„Lächle und die Welt lächelt zurück!“, so kann man es in jedem Motivationsratgeber lesen, und da alles, was geschrieben steht, auch wahr sein muss, so lächelt die Welt uns ganztägig an. So, als ob diese nichts Anderes zu tun hätte. Haben uns nich tdie Beatles vorgesungen: „All you need is love“? Und „Imagine“: Stell Dir vor, es gäbe alle diese ganzen Hässlichkeiten einer real existierenden Welt nicht, nicht die Kriege, nicht die Konflikte, nicht das böse Geld, wir sitzen alle zusammen auf irgendwelchen Wohlfühlblasen und haben uns fürchterlich lieb, wir nehmen das Recht auf „rundum sorglos Pakete“ und auf Dauerbespaßung in den Katalog der Menschenrechte auf, unter dem Banner von Friede, Freude, Eierkuchen vereinigt sich die ganze Menschheit. Haben wir uns doch eine Welt der allumfassenden guten Laune erschaffen, aus unzähligen Radiosendern ertönen fröhliche Klänge, in den Geschäften animiert heitere Musikberieselung zum Kauf, und wenn der Einkaufswagen voll ist und der Geldbeutel leer, so steigt man fröhlich pfeifend in sein Auto, das der Bank gehört, man fährt mit einem Gute-Laune-Sender im Ohr zu seinem Zuhause, dessen Vorgarten mit pflegeleichtem Bahnschotter in heiterem Schwarzgrau belegt ist.
Am Arbeitsplatz in unserer schönen neuen Welt befindet sich auf einem Pappschild die Aufforderung auf dem Schreibtisch: „Lächle!“, ähnlich wie das Lächeln in der Zahnpastawerbung oder auf den Wahlplakaten, auch am Arbeitsplatz stellt man sich zur Wahl, denn es findet sich immer jemand, der ausdauernder und beständiger und der für weniger Geld lächeln kann als man selbst, also irgendein dahergelaufener Lächelvirtuose, der einem den Arbeitsplatz sowie den Freundeskreis wegnehmen kann. Und alle paar Jahre gibt es im Riesenformat die blütenweißen Beißerchen auf den Wahlplakaten, wählt man Colgate, wählt man Blendamed, wählt man die von den Werbeagenturen präsentierte gute Laune, die in der Politik aufgrund des Zustandes der Staatsfinanzen wie auch der Unlösbarkeit der Aufgaben eigentlich eher fehl am Platze wären, denn die Gegenstände politischen Handelns sind das Umgehen mit unzureichend vorhandenen Ressourcen und dass Konfliktmanagement miteinander rivalisierender Bevölkerungsgruppen. Also Themen, die die Lächelmeister eigentlich in eine chronische Depression versetzen und ihnen zahlreiche schlaflose Nächte bereiten müssen.
Lächeln ist Bürgerpflicht! Lächeln ist Hochleistungssport.
Seite 1 von 7
Vor allem, wenn eine Kamera dabei ist. Da wird gelächelt und gelacht, bis die Kiefergelenke knacken, da werden die Selfie-Sticks hervorgeholt, man knipst sich lachend vor dem Kölner Dom, vor der Glaspyramide des Louvre in Paris, vor Rembrandts Nachtwache in Amsterdam, mit dem Maßkrug auf dem Oktoberfest in München, diese Bilder verstaut man auf der Festplatte seines Computers und wird die Dokumente des immergleichen Zähnefletschens mit hochgezogenen Mundwinkeln für den Rest seines Lebens nicht mehr anschauen. Allenfalls wird man die Dokumente des allerbesten aller Gemütszustände auf Facebook, frei übersetzt „Fratzenbuch“, veröffentlichen, wobei es völlig undenkbar ist, dass es Menschen gibt, die sich diese massenhaft zur Schau gestellte Fröhlichkeit tatsächlich anschauen. Auf alten Portraits etwa auf denen eines Rembrandt, sind die Spuren eines gelebten Lebens von Interesse, das Lachen, selbst das Lächeln findet man zumeist nur in der Andeutung oder in der flüchtigen Skizze. Schaut man ein Werk eines der großen Portraitisten der Kunstgeschichte an, dann blickt man in die Tiefen der menschlichen Seele, betrachtet man die heutigen Selfies, dann sieht man nichts als den schönen Schein, manchmal gesteigert bis zur Grenzdebilität.
Die einzige Situation, in der Lächeln nicht erlaubt ist, ist bei der Anfertigung von Photos für die Ausweisdokumente, dort hat man auszusehen wie die Gesichter auf den Fahndungsplakaten. Der Bürger ist nun mal ein potentieller Straftäter, zumindest hat er wie ein solcher auszusehen.
