als der berühmtberüchtigte Holländer aus Belfast bekannt ist, jeden Gast mit einer merkwürdigen Waffe bedroht hat, dessen Schuss man nicht hören kann. Zudem hat dieser van Broek es in der Tat geschafft, diesen widerlichen Conner mit einer Flasche niederzuschlagen. Normalerweise würde ich ihn für diese Tat sogar auszeichnen, denn der Mistkerl Conner hat es nicht anders verdient. Aber der Holländer ist, nach Aussage der Geschädigten, im Besitz einer äußerst gefährlichen Schusswaffe, die ich unbedingt beschlagnahmen muss.“ Otto blieb auf der engen Treppe einfach stehen, wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß aus seinem faltigen Gesicht, zupfte abermals an seinem gezwirbelten Schnauzer und fuhr fort.
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„Grace, ich sage es dir nur ungern, aber du hast einem Schwerverbrecher Unterschlupf gewährt. Dieser gemeingefährliche Holländer ist möglicherweise im Besitz einer Kriegswaffe. Also muss ich diesen Halunken unbedingt festnehmen! Deswegen habe ich Verstärkung bei mir“, flüsterte er energisch.

Doch die gute Frau schüttelte den Kopf und blickte ihn empört an.

„Das ist doch völliger Unsinn, was du mir da erzählst. Mister van Broek ist doch niemals bewaffnet, sondern ein anständiger junger Mann. Er ist immer schick gekleidet, sehr höflich und gibt meinen Mädchen großzügig Trinkgeld. Er hat sein Zimmer bis Sonntag gemietet und sogar schon im Voraus bezahlt. Ein Schurke würde sich niemals so nett verhalten und obendrein im Voraus bezahlen, geschweige denn überhaupt bezahlen!“, meinte sie aufgebracht.

Otto gab ihr einen Klaps auf den Oberarm, blickte sie streng an, hielt wieder den Zeigefinger vor den Mund und ermahnte sie erneut, dass sie endlich leiser reden sollte. Grace verschränkte daraufhin ihre Arme und schüttelte verständnislos mit dem Kopf.

„Na schön, Otto“, sprach sie flüsternd. „Du tust ja nur deine Pflicht. Geh hoch zu ihm, aber wehe dem, du irrst dich und Mister van Broek ist unschuldig, wovon ich ausgehe. Dann wirst du von mir aber ein Donnerwetter erleben!“, ermahnte sie ihn.



Vorsichtig, den Revolver im Anschlag, schlich der Chief Inspector auf dem Flur der zweiten Etage entlang. Der Dielenboden knarrte. Grace blieb derweil am Treppenabgang zurück und beobachtete das Geschehen mit großen Augen. Direkt hinter Ottmar Marshall folgte der junge Polizist, der sein Gewehr ebenfalls im Anschlag hielt. Als die Chefin des Hauses wortlos auf die Zimmertür von Ike deutete, packte Otto am Türgriff und drückte sie zaghaft herunter. Doch die Tür war verschlossen. Nun klopfte Otto energisch dagegen.

„Mister van Broek, aufmachen! Öffnen Sie sofort die Tür! Hier spricht Chief Inspector Ottmar Marshal von der Polizei! Das Haus ist umstellt! Sie haben keine Chance, zu flüchten. Kommen Sie mit erhobenen Händen auf der Stelle raus!“

Als aber keine Reaktion erfolgte und man auch rein gar nichts hörte, hielt Otto sein Ohr gegen die Tür und lauschte. Seine Augen wanderten dabei nervös hin und her. Noch einmal hämmerte er mit der Faust gegen die Tür und wiederholte seine Forderung.

„Mister van Broek, wir sind bewaffnet! Ich weiß, dass Sie da drinnen sind! Machen Sie sofort auf! Wenn Sie nicht augenblicklich die Tür öffnen, werden wir sie eintreten!“, brüllte Chief Inspector Marshall wütend.
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Als sich aber immer noch nichts tat, forderte der Polizeichef seinen jungen Officer mit einer Kopfbewegung auf, die Tür gewaltsam zu öffnen.

