Romantisches · Romane/Serien

Von:    Stefan Steinmetz      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 19. Februar 2020
Bei Webstories eingestellt: 19. Februar 2020
Anzahl gesehen: 1034
Kapitel: 0, Seiten: 0

Diese Story ist die Beschreibung und Inhaltsverzeichnis einer Reihe.

Verfügbarkeit:    Die Einzelteile der Reihe werden nach und nach bei Webstories veröffentlicht.

Leonie spazierte ohne Eile die Straße hinunter. Sie hatte das Gefühl, zu schweben. Am Morgen war ihr schwer ums Herz gewesen. Sie war voller Angst zur Schule gegangen. Sie war sicher gewesen, dass es keine Rettung für sie gab. Alles was sie sich von ihrem Geburtstag wünschte war, noch einmal davonzukommen.

Und nun das. Sie schwebte über den Bürgersteig auf ihr Zuhause zu. Ihr Herz schlug. Sie war übervoll mit Erleichterung und Freude. Und Liebe. Leonie war verliebt.

Ich kann es nicht glauben! Ich kann es immer noch nicht glauben!

Sie hatte Angst, jeden Moment aufzuwachen und feststellen zu müssen, dass alles nur ein Traum gewesen war.

Aber es war kein Traum. Obwohl es sehr wohl einer war! Sie war mittendrin in diesem Traum.

Verabredet! Wir sind verabredet! Er hat mich gefragt! Mich! Mich, Leonie Ammon! Ooh!

Sie schloss die Haustür auf und lief die Treppe hinauf zur Wohnung. Bevor sie aufschließen konnte, öffnete ihre Mutter: „Hallo, Geburtstagskind.“

„Hi, Mutti.“ Leonie brachte ihre Schultasche in ihr kleines Zimmer. Vom einzigen Poster im Zimmer lächelten sie die Peoples an. Sie hatte nur Augen für Jans Lächeln.

„Ich habe uns eine Pizza gemacht“, tönte es aus der Küche. „Ich stelle sie gleich in den Backofen. Wir können es uns auf dem Balkon gemütlich machen, wenn du möchtest.“

„Klingt gut, Mutti“, gab Leonie zurück. Sie freute sich. Selbstgemachte Pizza. Noch was Schönes nach solch einem tollen Tag. Sie liebte die selbstgemachte Pizza ihrer Mutter.

Sie legte ein Tischtuch auf den kleinen Tisch auf dem Balkon und brachte flache Teller und Besteck nach draußen, sowie eine Flasche Mineralwasser und Trinkgläser. Sie war kaum fertig, als ihre Mutter das Backblech mit der Pizza brachte: „Leg für jede von uns ein Stück auf den Teller. Die andere Hälfte tue ich wieder in den Backofen, um sie warmzuhalten.“

Dann saßen sie auf dem Balkon und schmausten gemeinsam.

„Wie war es heute Nachmittag?“, fragte die Mutter. „Bist du mit deinen Freundinnen losgezogen?“

„Wir waren Eis essen“, sagte Leonie.

Bienen summten um die beiden blühenden Apfelbäumchen, die rechts und links an der Außenseite des Balkons in großen Töpfen wuchsen. Links stand ein Säulenapfel, rechts ein Apfelberger Zuckeräpfelchen, ein Wildapfel, der statt saurer Holzäpfel essbare kleine Früchte hervorbrachte.
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Der Säulenapfel war genau das: eine Säule aus Holz, halb so dick wie Leonies Handgelenk. Er wuchs pro Jahr gerade mal eine Handspanne höher, aber Ende des Sommers trug er Dutzende von schmackhaften Äpfeln.

Den Wildapfel hatte Leonie im Internet bestellt, nachdem sie eine Doku gesehen hatte. Das Apfelberger Zuckeräpfelchen war eigentlich ein Buschbaum, der mehrere Meter hoch werden konnte, aber ihr Exemplar wurde jedes Jahr geschnitten und sollte nicht höher als ein Erwachsener werden.

