Vom Mädchen, das seine Familie verlor   364

Kurzgeschichten · Romantisches · Winter/Weihnachten/Silvester

Von:    Stefan Steinmetz      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 13. Dezember 2019
Bei Webstories eingestellt: 13. Dezember 2019
Anzahl gesehen: 1514
Seiten: 16

Vom Mädchen, das seine Familie verlor



Es war Anfang Dezember 1945. Schnee lag in den Straßen von Mannheim und es war kalt. Die Leute liefen mit eingezogenen Schultern durch die zerstörte Stadt und versuchten, in den wenigen Geschäften etwas zu Essen zu ergattern. Nach Weihnachten sah das nicht aus. Da war nur der einsame kleine Baum an der Kreuzung. Irgendjemand hatte ein paar Glühbirnen aufgetrieben und den Baum damit geschmückt. Kein Mensch hatte eine Ahnung, woher der Strom für die Glühbirnen kam. Der Weihnachtsbaum stand einsam inmitten der Kreuzung, in die vier Straßen einmündeten, die noch nicht von allen Trümmern befreit waren.

Gisela Barndt lief frierend über die Kreuzung zur Bäckerei. Sie war zehn Jahre alt und das unglücklichste Mädchen der Welt. Sie hatte keine Familie mehr.



*



Im Sommer war sie mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester Helga mit dem Zug in die Stadt gekommen. Ihre Mutter war krank gewesen. Es ging ihr nicht gut. Aber sie wollte unbedingt mit ihren Kindern nach Süddeutschland. Sie wollte zur Familie ihres Mannes, der als vermisst galt. Wahrscheinlich war er im Krieg gefallen wie so viele andere.

Noch während des Krieges wollte die Mutter unbedingt raus aus Ostpreußen, weil sie Angst hatte, wenn der Russe erst da war, würde es kein Entkommen geben. Sie waren mit vielen anderen Menschen einem Flüchtlingstreck gefolgt und bis nach Hamburg gekommen. Dort hatte die Mutter Kontakt mit der Familie ihres Mannes aufgenommen. Im Juli 1945 war ein Brief gekommen. Sie wurden eingeladen, bei der Familie von Giselas Vater unterzuschlüpfen.

Also waren sie in einen total überfüllten Zug gestiegen und losgefahren in den Süden Deutschlands.

Richtig schlimm war, dass Gisela nicht genau wusste, wo sie eigentlich hin wollten. Die Mutter hatte nur gesagt: Süddeutschland. Und sie war so krank gewesen. In Mannheim mussten sie umsteigen und dabei war es passiert: Gisela war von ihrer Mutter und ihrer Schwester getrennt worden und sie hatte sie nicht wiedergefunden. Es war das Schrecklichste, was ihr in ihrem ganzen Leben je passiert war. Sie hatte ihre Familie verloren. Sie war ganz allein auf der Welt.



*



Es waren noch knapp zwei Wochen bis Weihnachten. Es war kalt und düster und Gisela litt Hunger. Sie bekamen im Waisenhaus zu wenig zu essen.
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Es war einfach nicht genug da. Alle Menschen in Deutschland hungerten in diesem Winter nach dem schrecklichen Krieg.

Gisela war unterwegs zur Bäckerei. Schwester Berta hatte ihr einen Abholschein mitgegeben. Sie sollte drei Vierpfundbrote fürs Waisenhaus abholen.

Drei Brote für alle Kinder und die Schwestern, dachte Gisela trübsinnig.

Sie wusste, dass das nicht reichte. Bei dem Gedanken an die dünne Scheibe, die sie abkriegen würde, fing ihr Magen an zu knurren. Wahrscheinlich würde Schwester Berta wieder eine wässrige Suppe mit ein paar schrumpeligen Möhren und Kartoffeln kochen. Es war einfach nicht genug da.

Es war schlimm, hungern zu müssen, aber viel schlimmer war es, keine Familie mehr zu haben.

Nachdem sie getrennt worden waren, hatte Gisela beim Roten Kreuz ihre Herkunftsadresse angegeben: Gisela Barndt, 10 Jahre alt, aus Lengwethen. Das war eine Ortschaft in Ostpreußen, südlich von Tilsit. Sie hatte den Namen ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester angegeben und den Namen ihres Vater, obwohl der wahrscheinlich tot war.

Gisela starrte zu Boden, während sie mit kleinen Schritten durch den Schnee lief. Die Mama ist bestimmt tot. Sie war doch so krank. Andernfalls hätte sie mich doch längst finden müssen! Sie musste mit Gewalt die Tränen zurück drängen. Nein, ihr war gewiss nicht weihnachtlich zumute.

Sie betrat die Bäckerei. Die lag im Untergeschoss eines fast völlig zertrümmerten Hauses. Eine Glocke ertönte, als Gisela eintrat.

„Guten Morgen, Fräulein!“, rief der Bäcker, ein riesiger Kerl, groß wie ein Bär. Er strahlte übers ganze Gesicht.

Gisela stutzte. Der Mann war ja so fröhlich. Sonst war er immer still und bedrückt. Jetzt strahlte er über beide Backen.

„Her damit!“, der Bäckerriese riss ihr den Abholschein aus der Hand: „Aha! Drei Vierpfünder fürs Waisenhaus. Sollst du sofort haben, meine Liebe!“ Er zwinkerte Gisela verschwörerisch zu: „Ich lege dir vier Brote in die Tasche, Fräuleinchen. Sollen sich die Kinder im Waisenhaus mit mir mitfreuen. Und für dich …“ Er hob einen großen Butterzopf in die Höhe, „… gibt es noch was extra!“ Er schnitt eine dicke Scheibe von dem Zopfkuchen und reichte sie Gisela zusammen mit der Tragetasche, die von vier Vierpfundbroten ausgebeult wurde.

