Das Licht der Hajeps Band 6 / Zarakuma - Kapitel 13, 14, 15 u. 16   227

Spannendes · Romane/Serien

Von:    Palifin      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 17. August 2019
Bei Webstories eingestellt: 17. August 2019
Anzahl gesehen: 349
Seiten: 24

Diese Story ist Teil einer Reihe.

Verfügbarkeit: Die Verfügbarkeit ist eine Angabe die nur im Prologteil der Reihe zur Verfügung steht.

Diese Story wurde zwar als Teil einer Reihe definiert, eine entsprechende Prologangabe fehlt allerdings noch.

   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Kapitel 13



Am meisten gefielen Julchen und Tobias jene zottigen, etwa dackelgroßen Tiere, die fast bewegungslos zwischen Schilf und einer Gruppe schnatternder Wildenten im Wasser eines glasklaren Sees trieben. Nur der silberweiße Rücken, die blauen, stechenden Augen, kleine runde Flauschöhrchen und die rosa Nase der seltsamen Fellviecher waren zu sehen und darum mussten die Kinder jetzt einfach näher heran.

Der große Bogen, den sie eigentlich um diesen See hatten machen wollen, fiel daher aus. Die üppig bewachsenen Hänge waren allerdings ziemlich steil und so stolperten die Kinder eher hinab als dass sie gingen.

Auf dem See schaukelten wunderschöne, riesige Blüten in leuchtenden hellen und dunklen lila Tönungen. Libellen, die funkelten wie Edelsteine, schwirrten dicht über dem Wasser dahin. Lurche und Kröten glotzten ziemlich konsterniert zu den Kindern hin, als sie näher kamen.

Es war recht still, wenn man von dem leisen Käfer- und Bienengebrumm überall in den Blüten und dem munteren Vogelgezwitscher absah, das aus den Klettergewächsen umrankter Stämme erscholl.

„Mann, Tobi ... du Tobiii, die drei Dackel, an denen is´ aber schön viel Fell dran!“, quiekte Julchen verzückt, setzte sich auf einen der Findlinge in der Nähe des Wassers und streckte die Hand nach einem der drei Tiere aus, welches zutraulich näher gepaddelt kam, um es zu streicheln.

Es war das größte der sonderbaren Tiere und es musterte Jul-chen aufgeregt mit seinen hervorquellenden Glubschaugen. Auch das andere nahm nun Kurs auf die Kleine, während das Dritte plötzlich hinter einem der roten Felsen, die hier aus dem Wasser ragten, verschwunden war. Die Schnauzen der beiden anderen waren ziemlich lang und vorgeschoben wie bei einem Ameisenbär, doch nicht so krumm, sondern gerade wie bei einem Krokodil. Es wuchsen unglaublich viele lange Schnurrhaare an den Seiten der Nasen. Die lilafarbenen Zungen fuhren jetzt wie dünne Schlangen um die Lefzen der beiden, denn sie hatten Appetit auf diese gut riechenden Geschöpfe bekommen, welche ihnen so freundlich entgegenwinkten.

Ihre runden Tiergesichter sahen so drollig aus und die seltsamen Paddelbewegungen erschienen den Kindern dermaßen ungelenk, dass sie lachen mussten, als die Tiere dem Ufer näher kamen. Nun schwamm das größere der beiden Geschöpfe noch ein wenig unschlüssig am Ufer hin und her, denn es war sich nicht darüber im Klaren, wie es das kleine Wesen, das ihm am Nahesten war, packen und ins Wasser ziehen konnte.
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Eine schlanke, geschmeidige Gestalt hatte das alles vom Hang aus beobachtet, der das kleine Tal mit dem wunderschönem See umgab. Sie hatte sich hinter einem der sonnengelben Farne versteckt, um nicht von diesen kleinen Lumantis gesehen zu wer-den, welche sie schon die ganze Zeit verfolgt und verzückt beobachtet hatte, da sie solche Kidar - oder hießen sie Kitmar? - noch nie mit eigenen Augen hatte betrachten dürfen.

Sie kauerte sich hin und strich sich das dunkelblaue und in viele winzige Zöpfe geflochtene Haar aus dem schönen Gesicht, um besser zu sehen und dann wanderte der Lauf ihrer Rinjat noch ein kleines Stückchen weiter, denn inzwischen waren die beiden Kmurfe an Land gekommen, da Julchen ihre Hand weggezogen hatte und von dem Felsbrocken am Wasser aufgesprungen war.

Aber ein vergnügtes Juchzen konnten sich sowohl Julchen als auch Tobias nicht verkneifen, denn die Viecher sahen an Land noch viel putziger aus als im Wasser, weil man sie jetzt erst richtig von allen Seiten betrachten konnte. Silbergraues Fell glänzte in der Frühlingssonne plüschig und ein buschiger, etwa unterarm-langer Schwanz zuckte nervös hin und her. Diese Tiere hatten ein ziemlich dickes Hinterteil. Die Brust war klein und schmal, die Hinterbeine ziemlich lang wie bei einem Karnickel. Die Vorderpfoten waren ebenfalls lang, jedoch die kleinen, geschickten Händchen krallenbewehrt. Sie kamen nun unsicher schnüffelnd auf die Kinder zu, sich dabei fortwährend die Schnauze, aus der zwei lange, spitze Eckzähnchen herausragten, beleckend.

Die Hajepa krauste ihre tätowierte Stirn. Bei Ubeka, es war furchtbar mit diesen Kmurfen, denn sie verbreiteten Seuchen und vermehrten sich ähnlich rapide wie die Ratten bei den Lumantis. Sie waren an Bord der Raumschiffe eingeschleppt worden. Schießen wollte sie möglichst nicht, weil sie fürchtete, dass sich dann die kleinen Lumantis darüber erschrecken würden. Aber wo war der dritte Kmurf? Plötzlich hörte sie ein Geräusch, als wenn dünne Zweige und Äste zerbrochen würden. Ihr Kopf fuhr herum und sie drehte die Lautstärke der silbernen und kostbar verzierten Ohrkapseln höher. Ihre schwarz umrandeten, roten Augen wanderten in jene Richtung, aus der die Geräusche gekommen waren, und da sah sie einen großen, breitschulterigen Lumanti aufgeregt den Hang hinunter zum Wasser schleichen.
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Dieser zum Teil unsichere, aber auch entschlossene Gang kam ihr irgendwie vertraut vor. Schnell schob sie sich ebenfalls von Farn zu Farn zum Tal hinab, immer noch die Waffe auf die beiden Kmurfe gerichtet, aber auch nach dem dritten Kmurf su-chend. Bei Ubeka, hier ging es wirklich ziemlich steil hinab!

„Halt!“, rief George jetzt den Kindern zu. „Nähert euch auf keinen Fall diesen Tieren! Sie scheinen mir nicht harmlos zu sein!“

In diesem Moment sauste der dritte Kmurf, der im Gebüsch gelauert hatte, denn Kmurfe waren listige Kreaturen und pflegten im Rudel zu jagen, auf George zu, um an ihm hoch zu springen und sich in dessen Gurgel festzubeißen. Obwohl die Hajepa sich nicht mehr richtig verstecken konnte, feuerte sie. Es war ein prächtiger Schuss, denn der Kmurf rollte tödlich getroffen zum See hinab. Die übrigen Kmurfe bekamen einen solchen Schreck, dass sie sofort ins Wasser zurück flitzten.

George schaute sich um und entdeckte die schlanke, geschmeidige Gestalt hinter einem der Farne. Sofort erkannte er die Hajepa wieder, denn er hatte dieses Gesicht nicht mehr vergessen können.

Ihr schien es genauso zu gehen. Für einige Sekunden starrten sich Mensch und Hajepa nur stumm an, waren sie zu keiner anderen Reaktion fähig. Äußerlich waren sie dabei völlig ruhig, doch tief in ihren Seelen brannte ein heißes Feuer, welches all-mählich bis in ihre Gesichter stieg und so schlugen sie plötzlich scheu die Augen nieder.

Ein wenig zögerlich hob George nun das Gewehr an und grüßte sie.

Sie hob ihrerseits die Waffe ein wenig hoch, winkte damit und als beide in großer Verlegenheit überlegten, was sie sagen sollten, waren plötzlich Stimmen und Schritte mehrerer Personen hinter dem Hang zu vernehmen.

„Dannaeh?“, klang es fragend und dann wieder Stimmengemurmel.

„Kon wan tan?“, erkundigte sich eine weitere weibliche Stimme aufgeregt und dann fragte noch eine:

„Kor wan dus?“ Es schien eine Einheit zu sein, die nur aus Frauen bestand.

„Akir?“, antwortete die Hajepa nach kurzer Überlegung.

„Kor jati to japina ti?“, tönte es von der anderen Seite her.

