Kurzgeschichten · Schauriges · Herbst/Halloween

Von:    Francis Dille      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 27. November 2022
Bei Webstories eingestellt: 27. November 2022
Anzahl gesehen: 908
Seiten: 16

Teil 2 – Der Henker von Eoforwic





Monate zuvor, nachdem König Osbert beerdigt wurde, war auch König Alfred der Große krankheitsbedingt gestorben. Jetzt herrschte sein ältester Sohn, König Eduard über Wessex. König Eduard war ebenfalls ein junger König, aber immerhin schon beinahe dreißig Jahre alt und somit in der Politik und vor allem auf dem Schlachtfeld ein erfahrener Feldherr, als der jugendliche König Æthelstan.

Um die Krone Englands zu erlangen war dem blutjungen König Æthelstan jedes Mittel recht, weil insbesondre sein Vater ihm seit seiner Kindheit eingetrichtert hatte, dass er Britannia von den gottlosen Heiden befreien und Alfreds Bastard, wie er ihn verachtend betitelte, unbedingt vernichten müsste.

Aufgrund dass König Alfred klug und entschieden vorgegangen und es ihm gelungen war, sich als königlicher Anführer mit Ostanglien, Essex, Kent und weiteren Königreiche gegen die Invasion der Nordmänner zu verbünden, galt König Eduard nun als der mächtigste König in Britannia. Mercia wurde nur noch von einflussreichen Aldermänner geführt und seitdem König Osbert tot war, tendierte dieses Land König Eduard ebenfalls die Treue zu schwören, um gemeinsam die Wikinger zu vertreiben, weil sie ihrem neuen König Æthelstan nicht zutrauten, dass er zwei Königreiche zugleich regieren könnte. Aber um Northumbria zu überzeugen, nur als ein vereintes Königreich gemeinsam die Nordmänner besiegen zu können, dem war sich König Eduard bewusst, musste militärisch vorgegangen und der jugendliche König Æthelstan gestürzt oder besser noch, beseitigt werden. Eine diplomatische Lösung war nicht abzusehen, weil Northumbria bereits Allianzen mit den Dänen geschlossen hatte, mit der entschlossenen Absicht, das mächtige Königreich Wessex mitsamt seinen Verbündeten zu unterwerfen.

Die Armee von Northumbria war allerdings beachtlich geworden und jedes Jahr im Frühling, wenn die Meeresströmung günstig war, konnte man an der Küste von Lindesfarne unzählige Wikingerschiffe, die auch Drachenschiffe genannt wurden, schemenhaft im Nebel entdecken, die nun widerstandslos in Britannia einmarschierten, weil sie noch zu König Osberts Lebzeiten stets willkommen empfangen wurden, ihnen Land versprochen und daraufhin in seine Armee eingegliedert wurden.
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Verrat und Intrigen erschwerten den Kampf um die Krone Englands auf allen Seiten; die Nordmänner bekämpften sich oftmals auch gegenseitig, sowie unzählige Schlachten gegen Northumbria und Wessex mitsamt seinen Verbündeten geführt wurden.

Es herrschten jahrzehntelang chaotische Zustände in Britannia. Gräueltaten wurden von beiden Parteien ausgeführt. Wenn Krieg herrschte galten keine Regeln, letztendlich gehörte dem Sieger ein Königreich. Entweder wurden angelsächsische Dörfer und Städte von den Nordmännern überfallen und ausgelöscht, oder die Angelsachsen überrannten dänische Siedlungen und vernichteten sie aus Vergeltung, obwohl von verschiedenen Könige eine Vereinbarung getroffen wurde, dass friedliche nordische Auswanderer sich in Britannia niederlassen durften, ihnen sogar vertraglich eigenes Land überlassen und ihnen Schutz zugesichert wurde. Land wurde den Nordmännern selbstverständlich nur zugesichert, um weitere Attacken gegen heimische Städte zu verhindern. Aber die nordischen Krieger kannten nur Rache, Rache die ihre Götter von ihnen abverlangten. Und somit war ein Frieden nicht abzusehen. Nicht in zehn, zwanzig oder etwa in dreißig, vierzig Jahren. Bis ein wirklicher Frieden und Zivilisation im vereinten Königreich England gesichert wäre, würden noch einige hunderte von Jahren vergehen.

Die Kriegsgebiete in Britannia waren von unzähligen verstümmelten Menschenleichen und Pferdekadavern übersät, deren Augen und Leiber von Krähen, die krächzend über die Schlachtfelder flogen, ausgepickt wurden. Dies war eine glorreiche Zeit für alle Wölfe, Geier, Krähen und anderweitige Aasfresser, denn sie mussten niemals hungern, im Gegensatz zu den Menschen in Britannia. Die Kriegerleichen vermoderten zu abertausende auf hügligen Wiesen oder wurden in Massengräbern verscharrt, während Plünderer, Soldaten, Angehörige und Bauern die Habseligkeiten ihrer Verwandten und Freunden trauernd einsammelten. Schwerte, Lanzen, Kettenhemde und Blechhelme lagen verstreut im Gras; zertrümmerte Holzschilder lagen massenweise herum und überall verdunkelten Krähen kreischend den Himmel, wie eine biblische Heuschreckenplage.
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Und den verwesten Tod konnte man in dieser idyllischen, grasigen Waldgegend überall riechen und sehen. Ein seichter Nebel schwebte über alle Schlachtfelder, dies der Atem all der unzähligen Toten war, als sie noch Stunden zuvor eisern gekämpft hatten. Einen wirklichen Frieden akzeptierte König Eduard nur, wenn sich die Nordmänner endgültig zurückziehen und ihre überschriebenen Länder dem England wieder anstandslos übergeben würden. Andernfalls würde das Schwert Gottes die gottlosen Heiden und das teuflische Northumbria bis auf den Letzten vernichten, hatte König Eduard mit geballter Faust zornig verlauten lassen.



