Als der Bub Weihnachten brachte   342

Kurzgeschichten · Romantisches · Winter/Weihnachten/Silvester

Von:    Stefan Steinmetz      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 5. Dezember 2019
Bei Webstories eingestellt: 5. Dezember 2019
Anzahl gesehen: 1524
Seiten: 21

Als der Bub Weihnachten brachte





„Wir geben nichts.“

Der Bub wusste nicht, wie oft er diesen Satz schon gehört hatte, diesmal ausgesprochen von Frau Meyer von schräg gegenüber. Die Höfe der Meyers und seiner Eltern lagen nahe beieinander am Ende des Weges am Rand des Dorfes.

„Wir geben nichts.“

Der Bub sah die fremde Frau vor der Tür des Meyerschen Hofes stehen, eine dünne Frau mit dunklen Haaren unter einem Kopftuch, eine Frau, der die Kleider um den Leib flatterten.

Es war Heiligabend. Heute Abend würden sie alle zusammen zur Christmette gehen.

Falls Elschen nicht zu krank dazu ist, überlegte der Bub. Dann muss ich bei ihr bleiben, weil sie nicht allein im Haus bleiben kann.

Er würde dann das Haus bewachen, er, der Uwe, der schon richtig groß war. Fast zwölf Jahre war er alt. Na ja … beinahe jedenfalls. Es fehlten nur noch fünfeinhalb Monate. Und wer zwölf war, der war sozusagen einer der Großen.

Die fremde Frau vor der Haustür der Meyers verlegte sich aufs Bitten: „Bitte. Nur eine Kleinigkeit. Ein oder zwei Kartoffeln vielleicht. Ein Stückchen Brot. Ich flehe Sie an. Wir haben nichts mehr zu essen im Haus. Meine Kinder verhungern. Bitte!“

Frau Meyer schüttelte den Kopf: „Wir geben nichts.“ Sie schloss die Tür, als die Frau keine Anstalten machte, zu gehen.

Die Frau stand in der eisigen Kälte des Winternachmittags im tiefen Schnee. Uwe fiel auf, wie dünn sie angezogen war. Bestimmt fror die Frau. Hatte die keinen dickeren Mantel? Wohl nicht. Die Leute in den Städten hatten nichts. Weil dort alles kaputtgeschmissen war von den Bombenflugzeugen der Amerikaner und Engländer.

Die Frau stand noch immer regungslos vor der Tür der Meyers, als könne sie diese Tür mit der Kraft ihrer Blicke öffnen. Der Wind trieb Schnee um ihre dünnen Beine, die in schlabbrigen schwarzen Strümpfen steckten. Es war ein düsterer Tag. Die Wolken hingen so tief, dass man denken konnte, sie würden jeden Moment an den Dachfirsten der Häuser hängen bleiben. Sie waren dunkel, diese Wolken, fast schwarz. Kein schöner Heiliger Abend.

Es war dunkel und eisig kalt. Seit Wochen zeigte das Thermometer tiefe Minusgrade an. Minus zwanzig Grad waren am Tag zuvor im Radio gemeldet worden.

Die Menschen in den zerbombten Städten Deutschlands froren, sagte der Mann im Radio.
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Die Menschen in den zerstörten Städten hungerten. So schlimm war es in diesem Winter 1946, dass Menschen starben. Sie starben vor Hunger und vor Kälte.

Deswegen kamen die Stadtleute raus aufs Land und sie bettelten bei den Landleuten um Essen.

„Die Bauern sind diesem Ansturm nicht gewachsen“, sagten sie im Radio. „Die Menschen in den Städten verzweifeln.“

Anfangs hatten zumindest diejenigen was bekommen, die etwas zum Tauschen hatten – ein paar Schuhe, einen Teppich, Kleidung, Schmuck und was auch sonst. Denen gab man Essen und den ganz armen Leuten, die nur betteln kamen, auch. Aber im Dorf hatten die Leute ihre Herzen und Türen verschlossen, als der Winter immer schlimmer wurde und immer mehr Leute aus den Städten zum Betteln kamen. Es war einfach nicht genug für alle da.

Das sagten auch Uwes Eltern.

„Bub, wenn wir alle füttern wollten, bliebe für uns selber nichts mehr übrig“, hatte ihm sein Vater gesagt.

Uwe hörte Elschen drinnen husten. Er stand an der Hausecke direkt unter dem Fenster des Zimmers, in dem sein siebenjähriges Schwesterchen im Bett lag. Else hatte eine Erkältung. Wie es aussah, würde sie nicht mit zur Mitternachtsmette können.

Bewegung kam in die Frau mit dem dünnen Mantel. Sie drehte sich um und schaute zum Haus von Uwes Eltern. Der Bub sah die Hoffnungslosigkeit in den Augen der Frau. Er sah, wie müde sie war. Ihr Gesicht war grau und eingefallen, ihre Augen waren erloschen. Mit langsamen Schritten kam sie herüber. Jeder Schritt durch den tiefen Schnee schien sie große Kraft zu kosten.

Uwe tat die Frau leid. Es musste furchtbar sein, nichts zu essen zu haben. Er wusste, dass auch seine Mutter der Frau nichts geben würde. Die Eltern hatten es ein paar Tage zuvor besprochen.

„Wir können nichts mehr geben“, hatte der Vater gesagt. „Die Ernte war jämmerlich. Nicht mal die Hälfte des erwarteten Ertrags haben wir Landwirte von den Feldern geholt, und nun auch noch dieser eisige Winter. Es geht nicht mehr. Wir können nicht die ganzen Städter durchfüttern. Wir haben nicht genug.“

Dann hatte er sich zurückgelehnt und ein grimmiges Gesicht gemacht: „Nun fahren sie ihre Ernte ein, die Deutschen. Hätten sie mal den Hitler nicht gewählt! Keiner von denen hat Mein Kampf gelesen, das Buch von Adolf Hitler, in dem genau aufgeschrieben stand, dass der Mann einen großen Krieg anfangen wollte! Ich habe es gelesen und deshalb nicht für Hitlers Partei gestimmt.
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Er hatte Uwe angeschaut und genickt: „Genau das war das Problem, Bub. Keiner hat das Buch dieses Mannes gelesen. Sie sind ihm gefolgt wie eine Herde Schafe und er hat sie zur Schlachtbank geführt, mitten hinein in den Zweiten Weltkrieg. Jetzt ist ganz Deutschland kaputt. Die Städte liegen in Schutt und Asche. Die Leute haben nichts zu essen, nichts anzuziehen und keine Wohnungen. Sie haben nichts zu heizen. Sie frieren und hungern. Hätten sie mal nachgedacht, bevor sie für Hitler stimmten. Jetzt bekommen sie ihr Fett weg.“

Bub. So nannten sie Uwe jetzt. Nicht mehr Bubi oder Bübchen. Er war der Bub. Denn er war schon groß. Sogar die Oma Berta, die nach hinten hinaus ihre zwei Zimmer hatte, nannte ihn so.

Uwe sah die fremde Frau zur Haustüre gehen. Wie müde sie aussah. Wie dünn sie war. Sie sah abgehärmt aus. Richtig kaputt. Sie tat Uwe leid, doch er konnte seine Eltern verstehen. Sie mussten ihre Vorräte zusammenhalten. Sie hatten nach der miserablen Ernte selbst nicht viel.

Andererseits … am Verhungern waren sie nicht. Es stimmte schon, es gab nicht immer alles. Es war eine ganze Weile her, dass der Bub seinen heißgeliebten Reis zu essen bekommen hatte. Aber sie hungerten nicht. Konnte man der armen Frau nicht wenigstens ein paar Kartoffeln geben? Oder Möhren aus der Sandmiete im Keller? Ein paar Rüben? Sogar die Kaninchen, die Oma Berta hinterm Haus in Ställen hielt, bekamen Rübenschnitzel zu ihrer täglichen Ration Heu.

