Es fährt ein Zug nach Nirgendwo   14

Kurzgeschichten · Amüsantes/Satirisches

Von:    Martin Guido Becker      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 10. Juli 2026
Bei Webstories eingestellt: 10. Juli 2026
Anzahl gesehen: 70
Seiten: 4

Eine Zugfahrt durch die Chiguitagurkenrepublik Absurdistan ist ein Kapitel für sich. Es gehört ein gewisses Heldentum, vielleicht sogar Verwegenheit, zumindest Todesverachtung dazu, in Absurdistan öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Man strandet an irgendwelchen Bahnhöfen, auf Abstellgleisen, auf offener Strecke, im Nichts, weil der Lokomotivführer Zigaretten holen gegangen, oder die Strecke zwar elektrifiziert ist, aber Strom gibt es keinen, weil die Kraftwerke verrottet sind. Es geht also schief, und wenn etwas schiefgeht, dann eben gründlich. Mal ist die Lokomotive kaputt oder die Klimaanlage des ICE. An einem schönen Sommertag kommen die Passagiere als Grillhähnchen an, die Bahnverwaltung zeigt sich großzügig und spendiert ein wenig Gewürzsalz. Oder es ist tiefster Winter und die Heizung fällt aus. Tiefgefroren kommt man am Zielort an und manchmal muss man noch anhören, dass die Heizung abgestellt worden ist, um den Kohlengasausstoß zu mindern und die Erderwärmung aufzuhalten. Oder man steigt als Jungspund ein und kommt im Greisenalter an, da bekommt man von der Bahn eine Nachforderung, da der Fahrpreis im Laufe der Jahre deutlich angestiegen ist.

Reisende fühlen sich verhöhnt und sehen sich versucht, den Rechtsweg zu beschreiten, was bedeutet, dass die Mühlen der Justiz so langsam mahlen, dass die Angelegenheit sich biologisch gelöst haben könnte, bevor ein Urteil gesprochen ist.



Immerhin, manchmal zeigt die Bahn sich kulant, doch vielleicht hätten anstelle einer Rückvergütung von ein paar Einheiten unseres Esperantogeldes oder eines Reisegutscheines dem Bahnreisenden eher irgendwelche Tapferkeitsmedaillen, wie sie in den Weltkriegen üblich gewesen waren, zugestanden. Am besten in der Vielzahl, wie man sie von sowjetischen Spitzenpolitikern kannte, ich habe noch lebhaft den alternden Generalsekretär der UDSSR in Erinnerung, wie er unter der Last der Orden auf seiner Heldenbrust zusammenbrach…



Ich muss zugeben, ich habe diesen Mut nicht. Ich meide den Rest Absurdistans wie die Pest. Und wenn ich schon fahren muss, dann nur mit dem Auto, die Deutsche Bahn ist derzeit der allerbeste Werbeträger, den eine Autoindustrie sich nur wünschen kann. Aber ich habe immer eine Ausrede parat, weswegen ich dann doch nicht fahren muss, mal gibt es schlechtes Wetter, mal ist es zu heiß, mal ist es zu kalt, mal ist es beides zusammen.

Eine Einladung nach Bad Schweinsgüll habe ich kürzlich ausgeschlagen.
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Es gibt keine Parkplätze dort, und auf den Ratschlag, ich könne doch mit dem Zug fahren, das sei doch vernünftiger, darauf kann ich verzichten. Also bin ich zuhause geblieben, ich hatte keine Lust dazu, mir unterwegs die Fingernägel und anschließend auch noch die Fußnägel abzukauen, in banger Erwartung, den Anschlusszug zu verpassen und eine kalte zugige Nacht an einem Provinzbahnhof verbringen zu dürfen. Oder am Hauptbahnhof irgendeiner Großstadt, an welchem sich die Unterwelt die Nacht um die Ohren schlägt. Irgendwann dann doch angekommen, so hätte ich die brisanten Gesprächsthemen wieder einmal meiden müssen wie ein Minenfeld und mir die ganze Zeit irgendwelche Belehrungen in Sachen Umweltschutz anhören zu müssen. Ich wäre wahrscheinlich wieder mal verärgert gewesen wegen all‘ dieser Propeller, die in der Landschaft herumstehen und die Wind erzeugen und nebenbei Zugvögel in mundgerechte Scheiben schneiden. Irgendwo muss der Strom ja herkommen, der den Zug antreibt, nachdem die Atomkraftwerke in die Luft gesprengt sind, die Kohlekraftwerke stillgelegt und das böse Russengas nicht mehr verwendet werden darf. Der Strom kommt also von den Propellern, welche sich mal drehen und mal nicht. Zumeist eher nicht oder nur sehr langsam, deswegen bleibt der Zug auch einige hundert Meter vor dem Zielbahnhof stehen. Aussteigen aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt...



