Von einstürzenden Elfenbeintürmen und modrigen Luftschlössern   185

Kurzgeschichten · Nachdenkliches

Von:    Martin Guido Becker      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 5. Juni 2026
Bei Webstories eingestellt: 5. Juni 2026
Anzahl gesehen: 811
Seiten: 8

Es ist nicht ganz einfach mit dem Ersteigen der Höhen der Höhen des Elfenbeinturmes. Beim Erklimmen der Wendeltreppe, verläuft sie innen, verläuft sie an der Außenseite, beim unvermeidlichen Blick in die Tiefe schaudert es einem. Eines Schritt vor ins Ungewisse, und schon ist die ganze Sicherheit, ist das Wohlgefühl, ist die ganze Reputation perdu. Wohl dem, der über ein Geländer verfügt, an dem er sich festhalten kann. Dieses gibt einem eine gewisse Sicherheit, dass man nicht die Treppe wieder hinunterpurzelt, die man eben so mühsam emporgestiegen ist.

Auch wenn Elfenbeintürme nur einigen Wenigen vorbehalten sind, den Meisten ist es lediglich vergönnt, in mentalen Fertighäusern, in geistigen Plattenbauten ihre Tage zu verbringen, auch solcherlei Gedankengebäude haben Geländer, an denen man sich festhält und die das allgemein schickliche Denken von den Tabuzonen des nicht abgesicherten Denkens wie auch von den Tabuzonen des verpönten Denkens abhalten. Und mitunter wähnt man sich irgendwo in irgendeinem der obersten Stockwerke eines Gedankengebäudes, und befindet sich doch in Wirklichkeit in einem der Kellerverliese, und man merkt es nicht, da das Geländer einem die Sicht ins Freie versperrt, also auch die Navigation, wo befindet man sich denn eigentlich? Oben oder unten, links oder rechts, im Norden oder Süden, erst der Blick nach außen, der Kontakt mit den Vergleichskoordinaten kann ein Stückchen Gewissheit verschaffen. So manches dieser Gebäude kann sich auch als Luftschloss herausstellen, für einen Luftschlossbewohner oder gar für einen Architekten von Luftschlössern kann der Griff nach dem Geländer auch den Griff ins Leere bedeuten.



Worin bestehen die Möglichkeiten sowie die Einschränkungen, die ein solches Geländer bedeuten kann? Zum einen darin, dass man immer zu den erwünschten Ergebnissen kommen kann, ich befasse mich mit einem Problem, ich habe die Lösung desselben fest schon im Blick und versuche lediglich, eine Begründung zu finden, dass dieser angestrebte Lösungsweg der richtige sei. Auf eine solche Weise kann man der Gefahr des ungesicherten Denkens entkommen, man läuft nicht Gefahr, zu Ergebnissen zu gelangen, die einen aus dem gewohnten Gedankengebäude hinauskatapultieren könnten. Die Behaglichkeit des Denkens bleibt gewahrt, solange das Geländer die Komfortzone absichert, so dass man sich nicht in die Bereiche des Zweifels, des Selbstzweifels sowie in die Wüsteneien der Ratlosigkeit verirrt.
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Mit ein wenig Geschick kann ja alles und jedes bewiesen werden und das Gegenteil davon auch. Als unbedarfter Zuhörer ist man ohnehin geneigt, vor der Macht der Worte, vor der rhetorischen Virtuosität zu kapitulieren. Und unterliegen in einer Zuhörerschaft die links und rechts Stehenden der Macht der Worte, der Verführungskraft des Redners, so unterliegt man eben auch, man orientiert sich an den Geländern, die Andere für einen gesetzt haben. Ein fähiger Rhetoriker setzt dem Publikum seine eigene Brille auf und entführt seine Zuhörerschaft in seine eigene ideologische Blase. Man bewegt sich in einer solchen und beginnt diese für das Ei des Kolumbus zu halten. Auch wenn dieses Ei sich langfristig als Kuckucksei herausstellen könnte.



Denksysteme sind geistige Fertighäuser. Man kann sie sich schlüsselfertig aufstellen lassen, man zieht ein und braucht sich um seine Gedankenwelt nicht mehr weiter zu kümmern, denn die Rahmenbedingungen einer solchen sind vorgegeben. Man repetiert Vorgedachtes, man bewegt sich in einer Begriffswelt, die von dem Milieu der Mitbewohner des gleichen oder zumindest ähnlicher Fertighäuser vorgegeben ist. Man kann inmitten einer Gruppe Gleichgesinnter mit dem Strom schwimmen, was die Gefahr in sich birgt, dass das Wohlbefinden zwar weitgehend ungetrübt, gewisse Fragen aber nicht gestellt, eventuell nötige Zweifel auch nicht zugelassen werden.



