Wäre das Leben ein Film, stellte Summer sich diese Szene so vor:
Aufblende. Instrumentalversion von Falling Slowly im Hintergrund, Drama.
Fokus auf ihre silbernen Riemchensandalen, langsamer Schwenk über die nackten Beine nach oben, bis zum Saum des Kleides, das knapp über dem Knie endet. Die Kamera würde kurz auf dem Saum verharren, sein Spiel während ihrer Bewegung einfangen. Dann Kamerafahrt weiter nach oben, bis zu ihrem Arm auf Schulterhöhe. Die Kamera folgt dem Arm in Nahaufnahme, das Gesicht bleibt noch im Dunkeln, nur die langen blonden Haare würde man um Ellenbogen und Schultern fallen sehen. Man würde sehen, wie sie elegant ein Buch im Regal verräumt, im anderen Arm einen weiteren Stapel Bücher. Zum Schluss der Szene würde die Kamera über ihr Lächeln aus dem Gesicht zoomen, sodass man sie in totaler Schönheit erblicken würde. Cut.
Aber das Leben ist leider kein Film und Summers Main-Character-Moment wird in diesem Augenblick vom Klingeln der Ladenglocke plötzlich unterbrochen. Sie dreht sich um, zu schnell, und die Bücher auf ihrem Arm gleiten zu Boden. Sie seufzt.
“Guten Abend Signora Esposito”, ruft sie nach vorne, während sie sich schnell bückt und die verstreuten Bücher einsammelt.
Von wegen Eleganz. Schnell legt Summer die Bücher zur Seite und eilt nach vorne in den Laden. Die Kundin, eine kleine, alte Damen mit silbernen Haaren, Handtasche über dem Arm, tippt schon ungeduldig mit dem Finger auf die Ladentheke. Obwohl sie eigentlich gar nicht ungeduldig ist, aber das ist ihre Art.
Summer huscht flink hinter die Ladentheke und lächelt sie freundlich, aber noch etwas außer Atem, an.
“Was kann ich heute für Sie tun, Signora?”
“Buch”, sagt sie knapp. Kein Lächeln.
Innerlich beißt sich Summer auf die Lippe. Freundlich bleiben, Summer.
“Aber natürlich, sehen Sie.”
Sie erinnert sich, dass sie am Vortag ein Exemplar der Chronik der Stadt für die alte Dame bestellt hatte. Summer greift hinter sich, zieht das Buch aus dem Regal und präsentiert es Signora Esposito auf der Theke.
“Mhhm”. Sie kneift die Lippen zusammen, fast ein Strich.
“Ich hoffe, das ist was Sie suchten?” Summer tippt den Betrag in die Kasse.
“Wird schon passen.”
Ach, dieser Überschwang. Summer schlägt das Buch in braunes Papier ein, um es zu schützen und reicht es Signora Esposito.
Seite 1 von 2
“War mir wie immer eine Freude, Signora. Sehen wir uns bald wieder?”
“Jaja”, grummelt sie, schwingt die Handtasche auf den anderen Arm und dreht sich um, mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit für eine Person ihres Alters und ihrer Statur.
Die Ladenglocke klingelt erneut, als sie den Laden verlässt und die Türe hinter ihr ins Schloss fällt. Einen Moment lang schließt Summer die Augen.
“Du liebst deine Kunden, Summer”, versichert sie sich selbst leise. “Du liebst sie und du brauchst sie.”
Ihr Blick fällt auf die Uhr. Zeit den Laden zu schließen. Schnell gehe sie noch einmal nach hinten, räumt die verbleibenden Bücher ins Regal. Ein letzter Blick auf die Sortierung, dann fährt sie mit dem Finger einmal über den Regalboden. Kein Staub. Sehr gut.
Im Hinausgehen fallen ihr die Kartons auf, die sich noch unausgepackt im Lager befinden. Sie seufzt. Egal. Darum wird sich Clara morgen früh kümmern.
Sie nimmt ihre Tasche von der Theke, wirft noch einen letzten prüfenden Blick zurück in den Laden und lächelt. Die verwinkelten Regale bis obenhin voll mit Büchern, hinten im Laden eine kleine Leseecke, zwei alte Sessel, von denen einer von Summers Vater stammt. Den anderen hatte ihr Bruder einmal von einer Reise mitgebracht. Die kleine Lampe auf dem Tisch zwischen den beiden Sesseln würde sich in ein paar Minuten von selbst ausschalten.
So einfach kann Frieden aussehen. Summers Seele ist glücklich, als sie den Laden hinter sich schließt und sie auf den Weg nach Hause macht.
Seite 2 von 2