Da steht man da in Stuttgart herum, und es heißt, der ganze Bahnhof wird überwacht, auch wenn weit und breit kein Bewachungspersonal sichtbar ist. Aber so ganz falsch ist diese Aussage nicht, dem Mörtel beim Bauruinenprojekt Stuttgart 21 sind 12,6 % Mikrophone beigemischt. Wenn man ein falsches Wort sagt, etwa über die hochheilige Deutsche Bahn oder über irgendwelche Flaschen auf Ministersesseln, dann kommen zwei stämmige Polizisten herbeigestürmt und man verbringt die Nacht in der Justizvollzugsanstalt. Dort fühlt man sich schon ein wenig sicherer als in einem vollgestopften Vorortzug, in dem welchem man sich der Gefahr ausgesetzt fühlt, dass die eine oder andere Ölsardine handgreiflich werden könnte.



Mittlerweile gibt es in den Bahnhöfen keine Fahrpläne mehr, denn es gibt ein neues Gesetz gegen Fakenews, und was kann schon falscher sein als die Ankunfts- und Abfahrtszeiten der Deutschen Bahn. Man fragt jemanden vom Bahnhofspersonal, wann geht der Zug nach nirgendwo und erhält zur Antwort ein resigniertes „Inschallah“ - so Gott will… Alternativ dazu könnte man auch das Horoskop bemühen, der Zug kommt, wenn Merkur und Uranus in einem günstigen Verhältnis zueinander stehen.
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Zumeist ist das nicht der Fall, deswegen fahren keine Züge, oder sie halten nicht und fahren einfach durch, oder sie fahren ganz einfach woanders hin, zum Beispiel nach Workuta, wo man wegen seines Querulantentums dann für den Rest seines Lebens die härtesten und die spitzesten Steine schleppen kann in den Weiten Sibiriens, denn es fährt kein Zug mehr zurück... Workuta liegt zwar auf der europäischen Seite des Urals, aber wen schert schon die Geographie, wir haben ja freitags so fleißig die Schule geschwänzt…



Man bewegt sich zum Infoschalter, und dort sitzt eine Gestalt in Uniform, über und über mit Spinnweben übersät und sichtlich erschöpft vom vielen Nichtstun, ein Oblomow unserer Tage. Vorbei geht es an heiteren Plakaten, auf denen die Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit der Deutschen Bahn in den leuchtendsten Farben geschildert wird. Man könnte am Schalter eine Fahrtkarte kaufen, doch ist Oblomow allzu erschöpft vom vielen Ausruhen, diese Arbeit ist für ihn gerade nicht zumutbar. Gehen wir also zum Fahrkartenautomaten, welcher derzeit kein Geld nimmt, da er an einer Allergie gegen Münzen und Scheinen leidet, also die Bankkarte, diese fummelt man in den Schlitz, man gibt die Geheimnummer ein und in diesem Moment verspürt man einen heftigen Schlag in den Nacken und wacht im nächsten Krankenhaus unter der Obhut einer Frau Onkel Doktor auf.

Oder man kommt nicht in den Genuss einer Bahnhofsschlägerei und steht irgendwann mit der Fahrkarte in den Händen am Bahnsteig. Was nicht kommt, das ist der Zug, dieser hat Verspätung, bis der endlich eintrifft, bis dahin ist die Fahrkarte längst zu Staub zerfallen, die Schienen verrostet und die Schwellen vermodert. Das Bahnhofsgebäude wird wegen Baufälligkeit gesperrt und der Bahnsteig evakuiert. In diesem Moment fährt der Zug ein, Ein- und Aussteigen ist aus Sicherheitsgründen untersagt.



Hat man es eilig, so gehe man zu Fuß. Eigentlich sollte man zur Arbeit fahren, doch ist es ein nahezu vergebliches Unterfangen, dort auch anzukommen. Man möchte Verwandte besuchen, vielleicht auch Freunde, angesichts dessen, was einem die Bahnfahrt bietet, da fragt man sich, ob das Ziel den Aufwand wert ist.
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Man dreht sich um, weg vom zugemüllten Bahnhof, weg von den rostigen Gleisen. Weg von den zwielichtigen Gestalten, die in der Bahnhofshalle herumhängen und auf leichte Beute warten. Weg von den Plakaten, die eine rosige Zukunft versprechen, während so offensichtlich alles den Bach hinunter geht.



Eines der Plakate am Bahnhofsvorplatz sticht besonders ins Auge, es zeigt Atlas, wie er die ganze Welt auf den Schultern trägt. Darunter die Aufschrift: „Auf uns können Sie sich verlassen“.

Und in dem Moment, in dem man versucht sein könnte, der Aufschrift Glauben zu schenken, zuckt Atlas mit den Schultern und die Erdkugel fällt herunter und zerbricht in tausend Scherben….
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