Wer ein Musikinstrument spielt und das vielleicht in einem Orchester, der weiß, dass es der Dirigent ist, der den Ton angibt, der das Tempo bestimmt, beim gemeinsamen Musizieren kommt es darauf an, das eigene Interesse dem gemeinsamen Ziel unterzuordnen. Doch es gibt Ausnahmen:
Der Musikkritiker Melichar berichtete in den 1960er Jahren, dass mitunter manche Orchestermusiker es leid gewesen sind, die von ihnen gehassten Avantgardestücke spielen zu müssen, sie begannen absichtlich falsch zu spielen, in einer anderen Tonart oder die Melodie eines Gassenhauers in die atonalen Stücke hineinzuschmuggeln, sie hatten eine diebische Freude daran, wenn der Dirigent oder der Komponist es nicht bemerkten.
Die Kunst, richtig zu spielen und die Kunst, in richtigen Moment falsch zu spielen, der richtige Fehler im richtigen Moment, der Ungehorsam, sich an der auf das Notenpapier geschriebenen Kakophonie nicht zu beteiligen, frei nach dem Motto: Ein guter Soldat ist einer, der jeden auch noch so törichten Befehl getreu ausführt, ein genialer Soldat führt den Befehl auf eine solche Weise aus, dass die Absurdität des Befehls augenscheinlich wird.
Die gemeinsame Musikausübung ist noch ein vergleichsweise harmloses Terrain, auf dem befohlen und ausgeführt wird, das Publikum belohnt es wahlweise mit frenetischem Beifall oder mit fliegenden Tomaten, manchmal stürmt es auch aus dem Saal und schlägt die Tür hinter sich zu…
Im realen Leben ist es mit ein paar Tomaten nicht getan, wenn etwas schiefgeht, geht es doch um mehr als nur um ein paar Stunden Ohrenschmerz, werden durch törichte Weisungen, mitunter gepaart mit kriminellen Motiven, gleich ganze Existenzen zunichte gemacht, Lebensläufe abgekürzt und der Bestattungsindustrie ein Konjunkturprogramm beschert. Von schlechter Musik stirbt man nicht, von verdorbenen Lebensmitteln oder von törichter Politik mitunter schon...
Im Folgenden Henry David Thoreau mit den ersten Sätzen seines Essays „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat.
Ich habe mir den Wahlspruch zu eigen gemacht: „Die beste Regierung ist die, die am wenigsten regiert.“ und ich sähe es gerne, wenn schneller und gründlicher nach ihm gehandelt würde. „Die beste Regierung ist die, welche gar nicht regiert; und wenn die Menschen einmal reif dafür werden, wird dies die Form ihrer Regierung sein. Eine Regierung ist bestenfalls ein nützliches Instrument; aber die meisten Regierungen sind immer – und alle sind manchmal – unnütz.
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Vorausgegangen war dieser Schrift Thoreaus Verhaftung wegen Nichtbezahlung der damaligen Kopfsteuer. Thoreau ging lieber ins Gefängnis, als mit seinen Steuergeldern zu dem Krieg, den die USA damals gegen Mexiko vom Zaun gebrochen hatte, beizutragen, lieber einen hohen Preis zu bezahlen, als sich der Mittäterschaft schuldig zu machen. Die beste Regierung also die, die am wenigsten regiert, in deren Vokabular das Wörtchen „Gehorsam“ nicht existiert...
Allerdings würde das bedeuten, sich des eigenen Verstandes bedienen zu müssen, sich selbst Autorität zu sein, anstatt die Autoritäten im Außen zu suchen. Sich auf die äußeren Autoritäten zu verlassen, das bedeutet immer, die berühmte „Katze im Sack“ zu kaufen, man weiß nie, was wirklich drinnen ist...
Im Christentum kennt man von Paulus den bekannten Vers aus dem Römerbrief:
Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott bestellt zu sein; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet.
