Eins-fünf-sechzehn-Heissassa   279

Winter/Weihnachten/Silvester · Fantastisches · Kurzgeschichten

Von:    Stefan Steinmetz      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 3. Dezember 2019
Bei Webstories eingestellt: 3. Dezember 2019
Anzahl gesehen: 1048
Seiten: 12

Eins-fünf-sechzehn-Heissassa



Es war kalt und windig in der Landeshauptstadt und es gab keinen Schnee. Dennis Bubel lief quer durch den Stadtpark, vorbei an kahlen Bäumen und Sträuchern. Altes Laub wurde vom Wind über die Wiesen getrieben. Irgendwo krächzte einsam ein Rabe.

Es war kurz vor Weihnachten, aber das Wetter spielte nicht mit. Kein Schnee in Sicht.

Weihnachtlich war ihm sowieso nicht zumute. Es lag nicht nur am Wetter. Das war trostlos genug. Aber er wusste auch seit drei Tagen, dass er im Januar seinen Job in der Stadtbücherei verlieren würde. Der Mann, für den er Krankheitsvertretung gemacht hatte, würde dann an seinen Arbeitsplatz zurückkehren.

Sie hatten es ihm gleich zu Anfang gesagt. Nur ein Job auf Zeit. Vertretung für einen Angestellten, der sich einer komplizierten Schulteroperation unterziehen musste. So etwas konnte dauern - ein halbes Jahr vielleicht.

Es hatte sogar mehr als ein dreiviertel Jahr gedauert, aber nun würde der Mitarbeiter wieder seinen Dienst in der Bücherei antreten. Das Aus für Dennis. Ab Januar würde er arbeitslos sein. Und als sei das nicht genug, war seine Videokamera kaputt gegangen, keine zwei Monate nach Ablauf der Garantie. Da sollte man dann in Weihnachtsstimmung kommen.

Dennis hatte den Park durchquert. Er bog in die Fußgängerzone ein, die vom Stadtpark bis zum Bahnhof reichte. Rechts und links lagen Geschäfte und Kaufhäuser. Leute strömten durch die Straße auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken. Hier und da standen Buden und Kioske, an denen alles Mögliche angeboten wurde: heiße Maronen, Waffeln, Lebkuchen und Schmuck für den Weihnachtsbaum.

Mitten in dem Gewühl stand eine Gruppe kleiner Mädchen. Sie boten den Vorbeigehenden Weihnachtsplätzchen in kleinen Tütchen an.

„Hallo, möchten Sie Weihnachtsplätzchen?“ Ein Mädchen von vielleicht acht Jahren stand vor Dennis und hielt ihm ein durchsichtiges Tütchen hin. „Spritzgebäck. Selbst gebacken. Bitte nehmen Sie.“ Die Kleine lächelte ihn freundlich an.

Das Lächeln des Kindes bewirkte etwas in Dennis` Innerstem. Er fühlte, wie sich eine kleine wohltuende Wärme in seinem Herzen ausbreitete. Seine Verbitterung wich ein Stück weit. „Danke schön“, sagte er und nahm das Tütchen.

„Frohe Weihnachten“, wünschte das Mädchen. Es lächelte noch immer.

„Dir auch frohe Weihnachten“, erwiderte Dennis.
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Er rang sich ein Lächeln ab.

„Möchten Sie zu Weihnachten etwas Gutes tun?“, fragte das Kind. „Wir sammeln für arme Kinder, die es nicht so gut haben wie wir. Nicht alle Kinder auf der Welt haben es zu Weihnachten schön.“ Das Mädchen zeigte auf eine große Blechdose mit einem Schlitz im Deckel. „Wenn Sie etwas spenden möchten, helfen sie armen Kindern.“

Dennis wog das kleine Tütchen mit Weihnachtsgebäck in der Hand. Er seufzte innerlich. Nichts war umsonst auf dieser Welt. Doch dann lächelte er. Er holte seinen Geldbeutel hervor. Eigentlich musste er seine Knete zusammenhalten. Er würde in Kürze arbeitslos sein. Aber verdammt - es war Weihnachten! Er holte eine Zweieuromünze aus der Börse und eine zweite dazu und warf sie in die Spendendose.

