SCHIMMER DER HOFFNUNG, Kap. 3, Teil 3 - SCHATTEN DER VERGANGENHEIT   116

Kurzgeschichten · Nachdenkliches

Von:    Ingrid Alias I      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 6. Juli 2026
Bei Webstories eingestellt: 6. Juli 2026
Anzahl gesehen: 340
Seiten: 6

Ein paar Leute, größtenteils ältere schwarzgekleidete Frauen kamen aus der Kirche. Der Gottesdienst war anscheinend vorbei. Spike schloss aus der Menge der Kirchgänger, dass es in Newcam nicht gerade vor gläubigen Christen wimmelte. Und es roch nach Koteletts. Nach Koteletts? Spike fragte sich, wie das wohl zusammenhing, bis ihm einfiel, dass heute Sonntag war.

Der Gottesdienst war zu Ende. Und zum Mittagessen gab es Koteletts. Vielleicht mit irgendwelchen Gemüsen, die in einer fetten Mehlschwitze schwammen. Kein angenehmer Gedanke.

Allerdings war es bis zum Mittagessen noch ein wenig Zeit. Und diese Zeit nutzten die Ehemänner des Ortes und natürlich auch die Junggesellen, die sich um den Kirchgang gedrückt hatten, um in der vielleicht einzigen Kneipe des Ortes ein ausgiebiges Bier zu nehmen. Und die meisten Koteletts würden kalt und die meisten Frauen sauer sein, wenn die Männer endlich nach Hause kamen.

Wo waren die in der Zwischenzeit? Er musste grinsen: Am Stammtisch, wo die Honoratioren des Ortes an ihrem speziellen Tisch sitzen und zwar in dieser Reihenfolge: Der Gutsherr, der Bürgermeister oder Sheriff, der Besitzer der Sägewerke, der größte Rinderzüchter, der größte Schafzüchter, der Apotheker – Spike glaubte allerdings nicht, dass dieses Kaff sich eine Apotheke leisten konnte – und schließlich der Lehrer. Nicht direkt verachtet, aber unterste Honoratioren-Schiene.

Die Normalsterblichen saufen an der Theke, wo sie hingehören, während die Honoratioren an diesem gewissen Tisch mit dem Schild ‚Stammtisch’ sitzen und saufen. Manchmal unterhält sich der Gutsherr kurz mit einem Bekannten an der Theke, wenn er vom Klo kommt. Allerdings geht er dann bald wieder an den Stammtisch zu seinen Spezies... Wobei sich die Gespräche zwischen den Männern am Stammtisch und denen an der Theke nicht sehr viel unterscheiden. Hauptsächlich geht es um Politik und Sport. Frauen sieht man keine bis auf die Wirtin hinter der Theke. Manchmal verirren sich Touristinnen in die einzige Kneipe des Ortes, aber die Mittagszeit am Sonntag ist die falsche Zeit dafür. Sogar der Dorfpapagallo, ansonsten für seine Geilheit bekannt, wagt es nicht, die Frauen anzuquatschen, denn zur Mittagszeit am Sonntag ist es ‚a man's world'. Meistens verlassen die Frauen dann fluchtartig und gedemütigt das Lokal.

Spike verspürte nicht viel Lust, die einzige Kneipe im Ort zu besuchen. Na gut, er verspürte JETZT noch nicht viel Lust, sondern fuhr langsam in eine der Parkbuchten, die vor dem Herrenhaus angelegt waren.
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Die beiden Wege vereinigten sich nämlich vor dem Herrenhaus wieder, und man konnte entweder zurückfahren – diesmal auf der anderen Seite – oder vor dem Herrenhaus parken. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Bis auf einen Fußweg, den Spikes scharfe Augen erspähten, aber da würde er mit dem Auto nicht entkommen – ach was dachte er da... nicht durchkommen können natürlich.