Es war Mitternacht. Das seichte Vollmondlicht schien in das Schlafgemach von Lady Æthelflaed hinein. Die verwitwete Königin war kurz davor einzuschlafen, als sie plötzlich Schritte hörte, aufschrak und senkrecht im Bett hockte. In einer Zeit des Krieges konnte man sich niemals sicher fühlen und konnte nie wirklich ruhig schlafen, egal ob man nur ein einfacher Bauer, ein Soldat und erst recht nicht wenn man ein Herrscher oder Herrscherin war. In der Türschwelle sah Lady Æthelflaed einen Schatten von einer Person, die langsam auf sie zuging.

„Wer ist da? Æthelstan, bist du das etwa?“ Sie atmete beruhigt auf, als sie im Mondschein einen schmächtigen Lockenkopf erkannte, der regungslos vor ihrem Bett stand.

„Æthelstan, sprich. Weshalb schleichst du dich heran und schläfst noch nicht?“, fragte sie streng aber war erleichtert darüber, dass es nur ihr Sohn war, der sich in ihr Schlafgemach reingeschlichen hatte.

„Ich … Ich war unten bei dem Mann im Verlies. Mutter, sprich, weshalb wurde er überhaupt eingesperrt? Sag es mir, gleich wenn mein Vater es dir verboten hatte!“

Lady Æthelflaed ließ sich zurück in das Bett fallen, legte sich seitlich hin und seufzte.

„Du und dein Mann im Verlies …“, antwortete sie genervt. „Darüber kann ich dir nichts sagen, mein Sohn. Dein Vater hatte mit ihm einen komplizierten Zwist gehabt, so wie ich es aufgefasst hatte. Ich war damals noch ein junges Ding gewesen und dein Vater hatte es niemals für nötig gehalten, mich aufzuklären. I-ich weiß es also nicht, es ist ohnehin schon zu lange her, als dass ich mich daran erinnern könnte“, stammelte sie leicht aufgebracht.
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„ Also belasse es dabei ... mein Lord König. Ich werde diese Angelegenheit ein für alle Mal beenden und den Häftling in deinem Namen die Freiheit schenken. Es ist Gottes Wille, dass du deinem Volk zeigst, wie gnädig du bist! Er ist keine Bedrohung für Northumbria sowie für dich und er hat genug gebüßt. Wir müssen uns vielmehr auf König Eduard konzentrieren. ER ist die wahre Bedrohung für dich und für die Krone Englands, die nur dir zusteht!“

„Ich bin der König und nur ich entscheide!“, fauchte der Jugendliche seine Mutter wie ein zorniges Kind an.

Lady Æthelflaed richtete sich auf, lächelte Æthelstan an und streichelte über seine Wange.

„Erst wenn die Zeit gekommen ist und ich erkenne, dass du ein wahrer König geworden bist, erst dann mögest du alleinig herrschen und entscheiden. Aber bis dahin bin ich die Herrscherin, die Königin von Northumbria und Mercia, und vor alledem deine Mutter, die in deinem Namen gerecht regieren und urteilen wird. Dies ist sogar die Entscheidung des Rates der Aldermänner. So wird es geschehen, weil der Herrgott es von mir sowie auch von dir abverlangt … Æthelstan“, antwortete sie sanftmütig und lächelte dabei. „Und nun geh auch du zu Bett, mein Sohn. Gute Nacht“, sprach die Königin beruhigend, legte sich wieder seitlich hin und schloss ihre Augen.

Der fünfzehnjährige Æthelstan, ihr einziger Sohn, den sie immerzu geliebt und ihn zu einem Monarch erzogen hatte, schaute bedrückt zu Boden und nickte nachgiebig. Zärtlich streichelte er über ihre langes Haar. Doch plötzlich blickte er seine Mutter unheilvoll an und Tränen rannen über seine Wangen, während seine Stimme zitterte.

„Du-du lügst mich doch nur an. Ist es nicht so, Mutter? Es ist bedauerlich, dass du mir die Wahrheit über den Mann im Verlies nicht offenbaren willst. Ich liebe dich, Mutter, und werde es immer tun. Aber ich liebe meinen Kanarienvogel im Käfig mehr als dich und darf es nicht zulassen, dass du ihn fortfliegen lässt. Gnade zeigen nur schwache Könige, waren Vaters letzte Worte, die er mir ins Ohr geflüstert hatte. Und er hatte mir vorhergesagt, dass du eines Tages den Mann im Verlies die Freiheit schenken würdest.
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Dann würde ich allerdings niemals König von England werden, meinte er. Was sagst du dazu? Erkläre dich. Ich erbitte dich darum … Nein, ich verlange es sogar von dir!“

Æthtelstan wischte sich schluchzend die Tränen aus dem Gesicht, küsste auf ihre Stirn und richtete ihre Bettdecke. Lächelnd streichelte er erneut über ihr Haar, doch Lady Æthelflaed reagierte nicht auf seine Zuneigung und tat so, als wäre sie eingeschlafen. Æthelstan nickte stetig und schaute seine Mutter mit wässrigen Augen an.

