Das Licht der Hajeps Band 3 - Erster Kontakt / Kapitel 9 u. 10   311

Amüsantes/Satirisches · Romane/Serien

Von:    Palifin      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 8. August 2018
Bei Webstories eingestellt: 8. August 2018
Anzahl gesehen: 774
Seiten: 31

Diese Story ist Teil einer Reihe.

Verfügbarkeit:    Die Einzelteile der Reihe werden nach und nach bei Webstories veröffentlicht.

   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Kapitel 9



„Amar?“, krächzte sie zu ihm hinauf. Komisch! Warum sagte sie gerade das? „Äh, hallo, meinte ich natürlich!“ Und dann lächelte sie ihn einfach an.

Er schaute nur auf die Winkel dieses rosafarbenen Mundes, die sich so seltsam nach oben gezogen hatten und dann glitt sein Blick abermals über dieses Gesicht, das sich erstaunlicherweise dadurch auch in seiner Gesamtheit völlig verändert hatte, da es runder und somit weicher geworden war. Die Augen leuchteten in einer hellen, wasserblauen Farbe mit einer ziemlichen Ausdruckskraft und selbst die zarte Haut drum herum kräuselte sich sanft in vielen kleinen Wellen.

Da er sein Gesicht noch immer hinter dem herabhängenden Zweig verborgen hielt und zur Seite gedreht hatte, konnte Margrit sehr gut die ein wenig seltsam ausschauende Ohrkapseln mustern, die er trug. Dabei fiel ihr auf, dass die viel zu klein waren, höchstens zwei Zentimeter breit, um ... sie schluckte ... verdammt, er hatte keine Ohrmuscheln mehr! Weshalb eigentlich? Sie wich langsam und vorsichtig mehrere Schritte vor ihm zurück.

Dann meinte sie zu wissen weshalb. Dieser Mann musste früher Schreckliches erlebt haben. Hajeps hatten ihm so etwas Grausames angetan. Daher wohl auch die furchtbaren Verletzungen in den Wangen. Ach, sie hatte ja schon die grässlichsten Dinge gehört und sogar selbst gesehen. Womöglich schmückte er diese scheußlichen Verletzungen, weil er auf diese Weise darüber hinweg zu kommen hoffte, und das sah gar nicht mal so schlecht aus! Der Junge hatte Geschmack!

Er musterte ihre Stirn, die lag plötzlich in Falten. Still bei sich musste er zugeben, dass er von der enormen Beweglichkeit dieses Gesichts nicht gerade unbeeindruckt war!

„Sie sind taub, richtig?“, sagte Margrit jetzt einfach und lächelte ihn wieder Mut machend an.

Zwar hatte er kaum etwas verstanden - lag das an den schlecht eingestellten Trauks oder an der seltsamen Sprache? - aber reizend, ganz reizend fand er immer wieder dieses Mundwinkelhinaufziehen, weil da immer die Augen so schön mitblitzten Er seufzte zufrieden.

Margrit stutzte. Warum seufzte der denn so komisch? Na klar, er hatte Schmerzen. Das fragte sie ihn auch gleich und unterstrich noch alles, so gut es ging, mit Zeichensprache. Sie beherrschte die Taubstummensprache ein wenig, da ein Verwandter ihrer Familie während der großen Hajepkriege sein Gehör verloren hatte.
Seite 1 von 32       


Wie erwartet, kam kein Wort aus ihm heraus, außer einem weiteren Ächzen. Er war so erstaunt über diese hektischen Bewegungen mit den Händen, dass er zu nichts weiterem fähig war.

Angestrengt grübelte Margrit und hielt sich dabei das Kinn. Womöglich war er außerdem gelähmt, da er nicht einmal die Finger bewegte!

‚Warum fasst sich das Geschöpf jetzt ans Kinn?’, dachte er indes. Nurrfi, nurrfi, Völker fremder Planeten zu erforschen, war stets sein Hobby gewesen und er konnte heute wohl tatsächlich einiges mehr über diese Spezies Lumantias herausfinden als sonst, da dieses Exemplar sich so natürlich, so ungehemmt gab. Lag wohl auch ein bisschen daran, dass es nicht eingesperrt war! Er musste nur ganz vorsichtig sein! Xorr, so weit er zurückdenken konnte, war er eigentlich noch nie vorsichtig gewesen! Lag ihm irgendwie nicht. Er dachte angestrengt darüber nach, stützte deshalb sein Kinn versuchshalber so in die Hand, wie es eben dieses Wesen tat, und siehe da, das beruhigte! Sein Fuß hingegen wippte!

Aha! Margrit hatte zu ihrer großen Erleichterung wenigstens etwas erfasst, nämlich, dass er nicht so schwer verletzt war, dass er sich nicht bewegen konnte. Allerdings schien er nun über irgendetwas angestrengt nachzudenken. Womöglich genierte er sich, dass er nicht hören und deshalb vielleicht auch nicht ganz so gut sprechen konnte. Sie stieg also wieder auf den Schemel, kam ihm ganz nahe und wies auf ihren Mund.

„Schauen sie ruhig darauf!“, sagte sie. „Und haben Sie keine Hemmungen!”

Er fuhr erschrocken zusammen und sein Fuß hörte auf zu wippen. Denn was war jetzt? Warum rückte dieses Wesen plötzlich, zudem in solch einer aggressiven Weise, einfach vor und zeigte dabei auf seine eigenen Lippen? Da meinte er zu wissen, um was es hier ging! Er sollte natürlich etwas mit diesen Lippen machen! Die Frage dabei war allerdings ... was? In seiner ganzen Hilflosigkeit hob er schließlich die Hand ziemlich langsam, denn man wusste ja nie, was solch eine niedere Natur in Wahrheit im Schilde führte, und berührte mit dem Finger auf die gleiche Weise seinen eigenen Mund.

„Nanu?“ Margrit war ganz verwirrt und beleckte sich daher ihre trocken gewordenen Lippen. „Wollen Sie mir damit etwa andeuten, dass Sie zu sprechen nicht fähig sind? Ach, geben Sie mir doch bitte ein Zeichen! Was fehlt Ihnen?“

Was hatte dieses besonders lebhafte Exemplar gerade von sich gegeben? Er hatte noch immer nichts Richtiges verstanden! Es war völlig klar, dass es Hunger hatte, denn es beleckte sich sogar die Lippen.
Seite 2 von 32       
Für einen kurzen Moment dachte er sogar an Kannibalismus, verwarf diesen Gedanken aber sogleich wieder, weil er das wohl mit den Völkern Kalbasts, eines ebenfalls recht hübschen, jedoch für Hajeps nicht bewohnbaren, Planeten, durcheinander gebracht hatte. Jedoch hatte diese aggressive Vorgehensweise ganz gewiss etwas Besonderes zu bedeuten. Hich! Wenn nun dieses Exemplar eine Art Terrorist war, der vorhatte, ihn zu töten? Erschrocken stellte er fest, dass es Waffen bei sich hatte. Dann blickte er wieder angespannt auf diese Lippen und beleckte sich ebenfalls sehr, sehr vorsichtig die seinigen.

‚Oh Gott!’, dachte Margrit. ‚Jetzt weiß ich´s! Der Bursche hat Durst, denn er beleckt sich die Lippen. Armes Kerlchen.’ Margrit stieg stirnrunzelnd wieder vom Schemel herab. Sie musste ihm schnellstens etwas zu trinken bringen, damit er wieder zu sich kommen konnte. Sie lief einige Schritte von ihm fort, stemmte schließlich die Fäuste in die Hüften und schaute sich nach allen Seiten um. Hier war doch irgendwo ein Brunnen.

Hiich! Ein Glück. Das Geschöpf war vor ihm zurückgewichen. Kontriglus, das hatte bestimmt daran gelegen, dass er trotz dieser kurzen Zeit, die er auf Lumantia war, die Gesten dieser Spezies nicht nur perfekt zu deuten, sondern auch ebenso perfekt wiederzugeben verstand. Da sah er, dass es die Fäuste in die Hüften gestemmt und ihm somit den Blick auf sämtliche Waffen, die es im Gürtel trug, frei gegeben hatte. Zwar waren diese gegenüber jenen, die er selbst besaß, sein Blick huschte dabei gewohnheitsmäßig und nicht ohne Stolz seinen Körper hinunter und stellte fest, dass da gar keine mehr waren! Bei sämtlichen Göttern, man hatte ihn entwaffnet! Fieberhaft tastete er seine Kleidung ab ... hich, er trug ja auch keinen schützenden Tarnan-zug mehr, stattdessen so eine merkwürdige, völlig unmögliche Jacke ... passte gar nicht zu seinem Typ! Bei Ubeka, demnach war er diesem niederen Geschöpf völlig ausgeliefert.

Hich, hich, hich! Kein Wunder, dass es ihm jetzt so stolz seine mickrigen Waffen zeigte. Warum saß er eigentlich auf diesem dämlichen Ding? Wo war sein Helm? Er tastete seinen Kopf ab und stellte fest, dass er stattdessen eine wabbelige Mütze trug und dass, wo er gerade Schirmmützen überhaupt nicht ausstehen konnte! Ermattet fiel er gegen den Baum zurück.
Seite 3 von 32       
Das war sein Todesurteil! Ohne seinen Spezialhelm musste er nämlich an der grässlichen Luft Lumantias ersticken. Er keuchte ob dieser schrecklichen Erkenntnis mit einem Male richtig heftig, hustete und sein Herz jagte. Xorr, das musste gerade ihm passieren, wo er so anfällig war! Zai, die Tablettendose! Er suchte schnaufend und prustend danach. Das könnte vielleicht noch das Schlimmste verhindern. Bei Anthsorr, auch weg! Sein Herz krampfte sich zusammen, abermals kippte er gegen den Baum und blieb so liegen. Er fühlte sich restlos erschlafft, trübsinnig, einfach leer! Xorr, was sollte dieser Kampf! Diese Kreatur dort unten konnte ihn ruhig töten. Ihm war das jetzt egal! Er hatte keine Lust mehr.

‚Ich will tot sein. Ja! Töte mich, du ... du niedere Kreatur!’, dachte er halb ekstatisch. Da fiel ihm plötzlich ein, wo seine Medikamente vermutlich geblieben waren. Bonor Asaton hatte sie ihm gewiss vorhin einfach abgenommen, als er ohnmächtig in diesem parkähnlichen Garten zurück geblieben war. Er stützte wieder sein Kinn in die Hand, war ja wirklich ganz entspannend, damit er besser zurückdenken konnte. Bei Ubeka, der ganze Tag war schon von Anfang an wie verhext gewesen, hatte schon da-mit begonnen, dass ´Kahim`, sein Lieblingssatellit, kaum, dass der die Stadtmitte erreicht hatte, nur noch Fehlmeldungen an die Soldaten weitergab.

Irgendetwas Unbekanntes, doch gewiss sehr Starkes, denn so leicht ließ sich gerade ´Kahim` nicht verwirren, musste ihn von unten aus angepeilt und wichtige Funktionen blockiert haben.

Kurze Zeit später hatte man die Trowes endlich nach langer Jagd durch die halbe Stadt in dieser Hotelhalle entdeckt. Gerade als man sie in den Garten geschleift und gleich an Ort und Stelle gefoltert hatte – sein Gesundheitszustand hatte sich in dieser Zeit buchstäblich von Minute zu Minute erheblich verschlechtert – da schossen plötzlich jiskische Kampfflieger von oben auf ihn und seine Spezialeinheit, die berühmten ´Ajoras´. Fatusa, Bonor der tapferen Ajoras und Metowan, dessen Untergebener hatten die Bodengeschütze antworten lassen und dann war auch gleich Tjufat Hatoro mit seinem gelenkigen Trestin gekommen und hat-te diesen jiskischen Boldonas den Rest gegeben!