Jeder, der sich eine Sache ansieht, der hat seinen Standpunkt, von dem aus er sie betrachtet. Er verfügt über gewisse ideologische Rahmenbedingungen, über Selbstidentifikationen, die seine Lösungsansätze in bestimmte Richtungen lenken. Solche Identifikationen sind einerseits hilfreich, sie erleichtern die Orientierung, andererseits bedeuten sie eine nicht unbedeutende Einschränkung des Blickfeldes. Im Extremfall ist das Blickfeld dermaßen eingeschränkt, dass es einem den stereoskopischen Blick durch ein Schlüsselloch ermöglicht. In einem solchen Fall kann man auch durchaus als Autorität ersten Ranges gelten, man verfügt über ein beeindruckendes Detailwissen und womöglich rhetorisches Geschick, und möglicherweise auch über die Fähigkeit, für jedes existierende Problem ein und denselben Universalschlüssel zu verkaufen. Allerdings haben Universalschlüssel sowie Patentrezepte die unerwünschte Eigenschaft, lediglich in der Selbstwahrnehmung zu funktionieren, von außen betrachtet ist ein Universalschlüssel zumeist eine dubiose Angelegenheit.
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Man ist… Christ, man ist Moslem, man ist Atheist, man ist Sozialist, man ist Humanist, man ist liberal, man ist ultraliberal, man ist links, man ist rechts, man denkt national, man denkt internationalistisch, man denkt in Kategorien des Fortschritts, man ist erzkonservativ, man sieht das Paradies in der Zukunft oder in der Vergangenheit, man sucht es in fernen Ländern, es gibt eine Unzahl ideologischer Brillen auf dem Meinungsmarkt, die man sich aufsetzen kann und die man im Laufe der Zeit mit seinen Augen zu verwechseln versucht ist.

Und man ist dazu geneigt, die Welt nurmehr durch eine solche Brille zu betrachten, und da auch auf ideologischem Gebiet Brillenmoden herrschen, so verfallen die Menschen gleich kollektiv dem ideologisch eingefärbten Blick. Und immer wieder herrscht die Neigung, Realitäten, die nicht in ein solches ideologisches System hineinpassen, auszublenden.



Würde ein Archäologe auf eine solche Weise arbeiten, würde er eine Theorie erstellen, und würde er sämtliche Fundstücke, die nicht in diese Theorie hineinpassen, der Müllabfuhr übergeben, so wäre er wohl schnell und völlig zu Recht seinen Job los. Denn Wissenschaft im eigentlichen Sinne bedeutet, sich auch mit den Dingen zu befassen, die nicht mit der eigenen Weltsicht korrelieren. Sie bedeutet, eine Theorie aufzustellen und Argumente zu suchen, die diese Theorie in Frage stellen könnten, also die eigene Theorie nicht zu untermauern, sondern zu widerlegen versuchen. Erst wenn die Widerlegung unmöglich ist, wenn sie die Bewährungsprobe überstanden hat, erst dann verdient eine These, ernst genommen zu werden.



Bei einer anderen Vorgehensweise als dem Abarbeiten der Gegenargumente wachsen die Tendenzen, die in jedem Denksystem innewohnenden blinden Flecken, die Ungenauigkeiten und Denkfehler, nicht mehr wahrzunehmen. Denn einiges ist so selbstverständlich geworden wie die Atemluft. Man bewegt sich in ausgetretenen Bahnen, und die Sicherheit des Gewohnten, die trügerische Sicherheit nicht hinterfragter Wahrheiten verleitet einen dazu, im Gewohnten zu verbleiben und keinerlei Fragen zu stellen. Außerdem ist der Mensch bekanntlich ein Herdentier, er orientiert sich an der Mehrheit seiner Artgenossen, wenn es darum geht, Orientierung darüber zu finden, was er zu denken hat. Mit mitunter skurrilen Ergebnissen, der Mensch, vielmehr die meisten von ihnen, er gibt lieber die Logik, den gesunden Menschenverstand preis als die Übereinstimmung mit der gefühlten Mehrheit.
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Auch die Mehrheitsmeinung, das Mitsingen des Liedes der breiten Masse, ist ein Geländer, an dem man sich festhalten kann, das Verbleiben in der Mehrheitsmeinung bietet eine gewisse Gewähr dafür, dass man ohne Blessuren durch sein Leben kommen kann. Allerdings bietet auch die Mehrheitsmeinung keinerlei Gewissheit, die Mehrheit ist in der Vergangenheit oft in die Irre gegangen und es spricht nichts dagegen, dass sie es nicht wieder tun wird.