Die Frau kam an der Haustür an. Sie sah den Bub an der Hausecke nicht. Ein gehetzter Ausdruck stand in ihrem Gesicht. Sie drehte am Klingelknopf. Uwe hörte das „Rrring“. Nach kurzer Zeit öffnete seine Mutter. Als sie die Frau erblickte, verschwand alle Freundlichkeit aus ihrem Gesicht. Die Mutter schaute kühl und scheinbar teilnahmslos drein.

„Tut mir leid. Wir geben nichts“, sprach sie, ehe die fremde Frau etwas sagen konnte.

„Bitte“, sprach die Frau. „Bitte, ich kann Sie verstehen, aber ich habe heute noch nichts bekommen. Meine Kinder warten zu Hause auf mich. Wir haben kein Essen mehr.“ Mit jedem Wort, das sie aussprach, wurde ihr Redefluss schneller, gehetzter, flehender. „Bitte. Es ist Weihnachten. Nur ein Stück trockenes Brot oder eine Kartoffel.“

Der Bub sah die eingefallenen Wangen der Frau, ihre stumpfen Augen, in denen der gehetzte Ausdruck nun blanker Verzweiflung wich.
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„Wir können nichts mehr geben“, sagte die Mutter. „Wir haben so viel gegeben in den letzten Wochen, wir haben kaum noch genug für uns selbst. Es tut mir leid.“

„Bitte“, rief die fremde Frau. „Ich flehe Sie an! Im Namen Gottes! Ich kann nicht mehr weiter. Ich bin schon zu lange unterwegs. Ich müsste längst auf dem Heimweg sein. Meine Kinder sind ganz allein. Bitte! Um Weihnachten willen! Bitte geben Sie mir etwas. Nur eine Kleinigkeit. Um Himmels willen, meine Kinder verhungern! Bitte haben Sie Erbarmen!“ Die Frau fing an zu weinen. „Ein kleines Stück trockenes Brot! Eine einzige Kartoffel! Nur eine ganz kleine!“

Es schnitt dem Bub ins Herz. Die arme Frau. Er sah, wie seine Mutter sich innerlich verhärtete. Er sah ihr an, dass sie es nicht gerne tat, aber sie musste es tun. Sie und der Vater hatten diese harte Entscheidung treffen müssen. Es ging ums Überleben der Familie.

„Wir geben nichts. Bitte gehen Sie.“

„Nein“, rief die Frau. „Bitte! Bittebitte!“

Die Mutter schloss die Tür.

„Um Gottes willen! Bitte!“ Die fremde Frau winselte wie ein Hund. „Bitte!“ Sie rang die Hände. Der Bub sah, dass sie nicht mal Handschuhe hatte. Sie hatte sich Lumpen um die Hände gewickelt „Bitte!“ Die Frau wimmerte. „Nur eine Kartoffel! Eine einzige Kartoffel! Meine Kinder sterben! Ich flehe Sie an!“

Die Tür blieb zu. Der Bub konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass seine Mutter hinter der verschlossenen Tür stand und mit klopfendem Herzen und zusammengepressten Augen dem Winseln der fremden Frau lauschte und dabei den lieben Gott anflehte, die Frau verschwinden zu lassen.

„Bitte!“, rief die Frau noch einmal. Sie gab nicht auf.

Kein Wunder, dachte Uwe, wenn zu Hause ihre Kinder verhungern. Wenn schon die Frau so dünn ist, wie sehen dann die Kinder aus? Klapperdürr wahrscheinlich.

Er blieb an der Hausecke stehen. Er wich keinen Zentimeter. Er konnte nicht. Wie gebannt schaute er die Frau an.

Die pochte mit der Hand schwach gegen die geschlossene Haustür: „Bitte öffnen Sie! Ich flehe Sie an, in Gottes Namen! Es ist Weihnachten.“ Die Stimme der Frau klang gehetzt.

Sie hat Angst, dachte der Bub. Sie fürchtet sich davor, ohne etwas zu essen nach Hause zu kommen zu ihren armen, hungernden Kindern.
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Ein Schauer durchfuhr ihn. Wie schrecklich musste das sein, zur Tür hereinzukommen und in aufgerissene Kinderaugen zu schauen und dann zu sagen: „Ich habe nichts bekommen. Wir haben nichts zu essen.“

Vor der Haustür fiel die fremde Frau in sich zusammen. Uwe sah, wie sie vor seinen Augen zerbrach. Ihre Schultern sanken herab. Sie schaute zu Boden. „Bitte“, sagte sie noch einmal. Ein leises Winseln nur, kaum hörbar im Winterwind. Der Schnee stob kalt und erbarmungslos um die dünnen Beine der Bittstellerin, die nichts bekommen hatte; den ganzen Tag nichts, und die auch auf dem weiten, kalten Rückweg nichts bekommen würde.

Noch immer stand die Frau aus der Stadt vor der Haustür.

„Ich kann nicht weiter“, wimmerte sie. „Ich kann nicht mehr. Mir fehlt die Kraft. Und es ist zu spät. Ich müsste längst auf dem Rückweg sein. Bitte ...“

Sie machte einen Schritt rückwärts und stolperte. Und fiel in den Schnee.

Normalerweise hätte das lustig ausgesehen, wie sich da eine im Schnee langlegte, aber dem Bub blieb das Lachen im Halse stecken. Die Frau schlug hart auf. Die Frau blieb liegen. Die Frau stand nicht mehr auf. Zusammengekrümmt lag sie da. Der Bub sah ihre Schultern zucken.

„Ich kann nicht mehr weiter“, schrie die Frau. Ihre Stimme war hoch und schrill. Es klang wie Möwengeschrei. „Bitte! Bittebittebitte! Meine Kinder sterben!“ Die Frau schrie wie ein verreckendes Tier. „Bitte nur eine Kartoffel! Nur eine Rübe! Irgendetwas! Meine Kinder verhungern! Sie verhuuungern!“ Heulend lag die Frau im Schnee.

Dem Bub wurde eisig kalt im Herzen.

„Gott! Oh Gott! Bitte hilf mir! Bitte hilf mir! Ich brauche Essen für die Kinder! Sie sterben mir unter den Händen weg! Ich habe nichts zu essen!“

Uwe biss die Zähne zusammen. Er schluckte. Sein Herz schlug. Er wollte weg, fortlaufen vor dieser Frau, die so schrecklich schrie und weinte, die im Schnee lag und schrie wie eine Möwe. Aber er konnte sich nicht rühren.

„Lieber Gott!“, wimmerte die Frau. „In der Schubertstraße 14 verhungern meine Kinder! Sie sterben! Erbarmen! Bitte!“ Schnee trieb über die Frau hinweg.

Wenn sie liegen bleibt, deckt der Schnee sie bald zu, dachte der Bub. Dann liegt sie morgen früh steifgefroren vor unserem Haus; genau wie das Mädchen mit den Schwefelhölzern im Märchen.
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Tot und erfroren.

Und die Kinder in der Schubertstraße warten auf ihre Mutter, die nicht kommt. Die Kinder werden verhungern. Ganz allein werden sie sein und Angst haben und qualvoll verhungern. Es zerriss dem Bub das Herz.

Die Frau richtete sich auf. Unter Mühen erhob sie sich. Sie taumelte, machte einen Schritt auf die Haustüre zu und ließ sich auf die Knie fallen.

„Erbarmen!“, winselte sie unter Tränen. „Erbarmen! Meine Kinder verhungern. Bitte! Bittebitte!“ Die Tür blieb zu.

Endlich erhob sich die fremde Frau. Sie kam schwankend auf die Beine. Mit langsamen Schritten ging sie fort. Sie kam auf den Bub zu. Sie sah ihn nicht. Ihre Augen waren wie tot. Uwe sah die blanke Verzweiflung im Gesicht der Fremden, die Angst, die Hoffnungslosigkeit. Er fühlte sich entsetzlich.