Gibt es irgendwo eine Grenze, ab welcher dieses Loyalitätsgebot hinfällig ist? Immerhin Auch innerhalb der Christenheit wird der Umgang mit der weltlichen Obrigkeit unterschiedlich gehandhabt, bei den Großkirchen ist das Verhältnis zum Staat meistens ziemlich eng, die Zeugen Jehovas hingegen erlegen ihren Mitgliedern zwar die Einhaltung der Gesetze, ansonsten völlige Enthaltsamkeit von politischen Angelegenheiten auf, also kein physischer Widerstand, keinerlei Beteiligung an Wahlen, keine politischen Ämter. Nach der Weltsicht der Zeugen Jehovas befinden wir uns in der Endzeit, sie suchen also die Offenbarung des Johannes ab nach Stellen, die mit mehr oder weniger Phantasie zum derzeitigen Weltgeschehen passen könnten, sie versuchen, sich den nach deren Weltsicht unter der Herrschaft Satans stehenden Institutionen so weit wie möglich zu entziehen.
Was wäre, wenn die Obrigkeit einen auf Abwege führe, was in den totalitären Regimen des vergangenen Jahrhunderts so oft passiert ist und auch jederzeit wieder geschehen kann? Oder, wenn sie es mit ihrer Fürsorglichkeit übertreibt und das öffentliche Leben erstickt. Als fiktives Extrembeispiel, hin und wieder gibt es Menschen, die den Verstand verlieren und dabei Schaden anrichten, nach den Regel der Schadensvermeidung um jeden Preis könnte eine Regierung auch die Pflicht verhängen, in der Öffentlichkeit eine Zwangsjacke zu tragen.
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Niemand könnte niemandem mehr etwas antun, deshalb lasst uns alle eine Zwangsjacke tragen, wer dazu nicht bereit ist, der wäre ein Egoist, ein schädliches Element, ein Ungeziefer...
Gehorsam… Befehl, Kommando, Pflichterfüllung, wir haben hier die Hierarchie der Befehlsstrukturen und die Hierarchie der Werte. Beides ist nicht immer kompatibel. Oder man erspart sich die Mühe, über seine eigenen Wünsche, Ziele und Hoffnungen nachzudenken und verlässt sich darauf, dass im Außen einem jemand sagt, „wo es lang geht“. In diesem Fall delegiert man die Orientierung über das eigene Dasein nach außen, nach oben, an Institutionen, deren Aufgabe es ist, von den Dingen mehr zu verstehen als man selbst. Was ein rationales Vorgehen sein kann, denn die Ressourcen an Zeit, an Energie, an Intelligenz, die sind begrenzt.
Man kann nicht auf jedem Gebiet Experte sein, man könnte es auch nicht, denn es gibt zu viele Gebiete, in denen man sich auskennen müsste, um in der heutigen Welt bestehen zu können, ohne sich auf das Wissen und auf den Orientierungssinn Anderer zu verlassen. Was mitunter zu Konflikten führen kann, wenn die Anordnungen dem zu widersprechen scheinen, was man selbst erlernt, erfahren, erkannt hat.
Im Grunde genommen bewegt man sich in den Gefilden des Nichtwissens, man ist eigentlich genötigt, darauf zu vertrauen, dass „alles schon seine Richtigkeit habe“. Mitunter zerbricht auch dieses Vertrauen, man erfährt durch einen dummen Zufall, wie die Wurst hergestellt worden ist, die man jahrzehntelang unbefangen verzehrt hatte, man ist schockiert und frönt den Rest seiner Tage der Wurstabstinenz. Oder man war Glied einer Befehlskette gewesen, man hat sich in eine dumme Sache hineinziehen lassen und verbringt einige Lebenszeit beim Tütenkleben, weil man Weisungen umgesetzt hatte, die man vielleicht doch besser hätte ignorieren sollen…
In diesem Fall hat man ausgesprochen Pech gehabt, etwas war zwar befehlskonform, aber nicht legal, schon gar nicht legitim gewesen, ja, ich habe nur Befehle ausgeführt, meine Aufgabe war es nicht gewesen, über die Folgen meines Handelns, über die Legitimität der Anweisungen nachzusinnen.
