Die Belfast Mission - Kapitel 55   0

Romane/Serien · Fantastisches

Von:    Francis Dille      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 3. Januar 2026
Bei Webstories eingestellt: 3. Januar 2026
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Kapitel: 0, Seiten: 0

Diese Story ist die Beschreibung und Inhaltsverzeichnis einer Reihe.

Verfügbarkeit:    Die Einzelteile der Reihe werden nach und nach bei Webstories veröffentlicht.

Kapitel 55 – Der Babysitter





November 1911



Ike hatte sich seit der Beerdigung merklich verändert. Er war ungewöhnlich still geworden, selbst auf der Schiffswerft hatte er häufig abwesend gewirkt und sich des Öfteren stundenlang in seine Bürobaracke zurückgezogen. Dann hatte er seinen Spint geöffnet, eine Whiskeyflasche herausgeholt und sich heimlich betrunken. Sam Brady hatte dies irgendwann bemerkt und musste ihn oftmals nach Hause kutschieren, während Ike volltrunken auf der Ladefläche seines eigenen Fuhrwagens gelegen und wie ohnmächtig geschlafen hatte.

Frühmorgens erteilte Ike seinem Team die Arbeitsanweisungen und wenn er nicht zwingend gebraucht wurde, war er einfach aus der Schreinerwerkstatt verschwunden. Manchmal hatte er sich ein Fahrrad geschnappt und war durch das Werftgelände geradelt. Dann beobachtete er die Arbeiten am Ausrüstungskai und war in Gedanken versunken. Der scheppernde Stahl und der ohrenbetäubende Krach der Nietmaschinen rundherum hatten ihn dabei wenig gestört. Er verhielt sich irgendwann selbst gegenüber seinen engsten Freunden, Matthew Kelly und Sam Brady, distanziert und führte Konversationen nur notgedrungen. Er konnte einfach ihre mitleidigen Blicke nicht mehr ertragen, und ihre freundschaftlichen Gesten und Bemühungen ihn aufzumuntern, bewirkten bei ihm im Grunde genau das Gegenteil, weshalb er die Maler- sowie die Maschinenbauwerkstatt irgendwann gemieden hatte.



Ike musste unbedingt den verlorenen Beamer ausfindig machen, dazu musste er eigentlich nur 5 Monate abwarten. Aber bis dahin wäre die Mission längst abgeschlossen und er würde zurückbeordert werden. Falls die Sicherheitszentrale jedoch seinen Plan irgendwie durchschauen würde oder sein Ortungssignal komplett zu verschwinden drohte, würden urplötzlich Agenten bei ihm erscheinen, ihm die elektronischen Handschellen anlegen und ihn zurück in das 25. Jahrhundert teleportieren. Dann wäre die allerletzte Chance zunichte gemacht worden, Eloise zu retten und sie jemals wieder in das Leben zurückzuholen.

Die einzige Möglichkeit zu verhindern, dass man ihn gewaltsam durch seinen Exit führen könnte, wäre wenn er flüchten würde, sobald der Funkpeilsender seines Mikrochips deaktiviert wäre.

Er dachte auch über Vincenzos Worte nach als er gesagt hatte, dass nur der richtige Moment entscheidend wäre, um einen Menschen wieder in das Leben integrieren zu können.
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Er sah es ein, dass sie hier und jetzt nicht mehr urplötzlich erscheinen dürfte. Für seine Mitmenschen war Eloise beerdigt worden und jeder bei Harland & Wolff wusste mittlerweile, dass Ike nun ein Witwer war. Falls ihm also das scheinbar Unmögliche gelingen sollte, müsste er ohnehin mit ihr aus Irland flüchten, zudem in eine andere Zeitepoche. Für immer. Und er wusste auch schon wohin: Amerika.

Zudem machte es ihm zu schaffen, dass er praktisch jederzeit mit einem Exit rechnen musste. Dass sich nicht einmal Henry bei ihm bislang gemeldet hatte, behagte Ike nicht. Berechnete der Geheimdienst etwa bereits einen Zeitpunkt, um ihn aus der Mission zu holen? Drei Wochen zuvor hatte er das letzte Mal etwas von der Sicherheitszentrale gehört, als er in seinem Postfach ein Päckchen vorgefunden hatte. Das war die Akte, der ausführliche Bericht über die Geschehnisse am 30. September im Wald. Außerdem war der Obduktionsbericht aller Leichen beigefügt. Detective Sergeant Miller war tatsächlich nicht aufgefunden worden, obwohl dieser von ihm persönlich hingerichtet wurde.



Dies war ebenfalls eine Angelegenheit, die jetzt im Nachhinein an ihm nagte. Er hatte einen Menschen aus reiner Rachsucht erschossen, obwohl es seine Pflicht war, diesen zu verhaften. Es war ihm bewusst geworden, dass er einen Mord begangen hatte und falls sein dunkles Geheimnis eines Tages aufgedeckt werden würde, müsste er dafür die Konsequenzen tragen. Aber bislang wurde Millers Leiche nicht gefunden.

Der Bericht in dieser Akte gab unglaubliches preis. Es war nun offiziell belegt worden, dass die getöteten Soldaten dem Marine Corps angehörten und von der USA befehligt wurden, dieser Staat aber in United Europe längst nicht mehr existierte. Die Todesursachen aller Männer konnte eindeutig aufgeklärt werden. Vier Soldaten starben durch ein Nervengas, welches ausschließlich in United Europe hergestellt wurde. An ihren Uniformen steckten winzige Nadeln, die ausschließlich mit einem Hightech-Mikroskop zu erkennen waren, und zweifelsohne mithilfe eines schlichten Blasrohres abgefeuert wurden. Diese Waffe benutzte ausschließlich das SEK, meistens dann, wenn sie in Kriegsgebieten eingesetzt wurden und Zeitreisende aus der Gefangenschaft befreien mussten.