Da reden sie immer so geschwollen, die Erwachsenen, dachte er. In der Kirche predigen sie, man soll teilen und dass man einen Bittsteller nicht abweisen soll. In Reli sagt der Lehrer dasselbe. Jesus hat es von uns verlangt. Man soll Notleidenden helfen. Und was machen sie? Nichts! Im Gegenteil, die jagen die Hungernden und Leidenden auch noch weg!

Die Frau schleppte sich an Uwe vorbei. Er sah, wie müde und ausgelaugt sie war, wie traurig und verzweifelt. Was musste das für ein Weihnachten sein, wenn man nach Hause kam und seinen Kindern nur sagen konnte: „Ich habe nichts bekommen. Jetzt werden wir zu Weihnachten verhungern.“

Der Bub blieb an der Hausecke stehen. Über ihm hustete die kleine Else. Seine Schwester lag in einem warmen Bett, gut zugedeckt und mit einem Schal um den Hals. Nachher würde sie heiße Milch mit Honig kriegen, damit sie schnell wieder gesund wurde, und die Oma würde sie mit Hühnerbrühe füttern und mit Brot.

Die fremde Frau hatte nichts. Sie kehrte mit leeren Händen nach Hause zurück. Sie schleppte sich durch den Schnee wie etwas, das schon halb gestorben war, ein Bild der Verzweiflung. Sie ging fort, um ihren Kindern beim Verhungern zuzusehen, ohne etwas dagegen tun zu können.

Plötzlich sprang der Bub auf. Er drehte sich um und raste hinters Haus. Er hatte ein solches Tempo drauf, dass er sich vor der Tür zum Keller ablegte. Na toll, voll auf die Waffel gefallen! Schnell fuhr er auf. Ein Satz und er war im Keller. Schnell! Schnell!

Hinten der Vorratskeller, die drei Räume hinter der verschlossenen, mäusesicheren Tür.
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Uwe drang ein. Sein Herz klopfte wild. Hoffentlich hörte ihn niemand.

Mit eiligen Griffen bediente er sich an den Vorräten. Hastig grub er ein paar Möhren aus der Sandkiste, stopfte sie in die Taschen seiner Winterjoppe. Kartoffeln! Schnell! Zwei Stück. Noch eine! Und noch eine! Eine Steckrübe. Verflucht! Die waren alle so groß! Ein paar kleinere aussuchen! Schnell!

Tür zu. Zum Keller raus. Kellertür zu. Und dann durch den winterlich kahlen Garten nach hinten raus, den schmalen, verschneiten Weg draußen am Zaun längs, damit ihn keiner sehen konnte, der vorne zufällig aus dem Fenster schaute. Gib Gas, Uwe! Renn! Die Frau ist schon weit weg. Beeil dich!

Der Bub rannte. Er rannte wie von Sinnen. Da, der Weg ins Dorf. Wo war die Frau?

Vorne bei Benkens Acker bog die Frau mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf in die Dorfstraße ein. Wenn sie der folgte, würde sie zu der Straße kommen, die durchs Tal bis zur Stadt führte.

Uwe lief los. Kurz vor dem Hof der Benkens holte er die Frau ein. „Warten Sie!“, rief er atemlos. Er bremste und wäre beinahe auf die fremde Frau geprallt. „Warten Sie!“

Die Frau wartete. Sie drehte sich nicht einmal um.

Sie hat keine Kraft mehr, um sich umzudrehen, dachte der Bub. Er ging um die Frau herum und holte sein Diebesgut aus den Taschen.

„Hier, bitte“, sagte er. Er warf gehetzte Blicke um sich. Wenn ihn nur keiner sah! Der Hartmut Benken ging mit ihm in die gleiche Klasse. „Sagen Sie es niemandem!“ Der Bub hielt der Frau die Kartoffeln, Rüben und Möhren hin. „Es ist nicht viel. Tut mir leid. Mehr konnte ich auf die Schnelle nicht aus dem Keller holen.“

Die Frau schaute die Sachen an und dann fing sie an zu weinen. Weinend nahm sie die Gaben an und steckte sie in ihre Tasche.

„Danke“, sprach sie unter Tränen. „Vielen, vielen, lieben Dank.“

Der Bub wich einen Schritt zurück. Er erwartete jeden Moment, dass die Frau vor ihm auf die Knie fallen und ihm die Schuhe küssen würde. Es erschreckte ihn, wie dankbar die Frau war. Für diese wenigen jämmerlichen Sachen. Er genierte sich, weil die Fremde so furchtbar dankbar war. Es waren doch nur ein paar Kartoffeln, eine davon war sogar ziemlich schrumpelig, hatte er gesehen. Und vier Möhren und zwei kleine Steckrüben. Mehr nicht.

„Es ist das, was zwischen ihren Kindern und dem sicheren Hungertod steht“, sagte eine leise Stimme in seinem Kopf.
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„Danke. Vielen Dank“, sagte die Frau noch einmal. „Jetzt kann ich meinen Kindern Essen kochen. Du bist ein guter Mensch. Vielen Dank, Bub.“

Der Bub schluckte hart. „Frohe Weihnachten“, sagte er. Dann drehte er sich um und rannte zum Haus zurück. Er blickte sich nicht um.



Beim Abendessen teilten die Eltern ihm mit, dass er zuhause bleiben müsse, um auf Elschen aufzupassen.

„Wir können sie bei dieser Kälte nicht mitnehmen zur Mitternachtsmette“, sprach die Mutter. Sie aß einen Löffel Suppe mit Graupen und Linsen und biss dann in ihren Kartoffelpuffer. „Else könnte eine Lungenentzündung bekommen. Du musst hierbleiben.“

„Schon gut“, sagte der Bub. „Ich passe auf sie auf.“

Es war ihm ganz recht, dass er nicht mit zur Mette musste. Er hatte überhaupt keine Lust darauf. Er hatte auch keine Lust auf Weihnachten. Er hatte auf nichts Lust. Er fühlte Verbitterung in sich schwären und ein Stück weit Wut und Fassungslosigkeit. Am schlimmsten aber war die Hilflosigkeit. Sie quälte ihn unablässig.

Wie dankbar die arme Frau ihn angeschaut hatte. Nur wegen der paar Sachen, die er im Keller stibitzt hatte.

Und hier sitzen wir um den Tisch herum und stopfen uns voll! Von wegen, wir haben nichts mehr! Pah! Der Vorratskeller ist voll, und auf dem Speicher stehen die Kornsäcke. In vier Reihen stehen die! Wir haben Hühner und Kaninchen. Wir werden ganz bestimmt nicht verhungern.

Geht nur und feiert euer blödes Weihnachten! Singt und jubiliert und hört dem Priester zu, wie er von Barmherzigkeit predigt und von Nächstenliebe und dass man armen Leuten helfen soll. Dass man mit den Hungernden teilen soll! Halleluja!

Heuchler! Eine Bande von Heuchlern seid ihr!



Als die Eltern und die Oma fort waren, hockte der Bub allein in der Stube. Er hatte neues Holz nachgelegt. Der Herd wärmte den Raum. Klein-Else lag in ihrem Bett und schlief. Er hatte ihr heiße Milch mit Honig gebracht und ihr eine selbst ausgedachte Weihnachtsgeschichte erzählt. Sie handelte von einem armen kleinen Kind, das in den Dörfern um Essen bettelte.

Mit großen Augen hatte Elschen ihm zugehört, wie er erzählte, dass alle Leute das arme Kind fortgeschickt hatten, ohne ihm etwas zu geben.
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„Nur ein Stück Brot“, hatte der Bub mit Kinderstimme gesagt und seine Hand bittend ausgestreckt. Er hatte so getan, als sei er das arme kleine hungernde Kind in der Geschichte. „Bitte, es ist Weihnachten. Lassen Sie mich nicht verhungern! Bitte nur eine Möhre. Nur eine einzige. Eine ganz kleine.“ Aber niemand hatte dem armen, zerlumpten Kind etwas gegeben. Else waren Tränen in die Augen getreten.