„Unterstehe dich, Otto!“, empörte sich daraufhin Grace. „Du wirst mir doch nicht meine schöne Tür eintreten! Bist du denn von Sinnen?!“ Sie watschelte auf ihn zu, griff in ihre Schürzentasche, zog einen Schlüsselbund hervor und schloss die Tür auf.

„So wird das in meinem Haus gemacht … Otto!“, schimpfte sie.



Chief Inspector Marshall stürmte sogleich ins Zimmer hinein, fuchtelte mit seinem Revolver herum und brüllte: „Keine Bewegung, van Broek! Sie sind verhaftet!“

Doch der betagte Polizeichef hielt seine Waffe nur auf ein unordentlich verlassenes Bett. Die Bettwäsche war komplett abgezogen. Verwundert schaute er sich in dem kleinen Zimmer um. Auf dem Sekretär lagen der Zimmerschlüssel, eine Schere und abgeschnittene Fetzen einer Mullbinde. Ottomar Marshal blickte sich verdrossen im Spiegel an, verzog sein knautschiges Gesicht und seufzte. Er sah durch den Spiegel, dass der zugezogene Vorhang der Balkontür sachte wehte. Dann drehte er sich blitzschnell um und riss die Tür zum schmalen Toilettenraum auf, aber auch dort war Ike nicht aufzufinden.

„Chief Inspector Marshall!“, rief der junge Officer aufgebracht. „Sehen Sie nur: Die Balkontür ist offen! Am Balkongeländer ist Bettwäsche verknotet. Van Broek muss sich abgeseilt haben und ist geflüchtet. Der ist wahrscheinlich schon über alle Berge.“

Ottmar Marshall steckte seinen Revolver ins Halfter, grummelte vor sich hin und zupfte an seinem gezwirbelten Schnauzbart. Dann verschränkte er die Hände hinter dem Rücken und trat langsam zum Balkon.

„Mmm … Der Holländer hat den Braten gerochen und ist mir entwischt. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Geflüchtet, wie eine Ratte auf einem sinkenden Schiff. Aber wohin? Weit kann er ja nicht sein“, grummelte er vor sich hin. „Weit kann dieser Halunke nicht sein.“

Chief Inspector Ottmar Marshall betrat den Balkon, umfasste das hölzerne Geländer und blickte auf das Meer hinaus. In der Ferne sah er die Titanic, wie sie strahlend weiß in der Mittagssonne glänzte und sich der schwarze Schiffsrumpf deutlich abzeichnete.
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Immer noch ankerte das riesige Schiff vor der Küste. Er schloss die Augen und atmete die frische Frühlingsluft tief ein.

„Wo zum Teufel steckst du, Holländer? Wo versteckst du dich jetzt? Wenn ich dich schnappe, das schwöre ich, gehe ich freiwillig in Rente.“

Als Otto nach unten schaute und seine jungen Kollegen sah, wie sie mit ihren Gewehren haltend betrübt zu ihm hinaufblickten, scheuchte er sie mit einer unmissverständlichen Handbewegung verärgert fort. Es fuchste ihn ungemein, dass ihm der berühmtberüchtigte Holländer entwischt war, wie Orson Bradbury und Conner ihn betitelt hatten. Ike van Broek zu verhaften, wäre die Krönung seiner langen Kariere gewesen. Damit würde sich Otto sogar bei seinen Berufskameraden in Nordirland einen Namen machen und zu einer Legende der irischen Polizei werden. Aber zugleich war er auch besorgt, weil dieser Schwerverbrecher eine unbekannte Waffe im Besitz hatte.



Seufzend überblickte der alte Mann nachdenklich das Meer. Vom hölzernen Balkon aus sah er, wie das letzte Tenderboot, besetzt mit Passagieren, an der Titanic andockte. Andächtig beobachtete er das riesige Schiff und bewunderte einen Augenblick den Fortschritt der Technik. „Ein imposanter Kahn. Heutzutage ist wirklich alles möglich“, murmelte er vor sich hin.