Zwei weitere Soldaten starben aufgrund eines Genickbruches. Diese Kampftechnik erlernte jeder Schleuser sowie Agent in ihre Ausbildung.
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Die letzten amerikanischen Soldaten wurden sogar mit ihren eigenen Jagdmessern getötet, indem ihnen die Kehle durchtrennt wurde. Dies alles deutete auf eine geplante Aktion hin, die blitzschnell und professionell durchgeführt wurde. Demnach hatten Ikes unbekannte Lebensretter genauestens gewusst, wie, wann und wo sie zuschlagen mussten, bevor Henry mit seinem Einsatzkommando eintreffen würde.

Nach Ikes Aussage waren es lediglich zwei Personen gewesen, die acht ausgebildete Scharfschützen in wenigen Minuten ausgeschaltet hatten. Das brennende Automobil war zwar ausschlaggebend gewesen, dass die SEK-Einheit den Tatort überhaupt ausfindig machen konnte, aber eine plausible Erklärung, wie sich das Fahrzeug entzündet hatte und in kürzester Zeit lichterloh brannte, vermochte niemand aus der Sicherheitszentrale zu wissen. Jedoch wurde vermutet, dass das Automobil mit einem Brandbeschleuniger entfacht wurde.



Seine Freunde waren sehr um Ike besorgt und als Sam Brady ihn dazu riet, einen Sonderurlaub zu beantragen, hatte Ike seinen gut gemeinten Ratschlag energisch zurückgewiesen.

„Sam, was ich jetzt auf gar keinen Fall brauche ist Urlaub. Mir würde die Decke auf den Kopf fallen und würde mich von früh bis spät nur volllaufen lassen. Verstehst du das?“

Sam Brady hatte sich seinen Walrossbart gekrault und ihm dabei streng in die Augen geschaut.

„Das tust du doch neuerdings so oder so. Aber wenn man dich während der Arbeitszeit dabei erwischt, fliegst du hochkantig raus und dann hast du ein wirkliches Problem! Ike, sei vernünftig. Ich kann dich nicht ständig nach Feierabend unbemerkt rausschleusen, weil du total betrunken auf der Ladefläche liegst, mit Wolldecken zugedeckt. Irgendwann werden die Pförtner uns erwischen und dann bin auch ich dran!“

Wie dem auch sei, eine Auszeit konnte sich Ike keinesfalls leisten. Die Mission hatte höchste Priorität. Aber der Schreinerlehrling, Aaron O’Neill, war dermaßen besorgt um seinen Lehrmeister, sodass er letzte Woche seinen Mut am Schopfe gepackt hatte, schnurstracks ins Hauptquartier marschiert war und Mr. Andrews mitgeteilt hatte, dass Ike unbedingt beurlaubt werden müsste, weil ihm seiner Meinung nach die Trauer zu schaffen machte, dass er fix und fertig wäre. Das Ike neuerdings häufig betrunken war, hatte Aaron selbstverständlich verheimlicht. Im gleichen Atemzug flehte Aaron den Schiffskonstrukteur an, dass er Ike auf gar keinen Fall verraten sollte, wer ihm diesen Hinweis gab.
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Ike wurde von Mr. Andrews in sein Büro zitiert, zur Rede gestellt und schließlich wurde er für eine Woche zwangsbeurlaubt, weil der Schiffskonstrukteur das Problem erkannte. Als Ike es wagte, seine Stimme gegen den Mann zu erheben, der zum technischen Direktor der Konstruktionsabteilung von Harland & Wolff ernannt wurde und wutschnaubend drohte, den Mistkerl, der ihn verpfiffen hatte, eigenhändig zu erwürgen, entschwand auch Thomas Andrews` gutmütiger Unterton sowie Engelsgeduld. Mr. Thomas Andrews erhob sich aus den ledernen Chefsessel, stützte seine Hände auf dem massiven Schreibtisch ab und blickte Ike mahnend an.

„Ike, hören Sie mir jetzt genau zu, was ich Ihnen sage. Sie sprechen nie wieder in diesen Bullenton mit mir, haben Sie mich verstanden?!“, schnauzte er. „Ich verstehe Ihre Trauer sowie Ihren Unmut und ich mag Sie persönlich. Normalerweise könnte ich Ihnen überhaupt keinen Urlaub gewähren, weil ich Sie hier unbedingt brauche aber ich sehe es jetzt selbst ein, dass Sie momentan unfähig sind, klare Gedanken zu fassen. Aber Sie werden niemanden den Hals umdrehen, weil hier auf der Werft zurzeit genügend Unruhe herrscht. Kapiert?! Glauben Sie etwa ich merke und sehe es nicht, wie Sie täglich auf Queens Island nur herumlungern und untätig sind? Wenn Sie kein hervorragender Vorarbeiter wären, mit außergewöhnlichen Kompetenzen, würde ich Sie jetzt augenblicklich rausschmeißen!“, brüllte Mr. Andrews.

Einen Augenblick hatten beide Männer sich nur angestarrt.