Das kleine Mädchen lächelte ihn freundlich an. „Vielen Dank! Haben Sie vielen lieben Dank! Frohe Weihnachten.“

Dennis ging. Im Weitergehen spürte er ein seltsames kleines Gefühl. Es schien, als ob mit einem Mal alles besser war, nicht mehr so düster und kalt. Es war eher weihnachtlich gut. Weihnachtlich gut. Ein besserer Ausdruck fiel ihm nicht ein.

Die Zukunft sah nicht rosig aus. Im Januar wurde er arbeitslos und ein neuer Job stand nicht in Aussicht. Er brauchte dringend Arbeit, sonst würde es schwierig werden, sein Studium an der Filmakademie zu finanzieren. Im Sommer würde das Studium beginnen. Er hatte nicht genug Geld zusammen und nun war auch noch die Videokamera hin.

Trotzdem fühlte Dennis sich soweit okay. Er war in Weihnachtsstimmung, wie lange nicht mehr. Er musste immerzu an das kleine Mädchen und sein freundliches Lächeln denken. „Frohe Weihnachten.“

Zu Hause machte er es sich im Wohnzimmer seiner winzigen Wohnung gemütlich und futterte die Weihnachtsplätzchen, die er geschenkt bekommen hatte. Hmmm! Die schmeckten himmlisch. Viel besser als das gekaufte Zeugs.

Wenn alle Stricke reißen und ich keinen besseren Job bekomme, muss ich abends kellnern oder in einem Copyshop arbeiten, überlegte er.

Irgendwie würde er es schaffen, sein Studium zu finanzieren, auch wenn die Freizeit knapp werden würde.



*



Anderntags lief er wieder los. Er kaufte in der Fußgängerzone massig Weihnachtsfutter - Lebkuchen, Dominosteine, Plätzchen verschiedenster Art, Magenbrot und Zimtsterne.
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Seine Tragetasche war prall gefüllt mit weihnachtlichen Köstlichkeiten.

Er nahm den Weg durch den Stadtpark, weil er noch einen Abstecher zu dem Geschäft auf der anderen Seite des Parks machen wollte. Dort gab es alle möglichen Zeitschriften, auch den „Kamera-Express“, ein Magazin über die neuesten Videokameras, das man nicht überall bekam. Er wollte sich die neuesten Testberichte anschauen, auch wenn er nicht wusste, ob er wirklich das Geld für eine neue Kamera aufbringen konnte. Aber ein Filmstudent ohne eigene Kamera? Das ging doch nicht.

Am Kriegerdenkmal stand eine Gruppe Kinder und sang Weihnachtslieder.

Dass die sich gerade hier aufstellen!, dachte Dennis. Weihnachtslieder vor einem Denkmal mit einem martialisch dreinschauenden Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg … bisschen komisch. Warum stehen die Kleinen nicht in der Fußgängerzone? Hier ist doch niemand, der ihnen zuhört. Keiner geht durch den Park. Hier zieht es wie Hechtsuppe und alles ist kahl und hässlich.

Er kam zu der Kindergruppe. Schade, dass meine Kamera hin ist. Das hier wäre ein schönes Motiv, dachte er.

Ein Dutzend Kinder stand vor dem Denkmal und sang. Die Kleinen waren zwischen fünf und zehn Jahre alt und sie trugen altmodische Kleidung.

Haben die sich verkleidet?, dachte Dennis. Voll Retro oder was? Ist ja im Moment schwer in. Aber so? Die Klamotten sehen ja verboten aus. Richtig abgerissen, geflickt, zusammengestückelt. Haben die sich für eine Fotosession verkleidet? Wird hier ein Video über die alten Zeiten gedreht?

Dennis sah sich um. Er sah niemanden. Es gab nur ihn und die singenden Kinder. Gerade beendeten sie „Stille Nacht“ und fingen ein neues Lied an. Dennis kannte den Titel nicht. Es ging um Weihnachtsengelchen, die sich versammelten, um den Menschen zu Weihnachten Gutes zu tun.

Gebannt lauschte Dennis. Was für ein Lied!, dachte er. Das habe ich noch nie gehört. Muss was von früher sein. Mist, dass ich meine Videokamera nicht habe.

Die Kinder sangen den Refrain des Liedes:

Eins, fünf, sechzehn, heissassa,

viele Englein sind schon da.

Zwanzig, dreißig, vierzig.

Alle sind so herzig.