Und wieso Herrenhaus? Seltsam. Wie kam er auf das Wort? Es passte einfach. Obwohl es eigentlich nichts anderes als ‚groß’ war. Es war groß und rechteckig mit einem Beschlag aus altrosafarbenem Schiefer, der wohl in den zahlreichen Steinbrüchen des Columbia-Plateaus abgebaut wurde. Altrosa Zeiten. Es hatte viele Fenster und vor den Fenstern waren weißgestrichene Fensterläden angebracht

Das Haus war eineinhalbstöckig. Unten gab es zwei Treppen, die sich ähnlich wie die Wege vorm Haus vereinigten, nur führten beide Treppen diesmal zur großen geschnitzten Eingangstür. Untenherum gab es Säulen, Und irgendwie hätte es kitschig aussehen müssen, aber durch sein Alter - Spike schätzte es auf über hundert Jahre - war es für die USA schon verdammt alt. Es wirkte großartig, schön und ausgefallen. Aber vor allem wirkte es gemütlich. Gemütlich? Dieses überaus deutsche Wort fiel Spike automatisch ein.

Hinter dem Haus, Spike hatte so eine vage Vermutung, gab es einen riesigen Garten mit hohen Bäumen. Bei gutem Wetter wurden dort Liegestühle aufgestellt, und die nicht sonnenhungrigen Gäste - darunter würde sich auch Spike zählen - können sich der Sonne entziehen, indem sie den Schatten der riesigen Bäume aufsuchen und coole Drinks zu sich nehmen ... Hach, wie wunderbar!

Buffy träumte immer noch von einer Dusche.

Spike wollte gerade die Autotür öffnen, als er neben sich einen Mann auftauchen sah, der ihn freundlich anlächelte. „Du musst Bill sein“, sagte er zu Spike, der sich aus dem Auto schwang und sich reckte, weil seine Glieder von der langen Fahrt ziemlich steif geworden waren. „Wieso sind Sie nicht beim Stammtisch?“, fragte Spike ihn.

„Nicht doch, Bill“, sagte der Mann freundlich. „Ich hab ihn ausfallen lassen. Weil ich auf euch gewartet habe.“

„Du bist Frederic Cemfort?“ Spike ging automatisch zum Du über und wunderte sich über nichts mehr.
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Frederic machte den Eindruck eines mit allen Wassern gewaschenen Mannes, und er sah ein wenig aus wie der ältere Sean Connery. Ergo sah er sehr gut aus, und er hatte auch eine sehr wohltönende Stimme, die Sean Connerys Stimme sehr ähnelte. Spike mochte ihn vom ersten Augenblick an. Vermutlich war Frederic genauso ein Drecksack wie er selber ...

„Frederic? Ach was, nenn mich einfach Freddy. Wo ist denn mein Neffe?“, fragte sein angeheirateter, ja, was war er? Spike dachte kurz nach. Ach ja, er hatte Lilahs ältere Schwester geheiratet, und die war früh verstorben. Also war er sein Schwager irgendwie. „Immer mit der Ruhe, ääääh... Freddy. Ich hol' ihn schon“, sagte Spike. „Aber erst einmal möchte ich dir... äääh... Buffy vorstellen. Sie ist die Mutter von Morgan, meiner Tochter. Und sie kümmert sich ein wenig um Gwydion.“

Buffy war auch ausgestiegen und reckte ihre Glieder ein wenig. Sie kümmert sich ein wenig um Gwydion? Das fing ja gut an! Sie wollte auf der Stelle zurückkehren nach Woodcape unter diesen demütigenden Verhältnissen. Doch dann küsste Frederic Cemfort ihr galant die Hand und sie war beeindruckt. Er wirkte trotz des Handkusses kein bisschen verweichlicht, ganz im Gegenteil, dieser Landjunker, zugegebenermaßen nicht mehr der Jüngste, sie schätzte ihn auf 45 - 50 Jahre, wirkte absolut nicht unmännlich. Sogar sein leichter Landgeruch, eine Mischung aus Misthaufen, Pfeifentabak und Pferd wirkte absolut angenehm. Er hatte, Buffy spürte das sofort, etwas ungemein Väterliches und Vertrauenswürdiges an sich. Buffy hatte immer einen Vater vermisst. Eine zeitlang hatte sie ihn in Giles gefunden und dann wieder verloren. Mittlerweise hatte sie fast das Gefühl, Spike wäre ihr Vater, er war genauso streng wie ein Vater, und genauso wie ein Vater ließ er den Gedanken an Sex absolut nicht zu. Ich bin pervers, dachte Buffy. Spike als Vater, als gestrenger Vater, das ist wohl die absurdeste Vorstellung, die ich jemals hatte. Ich muss damit aufhören.