„Ich wiederhole … Ich verstehe Ihre Trauer und Ihre Wut auf die Protestanten, aber die Titanic muss verdammt noch mal fertig werden! Wir stehen ohnehin im Verzug, weil die Olympic repariert werden musste aber die White Star Line pocht trotzdem auf den vertraglich vereinbarten Übergabetermin. Nun droht sogar noch ein verfluchter Kohlestreik und es wird fraglich sein, ob die Titanic tatsächlich am 10. April nächstes Jahr überhaupt auslaufen kann! Aber Ismay, der Präsident der White Star Line, dem ist das alles schnurzpiepegal!“, fauchte er. „Die Titanic muss bis April seetüchtig sein, egal wie!“, schlug er mit der Faust auf den Tisch. „Egal … Wie!“



Nach diesem Wutausbruch wurde es Ike wieder bewusst, dass Mr. Andrews mit dem Rücken zur Wand stand und nicht nur um seinen guten Ruf kämpfte, sondern noch um vieles mehr.
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Die Titanic war sein Lebenswerk, er würde in absehbarer Zeit Lord Pirries Chefetage übernehmen und die Geschäftsbeziehung zur White Star Line musste unbedingt aufrechterhalten bleiben. Und der Präsident der White Star Line, Mr. Bruce Ismay, war ein knallharter Geschäftsmann, der selbst für unverhoffte Ereignisse keinerlei Verständnis zeigte und stets auf die vertraglichen Übergabetermine pochte. Mit diesem Mann konnte man nicht mehr verhandeln, wenn Verträge bereits unter Dach und Fach waren. Der bevorstehende Kohlestreik, der Home Rule Bill – Kurz vor dem grandiosen Triumph drohte alles zusammen zu brechen, und nun bereitete ein seiner wichtigsten Vorarbeiter Mr. Andrews zusätzliche Probleme.

Diese Zurechtweisung hatte Ike wachgerüttelt, schließlich würde eine Kündigung ebenfalls die Mission gefährden. Ihm war bewusst geworden, dass Mr. Andrews, sein oberster Chef, außergewöhnlich human auf seinen Gefühlsausbruch reagiert hatte, denn eigentlich wäre er jetzt nicht mehr beurlaubt, sondern fristlos gekündigt worden.

Ike senkte seinen Kopf und stand vor dem schmächtigen, einen halben Kopf kleineren Mann wie ein kleines Kind, das von seinem Vater gezüchtigt wurde.

„Entschuldigen Sie mein Verhalten Ihnen gegenüber, Mister Andrews, Sir. Ich, ähm …“, stammelte Ike, aber wurde von Mr. Andrews sogleich unwirsch unterbrochen.

„Halten Sie einfach nur Ihren Mund, Ike! Ich will nichts mehr von Ihnen hören! Sie gehen jetzt sofort nach Hause und nächste Woche am Montag, erscheinen Sie pünktlich um halb sechs hier in meinem Büro! Und dann verlange ich von Ihnen, dass Sie wieder der alte Ike sind und Ihre verdammte Pflicht tun! So wie es immer war!“, redete Mr. Andrews energisch auf ihn ein.

Einen Augenblick sah Thomas Andrews ihn hilflos und verzweifelt an, dann seufzte er. „Andernfalls werde ich mich von Ihnen trennen müssen.“



Aaron hatte sich mit seiner fürsorglichen Aktion im gewissen Sinn zwar selbst geschadet, denn jetzt würde er eine Woche lang nicht mehr mit dem Fuhrwagen bei den Birken abgeholt werden und müsste nun die 20 Kilometer bis nach Queens Island und zurück täglich laufen, weil der Bursche sich bislang kein Fahrrad hatte leisten können. Aber Aaron verehrte Ike aufrichtig und trauerte mit ihm, weil er Eloise ebenfalls sehr gemocht hatte. Aaron war demnach erleichtert und war überzeugt gewesen, das Richtige getan zu haben.
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Genutzt hatte Ike dieser Zwangsurlaub jedoch wenig. Er war trotzdem täglich nach Queens Island geritten und hatte das Werftgelände von der Ferne mit seiner Nickelbrille beobachtet, bis Feierabend war. Und eine Flasche Whiskey hatte er auch immer dabei.



Es war nun Sonntag, der 12. November, der letzte Abend seines Zwangsurlaubes. Es war schon 21:30 Uhr. Im Haus herrschte das absolute Chaos. Weil er nicht wollte, dass der Nachbar McEnrey ihn eventuell aus dem Dunklen beobachtete (schließlich war der Bauer ebenfalls um ihn besorgt), ließ Ike abends stets das Licht aus und zündete lediglich ein paar Kerzen an. Das schmutzige Geschirr türmte sich bereits im Waschbecken und auf dem Küchentisch lagen unzählige abgenagte Hühnerknochen. Auf dem Boden lagen diverse Glas- und Porzellanscherben, Milchkannen sowie unzählige geleerte Whiskeyflaschen herum. Die Axt, damit er regelmäßig ein Huhn schlachtete, steckte eingeschlagen und stets griffbereit mitten in der Eingangstür.

Das Licht war schummrig und es war totenstill. Nicht einmal das Ticken der Wanduhr aus der Wohnstube war zu hören, weil Ike die Uhr irgendwann nicht mehr aufgezogen hatte. Ironischerweise waren die Uhrzeiger genau 5 vor 12 Uhr stehen geblieben.

Er hatte letztens sogar einen Küchenstuhl durch das geschlossene Fenster geworfen und das Loch später dann, nachdem sein Jähzorn verflossen war, zerknirscht mit Brettern vernagelt. Selbst die Tür von Annes Zimmer hatte er eingetreten und dann komplett zertrümmert, aus Zorn, nur weil diese sich schon immer schlecht schließen ließ und er irgendwann deswegen ausgerastet war. Diese unbeherrschten Gefühlsausbrüche hatte er dann vor sich selbst so gerechtfertigt: „Was soll`s. Brennholz kann ich immer gebrauchen.“

Nun hockte er im Küchenbereich in einer dunklen Ecke, wie jeden Abend, mit einem Bein angewinkelt, schluckte puren Whiskey aus der Flasche, rauchte Zigaretten, führte dabei Selbstgespräche und starrte vor sich hin.