Das Wort vierzig klang ein wenig wie verzig und das Wort herzig ein wenig wie hierzig, wohl, um den holprigen Reim passend zu machen. Es klang rührend. Dennis spürte ein eigenartiges Gefühl in der Brust aufsteigen, als die Kinder voller Inbrunst sangen.
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Es war keine fröhliche Tralala-Melodie wie in „Morgen Kinder wird’s was geben“. Es klang irgendwie bitter-süß und anrührend, was die Kinder vortrugen.

Die Kleinen sahen ernst aus, während sie sangen. Ihre Wangen waren von der Kälte gerötet. Die Kinder wirkten verfroren.

Kein Wunder bei den Klamotten, dachte Dennis. Sieh sich einer das Zeug an, das die anhaben! Stammt das aus der Altkleidersammlung? Sind die verkleidet? Warten die auf einen Film- oder Fototermin?

Er sah sich noch einmal um. Es war niemand zu sehen. Er war ganz allein im Stadtpark - allein mit den Kindern, die dieses seltsame bitter-süße Weihnachtslied sangen.

Eins, fünf, sechzehn, heissassa,

viele Englein sind schon da.

Zwanzig, dreißig, vierzig.

Alle sind so herzig.

Das Liedchen endete. Die Kinder standen vor Dennis und schauten aus großen Augen zu ihm auf. Sie sahen geradezu jämmerlich aus, fand er. Diese Klamotten …

Wer lässt kleine Kinder so herumlaufen?, fragte er sich. Sieh sich einer das geflickte Zeugs an! Die sehen aus wie Bettelkinder.

Ein Mädchen löste sich aus der Gruppe der kleinen Weihnachtssinger. Es mochte acht Jahre alt sein. Dunkelblondes Haar quoll unter einer löchrigen Strickmütze hervor. Die Kleine steckte in einem Mantel, der ihr viel zu groß war. Dunkelblaue Augen musterten Dennis fragend. Irgendwie kam ihm die Kleine bekannt vor.

„Bitte“, sagte das Mädchen. Es streckte schüchtern eine Hand vor. „Bitte, könnten Sie uns etwas zu Essen geben? Es ist Weihnachten und wir haben nichts.“ Sie trug keine Handschuhe und das bei der Kälte.

Etwas zu essen? Dennis schaute die Kinder an. Die betteln um Essen? Das kann doch nicht sein. Heutzutage muss kein Kind um Essen betteln.

Aber diese Kinder sahen aus wie halbverhungerte Bettelkinder. Die abgerissenen Klamotten, zusammengestoppelt - nichts passte so richtig. Dennis erkannte Flicken auf manchem Kleidungsstück, mit ungelenken Stichen auf die Sachen genäht, als hätte ein Kind sich an einer Näharbeit versucht. Die Kinder waren dünn und hohlwangig. Sie wirkten verfroren. Und ängstlich.

Was geht hier ab?, fragte sich Dennis. Spielt mir jemand einen Streich? Ist das hier bloß Schau?

Aber es sah so echt aus.
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Erschreckend echt. Dünne hohlwangige Kinder mit großen ängstlichen Augen.

„Bitte!“, flehte das kleine Mädchen. „Nur eine Kleinigkeit! Wir haben heute noch nichts gegessen. Bitte helfen Sie uns. Es ist Weihnachten.“

Also schön, dachte Dennis. Er griff in die Tragetasche und förderte die weihnachtlichen Köstlichkeiten zutage, die er gerade erst gekauft hatte. Als die Kinder die Lebkuchen und Plätzchen sahen, wurden ihre Augen noch größer. Dennis öffnete Verpackungen und Tüten und begann alles zu verteilen.

Die Kinder umringten ihn und grabschten nach den Sachen, als seien sie halbverhungert. Eifrig stopften sie sich die kleinen Münder voll und futterten, was das Zeug hielt. Sie aßen, als sollten sie auf Tage nichts mehr bekommen.

Er sah das kleine Mädchen, das ihn angesprochen hatte, einen Lebkuchen verschlingen. Wieder hatte er das Gefühl, die Kleine zu kennen. Woher kannte er dieses Mädchen? Er kam partout nicht drauf. Aber sie wirkte vertraut. Und sie war dünn, schrecklich dünn.

Das seltsame Gefühl in Dennis` Brust verstärkte sich.

Diese Kinder hungern, dachte er. Das ist keine Schau. Das ist echt. Aber wie kann das sein? In unserem Land muss doch kein Kind hungern! Wir sind doch nicht in der Dritten Welt! Wir sind in Deutschland.