Dann war das arme Kindchen zum letzten Haus im Dorf gekommen und hatte zaghaft angeklopft und um Essen gefleht. Dort lebten zwei Kinder, ein Bruder mit einer kleinen Schwester, und ihre Mama war ganz schlimm krank und lag im Bett, und der Doktor hatte gesagt, sie müsse wahrscheinlich sterben. Die Kinder gaben dem armen Kind zu essen. Sie luden es ins Haus ein und gaben ihm Brot und Suppe und sie füllten Kartoffeln, Möhren und Steckrüben in seine Tasche und sie gaben ihm Mehl mit, damit es zu Hause Brot davon backen konnte. All das taten sie, obwohl sie selber nicht viel hatten. Das Kind war sehr dankbar und wünschte den beiden Kindern zum Abschied frohe Weihnachten.

Nachts aber kam das Bettelkind zurück und es war kein armes Bettelkind mehr, das Lumpen am Leib trug. Es war das Christkind und es brachte der Familie Weihnachten. Es machte den zwei Geschwistern wunderschöne Geschenke und es heilte die todkranke Mutter.

Elschen hatte mit glänzenden Augen zugehört und dann war sie eingeschlafen.

Jetzt hockte der Bub in der Stube, das Herz kalt und verbittert. Ihm war kein bisschen weihnachtlich zumute. Die Leute in seinem Haus hatten einem armen, notleidenden Menschenkind nichts gegeben. Sie hatten es der Tür verwiesen. Nun hockten sie in der Kirche und beteten und sangen und hörten den Priester von Hilfsbereitschaft und Erbarmen für die Notleidenden predigen. Und fühlten sich so richtig wohl und christlich dabei. Pah!

„Und in der Schubertstraße 14 sterben Kinder an Hunger!“, grollte Uwe. „Weil man hier im Dorf den Bittstellern die Tür vor der Nase zuschlägt, und das an Weihnachten.“

Nein, ihm war kein bisschen weihnachtlich zumute. Kein Stück.

Das Herz tat ihm weh. Immer wieder sah er die Frau vor sich. Wie verzweifelt sie gewesen war. Wie sie gebettelt hatte. Sie hatte gewinselt. Gewinselt.

Wie viele Kinder sie wohl hatte? Mindestens zwei, das stand fest, denn sie hatte im Plural von ihnen gesprochen.
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Kinder hatte sie gesagt, nicht Kind. Zwei? Drei? Vielleicht sogar vier?

In der Schubertstraße gab es kein Weihnachten. In der Schubertstraße lauerte der Tod. In der Schubertstraße verhungerten Menschen.

Der Bub kannte die Straße. Sie lag nicht weit vom Marktplatz weg, eine breite Straße mit schönen Häusern aus der Gründerzeit, nur dass diese Häuser nicht mehr schön waren. Sein Vater hatte ihm erzählt, dort sei alles kaputtgebombt. Dort lebte die Frau mit ihren Kindern in einem zerstörten Haus und der Hungertod stand vor der Tür, nicht Weihnachten.

„Nein!“ Der Bub fuhr auf. „Nein!“, rief er noch einmal. „Nicht der Tod! Weihnachten soll in die Schubertstraße 14 kommen!“

Er lief in sein Zimmer und holte seinen Rucksack. Am liebsten hätte er den Affen seines Vaters geholt, diesen richtig großen Rucksack mit einem braunen Kuhfell auf der Rückseite. Affen nannte man diese Rucksäcke. Aber das Teil war zu groß für Uwe. Er würde einen weiten Weg durch tiefen Schnee gehen müssen, um Weihnachten zu bringen.

Er lief in den Keller, eine Petroleumlampe in der Hand. Er füllte seinen Rucksack. Als erstes holte er Kartoffeln aus der Miete, dann Möhren aus der Sandkiste. Er packte Steckrüben ein und holte von den getrockneten Bohnen. Die füllte er in ein Säckchen. Zum Schluss schnitt er – auf einem wackeligen Stuhl stehend – ein Stück Speck von der an der Decke hängenden Speckseite ab. Sie war dünn geworden in den letzten Wochen, darum traute er sich nur ein dünnes Stück abzusäbeln. Aber Speck musste sein, verdammt.

Dann ging es auf den Speicher, wo er Weizen- und Roggenkörner in Papiertüten schippte, und zum Schluss mopste er aus der Speisekammer seiner Großmutter ein Brot und ein Säckchen selbstgemachten Muckefuck dazu.

Ganz zum Schluss holte er einen Kerzenhalter nebst Kerze vom Weihnachtsbaum und steckte das auch noch ein.

Der Bub stellte den prallgefüllten Rucksack unter sein Bett. Dann schrieb er einen Zettel für seine Familie: „Ich bin unterwegs, um der hungernden Frau von gestern und ihrer Familie Weihnachten zu bringen. Ich bin bis zum Abend zurück.“ Er unterschrieb mit seinem Vornamen und legte den Zettel auf den Rucksack. Und noch zwei Schnüre dazu. Dann ging er zu Bett und nahm sich ganz fest vor, früh aufzuwachen. Das konnte er. Das hatte er schon öfter ausprobiert. Zufrieden schlief er ein.
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In aller Frühe stand der Bub auf. Leise zog er sich an und machte sich reisefertig. Er legte den Zettel auf den Küchentisch. Dann verließ er das Haus und ging mit flotten Schritten den Weg ins Dorf. Es war stockdunkel, aber die Wolkendecke riss immer wieder auf. Uwe fand mühelos seinen Weg.

Der Weg war weit. Es war eine Plackerei, durch den tiefen Schnee zu marschieren. Der Rucksack wog schwer. Kalt war es, aber es ging kein Windhauch. Der Bub war froh darüber. Wind war grässlich. Bei Windstille war die Kälte einigermaßen zu ertragen. Das Laufen wärmte ihn hinreichend auf.

Als es tagte, war der Bub schon weit vom Dorf entfernt. Er folgte der Straße durchs Tal. Sie führte zur Stadt. Wie es dort wohl aussehen würde? Uwe hatte in der Zeitung Bilder von zerbombten Häusern gesehen, aber so richtig vorstellen konnte er sich das nicht.

Im Krieg hatte er nachts die feindlichen Bomber gehört. Mit dumpfem Grollen waren sie am Himmelszelt dahingezogen, um ihre schreckliche Fracht über den Städten abzuladen. Auf sein Dorf war nie eine einzige Bombe gefallen. Aber gegen Ende, als der Krieg schon fast vorbei war, waren amerikanische Jagdbomber übers Tal dahingebraust, gedrungene, wendige Maschinen, die mit ihren Bordwaffen auf alles feuerten, was die Piloten am Boden sahen. Einmal hatte so ein Jabo den alten Hannes Röder beschossen und dabei beide Zugochsen getötet.

Krieg war schlimm, aber in den Städten war es viel schlimmer gewesen. Nacht für Nacht waren die Bomber gekommen und die Menschen hatten in die Bunker flüchten müssen. Wenn der Angriff vorbei war und sie nach Hause gingen, hatten viele nur noch Ruinen vorgefunden, wo vorher ihre Häuser gestanden hatten. Den Menschen in den Städten ging es schlecht.

Es wurde hell. Der Bub schritt flott aus. Er passierte Dorf um Dorf. Er sah keine Menschenseele auf der Straße. Es war Weihnachten. Da blieben die Leute zu Hause. Es war ein seltsames Gefühl, mutterseelenallein die Straße entlangzugehen. Uwe fühlte sich, als sei er ganz allein auf der Welt. Es war still im Land. Kein Windhauch regte sich.

Der Weg war lang. Er war viel länger, als Uwe ihn in Erinnerung hatte. Sonst benutzte er sein Fahrrad, um in die Stadt zu gelangen. Das ging schnell. Zu Fuß und durch den hohen Schnee war es eine langsame und anstrengende Angelegenheit. Die Beine wurden ihm schwer. Er wurde müde.
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Ab und zu nahm er eine Handvoll Schnee auf und leckte das kühle Nass gegen den Durst.

