Kurzgeschichten · Winter/Weihnachten/Silvester · Romantisches

Von:    Robert Zobel      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 3. November 2003
Bei Webstories eingestellt: 3. November 2003
Anzahl gesehen: 2195
Seiten: 5

Der grüne, große Baum im Eingangsbereich ist schön. Ganz oben an der Spitze thront ein Engel mit gefalteten Händen. Schneeweiß ist sein Kleid und es glitzert wie Schnee im Sonnenlicht. Farbige Kugeln, Süßigkeiten und kleine Geschenke hängen an den Zweigen. Unter dem Baum hat man einen weißes Tuch gelegt. Darauf Muster aus Tannennadeln. An den Tannenbaum gelehnt, ein Schild „Für die lieben Bewohner, ein gesegnetes Weihnachtsfest“. Ohne Schild würde das alles viel herzlicher aussehen, denkt Clara, dreht den Rollstuhl herum und fährt den sterilen Gang zu ihrem Zimmer entlang. Die meisten Bewohner sind nicht da. Wurden von ihren Kindern oder anderen Verwandten abgeholt. Sind mit lächelnden Gesichtern in die dicken Autos gestiegen und ahnen noch nicht, dass sie nach Weihnachten schneller abgeschoben werden, als sie denken. Und dann wieder ein Jahr warten.

Die Bewohner, die nicht gehen können, sitzen weit hinten, im Besucherraum mit ihren Lieben und feiern dort. Man hat Clara gebeten, sich doch dazu zu setzen, aber was soll sie da? Mit wem soll sie sich unterhalten? Von den meisten Leuten, mit denen sie sonst so spricht, sind die Angehörigen da. Da will sie nicht dazwischenfunken. Keine kostbare Zeit rauben. Clara weiß, wie das ist. Die Alten zerren von Weihnachten ein ganzes Jahr und erzählen immer wieder, wie schön es doch diesmal war. Die Geschenke, die sie bekommen haben, stellen sie auf den Schrank wie Pokale und stolz erzählen sie wie groß die Enkel geworden sind. Ja, so ein Weihnachten gibt neue Energie. Wenn man denn nicht alleine ist. Über den Gang tönt der Schülerchor, der jedes Jahr hier spielt. Clara bleibt stehen, horcht ein wenig den jungen Stimmen. „Oh Tannebaum, oh Tannebaum“. Leise singt sie mit und schaut auf den Boden. Ja, das weckt Erinnerungen auf. Sie fährt in ihr Zimmer. Die Tür lässt sie offen.

Hier ist nichts dekoriert. Im Schrank stehen Bücher und auf dem Tisch, neben ihrem Bett, vertrocknete Blumen. Die Schwestern wollten die schon oft wegwerfen. Clara sträubte sich dann aber jedes Mal solange, bis sie gingen und „wirre Alte“ flüsterten. Clara hat gute Ohren.

Es sind Blumen, die sie selber pflückte. Als sie noch gehen konnte, die Hüfte noch nicht so schmerzte und sie noch Besuch bekam. Das ist fünf Jahre her. Seitdem sitzt sie im Rollstuhl, seitdem tut die Hüfte weh und seitdem gibt es kein Weihnachten mehr für Clara.
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Irgendwo geht eine Tür auf, die Musik wird lauter und ein kleiner Junge läuft an ihrer Tür vorbei. Im Vorbeilaufen schaut er ins Zimmer hinein, läuft ein Stück weiter und kommt zurück.

„Was machst du denn da so allein?“. Er ist 8 Jahre alt. 2 Jahre mehr oder weniger. Als er sie fragt, legt er den Kopf ein wenig schief und schaut neugierig. „Ich überlege“ antwortet sie kurz, versucht auch zu lächeln, aber bekommt es nicht so richtig hin. „Aber es ist doch Weihnachten“. Der Junge soll gehen. „Ach, ich habe schon so viele Weihnachten erlebt, da kommt es auf eines auch nicht mehr an“. Dabei spricht sie diesen Satz so gequält, dass auch der Junge merken muss, dass sie es nicht so meint. Sie dreht den Rollstuhl. Draußen ist es schon dunkel. Die Schneeflocken wirbeln unter den Laternen und in dem Wohnhaus gegenüber feiert eine Familie. Man schaut direkt auf den Gabentisch. „Magst du Weihnachten nicht?“. Der Junge ist noch immer da. Ist näher gekommen und steht nun neben ihr. Sie schaut in seine glänzenden Augen. „Ich mag Weihnachten sehr, aber wenn man Weihnachten alleine ist, dann ist es nicht mehr schön.“. „Komm doch mit in den Saal“ versucht der Kleine aufzumuntern, legt beide Hände auf den Rollstuhl und will schon schieben. „Nein. Das will ich nicht“ unterbricht sie ihn in seinem Tun. „So ein Weihnachten will ich nicht. So wie früher soll es sein. Die Familie kommt zusammen, alle kochen, man singt schöne Lieder, spürt die Wärme der Liebe und fühlt sich einfach nur wohlig gut. Das bringen mir eure Lieder nicht. Es ist nett gemeint“, sie streichelt mit ihrer alten, über seine zarte Hand „aber ich habe lieber meine Ruhe. Ich reise in Gedanken zurück zu früheren Weihnachtsfesten.“.