„Pine udil!“, riefen jetzt einige Soldatinnen. „Jelsi to?“

„Buni!“, antwortete jetzt die Hajepa ziemlich energisch, warf noch einen letzten, sehnsüchtigen Blick auf George und ihre dichten, blauen Wimpern flatterten auf und nieder.
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„Noi jelso bruk clerte!“, setzte sie für die anderen möglichst kühl hinzu und dann wendete sie sich um, warf sich das lange, mit Talismanen geschmückte Haar über die Schultern, verschwand im Dickicht und lief zu den anderen, die sie aufgeregt empfingen.

George war so fasziniert gewesen, dass er gar nicht bemerkt hatte, dass die Kinder zu ihm gelaufen waren und sich schluchzend an seinen Beinen festhielten, denn im Gras lag noch immer der getötete Kmurf. Er hatte sein Maul weit aufgerissen und jeder konnte nun die vielen rasiermesserscharfen Zähne sehen.

„Wir wollen zurück!“, jammerten die Kinder.

„Dannaeh!“, wisperte George völlig unpassend als Antwort. „Sie heißt Dannaeh!“ Wie betäubt lief er gemeinsam mit den Kindern zurück zum Jambo.



#



Margrit rannte jetzt, denn schon wieder hatte sie einen Schuss gehört und zwar ganz in der Nähe, und wieder schien es dem Klang nach eine außerirdische Waffe gewesen zu sein. Wer schoss hier denn wie verrückt herum? Die feuerrote Echse flatterte Margrit immer noch getreulich hinterher.

„Verdammtes Miststück!“, brüllte Margrit schließlich. „Ich bin keine Blüte, kapier es doch endlich!“ Sie wendete sich herum und gab dem lästigen Minisaurier einen wohl gezielten Klaps, woraufhin dieser taumelnd in irgendeinem der löffelartigen, leicht transparenten Gebilde hinein segelte, ein seltsames, beinahe beleidigtes Fauchen ausstoßend. Jetzt lief Margrit schneller, damit dieses Viech sie nicht mehr riechen konnte und sah dabei zu, dass sie sich auch von jener Stelle entfernte, aus der die Schüsse zu hören gewesen waren.

Leise schnaufend hielt sie nach einem Weilchen an. Trotz ihrer Verjüngung war das doch reichlich anstrengend gewesen, zumal sie hatte aufpassen müssen, nicht über niedrige Pflanzen, die am Boden wucherten, zu stolpern.

Sämtliche Wut auf die Kinder war inzwischen verraucht. Die armen Kleinen konnten doch auch in Not geraten sein. Die Kinder konnten ja nicht begreifen, wie gefährlich ihre Neugier war. George hatte ja so Recht. Viele schlimme, bedrückende Vorstellungen stiegen vor Margrits innerem Auge auf, denn sie war ziemlich phantasiebegabt.

Nachdem sie in eines der kleinen Täler hinabgelaufen war, um an dessen See einen Schluck von dem glasklarem Wasser zu nehmen, stand ihr Entschluss fest.
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Sie würde so lange nach den Kindern suchen, bis sie die gefunden hatte und wenn das noch Stunden dauern sollte!

Es war wirklich erstaunlich, wie viel heimisches Getier sich von dieser außerirdischen Botanik angezogen fühlte. Da hörte man die höchst vertrauten Stimmen von Meisen, Staren und schlichten Spatzen, die sich mit dem fremdartigen Geschrei, Ge-träller und Gejauchze außerirdischer Vogelarten vermischten. Selbst die Luft war irgendwie erfüllt von vertrauten, aber auch völlig unbekannten Blütendüften. Und diese Insekten! Es gab normale Zitronenfalter, Kohlweißlinge, aber auch erstaunlich große, farbenprächtige Schmetterlinge! Während Margrit einen Hang empor hastete, meinte sie plötzlich, eine Bewegung oben zwischen zwei großen Büschen gesehen zu haben.

Und wenn es nur eine Amsel war, die gegen die dichten Zweige stieß, oder ein Eichhörnchen? Nein, dazu schaukelten die Zweige zu heftig! Je höher sie kam desto lauter waren merkwür-dige Geräusche hinter den dichten, blauen Blütenbüschen zu hören. Nein, es war kein Kind! Jemand großes, langes wälzte sich anscheinend dort am Boden und stieß keuchende Laute aus.

War er verletzt? Was war passiert? Sie dachte an den Schuss, den sie vorhin gehört hatte. Oder kam das Schnaufen nur von Margrits eigenen Lippen? Sie hielt mit klopfendem Herzen den Atem an und lauschte in sich hinein – nein, es kam wirklich von dort. Dort hinten stöhnte und ächzte jemand. Verdammt, das war ja nicht nur Einer! Zwei Erwachsene schienen heftig miteinander zu kämpfen! Etwa George und Eberhardt? Sollte sie sich da ein-mischen? Aber wenn es diese beiden nun gar nicht waren!

Margrit schlich näher. Tatsache, hier kämpften zwei Leute, denn die blauen, zarten Zweige brachen dabei zum Teil, abgerissene, lädierte Blüten segelten zum Tal hinab, verschwanden zwi-schen seltsamen Wildblumen und Schlingpflanzen oder landeten über ihr auf zwei bloßen, menschlichen Knien, die angewinkelt aus den Büschen ragten.

Margrit rückte noch ein Stückchen höher und entdeckte dadurch ein paar weitere, wesentlich längere, haarige Beine mit durchtrainierteren Waden und Oberschenkeln, die sich zwischen den zarten, hellen Knien hoben und senkten. Margrit stockte der Atem, denn irgendwie kamen ihr diese rhythmischen Bewegungen vertraut vor! Sie wartete, bis sich ihr wilder Herzschlag ein wenig beruhigte und versuchte ihre Gedanken zu ordnen.
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Was war, wenn in diesem Gebüsch gerade eine Lumanti von einem Hajep vergewaltigt wurde? Aber vielleicht war diese Frau gar nicht in Not! Margrit schlich noch ein bisschen vorwärts, hielt den Atem an und lauschte. Man konnte das weibliche Stöhnen vom männlichen unterscheiden, aber ob die Frau in Not war, schien damit noch nicht geklärt. Darum zog sie vorsichtig einen Zweig des Busches zurück und es zeigte sich dahinter ein nackter Hintern, der auf und nieder ging! Margrit studierte einen Augenblick diesen nicht uninteressanten Bewegungsablauf, ohne zu einem endgültigen Ergebnis zu kommen.

Drückte nun das Wimmern der Frau, die unter diesem starken, muskulösen Hajep vergraben lag, Not aus? Da hörte sie den Jimaro plötzlich laut und stark Stöhnen, sein prächtiger Rücken krümmte sich, bäumte sich auf und hob sich Margrit entgegen. Diese bog den Zweig noch ein bisschen zurück, um besser zu sehen. Dem Hajep entfuhr ein heftiges Seufzen wie ein ekstatischer Schrei und gleichzeitig war das Blatt, an welchem Margrit den Zweig festgehalten hatte, abgerissen. Der Zweig sauste wie eine Peitsche hinab, fuhr klatschend auf das Hinterteil des Hajeps und hinterließ bei dem Verblüfften eine dunkle Strieme, noch ehe er erschlafft auf das Mädchen sinken konnte.

Mit einem wilden Sprung versuchte sich Margrit nun vor dem Jimaro in Sicherheit zu bringen, der splitternackt im Nullkomma-nichts auf den Beinen war. Sie bemühte sich, hinter einem breiten, geschuppten Baumstamm Zuflucht zu finden, aber verge-bens, seine Pranke hatte sie schon von hinten beim Kragen gepackt.

„Tankreta Lumanti!“, tobte der Riese und rüttelte Margrit, als wäre sie ein alter Staublappen. „Was du zu suchen her hast?“

„E ... entschuldigen Sie“, stammelte Margrit, „das geschah wirklich nicht mit Absicht. Vielleicht kann man Salbe drauf tun oder Puder?“

„Was du her macherst?“, wiederholte der Jimaro eindringlich und schlackerte Margrit nun so grob hin und her, dass ihr der Kragen der Bluse zu eng wurde. Sie hustete und würgte sich und schließlich sprangen die Knöpfe vom Halse an nacheinander auf.

„Spa ... spazieren gehen!“, ächzte sie.

„Spazeren?“, echote er ungläubig. „Nix spazeren“, brauste der Jimaro auf. „Das her is hajeptisches Gebet! Du verstehst? Hajeptisches Gebet!“

„Nicht Gebet sondern Gebiet!“, verbesserte sie ihn matt.
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So langsam tat das Schütteln echt weh und Margrit bekam nicht nur Angst sondern auch Gewissensbisse. Warum war sie nur so neugierig gewesen und nicht weitergelaufen, ohne auf andere zu achten, um nach den Kindern zu suchen. „I ... ich habe meine Kinder gesucht!“, stammelte sie jetzt.