Im Grunde hatte sich in dieser Urlaubswoche nichts Positives verändert. Im Gegenteil, Ike wirkte noch niedergeschlagener und missmutiger als die Woche zuvor. Er war noch wütender und verbitterter geworden. Und wenn er wieder nüchtern war, wirkte er müde und kraftlos.

Überall lagen Zigarettenkippen auf dem Küchenboden verstreut herum.
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Laika lag distanziert von ihm, schaute ihn treu an und winselte leise. Der Hund war sichtlich abgemagert, obwohl sein Fressnapf täglich überfüllt war. Laika trauerte gewiss gemeinsam mit ihrem Herrchen, weil auch sie Eloise vermisste. Aber vielleicht trauerte Laika auch insbesondere um ihr Herrchen, denn der Hund merkte selbst, wie Ike sich verändert hatte. Oftmals verschwand Laika nach oben in das Schlafzimmer, sobald Ike seine Tobausbrüche auslebte und schlief im Bett ihres Herrchens, weil Ike sowieso irgendwann, irgendwo umfiel und dort schlief, wo er gerade lag.

Der gute Geist, der dieses Haus einst mit Fröhlichkeit und Ordnung bereichert hatte, war für immer verschwunden. Nun glich das Haus einer düsteren, verwahrlosten Räuberhöhle. Nur die zahlreiche verwelkten Blumen, die immer noch in allen Vasen steckten, erinnerten an eine junge Frau, die dieses Haus einmal mit Leben und Liebe erfüllt hatte, selbst wenn sie nicht anwesend war.



Ike war wiedermal sturzbetrunken. Er scherte sich auch nicht darum, dass er am nächsten Morgen wieder um 3:00 Uhr aufstehen musste, weil er Punkt 5:30 Uhr in Mr. Andrews Büro erscheinen sollte. Mr. Andrews war ein konsequenter Mann. Die Bauarbeiten an der Titanic drohten sich zu verzögern und würde Ike immer noch einen niedergeschlagenen Eindruck hinterlassen und nicht fähig sein, hundertprozentige Leistung abzuliefern, würde Mr. Andrews ihn sicherlich wieder nach Hause schicken. Diesmal dann wohl endgültig, was dann auch das Scheitern der Belfast Mission bedeuten könnte.

Jetzt war es genau 22:35 Uhr und Ike hockte betrunken auf dem Küchenboden, mit ausgestreckten Beinen. Er grinste zuerst, dann entwich ihm ein lauter Lacher als er daran dachte, dass Mr. Andrews von ihm morgen Früh erwartete, dass er frisch und munter erscheint. Als er grad an seiner Zigarette zog und diese dann einfach achtlos über den Küchentisch schnickte, krachte es draußen plötzlich fürchterlich und die Hühner – davon waren nicht mehr viele übrig – gackerten wild. Es polterten sogar zeitgleich irgendwelche Gegenstände gegen das Dach und Gemäuer. Nach dem Geräusch zu beurteilen, mussten es Holzbretter gewesen sein. Irgendetwas war draußen explodiert, jedoch ohne einen mächtigen Knall verursacht zu haben.

„Wasch tschum Teufel war dasch?“, fragte er lallend vor sich hin.

Laika sprang sofort aus dem Bett, flitzte die Treppenstufen hinunter bis zur Haustüre und bellte energisch, während Ike sich langsam hochrappelte, seine Taschenlampe nahm und die EM23 zückte.
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Seine Nickelbrille hatte er irgendwo verlegt.

Er streifte die Gardine beiseite und schaute aus dem Küchenfenster. Zu seiner Verwunderung liefen die Hühner aufgeschreckt im Hof herum. Schwankend öffnete er die Haustür, obwohl dies leichtsinnig war, weil er seine Schutzweste nicht angezogen hatte, und torkelte hinaus in die Dunkelheit, in die Richtung des Hühnergeheges. Der Maschendrahtzaun war aufgerissen. Laika flitzte knurrend voraus und bellte bedrohlich. Doch plötzlich bellte der Hund nicht mehr, sondern stand schwanzwedelnd vor einer Person.

Vorsichtig ging Ike auf die Person zu, die mit einer dunklen Robe bekleidet war. Im Lichtkegel der Taschenlampe sah er, dass das Hühnergehege samt Hühnerstall völlig zerstört wurde. Nichts davon war mehr übrig, als wäre eine Bombe explodiert. Die Wucht dieser lautlosen Explosion war dermaßen heftig gewesen, dass einige Zaunpfähle des Geheges sogar bis hinüber zu McEnreys Grundstück geflogen waren.



Ike blickte mit leicht geöffnetem Mund auf die dunkle Gestalt. Eine Person, bekleidet mit einer dunklen Robe, kniete auf dem Boden, streichelte Laika und zugleich das Rehkitz, das mittlerweile doppelt so groß geworden war. Laika hatte sich von dem Fremden bestechen lassen und ließ sich bedenkenlos mit einer Rindswurst füttern. Einen Moment blickte Ike nur wortlos und schwankend auf die unbekannte Person.

„Wer bist du? Los, aufstehen!“, forderte er schließlich, wobei er die kniende Person mit seiner Schusswaffe bedrohte. Nun verhärtete sich sein Ton und Ike machte wieder einen halbwegs nüchternen Eindruck. „Zeig mir deine Hände, so, dass ich sie sehen kann. Na los, mach schon!“, zischte er.

Nun fühlte sich Ike, aufgrund der angespannten Situation, wieder einigermaßen fit und nüchtern. Bedrohlich blickte er die fremde Person an, dabei hielt er seine EM23 mit beiden Händen fest und zielte auf sie. Der schwarz Gekleidete erhob sich und streifte die Kapuze herunter. Das Antlitz einer jungen Frau kam zum Vorschein. Sie war so groß wie er selbst und ihr weißgebleichter Bürstenhaarschnitt leuchtete förmlich im Taschenlampenlicht. Während sie abwechselnd auf die beiden Tiere schaute, strahlten dünne Lichtstrahlen aus ihren Augen heraus. Als sie Ike anblickte, sah er in zwei große blaue Augen, die wie Sterne funkelten.
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Sie grinste ihn frivol an und knatschte dabei Kaugummi.

