Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten

Von:    ThiloS      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 2. Mai 2015
Bei Webstories eingestellt: 2. Mai 2015
Anzahl gesehen: 1005
Seiten: 4

Es wird wieder März im Lande, die Bäume schlagen aus und im Leben der meisten Männer über 45 beginnt das, was man früher als „zweiten Frühling“, heute als „Midlife-Crisis“ oder, wenn sie beginnen, Viagra zu fressen, weil die pubertären Kinder mehr Sex als sie selbst haben, als „Burn-Out-Syndrom“ bezeichnet.



Wir wollen uns in dieser kleinen, unklinischen Studie nicht mit den sogenannten Single-Männern und -Frauen gleichen Alters beschäftigen, denn für die gibt es einen Spezialausdruck: einsam. Nein, in dieser kleinen, nichtsdestotrotz unrepräsentativen Studien widmen wir uns der Spezies der verheirateten Männer, die auf ihr welkes Fleisch starren, während sich im Stockwerk drunter die Tochter mit ihrem neuen Freund dem Thema „die weibliche Anatomie in der praktischen Anwendung“ widmet, und die sich die Schicksalsfrage stellen: wars das?



Zum Glück für die allermeisten Ehemänner lautet die Antwort: „ja, das war es“ und mehr als sechs Mal Sex pro Jahr wäre ja auch eine Überforderung und diese Glücklichen kehren dann zu ihren Bankkonten, Aktienpaketen und 5er BMW zurück und kaufen sich eine ukrainische Notfall-Vagina im Club um die Ecke, natürlich diskret und mit Bar-Zahlung. Jeden Monat einen Fuffi zurücklegen und nach spätestens sechs Monaten ist genug Knete da, die keinem fehlt und von der die Ehefrau nichts weiß.



Die etwas Unglücklicheren unter uns treffen eine Single-Frau. Und landen bestenfalls in einer Schmieren-Komödie, schlimmstenfalls in einer echten griechischen Tragödie.



Auf einmal ist alles anders. Das ist jemand, der Dir mehr zu erzählen hat als die Gartenarbeitsliste für das Wochenende und die Einladung von Tante Annemarie, da ist jemand, der Dich toll und ansprechend oder wenigstens nicht abstoßend findet, mit dem Du die Antenne hast, die Du damals auch zu Deiner Frau hattest, bevor die auf draht- und sprachloses Beziehungsnetzwerk mit dauernder Tonstörung umgeschaltet hat und plötzlich ist wieder was los.



Das geht nicht Knall auf Fall, sondern schön langsam, wie alle schweren Erkrankungen. Am Anfang sieht man sich gelegentlich, mehr oder weniger zufällig, dann lancierst Du „Zufälle“, die deswegen keine mehr sind und man geht hier mal essen, da mal ins Kino, dort mal auf irgendein kulturelles und altersgerechtes Event wie eine Kunstaustellung mit seltsamen Bildern und politisch korrektem Rotwein.
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Oder zu einer Autorenlesung. Wie Sie heute Abend. Willkommen, sofern Sie nicht mit Ihrer Begleitung verheiratet sind. Sie werden in den nächsten Minuten leiden. Und mich hassen. Word!



Unsere alten Männer schweben wie Harry Potter auf Wolke Neundreiviertel. Während die Ehefrau daheim brav die Bügelwäsche macht und den letzten Kleinen aus der Schule abholt, sind unsere Helden dabei, herauszufinden, ob es „das wirklich war“. Und hier lautet die Antwort blöderweise: „Nein, war es nicht.“



Der einstmals biedere Ehemann ändert Stil, Gewohnheiten, sieht plötzlich anders und irgendwie besser aus und dank seines Habitus und der aus dem Haus gehenden Kids ist er finanziell unabhängig und bereit, zu teilen. Und er erinnert sich an damals, als sein Arsch noch fest und seine Stirnglatze nicht vorhanden war. Und daran, dass die heißen Girls in den 80ern einst fielen wie die Blätter im Herbst. Und er würde gerne die Geschichte wiederholen.



Tut er auch. Als Farce. Wie sich das für eine sich wiederholende Geschichte gehört.



Alle Zutaten sind da: eine leicht kriselnde Ehe, ein leer werdendes Haus, eine also „kritische Masse“. Fehlt nur noch der Zünder: die neue Bekanntschaft. Eine hervorragende Mixtur für eine fette emotionale Explosion, die die Hiroshima-Bombe wie einen Sylvester-Kracher aussehen lässt.



Am Anfang ist noch alles schick. Man geht gemeinsam weg und wenn unser Protagonist nicht bereits an Demenz leidet, dann fädelt er es schon so ein, dass die Umarmung „just like in old times“ schon mal diese ein/zwei Sekunden länger als „freundschaftlich angemessen“ dauert... Hübsch ist das, das Herz schlägt etwas höher, die Gedanken sind nicht mehr bei den miserablen Schulnoten der mittleren Tochter oder der fälligen Endrate für das Leasing-Fahrzeug, sondern bei der neuen Flamme und ja, es lässt sich so ein wenig ganz viel völliger Blödsinn zusammenphantasieren. So eine niedliche „was wäre, wenn - „ -Welt. Was wäre, wenn unser Protagonist ein Pony und ein rosa Barbie-Haus hätte? Oder ein schwedischer Bus wäre? So einfach mal „was ganz anderes machen“... Lachse angeln in Norwegen, Bilder für eine Kunstaustellung von Hamburg quer durch Frankreich und Spanien nach Madrid fahren, eine Ladung Trommeln nach Sankt Petersburg transportieren.
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Zum Trost: er ist nicht der einzige Idiot in dem Spiel. Denn der neue Schwarm, der ja auch nicht ganz grundlos Single ist, macht sich zuerst keine, dann wenige, dann ein paar und dann GANZ VIEL Hoffnung, dass ihr etwas angegrauter Held mit den Lachfalten um die Mundwinkel und den Sitzfalten in der Kniekehle entweder ausgerechnet wegen ihr oder um Himmels Willen doch nicht wegen IHR seiner Ehefrau ein fröhliches „geh sterben, ich wechsle jetzt das Bett“ zuruft.



