Am 21.12.2012 war der Weltuntergang   75

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten

Von:    Mike Bradfort      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 2. Dezember 2015
Bei Webstories eingestellt: 2. Dezember 2015
Anzahl gesehen: 698
Seiten: 6

Ja! Es ist richtig und gerecht!

Auch ein von der weltweiten Missionstätigkeit erschöpfter Pater muss einmal Urlaub machen.



So entschloss ich, Paulus Diener des Herrn, mich im Dezember 2012 im Rahmen einer Urlaubsreise einmal in einem kleinen verschlafenen Dorf in den Pyrenäen zu erholen. Direkt am Fuße des Pic de Bugarach (GPS: Breite: 42.864570° und Länge: 2.378759°), in der malerischen Region Languedoc-Roussillon suchte ich mir mein Feriendomizil aus, in der Hoffnung hier einmal richtig entspannen zu können. Nebenbei sei schon hier angemerkt, dass der dortige lokale Wein von besonderer Köstlichkeit und Bettschwere war.



Es liegt natürlich auf der Hand, dass ein ergebener Diener des Herrn eigentlich nie richtig Urlaub machen kann. Wie es schon der Werbeslogan einer bekannten Baumarktkette sagt, gibt es auch für einen Pater „immer was zu tun“. Und sei es nur, dass man hinausgeht und mit den Menschen spricht, auch einmal eine Kneipe besucht und zuhört, was der „einfache Mensch von der Straße“ so alles zu erzählen hat.



Die Region um den Pic de Bugarach war allein deswegen schon für mich, als Mann der Transzendenz, interessant, da es sich hier seit Urzeiten um einen mystischen Ort handelte, welcher immer wieder in Verbindung mit der Mayakultur, UFO Sichtungen und den Templern in der weltweiten Presse und in den TV-Medien Erwähnung fand. In einschlägigen Kreisen wurde an diesem Ort sogar das aktuelle Versteck des „Heiligen Grals“ vermutet.



Damals war, aus stets gut informierten esoterischen Kreisen, für den 21.12.2012 der Weltuntergang mal wieder geweissagt worden. Begründet wurde dies damit, dass an diesem Tag angeblich der legendäre Mayakalender endete.

Ich glaube, es ist nachvollziehbar, dass dieser Weltuntergangstag für mich als spirituell eschatologisch ambitionierte Person, natürlich eine besondere akosmische Bedeutung hatte. Wenn es aufwärtsginge, dann wollte ich natürlich vom Zentrum des Geschehens nicht allzu weit entfernt sein.



An sich war dieser Teil Frankreichs ein sozial eher bescheidener Ort auf der Landkarte. Die Einwohner in den Dörfern rund um den Pic de Bugarach wussten lange Zeit nicht, wie man die maroden Häuser und grünen Felder der eigenen Ahnen irgendwie noch, in dieser dörflichen Einöde, vermarkten könnte.
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Auch von der EU kam wenig Geld um diese Infrastrukturwüste zu beseitigen und wenn einmal Geld aus Paris kommen sollte, ging dieses auf irgenwelchen intransparenten Wegen von Paris nach Bugarach auf wundersame Weise regelmäßig irgendwie verloren. Auf Deutsch: In der Provinz kam nichts an!

Die Jugend zog aus den Dörfern weg, da dort nicht nur Hund und Katz begraben waren, sondern auch noch Maus und Wurm. Hier, das ahnte man, wollte bald niemand mehr begraben werden.

Also allen Anschein nach der richtige Ort um Entspannung zu finden.



Ich quartierte mich damals dort in eine kleine Pension ein und suchte, direkt nach dem Auspacken des Reisekoffers, eine romantische Dorfkneipe auf, um mit den Leuten des Dorfes ins Gespräch zu kommen.

An der Gaststätte angekommen, stellte ich fest, dass der kleine hauseigene Parkplatz inklusive der unmittelbar anliegenden Straßen vollkommen von Wohnmobilen und Wohnanhängern zugeparkt war.

In der Kneipe bemerkte ich erstaunt, dass diese voller Ausländer war. Nur der Wirt und die Bedienung schienen Franzosen zu sein. Die Gäste kamen anscheinend aus allen Orten der Welt, nur nicht aus Frankreich. Im Gastraum herrschte ein lautes internationales Stimmenwirrwarr und teilweise hysterisches Gelache. Die Stimmung war gut.



Da der beste Platz „immer der am Tresen“ ist, setzte ich mich auf einen dortigen Barhocker und bestellte im gebrochenen Schulfranzösisch einen Landwein von örtlicher Rebe. Der Wirt, welcher aussah, als sei er einem Porträt von Toulouse-Lautrec entsprungen, erkannte sofort meine Sprachschwierigkeiten und war erstaunlicherweise bereit, mit mir auch in Deutsch zu sprechen.