„Hi, du hast einen niedlichen Hund. Und das Reh ist ja total zahm. Wie ungewöhnlich, oder etwa nicht? Übrigens, ich bin Sergeant Nicole Kalbach, SEK. Du musst Schleuser Ike van Broek sein. Alles Roger in Kambodscha, ich gehöre zu dir“, meinte die junge Frau lächelnd.

Ike hielt die Taschenlampe sowie seine Waffe gegen sie und trat näher heran. Er leuchtete ihr direkt ins Gesicht, aber ihre außergewöhnlichen Augen schien dies nichts auszumachen. Weder blinzelte sie, noch kniff sie ihre Augen zusammen, noch verkleinerten sich ihre Pupillen.

„SEK?“, fragte Ike verwundert.

„Ja, SEK. Also, würdest du bitte die Knarre nicht mehr auf mich richten?“, fragte sie gelangweilt.

Er seufzte.

„Ich habe dieses verdammte Viech schon etliche Male verscheucht, aber es kommt immer wieder zurück. Wahrscheinlich sucht das Reh sein Frauchen. Aber Eloise ist nicht mehr da“, sprach er niedergeschlagen. Dann packte er ihren Arm, hielt die Pistolenmündung an ihre Schläfe und zerrte sie hinter sich her.

„Los, mitkommen. Das klären wir im Haus.“



Als Sergeant Nicole Kalbach die Wohnküche betrat, inspizierte sie mit ihren Computeraugen die kompletten Räumlichkeiten des Hauses. Dazu musste sie nicht einmal die Treppe hinaufsteigen, um die obere Etage zu begutachten, weil sie selbst durch Betonwände sehen konnte. Ike hielt die EM23 auf sie gerichtet und beobachtete misstrauisch, wie sie sich umschaute. Sergeant Nicole Kalbach versuchte die angespannte Situation aufzulockern.

„Tja, also … Also das mit dem Hühnerstall tut mir echt leid, Mäuschen. Sorry, das Energiefeld meines Zeitfensters hat es erwischt. Eigentlich war es von mir so geplant, dass ich mitten im Hof erscheine“, sagte sie, aber Ike reagierte nicht darauf, sondern behielt sie weiterhin im Auge.

„Ich schwöre, diesmal war es kein Zahlendreher. Mein Beamer muss offensichtlich neu kalibriert werden oder benötigt ein Update. That`s it“, lächelte sie kaugummiknatschend. Nicole Kalbach zuckte mit der Schulter. „Ist aber kein Wunder, denn ich stecke ständig in Zeitschleifen und bin dauernd auf Zeitreisen und …“

„Wer bist du und was willst du von mir?“, fragte Ike fordernd.

„Habe ich dir doch soeben erklärt, Schätzchen.
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Ich bin Sergeant Nicole Kalbach, SEK City Nieuw Cologne. Zuletzt war ich in der Basis von Southampton gewesen. Du weißt schon, die alte Fabrik. Die Sicherheitszentrale hat mich hierher beordert. Nun mach schon; runter mit dem Schießeisen, bevor das Ding noch losgeht.“

Ike hatte sichtlich seine Last auf sie zu zielen, denn er schwankte leicht.

„Sei doch endlich mal geschmeidig. Wenn du mir nicht glaubst, dann kontrolliere mich einfach mit deinen Augenscanner und alles wird easy.“

Nicole weitete lächelnd ihre wasserblauen Augen, während sie Kaugummi knatschte. Ike erschrak, taumelte zurück und stürzte samt Küchenstuhl zu Boden. Liegend hielt er ihr entsetzt erneut die EM23 entgegen. Diese Augen waren doppelt so groß wie menschliche Augen.

„Eagle Eyes. Ich hab’s doch gewusst, dass mit dir was nicht stimmt. Du bist ein verfluchter Cyborg! Komm mir bloß nicht zu nahe!“, warnte Ike während er sich aufrappelte.

Nicole verzog ihren Mund, schnaufte abfällig und ließ die dunkle Robe heruntergleiten. Sie war lediglich mit einer schwarzen, hautengen latexähnlichen Hose und einem bauchfreien Oberteil bekleidet, das im Kerzenlicht etwas schimmerte. Selbst die dünnen Träger waren kugelsicher. Auf ihre makellose schlanke Figur wäre selbst ein Topmodell neidisch.

„Mann, mach dir jetzt bloß nicht in die Hose. Ich bin nur zu fünfundfünfzig Prozent ein Cyborg, demnach musst du mich wie einen normalen Menschen akzeptieren. So besagt es das UE-Gesetz, Liebling. Ich bevorzuge es, dass man mich als eine gewöhnliche Frau mit außergewöhnlichen Fähigkeiten ansieht. Meine Bauteile sind alle ordnungsgemäß in meinem ID-Chip eingetragen worden. Es ist alles legal von der Regierung installiert und programmiert worden. Kannst ja nachschauen, wenn du mir nicht glaubst. Also, bleib mal ganz chillig, oder sehe ich etwa wie ein Mount aus?“, entgegnete sie ihm gelangweilt, ohne eine Antwort zu erwarten.

Nicole wanderte gemächlich in der Küchenstube herum, während Ike sie weiterhin mit seiner Waffe anvisierte. Die Düsterheit in der Wohnküche beeinträchtigte ihr Sehvermögen absolut nicht. Sie stöberte gemächlich herum, nahm einen abgenagten Hühnerknochen vom verschmutzten Teller und roch daran.