Der Weg zog sich endlos hin. Dann kam er zum alten Knick bei Reimsbach. Hinten im Seitental gab es einen frischen Windbruch, hatte der Vater erzählt. Dort holten sich Leute aus der Stadt Feuerholz, weil sie sonst keines hatten.

Auch der Bub ging dorthin. Er bog von der Straße ab und folgte dem Weg hinters Knick. Da war der Windbruch. Ein winterlicher Sturm hatte etliche Bäume umgeknickt wie Streichhölzer. Uwe brach dicke Äste ab. Er brach sie überm Knie in passende Stücke und band zwei Bündel Feuerholz mit den Schnüren zusammen und hängte sie an seinen Rucksack.

Jetzt war seine Tragelast noch schwerer und er kam noch langsamer voran. Hier im Wald war der Schnee besonders tief. Der Bub musste sich mächtig anstrengen. Von einer Tanne schnitt er mit seinem Taschenmesser ein paar Zweige ab.

Dann war er auf der Straße und setzte seinen Marsch fort. Wie spät es wohl war? Sicher ging es schon auf Mittag zu.

Dann, als er schon dachte, er würde sie nie erreichen, tauchte die Stadt am Horizont auf. Mit neuem Elan schritt der Bub aus.

Ich bringe Weihnachten, dachte er; Weihnachten in die Schubertstraße 14.

Dazu musste er durch die Stadt hindurch. Gleich am Stadtrand sah er es: kaputte Häuser, soweit das Auge reichte. Bei vielen Gebäuden fehlten die Dächer, und die Fenster waren alle weg. Manche Häuser hatten keine Außenwände mehr und man konnte in die Wohnungen hineinschauen, während man dran vorbeiging. In einigen Zimmern standen noch die Möbel. Es war ein gespenstischer Anblick.

Auch in der Stadt war niemand unterwegs. Der Bub sah keine Menschenseele. Die Leute hatten sich alle zu Hause eingeschlossen, der Kälte wegen.

Die Menschen frieren, dachte der Bub. Sie frieren und sie hungern.

Alle Lebensmittel waren rationiert. Die Leute konnten nur Lebensmittel kaufen, wenn sie Marken dafür hatten. Es reichte hinten und vorne nicht. Sagten sie im Radio. Schrieben sie in der Zeitung. Ob alle Stadtbewohner so schlimm hungerten wie die arme Frau?

Mit gesenktem Kopf schritt der Bub durch die zerstörte Stadt. Er balancierte über Schuttberge und sprang über Trümmerhaufen. Es gab nicht eine Straße, in der die Häuser heil waren. Überall Ruinen. In einigen wohnten Leute. Andere standen leer.

Da.
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Die Schubertstraße. Endlich.

Der Bub lief bis zur Nummer 14. Dort stand eine Ruine wie überall. Vorne fehlte die Außenwand. Uwe schaute. Nein, hier lebte niemand. Aber die Frau hatte Schubertstraße 14 gesagt. Er lief ums Haus herum und da war ein ebenerdiger Eingang. Neben der Tür ragte ein Ofenrohr aus der Wand. Rauch kräuselte sich aus dem Rohr und zerfaserte in der eisigen Winterluft.

Uwe ging zu der Tür und klopfte an. Zuerst rührte sich nichts und er dachte bereits, er hätte den weiten Weg umsonst gemacht. Dann öffnete sich die Tür einen Spalt weit und ein dünner Junge mit blondem Haarschopf schaute ihn an.

„Guten Tag“, sagte Uwe. „Ich bringe Weihnachten.“

Der Junge starrte ihn bloß an. Er sagte kein Wort.

Der Bub wartete ab. Was sollte jetzt werden?

Da ging die Tür weiter auf. Die Frau, die am Vortag bei ihnen im Dorf gebettelt hatte, stand hinter dem Jungen.

Uwe machte einen Diener. „Guten Tag“, wiederholte er. „Ich bringe Weihnachten.“ Er holte den Rucksack vom Rücken: „Ich habe Ihnen und ihren Kindern etwas zu essen mitgebracht und ein wenig Feuerholz dazu.“

„Bist du nicht der Junge, der mir gestern die Kartoffeln und Möhren zugesteckt hat?“, fragte die Frau. Neben ihr erschien ein zehnjähriges Mädchen. Es war ebenso blond wie sein Bruder und es hatte ein Mausegesicht. Ganz spitz sah dieses Gesicht aus.

Das kommt vom Hunger, dachte der Bub. Sie ist furchtbar dünn. Genau wie ihr Bruder.

Aber es war hübsch, dieses Mausegesicht, fand er. Wirklich hübsch.

Er hielt der Frau seinen Rucksack hin: „Da sind lauter feine Sachen drin.“ Er machte eine seitwärts grabschende Handbewegung: „Ich war in unserer Vorratskammer englisch einkaufen.“ Mit Mühe brachte er ein Lächeln zustande. Die drei Leutchen, die vor ihm standen, waren alle dünn, und ihre Kleidung ähnelte eher Lumpen als richtigen Klamotten.

Die Frau winkte: „Komm herein, Bub. Es ist eisig kalt.“

Sie ließ ihn eintreten.

Hinter der Tür befand sich eine einzige Stube, ein Raum, vielleicht vier mal fünf Meter groß. In einer Ecke standen zwei Betten. Auf einem der Betten lag ein Knäuel Decken. An der nächsten Wand stand ein Küchenofen. Sein Ofenrohr ging zur Wand hinaus. Dann gab es einen Tisch mit Stühlen, von denen keiner dem anderen glich. An der anderen Wand stand ein selbstgezimmertes Regal aus rohen Brettern, daneben eine Waschbütt aus Zinkblech.
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Kleider hingen an Schnüren an der Decke. Es war eng und ärmlich, aber der Ofen wärmte den Raum wenigstens einigermaßen.

Der Bub stellte den Rucksack auf den Tisch und packte alles aus. Mit großen Augen betrachteten die Leute die Sachen.

„Mama! Kartoffeln!“, sagte das mausgesichtige Mädchen mit heller Stimme. „Ganz viele!“

Ihre Mutter streichelte ihr über das blonde Haar: „Ja, Karin. Kartoffeln. Und vieles mehr.“ Tränen traten ihr in die Augen und sie schaute den Bub an, dass dem ganz anders wurde. „Du bist ein guter Mensch. Vielen Dank für die Lebensmittel.“

Uwe genierte sich wegen der übergroßen Dankbarkeit der Frau.

„Hab ich einfach aus dem Vorratskeller gemaust“, sagte er schnodderig. „Wir haben nicht viel, aber ein bisschen können wir doch abgeben. Da ist auch noch Getreide und ein Säckchen selbstgemachter Muckefuck aus Zichorienwurzeln und Roggen. Der ist schon fertig geröstet. Man muss ihn nur noch mahlen, dann kann man Ersatzkaffee kochen.“

„All das schöne Essen“, sprach der blonde Junge. Er schaute Uwe an: „Dankeschön. Das ist das schönste Weihnachtsgeschenk, das wir je bekommen haben.“

„Ich wollte, dass ihr über Weihnachten zu essen habt“, sagte der Bub. „Jetzt könnt ihr euch was kochen.“

„Du musst aber dableiben und mitessen“, sagte die Frau.

Der Bub wollte dankend ablehnen, aber sein laut knurrender Magen hatte seine eigene Meinung zu dem Thema. Also blieb er und half, Kartoffeln und Rüben zu schälen und die Möhren zu putzen. Dabei erfuhr er, dass das Mausgesichtmädchen zehn war und sein Bruder genau so alt wie er selber, obwohl der Junge kleiner und dünner war.

Die Frau schnitt etwas von dem Speck in kleine Würfel und ließ ihn in einem Topf auf dem Ofen aus. Darin brutzelte sie das geschnittene Gemüse ein wenig an, bevor sie es mit Wasser ablöschte. Sie fügte Salz hinzu.

„Salz haben wir noch“, sagte sie. „Sonst nichts mehr.“ Bald roch es verführerisch in dem kleinen Raum. Es roch so gut, dass einem das Wasser im Mund zusammenlief.