„Kindar?“, wiederholte der Hajep erstaunt. Da entdeckte Margrit, dass inzwischen ihre gesamte Bluse durch das beständige Gerüttele aufgerissen war. Gott sei Dank hatte sie noch ein Hemd darunter! Vermochte dieser Jimaro Gedanken zu lesen? Denn schon spürte Margrit seine Hände nicht mehr am Kragen sondern an ihren Armen.

„Ach“, keuchte sie, „lassen Sie sich doch durch mich nicht stören. Bedenken Sie, Ihre Freizeit ist knapp und ... also ... jeder sollte ruhig seine Hobbys pflegen.“

Er hatte sie derart abrupt zu sich herumgedreht, dass ihr linker Turnschuh dabei auf der Strecke geblieben war.

„Du zu niemannen sagest, was du ebene im Gebäusch hast gesehinn!“, keuchte er aufgeregt. „Xorr! Was du hast gesehinn?“

„Nichts, rein gar nichts!“, nuschelte sie undeutlich, denn sie hatte durch die ständige Schüttelei einen Zipfel ihres eigenen Haares in den Mund bekommen. „Und erst recht nichts im Gebäusch!“

„Zo es is gutt! Sonstig isch werdinn machinn disch töt späterrer. Du versteherst?“ Er zupfte ihr die Haare von den Lippen.

„Ja, sogar sehr!“, keuchte sie.

„Hallo ihr zwei!“, vernahm Margrit jetzt von hinten eine helle Stimme. „Müsst ihr denn gleich solches Blech daherreden?“ Dann ertönte ein helles Lachen, das Margrit recht vertraut vorkam und daher atmete sie vorsichtig auf, obwohl sie der Hajep immer noch an einem Arm gepackt hielt.

Der wusste wohl noch immer nicht, was er von der ganzen Sache halten sollte und trat daher zur Seite, so dass sein Liebchen die Gefangene besser betrachten konnte.

„Ah, ja“, erklärte die Mädchenstimme, „es ist tatsächlich meine Freundin. Die wird uns beide ganz bestimmt nicht verraten!“ Gesine warf dabei Munjafkurin ein Hemd zu.

„Werr die Frau is?“, wollte der Hajep immer noch misstrauisch von seiner Freundin wissen, und er hatte sich Margrit mit einem Finger sicherheitshalber bei der Schlaufe ihres Gürtels gekrallt.

„Dann stelle ich euch eben einander vor!“, schnaufte Gesine, die gerade in ihre Hose schlüpfte.
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„Margrit, das hier ist Munjafkurin.“

Sie hatte den jungen Soldaten ganz anders in Erinnerung. Na ja, da hatte der auch einen Helm getragen. Aber diese Größe, diese Muskeln? Munjafkurin trug zwar einen prächtigen Haarkamm wie Oworlotep, aber ansonsten war der ganze Schädel kahl rasiert und völlig tätowiert. Außerdem hatte er keinerlei Schmuck, geschweige denn Talismane im Haar. Er besaß lediglich eine prächtige Spange, welche die dunkelblauen Strähnen steil aufgerichtet hielt.

„Er ist reinrassiger Hajep und jetzt Jimaro jener Einheit, die Warabaku befehligt“, berichtete Gesine weiter und warf dabei Munjafkurin seine restlichen Sachen zu und der begann sich ebenfalls anzuziehen. „Er gehört zur Kaste der Lischkos, und soll ich dir seine Auszeichnungen aufzählen, die er für hervorragende Leistungen im Laufe der Jahre erhalten und die man ihm neulich zur Strafe wieder abgenommen hat?“

„Die kannst du dir sparen!“, Margrit hob unauffällig die Hände, um sich endlich ihre Bluse zuzuknöpfen.

„Munjafkurin“, Gesine machte dabei eine wedelnde Handbewegung Richtung Margrit, „das hier ist Margrit Schramm!“

„Ubeka“, rief der ebenso verdutzt, wie zuvor Margrit, „doch nischt etwar diie Marktstramm oder Marktstamm ... oder?“

„Was sind schon Namen!“, wehrte Margrit hastig ab und suchte dabei im dichten Moos nach ihrem Turnschuh, den sie vorhin verloren hatte.

„Margrit, wenn Munjafkurin dich verpfeifen würde“, Gesine bekam dabei kleine, gefährliche Augen, „würde er nach eintausendfünfhundert Clontis bekommen, die für deine Ergreifung vom Agol ausgesetzt worden sind.“

„Eintausend Clontis?“, wiederholte Margrit. Ihre Stimme klang plötzlich wie ein schlecht geöltes Rad. Sie hatte ganz vergessen, sich den Schuh zuzubinden, in den sie gerade geschlüpft war.

„Und nöch funfhündert!“, fügte Munjafkurin hinzu, während er sich die Hosenbeine seines seltsamen Kleidungsstückes hochzog.

„Clontis sind so komische Chipkarten, welche die Hajeps statt einer Währung haben. Aber keine Angst“, Gesine lachte, „du kannst dich auf Munjafkurin verlassen. Der verpfeift niemanden, weil der nämlich selbst schon oft genug verpfiffen worden ist. Sowas empfindet er als einzige Schweinerei, nicht wahr, Munjafkurin?“

„Akir!“ Er nickte und sein prächtiger Haarkamm fiel ihm dabei zum Teil über Nase und Augen.
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„Is Schreinerei!“

„Nur bei anderen Hajeps müsstest du vorsichtiger sein“, wandte sich Gesine wieder an Margrit, „obwohl“, sie betrachtete Margrit gründlich, „so jung siehst du eigentlich ziemlich anders aus!“

Der Hajep musterte Margrit nun ebenfalls von oben bis unten. „Akir, zimmerlisch!“, bestätigte er.

„Ich habe Munjafkurin erklärt, dass du fortgelaufen bist, weil du das hajeptische Kastensystem genauso hasst wie er!“

„Ach ja?“, krächzte Margrit verdutzt.

„Akir, und isch hasser es auch ... bah!“ Munjafkurin spuckte demonstrativ auf den Boden aus. „Schreinerei würgelische is Pasua und Scolo!“

„Und wo ist jetzt Danox?“, rückte Margrit endlich mit ihrer bangen Frage heraus.

„Natürlich bei Munjafkurin!“, erklärte Gesine mit leuchtenden Augen und dieser wies auf eine Stelle seines Hemdes, wo wohl eine verborgene Tasche war.

Margrit nickte Munjafkurin traurig zu! Nie mehr würde sie dieses Teil von Danox wiedersehen.

„Weißt du“, schwatzte Gesine einfach drauflos, „Munjafkurin kennt einen Wissenschaftler, der es sich zutraut, sämtliche Teile von Danox wieder zusammen zubauen.“

„Ach nein!“, krächzte Margrit und verknotete dabei ziemlich fahrig ihre Schnürsenkel.

Gesine klopfte sich stolz an die Brust. „Du siehst also, wir waren heute nicht nur im Gebüsch beschäftigt!“ Sie kicherte abermals, doch plötzlich erstarb ihr das fröhliches Glucksen, denn Munjafkurin hatte sie derb beim Handgelenk gepackt.

„Ziet!“, wisperte er erschrocken. „Hiat Ubeka, da hintern ... sie kammen!“ Und er schob Gesine, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, hinter sich in ein hüfthohes Buschwerk, dessen Zweige von unten bis oben mit kurzen, dichten, haarähnlichen Büschelchen bewachsen waren. Er baute sich, die Beine breit, die Fäuste auf die schmalen Hüften gestützt, todesmutig davor auf.



Kapitel 14



Margrit war so erschrocken, dass sie die Gelegenheit sich zu verstecken einfach nicht wahrnahm. Sie stellte sich stattdessen neben Munjafkurin und starrte genau wie er Hügel abwärts. Von dort kamen fünf Hajeps zügigen Schrittes hinauf. Vier von ihnen sprachen die ganze Zeit aufgeregt miteinander, ab und an zornige Blicke nach Munjafkurin und der Lumanti neben ihm werfend und allen voran schritt ihr Anführer, den man schon an Gang und Körperhaltung erkennen konnte: Tjufat Warabaku!

Und noch etwas zeichnete Warabaku als typisches Oberhaupt aus und das war seine Haarpracht.
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Margrit gewann den Eindruck, dass sich die Position und Kaste der Hajeps auch in der Länge ihrer Haarpracht erkennen ließ, denn Warabaku durfte zusätzlich zu seinem Kamm, der an sich schon ziemlich prächtig war, an den Seiten über den Ohrkapseln kurz geschorenes Haar tragen und keine Glatze wie die einfachen Soldaten.