Leonie erinnerte sich noch genau, als der Baum angekommen war. Sie und ihre Mutter hatten einen kleinen Strunk aus der Pappschachtel ausgepackt und das Ding voller Misstrauen angeschaut. Das sollte ein Apfelbaum sein? Sie pflanzten den „botanischen Krüppel“, wie ihre Mutter den Wildapfel respektlos titulierte, in einen dreißig Liter Erde fassenden Topf und warteten.

Der „botanische Krüppel“ fing an zu wachsen, als hätte man ihn ins Kühlwasserbecken eines leckgeschlagenen Atomkraftwerks gepflanzt. Der kleine Kerl wucherte los, als wolle er bis in den Himmel wachsen. Schon im zweiten Jahr musste die Mutter dem Wildwuchs mit der Astschere zu Leibe rücken. Im dritten Jahr blühte das Zuckeräpfelchen und im Spätsommer hing es mit kleinen roten Äpfelchen voll, die fantastisch schmeckten.

Neben den beiden Apfelbäumchen im Topf gab es weitere Pflanzen in Töpfen und Balkonkästen. Da waren die Tomatensetzlinge, die Leonie und ihre Mutter jedes Jahr aus Samen zogen. Sie bauten alle möglichen Sorten an. Jedes Jahr probierten sie neues aus. Noch mussten sie darauf gefasst sein, die empfindlichen Tomatenpflänzchen nachts herein zu holen, falls es zu Nachtfrost kommen sollte.

Neben den Tomaten gab es Erdbeeren und klein bleibende Himbeersträucher, Sorten, die extra für den Balkon gezüchtet waren.

Überall war Platz für Kästchen und Töpfe mit Kräutern wie Schnittlauch und Basilikum und anderen.

Beim Essen schaute Leonie über die Balkonbrüstung nach unten. Am Rand des Grundstücks, das zu dem Mehrfamilienhaus gehörte, in dem sie wohnten, befanden sich winzige Gartenparzellen. Eine davon gehörte ihnen, ein Stückchen Land von gerade mal drei auf vier Meter, das den Namen Garten eigentlich nicht verdient hatte. Dort bauten sie und ihre Mutter Gemüse an und sie zogen Johannisbeeren und Brombeeren.

Auf dem schmalen Rasenstück vor den Parzellen konnte man Stühle aufstellen und bei schönem Wetter grillen.
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Es war klein und eng und das Gärtchen bekam zu wenig Sonne ab, was die Erträge schmälerte, aber immerhin war es ihr eigener Garten. Besser als nichts.

Ein richtiger Garten wäre natürlich das Größte gewesen, ein großes Stück Land, auf dem ein Haus stand, das ihnen gehörte. Sie träumten davon. Die Mutter hatte Leonie versprochen, dass sie dieses Jahr ihr Haus bekommen würden. Sie hatte lange genug gespart. Viel Geld würde sie nicht bei der Bank aufnehmen müssen. Das war wichtig. Die Mutter wollte sich nicht hoch verschulden. Aber Leonie sollte das Haus noch miterleben dürfen, wo sie es sich doch beide so sehr wünschten.

Leonie unterdrückte ein Seufzen. Das eigene Haus. Mit riesigem Garten dabei. Der große Traum. Schon immer. Auch schon, als ihr Vater noch lebte. Damals hatte die Familie zwei Gehälter zur Verfügung gehabt, um zu sparen, Vaters Gehalt als Ingenieur und das von Mutter, die als Übersetzerin arbeitete. Es hatte so ausgesehen, als sollte Leonie mit spätestens zwölf Jahren ihr eigenes geräumiges Zimmer im neuen Haus der Familie Ammon beziehen.