Wem also schuldet man hier Gehorsam, dem Befehl des Arbeitgebers oder dem Protest des Gewissens, um im Falle der Wurst zu bleiben, dass angegammeltes Fleisch nichts in der Wurstmaschine zu suchen hat? Der Boss hatte einem gesagt, man solle doch mal fünfe gerade sein lassen, merkt doch sowieso keiner… Einen womöglich verspottet wegen allzu großer Pingeligkeit…
Und was kann man alles verlieren, wenn man dem einen oder dem anderen Befehl nicht gehorcht, der Arbeitgeber kann einem persönliche Nachteile breiten, die nächste Gehaltserhöhung bleibt aus, mit der erhofften Beförderung wird es nichts mehr, man kann entlassen werden, im anderen Falle droht der Verlust der persönlichen Selbstachtung oder schlaflose Nächte, was passiert, wenn der Betrug vielleicht doch mal auffliegt? Was nun schwerer wiegt, der gesellschaftliche Nachteil oder die Unfähigkeit, weiterhin in den Spiegel schauen zu können, das ist Ansichtssache.
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Bei Thoreau ist die Frage entschieden, er konnte sich allerdings auch den Luxus leisten, auf menschliche Gesellschaft zu verzichten und alleine in einer Holzhütte an einem Teich zu leben:
Könnte es nicht eine Regierung geben, in der nicht die Mehrheit über falsch und richtig befindet, sondern das Gewissen? - in der die Mehrheit nur solche Fragen entscheidet, für die das Gebot der Nützlichkeit gilt? Muss der Bürger auch nur einen Augenblick, auch nur ein wenig, sein Gewissen dem Gesetzgeber überlassen? Wozu hat denn jeder Mensch ein Gewissen? Ich finde, wir sollten erst Menschen sein und dann Untertanen. Man sollte nicht den Respekt vor dem Gesetz pflegen, sondern vor der Gerechtigkeit.
Thoreau beruft sich auf sein Gewissen als die Richtschnur seines Handelns. Das Gewissen, das persönliche Empfinden darüber, was richtig und was falsch ist, das steht für ihn über den von der Regierung gesetzten Richtlinien. Nicht jeder Weisungsempfänger wird im Laufe seines Lebens vor diese Entscheidung gestellt, etwas tun zu sollen, das er eigentlich nicht tun sollte, unter Umständen hat er die Stimme des Gewissens auch schon so sehr zum Schweigen gebracht, dass er diesen Konflikt nicht mehr als einen solchen empfindet. Für bestimmte Positionen ist das Schweigen des Gewissens Voraussetzung, man kommt dort nur hinein, wenn man bereit ist, „seine Seele zu verkaufen“.
Mitunter wurde, wenn auch spät, die Stimme des Gewissens so laut, dass jemand seine gesamte Existenz riskierte, ein Edward Snowdon gab sein gesamtes bisheriges Leben auf und offenbarte sein Wissen über geheime Überwachungsstrukturen einer ungläubigen Öffentlichkeit.
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Für die einen ist Snowdon ein Verräter, die würden ihn am liebsten auf dem elektrischen Stuhl sehen, für die anderen ein Held, einer der wenigen Aufrechten unter einer gesichtslosen Masse Befehlsempfänger.
Als unbedarfter Bürger oder Arbeitnehmer geht man mit der größten Selbstverständlichkeit davon aus, dass die eigene Regierung oder die Firma, für die man arbeitet, nicht in kriminelle Machenschaften verwickelt ist. Manchmal hat man Glück und es entspricht der faktischen Wahrheit, allerdings nur manchmal. Manchmal erfährt man auch erst hinterher, an wen man sich verkauft hat und welche Abgründe an krimineller Energie mitunter hinter der Fassade von Seriosität und Rechtschaffenheit zu finden sind. Mitunter kommt es dann zu robusten Dankbarkeitsbekundungen gegenüber den ehemaligen Vorgesetzten, falls noch die Möglichkeit dazu besteht, manchmal auch klicken für den Untergebenen die Handschellen und dem ehemaligen Vorgesetzten winken höhere Aufgaben… wie der Volksmund sagt, den Kleinen hängt man, dem Großen hängt man einen Orden um...