Oben angekommen liefen die fünf jedoch nicht direkt auf die beiden zu, sondern zum arg lädierten Gebüsch, in welchem sich Munjafkurin eben noch zärtlich mit Gesine herumgewälzt hatte. Munjafkurins Gewehr lehnte noch dort an einem der silbergrau-en Schuppenbäume und hier hatte er auch seinen Waffengürtel aufgehängt. Warabaku nahm wortlos den Gürtel vom Ast, einer der einfachen Jimaros das Gewehr an sich, dabei Munjafkurin mit einem kurzen, verächtlichen Blick streifend. Die restlichen drei Hajeps hoben währenddessen die Zweige des Busches an und betrachteten kopfschüttelnd die niedergewalzten Farne und das flachgedrückte Moos.

Margrit spürte, ohne dabei die leise, eigenartige Sprache verstehen zu müssen: Munjafkurin war in den Augen seiner Einheit erledigt!

Nun schritt der Tjufat auf Munjafkurin zu, der seinen Platz noch immer nicht verlassen hatte und Warabaku folgten wie ein Rudel geschmeidiger Raubkatzen seine Männer.

„Xorr, kor jati to ti japina!“, brüllte Warabaku Munjafkurin an, Margrit dabei überhaupt nicht beachtend.

„Chajeto!“, verteidigte sich Munjafkurin kleinlaut. „Noi jato pir nabarkion!“

Da verzog Warabaku sein eigenartig schönes Gesicht wie eine Fratze. „To kos jonkert!“, zischelte der Offizier gereizt. „Tes gua to gelguma. Likono ziet!”

„Malgat!“ Munjafkurin stand stramm, die Arme dabei gesenkt und seitwärts an den Körper gelegt.

Der Offizier holte aus und gab Munjafkurin eine kräftige Ohrfeige auf die rechte Wange. „Shep!“, schrie er.

Munjafkurin verzog kaum das Gesicht, seine Miene wirkte fast so, als habe er nichts gespürt. Teilnahmslos starrte er in die Ferne.

„Shep!“, brüllte das Oberhaupt abermals und es klatschte zum zweiten Mal. Nun färbte sich auch die linke Gesichtshälfte Munjafkurins dunkel und die Finger des Offiziers zeichneten sich ab, doch der starre Blick Munjafkurins veränderte sich nicht.
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„Shep!“, wiederholte der Truppenführer lauernd und schon schlug er wieder zu, Munjafkurin rührte sich nicht. „Shep dandu shep!“, kreischte der Offizier und Ohrfeige auf Ohrfeige folgte. Munjafkurins Gesicht war inzwischen stark angeschwollen und Margrit wurde schlecht.

„He ... äh ... hallo?“, krächzte sie schließlich. Das war wohl zu leise gewesen, denn niemand schien es gehört zu haben. Schon das Zuschauen war unerträglich und der Tjufat schien von Mal zu Mal brutaler zuzuschlagen. Sie räusperte sich. „Hallo!“, brüllte sie.

Das Oberhaupt hielt inne und dessen Männer betrachteten Margrit nicht ohne Erstaunen, denn kaum jemand wagte es, einen Hajep bei einer Bestrafung anzusprechen. „Na, wassis?“, knurrte Warabaku und fügte mit hämischem Blick hinzu. „Willigst du vielleischt was davonne abhaben?“

Immerhin sprach Warabaku ein recht anständiges Deutsch. „Nein, das lieber nicht“, stotterte Margrit und musterte dabei Munjafkurins kaputtes, starres Gesicht. „Aber warum schlägst du den eigentlich?“

„Interessiert disch das?“

„Ja, sehr!“

„Dann du hast Pesch gehabt!“

„Aber ich will nur ...“

„Wi ziet!“, schnitt er ihr mit einer knappen Handbewegung das Wort ab, was wohl soviel ausdrücken sollte, wie: „Halt die Schnauze!“ Er hörte aber auf, Munjafkurin zu schlagen und ließ sich dafür dessen Gewehr geben. An einem großen, roten Fels-brocken, der hier aus dem Moos herausragte, zertrümmerte er Munjafkurins Gewehr.

Margrits Blick ging dabei zu Munjafkurin. Es war seltsam, aber diesmal zeigten sich in seinem sonst so beherrschten Gesicht die ersten Anzeichen tiefer Erschütterung. Für Margrit war klar: Jeder Hajep hatte wohl sein eigenes Gewehr. Er hatte weder Mutter noch Vater, Bruder oder Schwester und vielleicht sogar keinen wirklich treuen Freund, aber immerhin nannte er ein Gewehr sein eigen, auf welches er sich voll und ganz verlassen konnte! Munjafkurin fühlte sich also durch die Zerstörung seiner Waffe entehrt! Es flackerte darum seltsam in seinen Augen und die schön geschwungenen Lippen zitterten. Seine Kameraden sahen dies mit großer Genugtuung und Margrit spürte, wie deshalb Zorn in ihr aufkeimte.
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Sie wendete daher ziemlich ruckartig ihren Kopf wieder in Warabakus Richtung. Der schüttelte gerade die glasähnlichen Teile der Schaltfläche, die in kleine Stücke zersprungen war, aus Munjafkurins Waffe heraus, streute die Scherben vor Munjafkurins Füße, der in starrer, aufrechter Hal-tung im Kreis seiner neugierig gaffenden Kameraden ausharrte, auf den Sandboden. Es war die einzige freie Stelle, wo keine Pflanzen, nicht einmal Moos wuchs!

„Ka te barga!“, zischelte der Truppenführer hasserfüllt. Munjafkurin hatte wohl einem Befehl Folge zu leisten. Jedenfalls schien das jeder der Umstehenden von ihm zu erwarten und so fiel er nach kurzem Zögern vor seinem Herrn auf die Knie, mit-ten in die Scherben.

„Aaaah - nicht!“, kreischte Margrit schmerzverzerrt für ihn.

Der Offizier horchte auf. „Hast du schonne weder was zu sagginn?“, knurrte er.

„Ja, also ... ich finde, dass du ihn bestrafst, das ist nicht gerecht!“

Die kleine Hajepmeute musterte Margrit ob ihrer Tollkühnheit nun mit einer Mischung aus Amüsiertheit und Zorn, aber auch heimlicher Bewunderung. Alles schwieg und die Blicke wander-ten zum Offizier. Man war neugierig, was Warabaku nun machen würde.

Der tat, als habe er nichts gehört und gab Munjafkurin stattdessen einen Befehl: „To pin tiz matunutsch boret tir klitas!“

Munjafkurin bewegte daraufhin die blutenden Knie, warf sich vor Warabaku der Länge nach auf den Boden streckte die Beine hinter sich. Die Hände hielt er rechts und links nur wenige Millimeter von dem Scherbenhaufen entfernt aufgestützt. Margrit ahnte, was nun kommen sollte: Liegestütze über dem Scherben-haufen.

„Nein!“, brüllte sie überlaut. „Tu es einfach nicht, Munjafku-rin!“

„Err gehorchinn würd!“, erklärte Warabaku ganz selbstverständlich. „Und bei disser kleininn sporterlischinn Ubüng auch ein wenisch springern und dabai in die Handschinn klätschinn!“

„Er ... er wird nicht auf den Scherben springen!“, stotterte Margrit und hielt dabei vorsichtig Ausschau nach Gesine, die sich zum Glück inzwischen ein Stück fortgeschlichen hatte.

„Gäns rächt! Er würd nischt auf zondern über die Scherbinn springern, meiner Scheenste! Allerdingst nür, wenn er geschickt genüg is!“ Er wollte sich gerade wieder Munjafkurin zuwenden, um dem diesen schrecklichen Befehl zu erteilen, als ihn Margrit beim Ärmel zupfte.
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Verblüfft schaute er sich nach ihr um.

„Und wie lange muss er das machen?“, fragte sie.

„Xorr, sagginn wirr malich zo for eine viertel Stünde nach eurerer menschlichten Zaitrechnüng!“, erklärte Warabaku schlicht.

„D ... das kann niemand durchhalten!“, ächzte sie. Du liebe Zeit, das dort hinten war ja George! Der hatte sich eben noch etwas tiefer geduckt, um hinter den Farnen verborgen zu sein und nun glitt er an einer Reihe etwas seltsam ausschauender Mi-nipalmen vorbei.

Der Offizier hob teilnahmslos die Schultern. „Hiat Ubeka, dassis dann sein Pääch!“

Margrit blickte den Tjufat mit einer tiefen Falte auf der Stirn an, dann wanderten ihre Augen wieder zu Munjafkurin, der noch immer über den Scherben ausharren musste.