Doch die Trowes hatten ihre Chance genutzt und waren auf und davon. Immer mehr Jisken waren dann erstaunlicherweise den Trowes zur Hilfe gekommen, sodass sich die ganze Sache letztendlich sogar zu einem großen Straßenkrieg entwickelte, mit dem sich die meisten Männer aus seiner Eliteeinheit beschäftigen mussten, auch um die Trowes wieder einzufangen, aber da hatte sich sein Gesundheitszustand schon immer weiter verschlechtert.
Seite 4 von 32       


Die ganze Zeit hatten ihn jene schmerzhaften Krämpfe, die ihn immer wieder ganz überraschend überfielen, geplagt und nur wenige Getreue waren schließlich zu seinem Schutz da geblieben. Leibarzt Godur kannte diese Krankheit, die den Namen Kolka trägt, und hatte sich persönlich darum bemüht, Getamin, ein neues Medikament, aus seinem Krankenwagen zu holen, der hier in Nähe geparkt worden war.

Die Krämpfe hatten sich schließlich gelegt, aber er - Agol, der Gottkönig - hatte inzwischen nicht mal mehr seine Arme, ge-schweige denn seine Beine bewegen können. Kolka marterte ihn so heftig, dass sogar Lähmungserscheinungen aufgetreten waren, doch Fatusa, Bonor seiner Leibgarde, hatte plötzlich kein Erbarmen mehr mit seinem Oberhaupt gezeigt, ihm die Waffen und den Helm abgenommen, die Jacke ausgezogen und ihn stattdessen in all diese völlig geschmacklosen Dinge gekleidet, wohl, weil die so eine grelle Farbe hatten und ihn als Zielscheibe für die jiskischen Kampfflugzeuge auf diese verrückte Einfassung drapiert.

Schließlich hatte sogar Tjufat Asaton, von dem er eigentlich immer gedacht hatte, dass dieser ihm ganz besonders zugetan wäre, die Handfeuerwaffe an die Schläfe des großen Agols legen wollen, um ihn wie einen Feind zu erschießen. Die anderen zwei Offiziere waren aber ´Gläubige der alten Art` gewesen, denn es hieß:

Unglück ohne Ende denjenigen, welche beschädigen den Leib des göttlichen Agol oder fließen lassen dessen Blut!

Der treue Metowan hatte sofort auf den hinterhältigen Asaton gefeuert und dessen beide Hände bis hinauf zu den Handgelenken abgeschmort, aber der boshafte Fatusa hatte seinerseits auf Metowan gefeuert und ihn schwer verletzt.

Und er, Agol, hatte nur hilflos von einem zum anderen sehen können, inzwischen bis auf die Augen vollständig gelähmt. Tjufat Ondro, der ebenfalls Gewissensbisse bei diesem Komplott bekam, hatte aber den tückischen Fatusa ebenfalls durch einen Schuss so sehr an der Schulter verletzt, dass dessen Schüsse auf ihn ins Leere gegangen waren. Asaton, der unfähig gewesen war, sich zu wehren, war dann als erster vor den wütenden Schüssen des treuen, jedoch schwer verletzten Tjufat Metowan geflüchtet, gefolgt von dem verstörten Fatusa.
Seite 5 von 32       
Tjufat Ondro hatte dann die Verfolgung der beiden Attentäter aufnehmen können, Tjufat Metowan war ihm noch in großer Treue ein kleines Stück gefolgt und dann doch zusammengebrochen und an seinen schweren Wunden verblutet.

Hm ... was war wohl aus Tjufat Ondro und den beiden Attentätern geworden? Agol stellte die Trauks, die er zu beiden Seiten in seinen Gehörgängen trug, so ein, dass er über seine Kieferkno-chen, indem er in einem bestimmten Rhythmus die Zähne gegen-einander rieb, Morsezeichen an Saparun, seinem Oberkommandierenden geben konnte. Sofort war Kontakt hergestellt und geklärt, dass eine Einheit kommen und ihn abholen würde. Er seufzte erleichtert, als ihm Rekomp Saparun schilderte, wie alles ausgegangen war.

Anfangs war Margrit sehr zufrieden gewesen, da endlich Bewegung in dieses Kerlchen gekommen war. Schon hatte sie es nicht mehr für nötig gehalten, ihm Wasser bringen zu müssen und sogar erwartet, er käme von ganz alleine hinabgeklettert. Stattdessen hatte er aber plötzlich nur an seinen seltsamen Ohrkapseln herumgefummelt, hatten wohl einen kleinen Defekt gehabt. Und jetzt schien er diese wohl gerade auszuprobieren, denn er horchte angespannt für ein Weilchen in die Stille hinein. Wie konnte man nur dermaßen konzentriert lauschen und was sollte dabei dieses Gezitter mit dem Kinn? Sehr komisch das Ganze. Plötzlich hörte sie, wie es wieder im Osten zu lärmen begann.

‚Nanu?’, dachte sie. ‚Ich denke, die wollen endlich nach Hause!’ Das melodische Summen von Lais wurde sogar immer lauter. ‚Verdammt, das hörte sich ja so an, als wollte der Feind wieder zur Stadtmitte!’ Sogar das dumpfe Summen eines größeren Gefährts war jetzt herauszuhören. Margrit hatte plötzlich das Gefühl, als würde ihr Herz in einer Schraubzwinge stecken. Schrecklich, man durchstreifte also abermals die Stadt, aber weshalb? Und wenn der Feind dabei einige Straßen dieses Villenviertels durchquerte, kam er womöglich hier auch vorbei und was machte sie dann?

‚Ke’, dachte er indes, ‚jetzt wird es aber aschfahl, dieses Gesicht. Auffallend dabei auch diese großen, weit aufgerissenen Augen, dabei kann man schön viel Weißes sehen. Aber das kenne ich ja, kann jeder Mensch, eigentlich jeder, der mir bisher begegnet ist. Doch dieses Geschöpf macht das nicht wegen mir.
Seite 6 von 32       
Nein, das ist ja das Erstaunliche! Es horcht nur aufmerksam und denkt sich was dabei, diesmal ganz ohne Kinnfesthalten!’ Gespannt schaute er weiter dabei zu und wartete. ‚Es hört seinen Feind. Ob wohl bald die Hände zittern werden, dann der Körper und zum Schluss die Knie? Das war immer recht nett anzusehen.’

Oh ja, er wusste, es konnte nicht mehr allzu lange dauern und dieses eigentlich recht ungewöhnliche Exemplar, denn es hatte ihm nichts mit seinen mickrigen Waffen angetan, wussten die Götter warum, würde ihn hier alleine zurücklassen. Schließlich hatten ihm die Alemos, seine Beobachter, im Laufe der langen und daher auch recht langweiligen Anreisezeit bereits genügend Informationen über diese Spezies zukommen lassen. Das Ge-schöpf würde ihn also zurück lassen, ganz gleich, ob er nun verletzt oder krank sein mochte. Er wartete gespannt darauf.

‚Ob der Feind hier wirklich hindurch kommen wird?’, dachte Margrit bibbernd. Aber hier waren die Hajeps ja im Grunde schon gewesen. Sie warf abermals einen hektischen Blick auf das seltsame Kerlchen. Wie der da so lehnte, immer noch an seinem Stamm, da strahlte er direkt eine gewisse Gemütlichkeit aus. Sollte sie ihn nun, nur weil er wohl noch immer nichts hören konnte oder aus irgendeinem anderen Grunde hilf¬los war, ein-fach den Hajeps überlassen? Sie kletterte wieder auf den Sche-mel. „He, wir müssen uns beeilen!“

Zwar hatte er wieder kaum etwas verstanden, die Trauks mussten wohl in dieser Hinsicht eine Störung haben, aber die Art, wie das Geschöpf nun mit ihm umging, sagte ihm genug. Die Hand, die seine Schulter drückte, versuchte ihn sanft von der Einfassung hinunterzubekommen, gleichzeitig aber schob sich ein schmaler Körper biegsam gegen ihn, damit er nicht fiel. Er keuchte, denn er war völlig verblüfft. Bei Ubeka, Anthsorr und alle übrigen Götter, dieses Exemplar handelte ja ganz gegen die Norm!

„Los, kommen Sie!“, ächzte Margrit.

War wohl wirklich ein ganz besonderes Exemplar, kontriglusia. Also, das musste er erst einmal verarbeiten! Xorrr! Tinninn-ninnin! Jetzt schob es aber ein bisschen zu heftig! Er hielt sich unauffällig mit beiden Händen am Baumstamm fest.

„Begreifen Sie doch!“, keuchte Margrit angestrengt. „Sie müssen da endlich hinunter!“ Es war zu merkwürdig, dass sie ihn keinen Millimeter von der Mülltonneneinfassung bekam.
Seite 7 von 32       
„Ganz gleich, ob Sie mich nun verstehen können oder nicht!“, schnaufte sie weiter, während sie sich noch intensiver gegen ihn drückte. Vielleicht war er zu schwer? „Ich habe nämlich ein weiteres Sausen und Brummen gehört. Hajeps turnen hier haufenweise herum!“

Das Einzige, was er jetzt begriffen hatte, war das Wort Hajeps. Er hatte diese etwas komplizierte Sprache zwar über den Zynapek bereits nach einigen Tagen gelernt, die nannte sich Deutsch und wurde hierzulande gebraucht, aber das Ganze hörte sich doch etwas anders an, wenn so schnell und daher auch undeutlich gesprochen wurde.

„Machen Sie doch endlich etwas mit!“, fauchte sie.

Er sollte was machen, hatte er nun verstanden. Konnte er denn fragen, was? Seltsam, er war noch immer nicht fähig, auch nur einen vernünftigen Laut über die Lippen zu bringen. Vielleicht, weil ihm diese Situation zu abstrakt erschien?

„He, mitmachen, habe ich gesagt!“, brüllte sie.

Nun wurde er direkt ein bisschen ärgerlich, denn das Wesen packte ihn mit einem Male unaufgefordert und ziemlich grob bei den Schultern und schüttelte ihn dabei so kräftig, dass er meinte, seine Mütze müsste ihm vom Kopf fliegen. Aber er entschuldigte dies bei sich, da es nicht wirklich wusste, wer er war, und in dieser eigenartigen Sorge um ihn zu sein schien.

„Los, los, Mann!“, zischelte sie völlig entnervt. „Ich kann Sie nicht tragen! Wir haben keine Zeit mehr herumzudrimmeln!“

Was sagte das Wesen da? Ein merkwürdiges Wort! Er hielt seine Mütze mit beiden Händen fest. Dann stutzte er. Ein entgeistertes Ächzen entglitt plötzlich seinen Lippen. Es war wirklich erstaunlich, welche Kraft dieses kleine, weibliche Exemplar – es war wohl ein weibliches, denn er hatte kurz in dessen Ausschnitt geblickt – mit einem Male in der Verzweiflung entwickelte, denn er fühlte, wie ihm die Frau unter die Achseln griff, sich gegen ihn lehnte und versuchte ihn hochzustemmen.

„Sie müssen sich verstecken“, keuchte sie, dicht an seine Brust gepresst, verzweifelt.