Die Kinder rissen ihm das Essen aus den Händen. Sie aßen Lebkuchen und Dominosteine, Magenbrot, Zimtsterne und Plätzchen und von den kleinen Äpfeln, die Dennis besorgt hatte. Der Inhalt seiner Tasche wurde immer weniger. Alles verschwand in den hungrigen kleinen Mäulern.

Irgendwann war die Bande satt. Dennis schaute fassungslos in seine Tasche. Er hatte noch ein Tütchen Plätzchen und eine Portion Schokoladenlebkuchen übrig. Und ein paar Walnüsse.

Das kleine Mädchen, das ihn angesprochen hatte, stellte sich vor ihn und schaute zu ihm auf. „Danke, dass Sie uns zu Essen gegeben haben“, sagte es. Ihr Blick ging Dennis durch und durch. Wie dankbar das Kind war! Er fühlte sich beschämt.

„Schon okay“, brummte er. Er wusste nicht, was er sagen sollte.

„Vielen Dank“, sagte das Mädchen. Es machte einen Knicks. „Wir hatten heute noch nichts zu essen. Aber jetzt sind wir satt. Sie sind sehr lieb.“ Wieder knickste die Kleine. „Ich bin die Gertrud. Sie zeigte auf ein Mädchen neben sich, das vielleicht ein Jahr älter war als sie: „Das ist Elfriede und das sind Hans, Helga, Ursula, Günther und Heinz.
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Und da sind Otto, Ingeborg und Gisela.“

Lauter altmodische Namen.

„Danke!“, sagte das Mädchen noch einmal. Ihre Stimme war voller Inbrunst. Der Blick ihrer großen Kinderaugen traf Dennis mitten in die Seele. „Wir singen noch was für Sie, weil sie so lieb und gut zu uns waren.“

Die Kinder stellten sich im Halbkreis vor Dennis auf und legen los. Sie sangen das unbekannte Lied über die Weihnachtsengelchen, diese seltsam bitter-süße Melodie, die sein Herz anrührte. Er lauschte gebannt.

Zum letzten Mal erklang der Refrain:

Eins, fünf, sechzehn, heissassa,

viele Englein sind schon da.

Zwanzig, dreißig, vierzig.

Alle sind so herzig.

Dann war das Lied zu Ende.

Die Kinder lächelten Dennis scheu an.

„Danke für das Essen“, sagte Gertrud noch einmal.

Dennis zog es das Herz zusammen, als der die kleinen Hungerleider da stehen sah. Er gab sich einen Ruck und reichte dem Mädchen seine Stofftasche: „Hier, da sind noch Walnüsse drin und Lebkuchen und Plätzchen.“

„Oh Danke!“ Gertrud nahm die Tasche in Empfang. „Vielen Dank!“

Dennis wandte sich zum Gehen: „Ich muss weiter. Ich habe noch zu tun. Ich wünsche euch alles Gute. Frohe Weihnachten, Kinder.“

„Frohe Weihnachten“, riefen die Kleinen im Chor.

Dennis ging. Er fühlte sich eigenartig. Diese Kinder waren so seltsam. Irgendwie nicht normal. Er wollte fort, zurück in die Welt, aus der er kam. Hier im verlassenen Park war es so unwirklich.



Im Zeitschriftenshop holte er das neue Heft von „Kamera-Express“ im Regal. Während er zur Kasse ging, sah er eine Frau einen Lottoschein abgeben.

Ich könnte es ja mal mit Lotto versuchen, überlegte er. Im gleichen Moment lachte er sich aus. Er und Lotto! Was für ein Käse. Er mochte Glücksspiele nicht und er hatte in seinem ganzen Leben noch nie Lotto gespielt.

Aber vielleicht ein einziges Kästchen? Eine einzige Zahlenreihe. Wie hoch stand noch gleich die Chance auf einen Sechser? Eins zu vierzig Millionen. Hatte er mal gelesen. Und für den Jackpot stand es eins zu hundertvierzig Millionen.

Da muss ich ja glatt was gewinnen, dachte er belustigt. Ach, was soll´s!

Er holte sich einen Schein aus dem kleinen Regal an der Theke und griff sich einen bereitliegenden Kugelschreiber.
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Welche Zahlen sollte er nehmen? Geburtstagsdaten? Hmm …

Er dachte an die verfrorenen Kinder im Park, an die bitter-süße Melodie, die sie gesungen hatten:

Eins, fünf, sechzehn, heissassa,

viele Englein sind schon da.