„Wohl kaum“, sagte sie und versuchte, ihrer Stimme einen ruhigen, festen Klang zu geben, „weil ich nämlich vorher euer Oberhaupt sprechen werde.“

Für einen kurzen Augenblick fehlten den fünf Männern die Worte, dann aber begannen sie in ihrer seltsamen Sprache, über Margrit zu lästern. Bemerkungen wie: „Intilae“ oder „Ichta truw-on Lumanti“, „Kontriglus, tan wan lossi“ und „Tan wan a faikenbar?“, vernahm sie und sah, wie die Gesichter der Hajeps dabei übermütig zuckten. Offenbar hatte Margrit etwas sehr Wit-ziges gesagt. Selbst der Offizier konnte ein undiszipliniertes Zucken seiner rechten Augenbraue in dem ansonsten maskenhaften Gesicht nicht verhindern.

„Nunni, wie ville Oberhaupter kenninn wir denne zo inzwitschen personnlisch?“, fragte er amüsiert.

„Ich ... also ... ich möchte Oworlotep sprechen!“ Margrit war von sich selbst überrascht. Was war mit ihr auf einmal gesche-hen?

Aber Munjafkurin spürte, dass er jetzt irgendwie unwichtig geworden war und nutzte diesen Umstand. Er hockte sich einfach hin statt weiterhin über den Scherben auszuharren, einen bewundernden, dankbaren Blick auf Margrit werfend.

„Oworlotep?“ Der Offizier schaute drein, als habe er sich soeben an einer Auster verschluckt. „Woher du kennerst dissen Mann?“

Nun überfiel Margrit doch eine gewisse Furcht. „Das spielt jetzt keine Rolle“, krächzte sie, „jedenfalls hätte ich ihn gerne gesprochen und ...“

„Ich auch!“ Der Truppenführer tippte sich dabei eifrig an die Brust.
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„Wir ihn hättinn eigentlisch alle mal ganz gerne gesprecht, nischt wahrlich?“ Er schaute sich nach seinen Männern um und diese nickten feixend.

„Wieso geht das nicht?“, fragte sie erstaunt.

„Wasse for einer Frage, welsch einer klüge Frager!“, spottete der Offizier. „Höre, kleinlisches Lumantischinn, wir“, er beugte sich zu ihr hinab, „lebinn in einim Moradom, in einerm strang geordneten Kastensystem.“ Der Offizier schien derart stolz auf dieses System zu sein, dass er richtig in Fahrt kam und auch sei-ne Männer hörten zufrieden zu. Aus dem Augenwinkel sah Mar-grit, dass sich Munjafkurin von all den Strapazen zu erholen be-gann. „Keinar der ünteren Kaste dürf unaufgefordert die Ange-horigern vonne einer hoheren Kaste anspreschinn“, fuhr der Tjufat eifrig fort, „geschweige derinn Räume betretern. Isch und dieser Jimaros hier“, er machte eine weitschweifende Handbewegung, „sind aller Lischkos, in eurer Spreche überzetzt: Dürchschnitterliche! Drai Kastinn zind noch übar und drai unter uns und ganz weit untinn da stehinn die erobertinn Völker und da steherst auch du!“

„Da stehe ich?“ Margrit tippte sich an die Brust.

„Rischtick!“ Er nickte zufrieden, dachte kurz nach und fügte noch hinzu: „Xorr, du bist würgelisch ein büsschinn selbser Schuld, dass es Munjafkurin“, er schaute sich dabei nach diesem um, und der hatte sich gerade noch rechtzeitig über die Scherben werfen können, „zo schlächt ergehinn muss, denn du weißt gänz genau, dass es for eininn Hajep verbotinn is, langer als drei Tage mitte Lumantis zusamminn zu sein!“

„Das bin ich ja gar nicht!“, sagte sie aus einer plötzlichen Ein-gebung heraus. „Er und ich sind nur heute und auch nur so ein bisschen!“, setzte sicherheitshalber noch hinzu.

Munjafkurin schnaufte verdutzt und Margrit versuchte, dabei eine möglichst verschämte Miene zu zeigen.

Zuerst machte der Tjufat übertrieben große Augen und dann zuckte sein Gesicht erheitert. „Zai, immerhin gibelst du schonn mal zu, dass du heute unsererer Gesätze übertretinn hast!“

Margrit nickte scheinbar reuig. Oh Gott, George meinte wohl, dass Margrit in Not war, da zwei der Jimaros sie während des Gesprächs in ihre Mitte genommen hatten. Er hatte sicher vor, sie irgendwie zu befreien. Wie konnte sie ihm nur ein unauffälliges Zeichen geben?

„Drei Strafinn hat Munjafkurin deshalbig im Beisein von Zeuginn durchzustehinn und glaube nischt, dass mir das leicht fallt, denn auch isch schätzinn Munjafkurin sehr! Aber Gesätz is nunni mal Gesätz und isch erlädige die Strafinn besser glaich hier als öffentlisch auf dem größinn Platz, denn da muss isch nöch härter durchgreifinn.
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“ Der Tjufat beugte sich nun wieder ziemlich hochnäsig zu Margrit hinab! „Aber isch glaubere, wenn das so weitergehrt, werdit ihr sozusagern glaich als Paar drankommen!“, fügte er irgendwie zufrieden hinzu.

„Aber, ich gehöre doch gar nicht zu Munjafkurin!“, protestierte sie.

„Richtick, jetzt naturlisch nisch mehr!“ Er hob gemahnend den Zeigefinger. „Aba fruher schon und zwar serr häufig!“

„Nein, eben nicht häufig!“, protestierte Margrit. Himmel! Jetzt war George schon so nahe, dass er bald auf Gesine stoßen musste.

„Wie häufig is mir eigentlisch völlig egal“, erklärte der Tjufat begütigend, „abar du bist nunni malig dese Gesine und die hatte schonn immer ...“

„Die bin ich eben nicht!“

„Doch, doch! Du kannst misch nischt belugen, denn schießlisch hat disch Singoawin, der stehert links nebinn mir, heimelisch beobachtet, wie du mit Munjafkurin handschinnhaltind spazeren geganginn bist.“ Der Erwähnte nickte stumm und be-trachtete Margrit, etwas unsicher geworden, denn er hatte seinen Bericht ein bisschen ausgeschmückt, damit überhaupt auf ihn gehört wurde.

Doch der Offizier fuhr einfach fort: „Akir, das is nuni mal die Wahrheiter!“

Margrit schüttelte indes in Georges Richtung verneinend den Kopf, da der noch näher wollte.

„Da braucherst du gar nischt so fassungslosig mit dem Köpf zu schitteln, kleinlische Lumanti, kontriglus!“

„Aber ist es denn auch älteren Lumantis gestattet, Zarakuma zu betreten?“, fragte Margrit überlaut, um den Offizier und seine Männer vom Gebüsch abzulenken, welches sich hinter ihnen ziemlich heftig bewegt hatte, da George gegen die kauernde Ge-sine geprallt war.

„Älteren? Denda, natürelisch nischt. Wir Jimaros wollinn doch junge und knäckige Menschinn haben.“

„Siehst du und ich bin achtundvierzig.“ Margrit atmete erleichtert durch, da das Gebüsch sich nicht mehr bewegte.

„Du meinerst, du wast aus diesem Gründe nie in Zarakuma und kannest dahär auch nischt Gesine sein?“

„So ist es, und meine Haare sind nicht blond sondern braun!“

Singoawin hatte das auch gerade festgestellt und klimperte deshalb unsicher mit den Augendeckeln.
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„Hich ... würgelisch!“ Auch der Tjufat betrachtete Margrit fassungslos. „Aba es zind auch ein paar gälbä Strähnschinn drin!“, bemängelte er.

„Kann schon sein!“ Ach, war das schön! Margrit sah trotz der dichten, komischen Fellzweige, dass George gerade das Foto ihrer Kinder empor hielt. Dann wies er in die Richtung, wo er die Kinder gefunden hatte und drückte das Foto an sich. Sie holte erleichtert Atem. „Aber nun möchte ich doch wissen, mein hochverehrter Waba ...“

„Wara ...“

„Also Warabako.”

„Ku!“, zischelte er.

„Jedenfalls frage ich dich, warum es uns fünfzigjährigen Menschen nicht gestattet sein soll, mit jungen, frischen Hajeps amüsante Dinge zu machen. Wirklich, da bleibt einem doch nichts anderes übrig, als sich ein dichtes Gebüsch zu suchen, um ... na, ja!“ Sie schlug verlegen ihre Wimpern auf und nieder.

„Xorr!“, murmelte der Truppenführer verwirrt. „Wir sind zwarlisch in Wahrheiter auch nischt mehr so gänz jung ...“

„Ach nein?“, hauchte sie scheinbar erstaunt.

„Doch, doch!“, sagte er geschmeichelt. „ Isch hatte gar nischt gewusst, dass so alte Lumantis noch derarter Geluste habinn könnern wie wir!“ Er starrte Margrit jetzt an als sehe er sie zum ersten Mal. „Dabei ziehst du so glatt, zo jung aus, als währest du ...“ Er brach mit skeptischer Miene ab.