„D-Danke“, stotterte Gisela. Sie wusste nicht, was sie denken sollte.
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„Nichts zu danken“, rief der Bäcker. Er strahlte übers ganze Gesicht. „Mein Sohn ist zurück! Er galt als vermisst. Eigentlich haben alle gesagt, er sei gefallen. Aber er ist wieder hier! Er lag in einem Lazarett in Bremen, mit einer bösen Schusswunde im Bein und er hatte seine Erkennungsmarke verloren. Darum konnte man ihn nicht identifizieren. Erst als er das Wundfieber überstanden hatte, konnte er den Leuten sagen, wer er war. Und seit gestern ist er wieder bei uns. Ach Fräuleinchen, ich bin so glücklich, ich könnte die ganze Welt umarmen! Mein Sohn ist wieder da! Ich will heute allen Menschen Brot und Kuchen schenken, weil ich so glücklich bin. Lass dir den Butterkuchen schmecken, Kleine!“

Gisela knickste artig: „Danke sehr.“

„Ich wünsche dir schon heute Frohe Weihnachten“, rief der Bäcker ihr hinterher, als sie nach draußen ging.

Draußen starrte Gisela zur Kreuzung mit dem armseligen Weihnachtsbaum. Sie musste an den Bäcker denken. Wie der Mann sich gefreut hatte! Der war ganz aus dem Häuschen gewesen.

Der Bäcker und seine Frau sind die glücklichsten Menschen auf der Welt, dachte sie. Die können sich auf Weihnachten freuen. Aber ich? Papa ist vermisst. Ach, wäre das schön, wenn sich rausstellen würde, dass Papa noch lebt, dass er irgendwo in einem Lazarett lag und keiner wusste, wer er war. Und zu Weihnachten kommt er zu mir.

Sie senkte den Kopf. Nein, das würde nicht geschehen. Ihr Vater war nicht vermisst. Er war tot. Er war an der Front gefallen und einer der vielen Soldaten, die unerkannt irgendwo im Wald liegengeblieben waren. Wenn er noch am Leben wäre, das wäre ja ein echtes Wunder. Aber Wunder gab es keine. Nicht in dieser traurigen, kalten Welt.

Er ist tot, dachte Gisela. Genau wie Mama. Und Helga steckt irgendwo in einer anderen Stadt in einem Waisenhaus. Wie ich. Sonst hätte Mama mich doch gesucht!

Ach, warum wurden wir am Bahnhof getrennt?

Sie dachte an den furchtbaren Tag zurück.



Sie hatten zu dritt in einem vollkommen überfüllten Zug gesteckt. Es waren so viele Menschen in den Zug gepfercht, dass man meinen konnte, die Waggons müssten jeden Moment platzen. Der Zug fuhr nach Süden. Sie wollten zur Familie von Giselas Vater. Die lebte irgendwo in Süddeutschland.

Die Familie Barndt stammte aus Ostpreußen. Dort hatte Giselas Vater, der aus Süddeutschland kam, als Ingenieur beim Bau einer Brücke gearbeitet und er hatte seine Frau kennengelernt.
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Sie hatten geheiratet und wollten später zu seiner Familie nach Süddeutschland gehen. Die Mutter von Gisela hatte im Osten so gut wie keine Verwandten mehr. Wenn die Brücke fertig gebaut war, wollten sie nach Süden ziehen.

Aber der Krieg kam dazwischen. Der Vater musste als Soldat in den Krieg ziehen. Bis der Krieg vorbei war, sollte die Mutter mit den beiden Mädchen in Lengwethen bleiben.

Und dann kam die Meldung, dass der Vater vermisst wurde.

„Wir müssen zusammenbleiben, Kinder“, sagte die Mutter, als sich der Zug einer großen Stadt am Rhein näherte. „Passt bloß auf, dass wir nicht getrennt werden in dem Gewühl. Wir müssen in Mannheim umsteigen. Bleibt dicht bei mir, ihr beiden.“

Der Zug hielt an und das Chaos brach aus. Eine unglaubliche Flut an Menschen drängte zu den Ausgängen der Wagen. Gisela, ihre Mutter und ihre Schwester wurden von der Flut mitgerissen. Da war die Tür. Gleißendes Sonnenlicht stach Gisela in die Augen. Sie kämpfte gegen die Menschenmasse an, die sie von allen Seiten einkeilte. Wo war die Mutter? Da! Gleich vor ihr. Gisela drängte mit aller Kraft zwischen zwei Männern hindurch und grabschte die Mutter am Arm.

Der Ausgang lag vor ihnen. Sie mussten eine Treppe hinunter steigen auf den total überfüllten Bahnsteig. Dort standen so viele Menschen, dass man den Boden nicht sehen konnte. Sie drängten vorwärts, um in den Zug zu kommen. Die Leute im Zug drängten nach draußen. Es war ein unbeschreibliches Gerangel.

Gisela stieg die Stufen hinunter. Sie wurde von allen Seiten geschubst und geknufft. Alle kämpften sich vorwärts. Alle wollten aus dem Zug raus. Gisela wurde gegen einen Rücken geworfen, dann zur Seite gedrückt.

Plötzlich verlor sie den Halt und stürzte. Leute trampelten über sie. Sie schrie laut und versuchte aufzustehen. Sie geriet in Panik. Die Menschen würden sie tot trampeln!

„Hilfe!“, schrie sie. „Hilfe! Mama!“ Ihr Herz schlug wild. Sie hatte furchtbare Angst.

Panisch griff sie um sich. Sie bekam etwas zu fassen, einen Mantelzipfel oder ähnliches. Mit aller Kraft zerrte Gisela an dem Zipfel. Irgendwie schaffte sie es, wieder auf die Beine zu kommen.

Sie schaute sich panisch um. Wo war die Mutter mit Helga?

„Mama!“, schrie Gisela.
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„Mama, wo bist du?“

Sie versuchte, sich durch die Meute zu drängen, aber sie war von allen Seiten eingekeilt und wurde erbarmungslos voran geschoben. Die Menge drängte durch ein beschädigtes Bahnhofsgebäude. Gisela wurde mitgeschleift.

Sie schrie immer wieder nach der Mutter. Sie erhielt keine Antwort.

Draußen vorm Bahnhof verteilte sich die Menschenmasse. Endlich konnte Gisela stehen bleiben und sich umsehen. Sie schaute und schaute, aber sie entdeckte weder die Mutter noch ihre Schwester Helga.