Zwanzig, dreißig, vierzig.

Alle sind so herzig.

Warum nicht? Eine Zahl war so gut wie die andere. Er würde sowieso nichts gewinnen. Vielleicht einen Dreier? Dennis schaute auf die Digitalanzeige mit den Quoten. Bei der letzten Ziehung hatte es für einen Dreier 9 Euro 40 gegeben. Einsatz pro Kästchen ein Euro. Spielgebühr fünfundzwanzig Cent. Okay.

Dennis machte sechs Kreuze: 1, 5, 16, 20, 30, 40.

Ich bin plemplem, dachte er, während er den Schein abgab und sein Heft bezahlte. So eine dämliche Zahlenreihe wird nie im Leben gezogen.

Dann war er draußen. Er ging auf einem anderen Weg nach Hause.



*



Den Lottoschein vergaß er. Er schaute sich die Ziehung nicht an. Erst am nächsten Morgen dachte er daran und sah im Internet nach. Zuerst dachte er an eine Sinnentäuschung. Hatte er die Zahlen etwa per Internet eingetragen? Aber nein, er hatte alles im Geschäft von Hand angekreuzt.

„Ääh …!“ Mit halb offenem Mund saß er vor seinem Laptop. „Das ist ja … das kann doch nicht …! Aber …!“

Leise las er die sechs Zahlen ab: „Eins, fünf, sechzehn, zwanzig, dreißig, vierzig. Das gibt´s nicht! Das sind meine Zahlen! Das sind die Zahlen, die ich angekreuzt habe. Mann! Ich habe einen Sechser im Lotto! Wahnsinn!“

Er scrollte tiefer auf der Internetseite hinunter. „Die Quoten! Wieviel …?“

Es gab fünfmal sechs Richtige. Jeder Gewinner erhielt fast eine halbe Million.

„Jackpot: fünf Millionen, zweihunderttausend. Jackpot …“ Dennis sah nach. Für den Jackpot brauchte man neben sechs Richtigen noch die passende Superzahl. Sieben. Die Superzahl war die Sieben.

Er schaute auf seiner Spielquittung nach. Superzahl: sieben.

„Oh Mann! Mannometer! Himmelsakrament! Das … das gibt’s ja wohl nicht! Das kann doch nicht sein! Oh Mann! Mannomann! Fünf Millionen! Fünf! Millionen! Was mach ich denn jetzt?“ Er fasste seinen Kopf mit den Händen. „Mannomann! Was mach ich nur?“

„Anrufen!“

Er suchte im Impressum der Lotto-Seite nach der Adresse.
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Es stand eine Telefonnummer dabei. Dennis holte sein Handy. Mit zitternden Fingern tippte er die Nummer ein.

„M-Mein Name i-ist Dennis Bubel“, stotterte er, als sich jemand meldete. „Ich glaube, ich habe gewonnen. Ja … ähm … also einen Sechser und die Superzahl stimmt auch.“

Man fragte ihn freundlich um die Spielscheinnummer. Dennis musste zweimal ansetzen, bevor er die Nummer aufsagen konnte.

„Herzlichen Glückwunsch, Herr Bubel“, tönte es aus dem Handy. „Sie haben den Jackpot gewonnen. Können Sie heute noch vorbeikommen?“ Die Stimme nannte eine Straße mit Hausnummer in der Landeshauptstadt. „Von Ihrem Wohnort aus sind es nur zwei Kilometer. Bringen Sie bitte ihren Personalausweis, die Spielquittung und Ihre Bankdaten mit. Dann überweisen wir noch heute den Gewinn. Vielleicht möchten Sie sich unsere elektronische Kundenkarte besorgen? Dann geht so etwas automatisch.“



*



Es ging ganz fix. Man begrüßte Dennis freundlich. Er bekam ein Glas Sekt vorgesetzt und dann nahm man seine Daten auf. Der Mann von Lotto schüttelte ihm zum Abschied die Hand: „Viel Glück, Herr Bubel und Frohe Weihnachten.“

Draußen musste Dennis erstmal tief Luft holen. Er konnte es immer noch nicht fassen. Er hatte gewonnen. Er war Millionär. Fünffacher Millionär. Eine neue Videokamera? Kein Problem. Studium an der Filmakademie? No problem. Plötzlich war er zum Bersten mit Glück gefüllt. Die miese Laune fiel von ihm ab wie eine alte Haut. Alle Farben schienen ihm bunter. Und dann fing es auch noch an zu schneien. Er fühlte sich so richtig weihnachtlich gut.