Die Darstellungen politischer Amtsinhaber vergangener Zeiten betonten die Würde der Ämter, den tiefen Ernst der zu bewältigenden Aufgaben, ein lächelnder Napoleon, ein lachender Bismarck, ein grinsender Stresemann oder ein feixender Großindustrieller Alfred Krupp wären wahrscheinlich als würdelos empfunden worden. Es bleibt der Frivolität unseres Zeitalters vorbehalten, dass Menschen, die eine hohe Verantwortung zu tragen haben, sich als Sympathieträger einer umfassend infantilisierten Gesellschaft präsentieren müssen. Regieren macht Spaß, es hat Spaß zu machen, so gab es einige Jahre lang den „Spaßkanzler“ Schröder, die „Spaßpartei“ FDP mit ihrem Spaßmacher Westerwelle, eine Toscana Fraktion, die Hanswurstiaden eines vor der Kamera sturzbetrunkenen Jelzin oder Juncker.
Eliten, oder vielmehr diejenigen, die sich dafür halten oder dafür gehalten werden oder die es werden wollen, die generieren sich als Pöbel, als Hanswurst, sie benehmen sich würdelos und beklagen dann, in den Medien der Lächerlichkeit preisgegeben zu sein.
Seite 2 von 7
Eine infantile Gesellschaft, die sich Kinder zu Anführern ernennt, bzw. Anführer, die die Infantilisierung einer Gesellschaft weiter vorantreiben, was war zuerst, das Ei oder die Henne, die Henne oder das Ei?
Nun könnte man lächeln, man könnte sich zum Lächelln zwingen, sich suggerieren, dass die Welt schön, dass die Menschen gut, dass alles in allerbester Ordnung sei. Der Massenwahn, der sich positives Denken nennt und der in der Gesellschaft sowie in der Trivialpsychologie propagiert wird, der setzt auf die fortwährende Autosuggestion, auf das Vorspielen einer gekünstelten Fröhlichkeit, die durch die unablässige Wiederholung und durch die Macht der Gewohnheit zur wesenseigenen Fröhlichkeit werden solle. Allerdings hat die Wirklichkeit den bedauernswerten Nachteil, sich nicht nach unseren Theoriegebäuden zu richten, in der Praxis sieht es dann so aus, dass der Energieaufwand, die Illusion des euphorischen Gemütszustandes aufrechtzuerhalten, exponentiell ansteigt, während die Wirkung, ähnlich wie bei den Rauschmitteln, mit der zunehmenden Gewöhnung abnimmt.
Diese künstliche Fröhlichkeit ist der effektivste Weg, zum Dauerkonsumenten von Antidepressiva zu werden. Allerdings ist mit der Bespaßungs- und mit der Motivationsindustrie ein lukrativer Wirtschaftszweig entstanden, und das Gewinnstreben derer, die sich mit dem rosaroten Geschwätz die Taschen vergolden wollen sowie der Bereitschaft vieler Menschen, ihr Dasein nach solcherlei Patentrezepten ausrichten zu wollen, ist durch noch so viel Aufklärung nicht aus der Welt zu schaffen.
Der Mensch ist ein Herdentier, und auch wenn er sich für ein Individuum hält und in unzähligen, allesamt mehr oder weniger gleichförmig aussehenden Selfies seine Individualität zur Schau zu stellen versucht, so läuft ein Mensch Gefahr, wenn er nicht um die Ausbildung seiner Talente und Fähigkeiten bemüht ist, ein Massenartikel zu werden, im Extremfall ein Restposten aus dem Billigmarkt. Die exhibitionistisch zur Schau gestellte Scheinindividualität ist. die schmerzloseste Form des Kollektivismus, die Vereinigung der Menschen im heterogenen Pulk, in der gemeinsamen Zurschaustellung individueller Marotten, im Gleichschritt zum Technobeat.
Seite 3 von 7
Die hedonistische Version der Einschmelzung des Individuums im Kollektiv, und das Schönste dabei ist, die Illusion von Individualität bleibt erhalten.
Wahrhafte Individualität will erarbeitet werden, und sie ist nicht gratis zu erhalten, auch wenn dies einem an jeder Ecke versprochen wird. Gratisindividualität ist die Individualität einer atomisierten Masse, einer zusammenhangslosen Ansammlung wurzelloser Monaden, und in dieser kollektiven Entwurzelung gleichen sich die sozialistischen und die neoliberalen Utopien einander an, der Mensch ist etwas, das entweder durch die Staatsmacht oder durch die dominanten Akteure in der Wirtschaft zum bloßen Ding herabgewürdigt, entwurzelt und seiner erworbenen oder angeborenen Eigenschaften beraubt werden kann. Allerdings erledigt eine florierende Unterhaltungsindustrie das Geschäft der Gleichschaltung wesentlich effektiver, als dies eine offene Diktatur mit ihren Zwangsmaßnahmen könnte.