„Mama!“, schrie sie. Sie weinte laut. Eisiges Entsetzen packte sie. „Mama! Mama, wo bist du? Oh Gott! MAMA!“

Keine Antwort.

Gisela wartete, bis die Menschenmasse sich endgültig aufgelöst hatte. Dann stürmte sie in den Bahnhof zurück. Immer wieder schrie sie nach ihrer Mutter. Im Bahnhof, draußen am Gleis. „Mama! Mama!“

Keine Antwort.

Zitternd und schluchzend stand Gisela da. Es schüttelte sie vor Angst. „Mama!“, klagte sie. „Oh Gott, Mama! Wo bist du? Mama!“ Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie rannte hin und her, ins Bahnhofsgebäude, nach draußen auf den Bahnhofsvorplatz. „Mama! MAMA!“

Es war niemand da. Gisela stand ganz allein auf dem Platz.

„Mama! Mama! MAMA!“ Gisela brach weinend zusammen. Sie lag auf dem Kopfsteinpflaster und heulte wie ein verwundetes Tier. „Mama!“ Sie konnte nicht aufhören zu weinen.

Irgendwann kam ein Bahnbeamter und hob sie hoch. Der Mann brachte sie in ein Büro, wo man wissen wollte, was passiert war. Am Anfang verstand niemand, was sie sagte, weil sie so sehr weinen musste.

Die Bahnbeamten nahmen Giselas Adresse auf und notierten sich alles, was das Mädchen ihnen erzählte. Es war natürlich schlimm, dass sie nicht sagen konnte, wo sie und ihre Mutter eigentlich hin gewollt hatten.

„Süddeutschland“, brummte der Mann hinterm Schreibtisch und kratzte sich am Kopf. „Guter Gott, das kann überall sein! München, Stuttgart, Baden-Baden. Oder im Südwesten, an der Saar. Überall.“ Er seufzte. „Die zwei anderen Züge sind schon weg. Einer nach Saarbrücken, der andere nach München. Andere fahren heute nicht mehr. Deine Mutter wird in einem dieser Züge sitzen und sich schreckliche Sorgen um dich machen.“

Der Mann war aufgestanden: „Hier kannst du nicht bleiben, Gisela.
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Wir haben keinen Platz für ein kleines Mädchen. Wir bringen dich ins Waisenhaus. Dort kümmert man sich um dich. Wir warten hier, ob sich deine Mutter meldet. Dann geben wir ihr Bescheid, wo du bist.“

So kam Gisela ins Waisenhaus, wo sie verzweifelt auf ihre Mutter wartete. Doch die kam nicht. Gisela hörte nichts von ihr.

Die Bahnbeamten leiteten Giselas Aussage an den Suchdienst vom Roten Kreuz weiter, wo alle elternlosen Kinder registriert waren. Gisela wurde ein Suchkind. Anfangs hatte sie noch gehofft, dass ihre Mutter sie finden würde. Sie hatte jeden Tag von morgens bis abends gewartet, aber mit der Zeit war ihre Hoffnung Stück für Stück abgestorben. Es kam niemand, um sie abzuholen.

„Sie ist tot“, flüsterte Gisela, während sie über die Straße schritt. „Sie war doch so krank. Vielleicht haben die Leute am Bahnhof sie tot getrampelt. Ach, Mama! Mama! Mama, ich vermisse dich so! Liebe, liebe Mama! Bitte sei nicht tot! Bitte nicht!“

Jetzt musste sie die Tränen mit Gewalt zurück halten.

„Eine milde Gabe. Bitte eine milde Gabe!“

Gisela schrak aus ihren Gedanken auf. An der Straßenecke stand ein Mann in verlotterter Armeeuniform. Er trug einen Mantel, der aussah, als wäre er aus mehreren unterschiedlichen Kleidungsstücken zusammengenäht worden. Er streckte den vorbeigehenden Menschen bittend die Hand entgegen: „Eine milde Gabe bitte. Bitte! Ich habe heute noch nichts gegessen.“

Gisela sah die Armbinde. Der Mann war blind. Einer der vielen Soldaten, die schwer verkrüppelt aus dem Krieg zurückgekommen waren.

Heute noch nichts gegessen. Gisela hatte immerhin eine halbe Scheibe Brot zum Frühstück gehabt, dünn mit Margarine und Marmelade bestrichen. Sie schaute das dicke Kuchenstück in ihrer Hand an. Bei dem Anblick lief ihr das Wasser im Mund zusammen. So ein schönes, dickes Stück Butterzopf.

Gisela schaute den blinden Mann an. Er war dünn und sah verfroren aus. Heute noch nichts gegessen …

Geben ist seliger als Nehmen, hatte Schwester Berta gesagt. Bittet und euch wird gegeben. Und wenn ihr gebeten werdet, so gebt.

Die hat gut reden, dachte Gisela. Ihr Magen knurrte laut. Er wollte den Kuchen. Unbedingt. Gleich jetzt. Auf der Stelle. Her damit!

Gisela sah den Blinden an der Ecke stehen. Der Mann zitterte. Was musste das schlimm sein, wenn man nichts mehr sehen konnte und um Essen betteln musste.
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Der Mann hatte anscheinend auch keine Familie mehr - wie sie. Keine Mama und keinen Papa mehr. Der Mann war noch jung. Höchstens zwanzig Jahre alt. Wie der Sohn des Bäckers. Dieser blinde Soldat hatte keine Eltern mehr, die sich freuten, wenn sie ihn zurückbekamen. Er war ganz allein auf der Welt, blind und hungrig.

Gisela setzte sich in Bewegung. Sie lief zu dem Mann. Sie riss das Kuchenstück in zwei Teile. Den größeren Teil schob sie dem Blinden in die Hand: „Bitte schön. Ein Stück Butterzopf. Vom Bäcker unten an der Straße. Der schenkt allen Leuten Kuchen, weil er sich so freut. Sein Sohn ist zurück aus dem Krieg. Er war vermisst. Jetzt ist er wieder daheim.“

Der blinde Mann griff vorsichtig nach dem Stück Kuchen. Er roch daran. Dann biss er hinein. „Oh Gott! Echter Butterkuchen! Vielen Dank! Sie …“ Er drehte den Kopf. „Sie klingen sehr jung.“

„Ich bin zehn“, sagte Gisela. „Ich bin aus dem Waisenhaus. Ich habe beim Bäcker das Brot abgeholt. Da hat er mir den Kuchen geschenkt.“

Der Blinde verschlang sein Kuchenstück mit hastigen Bissen. Tränen liefen ihm über die Wangen. Er musste wirklich hungrig sein. Er war viel schneller mit essen fertig als Gisela.