„Hier ist er“, Spike hatte mittlerweile Gwydion aus dem Van geholt und präsentierte ihn stolz seinem Schwager.

„Oh mein Gott! Was für ein Prachtkerl!“ Frederic Cemfort nahm Gwydion auf den Arm und wiegte ihn zärtlich. „Und was für eine Ähnlichkeit er mit Lilah hat!“

„Hat er?“, fragte Spike, der bisher immer nur gehört hatte, dass Gwydion ihm selber ähnlich sähe und möglicherweise auch Morgan.
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Er betrachtete Gwydion aufmerksam und ja: Er hatte Lilahs perfekte Nase und auch ihre Ohren.

„Oh ja. Außerdem sieht er Andy sehr ähnlich.“ „Bitte wem?“ „Andromeda, meiner kleinen Tochter“, erklärte Freddy. „Ich frage mich übrigens, wo das Kind steckt. Ach was, sie wird in den Ställen sein.“

Spike interessierte Freddys kleine Tochter herzlich wenig. Er hatte mittlerweile Morgan aus dem Van geholt und präsentiert sie Freddy mit den Worten: „Und das ist meine Tochter Morgan!“ Was sich ziemlich drohend anhörte, und Freddy reagierte auch dementsprechend wohlwollend. Er spürte wohl, dass sein Schwager Bill es nicht zulassen würde, dass jemand seine uneheliche Tochter Morgan irgendwie benachteiligte. Also sagte er: „Die ist aber wirklich hübsch!“ Woraufhin er auch Morgan auf den Arm nahm, nachdem er Gwydion an Buffy weitergereicht hatte.

Spike blickte ihn befriedigt an. Er hätte es nicht geduldet, wenn sein Schwager oder sonst wer Morgan nicht respektiert hätte. Meine Güte, er verhielt sich ja fast schon wie ein Mafia-Boss. „Oh, da kommt sie ja“, sagte Frederic gerade und blickte zu den Ställen herüber.

Ach ja, das Töchterchen, dachte Spike. Allerdings deckte sich sein erster Eindruck absolut nicht mit der Vorstellung Töchterchen oder kleine Tochter.

Er sah ein Mädchen aus der Stalltür herauskommen, fast schon eine junge Frau und dieses Mädchen hatte von weitem solch eine Ähnlichkeit mit Lilah, dass ihm die Kehle trocken wurde, denn das konnte einfach nicht sein! Sie trug verwaschene blaue Jeans, Reitstiefel und eine strahlend weiße Bluse. Und sie sah Lilah so ähnlich, dass ihm das Herz fast stehen blieb. Sie hatte das gleiche lange braune Haar mit den goldenen Lichtreflexen wie Lilah, nur mehr gelockt. Wahrscheinlich versuchte sie es zu bändigen und zu glätten. Ihre Lockenpracht hatte sie im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengerafft. Sie hatte fast die gleiche Figur wie Lilah, nur war sie nicht so zierlich gebaut wie Lilah, sondern kräftiger. Und sie war sowohl kleiner als auch größer als Lilah. Lilah musste ursprünglich recht groß gewesen sein, Spike wusste das, denn er hatte in einer Vision Gwydion im Alter von vielleicht 25 Jahren gesehen, und Gwydion war sehr groß gewesen. So groß wie ein Basketballspieler. Warum so groß? Spike vermutete, dass die Leute von W&H Lilah zwar kleiner neu erschufen, aber dass ihre Gene nicht kleiner zu machen waren.
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Und Gwydion hatte Lilahs Gene teilweise geerbt. Er würde groß werden. Spike wusste das. Das Mädchen, das er auf sich zukommen sah, war mittelgroß.

