Der Mensch ist ein soziales Wesen. Zumindest wird es wieder und wieder in Sonntagsreden beschworen, man sagt uns, dass wir alle zusammengehören, dass die gesamte Welt eine Familie, dass sie gar ein Dorf sei, dass niemand ausgeschlossen, dass niemand abgetan, dass niemand übersehen werden sollte.
Gleichzeitig wird uns der Mensch entfremdet, wird er ja geradezu madig gemacht, das Miteinander wird kompliziert, bis irgendwann jede Interaktion einem Gang durch ein Minenfeld gleicht.
Die Unbefangenheit, die Lust am Miteinander, sie geht verloren. Es gilt das Wort Sartres: „Die Hölle, das sind die Anderen“. Die Anderen, sie sind Unsicherheitsfaktoren, sie reichern die Luft mit bakteriengeschwängerten Aerosolen an, sie sind launisch und unberechenbar, dabei machen sie Lärm und stellen unverschämte Forderungen.
Es gibt also guten Grund für den Rückzug aus dem Inferno des Beisammenseins, aus den ewigen Missverständnissen, aus den Konflikten, aus den damit verbundenen Reibungen. Die analoge Welt, diejenige mit den echten Menschen, sie ist selten ein Ort der Freude, sie bedeutet permanente Desillusionierung, die Erosion der Ideale, die Tristesse des Realen. Sie entspricht nicht dem, was die Glitzerwelt der Werbung, der Seifenopern und der New Age Seminare verspricht. Die analoge Welt ist zumeist grau, sie ist mühsam und langweilig. Der Mitmensch ist stumpfsinnig und unangenehm. Kein Vergleich zu den Helden, die die Medienwelt uns präsentiert.
Erquicklicher ist es, in der Phantasiewelt zu verbleiben und mit dem Realen so wenig wie nur möglich zu tun zu haben. Und die heutige Zeit bietet ja mehr als genug Gerätschaften, sich in ein Paralleluniversum zu verabschieden. Welches von Generation zu Generation perfekter wurde. Die ersten Computerspiele waren noch so einfach, dass schnell der Reiz des Neuen verflogen war. Mit der Zeit wurde das anders, jeder konnte es sich leisten, in der digitalen Welt seine Zeit totzuschlagen. Der Suchtfaktor fing an, durch die Dopaminausschüttungen beim Computerspiel eine größere Rolle zu spielen und irgendwann wurde der Menschentyp des digitalen Zombies allgegenwärtig. Kein Rauschgiftderzernat wird einem irgendwelche Probleme bereiten, wenn man der digitalen Droge verfallen ist und man wird auch keinen uniformierten Besuch bekommen, der die Computer und Smartphones einpackt und mitnimmt, weil man computersüchtig geworden ist. Die Abrichtung des Menschen auf die digitalen Technologien war erfolgreich und mehr und mehr wird das Leben ohne diese Gerätschaften undenkbar.
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In der Interaktion wird der menschliche Faktor zur Ausnahme, der Umgang mit den Algorithmen zur Regel.
Da der Mensch ein anpassungsfähiges Wesen ist, passt er sich seinem alltäglichem Umgang an, vor allem an den Umgang, den er von klein auf erlernt. Es beginnt mit der Mimik, die man früh zu deuten lernt. Es sei denn, man sieht mehr Smileys als Gesichter, dann lernt man es eben nicht oder nur rudimentär. Diesen Mangel wird man nicht bemerken, insofern man in der digitalen Welt verbleibt und damit den zwangsläufig entstehenden Missverständnissen im Umgang mit den Mitmenschen aus dem Weg geht. Wenn der Umgang vorwiegend aus Computern, aus Smartphones, aus Algorithmen und aus künstlicher Intelligenz besteht, so wird auch sein eigenes Denken sich verändern. Der technokratische Umgang mit den Kindern bewirkt einen technokratischen Umgang dieser mit der Welt. Sie kennen ja nichts anderes…
Laut dem Hirnforscher Manfred Spitzer sollten Bildschirmmedien keine Rolle zu spielen, bevor die Entwicklung des Gehirns ein bestimmtes Stadium erreicht und man sich die analoge Welt angeeignet hat. Allerdings ist es wohl illusorisch, Kinder ohne Fernseher und Smartphones aufwachsen zu lassen, auch wenn es für deren Entwicklung wahrscheinlich das Beste wäre. So wird wohl ein Verhalten, das man von Autisten kennt, mehr und mehr zum Normalfall werden, anscheinend ist das die Anpassungsleistung an die digitale Welt.