„Gott segne dich, Kind. Sag, wie heißt du?“

„Gisela. Gisela Barndt. Ich stamme aus Ostpreußen. Am Bahnhof habe ich meine Familie verloren. Seitdem bin ich im Waisenhaus bei den barmherzigen Schwestern.“ Gisela erzählte dem Mann von dem Unglück, das sich im Sommer zugetragen hatte.

„Gott, das ist ja eine traurige Geschichte“, sagte der Mann. Er legte Gisela eine Hand auf den Arm. „Es tut mir leid für dich.“ Er lächelte schmerzlich. „Mir geht es ähnlich wie dir, Gisela. Als ich aus dem Krieg zurückkam, waren meine Eltern nicht mehr da. Ich konnte sie nicht finden. Wahrscheinlich sind sie bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen und keiner hat ihre Leichen in den Trümmern gefunden. Die Stadt wurde ja komplett kaputtgebombt. Hast du wirklich alle Angaben beim Suchdienst vom Roten Kreuz gemacht?“

Gisela nickte. Dann wurde ihr bewusst, dass der blinde Mann das nicht sehen konnte. „Ja“, sagte sie. „Ich habe alles aufgezählt: Gisela Barndt, zehn Jahre alt, aus Lengwethen in Ostpreußen. Dazu die Namen meiner Eltern und meiner Schwester. Es ist halt übel, dass ich nicht wusste, wo genau in Süddeutschland wir hinwollten.
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Mutti war so krank, sie hat wahrscheinlich vergessen, es uns Kindern zu sagen.“

Die Hand des Mannes kam hoch von Giselas Arm zu ihrem Gesicht. Sanft fasste er sie an der Wange: „Gisela, ich danke dir von Herzen für deine milde Gabe und ich wünsche dir alles Glück der Erde. Bitte gib die Hoffnung nicht auf. Bestimmt wirst du irgendwann gefunden.“

„Glauben Sie wirklich?“, fragte Gisela zaghaft.

Der Blinde nickte energisch: „Das glaube ich ganz fest, Gisela. Ich wünsche dir schon mal Frohe Weihnachten, falls wir uns nicht mehr sehen bis dahin.“

„Ihnen auch Frohe Weihnachten“, antwortete Gisela. Sie wandte sich zum Gehen. „Ach … vielleicht sollten Sie zum Bäcker gehen. Die Straße da runter, das siebte Haus. Neben der Tür ist so ein dicker Sandsteinbrocken. Ist wahrscheinlich beim Bombardement runtergefallen. Wenn Sie den Brocken ertasten, geht es drei Schritte weiter rechts rein. Ich glaube, der Bäcker gibt Ihnen etwas zu essen, vor allem, wenn Sie ihm erzählen, dass Sie auch ein verlorener Sohn aus dem Krieg sind.“ Damit ging sie.

Der Blinde lauschte ihren Schritten mit geneigtem Kopf. „Ich wünsche dir, dass du deine Familie findest, Mädchen“, flüsterte er. Dann machte er sich auf den Weg die Straße hinunter.



*



Im Waisenhaus freute man sich sehr über das zusätzliche Vierpfünderbrot.

„Ach, das ist ein wahres Gottesgeschenk, Gisela“, sagte Schwester Berta. „Der Bäcker ist ein guter Mensch. Sage ihm beim nächsten Mal bitte schöne Grüße und dass wir alle ihm von Herzen danken.“ Die Schwester lächelte die Kindergruppe an: „Ich habe noch eine gute Neuigkeit für euch, Kinder. Jemand hat mir versprochen, dass er uns zu Weihnachten einen Weihnachtsbaum schenkt. Wir werden einen schönen Lichterbaum haben. Wisst ihr was? Wir werden anfangen, Schmuck für den Baum zu basteln. Ich habe Stroh besorgt und oben auf dem Speicher farbigen Karton gefunden und zwei Rollen Goldpapier. Wir können Sterne basteln. Was sagt ihr?“

„Das ist toll!“, rief Elke. Sie hopste aufgeregt auf und ab. „Wir kriegen einen echten Weihnachtsbaum!“ Sie schaute die Schwester an: „Werden wir auch Lichter am Baum haben?“

Schwester Berta nickte. „Auf dem Speicher waren Kerzenhalter, die man mit Klammern am Baum festmachen kann und ich habe eine Schachtel kleine Kerzen gefunden.
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Lasst und gleich anfangen mit Basteln.“

Elke kam zu Gisela geflitzt und umhalste sie: „Hast du gehört? Wir haben einen echten Lichterbaum zu Weihnachten. Ist das nicht wunderbar?“

Gisela erwiderte die Umarmung: „Ja, Elke. Das ist schön.“ Sie brachte ein Lächeln zustande, auch wenn ihr innerlich alles wehtat. Sie wollte keinen Lichterbaum zu Weihnachten. Sie wollte ihre Familie zurück. Doch das war wohl ein Wunsch, der nicht in Erfüllung gehen würde.

Elke konnte sich nur auf den Weihnachtsbaum freuen. Auf eine Familie konnte sie nicht hoffen. Ihre Leute waren alle tot, die ganze Familie. Ihr Vater war im Krieg gefallen und ihre Mutter, ihre Geschwister, die Großeltern und zwei Tanten waren bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Elke hatte es Gisela erzählt.

Bei einem nächtlichen Alarm waren sie zum Bunker gelaufen. Elke war kurz vorm Eingang in den Bunker hingefallen. Sie hatte sich am Knie wehgetan. Als sie sich aufrappelte, konnte sie nur langsam humpeln und bis sie beim Bunker ankam, hatte man die Bunkertür geschlossen. Sie konnte nicht mehr hinein. Dann kamen die Bomber und warfen ihre tödliche Fracht über Mannheim ab. Elke hatte draußen in einer Ecke gehockt, die Arme um die angezogenen Beine gelegt, den Kopf auf den Knien, und laut gebetet, während rund um sie die Häuser unter lauten Explosionen in Schutt und Asche fielen.

