Kurzgeschichten · Trauriges

Von:    René Oberholzer      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 28. Juli 2026
Bei Webstories eingestellt: 28. Juli 2026
Anzahl gesehen: 55
Seiten: 2

"Auf und davon", sagte sie und wollte alles hinter sich lassen, ihre Familie, ihre Freunde, ihren Geburtsort, ihre Heimat, "einfach nur weg", sagte sie, "nur weg aus diesem Land, in dem alles zubetoniert ist, die Steuern zu hoch sind und man sich fragt, wofür man eigentlich arbeiten geht. Kommst du mit?", fragte sie mich, "nur du und ich könnten in einem anderen Land im Süden ein neues Leben beginnen, in dem nicht alles so eng ist, die Menschen offener und nicht so grimmig sind. Auch an das Essen könnte man sich schnell gewöhnen, es wäre auf jeden Fall gesünder, ebenso die Luft." Ich hörte zu, war überrascht über den Vorstoss, der aus dem Nichts gekommen war und sich nicht angekündigt hatte. "Und wie stellst du dir das Leben dort vor?" "Ich würde arbeiten gehen", sagte sie, "du würdest dort auch eine Arbeit finden mit deinen Fähigkeiten. Dann könnten wir eine Familie gründen, 2-3 Kinder aufziehen und in einem Haus auf dem Land den Sternenhimmel im Sommer betrachten. Ich bin fest entschlossen, diesen Schritt zu machen, aber ich möchte ihn mit dir machen", sagte sie. Ich dachte an meine Familie, an meinen Vater und meine Mutter, denen ich das Herz brechen würde, an meine Freunde, mit denen ich am Wochenende abhing, die mir diese Idee sicherlich ausreden würden. Ich dachte an meine Arbeit, die nicht gut, aber auch nicht schlecht bezahlt war, an meine Arbeitskollegen, die mich vermissen würden. "Na, was meinst du?", fragte sie. "Ich werde darüber schlafen", sagte ich.



Und ich schlief mehrere Tage darüber, nur kam keine Antwort dabei heraus, ich konnte das Blatt kehren und wenden, wie ich wollte, das Pendel schlug immer wieder zum Status Quo zurück. Nach ein paar Tagen fragte sie mich: "Na, wirst du dabei sein, wenn ich auswandern werde?" Ich sagte nichts, sagte, ich sei noch zu keinem Entschluss gekommen.



Die folgenden Tage und Monate sprachen wir nicht mehr darüber. Irgendwann im Herbst hatte sie ihre Wohnung gekündigt, die Koffer gepackt und war abgereist in Richtung Süden. Sie hatte offenbar eine Arbeit als Pflegefachfrau gefunden und konnte deshalb auswandern. 2 Tage, nachdem sie abgereist war, traf ein Brief bei mir ein, in dem stand: "Ich danke dir für die gemeinsame Zeit. Ich folge meinen Träumen. Leider ohne dich. Versuch nicht, mich ausfindig zu machen oder mir zu folgen. Lieben Gruss Kerstin." Ich stand in der Küche und wusste nicht, wie mir gerade wurde. Es fühlte sich an, als ob ich einen Stein verschluckt hätte, ich war wie zubetoniert.
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Als Erstes rief ich meine Eltern an. Die Antwort meiner Mutter: "Vielleicht ist es besser so. Sie war schon immer ein wenig speziell gewesen. Du findest sicher wieder eine nette Frau." Dieser Satz machte den Tag auch nicht besser. Ich musste das alles einmal sacken lassen. Ich hörte von Kerstin nichts mehr.



Die nächsten Wochen ging ich wie gewohnt zur Arbeit, zuerst wie durch den Wind, später ruhiger, entspannter. Das Leben ging weiter, aber ich fand keine nette Frau, wie mir Mutter das prophezeit hatte. Ich war zwar viel unterwegs mit meinen Kollegen, ich traf auch Frauen, aber da war keine dabei, die Kerstin auch nur annähernd das Wasser hätte reichen können. Ich lebte wie auf Halbmast, wie auf Schwachstrom, nicht voll bei mir. Mit der Zeit versuchte ich Kerstin immer mehr zu vergessen, doch sie tauchte immer wieder in meiner Erinnerung auf.



4 Jahre später erhielt ich einen Brief aus dem Süden. Beigelegt war ein Foto von ihr, ihrem Mann und ihrem ersten Kind. "Ich bin Mutter geworden", schrieb sie, "ich bin überglücklich. Nächstes Jahr werden wir ein Haus auf dem Land kaufen. Ich bin meinem Traum einen Schritt nähergekommen. Liebe Grüsse Kerstin." Ich las den Brief und wusste nicht, ob ich mich freuen oder vor Trauer in den Boden versinken sollte.
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Punktestand der Geschichte:   8
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Kommentar von "Marie" zu "optimistischer Pessimist"

Mir gefällt es, egal, was andere denken. Auch die berschrift lockt. Gruß marie

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