Paulus: „Ist ja richtig was los hier! Hätte ich nicht gedacht.“



Wirt (den Wein vor mir auf der Theke abstellend): „Ja, seit ein paar Wochen ist hier die Hölle los.“



Paulus: „Woran liegt es? Ich dachte immer, Eure Gegend wäre noch recht ursprünglich, vom Massentourismus weit entfernt.“



Wirt (sich leise lachend zu mir vertraulich vorbeugend): „Das liegt am Weltuntergang, welcher in den kommenden Tagen hier beginnen soll. Deswegen sind hier seit Wochen Tausende Touristen aus aller Welt angereist.
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Viele von denen glauben, dass auf dem Pic de Bugarach ein großes UFO landen wird, welches sie am 21. Dezember mitnimmt und rettet. Unglaublich! Einfach unglaublich! Aber auch nicht schlecht für uns.“



Paulus (am Weinglas nippend): „Nervt das nicht?“



Wirt: „Ganz im Gegenteil. Das kann meiner Meinung nach gerne noch Jahre so bleiben. Noch nie haben wir so viel Umsatz in unserem Restaurant gemacht.“



Paulus: „Also jeder Tag sollte ein Weltuntergangstag sein?“



Wirt: „Aus ökonomischer Sicht eindeutig ja!“



Paulus: „Gestatten Sie mir die Frage, was Sie von diesem Trubel insgeheim halten?“



Wirt: „Selbstverständlich. Es laufen hier seit Wochen komische Sachen ab. Eigentlich schon seit Monaten. Sehr komische Sachen.“



Paulus: „Was läuft denn so ab?“

Wirt: „Tja, da tauchten auf einmal so seltsame Typen in unserer Gegend auf. Männer und Frauen. Manche hatten sogar ihre Kinder mitgebracht. So Untergangsapokalyptiker halt. …...Schon vor einem Jahr ging das hier los. …...Die erzählten hier jedem auf dem Feld, ob man es hören wollte oder nicht, dass es da eine Prophezeiung gäbe.“



Paulus (neugierig): „Und was wurde so prophezeit?“

Wirt: „Na, dass der Mayakalender nun zu Ende sei. Und das unsere Erde am 21.12.2012 untergehen wird. …....Alles Leben würde dann ausgelöscht, weil unsere Erde mit dem bereits auf Kollisionskurs anfliegenden Planeten Nibiru zusammenknallen wird.



Paulus: „Was sagt denn die NASA dazu?“



Wirt: „Die hat das natürlich dementiert..... Das habe ich meinen Gästen damals auch so mitgeteilt. Aber dieses Argument hat die nicht interessiert. Verstehen Sie? Das waren damals und sind heute noch fast alles Verschwörungstheoretiker. Hinter jeder niedergetrampelten Weinrebe vermuten die gleich eine Weltverschwörung. Unglaublich. Aber was soll es? Hauptsache die Kasse klingelt.“



Paulus: „Wie kommen die denn gerade auf diesen Ort? Es gibt doch in der Welt viele Orte, die mystischer sind. Zum Beispiel die Cheopspyramiden. Dort hätte ich so einen Menschenauflauf am ehesten erwartet.
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Wirt: „Das kann ich Ihnen sagen, woran das liegt. Zu den Pyramiden ist es denen meisten zu weit. Wenn die auch noch Kinder im Wohnmobil haben, dann wird eine so lange Fahrt zu nervig. Außerdem kommt man da schlecht aus Europa mit einem Wohnmobil hin. Die suchen sich einen Wallfahrtsort in bequem erreichbarer Nähe. Am Besten noch mit einer Autobahnanbindung.“

Paulus: „Ja, aber das wird sicherlich nicht der einzige Grund für diesen Massenauflauf sein.“



Wirt: „Nein, natürlich nicht. …...Irgendeiner von denen ist irgendwann einmal auf die Idee gekommen, dass es angeblich nur eine Stelle auf unserer Erde gibt, welche vom Weltuntergang verschont bleiben soll. …....Dies ist angeblich hier das Gebiet rund um den Pic de Bugarach. Das hat sich dann weltweit über die „Sozialen Netzwerke“ schnell herumgesprochen. Fragen Sie mich nicht, warum die gerade auf diesen Ort gekommen sind. …..Manche haben mir erzählt, das läge daran, weil sich hier hervorragende Parkmöglichkeiten für Außerirdische befinden würden. Andere der Endzeitgemeinde behaupten, dass hier die positive Erdstrahlung besonders hoch wäre. … Mein Nachbar, der Güstaf, hat vor einigen Wochen einen von denen aus seinem Feld vertrieben, welcher dort mit einem elektrischen Wünschelrutendetektor angeblich irgendwelche Messungen vorgenommen hat. Der ist da auf allen Vieren durchs Feld gerobbt und hat die Ernte platt getreten. Andere erzählen immer wieder etwas vom „Heilige Gral“ was hier angeblich vergraben wäre. Auch die geheimnisvollen Templer werden immer wieder ins Gespräch gebracht, weil diese angeblich hier ihre Wertsachen versteckt hätten.... So ein Käse!..... Aber gut fürs Geschäft!“



Paulus: „Was hat sich denn durch diesen ganzen Rummel insgesamt so in dieser Gemeinde geändert?“