„Du magst mir also keine Rechenschaft geben. Ich verstehe“, flüsterte er in ihr Ohr. „Der König von England darf niemals ein schwacher König sein. Also muss ich dich jetzt leider … töten.“

Die Mutterkönigin öffnete erschrocken ihre Augen, doch es war zu spät noch irgendwie zu handeln. Der jugendliche Æthelstan stieg blitzschnell auf seine Mutter, schnappte sich ein Kopfkissen und drückte es mit aller Kraft auf ihr Gesicht. Lady Æthelflaed versuchte zu schreien, Zappelte mit den Beinen und schlug mit ihren Fäusten auf ihren Sohn ein, doch der Jugendliche war überlegen, weil er auf ihr hockte und nun ihre Arme und Beine verbissen fixierte.

Ein gnadenloser Überlebungskampf begann.

Keuchend, mit zornverzerrtem Gesicht, drückte Æthelstan mit aller Kraft das Kopfkissen beharrlich auf seine Mutter ein, die verzweifelt versuchte, ihre Arme zu befreien um ihn blutig zu kratzen. Aber die gedämpften Hilfeschreie verstummten nach minutenlangem Todeskampf, sowie auch ihre Faustschläge langsam erschlafften, bis sie letztendlich qualvoll erstickte.

Æthelstan legte seinen Kopf auf die Brust seiner toten Mutter, die mit weit geöffnetem Blick leblos vor sich hin starrte, und weinte bitterlich.



Nun war König Æthelstan der alleinige Herrscher von Northumbria und Mercia, zudem war der Jugendlich nun befugt, eine überlegene Armee und tausende gefährliche Wikingerkrieger zu befehligen, die wiederum über eine beachtliche Schiffsflotte verfügten.

Als die Mutterkönigin am nächsten Morgen von ihren Hofdamen leblos im Bett vorgefunden wurde, sah es so aus, dass Lady Æthelflaed einfach eingeschlafen und nicht mehr erwacht war. Alle Hinweise, die auf einen Kampf hingewiesen hätten, hatte Æthelstan noch in derselben Nacht gründlich beseitigt.
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Selbst ihre Leibärzte bestätigten, dass die Mutterkönigin eines natürlichen Todes gestorben war und der Herrgott sie frühzeitig zu sich gerufen hatte. Es wurde keinerlei Zweifel gehegt, dass die Königin eventuell ermordet wurde, weil sie selbst in den feindlichen Königreichen beliebt war. Der Gedanke, dass ihr eigener Sohn sie hätte umgebracht war absurd; jedermann hatte getuschelt, dass Æthelstan ein Muttersöhnchen war und sie aufrichtig geliebt hatte und er sie unbedingt brauchte, weil man dem Bengel nicht zutraute, als König alleine zu herrschen.

Lady Æthelflaed war nicht nur in Northumbria beliebt gewesen und hatte keine persönlichen Feinde gehabt. Selbst König Eduard hatte sie geschätzt und nach König Osberts Tod sogar Hoffnung geschöpft, dass es vielleicht unter ihrer Regierung eine friedliche Vereinbarung zwischen beiden Königreichen geben könnte und sie letztendlich einsehen würde, dass nur Eduard König von England sein müsste, weil dies Gottes Wille wäre.



Immer wieder wurden neue Gefangene in den Kerker der Königsburg York gesperrt. Der Mann im Verlies wusste längst nicht mehr, wie die Welt hinter dem Gefängnisturm aussah, aber die Häftlinge vergötterten und ehrten ihn, weil er ihnen stets Mut zusprach, ihre Hinrichtung furchtlos und mit Würde entgegenzutreten. All die Todeskandidaten, die auf dem Marktplatz von Eoforwic zu ihrem Schafott geführt wurden, widmeten ihre letzten Worte dem Mann im Verlies und dankten ihm, weil er sie auf ihren schweren Pfad zum Tod begleitet und sie ermutigt hatte, furchtlos ihrem Schicksal zu begegnen. Die Totgeweihten ließen sich alle anstandslos köpfen, hängen oder auch auf dem Scheiterhaufen verbrennen, wobei immer ein gewisses Lächeln in ihren Gesichtern zu erkennen war. Das schätzten die Bewohner von Eoforwic, weil ein jammernder Verurteilter in ihrem Sinn ein Feigling war, dessen Gottes Gnade nicht verdient hätte, weil dieser seine Sünden nicht eingestehen wollte.

Das Volk jubelte und klatschte Beifall; Väter hoben ihre Kinder auf ihre Schultern, damit sie genau sehen konnten, wie Mörder, Vergewaltiger, Plünderer, Diebe und Heiden geköpft, gehenkt, gevierteilt oder sonst irgendwie hingerichtet wurden.
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Alle jubelten, sie klatschten in ihre Hände und lobpreisten den Mann im Verlies, weil er ein guter Mann war, weil er allen Verbrechern Mut zu sprach, würdig zu sterben. Und sie verherrlichten alle ihren König, König Æthelstan, weil er sie immerzu unterhielt.

Es war einfach eine viel zu lange Zeit vergangen, als dass irgendjemand die Herkunft oder das Verbrechen des Mannes im Verlies bestimmen konnte. Die Bewohner von Eoforwic sowie auch das gesamte Volk von Northumbria hatten sich längst daran gewöhnt, dass der Mann im Verlies in der Königsburg für immer eingesperrt und dort bis zu seinem Lebensende verharren müsste. Er wurde längst nur der Mann im Verlies genannt, weil niemand, selbst nach über dreißig Jahren nicht erfahren hatte, wie eigentlich sein Name lautete und woher er stammte oder was er verbrochen hatte. Doch einige alte Männer und Frauen tuschelten untereinander und vermuteten, weshalb der Mann im Verlies sein Leben im Kerker verbringen müsste. Doch dieses Gerücht zu verbreiten damit jeder die Wahrheit erführe war zu brisant, denn niemand wollte ebenfalls solch ein grausames Schicksal erleben.