Der Bub schaute der Frau beim Kochen zu. Er wunderte sich ein wenig. Die Frau hatte dunkle, beinahe schwarze Haare, aber ihre Kinder waren hellblond. Vielleicht hatten sie die Haare von ihrem Vater.
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Der war nicht da. Der Bub traute sich nicht zu fragen, wo er war. Wahrscheinlich im Krieg gefallen oder in Gefangenschaft. Das war in vielen Familien so.

Sogar sein eigener Vater hatte ganz zum Schluss in den Krieg ziehen müssen, obwohl er ein steifes Bein hatte. Zum Volkssturm hatten sie ihn gesteckt, aber bevor er in den Kampf ziehen konnte, war der Krieg aus gewesen. Uwe war darüber sehr froh gewesen.

Karin und ihr Bruder räumten alles, was der Bub im Rucksack mitgebracht hatte, vom Tisch in die primitiven Regale. Das Holz stapelten sie neben dem Herd an der Wand. Die Frau stand am Herd und rührte im Eintopf. Sie schaute zu Uwe hin: „Wir hatten nichts mehr. Meine Lebensmittelkarte wurde gestohlen. Vor fünf Tagen. Ich stand Schlange beim Bäcker. Ich wollte Brot holen. Mir fiel die Karte aus der eiskalten Hand. Der Wind hat sie fortgeweht. Ich bin schnell hinterher, aber da hat jemand sie genommen und ist damit davongelaufen. Ich verfolgte den Mann, aber ich konnte ihn nicht einholen.“

„Wie kann man nur!“, sagte der Bub. „Jemandem die Lebensmittelkarte klauen! Haben Sie denn keine neue erhalten?“

Die Frau schüttelte den Kopf: „Ich war bei der Verwaltung, aber die haben mich fortgeschickt. Da könnte ja jeder kommen, hat der Mensch hinterm Schreibtisch gesagt. Die Karte als gestohlen melden und eine neue einkassieren und dann auf zwei Karten leben. Nee, nee, meine Beste. Wir sind ja nicht auf den Kopf gefallen. Lehnt sich zurück und grinst mich an.“ Die Frau ließ den Kopf sinken: „Wir hatten fast nichts mehr. Was sollte ich machen? Also bin ich raus in die Dörfer und habe gebettelt, habe verzweifelt versucht, etwas zu Essen zu bekommen.“ Sie presste die Faust vor den Mund. „Aber keiner hat etwas gegeben. Niemand. Ich musste mit leeren Händen nach Hause zu meinen Kindern.“ Sie schaute den Bub an: „Nur du hast gegeben.“ Sie zeigte auf den Eintopf, der vor ihr auf dem Herd kochte. „Und jetzt auch noch das und die anderen Sachen. Vielen Dank, Bub.“

„Hab ich gern gemacht“, sagte Uwe. Mehr brachte er nicht heraus. Es war ihm unangenehm, wie die Frau und die zwei Kinder ihn anschauten.

„Das Essen ist fertig“, sagte die Frau. „Horst. Karin. Stellt Teller auf den Tisch und holt Löffel.“

Kurz darauf saßen sie um den Tisch herum und aßen den einfachen Eintopf. So gut hatte es dem Bub schon lange nicht mehr geschmeckt.
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Der anstrengende Marsch hatte ihn hungrig gemacht. Die zwei Kinder der Frau aßen, als würde es nie wieder etwas zu essen geben.

Nach dem Essen schüttete die Frau einen Rest des Eintopfs in ihren Teller und ging zum Bett hinüber. Sie hob die Decke von dem kleinen Bündel, das dort lag. Zum Vorschein kam ein Kind von vielleicht zwei Jahren. Die Frau hob es auf: „Komm Monika. Du musst auch essen.“ Sie trug das kleine Mädchen zum Tisch, setzte es sich auf den Schoß und fütterte es in kleinen Portionen.

Uwe musste sich Mühe geben, das Kind nicht anzustarren. Es war winzig und dürr. Es sah aus wie ein verhungertes Äffchen. Es sah krank aus und müde. Es schaffte es kaum, das Essen zu kauen und hinunterzuschlucken. Immer wieder hörte es auf zu kauen und schaute aus stumpfen Augen ins Nichts. Es hatte dieselben dunklen Haare wie die Frau.

„Moni, du musst essen“, flehte die Frau. „Komm doch, Knuppelchen. Iss!“

Das kleine Kind hockte erschöpft auf dem Schoß der Frau und rührte sich nicht. Seine Augen waren halb geschlossen.

„Nicht einschlafen, Knuppelchen“, bat die Frau. Ihre Stimme nahm wieder jenen gehetzten, flehenden Ton an, den der Bub am Vortag gehört hatte. „Iss doch, Liebes. Um Himmels willen, iss! Du hast gestern fast nichts gegessen. Wenn du nicht isst, musst du sterben!“

Der Bub schrak zusammen. Sterben? Konnte es das geben? Dass ein Kind so müde und erschöpft vom Hunger war, dass es nichts mehr essen konnte und dann starb? Eine entsetzliche Vorstellung.

Er schaute in die Gesichter von Horst und Karin. Karins Mausgesicht wurde noch spitzer und ihre Augen waren in dem bleichen Gesicht riesengroß. Horst sah aus wie jemand, der gerade erfahren hat, dass er in fünf Minuten totgeschossen wird. Die beiden sagten kein Wort. Sie saßen nur stumm da und litten.

„Nicht einschlafen“, sagte die Frau. Uwe hörte, dass sie den Tränen nahe war. „Halt die Augen offen, Knuppelchen. Monika! Iss doch. Bitte!“

Das kleine Mädchen hing erschöpft in den Armen seiner Mutter. Es öffnete den Mund nicht, auch nicht, als die Frau den Löffel gegen seine Lippen drückte.

Die Frau fing an zu weinen: „Monika! Bitte iss etwas! Bitte!“

Der Bub glaubte wahnsinnig werden zu müssen. In seinem Inneren wühlte eine glühendheiße Klaue. Eine unsagbare Angst brodelte in seinem Bauch.
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Das kleine Kind würde sterben, wenn es nichts aß, und es konnte nichts essen, weil es so müde und entkräftet war. Es war so dürr wie ein kleines Äffchen.

„Bitte Moni!“, flehte die Frau unter Tränen.

Da hielt es der Bub nicht mehr aus. Er sprang auf und umrundete den Tisch.

„Aber Monika“, sprach er und lachte das kleine Kind an. Er sprach laut und deutlich, um die Aufmerksamkeit des Mädchens auf sich zu lenken. „Du musst essen.“ Er griff nach dem Löffel und hob ihn vor den Mund des Kindes: „Na komm schon, Knuppelchen! Augen auf und Mund auf! Schnapp dir das gute Futter!“

Ein kleines Lächeln erschien auf dem ausgemergelten Gesichtchen. Das Mädchen öffnete den Mund. Vorsichtig bugsierte der Bub eine Ladung Eintopf hinein. „Und jetzt schön artig kauen, hörst du! Sei ein braves Knuppelchen. Du willst doch nicht, dass deine Mama Angst kriegt.“

Noch immer lächelte Uwe und das kleine Mädchen erwiderte das Lächeln. Mit freundlichem Druck schaffte der Bub es, dass das Kind nach und nach fast den ganzen Teller leer aß. Irgendwann schüttelte es das Köpfchen und hielt die Lippen geschlossen.

„Bist wohl satt“, sagte der Bub. Er lachte das Kleine an. „Du hast ja auch eine ordentliche Portion verputzt. Na warte, jetzt mahlen wir den Muckefuck und dann gibt’s eine Tasse prima Ersatzkaffee.“

Er schaute die Frau an: „Sie haben doch eine Kaffeemühle?“ Auweia! Was, wenn nicht? Die Ausgebombten hatten ja so viel verloren. Das wäre jetzt aber echt peinlich.