Man könnte es auch mit den Worten einer Hassfigur ausdrücken, der Hausphilosophin des Turbokapitalismus Ayn Rand:
„Als menschliches Wesen können Sie die Tatsache nicht verleugnen, dass Sie eine Philosophie brauchen. Ihre einzige Entscheidung besteht darin, ob Sie ihre Philosophie durch einen bewussten, rationalen, diziplinierten Denkprozess und genaueste logische Herleitung definieren, oder ob ihr Unterbewusstsein, ein Müllhaufen von unberechtigten Schlüssen, falschen Generalisierungen, undefinierten Widersprüchen, unverdauten Parolen, unidentifizierten Wünschen, Zweifeln und Ängsten ansammeln lassen, die zufällig zusammengewürfelt sind, aber von ihrem Unterbewusstsein zusammengeschweißt werden. Selbstzweifel, wie ein Bleigewicht an dem Ort, an dem die Flügel ihres Verstandes hätten wachsen sollen.
Doch vielleicht wird gerade das Wertesystem, dem man anhängt, weniger durch rationale Überlegungen, sondern vielmehr durch das, was scheinbar nebenbei ins Unterbewusstsein rieselt, geprägt, also die Botschaft einer rosaroten heilen Welt, eines rauschhaften, von jeglcher Verantwortung befreiten Lebensstiles, die Legende vom anstrengungslosen Glück, dieses „Tu, was Du willst“ eines Aleister Crowley, und der stanpfende Beat des Schlagzeuges oder der Rhytmusmaschine bei unserer allgegenwärtigen Musikberieselung sorgt dafür, dass diese Botschaften den Urgrund der Empfindungswelt bilden.
Seite 4 von 7
Haben wir es eventuell mit einer Massenhypnose zu tun und spielt die Unterhaltungsindustrie nicht eine wichtige Rolle darin? Techno als die Marschmusik des 21. Jahrhunderts? Aber wir leben jetzt im postheroischen Zeitalter, jemand braucht nur auf einer Massenveranstaltung die Parole auszugeben: „Wer nicht hüpft, ist ein Nazi“, und alle beginnen tatsächlich auf Kommando zu hüpfen… (die infantilste Version des Kollektivismus)
Die soeben zitierte Ayn Rand lässt eine Romanfigur die Rezepturen zur Errichtung einer künftigen Tyrannei ausplaudern:
„Das Groe ist das Seltene, das Schwierige, das Außergewöhnlicche. Stelle Leistungsmaßstäbe auf, die jeder erfüllen kann, selbst der Letzte, selbst der Unfähigste, und niemand hat mehr Lust, sich anzustrengen, selbst der Größte nicht. Du nimmst dem Menschen jeden Anreiz, sich zu verbessern, perfekt zu werden…
Versuche nicht, alles, was dem Menschen heilig ist, wegzufegen, das erschreckt sie. Bete das Mittelmaß an, und das Heilige wird weggefegt. Dann gibt es noch eine andere Methode: Töte durch Lachen. Lachen ist ein Instrument menschlicher Freude. Lerne es als ein Mittel der Zerstörung zu gebrauchen. Verwandle es in ein höhnisches Grinsen. Das ist einfach. Sage ihnen, dass sie über alles lachen sollen. Sage ihnen, dass der Sinn für Humor eine grenzenlose Tugend sei. Lass nichts Heiliges in ihrer Seele übrig – und dann ist ihnen ihre eigene Seele nicht mehr heilig. Töte die Bewunderung, und du tötest den Helden im Menschen. Sie werden Dir gehorchen, und ihr Gehorsam wird keine Grenzen kennen: Alles ist erlaubt, nichts ist ernst zu nehmen.“
Mit ein wenig Rabulistik lässt sich die Selbstaufgabe, die Unterwerfung, der Totalitarismus als hedonistisches Vergnügen verkaufen. Der durch die Teletubbies erzogene, der seiner Eigenschaften, seiner Ecken und Kanten entledigte Mensch wird lächeln, er wird als glücklicher Sklave von der einen Zerstreuung zur nächsten und zur übernächsten taumeln, er wird sich mit Freude dem Lärmen der Fröhlichkeitsmaschine hingeben. Er wird die allgegenwärtige seichte Unterhaltungh für Hochkultur halten und jeglichem Streben nach Differenzierung, nach Sublimierung entsagen. Das Märchen vom leichten Leben und vom Glück ohne eigene Anstrengung wird das untere Mittelmaß glorifizieren, und der Weg nach unten, der Abstieg im laut fröhlichen Pulk von der Hochkultur ins Vulgäre längst schon angetreten ist, so wird auch die Koordinatenverschiebung das Mittelmaß weiterhin nach unten dirigieren.