König Æthelstan war mittlerweile fünfundvierzig Jahre alt und hatte damals, als er noch ein Jugendlicher war, alle Aldermänner von Northumbria und Mercia des Verrates angeklagt und sie hinrichten lassen. Somit hatte Æthelstan alle möglichen Gegenspieler und Befürworter seiner Mutter beseitigt und überdies ein Bündnis mit dem verhassten König Eduard vereitelt. König Æthelstan hatte weitere Allianzen mit den Nordmännern gebildet und den Wikingerkönig Sitrigger zu seinem persönlichen Berater ernannt. In ganz Northumbria und insbesondre in der Hauptstadt Eoforwic lebten Heiden und Christen nun friedlich miteinander, die gemeinsam gegen König Eduard und allen feindlichen Nordmännern zu kämpfen bereit waren. Dies alles hatte König Æthelstan bewirkt, woraufhin er hauptsächlich von den nordischen Warlords geachtet wurde und sie ihm seine Treue geschworen hatten. Æthelstan hatte sich daraufhin mit dem mächtigen Wikingeranführer Sitrigger angefreundet, der später als der Henker von Eoforwic bekannt wurde.

Sitrigger war Anfang Dreißig, ein berühmter sowie angesehener Anführer eines beachtlichen, dänischen Heeres.
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Weil er in seiner Heimat der Sohn eines mächtigen Sehers war, verehrten die Wikinger ihn und schauten ihn hochachtungsvoll an. Zudem verfügte er über achthundert Kriegsschiffe und überdies hatte er die Kenntnisse eines Sehers erlernt. Aber Sitrigger war ein moderner Mann, der nicht wie alle anderen Wikingeranführer vor ihm, die Britannia erfolgreich besetzt hatten und längst nicht mehr lebten, sich an die veralteten, heiligen Rituale und Ideale seines eigenen Landes festhielt. Sitrigger hatte sich sogar taufen gelassen und war nun offiziell ein Christ, dies eine Bedingung von König Æthelstan gewesen war, damit weiteren Nordleuten britannisches Land zugesichert bekamen.

Der Wikingerkönig, der jetzt zwar offiziell ein Christ war aber insgeheim in seinem Herzen immerzu an Odin, Thor und all seinen anderen heidnischen Göttern weiterhin glaubte, verfügte über die Künste eines Sehers. Doch um ein wahrer Seher zu sein, dies ohnehin nach dem heidnischen Glauben ausschließlich von Odin persönlich auserwählte Menschen waren, hätte er sich freiwillig seine Augen entweder zunähen, zerschneiden oder mit einer glühenden Sichel verbrennen lassen müssen. Ein wahrer Seher musste in der realen Welt nämlich blind sein, um die Stimmen der Götter aus dem Jenseits zu hören, sowie ihre Visionen aus der Finsternis zu „sehen“.

Aber Sitrigger gehörte einer neuen Generation an und glaubte, dass er seine Götter gegen den Christengott ausspielen konnte, dass er mit seinen heidnischen Fähigkeiten die leichtgläubigen Angelsachsen einschüchtern und Angst verbreiten könnte. Eines Tages könnte er sogar Æthelstan von seinem Thron stoßen und die wichtige, uneinnehmbare Königsburg York gefahrenlos erobern und selber König von Northumbria zu werden, denn die Angst war schon immer eine wirkungsvolle Waffe gewesen. Schließlich glaubte Sitrigger im Größenwahn, dass er irgendwann König von ganz Britannia werden würde. Nur König von England zu werden, war für ihn nicht reizvoll genug, sondern vielmehr, dass er zudem König Konstantin von Schottland unterwerfen würde. Erst dann wäre Britannia unter seiner eigenen Flagge, meinte Sitrigger. Unter der Flagge der Dänen.
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Der Mann im Verlies, obwohl ihn niemand je gesehen hatte und niemand wusste, wie er heißt und woher er stammte sowie sein Verbrechen überhaupt war, war längst eine Berühmtheit. Doch irgendwann empfanden die Leute die Hinrichtungen auf dem Marktplatz von Eoforwic langweilig. Sie buhten sogar die Hofnarren aus, die stets vor jeder Hinrichtung das Volk mit ihrem Schabernack vorab für Stimmung sorgten. Die Leute empörten sich, bewarfen die Henker mit verfaultem Obst und meinten, dass selbst die Späße der Hofnarren grausamer wären, als die eigentliche Hinrichtung. Es missfiel dem Volk nämlich mittlerweile, dass die Verurteilten mit einem zufriedenen Lächeln sich foltern und danach anstandslos ihren Kopf abschlagen ließen. Schließlich hatte der Mann im Verlies ihnen alle ihre Sünden vergeben und sie glaubten, dass sie trotz ihres Verbrechens in das Königreich Gottes gelangen würden. Die Hinrichtungen in Eoforwic waren uninteressant geworden, weil man doch eher das Schaudern und die Angst in den Augen der Verbrecher sehen wollte, um eine Genugtuung zu verspüren.

König Æthelstan hatte den Mann im Verlies, seitdem er damals seine eigene Mutter eigenhändig ermordet hatte, nie wieder besucht. Genauso wie es sein Vater getan hatte, hatte er ihn niemals angehört und es interessiert ihn auch nicht mehr. Vielmehr empfand Æthelstan nun abgrundtiefen Hass gegen ihn, weil der König seine eigene Mutter ermordet hatte, diese schwerliegende Schuld er dem Mann im Verlies anlastete.