Als sie mit langen geschmeidigen Schritten näher kam, sah er, dass sie die gleichen gut geschnittenen Gesichtszüge wie Lilah hatte. Nur hatte sie graugrüne schräggestellte Augen statt Lilas blauer Augen. Sie erinnerte ihn an eine wunderschöne Katze. Beim Näherkommen verflüchtigte sich die Illusion vollkommen, Lilah vor sich zu haben. Das junge Mädchen war eine ganz andere Person, wenn auch mit vielen Ähnlichkeiten zu Lilah.

„Meine Tochter Andromeda. Wir nennen sie Andy“, sagte Frederic Cemfort und fügte hinzu: „Sie hat sich so auf ihren Neffen gefreut.“

Spike lächelte unsicher. Andromeda war schnell näher gekommen. Sie hatte ihn angeblickt und ihr Blick sah aus, als wäre sie bis ins Herz getroffen, aber sie verbarg diesen Blick, schaute kurz auf den Boden, wandte sich dann ruhig an Spike und sagte: „Das ist Gwydion? Natürlich ist es Gwydion. Ooooh, ist der süß!“ Sie nahm ihn auf den Arm und blickte ihn neugierig und bewundernd an. Und der Blitz, der in sie gefahren war, als sie Spike zum ersten Mal in Wirklichkeit sah, sie versuchte, ihn zu verdrängen. Wenn auch mit wenig Erfolg.

Natürlich hatte sie ihren angeheirateten Onkel schon auf einer DVD-Hülle gesehen, aber nichts hatte sie im entferntesten darauf vorbereitet, was für eine gewaltige Ausstrahlung dieser Onkel in der Realität auf sie haben könnte. Nein, auf so etwas konnte man durch nichts und niemanden vorbereitet werden. Es war Liebe. Es musste Liebe sein. Andromeda war zwar noch sehr jung, aber da sie dieses noch nie erlebt hatte, war sie bereit, es zu akzeptieren.

Spike stellte auch ihr Buffy als Mutter von Morgan vor. Spike hatte mittlerweile realisiert, schnell realisiert, dass Andromedas Erscheinung nur ein Truglicht seiner Erinnerung an Lilah war, aber trotzdem ... Wenn er nicht ganz genau hinsah, könnte er sich vorstellen, dass Lilah jetzt an seiner Seite wäre. Die Illusion wäre vollkommen. Ein verführerischer Gedanke, in den man sich fallen lassen konnte. Ooh ja! Aber er musste dem widerstehen.

Auch Buffy versuchte mühsam, sich zu beherrschen. Diese Andromeda – oh Gott was für ein Name! – war so wundervoll jung und sie war unschuldig, das wusste Buffy genau. Andy war vielleicht körperlich keine Jungfrau mehr, aber sie war noch unberührt von der Liebe.
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Andy kam ihr vor wie sie selber, bevor sie Angel kennen gelernt hatte. So unschuldig war sie damals auch gewesen. Und auch so anfällig für die Liebe. Für die Liebe zu Angel. Verdammt noch mal. Sie hatte den Blick gesehen, mit dem Andromeda Spike anschaute. Konnte es möglich sein, dass Andromeda sich in Spike verliebt hatte? Natürlich, warum nicht? Spike hatte das Charisma dafür. Er war zwar kein Vampir mehr, aber er hatte immer noch diese gewisse Ausstrahlung. Er war derjenige, welcher ...

Buffy fühlte sich auf der Stelle unglücklich. Das hatte sie so nicht erwartet.. Das erschwerte alles nur. Lilahs Schatten war eigentlich schon lang genug, und jetzt kam noch der Schatten von Lilahs Nichte dazu. Nein, das konnte einfach nicht wahr sein!
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