Schauriges · Kurzgeschichten

Von:    ThiloS      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 12. Mai 2010
Bei Webstories eingestellt: 12. Mai 2010
Anzahl gesehen: 1794
Seiten: 4

Es ist ein schöner Freitag-Abend, so wie heute, als ein nahöstlicher Diktator im Namen seines Gottes die Nerven verliert und quasi als Warnung und Vorreiter der Apokalypse einen 20kt-Nuklearsprengkopf aus billig zusammengebastelten Atomkraftwerksrückständen, die er eigentlich gar nicht haben dürfte, überraschenderweise über Frankfurt am Main zündet. Da er ja nicht wirklich böse ist, erfolgt die Explosion ungefähr 500 Meter über Frankfurt, da die Rakete nicht wirklich teuer ist, trifft sie nicht das Stadtzentrum, sondern Sachsenhausen.



Wir hier merken nichts, außer, dass die Lichter ausgehen und unsere Handys nicht mehr funktionieren.



Zu diesem Zeitpunkt haben es die Bewohner von Sachsenhausen bereits hinter sich. Die freigesetzten Neutronen, die mit einer flotten Geschwindigkeit von 1,4 mal 10 hoch 7 Metern pro Sekunde die spaltbare Masse innerhalb von 10 hoch minus 8 Sekunden durchflogen haben, lösen eine hübsche Kettenreaktion aus und setzen pro gespaltenes Atom eine kräftige Energie von ungefähr 200 Millionen Elektronenvolt frei. Das reicht normalerweise, um einen Toaster ungefähr 20 Millionen Jahre zu betreiben, wenn er nicht vorher kaputt geht. Noch einmal: diese Energie wird pro Atom freigesetzt. In der Summe entspricht das aber nur lächerlichen 20 Kilotonnen TNT, was der Sprengkraft der Hiroshima-Bombe entspricht, aber die Rakete war ja auch aus aserbeidschanischer Billigschrabbelproduktion, da darf man also nicht kleinlich sein.



In Sachsenhausen und Umgebung wird jedenfalls alles hübsch kontaminiert, was aber auch egal ist, weil es da sowieso hässlich und dreckig war und außerdem hat die Kontaminierung ja nur 0,8 Mikrosekunden gedauert, weil gleich danach jetzt die Feuerblase entsteht. Im Inneren dieser Blase herrscht die mollige Temperatur von 100 Millionen Grad Celsius, was ungefähr dem 20.000 fachen der Oberflächentemperatur der Sonne entspricht, die von den Gammastrahlen an die Umgebung abgegeben werden.



Praktisch bedeutet dies, dass sich das Frankfurter Taubenproblem mit einem Schlag erledigt hat, auf der Zeil werden bei McDonalds nicht nur Hamburger, sondern auch Mobiliar, Gäste und Personal gegrillt, die Discogänger erleben die heisseste, aber leider auch kürzeste Nacht ihres Lebens, Josef Ackermann, der ausgerechnet heute mal Überstunden gemacht hat, wird mit seinem hübschen Ledersessel zu einer Einheit zusammengebacken und morgen die Bilanzpressekonferenz absagen müssen.
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Es ist ja nichts so schlecht, dass es nicht für irgendetwas gut wäre.



Unterdessen dehnt sich unsere Feuerblase, die jetzt tatsächlich erst mickrige 25 Meter im Durchmesser hat, aus und treibt dabei eine Schockwelle mit rasanten 30 Kilometern pro Sekunde vor sich her, womit sie locker jeden Ferrari schlägt, kühlt dabei aber innerhalb vom 100 Mikrosekunden auf angenehme 300.000 Grad Celsius ab. Während dieser Zeit erledigt die Schockwelle die auf mehrere Jahrzehnte angelegte Stadt- und Strassensanierung auf einen Schlag, alles was höher als 5 Meter ist, wird in diesem Moment buchstäblich pulverisiert und die Grundstückspreise fallen schlagartig, was den potentiellen Verkäufern aber egal ist, weil sie mitpulverisiert werden.



Zu diesem Zeitpunkt bereits hat sich das Streitthema „Altersversorgung“ für ungefähr 70% der Frankfurter Bevölkerung erledigt und bestattet müssen sie auch nicht werden. Können sie auch nicht.



Immerhin bietet sich den Zuschauern in Groß-Gerau, Darmstadt und Seligenstadt jetzt ein hübsches Schauspiel, wenn der dort bisher unsichtbare Feuerball sich jetzt auf 180 Meter Durchmesser ausdehnt, wobei er durch die ionisierte Luft leider erst langsam sichtbar wird, aber es sind ja auch erst 15 Millisekunden um, man muss also Geduld haben.



Am äußeren Rand der Schockwelle ist es jetzt übrigens mit 3000 Grad Celsius bemerkenswert kühl, allerdings reicht das immer noch, um den coolen Sonnenbrillenträgern in den Offenbacher Diskotheken die Armani-Brillen ins Gesicht zu schweissen und die Klimaanlagen im Flughafengebäude und den paar Maschinen auf dem Rollfeld auf Volllast laufen zu lassen, was erbärmlich schlecht für die Umwelt ist.



Der Main ist dafür zu diesem Zeitpunkt nicht mehr vorhanden, weil er verdampft ist, was schlecht für die Binnenschifffahrt ist und den Frankfurter Hafen obsolet macht.