Für einige Sekunden nahm er erstaunt wahr, was er da fühlte, blickte verwirrt auf ihr weiches Haar, dessen eine Strähne sich aus dem Gummi gelöst hatte, der es zusammen hielt, und ihn dabei am Kinn kitzelte, dann jedoch begannen ihre beiden Kör-per plötzlich zu schwanken. Er bemerkte überrascht, dass er keinen Baumstamm mehr im Rücken fühlte.
Seite 8 von 32       
Mit beiden Händen behielt er die Mütze weiterhin auf dem Kopf. Schade, die Frau konnte ihn offenbar trotz unglaublicher Kraftanstrengung nicht mehr halten! Dabei war das so interessant gewesen! Xorr, sie war ja auch ein wenig unterernährt! Bei Ubeka! Jetzt verlor er das Gleichgewicht, kippte vollends nach hinten und stürzte, die Mütze weiterhin auf den Kopf gepresst, die Frau mit beiden Armen um ihn, auf den Boden. Er spürte den harten, schmerzhaften Aufprall, über den er sich jetzt ein bisschen ärgerte, aber er fühlte auch ihren Körper auf sich ruhen und blieb ermattet liegen. Schließlich hob er den Kopf. Letztendlich war er es gewohnt, dass man sich für solch ein unerhörtes Vergehen wenigstens bei ihm entschuldigte und zwar demütigst! Aber diese Frau tat nichts dergleichen.

Er funkelte sie hinter seiner Sonnenbrille drohend an, während seine Hände sie energisch bei der Taille packten. Abrupt hielt er inne. Seine Finger strichen interessiert ihre Hüften entlang. Schade, dass er Handschuhe darüber trug und sie so gefühllos waren, denn diese Hüften erschienen ihm viel runder als die der Frauen seines Volkes, was bedeutete, dass jene Spezies wohl die Brut für eine Weile im Leibe tragen konnte, was eigentlich recht praktisch war. Bei Ubeka und Anthsorr, auch darüber hatte er schon so einiges gehört. Er sah in ihre Augen, hob dabei sogar diese geschmacklose Sonnenbrille etwas an, damit er besser sehen konnte und genoss die Sorge um ihn in ihrem Blick, ließ den Kopf wieder nach hinten sinken und zeigte keine Anstalten aufzustehen.

„Mein Gott, habe ich Ihnen jetzt sehr weh getan?“, wisperte sie erschrocken, nachdem sie für einige Sekunden verblüfft und stumm auf seinem Körper gelegen hatte.

Er nickte, denn er fand inzwischen, dass Nicken irgendwie gut war. Jedenfalls besser als Kopfschütteln, weil da nämlich die Mütze eher hinunterfallen konnte.

„Sie sind verletzt, nicht wahr?“, keuchte sie erschrocken.

Er nickte.

„Oh Gott, oh Gott!“, ächzte sie. „Und was mache ich nun mit Ihnen?” Nach kurzem Ringen mit sich selbst, begann sie vorsichtig seine Rippen abzutasten. „Tut es hier weh?“, fragte sie mitleidig.

Er nickte.

„Sehr doll?“

Er nickte. Köstlich, diese ernsthafte Sorge um ihn! Hich ... jetzt betastete sie mit ihren wunderbar warmen Händen Rippe um Rippe ... oh .
Seite 9 von 32       
.. ohoooo. Er musste auf seine drei Nasenlöcher Acht geben, aufpassen, dass sie nicht schnurrten! Nanu? Sie hörte ja plötzlich damit auf!

Angsterfüllt blickte sie über die Schulter zurück und stammelte: „Himmel, jetzt sind sie schon ganz nahe, verdammt, aber warum? He, die Hajeps! Haben Sie gehört? Die kommen! Und dann blickte sie wieder auf ihn hinab und wisperte: „Du musst von hier weg! Na los, los! Nur eine Rippe angeknackst, ach, nur geprellt! Also hoch!”

Nur eine Rippe? Da hatte er ja viel zu wenig genickt! Konnte er protestieren? Aber, was würde sie dazu sagen, wenn sie seine fremdartige, kehlige Stimme vernahm?

Margrit kletterte von seinem Bauch. „Oder können Sie nicht laufen?“, erkundigte sie sich erschrocken. „Die Beine habe ich ja noch nicht untersucht!“

‚Ach, die Beine, ja, das kann sie noch machen!’, dachte er begeistert. ‚Eigentlich ein guter Gedanke!’ Sollte er deshalb gleich zwei Mal für jedes Bein nicken oder genügte wieder nur ein Mal? Dabei fiel ihm ein, dass das Nicken in solch einer Position ihm sonst eigentlich immer ziemlich schwer gefallen war, wegen seiner schwachen Nackenmuskeln und natürlich wegen des schweren Helmes. Aber er trug ja diesmal keinen, obwohl er draußen war! Sein Herz stockte plötzlich bei diesem Gedanken.

Bei sämtlichen Göttern des Alls, er hatte ja bei dem ganzen Durcheinander völlig vergessen, dass er an dieser Luft grausam ersticken konnte! Aber im Gegenteil, diese Luft bekam ihm! Und das, wo gerade er immer auf alles Mögliche überempfindlich reagierte! Was wohl bedeutete, dass sich jeder aus seinem Volke hier ohne Helm frei bewegen konnte.

Diese bahnbre¬chende Erkenntnis ergriff ihn dermaßen, dass er darüber vergaß, sich weiterhin schwer zu machen, als ihn zwei kleine Hände entschlossen an den Armen hochzogen. Ja, er hatte sogar versehentlich mitgeholfen.

Kaum dass er auf den Füßen war, stieß ihm die Frau auch schon diese ausgesprochen weichen und warmen Hände mit solcher Macht gegen die Brust, dass es ihm fast den Atem nahm. Die Arme hoch erhoben, wandte er sich unschlüssig taumelnd dorthin, wo sie ihn haben wollte.

Nachdem sich Margrit vergeblich bemüht hatte, ihn in die untere Etage des Hotels zu bewegen – er hatte immer mit einem Kopfschütteln geantwortet und dabei seine Mütze festgehalten – sah sie sich draußen suchend um. Wo konnten sie sich nur in der Eile vor den Blicken der Hajeps verbergen?

Das Grundstück zu verlassen, noch einmal den Bürgersteig zu betreten, getraute sie sich nicht.
Seite 10 von 32       
Es raschelte und knackte be-denklich, als sie den ´Teddy` endlich zwischen Zweigen und Geäst eines dichten Gebüsches hatte.

„Nun, tun Sie doch auch einmal etwas“, wisperte sie erschrocken, als sie sah, dass er, so riesig wie er war, kaum dort hineinpasste. „Du meine Güte, Sie sind aber auch groß. Krümmen Sie sich doch zusammen, Mann. Sind ja wie ein Brett!“

Er duckte sich, um ihr zu gefallen, doch sie schüttelte missbilligend den Kopf.

„Nein, da passen Sie wirklich nicht hinein“, jammerte sie, „beim besten Willen nicht.“ Sie zerrte ihn also von dort wieder hervor. Ihre Blicke jagten verzweifelt durch den riesigen Park, denn jetzt hörte sie nicht nur die stoppenden Lais an der Kreuzung kurz vor dieser Straße, sondern auch aufgeregte Stimmen, die einander etwas zuriefen. Da bemerkte sie, dass eine Veränderung in dem ´Teddy` vor sich ging, dass schlagartig Bewegung in ihn kam.

Wie elektrisiert spähte auch er nach allen Seiten, nahm Margrit plötzlich entschlossen bei der Hand und lief mit ihr um das Hotel herum nach hinten in den Park. Sie hatte Mühe mit ihm Schritt zu halten, einerseits, weil sie ganz verwirrt darüber war, andererseits weil er viel längere Beine hatte als sie und dadurch entsprechend schneller war. Außerdem merkte sie an seinen geschmeidigen Bewegungen, dass er offenbar an solche Umstände gewohnt und ausgesprochen sportlich, ja irgendwie katzenhaft zu sein schien.

„There?“, fragte er leise.



Kapitel 10



Er hatte sich wieder einmal für Englisch entschieden. Da fiel es vielleicht nicht so auf, dass er eine eigenartige Stimme hatte, die heiser war und dass er durch die Nase sprach. Außerdem war ihm gesagt worden, dass fast jeder auf diesem Planeten einige Vokabeln davon konnte.

‚Also kann er zumindest sprechen, wenn auch nur leise!’, dachte Margrit. ‚Wird allerdings schwierig werden mit der Verständigung, da ich nicht besonders gut im Englischen bin, aber das kriegen wir schon hin.’

Er wies nun auf eine dichte Hecke seitwärts vom Hotel hinter einer der drei Blautannen, die an dem Zaun des angrenzenden Grundstückes wuchsen, das zu einer großen Villa gehörte, die einstmals eine Botschaft gewesen war.
Seite 11 von 32       


„Is that right?“, hörte sie ihn ein winziges bisschen lauter.

Margrits Blick folgte seinem behandschuhten Finger. Er hatte eine ziemlich eigenartige, heisere Stimme. War er erkältet? Aber die Hecke dort mochte vielleicht wirklich hoch genug für ihn sein, daher nickte sie. Plötzlich meinte sie, das Motorgebrumm der Lais genau in dieser Straße zu vernehmen.

Beide sahen sich schweigend an und da griff er um ihre Taille und riss sie mit sich. Es knackte und raschelte entsetzlich, doch sie hatten beide nebeneinander hinter der Hecke Platz. Zweige und Blätter verbargen sie gut.

Die Hajeps hatten jetzt ihre Lais vor der Villa hinter der Steinmauer geparkt und plauderten aufgeregt miteinander.

Oh Gott, der ´Teddy` schien gar keine Angst zu haben, fummelte sinnloserweise schon wieder an seinen Ohrkapseln herum und nicht nur das, zusätzlich schien er wieder Schwierigkeiten mit seinem Kiefer zu haben, denn Margrit sah, dass er den Mund öffnete und schloss und die Lippen bewegte. Diese Ohrkapseln schienen ihn aber mächtig zu nerven! Oder es war nur sein Tick, immer wenn's brenzlig wurde? Nun fühlte sie seine Hände auf ihren Hüften. Er hielt sich wohl an ihr fest. Na klar, war ja noch so jung, hatte grässliche Angst und suchte eben Halt. Gerade sie konnte das nachvollziehen. Sie schob ein paar Zweige zur Seite. Von hier aus konnte man gut bis zum Tor blicken. Man sah sogar die Mülltonneneinfassung, vermochte also jederzeit zu erfassen, wer dort vorbei oder hereinkam.

Die dunklen Stimmen und schnellen Schritte wurden nun noch lauter. Besorgt sah sie sich nach hinten um, blickte hoch zu dem Nervenbündel und – das Herz blieb ihr fast stehen – der Bursche machte ja einen langen Hals! Sein Kopf lugte leichtsinnig oben aus dem Gebüsch, während er ebenfalls zum Eingang spähte.

„Aber ... aber, was machen Sie denn da schon wieder?“, zischelte sie fassungslos, während sie mit aller Macht an den Ärmeln seiner Jacke zog. „Ducken Sie sich, Mensch! Go down!“

Er tat schnellstens wie ihm geheißen, hielt seine Mütze mit einer Hand fest, sackte ein wenig in die Knie, kauerte sich leise seufzend zu ihr hinunter, krümmte sich zusammen.