„Hmm … riecht wie Kip, allerdings viel intensiver. Was ist das für eine biologische Nahrung?“

Ohne darüber nachzudenken und eine Antwort abzuwarten, steckte sie den ausgetrockneten, vergammelten Hühnerknochen in ihren Mund, zerkaute diesen und schaute währenddessen wissbegierig in jede Schublade und in die Schränke hinein, selbstverständlich ohne dabei um Erlaubnis zu fragen.
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Es knusperte und knackte während sie kaute.

„Mhm“, machte sie begeistert und nickte dabei. „Das schmeckt sogar köstlicher als Kip. Es ist viel knuspriger, der Geschmack viel intensiver. Ich muss wirklich eingestehen, unsere Nahrungspräparate sind dagegen langweilig. Die biologischen Mahlzeiten in der vergangenen Welt sind wirklich ein Gaumenschmaus.“ Sie blickte ihn verschmitzt an. „Das war doch eins von den putzigen Hühnern, nicht wahr? Unterstehe dich aber, dich an dem Reh zu vergreifen. Sonst kriegst du es mit mir zu tun“, wankte sie mahnend mit dem Zeigefinger.



Während sie weiterhin herumstöberte und alle möglichen Gegenstände ausprobierte – besonders gefiel ihr die Eieruhr –, steckte Ike seine Waffe endlich hinten in seinen Hosenbund weg. Schmunzelnd schüttelte er mit dem Kopf.

„Pfui Teufel. Du hast soeben Hühnerknochen gefuttert, die gewiss nach Kip schmecken, dafür waren sie aber über eine Woche alt. Eventuell hätten McEnrys Schweine diese gefressen. Falls dir gleich übel wird … Bitte, draußen ist die Latrine.“

„Ach, Schätzchen. Mein Magen sowie meine Speiseröhre sind präpariert. Ich kann alles essen und auch so viel ich will. Anstatt Magensäure produziert mein nuklearbetriebener Nahrungsbehälter nämlich Hexafluorantimonsäure, was jede biologische Nahrung oder Getränke in Sekunden auflöst. Somit ist es unmöglich, mich zu vergiften. Immerhin bin ich kein rein mechanischer Roboter, sondern ich lebe. Hast du das geschnappt?“

Sie blickte mit ihren großen, leuchtenden Augen nachdenklich zur Decke, während sie noch ein paar Knochen verschlang. Ein dezentes Knacken und Knuspern waren zu hören, als würde sie hartgebackene Kekse zerkauen.

„Also, die Hühnergebeine liegen seit exakt neun Tage, fünf Stunden und sechsundzwanzig Minuten hier auf dem ungewaschenen Teller. Ich esse nicht, wie du es meinst, sondern ich analysiere meine Umwelt. Und ich habe diagnostiziert, dass du verwahrlost und tatsächlich, wie die Sicherheitszentrale es behauptet, unzurechnungsfähig bist. Deswegen bin ich hier, um dir beizustehen und um dich zu unterstützen.
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Schnappst du das?“ lächelte sie frech.

Ike rutschte mit dem Rücken an der Wand runter, setzte die Whiskeyflasche an, schluckte und beobachtete sie mit einem ernsten Blick.

„Okay. Du hast deine Befehle erteilt bekommen, das muss ich akzeptieren. Aber ich werde es niemals akzeptieren, dass so was wie mein Babysitter sein sollst. Da steckt doch mehr dahinter. Du sollst mich doch eher überwachen, damit ich nicht fliehe oder anderweitiges tue.“

Nicole kichert.

„Ich bin gerne dein Babysitter, Schnuckelchen. Aber es gibt tatsächlich einen noch wichtigeren Grund, weshalb ich hier bin. Morgen musst du wieder auf der Schiffswerft arbeiten und wirst den ganzen Tag abwesend sein. Dieses Haus wird demnach ungeschützt sein. Es ist mittlerweile offiziell als ein Stützpunkt in Belfast des Geheimdienstes ernannt worden. Genauso wie die alte Fabrik in Southampton. Das Archiv hatte gemeldet, dass dieses Haus demnächst abbrennen wird. Die Ursache dafür sowie der genaue Zeitpunkt sind noch unklar und ich bin jetzt hier, um das zu verhindern.“



Ike kniff seine Augen als ihm ihre dunkle Robe auffiel, die sie abgestreift hatte und auf dem Boden lag. Er stand auf, stellte die Whiskyflasche auf den Tisch ab und bauschte sich vor ihr auf.

„Du warst das also … der Reiter am Friedhof“, platzte es aus ihm heraus. „Du hast mich zuerst ausspioniert, bevor du gedachtest, mir einen Besuch abzustatten. Und ich Trottel dachte die ganze Zeit, dass es ein Zeichen war.“

Ike senkte seinen Kopf. Sein erwünschtes Zeichen hatte sich soeben zerschlagen. In den vergangenen Wochen hatte er sich tatsächlich eingebildet, dass dieser schwarze Reiter Eloise gewesen war. Gedanklich hatte er sich nämlich ausgemalt, wenn er Eloise vor dem Flammentod gerettet hatte, dass er ihr dann den Auftrag erteilen würde, am Friedhof zu erscheinen damit er in dieser schweren Zeit die Hoffnung nicht verlieren würde. Und je mehr er getrunken hatte, desto mehr hatte er an seine Vision geglaubt. Diese mysteriöse Gestalt war immerhin ein ausgezeichneter Reiter gewesen, wie Eloise.

Nicole drehte sich ihm zu, während sie mittlerweile das Waschbrett in ihren Händen hielt, es ausgiebig untersuchte und rätselte, wozu man dies gebrauchen könnte. Sie blickte ihn verdutzt an.