„Alles nur getrickst ... Abdeckcreme und so!“ Sie kicherte lüstern und spürte regelrecht, wie Gesine und George in ihrem Gebüsch voller Angst den Atem anhielten.

„Hiat Ubeka, Abdeckkrempel?“, wiederholte jetzt so manch einer aus der Meute verdutzt, denn sie kannten so etwas nicht, weil sie es nicht nötig hatten.

„In solch einem Alter wird es für uns Menschen erst richtig interessant“, versuchte Margrit die merkwürdige Spannung irgendwie zu überbrücken. „Was glaubt ihr, was man da an Erfahrung gesammelt hat.“

„Das braucherst du uns nischt erst lang zu erklärrinn.“ Der Tjufat warf sich stolz in die Brust und alle anderen schauten ebenso stolz drein.

„Aber wir sind Menschen!“, schnaufte sie jetzt etwas atemlos. „Da ist das ganz etwas anderes als bei Hajeps.
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Ihr glaubt ja gar nicht, welche wilde Lust wir zu entfesseln verstehen.“

„Hiat, Anthsorr, darinnne würst du tatsachlisch rächt habinn!“, keuchte der Offizier. „Du kannst eininn ja regelrächt auf disch neu und gierig machen!“

„Und was glaubt ihr erst, wie schön es sich hier mit einem kräftigen Jimaro im Freien, auf samtigem Moos, unter wippen-den Blütenzweigen ...“, sie brach ab und machte sich die drei obersten Knöpfe ihrer Bluse zu, da der Offizier ihr in den Aus-schnitt gelinst hatte.

„Sprisch rühig weiterer. Du scheinst interreressanter zu sein als isch das zunächst gedacht habe!“, stieß der Tjufat hervor. „Kontriglusi, isch wärde mit Nireneska redinn und ihn bittinn, dass man bei dir einee Ausnehme machinn soll, damit du zu uns nach Zarakuma komminn und jädim von uns solsch eine kleine Fr ...“

„Freude!“, sagte sie etwas leiser, denn die plötzlich ausgelöste Unruhe war Margrit irgendwie unheimlich.

„Akir, uns allin Feude machinn kannst.“

Die ganze Meute starrte Margrit nun hellwach geworden an und einige nickten in stummer Neugierde.



Kapitel 15



„Munjafkurin.“ Der Tjufat wandte sich um und der hatte sich abermals rechtzeitig über die Scherben werfen können. „Du hast zwar so gänz zu unrächt nischt deiner Bestrafunginn erhaltinn, denn wir durfinn längst nischt mehr außerhalb Zarakumas amusante Dingerschinn machinn, aber dieser Frau is würgelisch nischt die Lumanti Gesine, nischt die glaiche alzo, die du mehr als drei Tage schon ... außerdämm is es zu begreifinn, dass du mit dieser hier“, er ließ seinen Blick kurz zum Gebüsch schwei-fen, das nun im herrlichsten Sonnenschein lag und schnupperte dabei genüsslich die frische Frühlingsluft, „nur so ein bischinn ... nurrfi, nurrfi!“, unterbrach er sich behaglich. „Also, Munjafkurin, steher auf!“, befahl der Tjufat mit entschlossener Miene. Die Männerschar nickte und ihre Augen leuchteten begeistert, doch Munjafkurin tat, als habe er nicht gehört. Tapfer harrte er noch immer über den Scherben aus und so musste der Tjufat ihn feierlich beim Arm packen.

„Erheber disch alzo Munjafkurin!“, sagte dieser laut und langsam. „Du zollst diese Lumanti für drei Tage habinn und räche disch! Singoawin is ein Boldona, is ein Kening und auf den habe isch gehört, diesen Millik, auf diesen Uonka.
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Er is ein Nurch, denn er hat gälbis Haar mit braunimm verwächzelt und gehört würgelisch dafor tuchtig bestraft.“ Er räusperte sich energisch und wendete sich dem Beschimpften zu. „Hast du etwas dageginn zu saginn Singoawin?“

Dieser betrachtete Margrit abermals gründlich. Es war so, dass Margrit die gleiche Größe und Figur wie Gesine hatte und er sie nur von hinten und von weitem beobachtet und es eine rätselhafte Störung an den Kameras gegeben hatte und die Bilder nicht gespeicherten worden waren. Seine Kameraden konnten auf den winzigen Bildschirmen an ihren Handgelenken, die sie wie Uhren trugen, das alte gespeicherte Bild von Gesine sehen und mit Margrit vergleichen. Der Blick von Singoawin wurde unsicher, alles starrte ihn böse an und schließlich schüttelte er ergeben den Kopf. Der Offizier nickte Munjafkurin aufmunternd zu.

Munjafkurin taumelte nun, kaum glaubend, dass er seiner dritten Strafe entronnen war, auf Singoawin zu. Für einen Moment blieb er vor diesem unschlüssig stehen.

„Tonka!“, sagte Singoawin schuldbewusst und wies auf beide Wangen, denn er hatte sich geirrt und Irrtümer wurden hart bestraft.

Da funkelten Munjafkurins Augen rachedurstig. Er hob die Hand mit zuckendem Gesicht und holte weit aus, während sich die Gaffer bereits lüstern um Singoawin geschart hatten.

„Halt!“, durchschnitt Margrits Stimme die Stille. „Es ist wohl besser, einander zu vergeben!“

Alle Blicke hingen nun an der entschlossenen Frauengestalt.

„Was is vergäbbin? Zimmerlisch merkwuddiges Wort und was bedeutetet es?“, erklärte der Offizier verwundert. „Isch habe ville Lumantiworte gelärnt, jedoch nischt solsche, die isch nischt verstand.“

„Na, das geht so“, begann Margrit etwas hilflos, „Munjafkurin vergib Sing ... äh ... dings seinen Fehler“, rief sie diesem zu, ohne weiter auf den Tjufat zu achten. „Zwar musstest du durch ihn Schmerzen erleiden, aber das war nicht hinterhältig geplant. Er hatte sich nur geirrt. Jeder irrt sich mal, auch du und dann kommt vielleicht er zu Schaden und muss dir vergeben wie du ihm vergeben hast.“

Munjafkurin sträubte sich innerlich sehr, Margrits Vorschlag zu beherzigen und das war ihm trotz seiner Maskenhaftigkeit anzusehen. Dennoch beschloss er, ihr zu gehorchen, weil er sich ihr zu tiefem Dank verpflichtet fühlte.
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„Plon!“, knirschte er schließlich. „Isch dir vergibele, aber nächstes malig isch machte dafür Unsinnig mit dir!“ Der Angesprochene nickte tief erschüttert.

„Nein, du sollst Sing .. äh .. dings nicht drohen, du sollst ihm wirklich verzeihen!“, rief Margrit aufgeregt. „Am Besten, ihr schüttelt euch die Hände und ...“

Munjafkurin wusste zwar nicht, wozu das gut seine sollte, jedoch gehorchte er abermals, ergriff sich Singoawins Handgelenk und schüttelte dessen Pranke ein Weilchen gründlich durch.

„Na gut!“, ächzte Margrit. „Und jetzt muss Munjafkurin noch dazu sagen, dass er Singodings verziehen hat!“

„Hiermittig isch ihn verziehe!“

„Verzeihe!“, verbesserte ihn Margrit.

„Akir! Isch verzeihe disch,“ erklärte Munjafkurin, „wenn du mir andermalchen vergibelst!“

„Sehr gut!“ Margrit klatschte voller Freude in die Hände. „Jetzt habt ihr alles verstanden.“

„Oder mir jitzt gibelst drei, denda, besser viereinhalb Clontis dafor!“

Margrit sah nun ziemlich verblüfft drein.

„Hich! Zo teuer das Vergibeln is?“, rief Singoawin wütend. „Xorr! Vielleichter laste ich mich doch lieblich verhauen!“

Margrit schüttelte nur stumm den Kopf, wogegen der Offizier mit großem Interesse dieser Unterhaltung folgte. „Scheint mir gäns amusant zu sein, solsch ein Verdübeln!“, brummelte der, Margrit einen anerkennenden Blick zuwerfend. Diese schaute lieber weg.

„Denda!“, fauchte nun Munjafkurin zu Singoawin. „Du schulderst mir ohnehinlich noch eineinhalb Clontis vom letzten Arikiam.“

„Hiat Ubeka, die du schulterst mir“, Singoawin klopfte sich herausfordernd an die breite Brust, „nichtig isch dir!“

„Hich?“, knurrte Munjafkurin „Willigst du etwarlich habbin eine kleinlisches Kämpferchen?“

Margrit hielt sich die Ohren zu.

„Poko! Zuvor wir aller wetten!“, schlug nun Singoawin mit heller Begeisterung vor und so laut, dass Margrit es trotzdem hörte.

„Akir, akir!“, brüllte die Menge der Gaffer begeistert. „Eineinhalb Clontis setzer isch auf Munjafkurin“, hörte Margrit bereits aus dem Kreis.