Da die damit verbundenen Technologien noch nicht lange auf dem Markt sind, so lässt sich das als „Fortschritt“ verkaufen. Unsere Prothesen sind von so beachtlicher Qualität, sodass wir das Laufen ohne Gehhilfen vernachlässigen können. Der Rollator wird zum Statussymbol, man kann wetteifern, wer den schönsten und wer den luxuriösesten hat. Jetzt wird sich wohl jeder an die Stirn tippen, doch der Umgang mit Denkprothesen ist der Normalfall geworden, viele der heutigen Menschen sind ziemlich hilflos geworden ohne die kleinen digitalen Helfer.
Fortschritt beinhaltet in diesem Falle die Nebenwirkung, die grundlegenden Kulturfertigkeiten und Verhaltensweisen nicht mehr oder allenfalls rudimentär zu erlernen, da diese „obsolet“ geworden sind. Am Computer ein Ass, im täglichen Miteinander ein Tölpel. Man kann darüber diskutieren, ob das Fortschritt ist, was überhaupt Fortschritt ist und was nicht, man kann sich berauschen an den ganzen technischen Möglichkeiten oder, wie ein Günter Anders in „Die Antiquiertheit des Menschen“, zurückschrecken angesichts einer möglichen Deformation des Menschen.
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Anders beschrieb vor einem halben Jahrhundert den damaligen Medienkonsumenten als „Masseneremiten“, der „hineingelöffelt in den Fernsehsessel“, in die Welt der Belanglosigkeiten abdriftet. Alle Schrecknisse dieser Welt würden zu Nippeskram, so Anders, man bekommt das Grauen hübsch zubereitet ins Haus geliefert. Kann man da noch Ernst und Unernst voneinander unterscheiden, Dringliches vom Nebensächlichem?
Was würde ein Günter Anders zu der Welt von heute schreiben? Die Glitzerwelt des Virtuellen ist wesentlich perfekter als vor einigen Jahrzehnten geworden, die Überschwemmung des Bewusstseins mit Müll ist weiter fortgeschritten, die analoge Welt befindet sich im Zustand des Verfalls und der Verwahrlosung, was die Tendenz zum Abdriften ins Reich der digitalen Seifenblasen begünstigt. Der Mensch ist antiquiert geworden, er ist obsolet, die künstliche Intelligenz weiß wesentlich besser als unsereins, wer wir sind, was wir wollen. Oder, was wir zu wollen haben, aber darüber spricht man nicht, schließlich wollen wir ja die Rahmenerzählung von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten aufrechterhalten, auch wenn ihr längst der Großteil der Substanz entzogen worden ist.
Worüber spricht man miteinander, wenn man in einer Welt lebt, die überwiegend aus Illusionen besteht? Wenn die persönliche Erfahrung mehr und mehr von den bunten Bildern aus der digitalen Wunderkiste ersetzt werden. Wenn man im Grunde genommen an allem zweifeln könnte, ja eigentlich müsste und wenn man deswegen keinerlei Aussagen treffen kann, von deren Wahrheitsgehalt und Relevanz man überzeugt ist. Im Grunde genommen bleibt man sein Leben lang in einer Art Kinderwelt, da die persönliche Reifung anhand der Kontakte und Konflikte mit der Realität weniger notwendig, eigentlich kaum mehr möglich ist. Und eine Nebenwirkung dieser Kinderwelt ist eine neue Form der Unmündigkeit. Die Bereiche, in denen Algorithmen oder Autoritäten die Herrschaft übernehmen und dem Individuum die Entscheidungskraft, ja die Fähigkeit zu derselben, aus der Hand genommen werden, die nehmen zu. Es ist sicherlich kein Zufall, dass der Großteil der Medien wie auch der Politiker sich eine gouvernantenhafte Art angewöhnt haben, mit dem Bürger zu kommunizieren, mit zunehmend kindischem Sprachgebrauch, vielleicht gewöhnt man sich auch daran, dass mit einem auf Kindergartenniveau kommuniziert wird.
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Eine dümmliche Sprache generiert einen dümmlichen Geist. In der neuen Welt braucht man nicht erwachsen zu werden...
Der Computer ist der bessere Mensch. Er ist perfekt, er ist unfehlbar, mehr und mehr vertrauen wir mehr den Algorithmen als dem eigenen Urteilsvermögen. Das Geschehen auf der Börse, das Auf und Ab der Kurse, Krieg oder Frieden, es ist in erster Linie das Ergebnis von Computerprogrammen, die selbstfahrenden Autos befinden sich in der Testphase, für den Kampfroboter ist Kriegsdienstverweigerung kein Thema. Der Kühlschrank bestellt alles nach, was aufgegessen worden ist. Rast einem nach dem Treppensteigen der Puls, so vereinbart die Armbanduhr einen Termin beim Arzt.