Aber da sprang Horst auf und holte etwas aus dem Regal und hielt es Uwe hin: „Hat unser Papa gemacht, als er auf seinem letzten Heimaturlaub bei uns war. Das ist aus zwei leeren Kondensmilchdosen gebaut.“

Der Bub schaute die primitive Mühle fasziniert an. Man füllte das Mahlgut in eine trichterförmige Vertiefung im Blech und rieb mit einem ähnlich geformten Blech, in das spitze Zacken hineingehauen waren, das Mahlgut klein.

„Das ist aber praktisch“, meinte er, während er den Muckefuck in der primitiven Mühle klein rieb. „Schade, dass wir keinen Zucker haben. Ich habe im Keller keinen gefunden. Aber der Muckefuck schmeckt auch so ein bisschen süßlich. Man muss nur genau drauf achten, wenn man ihn trinkt.“

Uwe stand auf: „Aber zuerst machen wir es uns ein wenig weihnachtlicher.“ Er holte die Tannenzweige, die noch immer an seinem Rucksack hingen, legte sie sternförmig in die Mitte des Tisches und dann befestigte er den Kerzenhalter mit der Kerze daran.
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Die Kinder starrten den armseligen kleinen Möchtegernweihnachtsbaum an.

„Horst“, sagte die Frau leise. „Würdest du bitte?“

Der Junge holte einen dünnen Span, öffnete den Herd und entzündete den Span am Feuer. Dann zündete er damit die Kerze an.

Karin holte einen Kessel mit heißem Wasser vom Herd und goss es in eine Blechkanne. Der Bub gab den Muckefuck dazu und sie ließen alles ein paar Minuten ziehen. Ein angenehmer Duft verbreitete sich in der armseligen Behausung. Dann tranken sie alle den Ersatzkaffee aus Tassen, die aus den unterschiedlichsten Services zusammengestoppelt waren.

Still saßen sie da und blickten in das warme Licht der Kerze auf der Mitte des Tisches.

„Er schmeckt wirklich ein bisschen süß“, sagte Karin und ein Lächeln flog über ihr Mausgesicht.

„Das ist, weil ihr so eine prima Kaffeemühle habt“, sagte der Bub. „Euer Papa hat tolle Einfälle.“

Das Lächeln verschwand aus Karins Gesicht. „Er war im Februar kurz vor Kriegsende zum letzten Mal bei uns. Da hat er uns diese kleine Blechmühle gebaut.“ Sie schaute den Bub aus großen traurigen Augen an. „Drei Wochen später kam ein Brief, dass er an der Front totgeschossen worden ist.“

Also doch! Der Vater der Kinder war im Krieg gefallen.

„Das tut mir leid“, sagte Uwe. „Mein Papa musste auch in den Krieg, aber er kam zurück.“ Er schaute auf Monika. Die Kleine hatte ein paar Schlucke Muckefuck aus der Tasse ihrer Mutter getrunken und war danach in ihren Armen eingeschlafen. Die Frau stand auf; sie brachte das Kind zum Bett zurück und deckte es gut zu.

Der Bub stand auf: „Ich muss mich auf den Weg machen, damit ich pünktlich nach Hause komme. Es wird sonst zu spät.“

Die Frau lächelte ihn an: „Gottes Segen sei mit dir, Bub. Danke, dass du uns Weihnachten gebracht hast. Auch dir und deiner Familie ein frohes Fest.“

Uwe wurde ganz anders im Herzen, als er das hörte. Er räusperte sich, dann hängte er sich den Rucksack um und verließ die ärmliche kleine Wohnung.

Er war schon ein Stück weit gegangen, da kam Karin hinter ihm her, Karin, das Mädchen mit dem Mausgesicht. Ohne Vorwarnung fiel sie ihm um den Hals.
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„Danke“, sagte sie und drückte ihn ganz fest. Dann schaute sie ihm tief in die Augen und wieder wurde es dem Bub ganz anders. „Vielen Dank für Weihnachten. Du hast Knuppelchen gerettet. Monika hat seit Tagen fast nichts mehr gegessen. Mama war vollkommen verzweifelt. Sie hatte Angst, dass Moni sterben muss. Aber jetzt hat sie wieder Hunger. Sie wird leben.“ Wieder drückte Karin den Bub ganz fest: „Danke. Lieben Dank.“

Noch einmal lächelte sie ihn an, ein dünnes Mädchen mit einem Mausgesicht. Hübsch war dieses Mausgesicht, fand der Bub, und ihm schlug das Herz. Auch die Augen von Karin fand er hübsch.

Das Mädchen drehte sich um und rannte zurück zu der Ruine. Sie flog wie ein Reh über Schneewehen und Steinhaufen.

Der Bub machte sich auf den Heimweg. Immer wieder sah er Karin vor sich, das Mädchen mit dem hübschen Mausgesicht. Jetzt würde Monika nicht sterben müssen, hatte sie gesagt.

Ich sollte demnächst nochmal hingehen, nahm sich der Bub vor, auch wenn der Weg weit ist.

Er war weit, der Weg; weiter noch als morgens, so schien es. Die Straße zog sich ewig hin. Dem Bub wurden die Beine müde, so müde, dass er sich am liebsten am Wegesrand in den Schnee gelegt hätte, um auszuruhen. Aber er musste nach Hause. Es wurde immer später. Bald würde es dunkel sein.

Je weiter er vorankam, desto weniger weihnachtlich war dem Bub zumute. Zwar dachte er immer noch an die Frau und ihre Kinder, an Knuppelchen, das endlich etwas gegessen hatte, und an Karins Umarmung und ihre leuchtenden Augen.

Aber er dachte vor allem an zu Hause. Wie würden sie ihn empfangen? Er hatte Essen gemopst und war einfach mir nichts dir nichts auf und davon gegangen. Würden sie ihn ausschimpfen? Vielleicht war sogar Senge fällig. Na toll! An Weihnachten den Hintern voll! Da sollte man sich weihnachtlich fühlen.

Mir egal, dachte Uwe voller Trotz. Und wenn ihr mir das Fell gerbt, ich täte es auf der Stelle wieder. Ich habe Menschenleben gerettet. Ich habe einer verhungernden Familie Weihnachten gebracht. Geht doch in die Kirche und jodelt halleluja! Betet und sprecht dem Priester nach, dass man teilen soll, dass man Hilfsbedürftigen helfen soll, und verschließt danach eure Türen und Herzen! Pah! Ohne mich!

Und so kam er nach endlosen Stunden zumHause an, so müde, dass er vor Erschöpfung kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen konnte, und mit Verbitterung im Herzen und einem Kopf voller Trotz.
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Sollten sie meckern. Ihm war es egal.



„Wo kommst du her?“ Sein Vater stand vor ihm in der Stube. Die Mutter und die Großmutter saßen am Tisch und starrten ihn aus aufgerissenen Augen an. „Wo zum Kuckuck kommst du her?“ Er holte aus und haute dem Bub mit rechts eine runter. Dann mit links. „Wo kommst du her? Wo warst du?“ Weitere Ohrfeigen. Fest. „Wir sind umgekommen vor Sorge! Was fällt dir ein, einfach abzuhauen!“ Peng. Peng. Rechts und links.

„Ich war Weihnachten bringen!“, schrie der Bub und duckte sich unter den Ohrfeigen. „Ich habe einer Familie zu essen gebracht. Die waren am Verhungern! Sie wären gestorben! Sie hatten keine Lebensmittelkarte mehr! Die wären alle vier gestorben!“

Wieder schlug sein Vater zu, aber es waren keine Ohrfeigen, es war eher wie das Schlagen von Bärentatzen und dann mehr wie ein Grabschen und dann grabschte er den Bub und presste ihn an sich, so fest, dass Uwe die Luft wegblieb.

Heulen. Lieber Gott! Das ist der Vater! Mein Vater!