„Viereinviertel auf Singoawin!“, schrie ein anderer und schon klapperte das Geld in einen Helm, der von Hand zu Hand ging. Währenddessen sorgten die beiden Männer dafür, dass sich die weiten Ärmel ihrer seltsamen Kleidung von alleine hochkrem-pelten und dann warteten sie geduckt, standen sie wie zwei Panther einander gegenüber.
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„Nurrfi!“, entfuhr es dem Offizier anerkennend, nachdem er den Helm erhalten und einen kurzen Blick hineingeworfen hatte, denn er war für die Verwaltung der Wettgelder zuständig. „Dieses Verriegeln schaint mir eine netter spielerische Einleidung zu unserimm üblischen Tagar zu sein. Kleinlische Lumanti, du ver-steherst es würgelisch, ständiges Einerlei etwas abwächslungsraicher zu gestaltinn. Schade nür, dass wir jitzt damit Schluss machinn mussinn, weil wir sonstig zu später komminn. Ke!“, wandte er sich mit einer schwungvollen Handbewegung an seine Männer. „Dus, ukamo pun! Wir mussen jitzt züruck!“ Enttäuschtes Murren war von allen Seiten zu hören und die beiden Männer ließen missmutig ihre Ärmel sich selbsttätig zurück krempeln. „Ihr könnert ja meinetwäginn morjen Vormittag nöch was verlegen ...“

„Vergeben!“, verbesserte ihn Margrit völlig entnervt. „Sprecht doch wenigstens dieses Wort richtig aus, wenn ihr schon nichts kapiert!“

„Was hat sie nür?“, wendete sich der Offizier an Munjafkurin. „Du muust es weissinn, denn du kennerst sie langer!“

Munjafkurin räusperte sich verstört, dann trottete er auf Margrit zu und legte den Arm um ihre Schulter, um sie zu beruhigen, weil er wusste, dass Lumantis das so immer machten.

„Na, loss!“, ermunterte ihn der Tjufat. „Sei nischt zo zag, denn ihr habt es ja bereiterlisch getan.“ Er schaute vielsagend zum Gebüsch. „Ich glauber zu ahninn, was diesem Lumantiweibschinn fehlt. Akir, die Kleinliche scheinert mir namlich un-ersätterlisch!“ Er schnalzte genießerisch mit der Zunge.

„Na loss, es is zwar verbotinn, aber gebelt eusch rühig zum Abschiete einer Kissen.“

„Ein Kissen?“, wiederholte Margrit verwirrt.

„Xorr!“ Der Offizier nickte ihr aufmunternd zu. „Wenn isch es doch sager! Wir werdinn nischts verratinn, chesso?“ Der kleine Kreis nickte ebenfalls.

„Er maint ein Kusschinnn!“, erklärte Munjafkurin und schaute verlegen auf Margrits Lippen. „Manchermal habert es mit der Ausspräsche bei ihm.“ Und er flüsterte ihr ins Ohr: „Es könnert ja auch nischt jedeer derartig sprächlich begabelt sein wie isch.“

Margrit nickte, immer noch etwas durcheinander.
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„Na, was is?“, knurrte der Offizier inzwischen ungeduldig. „Hiat Ubeka, wenn man eusch zo neben einander stehinn sieht, möchter man meininn, ihr hättet eusch haute zum ersten malig gesähinn. Netter Witz, was?“ Das Gesicht des Oberhauptes zuckte übermütig.

„Kann man wohl sagen!“, ächzte Margrit. Und da Munjafkurin plötzlich einen Stock geschluckt zu haben schien, aufrecht und regungslos dastand, stellte sich Margrit auf die Zehenspitzen, reckte sich zu ihm empor, schlang ihre Arme um seinen Hals, suchte seinen festen Mund und gab ihm einen langen Kuss.

Die kleine Schar juchzte, johlte, grölte und feuerte Munjafkurin mit allerlei frivolen Bemerkungen an, dessen Augen immer größer wurden, je länger Margrit ihre heißen Lippen auf die seinen presste.

Munjafkurin entspannte sich und siehe da, plötzlich fühlte Margrit seine Hand an ihrer Bluse. Ihr wurde heiß, während er bereits den obersten Knopf öffnete. Was sollte sie nur tun? Mühsam gelang es ihr, das Gesicht wegzudrehen und seine Finger von ihrer Bluse zu zupfen. Sie blickte sich um und sah in lauter erstaunte Gesichter.

„Nun ja“, schnaufte sie, „wenn man es in einem fort macht, lässt die Freude nach! Es fehlt später die gewisse - wie soll ich es sagen - Spannung!“ Sie schaute sehr belehrend drein.

Alles nickte ehrfürchtig über so viel Weisheit, obwohl man eigentlich gar nichts verstanden hatte. Ziemlich verwirrt verließ die wilde Meute Margrit.

Nur der Offizier hielt noch einmal an und wendete sich nach Margrit um. „Hiat Ubeka, und jitzt haber isch gäns vergessinn disch zu fraginn wie du heißerst?“, stellte er fest.

„Spannung liegt im Warten auf die Lösung eines Rätsels!“, erklärte Margrit bedächtig. „Langeweile ist tödlich!“

„Kontriglusi, du sagst es, kleine Lumanti!“, stöhnte der Offizier leiderprobt.

„Warte mit Spannung Warakuh!“

„Warabaku!“, zischelte er empört.

„Aber du hast mich doch verstanden, nicht wahr?“

„Naturlisch, bin doch nischt lossi! Aber würst du auch würgelisch komminnn?“, fragte er plötzlich misstrauisch.

„Die Spannung liegt in der Ungewissheit und ...“

„Schonn gut!“ Er machte eine unwirsche Handbewegung, die ihr das Wort abschneiden sollte, denn er hatte auf seine seltsame Uhr gesehen.
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Der kugelförmige Zeitmesser rollte wieder in seinen Ärmel zurück. „Schader, dass isch keiner Zeitig merr habe, deine seltsammen menschlichtinn Worte genauer zu uberdenkinnn. Vielleischt sollte isch disch aus diesem Gründe besser glaich mitnehminnn.“

Margrits Herz klopfte plötzlich wie rasend. „Aber nicht doch, mitgenommen habt ihr doch schon so viele und was war das Ergebnis? Immer nur das Gleiche...dieses Einerlei! Jetzt kommt aber eine Lumanti aus freien Stücken zu euch, ohne eine andere Belohnung zu erwarten, als eure nackten Hajepkörper zu genießen und ...“, hatte sie zu viel gesagt? Wie der Blitz war er umgekehrt, hatte seine kräftigen Arme um Margrit geschlungen und sie an sich gepresst.

„Dus, kisser misch zum Abschiete!“, forderte er und seine Hand fuhr dabei ziemlich grob unter ihr Hemd. „Sag, pisst du uns Hajeps würrgelisch so zugetan wie du tust?“ Und seine roten Augen blitzten sie drohend an. Margrit hatte panische Angst und dementsprechend schnell schlug ihr Herz, doch sie schlang ihre Arme hingebungsvoll um seinen sehnigen Nacken. Immer wieder rang sie nach Atem vor Angst, während sie ihn küsste und unter leicht gesenkten Lidern beobachtete.

„Bis Morgen, Wara ...“

„Akir?“, fragte er und hob die Augenbrauen.

„Warabaku!“, krächzte sie schließlich.

Er nickte zufrieden und die muskelbepackten Arme lösten sich endlich von ihr. „Tunani, xabura Lumanti!“, knurrte er.

„Auf Wiedersehen!“, sagte sie höflich, mühsam ihre Erleichterung verbergend.

Da packte er sie noch einmal, nahm ihr Gesicht zwischen beide Hände und biss sie fast, da er im Küssen recht ungeschickt war.

Margrit seufzte und rieb sich die Lippen, als die kleine Schar endlich verschwunden war. „Donnerwetter sind die vielleicht anstrengend!“, murmelte sie entnervt. Da sah sie, dass George und Gesine endlich ihr Versteck verlassen hatten.

Seltsam haarige Zweige hingen in Gesines verwursteltem Blondhaar und auch George hatte merkwürdige Fellbüschel an seiner Kleidung. Eben noch erschöpft überfiel Margrit heftige Freude. Die beiden waren ihr bestimmt dankbar und bewunderten sie, wie sie diese schwierige Situation gemeistert hatte. Sie reckte sich stolz in die Höhe, knöpfte ihre Bluse zu und sah sie mit leuch-tenden Augen erwartungsfroh an.

„Na? Wie habe ich das gemacht?“, fragte sie.
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Doch Gesine verzog ihr verweintes Gesicht missmutig, wirkte sogar wütend und vorwurfsvoll. Margrit blieb vor Erstaunen der Mund offen stehen, denn auch George schien ihr böse zu sein.