Immerhin wird jetzt aber endlich der eigentliche Feuerball sichtbar, in dessen Innerem immer noch rund 8000 Grad Celsius herrschen und der die letzten auf dem Boden verbliebenen Mauerreste zu interessanten neumodischen Skulpturen schmelzt.
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Nach ungefähr einer Sekunde hat der Feuerball dann eine Ausdehnung von 500 Metern erreicht und beginnt, zusammenzubrechen, aber es war ja auch nur eine mickrige 20kt-Bombe, wenn die Amerikaner in ein paar Minuten zurückschlagen, wird deren Bombe über der Schurkenstaatenhauptstadt fröhliche 20 Megatonnen haben, also ungefähr das 100 -fache unserer Billigbombe und deren Feuerball fackelt sich dann innerhalb von 20 Sekunden auf einen Durchmesser von 7 Kilometern auf, was sehr viel majestätischer aussieht - Qualität setzt sich eben durch.



Aber zurück zu unserer Bombe: die Druckwelle hat jetzt die Außenbezirke von Offenbach erreicht und pustet alle Gebäude nebst Bewohnern um und Mark Medlock muss sein morgiges Konzert absagen. Im Kern der Explosion entsteht allerdings bereits jetzt ein Unterdruck, was zu den hübschen Kondensringen einer typischen Atombombenexplosion führt, während die Schockwelle in Obertshausen Dächer und Glasscheiben wegreisst und für Nachfrage in der Baukonjunktur sorgen wird.



Alles, was sich in Heusenstamm, Hanau und Seligenstadt auf der Strasse befindet, wird mit einem Druck von satten 200 Kilopascal lustig durch die Luft gewirbelt, wer sich geistesgegenwärtig festgehalten hat, wird von herumfliegenden Glassplittern und Trümmerteilen perforiert. Vorteilhafterweise werden das die wenigsten noch merken, da sie zu diesem Zeitpunkt schon tot sind.



Unterdessen hebt sich jetzt der Feuerball majestätisch in die Höhe und reißt den Frankfurter Staub mit sich nach oben, am Frankfurter Flughafen geht jetzt nichts mehr, weil es nichts mehr da gibt.



Wer bis jetzt blöderweise am Rande einer Zone mit einem Durchmesser von ungefähr 10 Kilometer überlebt hat und glaubt, dass er jetzt nach Resthause gehen kann, sieht sich leider getäuscht. Im Zentrum der Explosion hat sich durch die Schockwelle ein Unterdruck gebildet und alles, was bisher nach Aussen geflogen ist, fliegt jetzt nach Innen. Autos, Personen, Hunde, Katzen, Mauer- und Menschenreste und Glassplitter, alles strebt dem Sachsenhausener Zentrum zu, so, wie das ja an Freitagabenden üblich ist. Wer in Darmstadt oder Hanau übrigens in den Blitz gesehen hat, ist jetzt blind, weil er sich die Netzhaut von den Augen geschossen hat.
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War so ein bisschen hell da. Zuschauern in Groß-Gerau hat es die Haut vom Leib gebrannt, wir haben lediglich einen leichten Sonnenbrand davongetragen.



Hier bei uns wird nämlich aus unserem lauen Frühlingsabend lediglich ein warmer Frühlingsabend, dafür aber kriegen wir eine leckere Dosis Strontium 90 ab, was für die Friseure in unserer Stadt einen unheimlichen Gewinneinbruch bedeuten wird, da uns die Haare ausfallen werden. In den nächsten paar Wochen kotzen wir uns wahrscheinlich die Seele aus dem Leib und außerdem werden wir alle innerhalb von 12 Monaten sterben.



Wenn Sie also über Frankfurt einen Blitz erblicken, bedeutet das in Praxi „scheiß auf Mülltrennung und Parkverbote“, sehen Sie direkt hinein und sehen Sie zu, dass Sie es kurz machen. Schönen Abend noch!
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Kommentare zur Story:

  Ein unglaublich talentierter Beobachter. Neige mein
bis dato interessiert zu nennendes Haupt demütig.
DAS ist Literatur, liebe Leute!!!  
   Stephan F Punkt  -  03.10.14 22:36

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  Tja, da hast du durchaus Recht. Man sollte doch das Praktische nicht dabei vergessen. Vor allem, wenn man dabei an die Überbevölkerung denkt und die vielen Depressionen, die so manch ein Mensch hat, die wäre er dann mit einem Schlag auch los. Trotzdem bin ich für eine Mülltrennung, so!  
   Jochen  -  15.05.10 21:30

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  Hallo Thilo, ich sortiere diesen Text jetzt einfach unter Schauriges und wenn du damit nicht zufrieden sein solltest, könntest du dich ja immer noch im Forum melden.  
   Tlonk  -  14.05.10 15:02

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  Schauerlich witzig. Das Lächeln gefriert, je länger man das liest. Ein toller Zynissmus, der dem Leser mehr sagt, als ein paar ernste Worte. Das hast du wirklich gut hingekriegt.  
   Petra  -  13.05.10 16:07

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  Hallo Thilo, ausnahmsweise gebe ich mal meine Meinung zu einer Story ab. Nachdem ich sie durchgelesen habe, würde ich sagen, sie wäre am Besten in der Rubrik Schauriges aufgehoben. Schauriges darf ruhig humorvoll oder traurig und etc. sein, aber ist bei dir der Schwerpunkt. Melde dich doch mal im Forum. Ich habe dort eine Nachricht für dich.
Liebe Grüße  
   Tlonk  -  13.05.10 11:21

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  Wumm, da kommt man ja blitzartig ins Schwitzen. Heiße kleine Story. Du fändest es wohl auch ganz kernig, wenn ruuuhig noch mehr abgerüstet würde - habe ich recht? Bombenstarke Geschichte.  
   doska  -  12.05.10 22:57

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