Gerade das als selbstverständlich Empfundene verdient es am allermeisten, hinterfragt zu werden. Was Gefahren birgt. Denn Gedankengebäude pflegen sich in Luft aufzulösen, wenn man allzu genau hinschaut. Plötzlich befindet man sich im Zustand mentaler Obdachlosigkeit. Man fällt vom Glauben ab, da man die Widersprüche und die Ungereimtheiten der Denksysteme zu erkennen beginnt.

Ist einem der Glaube einmal abhanden gekommen, so liest man die heiligen Schriften, mögen es die Bibel, der Koran, Marx und Engels oder die Hohepriester der Marktwirtschaft, die Frankfurter Schule oder irgendwelche New Age Gurus sein, mit anderem Bewusstsein. Plötzlich ist man Skeptiker geworden, man beginnt Fragen zu stellen, die die Gläubigen erzürnen. Man ist Querulant, man ist Spielverderber geworden.



Eine Theorie ist nur so stark wie ihre Gegner. Deswegen ist Theoriekritik unerlässlich für die Qualität des Denkens, kann einer Theorie nichts Schlimmeres geschehen, als wenn sie allgemein akzeptiert und wenn sie nicht mehr hinterfragt wird. Eine Theorie, die nicht mehr kritisiert und die nicht mehr in Frage gestellt und auf ihre Fehler hin untersucht werden darf, die entwickelt sich nicht mehr weiter, sie radikalisiert sich allenfalls bei Konfrontation mit der Realität und bewegt sich in Richtung Rechthaberei mit robusten Mitteln, sie entwickelt sich hin zum offensichtlich Absurden und nimmt, von außen her betrachtet, sektenähnliche Züge an. Stimmt eine Theorie nicht mit den Fakten überein, umso schlimmer ist das für die Fakten…. Ein Geländer alleine genügt nicht mehr, es werden noch einige Reihen Stacheldraht aufgesetzt, diese werden mehr und mehr perfektioniert, während sich das Gedankengebäude mehr und mehr zum Irrenhaus entwickelt.



Gerade in Forschungsbereichen, in denen nicht durch harte Fakten Grenzen gesetzt werden, zwei und zwei wird mit noch so viel Sophistik nicht fünf, also in den Humanwissenschaften, ist die Möglichkeit immer gegeben, sich ins Irreale zu verirren und die faktische Realität vehement zu leugnen.
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Eine solche Wissenschaft wird zum Religionsersatz und sie kann ebenso irrational werden, wie es die Glaubenssätze einer Religion sein können.



Die Mathematik ist unbestechlich, zwei und zwei gleich vier, in der Psychologie, in den Humanwissenschaften, in der Ökonomie und in den ökologischen Wissenschaften besteht immer wieder die Gefahr der ideologischen Vorgaben, dort kann zwei und zwei auch mal fünf, mal sieben oder acht sein, je nachdem, welche rhetorische Kraft dahinter steht und welches Denken gerade gefördert wird und welches nicht. Es spielen ideologische, politische und wirtschaftliche Interessen eine wesentliche Rolle, ebenso auch der jeweils herrschende Zeitgeist, der allerdings in erster Linie ein Produkt aus den eben genannten Interessen ist.



Wenn eine Medizin nicht zu wirken scheint, wenn ihre Nebenwirkungen den Nutzen übersteigen, überprüft man noch einmal die Diagnose und stellt man sich die Frage, ob das richtige Medikament verabreicht worden ist, oder erhöht man nicht einfach die Dosis, im Glauben daran, dass es einfach nur eine Verdoppelung der Medikation bedarf? Und wenn man Patient wäre, zu welchem Arzt würde man gehen wollen, zu demjenigen, der bei Misserfolg seine Theorie zu korrigieren bereit wäre oder zu dem, der sie radikalisiert?