Der Vater heulte wie ein Wolf, laut und schluchzend. Er umarmte Uwe und heulte. Es schüttelte ihn heftig durch. „Wo warst du? Um Himmels willen! Wir waren außer uns vor Sorge! Es hätte dir weiß Gott was passieren können! Wir wussten nicht, wo du warst!“

„Aber die Frau hat es doch gesagt“, rief der Bub. „Schubertstraße 14.“

„Davon wussten wir nichts“, sagte die Mutter. Der Vater ließ den Bub los. Tränen liefen ihm übers Gesicht. Die Oma schaute mit großen Augen voller Angst und Sorge.

„Sie hat es doch laut geschrien“, rief der Bub. „Draußen, als sie im Schnee lag und um Erbarmen flehte: Schubertstraße 14. In der Schubertstraße 14 verhungern meine Kinder.“

Er schaute seine Mutter an: „Du hast es nicht mehr gehört, weil du die Tür zugemacht hast.“

Er trat einen Schritt zurück. „Ich war dort. Drei Kinder hat die Frau, und der Mann ist im Krieg gefallen. Einer hat ihr die Lebensmittelkarte gestohlen und sie hatten seit Tagen nichts zu essen! Da war Monika. Die ist noch ganz klein. Zwei Jahre alt. Die sieht aus wie ein runzliges, dürres Äffchen, und die wäre beinahe gestorben vor Hunger! Weil sie zu schwach zum essen war!“

Und der Bub begann zu erzählen, langsam und stockend zuerst, dann immer fließender und lauter.
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Nichts ließ er aus, auch nicht, dass er Speck gemopst hatte. Wie weit der Weg gewesen war. Wie müde er geworden war. Alles erzählte der Bub.

Dann stand er vor seinen Leuten, jetzt erst recht trotzig und voller Entrüstung. Sollten sie ihm Senge verpassen. Jetzt war ihm alles egal. Er hatte getan, was er getan hatte, und er fand es richtig. Er hatte Menschen in größter Not geholfen. Er hatte sie vor dem Tod bewahrt.

Das sagte er auch alles. Er nahm kein Blatt vor den Mund.

Seine Leute hörten ihm zu, den Mund offen, ungläubig und sprachlos.

„So“, sagte der Bub zum Schluss. „Das war alles.“ Im Raum nebenan hustete Else. Sie lag noch immer im Bett. „Stellt euch mal vor, Elschen würde allein zuhause sitzen, dürr wie ein Äffchen und hätte nichts zu Essen und müsste sterben!“ Er schaute zuerst seinen Vater an, dann die Mutter und danach die Großmutter: „Ich tät’s auf der Stelle wieder! Weil es sein musste! Jetzt wisst ihr’s!“

Still wurde es in der Stube, so still, dass man eine Stecknadel zu Boden hätte fallen hören. Lange war es still, so lange, dass der Bub meinte, seine Leute wären zu Ölgötzen erstarrt, die sich nie wieder bewegen würden.

„Ja“, sagte der Vater schließlich mit einer ganz sonderbaren Stimme, einer Stimme, wie sie der Bub noch nie gehört hatte. „Dann mach ich mal eben schnell rüber zu Meyers Schorsch und borge mir seinen Schlitten. Der unsere ist ja viel zu klein. Der reicht ja kaum für Brennholz. Wir müssen ja wenigstens einen Sack Kartoffeln drauf packen und noch das andere Zeug.“

Die Mutter erhob sich vom Tisch: „Ich hole die alten Decken vom Speicher. Die liegen da schon drei Jahre herum. Ich wollte sie nie weggeben. Ich dachte mir: Eines Tages werden sie gebraucht.“

„Bring gleich Weizen und Roggen mit“, sagte der Vater mit dieser seltsamen neuen Stimme.

Die Großmutter stand auf: „Ich weiche Bohnen über Nacht ein. Gleich morgen ganz früh koche ich einen dicken Bohneneintopf. Den gebe ich euch in einem verschlossenen Topf mit. Den braucht sie dann bloß noch aufzuwärmen.“

Die Mutter zählte an den Fingern ab: „Ein paar Eier, Möhren, Rüben, Zucker, Milch in der Kanne mit dem Schraubdeckel, Mehl ...“

Der Bub stand da, und er wusste nicht, wie ihm geschah.

„Gleich morgen früh ziehen der Bub und ich los“, sagte der Vater, und jetzt war eine Wärme in seiner Stimme.
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„Wir müssen hinterm Knick noch Holz machen. Die in der Stadt haben ja viel zu wenig zum Heizen.

„Ich geh mal Mehl holen“, sagte die Oma, und auch sie hatte diese Wärme in der Stimme. „Und wisst ihr was? Ich backe einen Kuchen! Jawohl! Genau das mache ich. Es ist noch Zeit genug.“

„Ich helfe dir, sobald ich die Decken und ein paar Säckchen Mehl vom Speicher geholt habe“, sprach die Mutter. Auch ihre Stimme hatte diese herrliche Wärme.

Der Bub aber stand da. Er schaute von einem zum anderen, sah die Wärme in ihren Augen und dann endlich fühlte er diese Wärme auch in seinem Herzen. Er fühlte Tränen aufsteigen und es war ihm egal, dass er weinte, auch wenn er schon groß war, fast zwölf.

Er weinte vor Glück. Alles war gut. Sie würden der armen Familie helfen, sie alle zusammen. Sie würden tun, was Jesus damals von den Menschen erbeten hatte: den Notleidenden helfen und den Einsamen Trost spenden.

Er fiel seinem Vater um den Hals. „Danke“, quetschte er hervor. „Danke euch allen.“

Sein Vater drückte ihn fest an sich.

Der Bub war froh. Alles war gut. All der Trotz, all die Verbitterung wich aus seinem Herzen. Zurück blieben nur Freude und Glück. Er hatte Weihnachten gebracht und nun war Weihnachten zu ihm zurückgekommen.
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Kommentare zur Story:

  Hallo Evi
Schön, dass dir meine Weihnachtsgeschichte gefällt. Die Authentizität? Ich habe meine ganzen Dokus über die Nachkriegszeit mal wieder angeschaut und da gibt es in einem Film ne Szene, wo eine verhärmte Frau im Schnee an einem Bauernhof abgewiesen wird und mit hängenden Schultern davongeht. Diese Szene in der Doku habe ich als Kind schonmal gesehen. Das wieder zu sehen, hat mich dermaßen gepackt, dass daraus diese Weihnachtsgeschichte entstand. Manchmal kommen die guten Einfälle einfach so daher gesegelt. Meistens werden daraus dann die besten Geschichten.
Und es ist echt toll, wenn so eine Geschichte dann Kommentare von Lesern bekommt, die schreiben, dass die Geschichte sie "gepackt" hat oder zu Tränen gerührt.  
   Stefan Steinmetz  -  09.12.19 10:31

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  Hallo Stefan
Wieder so eine tolle Weihnachtsstory von dir. Diesmal habe ich aber nicht geweint, weil ich mich zusammengerissen habe. Soll heißen, eigentlich wars wieder zum heulen schön. Mein Mann hat aber geschnieft als ich ihm die Geschichte vorgelesen habe. Wieder große Spitze. Wie schaffst du das nur, dermaßen authentisch zu sein, obwohl du wohl in dieser Zeit noch gar nicht gelebt hast? Ich bin ein altes Semester und weiß daher, wie es damals zugegangen ist. Es stimmt genau. Kleine kritische Anmerkung zu deiner Story trotzdem, manchmal kann solch ein Opfermut auch schiefgehen. So tatsächlich geschehen bei meiner Mutter (die lebt nicht mehr) deren Mutter hatte nämlich zuviel vergeben und die eigene Familie musste nachher hungern. Wie gesagt, der Bub hatte alles wohl richtig eingeschätzt und diese Familie ist einfach toll. Eine sehr schöne Geschichte. Ich bin ganz begeistert.
L.G.  
   Evi Apfel  -  07.12.19 11:43

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Interessante Kommentare

Kommentar von "Buchwurm" zu "PK Chat Story 2 - return to life - (1-22)"

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Kommentar von "axel" zu "Mission Titanic - Kapitel 17"

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