Die Zahl der Entscheidungen, die der Mensch eigenständig trifft, die nimmt ab, diejenigen der künstlichen Intelligenz nehmen zu.
Und so perfektioniert der Mensch seine erlernte Hilflosigkeit, seine Unmündigkeit. Ein fortlaufender Degenerierungsprozess ist die Folge. Die Degradierung des Menschen zum Anhängsel. Man kann ihn nicht sich selbst überlassen, man muss ihn unter Kuratel stellen.
Der auf diese Weise degenerierte Mensch wird uninteressant. Man kann mit ihm umgehen, man kann es auch sein lassen, es macht keinerlei Unterschied. Man kann den Menschen auch abschaffen zugunsten des Maschinenmenschen, davon träumt man zumindest in den Chefetagen des Silicon Valley. Nicht nur die sozialen Beziehungsgeflechte sind gefährdet, sondern auch die Existenz des Menschen an sich. Die Transhumanisten träumen vom Evolutionssprung mittels genetischer Veränderung und Implantierung von Computertechnik. Der Cyborg, die Menschmaschine, sie sei dem Homo Sapiens bei weitem überlegen, sie sei der Übermensch, den ein Nietzsche angekündigt habe… Es drängt sich die Legende vom Turmbau zu Babel auf, und man fragt sich, ob nicht vielleicht ein Stromausfall oder ob eine Verwirrung der Betriebssysteme irgendwann einmal dem Spuk ein Ende setzen sollte…?
Sind das, was die Propagandisten des Transhumanismus von sich geben, nichts weiter als ausufernde Phantasien psychisch auffälliger Subjekte, oder sind es die unausweichlichen Konsequenzen technologischer Entwicklung? Vielleicht auch die Konsequenz eines Denkens, in dem alles der Effizienz untergeordnet ist.
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Es stellt sich die Frage, ob eine Welt, aus der alles vermeintlich Überflüssige verbannt ist, lebenswert sein kann. Oder, ob ein übermäßig technokratisches Denken nicht den Umschlag in sein Gegenteil provoziert, der Hyperrationalist entdeckt den Schamanen in sich, den Nostalgiker, die Sentimentalität.
Vielleicht vermisst man ja doch etwas, die Welt von gestern, die Freiheit, das Gefühl der Gemeinsamkeit, die Wärme, das Miteinander. Vielleicht vermisst man auch nichts, da man frühzeitig auf den Umgang mit der künstlichen Intelligenz dressiert worden ist und mit der natürlichen Intelligenz nichts mehr anfangen kann.
Wahrscheinlich wird man so einiges verloren haben, doch womöglich wird niemand mehr da sein, diesen Verlust zu bemerken. Man könnte sich einsam fühlen, doch angesichts unzähliger Freunde auf Facebook ist Einsamkeit kein Thema, selbst wenn sich die meisten dieser Freunde als digitale Entitäten entpuppen und die Freundschaft nur simulieren. Der Schein schlägt das Sein und die Endorphinausschüttungen sind die Gleichen, ob sie nun auf Illusion beruhen oder nicht. Werden die vielen Freunde aus der virtuellen Welt einem beistehen, wenn das eigene Lebensschiff in schwere Fahrwasser gerät? Werden sie sich als Freunde erweisen, oder lediglich als kurzfristige Wegbegleiter, als Beziehungsnomaden? Die von der einen Ablenkung zur nächsten weiterziehen, sich immer dort berauschen, wo der Rausch am leichtesten zu bekommen ist… Werden deren Ratschläge irgendwelchen Wert beinhalten, oder sind sie Seifenblasen in einer illusionären Welt?
Die Fähigkeit, im Sturm zu bestehen, die wurde ja nicht erlernt. Wie so vieles nicht, das unsere mentale und physische Überlebensfähigkeit sichern würde. Wozu auch, man lebt von Ablenkung zu Ablenkung, bis man so veraltet geworden ist wie das Smartphone vom vorletzten Jahr. Die ewige Kindheit kommt an ihr Ende, Peter Pan wird zusammen mit dem Elektroschrott der Wiederverwendung zugeführt.
Die neue Welt, sie mag zur Dystopie verkommen, doch wird auch eine solche als Normalität empfunden, da jeglicher Vergleichswert abhanden gekommen sein wird. Vielleicht wird man aus irgendwelchen Erzählungen über vergangene Zeiten irgendwelche Geschichten hören darüber, wie arm die Menschen dran gewesen sind, damals, als sie noch keine allumfassende digitale Betreuung genießen konnten und sie sich den Gefahren des ungefilterten analogen Miteinanders aussetzen mussten.
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