Keinen Augenblick zu früh! Schon kamen die Hajeps zum Tor herein. Margrit schnaufte erschrocken. Die sechs riesigen Kerle in den für die Hajeps typischen bunt gemusterten Unifor-men trugen wieder ihre nach oben spitz zulaufenden Helme aus trübem Metall und einem lilafarbenen, glasähnlichem Material.
Seite 12 von 32       
Ihre Masken blinkten kurz auf in der mittäglichen Sonne, während sie die Köpfe drehten. Margrit verstand die Welt nicht mehr! Warum hatten sie dieses Grundstück so zielstrebig betreten? Weshalb waren sie nicht einfach daran vorbeigelaufen?

Der vorderste der Hajeps hatte merkwürdigerweise nicht nur einmal mit den Fingern geschnippt, sondern gleich mehrmals und es war ihm trotzdem kein vernünftiges Geräusch geglückt. Er schien deshalb völlig genervt zu sein, winkte schließlich nach hinten und zwei Soldaten lösten sich daraufhin aus der Meute und folgten ihm.

Er benahm sich ausgesprochen forsch. Ohne viel zu zögern lief er voraus, die Einfahrt entlang, während die übrigen vier Soldaten sich im Vordergarten in alle Richtungen verteilten. Die beiden hinter ihm konnten ihm kaum folgen, so schnell marschierte er an der steinernen Mülltonneneinfassung vorbei und dann geradeaus weiter.

Er wendete den Kopf mal in die Richtung des halbzerstörten Schuppens, neben welchem die Liegestühle standen, und mal in jene, wo der kleine, allerdings nicht mehr funktionierende Springbrunnen zu sehen war. Währenddessen heulten wieder Motoren diverser Lais in den Nebenstraßen auf und kamen näher.

Margrit schluckte. Oh Mann, das war ja der reinste Albtraum! Wollten die etwa auch hierher? Konnte doch gar nicht sein ... oder? Wäre doch zu verrückt!

Der ´Chef` des Trupps, oder was er auch immer war, nahm nun im Vorübergehen das alte Hotel nebst großer Veranda etwas gründlicher in Augenschein.

Margrits Herz pochte schneller. Mist, verdammter Mist! Was suchte der denn? Nun blieb er kurz stehen und schaute hinauf in die höheren Etagen. Er stieg über einen der umgestürzten Gartenstühle, trat etwas näher heran an die große Terrasse. Es knirschte und weitere Scherben zerbrachen unter seinen Stiefeln, als er durch die zerstörten Glasscheiben der Terrassentüren spähte.

Margrit hörte, dass inzwischen die nächsten Lais hinter der Steinmauer beim Nachbargrundstück geparkt wurden. Sie vernahm auch Stimmen, nicht minder aufgeregt als die vorherigen! ‚Oh Gott, nein, nicht auch noch hier rein, bitte, bitte!’, jammerte sie im Stillen.

Doch das Leben kann hart sein! Es quietschte unangenehm, das Tor wurde wieder geöffnet und weitere Jimaros kamen nacheinander, aufgeregt miteinander plaudernd in den riesigen Garten.
Seite 13 von 32       


Kleine Schweißperlen traten auf Margrits Stirn. Verdammt, hier war doch irgendetwas Besonderes im Gange! Was bloß? Verdammt noch mal! Und sie, Margrit, war völlig unschuldig, hatte mit der ganzen Sache überhaupt nichts zu tun und steckte trotzdem wieder mittendrin!

Auch diese Hajeps schienen den Garten zu durchsuchen!

Donnerwetter, nach wem suchten sie denn? Würde man dabei vielleicht auch ihr beider Versteck entdecken? Wie dicht war eigentlich das Blattwerk, das sie beide umgab? Und weiter dachte sie: ‚Hoffentlich findet dieser Offizier, oder was auch immer sein Rang ist, irgendetwas Interessantes zum Plündern im Erdgeschoss, vielleicht ein paar Säcke mit Kram und er zieht mit seinen Männern gleich wieder ab. Ja, das wäre gut! Vielleicht hat er auch etwas vergessen und holt es sich jetzt nur? Könnte doch sein!’ Sie nagte an der Unterlippe.

Und wieder war ein Summen in der Ferne zu vernehmen. Es kam näher. Oh Gott ... etwa noch mehr?

Der Befehlshaber bückte sich nun und spähte in die hinteren Räume der unteren Etage. Da die Flurtür drinnen offen war, konnte er auch in die übrigen Räume blicken, doch das war wohl nichts, denn plötzlich wandte er sich ab. Es knirschte erneut, als er weiter über die riesige Terrasse lief und sich an den umgestürzten Tischen vorbei schob.

Währenddessen waren die übrigen Hajeps wohl mit den Garagen beschäftigt, denn man hörte von dort ihre gedämpften Stimmen.

Der Befehlshaber sprang nun von der anderen Seite der Terrasse hinunter mitten ins Blumenbeet und lief quer durch die völlig überwucherte Rasenfläche in Margrits Richtung. Margrits Herz jagte umso schneller, je näher er kam. ‚Nein, nicht!’, schrie alles in ihrem Inneren und ihr Magen zog sich zusammen, als er tatsächlich jenen Weg einschlug, der direkt an Margrits Versteck vorbeiführte. Konnte man sie denn sehen? Konnte man ihren Schützling sehen?

Margrit stellte dabei auch fest, dass die beiden Soldaten ihren Chef endlich eingeholt hatten und dicht hinter ihm waren. Sie flüsterten, schienen ihn etwas zu fragen und der hinterste von ihnen schaute sich dabei anscheinend ängstlich um, blickte kurz zurück über die Schulter, ließ den Blick schweifen über den Garten, wo das Tor erneut geöffnet wurde und noch mehr Soldaten hereinmarschierten.
Seite 14 von 32       
Der Offizier sah sich ebenfalls um, stoppte und die zwei bremsten hinter ihm.

Margrit hatte Mühe, einen Seufzer der Erleichterung zu unterdrücken, denn vielleicht machte er kehrt!

Nein, zu früh gefreut. Er schüttelte nur den Kopf, als ob nichts weiter Schlimmes zu erwarten wäre. Und dann betrat er den schmalen Seitenweg und lief nun so dicht an der Hecke vorbei, dass er nur die Hand auszustrecken brauchte, um Margrit zu berühren.

Sollte sie jetzt ihre Waffen ziehen? Ihre Hände umschlossen je einen Kolben ihrer Pistolen. Sie riss die Augen weit auf, den sicheren Tod erwartend, doch alle drei stürmten nur vorbei, ohne einen Blick an die Hecke zu verschwenden!

‚Puh, noch mal gut gegangen!’ Margrit versuchte ihre Lungen dazu zu zwingen, lautlos zu keuchen, doch ihr Brustkorb hob und senkte sich heftig, so sehr rang sie nach Atem. Ihre Kehle war trocken und ausgedörrt, doch sie war trotzdem um keinen Zentimeter zur Seite gewichen, hatte ihre schützende Position für diesen blutjungen Burschen nicht aufgegeben.

Seine Jacke war weit geöffnet. So fühlte sie jeden Muskel seines Körpers dicht an ihrem Rücken. Sie schaute auf seine Arme. Sie umschlossen sie wie ein schützendes Zelt. Er war so groß, so stark! Es mochte absurd erscheinen, aber mit einem Male fühlte sie sich irgendwie beschützt! Zornig über dieses sonderbare Gefühl zupfte sie schließlich leise schnaufend seine Finger von sich wie lästige Blätter und er ließ es zu. Sie schob seine Jacke von ihren Schultern, gebrauchte sogar die Ellenbogen und er wich zurück.

Doch dann war sie wieder voller Bangigkeit, dass man draußen diese unkontrollierte Bewegung bemerkt haben könnte und daher schaute sie wieder angespannt durch das glänzende Blattwerk hindurch.

Noch mehr Hajeps kamen gerade zum Tor herein! Das ging ja hier zu wie in einem Taubenschlag! Erschrocken machte sie einen Schritt zurück und trat ihrem Schützling dabei auf den Fuß.

Der zuckte zu ihrer Überraschung derart schmerzerfüllt zusammen und keuchte so unangemessen heftig, dass man meinen könnte, sie habe ihm nicht auf den Zeh getreten, sondern ihm diesen abgesäbelt. Unglaublich! Der muskelbepackte Riese hatte offensichtlich hochempfindliche Füßchen! Wie passte denn das zusammen? Schuldgefühle plagten sie dennoch, aber sie wagte nicht, sich nach ihm umzudrehen, geschweige denn mit ihm zu reden, darum griff sie, um Entschuldigung bittend, irgendwie nach hinten und fuhr ihm dabei versehentlich direkt zwischen die Beine!

Verdammt! Was machte sie denn heute nur? Sie zog die Hand blitzartig zurück.
Seite 15 von 32       
Dabei hatte sie eigentlich gar nichts weiter gefühlt als nur ein Tuch! War wohl nicht weiter schlimm gewesen, oder? Er schaute auf sie hinab, musterte wieder einmal ihr Gesicht und schien sich diesmal zu amüsieren! Ach, sollte er sich ruhig scheckig freuen über ihr wechselndes Mienenspiel, sie machte sich gar nichts daraus!

Hach, wenn er sich nur halb so sehr für den Feind interessieren würde wie für ihr Gesicht, dann wären sie womöglich schon gerettet, aber dieser Kerl tat ja ansonsten nichts!

Margrit drückte abermals Zweige nieder, blickte wieder zur anderen Seite über den Garten und bemerkte nun, dass jenes Oberhaupt, welches vorhin seine zwei Leute zu sich befohlen hatte, inzwischen schon längst mit irgendetwas, was zu dessen Füßen am Boden lag, beschäftigt war. Einer der beiden Soldaten half ihm dabei, schien ein Seil um - Margrit kippte ihre Brille ein wenig an und sah nun dadurch besser - einen zusammengerollten Teppich zu wickeln! Na ja, vielleicht kannten sie keine Teppiche und wollten welche haben und hatten den deswegen aus dem Haus geholt! Sie waren am räubern, wie schön!

Die Tür zu der Seite des Hotels stand noch offen und gerade kam der andere der zwei Soldaten mit mehreren dicken Kissen in den Armen heraus. Ein Glück, man wollte auch noch ein paar Kissen mitnehmen. Na, dann waren sie beschäftigt!

Der Soldat hatte ebenfalls ein Seil bei sich, das konnte Margrit erkennen, denn es hing zum Teil in seinen Armen und das Ende schliff hinter ihm her die Stufen herauf.

Wieder im Garten angekommen, gab der Jimaro seinem Kameraden ein Kissen ab und dann begannen beide, mit dem Seil die Kissen an dem Teppich zu befestigen. Nanu, das ergab aber jetzt keinen Sinn, oder?

Der Offizier holte indes ein kleines Medaillon aus dem Kragen seiner Uniform hervor und drückte mit zwei Fingern mehrmals drauf. Vermutlich schaltete er es damit ein. Aus einer win-zigen Düse des Medaillons kroch nun ein grauer Nebel. Dieser wanderte Richtung Teppich. Die zwei Jimaros und der Offizier schauten sich dabei unsicher nach allen Seiten um als täten sie irgendetwas Verbotenes. Immer wieder blickten sie prüfend zum Himmel, als wäre von dort etwas Gefährliches zu erwarten.
Seite 16 von 32       
Verrückt - Margrit konnte sich aus alledem keinen Reim machen? Und der Bursche hinter ihr blieb wie immer ganz ruhig. Dessen Nerven müsste man haben!