In der Fußgängerzone kaufte er Weihnachtsfutter. Er füllte gleich zwei Stofftaschen. Er hatte vor, noch mal in den Stadtpark zu gehen. Vielleicht waren ja die verfrorenen, hungernden Singkinder wieder da. Dann konnte er ihnen zu essen geben.



Der Stadtpark war menschenleer. Niemand war zu sehen. Ein leichter Wind trieb die Schneeflocken durcheinander. Der Schnee lag bereits zehn Zentimeter hoch.

Dennis kam zum Kriegerdenkmal. Es war niemand da. Keine Singkinder. Ein Stück Papier trieb im Wind über den zugeschneiten Weg und legte sich um Dennis´ Hosenbein. Er bückte sich und nahm es in die Hand. Es war ein Blatt aus einer Zeitung.
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„Nanu!“ Er schaute das körnige Schwarz-Weiß-Bild an. „Aber, das sind ja die Kinder! Die Singkinder!“ Das Bild war unscharf. Trotzdem erkannte er die Kinder, die am Tag zuvor für ihn gesungen hatten. Da war die kleine Gertrud, die ihn um Essen angebettelt hatte und da waren die anderen: Elfriede, Helga, Ursula, Gisela, Hans, Heinz, Otto … Sie standen vorm Kriegerdenkmal und schauten ernst in die Kamera.

Dennis las die Überschrift über dem Artikel: Kinder zu Weihnachten im Stadtpark erfroren aufgefunden.

„Was?“ Er schaute auf das Datum der Zeitung: Donnerstag, den 27. Dezember 1945.

„Was?“, sagte Dennis noch einmal laut. „Neunzehnhundertfünfundvierzig?“

Er las den Zeitungsbericht.

Am Morgen des ersten Weihnachtstages hatte man eine Gruppe elternloser Kinder erfroren im Stadtpark gefunden. Einen Tag vor Weihnachten hatte ein Besatzungssoldat die Kinder noch lebend gesehen. Sie hatten im Park beim Kriegerdenkmal gestanden und für die Vorbeigehenden Weihnachtslieder gesungen. Er hatte mit seiner Fotokamera ein Bild von den Kindern aufgenommen.

In einem Interview sagte der Soldat aus, er habe Lebensmittel besorgt und sei am Nachmittag in den Stadtpark zurückgekehrt, um alles den Kindern zu geben. Aber die Kinder waren verschwunden und er fand sie trotz intensiver Suche nicht mehr.

Am Morgen des ersten Weihnachtstages hatte man die Kinder eng zusammengedrängt in einem Gebüsch am Rand des Parks entdeckt. Sie waren tot. Erfroren.

Dies sei besonders erschütternd, stand in dem Zeitungsbericht, weil man nach Weihnachten Suchtrupps zusammenstellen wollte, die all die elternlosen Kinder aufsammeln und ins Waisenhaus bringen sollten.

Dennis war geschockt. „Mein Gott!“ Er fühlte ein Würgen in seiner Kehle aufsteigen. „Tot! Erfroren!“

Ich habe Geisterkinder gesehen, überlegte er im Weitergehen. Er lief wieder zurück. Er wollte in der Fußgängerzone in dem großen Elektronikmarkt nach einer neuen Videokamera schauen. Aber die Vorfreude darauf war ihm vergangen. Er fühlte sich nicht mehr sehr weihnachtlich. Er verspürte Mitleid mit den armen Kindern, die vor so vielen Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg im Park erbärmlich erfroren waren. Zum Sterben allein gelassen.

Wieso habe ich sie gestern gesehen?, überlegte er. Kann es sein, dass die armen Kleinen dazu verdammt sind, jedes Jahr vor Weihnachten im Park zu spuken?

Er musste an das Weihnachtslied denken, dass die Kinder für ihn gesungen hatten, das Liedchen mit der bitter-süßen Melodie: Eins, fünf, sechzehn Heissassa …

Die Zahlen aus dem Refrain hatten ihm Glück gebracht; den armen Bettelkindern nicht.
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Und wieso war ihm die kleine Gertrud so bekannt vorgekommen? Das beschäftigte ihn besonders. Er hatte das Gefühl gehabt, das Kind zu kennen.