„Du bist eine ganz dämliche Zicke!“, zischelte Gesine zornig, während sie den Weg zurück zum Jambo nahmen. „Wie du dich an Munjafkurin herangeschmissen hast, das war ja nicht mit anzusehen.“ Sie schob dabei eines der löffelartigen, geleeähnlichen Gebilde mit der bloßen Hand zur Seite. „Richtig festgebissen hattest du dich, dabei weißt du ganz genau“, Gesine heulte plötzlich hemmungslos los und George, der vor ihr lief, suchte in seinen Taschen nach einem weiteren Tüchlein, „dass Munjafkurin meiner ist“, schniefte sie und gab dabei den kleinen Blütenbüschen, die wie mit Schnee beschüttet waren, einen Tritt. „Und du machst dich einfach an ihn heran, das hätte ich nie von dir gedacht!“ Sie schnäuzte sich in Georges Taschentuch die Nase aus und dadurch war ihr Wortschwall für einen Moment unterbrochen. Diesen Umstand nutzte George für sich aus, noch ehe Margrit etwas sagen konnte.

„Ich muss Gesine Recht geben!“, keuchte er aufgebracht, während er eines der langen, dünnen Blätter des blauen Fächergewächses zurück bog, um sich nach Margrit umzusehen. Er schaute erzürnt auf ihre falsch zugeknöpfte Bluse. „Gehst du wirklich morgen nach Zarakuma?“, fragte er verwirrt.

Nun wurde auch Margrit wütend, blieb stehen und stemmte ihre Hände auf die Hüften. „Jetzt wird doch der Hund in der Pfanne verrückt!“, fauchte sie. „Ich setze mich auf die Gefahr hin, dass ich nach Zarakuma verschleppt werde, für Munjafkurin ein und ihr kommt mir als Dank mit wüsten Beschimpfungen! Natürlich gehe ich nicht dort hin! Haltet ihr mich denn für so lossi ... äh ... dämlich?“ Die beiden senkten betreten ihre Köpfe und liefen schnell weiter. „Ja, macht nur!“, forderte Margrit. „Denn ich will endlich meine Kinder in die Arme schließen. Die können sich noch freuen, dass wir alle leben!“

Da fiel George mit Entsetzen ein, dass ja Eberhardt nicht mehr unter ihnen weilte und große Traurigkeit umschloss deshalb sein Herz. Sollte er das den beiden mitteilen? Womöglich wusste ja Gesine etwas darüber, war sogar dabei gewesen! Ein mächtiger Zorn auf Eberhardts Mörder erfasste ihn.

„Gesine?“, begann er, während sie weiter liefen und dann fragte er sie aus.
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Margrit hörte überrascht zu. Doch Gesine war nicht minder überrascht und auch sehr traurig, als George über Eberhardts schreckliches Ende berichtete. Zwar räumte sie ein, mit ihm um Danox gekämpft zu haben, aber sie hatte sich von ihm losreißen können und dann war er ihr einfach nicht mehr hinterher gekommen.

„Wahrscheinlich wird er längst zu Humus zerfallen sein!“, beendete George das grausige Thema. „Wir werden morgen eine kleine Gedenkfeier für ihn halten!“

Die letzte Strecke liefen die drei dann schweigend und mit gesenkten Häuptern zurück.



Kapitel 16



Julchen und Tobias war die lange Warterei zwar unheimlich vorgekommen, aber sie hatten es diesmal nicht gewagt, den Jam-bo zu verlassen und so freuten sie sich, dass endlich Margrit und Gesine gesund und wohlbehalten bei ihnen im Jambo saßen und dass es nun nach Hause ging. George hatte Eberhardts Jambuto übernommen.

Nur, dass alle ziemlich humorlos und ungesprächig waren, fiel den Kindern auf. Und dann vermissten sie Munk. Wo war Munk?

Gerade als sie deshalb nachhaken wollten, knallte es hinter ihnen. Es war ein unwahrscheinlich lauter, berstender Knall, der von der Nordseite Zarakumas kam. Er übertönte die Motorgeräusche des Jambos und des Jambutos, die gerade dabei waren, die letzten Kolonien der sonderbaren Pflanzenwelt Zarakumas hinter sich zu lassen.

Julchen und Tobias hielten sich sofort die Ohren zu. George bremste kurz, nahm sein Fernrohr und schaute sich um, aber er konnte nur züngelnde Flammen hinter Doska Ygon sehen. Immer wieder knallte es, flog irgendetwas in die Luft und jetzt sah er plötzlich einen der schneeweißen Türme umstürzen!

Offensichtlich waren die Antigravitationskräfte an einigen Stellen Zarakumas zerstört worden. Gigantische, kohlschwarze Rauchwolken verdunkelten allmählich den blauen Frühlingshimmel. Ganze Scharen von fremdartigen und auch heimischen Vögeln waren aufgeflogen und zogen verwirrt ihre Kreise und gleichzeitig hörte man Alarmsirenen.

Hajeptische Jäger waren in der Ferne zu erkennen, die im Eiltempo zurückkehrten. Einige Djetanos kreisten bereits über Zarakuma und der Umgebung, um nach dem Feind zu suchen, der die Katastrophe verursacht hatte. Schon hörte man die typischen Geräusche hajeptischer Lais und Molkats, die in großen Verbänden Zarakuma verlassen hatten, um die Attentäter aufzustöbern.
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„Wir müssen sofort von hier weg!“, brüllte George herüber. „Sonst hält man noch uns für diese Rebellen.“

„Das waren bestimmt Loteken!“, keuchte Gesine und der Fahrtwind peitschte ihr das Haar ins Gesicht. Geschickt manövrierte sie den Jambo über die Wiese Richtung Landstraße.

Margrit presste sich vor Entsetzten die Hand auf den Mund. „Oh Gott, wir Menschen werden doch hoffentlich nicht in diesen Krieg hineingezogen werden!“



#



Munk hatte gerade etwas sehr Schönes in der Mitte des seltsamen Busches aus dünnen, löffelartigen Gewächsen entdeckt, in welchen er hinein geklettert war, um zu sehen, was da so ausgesprochen lecker summte. Ach, das war ja solch ein appetitliches, rotes Quietschebällchen und wie niedlich es mit den dünnen Flügelchen in dieser Blüte umher sauste, in welche Munk gerade seinen dicken, schwarzen Kopf hinein gesteckt hatte. Nun ja, das kleine Ding war wohl ein wenig wirr, da es nicht mehr an Munk vorbei ins Freie sausen konnte!

Doch der Ogaschi hatte heute schon einmal etwas recht Unangenehmes erlebt und darum sammelte der Winzsaurier sich diesmal, pumpte sein ganzes Gift in die spitze, mit winzigen Zähnen und einer stachelartigen Zunge ausgerüstete Schnauze.

Munk ahnte von alledem nichts, duckte sich noch mehr, da es ein wenig wackelig auf diesen dürren, geleeartigen Halmen war, beleckte sich die Schnauze, den Schwanz hatte er hoch erhoben ... da wurde er plötzlich von hinten gepackt!

„Mensch, Munk!“, schimpfte George, der den schwarzen Schwanz inmitten der Pflanze wedeln gesehen und daher sofort gehalten hatte. Er war aus dem Jambuto gesprungen, hatte sich den Kater gepackt und diesen gleich an die Kinder im Jambo gereicht.

„Munk!“, kreischten Julchen und Tobias selig und dann wurde der Verstörte von vier stürmischen Kinderärmchen umhalst. Munk ließ die Schnurhaare hängen. Schöne Geschichte, er hatte einen leeren Magen und alles freute sich darüber. Ach, nie begriffen Zweibeiner, worauf es im Leben ankam!





Fortsetzung folgt:
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Kommentare zur Story:

  Nun muss ich aber auch endlich meinen Senf dazugeben. Es bleibt spannend und humorvoll. Gerne gelesen. Wo bleibt das nächste Kapitel?  
   Marco Polo  -  07.09.19 18:35

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  Man merkt dieser Roman wurde mit sehr viel Herz und Temperament geschrieben. Liest sich locker weg. Wunderschöne spannende Geschichte und, obwohl in ferner Zukunft spielend, ist sie zeitnah und lebensecht. Nicht zu vergessen der Kater. Ich liebe ihn.  
   Evi Apfel  -  26.08.19 12:49

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Kommentar von "Nicolas van Bruenen" zu "Es kommt alles mal wieder"

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Kommentar von "AndreaSam15" zu "Gibt es Geister? - Eine wahre Begebenheit."

@Irmgard Danke für den netten Kommentar.

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Am 21. Juni 2019 um 19:30 Uhr ist wieder soweit: Ingrid Schlüter, Andreas Niggemeier und Sabine Müller lesen im Krokodil. Musik gibt es auch! Wann? 21.6.2019, 19:30 Uhr Wo? G ...

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