„Reiter am Friedhof? Wovon redest du?“, fragte sie Kaugummi knatschend.
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„Tu nicht so! Du warst doch dieser schwarze Reiter gewesen!“

„Keine Ahnung, was du meinst. Du bist offensichtlich nicht mehr klar bei Verstand. Aber keine Sorge, ich krieg dich schon wieder hin. Verlass dich drauf, Freundchen.“

Während Nicole das Waschbrett in die Höhe hielt und es ausgiebig begutachtete, lugte sie zu Ike und sah, dass er schon wieder aus dieser Flasche trank.

„Natürlich warst du es, gib es zu!“, brüllte Ike. „Es war genauso eine Robe, wie deine. Die verfluchte Sicherheitszentrale will mich mit deinem Erscheinen nur irre machen. Das ist nur so ein Psychotrick, um mich zu verunsichern, damit ich eines Tages einsehe … Ach, verflucht nochmal, das Haus wird niemals abbrennen! Das alles macht doch gar keinen Sinn!“, schnauzte er. „Ihr wollt nur, dass ich Eloise aufgebe. Das werde ich aber niemals machen! Niemals! Sag es ihnen!“

„Ich-war-es-nicht!“, antwortete Nicole gereizt. „Schätzchen, man sieht es mir zwar nicht an, aber samt meinen integrierten Bauteilen wiege ich über zweihundert Kilo. Zwar sind meine Armgelenke, Schlüsselbein und meine Rippen aus einer federleichten Titanlegierung hergestellt worden, dafür wiegen meine Nuklear Batterien und Energiewandler aber allerhand. Mein Gewicht würde ich einem Pferdchen niemals zumuten wollen, weil ich Tiere eher mag, als euch Menschen. Und außerdem kann ich nicht reiten. Darum wird man mich niemals ins Mittelalter beordern, um einen reichen Fuzzi aus der Gefangenschaft zu befreien. Geschnappt?“



Es war schon sehr spät geworden. Die Müdigkeit übermannte Ike. Er stürzte plötzlich rückwärts um, wobei seine Whiskeyflasche auf den Boden polterte. Als er auf dem Boden lag und nach seinem Whiskey greifen wollte, stampfte Nicole blitzschnell, noch bevor seine Hand die Whiskyflasche berührte, vorsichtig mit ihren Kampfstiefel auf die Flasche und hielt sie somit fest. Vorsichtig, ansonsten hätte sie die massive Glasflasche mühelos zerquetscht.

„Was trinkst du da überhaupt? Ist das etwa Alkohol?“, fragte sie spitz.

Ike prustete belustigt.

„Nein, gewiss nicht. Niemals würde ich Alkohol trinken, was denkst du denn von mir? Das ist doch nur alkoholfreier Whiskey“, lallte er und lachte dabei laut.

Nicole runzelte die Stirn, nahm die Flasche auf und roch daran. Ein bisschen weniger als die Hälfte war noch drin.
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„Alkoholfreier Whiskey?“, fragte sie ungläubig. „Sowas gibt es tatsächlich?“

„Na klar, probiere mal. Trink ruhig. Genehmige dir einen kräftigen Schluck, du wirst es nicht bereuen. Es schmeckt köstlich. Na los, trink schon“, forderte Ike sie listig auf.

Die wird sich gleich wundern, dachte er, wenn sie nur einen einzigen Schluck des hochprozentigen Whiskeys vertilgt. Alle Sicherungen werden ihr rausfliegen, ihr Betriebssystem wird einen Masteralarm auslösen und sie wird etliche Lüsterklemmen aushusten, denn dieser Stoff ist etwas anderes, als gewöhnliche Hühnerknochen zu analysieren.

Nicole zwinkerte kurz mit ihren Augenliedern, setzte die Flasche an und trank den Whiskey in einem Zug leer. Jeden Schluck, den sie tat, hörte man.

Nachdem sie die geleerte Flasche auf den Tisch abgestellt hatte, wischte sie mit der Hand ihren Mund ab und blickte nachdenklich zur Decke. Dann blähte eine riesige Kaugummiblase aus ihrem Mund heraus und zerplatzte, während sie schelmisch grinste. Eine mächtige Alkoholfahne erfüllte daraufhin den Küchenbereich.

„Da hast du mich jetzt aber ganz schön angeschwindelt, mein hübsches Mäuslein aus dem Centrum“, wankte sie verschmitzt lächelnd mit dem Finger. „Da war sehr wohl Alkohol enthalten, und zwar genau: Zweiundvierzig-Komma-Zwei-Fünf-Prozent Alk. Das ist sogar schon brennbar. Nach zwei Gläser von diesem Gesöff wird man sehr gesprächig, nach dem dritten Glas wird man sogar vertrauensselig und verbreitet Unsinn. Interessant wird es …“

Ike starrte sie feindselig an, während er sich aufrappelte.

„Du bescheuerte blöde Kuh, du mieses Miststück! Das war meine allerletzte Flasche gewesen, die du ausgesoffen hast!“, brüllte er aggressive und bauschte sich genau vor sie auf, sodass ihre Nasenspitzen sich beinahe berührten. Dabei stemmte er demonstrativ seine muskulöse Schulter auseinander. Sein Gesicht verzerrte sich hasserfüllt, während er keuchte.