Eines Tages wurde ein Häftling in das Verlies eingesperrt, der des Mordes bezichtigt wurde und nicht mehr zu bändigen war, weil ihm die pure Angst in seinen Augen geschrieben stand. Selbst die tröstenden Worte des Mannes im Verlies konnten ihn nicht zähmen; er schlug wild um sich und drohte dem mittlerweile alten Mann, dass er ihm die Zähne ausschlagen würde, damit er nichts mehr kauen könnte.

„Lass mich in Ruhe, du alter Kauz. Was nützt mir Jesus Christus und das Geschwafel der Bibel, wenn man mir morgen Mittag das Herz herausschneiden wird?!“, brüllte der Verurteilte ihn an.

Der Mann hockte nur noch täglich in der Mitte seines Verlieses im Schneidersitz, betete nicht mehr sondern meditierte, wobei er seine Arme ausbreitete und mit geschlossenen Augen hoch hinauf zum runden, eisernen Gitter schaute.
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Jeder weitere Häftling, der zum Mann im Verlies eingesperrt wurde, hatte sich genauso hysterisch verhalten. Sie alle hatten ihm berichtet, dass sie zwar zum Tode verurteilt wurden, aber nicht gehenkt oder geköpft werden sollten, diesen Tod sie akzeptieren würden. Ihnen sollte wahrhaftig das Herz beim lebendigen Leib herausgeschnitten werden. Diese Hinrichtung wäre zu grausam und hätte nicht einmal der schlimmste Verbrecher, selbst ein Nordmann hätte solch einen grausamen und qualvollen Tod niemals verdient. Denn es hieß, wenn man jemanden das Herz beim lebendigen Leib herausschneiden würde, dass derjenige seinen eigenen Tod noch für unbestimmte Zeit real erleben würde. Es wurde gemunkelt, dass man sogar noch bewusst erleben würde wie es ist, begraben zu werden. Man würde praktisch als ein Untoter durch das Jenseits wandern und niemals seine Ruhe finden, für immer und ewig. Weder der Herrgott und nicht einmal die Toren der Finsternis würden die Geschöpfe ohne Herzen aufnehmen, weil die Herzlosen geächtete Geschöpfe wären, die zur ewigen Verdammnis im Nirgendwo verurteilt wurden.

Des Königs Æthelstan neuer Berater Sitrigger versicherte ihm, dass er die geheimnisvolle Kunst dieser grausamen Hinrichtung beherrschen und stets persönlich ausführen würde. Sitrigger behauptete, dass die Nordmänner sich vor solch einer Hinrichtung besonders fürchten würden, weil Odin niemals einen Herzlosen in Valhalla dulden würde, selbst wenn er der mutigste Krieger gewesen war. Insofern sich dieser nicht freiwillig dazu opfern würde. Denn ein Krieger ohne Herz wäre würdelos, so verlauteten es die Seher, weil sie im Jenseits bereit wären, Verrat zu üben. Verrat an ihre Götter.

„Alle Christen werden diese Hinrichtung fürchten, genauso wie meine Landsleute“, sprach Sitrigger verheißungsvoll. „Denn euer Gott und auch Odin werden die Herzlosigkeit dieser Bastarde sofort erkennen und sie verstoßen, Lord König“, grinste er.

König Æthelstan schlug die Hände hinter seinen Rücken, wanderte im Thronsaal langsam umher und nickte stetig. Mit dieser neuartigen Hinrichtungsmethode, die auf heidnische Rituale zurückführte, könnte er durchaus mehr Respekt von seinen Feinden ernten und überdies die Gunst seines Volkes wieder gewinnen.
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Æthelstan lächelte zufrieden.

Sitrigger war ein junger, gutaussehender Mann, hatte lange Haare und einen gepflegten Bart, dies für ein Nordmann untypisch war und er eher wie ein angelsächsischer Aldermann wirkte. Aber er trug stets eine schwarze Lederkluft mit einem Kettenhemd überzogen, sodass er kriegerisch aussah. Er war der Henker von Eoforwic.

„Einverstanden, Sitrigger. Ich werde dich mit Land und Reichtum belohnen, wenn deine Fähigkeiten überzeugen und das Volk mich wieder achtet. Doch darfst du nicht vergessen, dass jetzt auch du ein Christ bist. Der HERR wird vielleicht auch dich als herzlos ansehen und dich vielleicht in die Hölle schicken, sobald du stirbst. Das solltest du bedenken. Du siehst, dass ich ehrlich zu dir bin.“

Sitrigger grinste.

„Ich fürchte mich nicht vor dieser sogenannten Hölle, sondern eher davor, dass du dein Versprechen nicht einhältst, mich reich zu belohnen, Lord König.“

Æthelstan hob seine Hände und beteuerte seine Unschuld.

„Sorge dich nicht, mein Freund. Meine Worte sind das Gesetz. Mich dagegen wird unser Herrgott jedoch verschonen, weil ich diese Taten nicht ausführen werde. Allein nur du, solltest du wissen! Walte deines Amtes und reiße jedem herzlosen Verbrecher sein Herz heraus!“

Sitrigger lächelte verschmitzt und verneigte sich vor dem König. Er war zwar offiziell getauft worden, aber insgeheim verehrte Sitrigger seine Götter und glaubte, dass Odin stolz war und auf ihn wohlwollend herabsah, ihm die Tore nach Valhalla geöffnet wären, weil er die Christen mit seiner Hinrichtungsmethode ins Verderben führen würde.