Aber dann war der Vater krank geworden. Ganz plötzlich war das gekommen. Er hatte sich nicht wohlgefühlt und war zum Arzt gegangen. Es folgten einige Untersuchungen und dann die niederschmetternde Nachricht: Krebs. Im Endstadium. Keine Chance auf Heilung. Dazu war die Krankheit viel zu weit vorgeschritten.

Ganze sechs Wochen waren Leonies Vater geblieben, bevor er den Weg gehen musste, den alle Menschen eines Tages gehen. Eine Woche vor Leonies neuntem Geburtstag trugen sie ihn zu Grabe.

Die Mutter sah sie an: „Leonie? Was ist mit dir?“

Leonie schluckte: „Ich musste an Papa denken.“ Sie holte tief Luft, um die Tränen zurückzuhalten. „Ich wünschte, er wäre heute bei uns.“ Sie musste noch einmal heftig schlucken. „Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mir das wünsche, Mama!“

Ihre Mutter griff über den kleinen Tisch nach ihrer Hand: „Ja, Leonie. Das wünsche ich mir auch.“

Leonie schaute über das Balkongeländer. „Dann hätten wir ein Haus und einen richtigen Garten und am Wochenende würden wir es uns gemütlich machen. Papa wollte ein Holzhaus am Ende des Gartens aufstellen, weißt du noch? Mit einer überdachten Terrasse. Man hätte bei Regen draußen sitzen können und dem Trommeln der Regentropfen lauschen können.
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Leonie schaute auf ihre Pizza. „Es ist nicht recht, dass er so früh sterben musste!“

„Nein, das ist nicht recht“, sagte ihre Mutter. „Ich schaue mir übermorgen früh ein Haus an.“

Leonie schaute auf: „In echt?“

Ihre Mutter nickte. „Papas Freund hat mich angerufen dieser Ecker, du weißt doch: sein Arbeitskollege. Da wäre was zu kaufen. Das Haus eher klein, aber ein großes Grundstück. Nicht teuer, weil es auf dem Dorf liegt. Er sagte, dein Vater hätte das Haus damals interessiert angeschaut, als sie dort draußen unterwegs waren, um sich um die Verlegung von Erdkabeln zu kümmern. Es hätte ihm gut gefallen, hat er erzählt. Er hätte gesagt, dass das genau das Richtige wäre, auch wenn das Haus nicht sehr groß sei.

Jetzt steht es zum Verkauf. Ich schaue es mir mal an. Wenn ich es okay finde, nehme ich dich nachmittags nach der Schule mit, damit du es auch sehen kannst. Es wäre ...“ Die Mutter machte eine Geste in Richtung Himmel: „... als hätte dein Vater das Haus mit uns gemeinsam ausgesucht.“



*



Nach dem Essen zog sich Leonie in ihr Zimmer zurück. Sie holte ihr Notizbuch aus der Schreibtischschublade und klappte es auf. Es war bereits halbvoll geschrieben.

Leonie begann ein neues Gedicht. Titel: Vaters Haus

Sie schrieb von einem Haus mit Garten, mit verträumten Ecken und alten Obstbäumen und einer mit Moos überzogenen Mauer. In diesem Garten konnte sie den Geist ihres Vaters spüren. Sie schrieb deutsch. Meistens schrieb sie deutsch. Manchmal verfasste sie auch Gedichte auf Englisch.

Sie sprach genauso gut Englisch wie Deutsch. Ihre Mutter stammte aus Großbritannien. Leonie war zweisprachig aufgewachsen.

„Ach Papa!“, flüsterte Leonie. „Wenn du doch hier wärst! Du fehlst uns.“ Minutenlang saß sie ganz still und in sich gekehrt da. Dann griff sie zum Stift. Auf der Seite gegenüber von „Vaters Hause“ schrieb sie: „Fathers House“. Es war gewissermaßen das Gedicht auf Englisch. Danach holte sie ihr altes Fotoalbum aus dem Regal und öffnete es. Sie schaute sich die Bilder an, auf denen sie als kleines Mädchen mit ihren Eltern zu sehen war.