Macht er aber nicht. Denn erstens hat er ja vielleicht doch ein paar Prinzipien, zweitens ist Personalabbau im privaten Bereich der Teuerste, drittens möchte unser Ehemann doch eher ungern auf den SUV, das Haus und die Altersversorgung verzichten, viertens außerdem und überhaupt.



Denn über kurz oder lang macht der neugeborene Held eine spannende und erschreckende Entdeckung: die „Neue“ hat auch Macken. Sogar ganz bitterböse und veritable Macken. Nicht mehr alle Latten am Zaun. Eine Sieben auf dem Würfel. Eine nasse Strickmütze auf. Nicht mehr alle Blumen am Strauss. Nicht mehr alle Tassen im Schrank!



Und die „Neue“ merkt, dass ihr Galan leider doch nicht so charmant und reizend, sondern tatsächlich ein langweiliger alter Arschbacken ist, der sie zwar ganz niedlich und entspannend findet – aber nur Montags bis Freitags von 17 bis 19 Uhr und ansonsten an Feiertagen und Wochenenden geschlossen hat. Und um Himmels Willen nicht vom Eheregen in die Beziehungstraufe kommen will. Nein, nicht anrufen, die echte, aber leider falsche Frau könnte drangehen...



Wenn beide Parteien jetzt vernünftig sind, geben sie sich artig die Hand und wünschen sich ein schönes Restleben und jeder geht wieder seines Wegs.



Weil aber alle komplett wahnsinnig sind, machen sie so lange weiter, bis wenigstens einer weint. Aber es war ja bis hierhin auch immer so nett... Und man hatte doch so ein gutes Verhältnis im wahrsten Sinne des Wortes...



SIE kriegt ziemlich fix mit, dass sie gegen die vielleicht biedere, aber patente und zuverlässige Ehefrau ungefähr so viele Chancen wie ein Kartoffelkanone gegen einen Kampfpanzer deutscher Bauart hat. Und sucht sich den Nächsten. Solange sie noch suchen kann, denn der Zahn der Zeit nagt ja an allen Beteiligten. Und steht erst die Fünf davor, ist ziemlich Sense mit Wein, Mann und Gesang.
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Das „späte Glück“ - und auch noch ohne Gleitcreme und blaue Pillen - gibt’s nur bei Rosamunde Pilcher. Und meistens ist da dann einer der beiden Glücklichen schwer krank und muss leider bald sterben.



ER schnallt erst gar nicht, dass er einen Konkurrenten um die Gunst Lady Marians bekommen hat und glaubt immer noch, er sei der einzige Robin Hood auf dem Turnierplatz. Denn während er mehr oder weniger ignoriert hat, dass er verheiratet ist, hat Lady Marian durchaus registriert, dass ihre Aussicht auf eine geregelte Altersversorgung im falschen Bett pennt und nicht gerade so aussieht, als wolle sie das verlassen und hat sich anderweitig zum Sheriff von Nottingham orientiert. Weil sie das kann und schon oft gemacht hat und Übung hat, während der Held immer noch glaubt, er sei handsome, tall and strong and the only One.



Und jetzt wird es endgültig zur Farce. Der Superman in seiner Frühantike sinnt natürlich auf Rache und Satisfaktion und da die gute alte Tradition des Säbel- oder Pistolenduells von einer unbarmherzigen Justiz gekippt wurde, greift er die tief in die Trickkiste. Sehr tief. Und zwar die der 16-Jährigen. Und nach dem Motto, „was Du kannst, kann ich schon zehn Mal“ sucht er sich auch eine neue Gespielin. Oder buddelt eine alte Gespielin aus dem gut bestückten Massengrab seiner vorehelichen Beziehungen aus, die auch den Rettungsring dicht daneben gefasst hat.



Die Ehefrau, die vielleicht über ein kleines Affärchen nochmal hinweggesehen hätte, wird ob der Nervosität des bisherigen biederen Familienernährers auch nervös, sucht sich vielleicht nach der guten alten „quid pro quo“-Regelung auch einen Teilzeit-Scheich, die Ex-Freundin wird sauer, weil ihr einstmals so schicker neuer Freund sich wie ein alter, eifersüchtiger Arschbratzen aufführt und die Neue fühlt sich benutzt als Trostpflaster, kann aber nicht einmal diese Funktion anständig erfüllen.



End- und sinnlose „Beziehungs-“Diskussionen an allen Ecken und Enden, Vorwürfe, Anwürfe, Chaos, Brände, Plünderungen und Brandschatzung und das alles nur, weil der zweite Lenz da war.



Herzlichen Glückwunsch. Gut gemacht, Ihr Deppen! Klatscht Euch alle gegenseitig ab. Einwechselspieler machen das so.
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Kommentare zur Story:

  Tja, das ist wirklich so eine Sache mit dem zweiten Frühling. Schön treffsicher, mitten ins Zwerchfell. Also voll gelungen.  
   Marco Polo  -  08.06.15 12:01

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