Diese neue Hinrichtungsmethode war ein regelrechter Erfolg für König Æthelstan. Selbst die Menschen aus anderen, verfeindeten Königreichen pilgerten massenweise nach Eoforwic, um mitanzusehen, wie einem Schwerverbrecher beim lebendigen Leib das Herz herausgeschnitten wurde. Dem Mann im Verlies war es seitdem nicht mehr gelungen, die inhaftierten Todgeweihten zu beruhigen, damit sie sich mit erhobenem Haupt vor dem Herrgott rechtfertigen konnten. Schließlich glaubte man, dass selbst der Teufel einen Herzlosen ächten und man als Untoter endlos und einsam durch das Jenseits wandeln würde.
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Diese Qual wäre vergleichbar, als würde man für immer in ein Kerker eingesperrt werden.



Eines Tages wurde wiedermal ein Häftling in das Verlies gesperrt. Er war ein großer, kahlköpfiger Mann mit einem Walrossbart, der offensichtlich ein Nordmann war. Er hatte sich widerstandslos verhaften und einsperren lassen. Dies war sehr ungewöhnlich, denn dieser Kerl wurde zum Tode verurteilt und weil er ein Nordmann war, sollte er vom Henker von Eoforwic persönlich hingerichtet werden. Was dies bedeutete, war dem Nordmann klar.

Das Gittertor wurde verschloss, der eiserne Schlüsselbund rasselte.

Der alte verwahrloste Mann hockte im Schneidersitz auf dem Boden und strich sich seine langen, ergrauten Haaren aus dem Gesicht, damit er ihn im düstern Fackellicht besser sehen konnte.

„Ich habe Hunger. Gibt es hier irgendwas zum Fressen?!“, fauchte der Kahlköpfige in sofort an.

Der alte Mann lächelte kurz.

„Dort bei den Gitterstäben liegt ein Stück Brot und eine Kelle voll Wasser. Es ist eigentlich meine Abendmahlzeit, aber ich teile gerne mit dir. Bediene dich.“

Der Kahlköpfige ging in die Hocke und schaute ihm grimmig ins Gesicht.

„Du bietest mir an, deine einzige Mahlzeit mit mir zu teilen? Bist du noch bei Trost?“, fragte der kräftige Häftling. „Ich nehme mir alles, alter Mann. Nicht einmal einen Krümel und einen Tropfen Wasser werde ich für dich übrig lassen. Was sagst du dazu?“ Der Kahlköpfige schlug seine Faust in seine Hand, sodass es kräftig klatschte.

Der alte Mann lächelte.

„Nun gut. Wenn du nicht bereit bist, meine Mahlzeit mit mir zu teilen, werde ich dir alles überlassen. Lass es dir schmecken.“

Der Kahlköpfige stutzte.

„Moment, du bist doch derjenige, den sie alle der Mann im Verlies nennen. Nur der Mann im Verlies ist so gütig, dass er selbst dem miesesten Wiesel Trost spendet. Sogar meinen Landsleuten, die eure Todesfeinde sind, hattest du in ihren letzten Stunden beigestanden. Somit konnten sie mit Würde sterben aber weil man ihnen ihr Herz raubte, irren sie nun einsam in der Geisterwelt umher und müssen sich gegen Dämonen behaupten. Ich habe mich deswegen bewusst schnappen lassen, weil ich der Retter aller Herzlosen sein werde.
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Möge Thor mir beistehen …“

Der Kahlköpfige hockte sich neben ihn, sein Atem drang sichtbar aus seinem Mund. Er sah bedrohlich aus, er war muskelbepackt und sogar im Gesicht tätowiert. Es wäre für ihn mühelos gewesen, diesen uralten wehrlosen Mann zu packen und ihn mit bloßen Händen zu erwürgen, nur um dem Volk von Eoforwic ihre Berühmtheit, ihre Freude und Spaß zu nehmen, dieses Volk sich an seinem undenkbar langen Leiden ergötzte. Doch dieser harte und gefährliche nordische Krieger, der schon unzählige Menschen skrupellos getötet hatte, sah ihn plötzlich mitleidig an und senkte seinen Kopf.

„Ich selbst bin kein guter Mann und war es niemals gewesen. Selbst die Götter hatten meine Taten manchmal verabscheut. Aber ich vermag gute Menschen zu erkennen. Ich habe den Tod verdient, du jedoch musstest bereits ein ganzes Menschenleben hier drinnen verharren. Das ist schlimmer als jeder erdenkliche qualvolle Tod. Sag, was hast du verbrochen?“

Der alte Mann mit dem hüftenlangen, ergrauten Haar schmunzelte.

„Diese Frage hatte mir bislang jeder Häftling gestellt.“ – Er breitete seine Arme auseinander und lächelte – „Dieses Gemäuer ist mein Zuhause, seitdem ich ein junger Mann war, und ich hatte es auch niemals verlassen. Ich weiß es nicht mehr, es ist schon zu lange her. Vielleicht wurde ich damals von König Osbert eingesperrt, weil ich andere politische Interessen vertreten hatte. Du solltest wissen, dass ich einst ein Aldermann gewesen war. Vielleicht hatte mich der alte König aber einsperren lassen, weil ich meine damalige Liebe und meine Familie hätte niemals verleugnen können. Vielleicht weil ich aber …“

Der Mann im Verlies hielt inne, weil der Kahlköpfige plötzlich laut lachte.