Auf die Frage des gesellschaftlichen Zusammenlebens übertragen, so kann man davon ausgehen, dass wir gegenwärtig weder in einer freien Marktwirtschaft noch im Kommunismus leben, sondern in einer Hybridform, die sowohl kapitalistische wie auch sozialistische Elemente enthält. Schon an der Frage, wenn es mal wieder zu einer ökonomischen Krise kommt, ist dies eine Krise des Kapitalismus oder entstammt diese Krise einem Übermaß an Regelungen, herrscht akuter Regelungsbedarf, oder sollte der Dschungel an Verordnungen mal endlich zurückgeschnitten werden, an dieser Bestimmung der Situation scheiden sich die Geister. Verschiedene ökonomische Schulen interpretieren die Ausgangslage völlig anders und bieten unterschiedliche Rezepturen an und behaupten für sich, den Königsweg zur Lösung ökonomischer Probleme gefunden zu haben. Es scheiden sich die Geister an der Frage, ob der Kapitalismus nun das Problem oder gar die Lösung ist.
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Die einen sehen in dem Abbau staatlicher Eingriffe, der Vermehrung der wirtschaftlichen Freiheit die Lösung, die andere Seite in der Zunahme staatlicher Interventionen und der Umverteilung. Beide Seiten tragen plausibel klingende Argumente vor und beide Seiten interpretieren die Begleiterscheinungen und die Nebenwirkungen ihrer Rezepturen im ihrem Sinne, immer in Richtung der Bestätigung des Theoriegebäudes. Und die aus der praktischen Anwendung der Theorie entstammenden gesellschaftlichen Verwerfungen werden als zu vernachlässigende Einzelfälle abgetan. Möglicherweise wird sich praktisch herausstellen, dass es eine funktionierende ökonomische Theorie schlicht und einfach nicht gibt. Man kann sich auf Marx, auf Keynes, auf die klassisch Liberalen oder auf die Ultraliberalen berufen, um irgendwann feststellen zu müssen, dass es sich um ideologische Echokammern handelt, um Religionsbekenntnisse und Denkschablonen, um die die Wirklichkeit sich nicht schert. In der Praxis bedeutete die Umsetzung ökonomischer und politischer Heilslehren bisher regelmäßig die Verknechtung des Menschen im Namen seiner Befreiung. Gerade bei Gesellschaftsexperimenten, zumindest bei dem regelmäßigen Scheitern derselben.



Operation gelungen, Patient tot, so könnte es heißen, wenn wieder einmal eine nicht funktionierende Theorie wider alle Erkenntnis praktisch angewandt wurde, wenn eine Gesellschaftsordnung auf einer fragwürdigen Theorie errichtet worden ist.

Theorien bedürfen bei praktischer Anwendung regelmäßige Überprüfung auf ihre Richtigkeit, und auch der Bereitschaft, sie in Frage zu stellen. Als Ersatzreligionen richten sie Schaden an, doch ist der Mensch ein unheilbar religiöses Wesen, und er neigt dazu, Wissen und Glauben zu verwechseln und Abweichler kollektiv niederzumachen. Abgesehen davon, dass man im Grunde genommen nur weniges wirklich weiß, also darauf angewiesen ist, vieles unüberprüft zu glauben, und dieses Glauben hoch, oftmals allzu hoch einschätzt. Blinder Glaube ist keine Tugend, sondern ein Laster, und die blind Glaubenden sind diejenigen, die ihre Glaubenssysteme auf lange Sicht ad absurdum führen. Ebenso gibt es auch kaum eine Theorie ohne Ungereimtheiten und innere Widersprüche.



Das Geländer, an dem man sich festzuhalten pflegt, es könnte zu wackeln beginnen. Es könnte sich in Luft auflösen, ebenso wie die Gemäuer der Luftschlossarchitektur, die die gefühlte Normalität bilden.
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Ein solches Schicksal könnte auch den derzeitig laufenden Gesellschaftsexperimenten beschieden sein, allerdings sind diese so selbstverständlich geworden, dass sie erst nach dem Scheitern derselben überhaupt als Experimente erkannt werden können.