Es nagte unablässig an ihm. Die Kinder taten ihm leid. Und es tat ihm leid, dass er nichts hatte für sie tun können. Arme kleine Gertrud.

Er lief zwischen den vielen Menschen hindurch, die die Fußgängerzone bevölkerten. Auf dem Weg zu dem Elektromarkt sah Dennis einen Obdachlosen auf dem Boden sitzen, eine umgedrehte Mütze vor sich. Er holte seinen Geldbeutel hervor und zog einen Fünfziger heraus.

Ich habe es ja, dachte er. Ich muss nicht mehr sparen. Und selbst wenn! Ich täte es auch dann.

Er legte die Banknote direkt in die Hand des Obdachlosen: „Für Sie. Frohe Weihnachten.“

Der Mann starrte den Fünfziger an, dann Dennis. „Danke“, sagte er mit rauer Stimme. „Vielen Dank.“

„Gern geschehen.“ Dennis ging weiter. Er kam an einem Zeitschriftenladen vorbei. Sollte er noch mehr Magazine über Videokameras kaufen? Warum nicht? Dann hatte er schönen Lesestoff für die Weihnachtstage.

Vor dem Geschäft stand eine Mutter mit einem Kind am Schaufenster.

„Mama! Guck mal!“, rief das Kind aufgeregt. Es war ein Mädchen von acht Jahren. „Mama! Die Oma Gertrud steht in der Zeitung! Guck doch!“ Als es sich der Mutter zuwandte, sah Dennis ihr Gesicht.

Das ist doch das Mädchen, das mir gestern die Weihnachtsplätzchen geschenkt hat. Die mir eine Spende für arme Kinder abgeknöpft hat. Sie … jetzt weiß ich, wieso mir Gertrud so bekannt vorkam.

Dennis schaute das Mädchen neben der Frau an. Ja, die Ähnlichkeit war verblüffend. Das Mädchen sah so ähnlich aus wie Gertrud, die Kleine, die im Stadtpark zusammen mit ihren Freunden für ihn gesungen hatte. Aber Gertrud war tot. Sie war jämmerlich erfroren. Wie konnte dieses Mädchen dann von einer Großmutter namens Gertrud sprechen?

„Oma hat mir erzählt, dass sie gerettet wurden, als sie im Stadtpark gesungen haben“, rief das Mädchen aufgeregt. „Sie hatten seit Tagen nichts mehr zu essen und waren total schwach.
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Und dann war es vorbei. Aber jedes Jahr bekamen sie eine Chance.“ Die Kleine nickte energisch. „Genau das hat die Oma mir erzählt. Alle Jahre wieder durften sie für eine halbe Stunde zurück in die Welt und darauf hoffen, dass ihnen ein guter Mensch half. Das ist dann passiert. Ein guter Mann hat den Kindern zu essen gegeben und sie hatten Kraft genug, um zu überleben, bis der Soldat, der sie geknipst hatte, mit anderen Leuten zurückkam und sie ins Waisenhaus brachte.“

„Ja, ja“, sagte die Mutter, während sie die im Schaufenster ausgelegte Zeitung las. „Du weißt doch, dass deine Großmutter gerne Geschichten erfindet. Das hat sie schon als Kind getan. Ihre Freundin Elfriede hat es mir mal erzählt. Die war damals an Weihnachten 1945 auch dabei, als sie im Park Lieder sangen. Deine Großmutter war die Märchentante vom Waisenhaus.“ Die Mutter lächelte ihre Tochter an. „Wenn sie nicht gerettet wurden, wie kann dann in der Zeitung von heute stehen, dass sie überlebten und ins Waisenhaus kamen?“

„Weil sie alle Jahre wieder zu Weihnachten für eine halbe Stunde in unsere Welt zurück durften, um zu singen. Weil sie darauf hoffen durften, dass ein guter Mensch sie erlöst. Das ist ja dann auch passiert“, sagte das Mädchen.

Ihre Mutter lächelte weiter: „Und wo war die Oma dann all die Jahre zuvor, als sie noch nicht erlöst war? Sie war doch immer bei uns, Lena.“

Das Mädchen runzelte die Stirn. Man sah ihr an, dass sie angestrengt nachdachte.

