Es war Sommer. Ich machte Ferien in Kroatien. Meine Freundin stammte aus der Gegend rund um Split und wollte ihre Verwandtschaft besuchen. Ihre Eltern wohnten in der Schweiz. Da ich mich in Kroatien nicht auskannte, war die Reise für mich etwas Aussergewöhnliches.
Meine Freundin liebte Pferde. Deshalb wollte sie einen Teil des Urlaubs unbedingt auf einem Bauernhof verbringen. Ihr Onkel Branko besass einen Hof mit einigen Pferden. Er lebte dort mit seiner Frau Milena etwas abgelegen vom Meer. Bereits am 3. Tag unseres Urlaubs statteten wir ihm einen Besuch ab. Meine Freundin Dunja freute sich, endlich wieder einmal reiten zu dürfen. Onkel Branko hatte ihr dafür extra ihr Lieblingspferd Nika bereitgestellt.
Vieles deutete darauf hin, dass der Ausflug zu Onkel Branko ein voller Erfolg werden würde, wäre da nicht diese Schlange gewesen, die das Pferd meiner Freundin aufbäumen liess und sie zu Boden warf. Da sie alleine ausgeritten war, dachten wir uns zuerst nichts dabei.
Als sie am Mittag aber nicht zum Essen erschien, obwohl sie sonst immer sehr pünktlich war, warteten wir noch eine Weile. Als wir dann um 13 Uhr noch immer nichts von ihr gehört hatten, begannen wir uns Sorgen zu machen, zumal wir gesehen hatten, dass sie das Handy zum Ausritt nicht mitgenommen hatte. So machte ich mich mit Onkel Branko um 13.30 Uhr auf eine länger andauernde Suche nach ihr. Schliesslich fanden wir sie in einer Senke, sie lag schmerzverzerrt am Boden und freute sich, dass wir sie endlich gefunden hatten. Ihr Perd stand einige Meter daneben.
"Ich kann mich nicht bewegen", sagte sie. "Tut dir irgendetwas weh?", fragte ich. "Ich kann mich nicht mehr bewegen", sagte sie unter Tränen. Als wir realisiert hatten, dass sie sich ernsthaft verletzt hatte, riefen wir den Notfalldienst an. Die schickten uns einen Helikopter. Nach einer halben Stunde setzte der Helikopter auf, und die Sanitäter luden meine Freundin auf eine Bahre und packten sie sorgfältig ein. Ich machte mir grosse Sorgen, dass etwas Schlimmes, etwas Bleibendes passiert sein könnte.
Gegen Abend rief uns das lokale Spital an. Der leitende Arzt, der Dunja untersucht hatte, teilte uns mit, dass der traurige Verdacht bestünde, dass meine Freundin querschnittsgelähmt sei. Ich erschrak bis ins Mark hinein. Wir hatten in der letzten Zeit so viele Pläne geschmiedet: Schöne Ferien, vielleicht Kinder, vielleicht ein eigenes Haus.
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War das das Ende aller Träume? Würde ich Dunja auch noch lieben als Querschnittsgelähmte? Viele Gedanken schossen mir durch den Kopf, viele Gedanken, die ich in ihrem ganzen Ausmass weder richtig einordnen noch richtig beurteilen konnte.
Schliesslich kehrte ich in die Schweiz zurück, ohne Dunja, ich musste wieder arbeiten gehen. Wir blieben aber telefonisch in engem Kontakt. Onkel Branko und Tante Milena schauten im Spital nach ihr.
Heute sind Dunja und ich nicht mehr zusammen. Sie hat einen Ehemann an ihrer Seite, zwei Kinder und ein kleines Haus. Irgendwie vermisse ich Dunja sehr.
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