Der Angriff ging zu Ende und Elke hatte nicht den kleinsten Kratzer abbekommen, aber es war ein furchtbares Unglück geschehen. Eine Bombe war genau in den Lüftungsschacht des Bunkers gefallen und explodiert. Alle Menschen, die in dem Bunker Zuflucht gesucht hatten, waren ums Leben gekommen, auch Elkes gesamte Familie. Damals war Elke ins Waisenhaus gekommen. Da war sie erst acht Jahre alt. Heute war sie neun. Sie war Giselas beste Freundin.

Sie teilten sich jede Nacht ein Bett. Es gab kaum Heizmaterial. Holz und Kohle war knapp. Es war so kalt, dass die Schwestern immer zwei Kinder in ein Bett steckten, damit sie sich gegenseitig wärmen konnten.

Während sie aus Stroh und Bindfaden Weihnachtssterne bastelte, schaute Gisela manchmal verstohlen zu den anderen Kindern hin. Viele von ihnen waren Waisen wie Elke. Aber etliche waren wie sie selbst. Sie waren in den Wirren des Kriegs verloren gegangen und hofften inständig, dass ihre Familien sie eines Tages finden würden. Zwei Monate zuvor war der elfjährige Harald von seinem Onkel abgeholt worden.
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Gisela erinnerte sich genau, wie der Junge seinem Onkel um den Hals gefallen war. Es hatte ihr das Herz zusammengezogen.

Ich auch! Bitte, ich will das auch erleben!, hatte sie gedacht und sich brennend gewünscht, ihre Familie zurück zu bekommen. Aber es war inzwischen so lange her, dass sie ihre Mutter und ihre Schwester verloren hatte. Viel Hoffnung hatte Gisela nicht mehr.



*



Abends, als sie nebeneinander im Bett lagen, flüsterten Gisela und Elke leise miteinander. Schwester Berta wurde böse, wenn die Mädchen das taten, aber sie ließen es sich nehmen, jeden Abend eine kleine private Unterhaltung zu führen. Sonst war ja immer jemand in der Nähe. Da konnte man nicht alles offen besprechen.

Gisela erzählte Elke im Flüsterton, wie der Bäcker ihr ein Stück Butterzopf geschenkt hatte und von seinem heimgekehrten Sohn. Dann berichtete sie von der Begegnung mit dem Blinden, dem sie die Hälfte von ihrem Kuchen abgegeben hatte.

„Der ist auch ein verlorener Sohn“, flüsterte Gisela. „Ich wünsche ihm, dass er seine Eltern findet. Das hat er mir auch gewünscht.“

Elke drängte sich eng an sie und umarmte sie. „Das wünsche ich dir auch, Gisela.“ Sie seufzte leise. „Es tut so weh, keine Eltern mehr zu haben. So weh!“ Sie gab Gisela einen Kuss auf die Wange. „Du kannst dir wenigstens noch Hoffnung machen, dass deine Mutter dich findet.“

„Ich habe Angst, dass sie nicht mehr lebt“, wisperte Gisela. „Sie war sehr krank. Wenn sie noch leben würde, müsste sie mich doch längst aufgespürt haben. Jeder fragt doch beim Suchdienst vom Roten Kreuz nach Angehörigen.“

„Wenn sie krank war, liegt sie vielleicht im Krankenhaus und kann erst nach dir suchen, wenn sie wieder gesund ist“, flüsterte Elke. „Das könnte doch sein.“

Einen Moment brandete wilde Hoffnung in Gisela auf. Konnte das sein? Sie stellte sich ihre Mutter in einem Krankenbett vor, wie sie ganz langsam wieder gesund wurde. Dann würde sie zu den Verwandten in Süddeutschland fahren und von dort aus nach Gisela suchen.

Dann verschwand die Hoffnung wieder. Kein Mensch lag so lange im Krankenhaus. Vielleicht drei oder vier Wochen, aber doch nicht monatelang. Oder?

Sie hörte ein leises Schniefen neben sich. „Elke? Was hast du?“

Das Schniefen wiederholte sich.
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Sie spürte heiße Tränen an ihrer Wange. Elke weinte. „W-Wenn sie dich finden, gehst du fort“, schluchzte Elke. „Dann habe ich überhaupt niemanden mehr! Dann bin ich ganz allein! Ganz und gar allein!“

Gisela nahm das Mädchen wortlos in die Arme und drückte es an sich. Ganz fest.



*



„Barndt sagten Sie?“ Die Rotkreuzschwester sah zu dem Mann auf, der vor ihr stand. Sie sah die Blinden-Armbinde.

„Ja, Barndt“, wiederholte der Mann. „Gisela Barndt, zehn Jahre alt, aus Lengwethen in Ostpreußen. Das liegt in der Nähe von Tilsit.“

Die Schwester ging den Kasten mit den Karteikarten, den sie aus dem Regal geholt hatte, noch einmal durch. Sie schüttelte den Kopf: „Nein. Ich habe hier niemanden, der so heißt. Es gibt einen Barner Olaf, acht Jahre alt, aber der Name Barndt ist nicht da.“

„Dachte ich es mir doch!“ Der Blinde presste die Lippen zu einem Strich zusammen. „Vielleicht ein Schreibfehler bei der Aufnahme der Adresse? Können Sie sich das vorstellen, Schwester? Bitte helfen Sie mir. Dieses Mädchen sucht verzweifelt seine Familie. Es lebt im Waisenhaus und ist sehr unglücklich. Vielleicht ist die Karteikarte auch in einen falschen Kasten geraten? So was kommt vor.“

„Ganz bestimmt nicht“, gab die Schwester zurück. „Wir arbeiten sehr gewissenhaft.“

„Entschuldigen Sie bitte“, bat der Mann. „Ich wollte nicht motzig zu Ihnen sein. Ich möchte nur, dass alles getan wird, damit diesem Kind geholfen wird.“

„Sind Sie mit dieser Gisela Barndt verwandt?“, fragte die Schwester.