„Ihr Christen seid doch alle nur törichte Geschöpfe, weil ihr euch mehr um andere sorgt, als um euch selbst, weil es euer Christengott von euch abverlangt. Er verlangt es und verspricht euch, dass ihr dann alle in sein Himmelreich kommt. Dann werdet ihr alle fröhlich und glücklich sein, heißt es. Das ist doch alles purer Schwachsinn, alter Mann.“

„Purer Schwachsinn?“, entgegnete er ihm und schmunzelte. „Ich sag dir mal was, über dein Valhalla.
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In Valhalla sollen also all eure Seelen an einer Tafelrunde sitzen und gemeinsam mit Odin schmausen und trinken? Danach werden blutige Schwertkämpfe ausgetragen und es wird weiterhin getötet. Danach setzen sich die Sieger wieder an die Tafelrunde und es wird wieder fröhlich getrunken, geschmaust und gefeiert? Und danach werden die neuen gefallenen Krieger feierlich empfangen, dann wird abermals deftig getafelt und es soll erneut gekämpft und getötet werden? Worin besteht denn darin der Sinn eures Daseins, wenn euch allen letztendlich nur der Tod nach dem Tod und nichts anderes als der Tod erwartet?“, fragte der alte Mann schulterzuckend. „Valhalla ist eine Lüge und euer Odin und die anderen sogenannten Götter gibt es nicht. Das ist absurd, erkenne es endlich! Wenn du morgen Mittag hingerichtet wirst, wirst du gewiss vor einem Gott stehen. Und zwar vor dem wahren, dem einzigen Gott, der dich in sein herrliches Himmelreich aufnehmen wird. Aber dazu müsstest du deine Schandtaten aufrichtig bereuen. Dies biete ich dir an, hier und jetzt deine Sünden vor mir zu gestehen und zu bereuen, damit du in das wahre Himmelreich gelangst und deinen wohlverdienten Frieden findest.“

Der Kahlköpfige blickte ihn zunächst verdutzt an, dann lachte er erneut laut. Aber sein Lachen verstummte abrupt. Der Heide blickte ihn ernst an.

„Valhalla soll also eine Lüge sein? Es klingt für dich absurd, alter Mann? Odin gibt es also gar nicht? Ich sage dir mal, was für mich absurd klingt und meiner Meinung nach eine Lüge ist. Euer Christengott wurde also an ein Holzkreuz genagelt und soll doch in der Tat nach drei Tagen wieder von den Toten auferstanden sein? Willst du mir jetzt, im Angesicht meines Todes weismachen, dass dies die Wahrheit ist und ich mich dir zu Füßen legen soll, dir all meinen Scheiß zu beichten, den ich mein Lebelang fabriziert hatte, nur in das himmlische Königreich zu gelangen, was nur aus Luft und Liebe besteht?“

Der Mann im Verlies schaute ihm ernst in die Augen.

„Ja, so ist es. Die vollkommene Herrlichkeit, die dich dort erwartet, wird die Feierlichkeit deines Valhalla weitaus übertreffen. Vertraue mir, mein Freund. Und damit ich glaubwürdig bin, erlaube ich dir, dass du mich tötest. Töte mich, denn ich bin müde geworden und will zu meinen Gott. Kannst du das verstehen? Du müsstest es sogar verstehen!“, betonte er.
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Der Nordmann blickte ihn verdutzt an.

„Du musst verrückt sein, Mann im Verlies. Du warst wohl schon zu lange eingesperrt und bist nicht mehr bei Sinnen. Niemand würde sich freiwillig töten lassen wollen, nur um bei seinem Gott zu sein. Nicht einmal der tapferste Krieger würde um seinen Tod betteln, sondern würde darum kämpfen. Ich gebe zu, dass ich gerne Angelsachsen töte, dir jedoch könnte ich nichts antun. Du bist bereit meine Schandtaten zu verzeihen und würdest sogar deine dürftige Mahlzeit mit mir teilen? Solch eine Großzügigkeit würde ich nicht einmal von meinen eigenen Leuten erwarten.“ Er schüttelte mit dem Kopf. „Nein, Mann im Verlies. Dich kann ich gar nicht töten, weil du ein guter Mann bist.“

Der Mann im Verlies ohrfeigte ihn daraufhin kräftig und beleidigte ihn, in der Hoffnung, dass er ihn umbringen würde.

„Wieso bist du so herzlos zu mir?!“, brüllte er. „Erkennst du nicht, dass ich hier in diesem modrigen Gefängnis nur leide? Erlöse mich und ich werde dir versprechen, dass ich all die Herzlosen aus eurer Geisterwelt befreien und sie in das wahre Himmelreich führen werde. Ich werde sie alle mit meinem hellen Licht wie die Motten anlocken und sie in ihr Zuhause unterbringen. Einschließlich dich. Selbst wenn der HERR mich für diese Sünde bestrafen wird, weil ich euch Heiden helfen werde.“

Der Kahlköpfige senkte demütig seinen Kopf. Sollte er tatsächlich den Mann im Verlies mit seinen eigenen Händen töten, damit er all die verlorenen Seelen seiner Landsleute retten kann? Könnte er es überhaupt, fragte er sich.

„Erwürge mich, schlag mir den Schädel ein oder töte mich wie es dir beliebt und ich werde alle herzlosen Menschen retten, Christen sowie auch Heiden! Es liegt jetzt in deiner Entscheidung!“, sagte der Mann im Verlies.

Der kahlköpfige Nordmann überlegte. Er wusste, dass der Henker von Eoforwic, Sigtrigger, der Sohn eines dänischen Sehers war, dieser jedoch diese heilige heidnische Opfermethode für seine Zwecke missbrauchte, um Macht und Reichtum zu ernten. Somit waren alle seine Todeskandidaten verflucht, die er mit seiner silbernen Sichel hinrichtete, ob sie nun Heiden oder Christen waren. Aber jeder Fluch konnte wieder gebrochen werden.
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„Einverstanden, alter Mann. Ich werde dich schnell und schmerzlos töten, jedoch unter einer Bedingung. Bevor du alle Herzlosen aus der Geisterwelt befreist, musst du uns die einmalige Gelegenheit gewähren, Sigtriggers schändliches Handwerk zu legen. Danach mögen wir dir alle zu deinem Gott folgen“, antwortete der Kahlköpfige unheilvoll.