Inzwischen kündigte ein lautes Brummen in den Straßen die Ankunft weiterer Soldaten an. Margrit ließ den Zweig vorsichtig los und schaute mit zuckenden Wimpern zum wiederholten Mal zur anderen Seite des Hotels. Du meine Güte, hatte sich da in-zwischen eine Menge an Außerirdischen versammelt! Grässlich, grässlich, grässlich! Man konnte meinen, diese dreißig bis vierzig Jimaros dort im Garten vermissten jemanden aus ihrer Meute! Oder war ihnen etwa ein Gefangener entflohen oder suchten sie im meterhohen Gras nach irgendwelcher kostbarer Beute, die sie hier vermuteten?

Automatisch dachte Margrit dabei an Danox, hoffte inständig, dass er längst woanders hingekrabbelt war.

Plötzlich lief alles Richtung Gartentor. Margrit hörte an dem Tumult, dass sich wohl inzwischen auch auf dem Bürgersteig etliche Hajeps versammelt hatten. Jimaros, die aus dem Garten hinaus durch den Eingang wollten, wurden durch andere, die gleichzeitig unbedingt hinein wollten, gebremst, blieben perplex stehen und tauschten aufgeregt Nachrichten miteinander aus.

Schließlich setzten sich einige mit ihren Kameraden in Verbindung, die vermutlich noch überall in den Straßen verstreut waren, denn dort wurde es immer lauter.

Weitere stromlinienförmige Lais hielten mitten unter denen an, die über dem Bürgersteig warteten, gut einen Meter über dem Boden schwebend. Man rief sich gegenseitig irgendetwas zu.

Ein feines Surren kam jetzt vom Himmel. Margrit und der Typ hinter ihr blickten automatisch hoch und sahen trotz des dichten Blattwerks, dass nun ein ´Frugal`, ein winziges Erkundungsflugzeug seine Kreise erst über diesem Grundstück und dann dem alten Hotel zog. Es flog schließlich tiefer, flatterte dabei mit seinen hautähnlichen Flügelchen und diverse Miniaturkameras schoben sich aus seinem kleinen Körper hervor.

Genau das hatten wohl die drei Hajeps hinter dem Haus befürchtet, fotografiert zu werden! Doch sie waren schon mit ihrem eigenartigen Vorhaben fertig, denn nichts wies mehr darauf hin, dass hier einst ein schöner, mit Kissen verschnürter Teppich gelegen hatte.

Stattdessen sah Margrit an gleicher Stelle einen Hajep leblos am Boden liegen. Ungläubig kippte Margrit ihre Brille ein wenig an, um besser zu sehen.
Seite 17 von 32       
Doch es stimmte, da lag plötzlich wirklich jemand. Er trug ein edles, weißes Hemd, graue Pumphosen und ein kostbar verzierter Helm verbarg sein Gesicht. He, woher hatten die drei denn so rasch diesen Mann bekommen und wie konnte der Teppich derart fix verschwinden?

Das Frugal kreiste wie ein zu groß geratener Brummer summend um die Köpfe der drei Hajeps herum, flatterte über den leblosen Soldaten hinweg, nahm Bilder auf, sauste kurz durchs Geäst eines Ahorns, segelte an den drei Blautannen vorbei und erhob sich schließlich wieder in die Lüfte.

Ob es wohl auch gleich Fotos von jener Hecke hinter den Blautannen gemacht hatte, in welcher sich Margrit und der eigentlich recht nette Kerl versteckt hielten? Dann waren sie bestimmt verloren!

Kaum war das insektenartige Erkundungsflugzeug wieder verschwunden, stoppte auf der Straße ein großes, lang gestrecktes Fortbewegungsmittel direkt vor der Einfahrt des Hotels. Es schwebte für einige Sekunden etwa drei Meter über dem Boden, fuhr sodann ein rüsselartiges Gebilde am Bug aus, mit welchem es wohl die Erdbeschaffenheit prüfte, und danach klappte es ein paar stählerne Beine aus, mit denen es sich elegant auf dem Asphalt der kleinen Straße niederließ. Das besonders merkwürdige an diesem Ding war, dass es weder Sichtfenster noch eine Tür zu haben schien.

Doch wenig später schob sich zu Margrits Überraschung horizontal eine eiförmige Tür seitwärts auf, die Margrit vorher nicht gesehen hatte. Die Menge hatte bereits Platz gemacht und drei ranghöhere Jimaros entstiegen dem merkwürdigen Gefährt. Zwei von ihnen flitzten nun um dieses Ding herum, während sich der eine mit der gaffenden Meute zu unterhalten begann. Die anderen zwei strichen kurz mit den Händen über das Heck, woraufhin sich dort die Konturen einer kreisrunden Klappe zeigten, die sich sofort öffnete.

Vier seltsame, in sich zusammengesunkene, recht klobig ausschauende Gestalten in Motorradkleidung stiegen nacheinander aus, welche von den Jimaros sofort Richtung Tor getrieben wurden. Wütende Zurufe erschollen von allen Seiten. Der aufgebrachte Pulk Soldaten hob sogar die Fäuste Richtung dieser vier, und jetzt erkannte Margrit, wer die ziemlich elend ausschauenden Gestalten waren – es waren noch vier jener Trowes, welche sie heute Vormittag noch gesund und munter vor der Stadtmauer hatte herumturnen sehen! Mist, verdammter Mist! Waren die anderen drei bereits getötet worden oder hatte man diese noch nicht gefangen nehmen können? Margrit hoffte es sehr.
Seite 18 von 32       
Aber was würde nun mit diesen vier passieren?

Margrits Herz zitterte in der Brust bei ihrem Anblick voller Mitgefühl und Angst. Sie machte einen langen Hals, um an den vielen Hajeps, die jetzt überall herumschwirrten wie Mücken ums Licht, vorbeizuspähen. Ja, die Trowes schienen gefesselt, in Ketten gelegt, und bereits schwer verletzt zu sein, denn sie bluteten aus vielen Wunden. Neben den eleganten, großgewachsenen Hajeps sahen die schmutzigen Trowes mit ihren groben Gliedmaßen, der fliehenden Stirn und den Hängelippen irgendwie grotesk aus.

Die Trowes keuchten jedenfalls allesamt, schienen einiges mitgemacht zu haben. Ein paar von ihnen konnten kaum stehen, geschweige denn laufen. Dennoch zwang man sie vorwärts. Irgendjemand von ihnen hatte wohl gerade etwas Ähnliches wie einen Elektroschock erhalten, denn er stieß einen entsetzlichen Schmerzensschrei aus, stolperte fast durch die gusseiserne Pforte hindurch und tapste dann schwankend den Gartenweg entlang. Die kleine Gruppe folgte ihm apathisch, die dunkelgrünen, krausgelockten Köpfe tief gesenkt.

Der Puls jagte in Margrits Ohren, als sie inmitten dieser gequälten Geschöpfe leider den fünften jener tapferen Trowes, das Kind, entdeckte. Er war so klein, dass er zwischen all diesen wuchtigen Leibern fast verschwand. Ein bitterer Geschmack trat plötzlich auf ihre Zunge, denn sie erkannte, als die Trowes näher kamen, dass auch das Kind anscheinend schwer misshandelt worden war. Seltsamerweise weinte der kleine Trowe nicht. Margrit schluckte. Er blickte nur starr vor sich hin, verlor oft fast das Gleichgewicht, stieß sich überall, hatte wohl keine Tränen mehr.

Die Hajeps machten weiterhin Platz, gingen im engen Garten zur Seite. Je mehr die Trowes vorrückten, umso deutlicher er-kannte Margrit: Der Kleine war blind! Man hatte ihn geblendet! Wohl um auf diese Weise die erwachsenen Trowes zu Geständnissen zu zwingen. Danox war gewiss hierfür der Grund gewesen. Verdammt, hätte sie das gewusst, hätte sie Danox den Trowes zurückgegeben!

Ihr Mund wurde zu einem harten Strich. Verdammt, warum hatte sie das nicht getan, warum hatte sie daran denn nie gedacht? Ihr Kinn bebte und ihr Magen rumpelte. Tränen ließen das furchtbare Bild vor ihren Augen auf und nieder zucken. Aber ... was wäre dann geschehen? Wäre die Welt dann nicht für immer verloren gewesen?

Sie schluckte und kniff sich in die Wange, um den Tränen, die so drückten, nicht doch noch Freiraum zu geben.
Seite 19 von 32       
Gab es noch eine Chance für die Menschheit, da Margrit Danox besaß? Gehörte Danox eigentlich noch den Menschen? Oder besaßen ihn die Hajeps etwa bereits? Wo war Danox? Verdammt, verdammt, warum musste denn dieses unschuldige Kind für alles herhalten, diese Angst ertragen, diesen Wahnsinnsschmerz und dann auch noch diese Erkenntnis, für alle Zeiten blind zu sein! Nie mehr die Sonne zu sehen, nie mehr ... und plötzlich konnte Margrit nicht mehr anders, stumm und hilflos begann sie um dieses Kind zu weinen, ihre Schultern zuckten. Silbern rieselten die kleinen Rinnsale über ihre Wangen, blieben kurz am Kinn als Tröpflein haften, liefen bis tief in den Ausschnitt ihres Hemdes hinein.

Und wieder merkte sie, dass sie fasziniert, ja, völlig entgeistert angestarrt wurde, von ihm natürlich, der hinter ihr stand, von ihm, von dem sie eigentlich noch immer nicht wusste, wer er denn wirklich war. Verstohlen versuchte sie deshalb, mit den Fingern die Tränen wegzuwischen.

Er hielt plötzlich ihre Hand von hinten fest.

“Don't take away!“, wisperte er. „It's sooo wonderfull!“ Er betrachtete – wohl verzückt oder was? – den kleinen, schimmernden Tropfen auf ihrem Handrücken. „I've never seen any-thing like that all my life!“, flüsterte er weiter. „Oh, no! Wrong!” Er brach plötzlich ab, machte eine kleine nachdenkliche Pause. „I've usually seen it, if human are crying about themselves!“ Wieder kam eine kurze Pause und seine Miene hatte sich noch immer um keinen Millimeter verändert. „But you ... you're doing that only ...” er holte tief Atem, „… only for this little Trowe!”

Seine letzten Worte hatten einen winzig kleinen Hauch von Verwirrung preisgegeben. Aber es konnte auch sehr gut sein, dass sich Margrit diesen Hauch nur eingebildet hatte. Zornig ent-zog sie ihm ihre Hand, wischte die Träne an ihrer Hose ab und er? Er machte deswegen eine bedauerliche Miene. Oder irrte sie sich schon wieder? Eigentlich war es ein graues Gesicht aus Stein. Hatte dieser Mensch denn keine Seele? Wo blieb sein Mit-leid? Margrit blickte nun zornig und blitzenden Auges zu ihm empor und er? Er schaute schnell weg. Völlig ausdruckslos und einfach in eine andere Richtung.

‚Feigling!’, dachte sie und dann wanderte ihr Blick wieder zu den Trowes.
Seite 20 von 32       
Direkt hinter denen ging nämlich ein Mann daher, der etwas anders gekleidet war als die übrigen Jimaros. Er trug ein bescheidenes, knielanges Gewand über den Pumphosen und in seinem breiten Gürtel, der auch noch über seiner Brust gekreuzt war, steckten keinerlei Waffen, sondern nur flaschenähnliche Gebilde oder Tuben. Was es wirklich war, konnte Margrit leider von hier aus nicht so recht erkennen. Auch drückte seine Körperhaltung nicht gerade jenen Stolz, jene Hochnäsigkeit aus, wie sie sonst Hajeps zu Eigen war. Er schien eher tief in Gedanken, ja, vielleicht sogar ein wenig bedrückt zu sein und hielt die Hände hinter seinem Rücken verschränkt, ganz wie die Trowes, aber er war nicht gefesselt! Das konnte Margrit deutlich sehen, also was mochte mit ihm los sein?