Plötzlich ertönte das Signalhorn der Titanic und dröhnte dreimal hintereinander laut auf. Ein dumpfer Widerhall schallte bis zur Stadt hinüber, sodass jeder Anwohner von Queenstown unweigerlich vernahm, dass die Titanic jeden Moment ablegen würde.

Otto kniff die Augen zusammen, während er das Schiff beobachtete.

In dem kleinen Zimmer hatte der Flüchtling keinerlei persönliche Gegenstände hinterlassen, nicht einmal ein paar alte Socken hatte er liegen gelassen. Selbst seinen Koffer hatte van Broek in der Eile mitgenommen. Otto dachte nach und lehnte sich weit über die Balkonbrüstung hinaus. Wohin könnte van Broek nur geflüchtet sein, fragte er sich, während er die Titanic aus der Ferne beobachtete. Plötzlich kam ihm ein Verdacht, der ihn zutiefst beunruhigte. Schließlich brüllte er: „Alle Mann sofort runter zum Hafen! Haltet das verdammte Schiff auf! Der Holländer will mit der Titanic abhauen! Wir müssen ihn unbedingt schnappen!“

Als seine jüngeren Kollegen wie angewurzelt stehen blieben und ihn bloß anstarrten, donnerte er: „Ja, was ist nun? Worauf wartet ihr Frischlinge denn? Muss ich euch erst einen schriftlichen Marschbefehl vorlegen? Oder soll ich euch am Händchen nehmen und wie eine Horde Kindergartenkinder zum Hafen führen?“, höhnte er.
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„Marsch! Bewegt endlich eure verdammten Ärsche!“



Nachdem sie im Café Parisien geluncht hatten – eher gesagt, ein paar Bissen gekostet hatten – verbrachten Mara und Jean die ganze Zeit auf dem Promenadendeck. Sie lehnten sich gegen die weiße Bordwand, blickten hinunter und beobachteten, wie die Tenderboote zum Schiff und wieder zurück zum Hafen von Queenstown pendelten. Die Meereswellen rauschten und Möwen kreisten kreischend um die Titanic.

Interessiert schauten sie zu, wie das massenweise Postgut verschifft wurde. Als das letzte Tenderboot schließlich die letzten Passagiere beförderte und diese nacheinander durch eine geöffnete Luke in das Schiff stiegen, starrte Mara zuerst völlig erstaunt hinunter. Dann rüttelte sie aufgebracht an Jeans Jacke. Mit ihrem markanten französischen Akzent rief sie völlig außer sich: „Jean, sieh nur … Mon Dieu (Mein Gott), das gibt’s doch nicht. Siehst du die Kerl dort unten, mit die verbundene Hand? Ist das nicht die Rüpel aus Southampton, die mich gestern am Hafen angerempelt hatte, bis ich gestürzt bin?“

Jean aktivierte die Zoomfunktion seiner Nickelbrille und betrachtete das Gesicht des Mannes, der mit einem grauen Herrenanzug gekleidet war, eine Schirmmütze trug und dessen rechte Hand mit einer Mullbinde verbunden war. Jetzt war auch er erstaunt.

„Du hast recht, Chérie. Das ist in der Tat derselbe Kerl, der uns gestern Morgen im South Western Hotel auf dem Flur begegnet ist. Merkwürdig. Wie ist es ihm bloß gelungen, vor uns Irland zu erreichen? Und wenn er jetzt von Queenstown aus zusteigt, weshalb ist er nicht gleich in Southampton an Bord gegangen?“

„Das frage ich mich gerade auch“, erwiderte Mara verwundert.

„Vielleicht ist er mit einem Flugzeug geflogen“, meinte Jean, doch Mara schüttelte den Kopf.