Der Blinde schüttelte den Kopf: „Nein. Sie hat mir etwas Gutes getan.“ Er erzählte von der Sache mit dem Kuchenstück. „Die Kleine klang furchtbar unglücklich“, sagte er, nachdem er seinen Bericht beendet hatte. „Ich würde alles geben, damit sie wieder glücklich wird. Ich weiß, wie es ist, wenn man umsonst auf seine Familie hofft. Ich bin so ein Fall.“

„Wie heißen Sie eigentlich?“, wollte die Schwester wissen.

„Werner.“

„Und Ihr Nachname?“

„Werner. Mein Nachname ist Werner. Mit Vornamen heiße ich Hans. Hans Werner also. Ich stehe in Ihrer Kartei.“

Die Schwester holte einen Kasten aus dem Regal. Sie ging die Karten durch. „Nanu! Ich habe hier nur einen einzigen Werner.
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Georg Werner. Vierundzwanzig Jahre alt. Aus Berlin. Das ist doch …! Warten Sie!“

Die Schwester stand auf und ging zum Regal. Der Blinde wartete geduldig.

Mit einem Rumms setzte die Rotkreuzschwester den Karteikasten auf dem Tisch ab. Sie blätterte hastig die Karten durch: „Da! Ich habe hier einen Werner Hans, Charlottenstraße 28 aus Mannheim.“

„Das bin ich!“, rief der Blinde. „An dieser Adresse wohne ich. Da hat einer Vor- und Nachname vertauscht. Könnten Sie das bitte ändern?“

„Mache ich sofort.“ Die Schwester klang schuldbewusst. „So was aber auch! Das dürfte nicht vorkommen.“ Sie holte eine leere Karte und trug die Daten des blinden Kriegsheimkehrers richtig ein. „Bei Ihrer kleinen Gisela wird das aber nicht passiert sein. Ich kenne niemanden, der mit Nachnamen Gisela heißt und den Vornamen Barndt gibt es nicht. Höchstens Bernd.“



*



Es waren noch zwei Tage bis Weihnachten. Die Kinder im Waisenhaus hatten den versprochenen Weihnachtsbaum erhalten und nun schmückten sie ihn zusammen mit Schwester Berta und Schwester Martha mit ihrem selbstgebastelten Schmuck. Schwester Martha hatte ein Stück Aluminiumfolie aufgetrieben und schnippelte mit einer Schere dünne Lamettastreifen davon ab.

Die Kinder sangen „Am Weihnachtsbaume, die Lichter brennen“. Auch Gisela sang mit. Sie stand mit Elke am Baum und hängte die von Schwester Martha geschnittenen Lamettastreifen an die Tannenzweige. Gisela fühlte sich ganz gut. Am Morgen war sie beim Bäcker gewesen und der hatte ihr schon wieder ein Extrabrot in die Tasche gestopft und ihr befohlen, am Heilig Abend morgens mit Verstärkung anzutreten. Er wollte dem Waisenhaus zehn Vierpfundbrote spendieren und einen Kranzkuchen dazu. Der Mann war noch immer selig, dass er seinen vermissten Sohn wiederhatte.

Wenigstens einer, der sich zu Weihnachten freuen kann, dachte Gisela. Sie stellte sich auf die Zehen und hängte einen Lamettastreifen in die Tanne. Als sie sich auf die Sohlen niederließ, sah sie, wie Elke die Augen aufriss. Sie starrte auf etwas hinter Gisela. Gisela wurde mulmig. Was war da hinter ihr, das Elke so erschreckte?

Plötzlich hörte sie eine Stimme: „Gisela?“

Gisela fuhr zusammen. Das … nein! Das konnte nicht sein! Das konnte … Oh bitte … bitte lass es kein Irrtum sein? Bitte nicht diese Enttäuschung! Bitte lieber Gott! Bitte …

Wieder die leise Stimme: „Gisela?“

Sie fühlte, wie eine Gänsehaut an ihrem Körper hoch und runter krabbelte.
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Sie zitterte.

Mit ruckelnden Bewegungen wie ein Aufziehspielzeug begann Gisela, sich umzudrehen. Ein unbeschreiblicher Laut kam aus ihrem Mund. Sie war da. Sie war gekommen! Sie stand drei Schritte von ihr entfernt. Konnte das wahr sein? Konnte das wirklich wahr sein?

Giselas Kehle war wie zugeschnürt. Sie musste sich mit Gewalt zwingen, den Mund zu öffnen: „M-Mama?“ Dann ein Aufschrei: „MAMA!“

Aufschluchzend warf sie sich in die Arme ihre Mutter. „Mama! Mama! Mama-mama!!!“ Sie klammerte sich an ihre Mutter, krallte sich an ihr fest. „Mama! Mama! Mama!“, stammelte sie ein ums andere Mal. Sie weinte hemmungslos. „Mama! Oh Mama! Mama!“

„Gisela! Mein Kind! Gisela!“ Auch die Mutter weinte. Sie drückte Gisela so fest, dass die fast keine Luft mehr bekam und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. „Gisela! Meine Kleine! Gisela! Mein Schatz!“

Gisela und ihre Mutter klammerten sich weinend aneinander. Gisela heulte wie ein Schlosshund. Sie konnte nicht anders. Ihr Herz schlug wild. Sie war außer sich. Sie war trunken vor Glück. „Mama! Mama! Mama!“

Mehrere Minuten lang hingen sie aneinander, unfähig, ein gescheites Wort hervorzubringen. Die Mutter bedeckte Giselas Gesicht mit weiteren Küssen. „Mein Kind! Endlich habe ich dich wieder! Mein Schatz! Gisela! Mäuschen!“

Irgendwann konnte Gisela wieder sprechen. „Mama? Was ist mit Helga? Ist sie …?“

„Deiner Schwester geht es gut, Schatz.“ Sie drückte Gisela ganz fest. „Und deinem Vater auch.“

„Was?“ Gisela bog den Oberkörper zurück. Fassungslos starrte sie ihre Mutter an: „Papa?“