Irgendwann schaltete sie ihren Laptop ein und ging ins Internet. Sie musste nicht lange suchen. Tatsächlich hatten mehrere Mädchen aus ihrer Schule Fotos hochgeladen, auf denen sie mit Jannik Faber im grünen Morgan Roadster zu sehen war.
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Auf der Seite von HALLO waren Fotos zu sehen, die sie und Jan im Aufnahmestudio zeigten. Leonie, eine Freundin von Nik, stand unter einem Foto, auf dem Leonie auf der Bank saß. Sie lächelte freundlich in die Kamera.

Es gab auch ein Foto, das sie zusammen mit Jan zeigte. Leonie sah genauer hin.

Seine Augen, dachte sie. Sie schaute zum Fotoalbum hin. Die Augen! Sie haben fast die gleichen Augen.

Mit einem Mal wurde ihr klar, warum sie von den Peoples Jan am liebsten mochte und nicht die zwei Mädchenlieblinge Timo und Florian. Jan hatte die gleichen Augen wie ihr Vater. Er war auch so ernst und zurückhaltend und doch auch freundlich und für jeden Scherz zu haben.

Leonie fühlte ein Piksen im Herzen. War das der Grund, warum sie von Anfang an für Jannik Faber geschwärmt hatte? Weil er sie an ihren Vater erinnerte?

Sie las ihr Gedicht noch einmal durch, das deutsche zuerst, dann die englische Version. Sie stand auf und holte die Konzertina aus dem Schrank. Sie setzte sich wieder an ihren Schreibtisch und öffnete das kleine sechseckige Handzuginstrument. Die Konzertina hatte ihrem Vater gehört und er hatte Leonie beigebracht auf dem „Mini-Akkordeon“ zu spielen.

Sie ließ die Augen über die englischen Zeilen wandern und begann zu spielen. Eine traurig-süße kleine Melodie ertönte. Es klang ein wenig wie irischer Folk. In Gedanken sang Leonie die Zeilen des Gedichts zur Musik der Konzertina.

Jan könnte das singen, überlegte sie. Er könnte meine Konzertina auf der Gitarre begleiten.

Was für ein Einfall! Sie, Leonie Ammon, komponierte für die Peoples! Nein, das ging natürlich nicht. Aber die Idee fühlte sich schön an. In Leonies Kopf lief ein kleiner Spielfilm ab. Sie sah sich mit den Peoples im Aufnahmestudio „Fathers House“ aufnehmen und zu Hause hörten ihre Mutter und ihr Vater das Lied und fanden es toll. In ihrer Vorstellung war ihr Vater nicht tot.

Mit einem Seufzen beendete Leonie ihr Spiel. Sie fühlte eine Hand auf ihrer Schulter. Ihre Mutter stand hinter ihr. Sie sah das aufgeschlagene Fotoalbum und küsste Leonie von hinten auf die Wange. „Du vermisst ihn immer noch, nicht wahr?“

Leonie nickte. „Jeden Tag. Ich glaube, ich werde ihn immer vermissen.“

Ihre Mutter umarmte sie.
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„Er würde nicht wollen, dass du trauerst.“

„Ich kann nichts dafür“, sagte Leonie leise. „Es tut immer noch weh. Das wird nie ganz weggehen.“
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Kommentare zur Story:

  Hallo Stefan. Ich muss Evi recht geben. Sehr lebensecht das Ganze. Man kann sich wirklich gut in Leonies Lage hinein versetzen. Du schaffst es, Personen uns nahe ans Herz heran zu bringen.  
   axel  -  20.02.20 21:51

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Interessante Kommentare

Kommentar von "Aya" zu "Zirkuslöwenleben"

Erinnert mich sehr an das berühmte Gedicht über den Panther, wirklich auch sehr schön geschrieben.

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