„Non, niemals! Diese Möglichkeit können wir getrost ausschließen, denn die Luftfahrt befindet sich zurzeit noch in den Kinderschuhen. Erst vor drei Jahren hatte der Franzose Louis Blériot mit einem selbstgebauten Eindecker Propellerflugzeug es geschafft, den Ärmelkanal zu überfliegen. Das war damals ein großes Medienereignis gewesen, ähnlich wie die Abfahrt der Titanic aus Southampton.
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Also, wenn heutzutage jemand in eine Propellermaschine steigt und damit einen Flugversuch wagt, dann erfährt es sogleich die ganze Welt. Außerdem existiert bislang noch kein Flugverkehr für Passagiere“, erklärte Mara aufgebracht.

„Dann muss dieser Herr mit einem anderen Schiff nach Irland gereist sein, noch bevor die Titanic ausgelaufen ist, und wir hatten es gar nicht mitbekommen. Schließlich ist die Titanic, aufgrund des Vorfalls gestern Mittag, eine Stunde verspätet ausgelaufen.“

Wieder schüttelte Mara mit dem Kopf.

„Non. Diese Möglichkeit können wir ebenso ausschließen. Es gab aufgrund des Kohlestreiks kein anderes Schiff, das nach Irland gefahren ist. Ausschließlich die Titanic.“

Minutenlang beobachteten Jean und Mara wortlos, wie die Passagiere vom Tenderboot in das Mittelschiff einstiegen. Insbesondre beobachteten sie dabei Ike, der sichtlich einen missmutigen Eindruck hinterließ.

„Dann ergibt es sich eigentlich nur noch drei logische Möglichkeiten, die Erscheinung dieses Mannes zu erklären“, sagte Jean auf französisch. „Entweder ist dieser Typ ein Zwillingsbruder oder ein Doppelgänger, der ihm unglaublich ähnelt. Sieh dir nur seine Hand an, gestern Mittag war sie bei dem anderen Kerl aber nicht verbunden.“

„Die Verband ist irrelevant. Eine Verletzung kann man sich jederzeit einhandeln. Aber wie lautet deine dritte Vermutung?“, fragte sie gespannt.

Jean seufzte.

„Dass er sich mit einem Transmitter hierher teleportiert hat. Dann ist er allerdings kein Akteur, sondern wie wir … Ein Zeitreisender.“

Daraufhin blickte Mara ihn empört an.

„Das wäre unerhört, das wäre ja Betrug! Die Time Travel Agentur hat uns versichert, dass wir die ersten und einzige Zeitreisende auf der Titanic sind! Dafür haben wir unsere Existenz aufs Spiel gesetzt und unsere Ersparnisse aufgebraucht!“

„Beruhige dich, Chérie. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die TTA uns wissentlich betrügt. Die daraus folgenden Konventionalstrafen würde unsere Regierung niemals riskieren. Falls dieser Typ tatsächlich ein Zeitreisender ist, dann kann es sich eigentlich nur um diesen mysteriösen Geheimagenten Ike van Broek handeln, der uns beharrlich aufsuchen wird, um an seinen Zahlencode in deiner ID zu gelangen, den Leutnant Kalbach vom Police Department Neu Cologne einprogrammiert hat.
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„Na gut, dann gehen wir jetzt runter und suchen ihn. Soll er doch seinen blöden Code erhalten. Ich will diese unangenehme Angelegenheit endlich hinter mich bringen“, schlug Mara vor.

„Das halte ich für keine gute Idee. Die Möglichkeit, dass er trotz alledem ein Akteur ist, dürfen wir keineswegs außer Acht lassen. Morgen Abend werden wir uns im Rauchersaloon aufhalten, so wie es Lieutenant Nicole Kalbach uns aufgetragen hat, dann werden wir Gewissheit haben. Wir müssen behutsam vorgehen und bloß nichts überstürzen, Chérie. Schließlich sind wir kein gewöhnliches Ehepaar auf einer Kreuzfahrt, sondern Zeitreisende. Es ist also klüger, wenn wir abwarten. Lassen wir alles bedingungslos auf uns zukommen. So etwas nannten damals die Akteure wohl Vorherbestimmung – oder eher … Schicksal.“



Die Einstiegsluke des Mittelschiffs der Titanic war weit geöffnet. Vier Matrosen zogen das Tenderboot mit Seilen zum Schiffsrumpf nahe heran, ließen eine Falltreppe hinunter und halfen den Passagieren hinein. Die See an der Küste war zwar ruhig, dennoch schwappte das Meerwasser kräftig gegen das Tenderboot und ließ es leicht schwanken.