Wirt: „Was sich für uns geändert hat? Alles! Nichts ist mehr so, wie es war. ….Nehmen wir den Immobilienmarkt. …..Vor ein paar Jahren wollte hier niemand etwas kaufen. Die Gegend war viel zu bäuerlich und unterentwickelt um bei Investoren Interesse zu erwecken...Das hat sich geändert. Zurzeit sind keine Grundstücke und Immobilien mehr auf dem Markt zu bezahlbaren Preisen erhältlich. Früher wurden dir hier die Grundstücke und Gehöfte hinterher geschmissen.
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Nun haben sich hier Makler breitgemacht, die hier richtig absahnen. Jede marode Scheune, die noch halbwegs den Regen von oben abhält, wird nun zum Kongresszentrum für Esoteriker ausgebaut. Bettenkapazitäten wurden von den Investoren, welche häufig aus dem Ausland kommen, stark erweitert. Du bekommst hier seit Monaten kaum noch ein freies Zimmer zu einem bezahlbaren Preis. …....Unglaublich, was manche Touristen zurzeit bereit sind, für ein spartanisch eingerichtetes Fremdenzimmer zu zahlen. Einfach unglaublich!“



Paulus (schmunzelnd): „Wieso unglaublich? Der Weltuntergang steht bevor und das Totenhemd hat keine Tasche. Die Kohle muss weg. Egal wie.“



Wirt (kurz auflachend): „Hahaha! Da haben Sie Recht. Da hätte ich selbst drauf kommen können....Aber um zurückzukommen, auf das, was sich verändert hat... Also, mein Freund Alfons hat mir vor Kurzem berichtet, dass er mit seinem Hund in der Abenddämmerung durch den Wald gelaufen ist und dort ca. 20 Personen gesehen hat, welche mit verklärtem Gesichtsausdruck dort splitternackt im Reigen um ein Lagerfeuer herum tanzten und dabei irgendwelche Lieder sangen. ...Kein Witz! Wahrscheinlich irgendwelche Hippies. Und das bei diesen Außentemperaturen. … Einige Hundert Meter weiter hat Alfons noch ein illegales Zeltlager auf einer Lichtung gesichtet. Da kampieren nun offensichtlich alle die wild, welche keine Pensionszimmer mehr erhalten haben. ….Nebenbei, jetzt gibt es hier auch Endzeitpostkarten zu kaufen, welche reißenden Absatz finden. Ich habe die auch im Angebot, wenn Sie welche möchten.“

Paulus: „Was für Motive sind denn da drauf?“



Wirt: „UFOs, die über dem Pic de Bugarach schweben.“



Paulus: „Und so was läuft?“



Wirt: „Wie verrückt läuft das. Ich habe schon 400 Stück verkauft. Unsere Ortsdruckerei kommt mit der Produktion gar nicht mehr nach... Einen Teil verkaufen wir schon weltweit über das Internet mit unserem ortseigenen Onlineshop.“



Paulus: „Wer ist denn auf die Idee mit den Postkarten gekommen?“



Wirt: „Zwei Grundschüler aus unserem Dorf mit PC Kenntnissen...Können kaum über die Tischkante gucken, aber kennen sich mit den PC-Fotoprogrammen schon bestens aus.
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Paulus (anerkennend): „Wow! Die beiden könnte ich zu Hause in meiner Pfadfindergruppe gut gebrauchen...Was wird denn noch so im Dorf zum Thema verkauft?“



Wirt: „Weiße Leinengewänder, Glücksbringer, magische Amulette, Magnetsteine, Briefpapier, Kugelschreiber und so weiter und so weiter....“

Paulus: „Mann oh Mann! Hier ist ja richtig was los. Was wäre es schön, wenn sich diese Massen an Menschen so für unseren Glauben begeistern würden!“



Wirt: „Ähhh? Das hört sich so an, als wären Sie vom Fach. Was arbeiten Sie so in Deutschland? Wo sind Sie beschäftigt?“



Paulus: „Nun beschäftigt bin ich in der Seelsorge. Eine meine Aufgaben ist es den Menschen den Unterschied zwischen Glauben und Aberglauben klar zu machen.“



Wirt: „Und der Unterschied wäre?“



Paulus: „Aberglaube ist Glaube wider besseren Wissens!“



Wirt: „Ja, aber die, von denen wir sprachen,wissen es anscheinend nicht besser. Sind die dann gläubig oder abergläubisch?“



Paulus: „Oder diese wollen es nicht besser wissen.“



Wirt: „Und ist das bei Ihnen, in Ihrem Verein besser? Haben Sie mal nachgelesen, was man in Lourdes im Département Hautes-Pyrénées so alles kaufen kann? Da könnte ich Ihnen Geschichten erzählen.......“



An dieser Stelle bekam der Wirt zum Glück einen Getränkezapfgroßauftrag von einer seiner Bedienungen zugeschrien. Dies führte dazu, dass unsere Unterhaltung nicht weiter geführt werden konnte......... Zum Glück nicht weiter geführt werden konnte....... Ich trank mit einem letzten großen Schluck mein Weinglas aus und verließ nachdenklich, sehr nachdenklich, das Lokal.





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