Ihre Mutter nickte. Sie weinte noch immer. „Ja, Mäuschen. Er lebt. Er war in Gefangenschaft. Vor drei Wochen kam er zu uns zurück. Er ist ziemlich dünn, aber es geht ihm gut.“

Gisela warf sich erneut in die Arme ihrer Mutter. „Ach Mama! Das ist das schönste Weihnachtsgeschenk auf der ganzen Welt!“ Selig lag sie in den Armen ihrer Mutter und ließ sich wiegen wie ein kleines Kind. Sie war so glücklich, sie hätte vor Glück schreien können. Alles war gut. Ihre Mama lebte und ihr Papa auch. Sie bekam zu Weihnachten ihre Familie zurück.
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„Wir haben dich überall gesucht“, erzählte die Mutter. Schwester Berta und die Waisenkinder umstellten Gisela und ihre Mama. „Wir haben beim Suchdienst vom Roten Kreuz nachgefragt. Es gab dich nicht. Weiß du, warum? Da hat jemand beim Abtippen deiner Adresse einen Fehler gemacht. Du standest nicht unter dem Namen Barndt in der Kartei sondern als Gisela Brandt. Drum konnte der Suchdienst dich nicht finden. Es war ein Zufall, dass jemand kurz vor Weihnachten beim Suchdienst herausfand, dass man deinen Nachnamen falsch geschrieben hatte. Gisela Brandt statt Gisela Barndt. Dein Alter und die Adresse in Ostpreußen stimmte. Man hat uns sofort benachrichtigt und ich bin mit dem nächstmöglichen Zug nach Mannheim gekommen, um dich abzuholen.“

Die Mutter drückte Gisela an sich und küsste sie ein ums andere Mal. „Mein Schatz! Das ist ein echtes Weihnachtswunder! Ich bin so froh, dich wiederzuhaben. Wir fahren gleich nachher mit dem Zug zurück nach Saarbrücken. Wir steigen in einem Ort vor der Stadt aus, der Schafbrücke heißt. Dort wohnen wir auf einem Hof bei der Familie deines Vaters. Wir haben ein kleines Häuschen für uns allein. Es ist wirklich sehr klein, ein Nebengebäuder, aber besser als nichts.“

Nun musste Gisela erzählen, wie es ihr ergangen war. Sie berichtete in allen Einzelheiten.

„Man hat sich gut um dich gekümmert“, sagte die Mutter und küsste Gisela schon wieder. Sie ließ ihre Tochter nicht einen Moment los, als hätte sie Angst, sie wieder zu verlieren. „Wir müssen deine Sachen holen, Mäuschen. Der Zug geht in einer Stunde. Wir dürfen ihn nicht verpassen. Heute geht kein anderer mehr ins Saarland.“

„Viel habe ich nicht zu packen“, meinte Gisela fröhlich. „Nur das bisschen, was in meinem kleinen Rucksack war und einen neuen Pullover, den mir Schwester Berta aus Wollresten gestrickt hat.“ Sie drehte sich um, um zur Treppe zu laufen, um ihr Zeug zu holen.

Elke stand da und schaute sie aus großen Augen an. Ganz still stand das Mädchen da, die Arme hingen an seinen Seiten herunter. Sie sah aus wie ein Vögelchen mit gebrochenen Flügeln.

Gisela hielt inne. Elke. Sie musste heftig schlucken. Elke. Langsam drehte sie sich zu ihrer Mutter um. „M-Mama? E-Elke … sie ist meine beste Freundin. Ich war froh, sie zu haben. Ich war ja so allein. Mama? Elke hat niemanden mehr auf der Welt. All ihre Leute sind tot.
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Ich habe es dir ja erzählt. Die Bombe, die in den Luftschacht des Bunkers fiel.“

Sie trat zu ihrer Mutter und hob bittend die Hand: „Mama? Bitte … Mama, bitte!“ Sie flehte, als gelte es ihr Leben. Sie sah ihre Mutter tief ein und ausatmen. „Mama, bitte! Bitte-bitte!“

„Also gut“, sagte ihre Mama. „Wir nehmen sie mit. Wo vier satt werden, reicht es auch für fünf und wenn es nicht reicht, dann machen wir es reichen!“

Gisela fuhr herum. Sie grabschte Elke und drückte sie. „Hast du gehört, Elke? Du kommst mit.“

Elke sagte nichts. Sie klammerte sich ganz fest an Gisela. Sie weinte lautlos. Kein Wort kam über ihre Lippen. Gisela drängte sie nicht. Sie hielt Elke fest. Ganz fest.

„Frohe Weihnachten“, flüsterte sie in Elkes Ohr.“

Die Mutter wandte sich an Schwester Berta: „Ich schreibe Ihnen unsere Adresse auf, falls doch noch Verwandte von Elke auftauchen sollten.“



*



Sie saßen im Zug. Der war gut besetzt, aber lange nicht so zum Platzen überfüllt wie der Zug, der sie im Sommer nach Mannheim gebracht hatte. Gerade überquerten sie den Rhein auf einer behelfsmäßig reparierten Brücke. Die Mutter verteilte Butterstullen, die Schwester Berta für sie gerichtet hatte.

Elke hockte mit Gisela auf einem Koffer, der einem anderen Reisenden gehörte und futterte mit Behagen. Sie lehnte sich an Gisela an. Sie wollte überhaupt nicht mehr von der Freundin lassen. Manchmal schauten die Mädchen sich an und lächelten. Gisela war selig. Sie hatte ihre Familie zurück. Und dann durfte auch noch Elke mit nach Hause kommen.