„Das hat irgendwas mit Weihnachten zu tun“, sagte sie. „Da passieren manchmal Wunder. Wie in dem Film, wo der Vater von zwei Kindern zu Weihnachten von einem Bankräuber erschossen wird und dann dreht die Mutter irgendwie die Zeit zurück und schreibt dem Weihnachtsmann einen Brief mit Geschenkewünschen und ein Engel, der als Kind ertrunken ist, hilft den Kindern und der Bankräuber schießt nicht, sondern die Mutter kauft ihm einen Grill ab und der Vater kriegt ein Fahrradgeschäft. Da war der Vater ja auch tot und nachher hat er wieder gelebt, weil alles anders gekommen ist und so.“

Dennis trat neben die beiden und schaute sich die Zeitung an. Es war der Tagesbote und auf der ersten Seite prangte ein altes unscharfes Foto von Lumpenkindern im Stadtpark. „Zwölf Kinder zu Weihnachten 1945 von einem Besatzungssoldaten gerettet“, lautete die Schlagzeile.
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„Die elternlosen Kinder standen hungernd und frierend im Park und sangen den Leuten Weihnachtslieder vor. Der Soldat fotografierte sie und kam später mit ein paar Kameraden zurück. Er gab den Kindern zu essen und brachte sie ins Waisenhaus. Beinahe hätte er die Kleinen nicht wiedergefunden, weil sie sich in ein dichtes Gebüsch am Rand des Parks zurückgezogen hatten. Die Kinder erzählten ihren Rettern, dass ein guter Mensch ihnen zu essen gegeben hätte. Wäre das nicht geschehen, wären sie vor Hunger und Entkräftung gestorben in der eisigen Kälte des Winters.“

Das ist ja ein Ding!, dachte Dennis. Wie kann das sein?

Er hatte das Gefühl, einen Knoten ins Hirn zu bekommen. Sie sind doch gestorben! Ich habe diese alte Zeitung gefunden. Im Park beim Kriegerdenkmal, wo die Kinder gesungen haben.

Er fasste in seine Jackentasche und zog das halb zerfetzte Zeitungspapier heraus. Als er die Schlagzeile las, wurden seine Augen groß.

„Besatzungssoldat rettet hungernde Kinder vorm Erfrieren“, stand da in fett gedruckten Buchstaben. Darunter das Schwarz-Weiß-Foto von Gertrud und ihren kleinen Freunden. Der Artikel berichtete von der Suchaktion des Soldaten und der Rettung der Kinder.

Ganz zum Schluss stand da: „Die Kinder gaben an, ein lieber Mann hätte ihnen zu essen gegeben. Anders hätten sie die schreckliche Kälte nicht überlebt, weil sie so sehr geschwächt waren.“

Das war so eine Art Fluch, überlegte Dennis. Alle Jahre wieder durften die Kinder wieder erscheinen und auf Erlösung hoffen. Und ich habe den Fluch gebrochen. Irgend sowas muss es gewesen sein. Wie Lena sagte: Eine Art Weihnachtswunder.

Mit einem Mal fühlte er sich wieder pudelwohl und er war in Weihnachtsstimmung wie lange nicht.

„Weil ein guter Mensch Oma und den anderen Kindern geholfen hat, wurden sie erlöst“, sagte Lena. „So hat sie es mir erzählt.“

Die Mutter wuschelte ihrer Tochter durchs Haar: „Ja, so wird es gewesen sein, Lena. Lass uns nach Hause gehen. Wir haben alles, was wir brauchen, gekauft. Komm Schatz.“ Sie fasste nach Lenas Hand und gemeinsam gingen die beiden weg. Das Kind hopste an der Hand seiner Mutter auf und ab und fing an zu singen:

Eins, fünf, sechzehn, heissassa,

viele Englein sind schon da.

Zwanzig, dreißig, vierzig.

Alle sind so herzig.

Ja, dachte Dennis.
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Das war wohl ein Wunder, das ich erlebt habe - ein echtes Weihnachtswunder. Mit einem warmen Ziehen im Herzen machte er sich auf den Heimweg.



Ende
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Kommentare zur Story:

  Hallo Stefan, eine zu Herzen gehende Story. Sehr schön, um sie zu Weihnachten vorzulesen. Hat mir gut gefallen.  
   Marco Polo  -  03.12.19 22:20

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Kommentar von "Aya" zu "Der kleine Vogel"

finde ich auch echt gut.

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