Der sonderbare Bursche hinter Margrit schnaufte nun, kaum, dass er diesen Mann entdeckt hatte.

‚Hich!’, dachte Agol angespannt. ‚Den Göttern sei's gedankt, dass meine kleine Lüge doch geglaubt worden ist! Rekomp Saparun und seine Berater haben Asab Godur kein Haar gekrümmt, obwohl dieser mich vorhin mit so wenigen Leuten allein zurück gelassen hatte! Akir, ich bin zufrieden, ihn gesund und munter wiederzusehen – kontriglus! Aber er ist doch niedergeschlagen, weiß sehr wohl, was er falsch gemacht hat. Ich darf ... ich kann nur lügen!’

Und nun sah Agol, dass gerade Bonor Asaton und Tjufat Fatusa zum Tor hereinstolziert kamen. Die beiden Attentäter waren guter Dinge. Xorr, sie dachten ja auch, dass der göttliche Agol bei seiner schwächlichen Gesundheit ohne Helm längst erstickt sein müsste. Er hatte über die Trauks erfahren, dass man die beiden zunächst gemeinsam mit etwa zehn jiskischen Jimaros gefangen genommen hatte.

Bonor Asaton hatte behauptet, dass sie beide als Geiseln dienen sollten. Als sie unterwegs gewesen wären, um Hilfe für den Agol zu holen, wären sie von den Jisken überfallen und schwer verletzt worden.

Der Verräter Asaton hatte deswegen keine Hände mehr und der hinterhältige Fatusa trug um die Schulter einen breiten Verband. Sie waren sich wohl noch immer sicher, dass sie endlich den Tod des ´göttlichen Agols` herbeigeführt hatten, ohne dessen Blut fließen zu lassen, ohne seinen Körper beschädigt zu haben und der treue Rekomp Saparun hatte so getan, ihren Lügen Glauben zu schenken. Er lief ihnen jetzt entgegen und die beiden neigten zur Begrüßung tief ihre Köpfe, nicht nur, um ihm damit ihre Ehrerbietung anzuzeigen, sondern auch, um damit anzuerkennen, dass er der Ranghöchste war.
Seite 21 von 32       


Xorr, Rekomp Saparun war zuverlässig, das hatte er heute mit eigenen Augen sehen können, befolgte jeden seiner Befehle, ohne auch nur das Geringste dabei zu riskieren. Rekomp Saparun war eben nicht einer der Schlechtesten! Um noch das Maß voll zu machen, fragte jetzt sogar der listige Okmak einfach Fatusa, wohin denn nur Tjufat Metowan und sein Kamerad Ondro den Agol geschleppt haben könnten, denn sie, Fatusa und Asaton, hätten zu den Letzten gehört, die bei ihm geblieben wären?

Der hinterhältige Fatusa kam nicht ins Stottern. Schon längst hatte er sich die schönsten Sätze zurechtgelegt. Sie trieften jetzt nur so vor tiefer Religiosität und Ehrfurcht vor Staat und Gesetz.

Margrit hörte hinter sich ein zorniges Zähneknirschen. Sie fuhr zusammen, schaute kurz zu ihm hin, wirklich sehr nervös, dieser Typ! Aber, mein Gott, wer war schon heutzutage völlig ohne Macke! Sie jedenfalls nicht. Jetzt zum Beispiel nagte sie schon wieder an ihrer Unterlippe, konnte einfach nichts dagegen tun!

Und was war nun draußen passiert? Sie sah, dass jener Befehlshaber, der mit seinen Männern diesen merkwürdigen Teppich geschnürt und anscheinend mit Hilfe eines Nebels in einen Hajep verwandelt hatte, anders konnte sie sich das nicht erklären, schon längst wieder zum Gartentor gestiefelt war.

Er machte den hier versammelten Hajeps anscheinend eine höchst wichtige und aufregende Mitteilung, während er mehrmals Richtung Hintergarten wies. Ein verblüfftes Murren erscholl daraufhin von allen Seiten und Margrit bekam einen Schreck.

Donnerwetter, hatte man etwa eben über ihr Versteck geredet, sie längst entdeckt?

Daraufhin begaben sich einige der Hajeps, die Trowes wurden dabei so brutal zur Seite gezerrt, dass sie fast hinschlugen, wild diskutierend und die Köpfe schüttelnd Richtung Hintergarten.

Und wieder klopfte Margrits Herz hysterisch. Sie hielt die Luft an, doch ihre dummen Füße zuckten wie verrückt. Mist, sie hatte einfach keine Nerven mehr. Doch auch diese Hajeps gingen alle schnurstracks an ihrem Versteck vorbei. ‚Wieder nichts passiert’, dachte sie überrascht. ‚He, vielleicht konnte man sich daran gewöhnen?’

„Kedapar .... kedapar!“, brüllten nun diese Soldaten zu Margrits Überraschung aufgeregt in voller Lautstärke, als sie den Leichnam sahen.
Seite 22 von 32       
Die zwei Jimaros, welche vorhin dem Offizier geholfen hatten, Teppich und Kissen mit einem Seil zu umwickeln, kamen nun mit einer Bahre herbei, die sie von irgendwo erhalten hatten.

Jener Befehlshaber, den hier alle Rekomp Saparun nannten, legte nun den toten Hajep darauf, was wohl recht schwer ging, denn man merkte dessen Anstrengung, und dann kamen wieder alle an Margrit vorbei, diesmal ganz ruhig, und liefen in den Vordergarten. Saparun sorgte dafür, dass die Bahre inmitten der Wiese, weit genug entfernt von den Scherben der Terrassentüren, niedergelassen wurde. Es herrschte eisige Stille.

„Ajanes nanjo rug anuon Agol!” Wie betäubt fiel Saparun auf eines seiner Knie und fing an - etwa zu beten?

Alles war entsetzt, kaum, dass man diese Worte gehört und den Leichnam gesehen hatte. Jedenfalls hörte sich das für Margrit in diesem Moment so an. Ein lautes Gemurmel erfasste die Reihen der Außerirdischen, sie schwankten leicht. Rekomp Saparun erhob sich wieder und lief schnellen Schrittes auf die fassungslos dastehenden Hajeps zu. Vor einem blieb er stehen, es war der Mann in den einfachen und schlichten Kleidern.

„Asab Godur?“, fragte er.

Dieser trat zwei, drei Schritte aus der Menge hervor und verneigte sich mit vor der Brust gekreuzten Händen. „Malgat moa Rekomp Saparun!“, fragte Godur.

„To gua me wentera, Asab Godur, chesso?“, entgegnete Saparun.

Godur richtete sich auf und nickte.

Dann befahl Rekomp Saparun ihm noch irgendetwas für Margrit nicht Verständliches in hartem Ton. Der Asab Godur beugte sich über den Leichnam, hob von diesem den Helm ein wenig an und nun konnte Margrit zu ihrer Überraschung sehen, dass der tote Hajep nur eine Holografie war, denn der leichte Nebel, der die ganze Zeit über dem Teppich flirrte, lichtete sich wegen Godurs Handbewegung zu Margrits Seite hin ein wenig und sie erkannte für einen Moment das Kissen darunter, das Godur in Wahrheit anhob. Von weitem aber, wo die Hajeps standen, war wohl nichts Besonderes zu bemerken, denn die Meute wirkte so betrübt wie vordem.

Asab Godur schien also prüfend unter den Helm des Toten zu blicken. Er nickte schließlich ergriffen. „Ta wan Agol!“, bestätigte er. „Dandu ima wan jima!“

Margrit konnte das alles noch immer nicht fassen.
Seite 23 von 32       
Offensichtlich war auch das Frugal übertölpelt worden und hatte vorhin keine Leiche sondern nur eine Holografie fotografiert. Damit die Holografie kompakter wirkte, hatte man diese zur Sicherheit auf den Teppich projiziert.

Aber warum spielten Saparun, seine Männer und jetzt auch noch dieser Godur allen anderen diese Lügengeschichte vor? Die Antwort fiel Margrit fast automatisch ein. ´Agol` schoss es ihr durchs gestresste Hirn. Ja klar, von dem hatte doch Kalle gestern noch so viel erzählt, als sie sich wieder mal in Walthers gemütlicher Kneipe zum Abendessen getroffen hatten. Agol sollte eine Art Gottkönig der Hajeps sein, der erst kürzlich auf der Erde gelandet war. Er vertrat Pasua, die machtvollste Institution der Hajeps und war hier nicht gerade freundlich empfangen worden. Der Mann sollte, laut Kalles Berichten zur Folge, ständig in Le-bensgefahr schweben. Unglaublich, weshalb hasste man den so? Konnte es etwa sein, dass nun dieser Agol seinen Tod vorspielen ließ, damit er wenigstens für eine Weile seine Ruhe hatte? Nein, dieser Gedanke war doch viel zu verrückt - oder?

Oberbefehlshaber Saparun und dieser Godur gaben sich jedenfalls dermaßen überzeugend, dass man glatt denken konnte, dass Agol in diesem Krieg gefallen war.

Godur wendete sich Richtung Hajeps, die noch immer schweigend, fast hilflos da standen, breitete die Arme aus, streckte sie zum Himmel und rief wehklagend über den Garten:

„Moi Agol wan a jiman Agol! Tes juk makur guongan!“

Plötzlich hob jemand die Faust gen Himmel. „Kura!“, brüllte er heiser. „Kura sri zoka!”

„Parukam, parukam!“, fiel alles mit ein. „Sri zoka kura!“ He, was sollte das jetzt plötzlich darstellen? Etwa Rache? Das war sehr anzunehmen. Margrit hatte versucht zu übersetzen und das Ganze so verstanden, dass Agol wohl einem Mord zum Opfer gefallen war.

Der Offizier, der sich wieder auf den Boden gekniet hatte, streckte gebieterisch den Arm aus und gab wohl auf diese Weise zu verstehen, dass sich alle beruhigen sollten. Dann legte er die Hand gegen die Stirn, mit der anderen wies er auf die Erde.

„Edapar, edapar!“, brummte er verzweifelt, hob den Kopf zum Himmel und Godur kniete sich zur anderen Seite direkt neben den Teppich, der immer noch in eine Holografie eingehüllt war. Er schaute über den Garten, zupfte ein Büschlein Gras und ließ es mit einer feierlichen Geste vom Wind fortwehen.
Seite 24 von 32       


Da ging der ganze Haufen wilder Hajeps gleichfalls an Ort und Stelle in die Knie. Es raschelte und rumorte von allen Seiten und die Waffen wurden niedergelegt. Die muskelbepackten Kerle berührten zunächst ihre Unterarme mit der Stirn, hoben den Kopf zum Himmel und wisperten „Tama ... TAAMAAA!” Dann schauten sie auf die Bäume, die Pflanzen, dann auf die Erde. Ihre Oberkörper wankten schließlich ein wenig vor und zurück. Sie murmelten rau im Chor: „Tes juk jakura guongan moi Agol, moi Agol!”

Wirklich, diese Totenmesse war echt gelungen. Margrit war erstaunt, wie viel Gefühl diese eiskalten Hajeps herüberbringen konnten, auch wenn Saparun und seine Freunde alles nur vorspielten.