Ike stand mittig auf dem Boot, umgeben von Auswanderern und Familien mit ihren Kindern, hielt seinen Koffer in der Hand und sah am schwarzen Schiffsrumpf blinzelnd hoch hinauf. Er erblickte ungefähr dreißig Meter höher unzählige Menschen, die vom Promenadendeck hinunterschauten und freudig winkten. Mit gemischten Gefühlen bestieg er die Titanic, dieses Schiff drei Jahre lang beinahe täglich sein Arbeitsplatz gewesen war. Ein Schiffsoffizier kontrollierte an der Einstiegsluke die Tickets der Passagiere und erklärte ihnen zackig, welcher Gang zu ihrem Deck führte. Bei Ausländern, die kein Wort Englisch verstanden, sprach der Offizier deutlich lauter, langsamer und gestikulierte dabei mit seinen Händen, dass sich am Ende des Korridors ein Wegweiser befinden würde. Allerdings waren alle Beschilderungen ebenso ausschließlich in englischer Sprache beschriftet worden.

„Sir, sprechen Sie meine Sprache? Können Sie mich verstehen?“, fragte der Schiffsoffizier laut, als wäre Ike schwerhörig und nachdem er nur nickte, redete der Offizier zwar hektisch weiter, aber dafür mit normaler Lautstärke.

„Alles klar, Mister. Sie haben ein Ticket für die Zweite Klasse.
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Ihre Kabine befindet sich achtern des Schiffes, also hinten im Heck auf dem D-Deck. Gehen Sie bitte den Gang entlang bis zum Treppenhaus, dann müssen Sie …“

„Danke Sir, ich kenne mich hier bestens aus“, schnitt Ike ihm das Wort ab, schnappte sich ruppig sein Ticket aus dessen Hand und ging einfach an ihm vorbei. Der Schiffsoffizier blickte ihm verwundert hinterher, schüttelte mit dem Kopf und murmelte: „Was für ein arroganter Fatzke. Der glaubt ernsthaft, dass er sich auf der Titanic auskennt. Dieser Narr wird sich gnadenlos auf dem Schiff verirren, was ihm recht geschieht.“



Nachdem Ike seine Kabine erreicht hatte, schloss er hinter sich ab, ließ seinen Koffer fallen und deaktivierte zuerst alle Mikrokameras im Raum, indem er einfach mit seinem Daumen fest darauf drückte und diese somit zerstörte. Dann nahm er seinen Verband ab und versorgte die Brandwunde an seiner Hand mit einer Salbe aus dem Medikit. Danach legte er sich erschöpft ins Bett, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und starrte zur Decke hinauf. Ike atmete erleichtert auf.

„Uff, das hätten wir schon mal geschafft. Sobald es dunkel wird, knöpf ich mir Murdoch vor und verlange meinen Beamer zurück. Aber wie erkläre ich ihm bloß, dass ich plötzlich auf der Titanic bin?“, murmelte er vor sich hin. „Ich hoffe nur, dass ich mich nicht getäuscht habe. Falls Murdoch den Beamer doch nicht besitzt, sieht’s echt übel für mich und Eloise aus.“

Wieder seufzte er, während er zur Decke starrte.