Gisela schaute sich im Waggon um. Weiter hinten fiel ihr jemand auf. Sie sah genauer hin. „Aber … das ist ja …!“ Sie stand auf und kämpfte sich durch die Menschen, die überall auf dem Gang saßen und standen. Dann war sie da. Sie stand vor einem jungen Mann in zerschlissener Uniform, der einen Mantel aus Flickstücken trug. „Guten Tag!“

„Guten Tag.“ Der Kopf des Mannes neigte sich. Er lauschte angestrengt. „Gisela? Bist du das?“

„Uff!“, machte Gisela. „Sie haben mich erkannt?“

Der Blinde saß in einer Bank, der Mann, dem sie die Hälfte ihres Butterkuchens geschenkt hatte. Er lächelte: „Ich habe deine Stimme wiedererkannt. Blinde können so etwas. Weil wir nicht mehr sehen können, wird unser Gehör schärfer.
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Was machst du in diesem Zug?“

Gisela riss ihre Stulle in zwei Hälften und gab dem Mann etwas ab. Er bedankte sich. „Stellen Sie sich vor!“, sprudelte es aus Gisela heraus. „Ich fahre nach Hause! Nach Hause zu meiner Familie! Meine Mama hat mich heute morgen im Waisenhaus abgeholt. Sie und meine Schwester leben im Saarland in einem Dorf nahe Saarbrücken und das Allerbeste: Mein Papa lebt! Er ist aus dem Krieg zurückgekehrt. Und meine Mama hat mich gefunden, weil meine Karteikarte berichtigt wurde. Die war nämlich falsch, wissen Sie! Da hat jemand meinen Nachnamen verkehrt geschrieben. Ich heiße ja Barndt und auf der Karte stand Brandt. Das war ein Buchstabenverdreher und als die Karte richtig war, hat Mama mich gefunden und …“ Gisela redete wie ein Wasserfall. In allen Einzelheiten berichtete sie dem blinden Mann, was sich ereignet hatte.

Der Mann lauschte interessiert und verzehrte dabei seine Hälfte der Stulle.

„Ach, ich bin ja sooo glücklich!“, beendete Gisela ihre Schilderung. Sie umarmte den Blinden. „Ich könnte die ganze Welt umarmen! Ich könnte platzen vor Glück! Genau wie der Bäcker, der seinen verlorenen Sohn zurückbekommen hat. Ach, ich bin ja sooo froh! Ein Wunder ist geschehen! Ein echtes Weihnachtswunder.“

Der Blinde lächelte. „Das freut mich für dich, Gisela. Ich bin sehr froh zu hören, dass du deine Familie wiedergefunden hast. Dass dein Vater noch lebt, ist natürlich das Sahnehäubchen obenauf. Und dass ihr die kleine Elke bei euch aufnehmt, finde ich sehr schön. Das ist lieb, einem verwaisten Kind eine neue Heimat zu schenken.“ Er beugte sich vor: „Weißt du was, Gisela? Ich fahre auch zu meiner Familie. Sie haben mich über den Suchdienst vom Roten Kreuz gefunden und mich eingeladen, zu ihnen zu kommen. Sie leben in der Nähe von Neustadt an der Weinstraße bei Verwandten, die ein Weingut haben.“

Gisela fasste nach der Hand des Mannes: „Och, das ist aber prima! Das freut mich für Sie. Sie haben ja auch so furchtbar gelitten, weil sie dachten, ihre Eltern wären tot.“

„Sie haben die Stadt kurz vor dem Bombenangriff verlassen und sind nach Neustadt gefahren“, berichtete der Blinde. „Jetzt bin ich unterwegs zu ihnen.“

„Da habe Sie, genau wie ich, ein ganz tolles Weihnachten, nicht wahr?“, sagte Gisela.

Der Mann nahm ihre Hand in beide Hände: „Ja, Gisela.
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Ein ganz und gar tolles und wunder-wunderschönes Weihnachten. Ich bin sehr glücklich. Ich wünsche dir Frohe Weihnachten, Mädchen und alles Gute für dein weiteres Leben.“ Er drückte Giselas Hand.

„Ich Ihnen auch“, sagte Gisela. Sie schaute hinter sich, um sich zu vergewissern, dass ihre Mama und Elke noch da waren. „Ich muss zurück zu meiner Mama und Elke. Tschüs lieber Mann.

„Hans heiße ich. Hans Werner.“

„Tschüs Herr Werner.“ Gisela drängte sich durch den vollen Waggon zurück zu ihrer Mutter.



*



Hans Werner lauschte dem Mädchen hinterher. Es wärmte ihm das Herz, als er an die übersprudelnde Freude dachte, die das Kind ausgestrahlt hatte.

Hätte er Gisela sagen sollen, dass er dafür verantwortlich war, dass der Tippfehler auf ihrer Karteikarte beim Roten Kreuz berichtigt wurde? Nein, entschied er. Sollte sie Kleine glauben, es sei ein Wunder zu Weihnachten geschehen. Das war doch viel schöner für das Mädchen.

Ich habe dir auch etwas zu verdanken, dachte Hans. Wenn ich nicht deinetwegen zum Roten Kreuz gegangen wäre, wäre der Irrtum auf meiner eigenen Karteikarte nicht entdeckt worden. Ich hätte meine Eltern nicht gefunden. Auch ich habe zu Weihnachten ein Wunder erlebt.

Still und in sich gekehrt saß er da. Zum ersten Mal seit Monaten machte ihm seine Erblindung nicht mehr so sehr zu schaffen. Er schaute gefasst in die Zukunft. Zu verdanken hatte er das einem kleinen Mädchen, das seinen Kuchen mit ihm geteilt hatte. Er spürte noch immer Giselas kleine Hand in seinen Händen. Er würde sich an diese Hand erinnern und sie wiedererkennen, selbst wenn das Mädchen längst erwachsen geworden war.

Er würde diese schmale kleine Hand nie vergessen.

Frohe Weihnachten, Gisela, dachte er. Er lächelte vor sich hin, während der Zug ratternd über die Gleise in Richtung Neustadt fuhr.



E N D E
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Kommentare zur Story:

  Welche von deinen großartigen Weihnachtsgeschichten ist nun die allerbeste? Das ist eine schwere Frage, denn sie sind sämtlich gleichermaßen schön. Manche sind natürlich ganz besonders hervorragend und zu denen gehört glaube ich diese. Ich war zutiefst berührt und habe mich gemeinsam mit deinen Protas gefreut. So authentisch sind deine Helden. Eine Geschichte die mitten ins Herz trifft. So sollte Weihnachten sein. Danke dafür.  
   Gerald W.  -  14.12.19 13:33

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Hallo, sehr schöne, wahre Gedankengänge! 5 Punkte von mir. lg Sabine

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