Bald wurde die Bahre den Weg entlang getragen und überall wo sie vorbeikam, standen die Hajeps in Reihen auf und schauten dem Toten gesenkten Hauptes hinterher. Bald war der Leichnam zum Tor hinaus getragen worden. Die Tür eines Fahrzeugs rumpelte und dann brausten auch dessen Motoren auf. Weg war der ganze Spuk!

Indes hatte sich Rekomp Saparun zu dem verängstigten und dichtgedrängten Häuflein Trowes begeben. Er begann es zu umkreisen und mit einem kleinen Stäbchen auf den Vordersten und Stärksten zu weisen, der sich schützend vor das Kind gestellt hatte.

Der Rekomp schrie den mutigen Trowe nach einer Weile im Befehlston an, blieb schließlich vor ihm stehen und wies abermals mit einer gebieterischen Geste auf ihn.

Erst jetzt erkannte Margrit, dass nicht der starke Trowe mit dieser Aufforderung gemeint war, sondern das Kind, welches der Hajep ganz offensichtlich haben wollte, was auch immer er vorhatte mit diesem zu tun. Doch der Trowe wich keinen Millimeter zur Seite um das Kind freizugeben, um welches die Meute einen schützenden Kreis gebildet hatte wie einen dicken Mantel.

Margrit ahnte dennoch Schreckliches, denn die Hände der Trowes waren ja gefesselt. Was sollten sie tun? Die Hajeps würden das Kind so oder so bekommen.

Saparun winkte nun jene zwei Männer herbei, die er vorhin so aufmerksam begrüßt hatte. Sie trugen Verbände, und Margrit merkte, dass sie die beiden heute bereits einmal gesehen hatte, als sie sich im Auto mit Danox versteckt gehalten hatte. Er stieß drohende Worte in Richtung Trowes aus. Dann fragte er diese beiden irgendetwas, während er auf die Trowes wies.
Seite 25 von 32       


Margrit mühte sich verzweifelt, seine Worte zu übersetzen, denn um einen wirklich genügenden Sprachschatz zu erlangen, war die Zeit des Lernens bei den Maden viel zu kurz gewesen. Und siehe da, es ging teilweise, den Rest musste sie sich allerdings irgendwie zusammenreimen. Bei diesen Fragen ging es wohl darum, ob solch eine Treue, wie ihn die Trowes zeigten, besonders hart bestraft werden sollte?

Beide Männer nickten sofort aufgeregt.

‚Demnach wäre bei diesen niederen Geschöpfen Untreue richtiger?’, fragte er wohl weiter.

Wieder folgte ein Nicken.

Ob sie dann wohl eine Idee für besondere Folter- und Tötungsarten parat haben würden?

Oh Gott! Margrit keuchte entsetzt, denn wie aus der Pistole geschossen schlug der mit den Verbänden an den Händen auch sogleich wohl irgendetwas besonders Schreckliches vor.

Der vorderste Trowe wankte, als er das gehört hatte und wurde sehr blass, aber gab trotzdem noch immer nicht das Kind frei.

Margrits Knie zitterten. Sie fing wieder an zu schluchzen und damit sie nicht laut wurde, schob sie sich die Knöchel ihrer beiden Hände einfach in ihren Mund, stopfte soviel davon zwischen ihre Lippen, wie nur hineinpasste. Sie hatte erwartet, dass er schon wieder zu ihr hinabschauen, interessiert ihre Gesichtszüge studieren würde, aber stattdessen legten sich ihr nur von hinten zwei große, behandschuhte Hände ausgesprochen vorsichtig auf die Schultern.

„Don't be affa ...” stotterte er, brach ab und dachte kurz nach. „Hm ... hmmm ... afraiiiddd!“, sagte er völlig ausdruckslos dicht an ihrem Ohr. „I need your power! And you have power! I know it!“

Für einen Moment war sie unfähig zu denken und ließ sich von ihm willenlos an seinen Körper ziehen, und abermals gab ihr seltsamerweise diese beinahe zärtliche Geste für einen Moment Kraft und Ruhe.

Ihre Knie hörten sogar auf zu zittern. Sie beobachtete mit zusammengepressten Lippen, wie die Soldaten jetzt ziemlich laut einander etwas zuriefen, was sie diesmal leider nicht verstand. Die aufgerufenen Hajeps zögerten zunächst, doch dann zogen sie plötzlich eigenartige Geräte hervor, aus denen Strippen wie Krakenarme hervor krochen.

Margrits Knie wurden weich, denn das sah sehr unheimlich aus und sie begann wieder zu zittern. Da nahm er ihr einfach die Brille ab. Verdammt, sie konnte jetzt gar nichts mehr sehen!

„Don't worry!“, flüsterte er.
Seite 26 von 32       


Aber es war zum ´worry´ sein! Entsetzliche Schreckenschreie aus mehreren Kehlen erschollen nun, Margrit wusste nicht, wie viele es waren, gefolgt von furchtbarem Schmerzensgebrüll! So etwas hatte Margrit noch nie in ihrem Leben gehört. Auch das Kind schrie dabei wimmernd auf und das qualvolle Gestöhn wenig später mochte kein Ende zu nehmen.

Blut gluckerte schließlich, schien den Boden zu berieseln ... oh, es war unerträglich. Oh Gott, oh Gott, oh Gott ... die armen, armen Trowes! Was machten die Hajeps nur mit denen? Margrit konnte sich das einfach nicht mehr länger mit anhören. Sie musste etwas tun! Aber was?

Entschlossen streckte sie die Hand aus, damit er ihr die Brille hinein legen sollte und er gehorchte. Ihre Finger zitterten so sehr, dass die kaum auf ihre Nase bekam. Das Bild, das sich Margrits weit aufgerissenen Augen bot, ließ sie nun doch ein wenig an ihrem eigenen Verstand zweifeln, denn immer noch aufrecht und unverändert standen die Trowes da, nur das Kind war jetzt ein bisschen nach vorne gerückt worden. Sämtliche Trowes blickten kopf¬schüttelnd auf irgendetwas hinunter und auch die übrigen Hajeps, die ringsherum standen und daher Margrit fast völlig die Sicht nahmen, schienen ganz entgeistert, ja, fast gelähmt vor Schrecken zu sein.

Niemand sagte ein Wort. Eisige Stille herrschte im Garten, ja sogar in den umliegenden Straßen und Gassen.

„Jawos tokat!“, durchbrach jener Offizier als erster die Stille, der die verhängnisvollen Befehle gegeben hatte. „Rutak te belia!“ Er streckte dabei fast feierlich seine Hand mit dem kleinen Stab aus und wies dabei auf den Boden. Sofort schoben sich vier Soldaten durch die dichtgedrängte Menge, bückten sich und zerrten, Margrit war mit einem Mal fix und fertig, denn sie konnte es nicht fassen, die zwei Hajeps, die diesen sadistischen Vor-schlag gemacht hatten, völlig zerfetzt und blutüberströmt – es war blaues Blut – vom Boden.

Saparun zog ein kleines Messer oder etwas ähnliches, verdammt, Margrit wurde mit einem Mal kotzübel, bückte sich ein wenig und schlug jedem der beiden Hajeps das Ding in die Brust – oder doch nicht? Schlitzte er sie ´nur´ auf? Ach, es kam ja im Grunde auf dasselbe hinaus. Wo war hier ein Napf, in den Marg-rit hineinkotzen konnte? Verdammt, sie brauchte dringend einen Napf! Nanu? Völlig unnötige Angst gehabt! Er hatte lediglich deren Jacken aufgesäbelt und .
Seite 27 von 32       
.. was holte er denn da hervor? Etwa Gedärme? Nein, bei dem einen hatte er eine Art Dose gefunden, die er dem Soldaten neben sich übergab und beim anderen einen Gürtel und Waffen. Er hielt diese merkwürdigen Dinge hoch, ließ die von der Menge betrachten.

„Ziudat!“, schrie er vorwurfsvoll und gebieterisch. „Jimalon palto Ziudata!” Und gab den beiden Leichen dabei einen Tritt.

Die Menge grollte und Fäuste wurden nun gegen die zwei leblosen Hajeps gereckt. „Tes wan chimalto ... chimalto!“, brüllte alles aufgebracht.

So schleifte man die beiden einfach hinter sich her, den Weg entlang bis zum Tor und ihnen folgte murrend und aufgebracht die Menge. Allerdings nicht restlos alle. Rekomp Saparun verblieb als einziger noch für einen Moment, schaute sich dabei kurz um, blickte zum Gebüsch hin, wo Margrit und der nette Typ versteckt waren und dann ging auch er.

Tja, man konnte sagen, was man wollte, aber Hajeps waren fix und diszipliniert. Das musste man ihnen lassen, denn so schnell, wie sie gekommen waren, waren sie wieder verschwunden. Schließlich summten nur noch ein paar Lais in der Ferne und dann trat völlige Ruhe ein.

„What can wie do?“, wisperte sie trotzdem, denn sie wollte nicht allzu schnell wieder aus diesem Gebüsch hinaus und war sich sogleich im Klaren, dass dieser seltsame Typ bestimmt keinen Einfall hatte, wenn ihr schon nichts mehr einfiel.

Der leere Garten, die stillen Straßen, die prächtige Nachmittagsonne entfachten schließlich in Margrit eine geradezu unver-schämte Zuversicht und die ließ keinen Raum mehr für beunruhigende Fragen. Sie wollte sich einfach freuen, dass sie noch ein weiteres Mal dem sicheren Tod entgangen war. Sie und der ´Dings´ hinter ihr – wie hieß er eigentlich? – waren vorerst geret-tet. Sie schaute sich wieder nach ihm um. Jetzt konnte man vielleicht fragen, da er von oben mehr Übersicht hatte, wenn er sich streckte, ob wirklich alle fort waren?

„Are they away?“, erkundigte sie sich keuchend vor Anspannung.

Er schien nichts gehört zu haben.

„What do you see?“ Sie reckte sich zu ihm empor.

Sein Blick ruhte auf ihrem Gesicht. „You Baby!“, erklärte er.

„Hä, hä, wie witzig! Ich meine ... äh ... I meen ...”

„Can't look higher”, unterbrach er sie achselzuckend, „course one energetic woman had that forbidden me!”

Nun musste sie doch lachen.
Seite 28 von 32       
Er lächelte zwar nicht, sein Gesicht blieb wie immer völlig starr, doch musste sie trotzdem unbedingt einen Hauch von Fröhlichkeit in ihn hineininterpretieren. Schließlich lachte sie ihn so lange an, bis plötzlich die gesamte Muskulatur seines Gesichtes in einem sonderbaren Rhythmus zu zucken begann. Ein seltsames Kerlchen, wirklich!

„So ein Blödsinn“, ächzte sie. „Natürlich können Sie jetzt mit dem Kopf hoch.“

Wie der Blitz wollte er sich aufrichten.

„Halt – äh – stopp, that's wrong, meine ich natürlich!“, wisperte sie entsetzt. „So doch nicht!“ Und sie drückte seine muskelbepackte Schulter mit aller Macht hinunter. „Immer schön vorsichtig ... ja? Langsam, gaanz langsam.“

Er musterte ihre schmalen Hände, die seine Schulter hinunterdrückten und zog die hübschen Brauen hoch. Dann tat er so, als ob er kaum gegen diesen Händedruck ankönne und stöhnte gequält, während er sich aufrichtete. Oben im Freien äugte er scheinbar aufmerksam nach allen Seiten. „There isn't anyone!“, nuschelte er mit seiner Krächzstimme.