Der Mann im Verlies blickte ihn scharf an.

„Du beabsichtigst also, Rache zu üben? Du solltest jedoch wissen, wer sich rächt, an dem rächt sich der Herrgott, dessen Sünden behält er im Gedächtnis.“

Der Wikingerkrieger erhob sich, fluchte laut und zerstörte wütend die Schlafstätte des alten Mannes, die er sich mit Holzlatten und alten Lumpen gezimmert hatte.

„Ich habe es doch gleich gewusst, dass ihr Christen allesamt nur weinerliche Feiglinge seid. Das ist der Unterschied zwischen euch Christen und uns Heiden. Ihr fürchtet euch vor allmöglichen Schandtaten, die euer Christengott euch vorwirft, unsere Götter dagegen ehren unsere Taten. Ob sie nun gut oder schlecht waren, nur Feiglinge werden verstoßen und den Dämonen überlassen!“

„Du hast mich nicht verstanden, mein Freund. In der Bibel steht geschrieben: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Fuß um Fuß, Hand um Hand, Strieme um Strieme. Doch sollte dies nur eine Wiederherstellung der Gerechtigkeit bedeuten, und nicht als eine Vergeltung. Rache ist der falsche Weg, mein Freund. Du sollst vielmehr deine Gräueltaten aufrichtig bereuen, so wie es alle vor dir getan haben, bevor sie hingerichtet wurden. Nur dann erwartet dich das Himmelreich.“

Der kahlköpfige Nordmann nickte.

„Ich bereue hiermit meine Schandtaten aber werde vorher noch im Namen Odin und Thor handeln, wie sie mir befehlen mögen. Erst dann bin ich bereit, mit dir gemeinsam zu deinem Gott zu gehen.“

„Dann töte mich hier und jetzt, das ist eine gute Tat. Denn dann befreist du mich und all die Herzlosen. Töte mich und der Herrgott wird es dir sogar danken, weil du gnädig warst.“

Der kahlköpfige Nordmann glaubte ihm schließlich. Er ging hinter ihm in die Hocke und umklammerte seinen Kopf. Doch dann ließ er ihn wieder los.

„Eines noch, Herr. Wie lautet Euer Name?“

Er lächelte sanftmütig.
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„Ich war einst Lord Æthelwulf von Mercia“, antwortete er mit seiner knurrigen Stimme.

„Ich freue mich Eure Bekanntschaft gemacht zu haben, Lord Æthelwulf von Mercia. Mich nennt man Scorpa der Schreckliche. Ihr seid ein Aldermann und werdet als solcher jetzt sterben. Ihr müsst Euer Versprechen halten, Herr, und mich sowie alle anderen Herzlosen zu Euch führen, damit der Fluch vernichtet wird.“

Scorpa umklammerte wieder seinen Kopf und brach ihm ruckartig das Genick. Er hielt den Leichnam des Mannes im Verlies in seinen Armen, schunkelte ihn und weinte. Die ganze Nacht lang. Zum ersten Mal in seinem Leben trauerte er um ein Menschenleben, welches er genommen hatte. Dies sollte ihm sein Landsmann, Sitrigger, büßen und bitter bereuen. Am nächsten Tag wird der Henker von Eoforwic ihm zwar das Herz herausschneiden, aber die Rache der Herzlosen wird danach umso fürchterlicher werden.
Seite 17 von 17       
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Kommentare zur Story:

  Hallo Francis,

deine Storie gefällt mir sehr. Zum einen das Einbetten in Brittischer Geschichte, zum anderen die germanische Mythologie. Und das Schaffen der "Herzlosen" ist eine gute Idee. Da hast du viel Hintergrund reingesteckt. Auch den alten Mann mit seiner christlichen Einstellung finde ich gelungen. Schön, dass du diese Geschichte geschrieben hast.  
   Frank Bao Carter  -  01.01.23 19:30

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  Hallo Jochen. Diesmal wollte ich keinen Roman
schreiben wobei es wichtig ist, die Protas
ausgiebig zu charakterisieren und Helden oder
Antihelden zu erschaffen, die man mag. RDH
steht unter dem Genre „Halloween bzw
schaurig“, also erwartet man etwas
unheimliches und gruseliges. Es ist sogar häufig
so, dass bei Horror Geschichten das Böse sogar
letztendlich gewinnt. Aber ich will nichts
verraten denn die Antwort kommt im letzten Teil
und vielleicht ist ja doch noch nicht jeder Gute
gestorben ;)
LGF  
   Francis Dille  -  30.11.22 16:20

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  Wirklich schaurig, aber auch sehr spannend. Man fragt sich wohin du eigentlich mit deinen Protas willst, denn es scheint so, als wäre der letzte Gute nun auch gestorben und es gäbe nur noch Bösewichte. Es ist aber nun mal so, dass sich der Leser ungern mit reinen Bösewichten identifiziert. Was bedeutet, wo bleibt nun der Held, den der Leser haben möchte? Ich hoffe du hast an ihn gedacht, wenn nicht bei der nächsten Fortsetzung dann zumindest bei der übernächsten? Aber wie gesagt, das alles macht sehr neugierig und gut schreiben kannst du auf alle Fälle.  
   Jochen  -  28.11.22 21:23

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