„Bist du denn total bekloppt? Du hast meinen letzten Whiskey ausgesoffen!“, brüllte er mitten in ihr Gesicht. „Ich sagte, dass du nur mal probieren solltest! Was soll ich jetzt deiner Meinung nach tun? I-ich muss irgendwie einschlafen können. Ich muss-ich muss morgen früh vor Mister Andrews nüchtern erscheinen!“, schnauzte Ike, griff ihr mit beiden Händen wütend an die Kehle, schüttelte und würgte sie dabei.
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Nicole schmunzelte nur, packte ihm daraufhin mit einer Hand am Hals, hob ihn mühelos in die Höhe, sodass seine Beine baumelten und drückte seinen Kopf gen die Decke. Mit schmerzverzehrtem Gesicht zerrte Ike verzweifelt an ihrem Handgelenk, weil ihm die Atemluft wegblieb. Ike glaubte, seine Kehle würde von einer Schraubzwinge eingequetscht werden. Sein Gesicht war bereits rot angelaufen, er kniff seine Augen und trat verzweifelt in ihren Leib, dies ihr jedoch nichts ausmachte. Schließlich kapitulierte er.

„Lass-lass mich los. I-ich ergebe mich“, röchelte er, woraufhin Nicole ihn auf den Küchentisch schleuderte, als wäre er nur eine Schaufensterpuppe.

Ike knallte rücklings auf die Tischplatte, krümmte sich, hustete und hielt sich seinen Hals. Er war zwar damals während seiner Ausbildung auf der Akademie im Kampfsport stets einer der Besten gewesen, aber gegen einen Cyborg, und sei dieser auch eine Frau, hatte er absolut keine Chance.

„Hör mir genau zu, Schätzchen. Du unterstehst ab sofort meinem Befehl, befugt von der Sicherheitszentrale, von Henry persönlich. Mein Befehl lautet, dass ich dich beschützen und auch unterstützen soll, damit du deine Mission erfüllst!“



Nicole wanderte wie ein Tiger um seine Beute, um den Küchentisch herum, darauf Ike mit ausgebreiteten Armen lag und keuchte. Ihre leuchtenden Augen weiteten sich und blickten ihn mahnend an.

„Ich werde eine Meldung an die Sicherheitszentrale geben, dass ich Schleuser van Broek in einem erbärmlichen Zustand angetroffen habe und er unfähig ist, ohne meine Hilfe seine Mission weiterzuführen. Er ist ungepflegt und lässt die Basis verkommen. Er hat sich zu einem widerlichen Alkoholiker entpuppt, hat tagelang nicht gebadet und ist unrasiert und stinkt fürchterlich!“

Nicole packte den Küchentisch und schleuderte diesen einfach um, sodass Ike zu Boden fiel, herumkullerte und mit ausgebreiteten Armen dar lag. Sie beugte sich zu ihm hinunter, packte sein Gesicht und blickte ihn ernst an. Ike öffnete kurz schielend seine Augen.

„Ja, Schleuser Ike van Broek hat die Kontrolle über sich und die Mission verloren!“, fauchte sie ihn wütend an.

Sie neigte ihren Kopf seitlich und blinzelte. Ike war am Boden eingeschlafen und schnarchte.

„Pah, du bist auch nur so ein typischer Centrum-Heini“, sprach Nicole vor sich hin.
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„Ihr glaubt alle, die absolute Elite zu sein. Und wer darf alles wieder ins Lot bringen? Der dumme Cyborg, den sie alle für einen Feind halten“, murrte sie griesgrämig.

Nicole packte ihn kurzerhand auf ihre Schulter, schleppte ihn hinauf in die obere Etage und legte Ike vorsichtig auf das Wasserbett. Als sie das eingerahmte Bild erblickte, darauf Ike und Eloise vor einem Zirkuszelt zu sehen waren und sie überglücklich lächelten, nahm sie es, betrachtete die Sepia-Fotografie und seufzte.

Sie dachte nach. Der Schleuser hatte ständig von einer gewissen Eloise geredet. War es etwa möglich, dass er sie wirklich liebte? Sie kombinierte die chaotische Situation mit seinem Trinkverhalten und schlussfolgte, dass diese gewisse Eloise ums Leben gekommen war und er sich dafür schuldig fühlte. Die Schleuser wurden aber dazu ausgebildet, wie Schauspieler zu agieren und ihre wahren Gefühle gegenüber den Akteuren nur vorzutäuschen. Sie mussten ihre Mission bedingungslos erfüllen, selbst wenn sie ihren Lebenspartner dabei opfern oder gar töten mussten.

Nicole betrachtete die Fotografie nachdenklich, zog ihre Schulter zusammen und kicherte. Besonders gefiel ihr auf dem Foto der Hundewelpe, der einen Luftballon um seinen Hals gebunden hatte darauf geschrieben stand: Just Married. Das musste doch Laika sein, dachte sie sich, während sie auf den Hund schaute und ihn streichelte.



Nicole stieg langsam die Treppen hinab, zur Küchenstube hinunter und lief zum Wohnzimmer, dort wo das Feuer im Kamin knisterte. Der Schäferhund folgte ihr und das Reh stand vor dem Treppenaufstieg. Es zuckte mit dem Lauscher und züngelte, als Nicole es lächelnd streichelte. Beide Tiere schliefen dann in sich eingerollt seelenruhig auf ausgelegten Wolldecken, während Nicole Kalbach sie stundenlang dabei beobachtete. Sie seufzte. In dreieinhalb Stunden musste sie Ike aufwecken und ihn irgendwie fit und munter machen.
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Kommentare zur Story:

  Spannend, die ganze Sache mit Eloise. Ich weiß gar nicht mehr wie alles ausgegangen ist. Das werde ich ja nun vielleicht erfahren. Jedenfalls super geschrieben. Wiedermal ein ganz tolles Kapitel.  
   Gerald W.  -  10.01.26 23:36

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Kommentar von "Lisa" zu "Endlich aufgewacht..."

Ich habe keine Probleme damit, den Text zu verstehen. Mir gefällt er gut, denn wenn man aufwacht, ist das immer etwas Positives. Gruß Lisa

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Kommentar von "Dieter Halle" zu "Flashover"

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