„Dann muss ich außerdem unbedingt dieses zeitreisende Ehepaar finden, die sich unter 2.200 Menschen an Bord befindet. Das wird die wahre Stecknadel im Heuhaufen werden. Hoffentlich hat Sergeant Nicki gute Arbeit geleistet und alles so vorbereitet, wie wir es besprochen hatten. Ansonsten wird meine Ankunft zum 30. September gleichzeitig mein Todestag werden.“



Ike griff hinter sich in seinen Hosenbund, holte seine EM23 heraus und betrachtete andächtig die silberne Schnellfeuerwaffe. Wenn alles scheitern sollte, würde er nicht einmal den Untergang abwarten, um zu sterben, sondern sich selbst richten. Er fühlte sich an Eloises tragischem Schicksal schuldig, zudem vermisste er sie ungemein, liebte sie mehr denn je, seitdem sie erschossen wurde. Außerdem würde man ihn in seiner Gegenwart sowieso mit Verbannung aus allen Citys bestrafen, dies würde für Ike bedeuten, dass er in einer völlig verseuchten und lebensfeindlichen Landschaft, allein nur mit einem Astronautenanzug bekleidet, irgendwie überleben müsste.
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Ike war dermaßen erschöpft, dass ihn nicht einmal das dreimal hintereinander laute Dröhnen des Signalhorns der Titanic aufschreckte, als das Schiff kurz vor 14.oo Uhr ablegte, Irland verließ und den Nordatlantik ansteuerte.



Unterdessen hatten sich Aaron und die anderen Handwerkerlehrlinge auf dem Achterdeck versammelt. Die Mittagssonne strahlte hell am wolkenlosen Himmel, und es wehte dabei ein Seewind. Sie lehnten sich gegen die Reling und spuckten um die Wette, wessen Speichel am weitesten fliegen würde und schauten dabei zu, wie sie sich allmählich von der „Grünen Insel“ entfernten.

Irland, goodbye.

Es dröhnten die Signalhörner der Titanic. Die Schiffsschrauben wirbelten das Meerwasser auf, sodass das Schiff einen meilenweiten, schäumenden Wasserschweif hinter sich herzog. Die englische Flagge am Fahnenmast des Achterdecks flatterte wild umher.

Nach einer Weile trotteten die Jungs wieder zurück, wobei sie ihre Späßchen miteinander trieben, indem sie sich gegenseitig ihre Schirmmützen vom Kopf stahlen und wie eine Frisbeescheibe über das riesige Achterdeck schleuderten. Schließlich wanderten sie fröhlich über das Poopdeck, hüpften übermütig über die festgeschraubten Sitzbänke und trällerten gemeinsam ein irisches Volkslied. Sie mussten sich in der Mannschaftsunterkunft bei ihren Gesellen melden, um neue Anweisungen zu erhalten. Nur Aaron blieb einsam an der Reling zurück, rauchte eine Zigarette und schaute seiner Heimat wehmütig hinterher, bis Irland nur noch als eine schwache Silhouette am Horizont zu erkennen war.

Aaron war fest entschlossen in New York auszusteigen, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Es belastete Aaron sehr, dass er seine geliebte Mutter in Europa vorerst zurücklassen musste. Schließlich hatte sein Lehrlingsgehalt immens dazu beigetragen, dass beide über die Runden kamen. Erst jetzt, als schon ein Tag vergangen war, nachdem er mit der Titanic von Southampton abgelegt hatte, wurde ihm bewusst, dass er sein Heimatland wohlmöglich nie wiedersehen würde. Und auch dass seine Mutter, die als Näherin in einer Fabrik in Belfast arbeitete und auf sein Lehrlingsgehalt angewiesen war, nun vorerst ganz allein auf sich gestellt war.
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Aaron blickte nachdenklich zurück, schnickte seine Zigarette hinunter in das schäumende Meerwasser und flitzte seinen Kammeraden hinterher.
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Kommentare zur Story:

  Spannend und sehr unterhaltsam geschrieben. Jede Person zeigt ihren Charakter und man bangt um Eloise. Wirklich ein toller Roman.  
   axel  -  05.07.26 23:23

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Kommentar von "Buchwurm" zu "PK Chat Story 2 - return to life - (1-22)"

Echt super krass gut!

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