„Im Ernst? Gaaanz sicher? Äh, ich meine, are you sure?“, stotterte sie, doch noch ein bisschen skeptisch.

Er erwiderte nichts. Stattdessen spürte sie, wie sich seine großen Hände um ihre Taille legten und plötzlich fühlte sie sich emporgehoben!

Er keuchte dabei nicht vor Anstrengung, wie sie es von Paul kannte, wenn er es gelegentlich im Übermut getan hatte, denn sie wog trotz ihrer Zierlichkeit nicht wenig. Er jedoch hob sie mit solch einer Leichtigkeit, wie sie die in ihrem ganzen Leben noch nie erlebt hatte.

Er musste sehr stark sein, denn er hielt jetzt beide Arme durchgedrückt. Über allem erhoben spähte sie über das Gebüsch hinweg, über das ganze Grundstück. Es war ein himmlisches Gefühl, so mühelos von starken Armen gehalten zu werden.

„Hm ... ich habe nun genug gesehen!“ Sie musste sich noch einmal kräftig räuspern, um zu Verstande zu kommen. „Äh, Sie hatten offenbar Recht! Ach, Quatsch! Das Ganze in Englisch natürlich! Enough – okay?“

Viel zu schnell stand sie wieder auf dem Boden. Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht und schaute dabei ein wenig verwirrt zu ihm empor und sagte leise: „Ich glaube, wir können jetzt hinaus!“ Sie schob sich die Brille zurecht und begab sich entschlossen ins Freie.
Seite 29 von 32       


Er wollte ihr sofort folgen, doch sie schubste ihn mit dem Ellenbogen zurück. „Noch nicht!“, wisperte sie, von Neuem nervös. „Erst werde ich zum Ausgang laufen und sehen, ob die Luft auch wirklich rein ist. Es können sich ja noch irgendwo Hajeps versteckt haben.”

„There is no one“, hörte sie ihn und seine eigenartige Stimme klang völlig überzeugt.

Sie schüttelte den Kopf und wandte sich ziemlich lehrmeisterlich nach ihm um. „Unsinn! Sie sind“, fuhr sie sehr ernst fort, „viel zu naiv, um das richtig zu erfassen. Ach, schon wieder!“ Sie schlug sich gegen die Stirn. „In Englisch muss ich das ja sa-gen!“ Margrit seufzte und begann von Neuem, musste aber mitten in ihrer Übersetzung entrüstet feststellen, dass er nicht gehorchte.

Er wirkte sogar ein wenig verärgert, als er neben ihr stand, denn nachdem er mehrmals seinen prächtigen Körper ächzend gestreckt und gereckt hatte, murrte er: „I'm a soldier, but perhaps I'm too mad for such things?“

Trotz seiner Spiegelbrille spürte sie, dass er sie ziemlich stechend ansah. Sein Blick glitt dabei über ihre schmale Figur und sie spürte ganz deutlich, dass er sie damit ärgern wollte. Ganz sicher wollte er damit ausdrücken, dass sie nur eine schwache Frau war und er schließlich ein Mann und somit dieser Situation viel mehr gewachsen als sie.

Margrit ignorierte daher sein freches Gehabe, indem sie sich stirnrunzelnd an den drei Tannen vorbei schob, übers Gras lief und einfach den schmalen Weg betrat, der vom Hotel fortführte. So, so, er war Soldat, ein Guerillero, das hatte sie allerdings nicht gewusst. Welcher Organisation mochte er wohl angehören - den Spinnen, den Käfern, den ... na egal, sie würde das schon noch herausbekommen.

Aufmerksam, jeden Winkel in Augenschein nehmend, schlich sie über die Terrasse und dachte dabei weiter nach. Sie hatte noch nie von solch einem seltsamen Rebellen gehört! Nun griff sie nach ihren Pistolen, sicherheitshalber, und spähte auch zu den anderen Grundstücken hinüber. Oh, große Erleichterung, da schien auch niemand zu sein und wieder musste sie grübeln. Wenn der Typ ein Guerillero war, wo waren dann seine Waffen? Ein unbewaffneter Untergrundkämpfer also – seltsam! Sie schaute nun wachsam zum Himmel ... kein Flugzeug mehr, dann blickte sie zum Brunnen.
Seite 30 von 32       
Auch dort schien sich niemand versteckt zu haben.

Und wo war Danox? Er lag nicht mehr zwischen den dekorativen Steinen, war einfach weggesaust! Na, das war wohl erst mal egal! Der würde bestimmt wiederkommen, wenn sie alleine war – hoffentlich! Eigentlich, wenn sie es recht bedachte, hatte sie mit diesem Typ gar nichts mehr zu schaffen! Hm ... hinter den Büschen dort hinten war auch nichts weiter zu sehen. Er war gerettet, sie war gerettet, jeder konnte also seiner Wege gehen. Sie öffnete das Tor, es quietschte so laut wie vorhin. „Also dann“, brüllte sie deshalb nach hinten, „Unsinn ... in Englisch.“ Und sie drehte sich auf dem Absatz um, blickte zurück, um dem ´Kerl` noch ein letztes Mal zuzuwinken. Da entdeckte sie, dass er die dicke Jacke ausgezogen, einfach über den nächstbesten Ast einer uralten Linde gelegt hatte und inzwischen weitergelaufen war und zwar Richtung Schuppen. Was wollte der denn da? Sie schloss das Tor. Es quietschte abermals überlaut und dann lief sie erst zaghaft, dann jedoch schneller, weil sie sehr neugierig war zu ihm hin, auch weil sie am überlegen war, ob sie nicht vorerst doch lieber beide gemeinschaftlich weiter wandern sollten.

Schließlich war Krieg und einen solch starken Burschen wie ihn konnte sie recht gut gebrauchen! Außerdem mochte sie ihn irgendwie gerne, das musste sie sich schon eingestehen, obwohl er solch ein verrücktes Huhn war. Vielleicht lag es auch ein bisschen daran, dass sie beide schon so viel Gefährliches überstanden hatten. Und dann, oh Gott, sie hatte ja ihre wichtigen Beutel vergessen! Wie konnte sie nur! Sie war heute wirklich zu bescheuert.

Diese Tüten schmorten ja noch in der Tonne. Die Tonne war tief und er hatte lange Arme! Wirklich recht praktisch diese Übergröße! Aber würde er ihr auch helfen? Sie stoppte mitten auf dem Weg und rieb sich skeptisch das Kinn. War er ein Gentleman? Dann lief sie doch entschlossen weiter. Na, den kleinen Gefallen würde er ihr wohl tun, wäre ja noch schöner!

„Tja, also dann ...”, sie streckte ihm, als sie nahe genug heran war, von hinten ihre Hand entgegen, denn irgendwie traute sie sich nicht, um ihn herumzulaufen und ihm ins Gesicht zu sehen. Er sollte nicht sofort an ihrem Mienenspiel erkennen, wie furchtbar gern sie es hätte, wenn er sie begleitete. Doch er schien nichts gehört zu haben, bückte sich nur – warum bloß? – und hatte ihr daher sein Hinterteil zugewandt.
Seite 31 von 32       


‚Das wird sich ja wohl mal ändern, oder?’, dachte sie getröstet, aber auch genervt. „Es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzu-lernen”, sagte sie etwas lauter, hielt ihm aber weiter ihre Hand entgegen. Komisch, was hob er jetzt wohl auf? Sie blickte, wie-der sehr neugierig geworden, um diesen seltsamen Menschen herum, spähte ins hohe Gras. Aha, eine Dose und jetzt ... einen Waffengürtel! Und noch so etwas Ähnliches wie ein riesiges Gewehr. Na und? War ganz praktisch, denn damit konnte er Margrit recht gut beschützen, wenn es zu Pommi ging. Da konnte er ... wollte er überhaupt? War alles frisch gereinigt von Hajepblut! Donnerwetter!

Oh Gott, oh Gott! Was wollte der jetzt mit Hajepwaffen? Warum konnte er die Dinger nicht einfach liegen lassen? Hajepwaffen konnte doch ohnehin niemand richtig bedienen, es sei denn, man war selbst ... he ... verdammt, gehörte er etwa doch daz ...? Ihre Gedanken, die sich immer schneller gedreht hatten, stoppten plötzlich.

‚Nein, warum soll er!’, dachte sie nun leichthin. ‚Der komisch gekleidete Typ ist halt neugierig, ganz wie ich es selbst oft bin! Will sich nur mal informieren, wie Hajepwaffen eigentlich gebaut sind.’ Puh, sollte sie trotzdem lieber weglaufen? Aber sie brauchte ihn doch! Und es war doch schon die ganze Zeit gut gegangen!
Seite 32 von 32       
Punktestand der Geschichte:   311
Dir hat die Geschichte gefallen? Unterstütze diese Story auf Webstories:      Wozu?
  Weitere Optionen stehen dir hier als angemeldeter Benutzer zur Verfügung.
Ich möchte diese Geschichte auf anderen Netzwerken bekannt machen (Social Bookmark's):
      Was ist das alles?

Kommentare zur Story:

  Hallo Doska, wieder zwei bezaubernde und sehr spannende Kapitel. Was ich an deinen Texten mag, ist der Humor den du hast und dass du einen immer wieder überraschen kannst.  
   Evi Apfel  -  08.08.18 19:57

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Gefällt mir, wie jeder von dem anderen fasziniert ist und ihn dennoch total missversteht. Nun zeigt der Gefundene sich doch gruselig. Ich hoffe doch sehr, dass er Margrit nichts antun wird?  
   Marco Polo  -  08.08.18 18:59

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

Stories finden

   Hörbücher  

   Stichworte suchen:

Freunde Online

Leider noch in Arbeit.

Hier siehst du demnächst, wenn Freunde von dir Online sind.

Interessante Kommentare

Kommentar von "Sim1" zu "Nach Hause kommen"

Darum geht es wohl, ums "nach Hause kommen", diese Sehnsucht, die uns unser ganzes Leben begleiten wird und die Frage, ob wir jemals zu Hause ankommen werden.

Zur Story  

Aktuell gelesen

  In Arbeit

Funktion zur Zeit noch inaktiv. Über ein Konzept zur sicheren und möglichst Bandbreite schonenden Speicherung von aktuell gelesenen Geschichten und Bewertungen, etc. machen die Entwickler sich zur Zeit noch Gedanken.

Tag Cloud

  In Arbeit

Funktion zur Zeit noch inaktiv. In der Tag Cloud wollen wir verschiedene Suchbegriffe, Kategorien und ähnliches vereinen, die euch dann direkt auf eine Geschichte Rubrik, etc. von Webstories weiterleiten.

Dein Webstories

Noch nicht registriert?

Jetzt Registrieren  

Webstories zu Gast

Du kannst unsere Profile bei Google+ und Facebook bewerten:

Letzte Kommentare

Kommentar von "Gerald W." zu "Stargirl Leonie - Kapitel 39"

Ein rundherum gelungener Roman.Nicht nur für junge Mädchen geeignet, auch für Leute wie du und ich, die mal in eine andere Welt abtauchen wollen, wo noch das Gute und vor allem die Lieb ...

Zur Story  

Letzte Forenbeiträge

Beitrag von "Tlonk" im Thread "Winterrubrik 2019"

Radaktion statt Redaktion geschrieben, aber machts nichts. Ich stoße mit dir an und aus der Ferne auch mit allen anderen von WebStories und wünsche uns einen guten Rutsch ins neue Jahr. ...

Zum Beitrag