Die Tendenz, sich das Leben möglichst einfach zu machen und die Beantwortung der Lebensfragen nach außen zu delegieren, an die Gruppe, an die religiösen Institutionen, an den Staat, das ist eine Vorgehensweise mit gewissen Risiken und Nebenwirkungen.
Jegliche Staatlichkeit beinhaltet die Tendenz, sich mit zumeist lauteren Absichten mehr und mehr Zuständigkeiten anzueignen, mehr und mehr Regelungsbedarf zu entdecken. Gleich einem Arzt, der ein Medikament verschreibt, das gewisse Nebenwirkungen erzeugt, gegen die es wieder Medikamente gibt, die wiederum Nebenwirkungen zeitigen, für die es dann wieder Mittelchen gibt, eine Kettenreaktion, die kein Ende findet, hinreichend beschrieben in „Der Weg zur Knechtschaft“ des Ökonomen August Friedrich von Hayek. Eine Selbstbescheidung, das Eingeständnis, dass es nicht Sache der Obrigkeit sein kann, darüber zu entscheiden, wer auf welche Weise sein Glück zu finden hat, dazu wird die Staatsmacht in den seltensten Fällen fähig sein. Womöglich kommt im letzten Moment noch jemand an die Spitze, der versucht, das durch allzu viel Reibung stagnierende System durch Reformen zu retten, Gorbatschow ist damit gescheitert, wenige Jahre später war die Sowjetunion Geschichte…
Das klägliche Ende eines Regimes, das ein Menschenleben lang im Namen der Gerechtigkeit den Gehorsam seiner Untertanen mit Staatsterror erzwungen hatte.
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Dabei stellte sich heraus, dass der Aufwand für die Überwachung den Ertrag überstieg, die Menschenfarm Terrorstaat sich als unrentabel herausstellte. Sklaven neigen dazu, lustlos und ineffektiv zu arbeiten, nachlässig zu sein bei der Ausführung ihrer Pflichten.
Allerdings sind totalitäre Systeme lediglich die Spitze des Eisberges, und die offenkundige Erpressung ist nur eines von vielen Mitteln, die Menschen in eine vorgegebene Richtung zu pressen. Die Methoden aus Huxleys „schöner neuer Welt“, die Massenverdummung durch eine allgegenwärtige Unterhaltungsindustrie, psychologisch raffinierte Abrichtung sind weitaus effektiver gewesen als Orwells 1984.
Frei nach Goethe:
Niemand ist hoffnungsloser versklavt als jene, die fälschlicherweise glauben, frei zu sein.”
Auch ist nicht ganz unbekannt, dass die entschiedensten Befürworter der Sklaverei nicht einmal die Sklavenhalter gewesen sind, sondern die privilegierten Sklaven. Es sind vor allem Letztere gewesen, die das System von Befehl und Gehorsam und das Tabu des kritischen Hinterfragens aufrechterhielten. Allerdings würde sich auch die Frage stellen, wodurch man ein solches System ersetzen könnte, denn ein herrschaftsfreies Zusammenleben würde von den Menschen ein Höchstmaß an Verantwortungsbereitschaft und Klarsicht verlangen, zu dem die Allerwenigsten in der Lage sind, deswegen werden auch in der allerschönsten und allerneuesten Welt weiterhin die Blinden die Blinden führen und sich die Blinden von den Blinden führen lassen.
Wonach also den inneren Kompass ausrichten, wenn es keinerlei verlässliche Orientierungspunkte gibt? Wo ist Norden, Süden, Osten, Westen, Oben und Unten? Wie sich von seinem Gewissen leiten lassen, wenn auch das Gewissen in erster Linie eine Ansammlung von Glaubenssätzen und Vorurteilen ist? Um zu den Musikern vom Anfang zurückzukehren, es gilt, in der Kakophonie des gelebten Lebens den richtigen Ton suchen, und dabei die Gewissheit haben, dass der Komponist und der Dirigent es nicht mitbekommen wird, wenn man die ersten Tomaten entgegenfliegen sieht, dann kann man darüber rätseln, ob der soeben gespielte Ton vielleicht der einzig richtige, womöglich aber auch der falscheste von allen unter dem allgemeinen Getöse gewesen ist.
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