Seite 5 von 7
Eine Gesellschft, ein Volk, ein Kontinent, eine Zivilisation, die ihre Kultur beiseite legt, diese beginnt, abstoßend zu wirken. Diejenigen, die gerade zu uns kommen, fühlen dies und überschütten uns mit der Verachtung, die einer Zivilisation zukommt, die begonnen hat, sich selbst zu verachten und dies mit künstlicher Fröhlichkeit zu überspielen versucht. Do da der Mensch ein Gewohnheitstier ist, so gewöhnt er sich auch daran, die Rolle eines Fußabtreters einzunehmen und seine Unterwerfung für gelebte Solidarität und Altruismus zu halten, seine Kulturlosigkeit zum neuen Kulturbegriff zu deklarieren, die Auflösungserscheinungen für Aufbau, die Einebnung der individuellen Eigenschaften für Diversität. Und da der Blick durch all’ diese Autosuggestionen, durch die allgegenwärtige Umkehrung von Begrifflichkeiten in ihr Gegenteil, durch die krampfhafte Aufrechterhaltung der Fröhlichkeit, vernebelt ist, so geht der Handlungsspielraum verloren, wie kann einer auch sein Lebensschiff steuern, wenn die Navigationssysteme außer Kraft gesetzt sind?
Das „frivole Zeitalter“ (Sloterdijk“ ist an sein logisches Ende gekommen, es befindet sich seit Jahrzehnten im Zustand der Konkursverschleppung. Also wird der Gerichtsvollzieher kommen und die zum Dauerlächeln nötigen Gebisse beschlagnahmen. Wer partout nichts mehr ernst nehmen will, der wird möglicherweise durch die Umstände zur Ernsthaftigkeit gezwungen werden.
Lohnt es sich, einer solchen Kinderwelt nachzutrauern? Einer Welt, in der mangels wirklicher Herausforderungen die meisten Talente und Potentiale ungenutzt vergeudet wurden, einer Gesellschft, die trotz bis dato nicht gekannter materieller Voraussetzungen so gut wie keine kulturellen Leistungen von Belang hervorgebracht hatte, trotz eines hochsubventionierten Kulturbetriebes.
Den allerhöchsten Ausdruck an Zufriedenheit kann man bei einem Schwein erblicken, welches selbstgenügsam im Dreck liegt und das die Strahlen der Sonne genießt. Wer die Zufriedenheit, die gute Laune als das höchste aller Güter ansieht, der bringt sich um die Innovationskraft, um die kulturstiftenden Impulse, die ihr Gegenteil, der Unmut, mit sich bringt. Es gibt auch kein Streben nach Erkenntnis oder Wahrheit ohne die Unzufriedenheit, auch wenn eine „letztgültige Wahrheit“ wohl niemals wirklich gefunden werden kann.
Seite 6 von 7
Von Goethe ist der Ausspruch überliefert, dass er in seinem ganzen langem Leben vielleicht drei oder vier Wochen lang wahrhaft glücklich gewesen sein soll, der Rest sei Mühsal und Plackerei (Gespräche mit Eckermann).
Doch was wäre gewesen, hätten ein Goethe oder ein Schiller, ein Leibnitz oder ein Schopenhauer lieber in der Sonne gesessen, hätten sie sich gleichsam dem eben erwähnten Schwein mit den paar Sonnenstrahlen begnügt?
Das sich vorschnell Zufriedengeben bedeutet, sich vor den entscheidenden Fragen des Lebens zu drücken. Doch wenn ich mir selbst als Individuum solcherlei Fragen nicht stelle, dann laufe ich Gefahr, dass mir Andere die schlechteste aller möglichen Antworten präsentieren. Und diese schlechten Antworten auch noch mit der Aufforderung zum Lächeln, zur Fröhlichkeit, zu Beifallskundgebungen verknüpfen.
Allerdings ist die Botschaft des anstrengungslosen Glückes und eines Menschenrechtes auf Dauerbespaßung die angenehmere, und so ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis diese Botschaften in Gesetzesform gegossen werden. Miesepeter werden eingesperrt und die Rosenmontagszüge in Mainz, Düsseldorf und Köln dem Verteidigungsministerium unterstellt. Denn der Spaß ist eine ernst Sache und die galoppierende Inflation der guten Laune, das ist der Ernstfall.
Oder, wie es in dem Lied am Ende des Films „Das Leben des Brian“ heißt: „Das Leben ist ein Witz und die letzte Pointe geht auf Deine Kosten“.
Seite 7 von 7