Lange bleibt der Junge und hört ihr aufmerksam zu. Das er eigentlich aus dem Auto ein paar Gesangsbücher holen sollte hat er vergessen. Er lauscht den Erzählungen vom alten Weihnachten, wundert sich darüber, dass die Kinder früher schon mit einer Apfelsine zufrieden waren und das man sich viel Selbstgebasteltes schenkte. Damit, so erzählte die Alte, zeigte man, das der Beschenkte einem viel wert ist. Ein Stück Zeit, ein Stück Leben. Jede Sekunde ist ein Stück Leben so sagte sie noch.
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Geld ist nur eine negative Füllung von bequemen Menschen.

Irgendwann kam dann die Chorleiterin und schleifte Tom aus dem Zimmer. Clara erzählte ihm gerne. Lange hatte ihr niemand mehr zugehört. Wirklich zugehört. Der Kleine, Tom, hatte nach Sachen gefragt, die sie noch weiter in die Erinnerung brachten und fast war es so, als wenn ihr Enkel da sitzen würde. Und so hatte sie auch mit ihm gesprochen. Von Großmutter zu Enkel.



Heute einen Tag nach Weihnachten, sind die meisten Alten wieder da. Nebenan geht die Spülung, im Gang sind die ersten schlurfenden Schritte zu hören und die Schwestern rufen zum Frühstück. Ein Pfleger hilft ihr in den Stuhl. Zum Tisch fährt sie selber.

Sie ist nicht neidisch auf die fröhlichen Gesichter am Esstisch. Die glücklich Abgeholten reden untereinander, die gestern dem Chor zuhörten summen noch leis die Weihnachtslieder. Gegenüber sitzt Else. Clara mag sie nicht sonderlich. Sie erzählt davon, dass sie von ihrem Jungen im Sommer abgeholt wird. Wie sie sich diesen Tag im Sommer in allen Einzelheiten ausmalt ist schon traurig. Ihr Sohn hat ihr das schon letztes Jahr versprochen. Er weiß um die Vergesslichkeit seiner Mutter.

Die Frühstückstische sind mit kleinen Weihnachtsmännern und Tannenzweigen geschmückt. Dazu liegen grüne Deckchen unter jedem Teller. Clara hat keinen Hunger, aber auch keine Lust, irgendwem zu erklären, dass sie nichts essen will. So nimmt sie das Brot und stopft es in ihre Kitteltasche.

„Frau Wilpert. Besuch“. Clara muss erst einmal registrieren, dass sie gemeint ist. Alles wird ruhig und alle Augen ruhen auf ihr. Das hat man noch nicht erlebt. Clara und Besuch? Und selbst Clara bleibt ungerührt. Das muss ein Fehler sein. „Frau Wilpert. Da ist wer für sie“. Ein Pfleger kommt hinzu und will sie ins Besucherzimmer schieben. Clara jedoch nimmt ihm die Arbeit ab, legt ihre Hände auf die Reifen und rollt selbst dahin. Sie hat noch nicht das Zimmer erreicht, da kommt ein kleiner Junge herausgestürmt. Tom. Freudig umarmt der Kleine die Alte im Rollstuhl.

„Er hat den ganzen Abend nur noch von ihnen erzählt“. Eine Frau im mittleren Alter kommt durch die Tür. Carla lächelt und drückt Tom. Neugierige Bewohner schleichen an der Tür entlang.
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„Wir haben uns überlegt. Mein Mann und ich und natürlich Tom, dass wir sie gerne einladen würden, bei uns die Festtage zu verbringen“. Ein lächelnder Mann tritt dazu. „Aber?“. Clara sieht sie ungläubig an, drückt Toms Hand. „Ich würde doch nur stören“. Dabei schaut sie auf den weißen sterilen Boden. „Ach Quatsch“ ruft Tom. Seine Mutter fügt bekräftigend dazu „Uns würde es eher stören, sie am ersten Weihnachtstag nicht dabei zu haben. Wie wir hörten, sind sie ein interessanter Gesprächspartner.“ Dabei streichelt sie Toms Kopf und nimmt die andere Hand Claras.

Wie soll sie da nein sagen können und wollen tut sie es auch nicht. Nette Eltern hat Tom. Eine warme Herzlichkeit strömt aus ihnen. Hüllt sie schon im Auto wohlig ein. Der Rollstuhl liegt zusammengeklappt im Kofferraum. Tom singt mit Clara Weihnachtslieder und vorne summen die Eltern mit.