In der Praxis des täglichen Lebens kann dies geschehen, wenn man seinen Fernsehapparat bei einer Nachrichtensendung beim Lügen ertappt. Wenn Propaganda allzu leicht als solche zu erkennen ist und wenn sie zu einer Beleidigung selbst mittelmäßiger Intelligenz wird. Wenn eine Erzählung, die eine Gesellschaft zusammenhalten soll, nicht mehr trägt, wenn das Gebaren irgendwelcher Machthaber unerträglich wird, wenn der mächtige Führer plötzlich als ein lächerlicher Popanz dasteht, wenn Anspruch und die gefühlte Wirklichkeit allzu weit auseinanderklaffen, so dass man sein Denkvermögen bis hin zur völligen Demenz hin drosseln müsste, um den Glauben an ein verordnetes Weltbild noch aufrechtzuerhalten. Eine Zeitlang kann man noch mit Inquisition und Repressionsapparat den Glauben zu erzwingen versuchen, allerdings ist dies nichts als Konkursverschleppung. Der Energieaufwand, der zur Aufrechterhaltung einsturzgefährdeter Luftschlösser aufgewendet werden muss, der kann auf Dauer nicht geleistet werden. Man kann auch nicht dauerhaft die ganze Bevölkerung ins Gefängnis werfen, der Aufwand zur Überwachung der Insassen übersteigt deren Ertrag aus der Zwangsarbeit. Zwangssysteme rechnen sich ökonomisch nicht, deswegen ist ihnen nur eine begrenzte Lebensdauer beschieden.



Wer sich beim offensichtlichen Scheitern einer Illusion noch am Geländer festklammert, der wird von diesem mit in die Tiefe gerissen.

Allerdings stellt sich die Frage, kann man überhaupt ohne Geländer denken? Kann man die Emotion und die emotionale Identifikation aus dem Denken ausschalten? Und ist dies überhaupt wünschenswert? Vor allem in einer Welt, deren Kompliziertheit das menschliche Denkvermögen bei weitem übersteigt? Oder kann man Geländern einen relativen Wert beimessen, aber keinen absoluten? Kann man die Frage, was ist richtig, was ist falsch, was ist gut, was ist böse, irgendwohin delegieren? Oder delegiert die Realität diese Fragen nicht unweigerlich an das Individuum zurück, zumindest nach dem Scheitern der utopischen Wunschvorstellungen? Man delegiert seinen inneren Kompass an den Staat, an die gefühlte Mehrheitsmeinung, an Institutionen, die das Denken, die die Gewissensentscheidungen, für einen abnehmen? Aber überfordert man nicht solche Einrichtungen, wenn man sich blind auf sie verlässt?



Der Zweifel ist der Verbraucherschutz auf dem Markt der Ideologien.
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Wer von der Skepsis gekostet hat, der ist geimpft gegen Dogmatismus. Dem Zweifel haftet der Ruf des Spielverderbers an, völlig zu recht, doch manchmal muss ein Spiel auch gründlich verdorben werden, damit es nicht aus dem Ruder läuft. Es ist kein besonderes Vergnügen, in Gesellschaft Betrunkener als einziger nüchtern zu bleiben, doch ist die Alternative, sich ebenfalls volllaufen zu lassen, keinesfalls attraktiver.

Der Zweifel bringt den blind Glaubenden zur Vernunft. Oder auch nicht. Denn Luftschlösser, ob individuelle oder gemeinschaftlich bewohnte, sind etwas Verlockendes und deren Bewohner sind nur allzu gerne bereit, den dafür fälligen Mietzins zu entrichten. Selbst wenn die Mieten dafür in schwindelerregende Höhen steigen und die Nebenkostenabrechnungen auch. Auf lange Sicht sind Luftschlösser die teuersten Objekte auf dem Immobilienmarkt. Vor allem dann, wenn das Luftschloss irgendeine Form von Gemeinschaftlichkeit verspricht, ist man allzu gerne bereit, jeden erdenklichen Preis zu entrichten.

Die Skepsis prüft die Luftschlösser, sie stellt fest, dass die Wände derselben feucht, das Gebälk modrig, dass der Keller unter Wasser steht und es im ganzen Gebäude nach Schimmelsporen riecht, sie rät vom Kauf oder von der Anmietung des Luftschlosses ab und zieht sich so den Zorn der Makler und der Architekten zu, möglicherweise klagen diese auch vor dem Amtsgericht wegen Geschäftsschädigung. Dort werden sie womöglich Erfolg haben, denn es heißt: „Vor der Justiz und auf hoher See sind wir in Gottes Hand.“
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