Ein paar mal überlegt Clara, ob es Mitleid ist, der sie nun eingeladen hat, aber ein Blick in Toms Gesicht spricht Bände. Schön, dass sich jemand freut, dass sie ist.

Die Wohnung ist klein, aber gemütlich. Die Fenster sind mit selbstgemachten Eisblumen behangen. Kunstschnee ist auf die Scheiben gesprüht. Ein Fensterbild mit einer Kirche, einem Schneemann und einem Weihnachtsmann mit großem Sack hängt in der Küche. Darunter im Herd brutzelt eine fette Gans. Erstaunlich gut, kann sie ihren Rollstuhl hier lenken. Man sieht, das man die Möbel extra ein wenig näher an die Wand geschoben hat. Tom zeigt ihr sein Zimmer. Wie bei jedem Kind liegen die Spielsachen bunt verstreut auf dem Boden. Das Bett ist gemacht und darauf liegt ein Buch. Mühsam strengt sie ihre Augen an, schaut nach dem Titel. Gebrüder Grimm. Sie lächelt. Diese Märchen werden wohl alles überdauern. „Papa holt gleich die Gitarre“ sagt Tom aufgeregt und führt sie ins Wohnzimmer. Sie singen Weihnachtslieder, bis der Braten gar ist. Es schmeckt herrlich. Clara fühlt sich gänzlich eingebunden und für einen Moment vergisst sie, dass es gar nicht ihre Familie ist, die da im Kreis sitzt.

Nach dem Essen erzählt Clara über ihr Leben. Die drei hören gespannt zu, hinterfragen und staunen. Sie erzählt traurige Dinge, lustige und lehrreiche Sachen. Tim rennt in einer Erzählpause, Clara trinkt ein Glas Wasser, in sein Zimmer und kommt nach einer kleinen Weile wieder.
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„Hier das ist für dich“. Strahlend überreicht er ihr ein kleines Geschenk. Es ist schlecht im Geschenkpapier verpackt. Die Schleife ist falsch gebunden. Glitzerndes rotes Papier in Falten. Vorsichtig öffnet sie die Schleife, streift das Papier ab und sieh das Geschenk. Ihr kommen die Tränen. Schnell wischt sie sich die Tropfen weg. „Danke“. In den Händen hält sie eine selbstgemachte Tischdecke. Solche hat sie vor 50 Jahren selber gemacht. Mit Papier und Schere. Dazu hat er es mit Buntstiften bemalt. Sie zieht ihn zu sich herab, drückt ihn und küsst ihm seine Stirn. „Danke“ sagt sie noch einmal und schaut dabei auch die Eltern an.

Gern würde sie nun dem kleinen Tom auch etwas schenken. „Tom gib mir mal meine Tasche“. Tom holt sie, doch als er sieht, das Clara ihre Brieftasche herausholt, legt er seine Hand auf ihre und sagt für sein Alter etwas sehr kluges: „Nein ich habe alles was ich brauch. Gestern war Weihnachten. Das schönste Geschenk, was man mir machen könnte, wäre eine liebe Oma“. Dabei kullern ihm ein paar Tränchen die rosigen Wangen herunter. Auch Clara fängt an zu weinen und drückt den Kleinen.

Später am Abend, Tom schläft schon, erfährt sie, dass Toms Großmutter vor 2 Jahren gestorben und er bei ihr aufgewachsen war.

Erst am nächsten Tag bringt die Familie Clara zurück, verspricht wiederzukommen und sie kommen jedes Wochenende.

Die selbstgemachte Decke hat Clara einrahmen lassen. Ihr schönstes Weihnachtsfest und das tollste Geschenk, eine neue Familie.
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Kommentare zur Story:

  Eben ist diese Weihnachtsgeschichte von dir nach oben gespült worden. Robert, von dieser Seite kennt man dich noch gar nicht.*Schnief* War das toll.  
   Petra  -  25.06.09 09:54

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Selten genug, daß es einer schafft, daß mir die Tränen kommen... dafür 5 Punkte!  
janina  -  17.10.04 13:04

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  Hi!
Habe die Geschichte in "Kurzgeschichten" gelesen und wollte noch mal meinen Senf dazugeben. Ich hätte anderes von dir erwartet, bin aber keinesfalls enttäuscht, denn die Story ist schön und gut geschrieben, und darum zu Weihnachten genau richtig. Ich bin gespannt auf weitere Veröffentlichungen in der Zeitschrift...  
Christian Dolle  -  03.01.04 13:25

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  ein recht ungewohnter Text von dir, mit viel Einfühlungsvermögen und ohne den humorvoll-satirischen Ton geschrieben...
eine berührende Geschichte, liebevoll und gekonnt geschrieben.
5 Punkte und liebe Grüße,
Heidi StN  
Heidi StN  -  08.11.03 08:23

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  Ein bißchen rührselig, grade richtig zu Weihnachten - aber ich vermisse die Realität (und einige Satzzeichen).  
Nele  -  04.11.03 20:56

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