Blutmond - Karms Reise -31-   56

Fantastisches · Romane/Serien

Von:    Tis-Anariel      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 5. September 2012
Bei Webstories eingestellt: 5. September 2012
Anzahl gesehen: 1068
Seiten: 9

Diese Story ist Teil einer Reihe.

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Alaniah starrte Karm verblüfft an. Dann bedachte sie Edendar mit einem wütend funkelnden Blick.

“Ihr nehmt mich auf den Arm, oder?”

Sie klang verärgert, doch als die beiden Männer nur unisono den Kopf schüttelten wanderten die Augenbrauen der Frau in die Höhe. Ungläubig wandte sie sich an Karm, der mittlerweile etwas verlegen lächelte.

“Sei ehrlich,” fragte die Kriegerin streng, “du bist wirklich ein Wandelwolf?”

Der Mann nickte nur.

“Ja,” meinte er schlicht, “das bin ich.”

Sein Gesichtsausdruck wurde ernst.

“Ich bin was ich bin, Alaniah und deshalb rieche ich auch in meiner zweibeinigen Gestalt immer noch etwas nach Wolf. Jedes Tier erkennt diesen Geruch und Pferde haben einen guten Geruchssinn. Verstehst du jetzt meine Bedenken?”

Die Albaelihkriegerin nickte langsam.

“Allerdings,” antwortete sie, “das tue ich.”

Sie runzelte nachdenklich die Stirn und starrte ins Leere. Dann plötzlich sprang sie auf und streckte Karm die Hand entgegen.

“Los,” meinte sie leise, “komm schon. Wir gehen zu den Pferden, damit die sich an deinen Geruch gewöhnen können und damit sie merken, dass von dir keine Gefahr für sie ausgeht.”

Karm hob die Augenbrauen und blickte die Kriegerin erstaunt an.

“Was, jetzt?”

Er wirkte etwas irritiert, aber Alaniah nickte lächelnd und bestimmt.

“Ja jetzt,” antwortete sie, “denn wenn wir es wirklich bis zum Sonnenuntergang nach Kliffstein schaffen wollen, müssen wir mit dem ersten Licht des Morgens losreiten.”

Sie streckte Karm erneut die Hand auffordernd entgegen.

“Die Pferde müssen dich jetzt kennenlernen, Karm!”

Mit einem skeptischen Blick ließ sich der Wandler aufhelfen und folgte etwas zögerlich der energischen Albaelihkriegerin in den ersten Raum der Höhle. Dahin wo die Söldner ihre großen Schlachtrösser untergebracht hatten. Sofort umhüllte Karm eine dichte Wolke von verschiedenen Gerüchen, die er im Gesamten als recht angenehm empfand. Die Pferde schnaubten zufrieden vor sich hin und wirkten recht entspannt. Als Alaniah sich den Tieren näherte, hoben zwei von ihnen neugierig den Kopf und stellten die Ohren auf. Eines der beiden, ein großer Hengst schnaubte geräuschvoll und wieherte dann leise.
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Die Albaelih trat auf den großen Schecken zu, streckte ihm die Hand entgegen und liebkoste dann Nase und Maul des Tieres.

“Na mein Großer,” murmelte die Frau leise, “alles in Ordnung? Schau mal, ich hab einen Freund mitgebracht.”

Sie wandte sich Karm zu und lächelte ihn an.

“Das ist Lohme, mein Hengst. Ich habe ihn schon, seit er ein Fohlen war. Ich habe ihn, nachdem seine Mutter umgekommen ist, mit der Hand großgezogen. Er vertraut mir bedingungslos und ich kann ihm ebenso vertrauen.”

Sie zeigte auf die schwarze Stute, die daneben stand und ebenfalls die Ohren nach vorne gestellt hatte.

“Das dort ist Mohrene, Edendars Stute. Auch er hat das Pferd schon, seit es ein Jahr alt war.”

Sie bedachte Karm, der in einiger Entfernung stehen geblieben war mit einem ernsten Blick.

“Wir vertrauen unseren Pferden, so wie sie uns vertrauen, alleine deswegen sind wir so ein gutes Team. Ein solches Pferd wird seinen Reiter und zwar nur seinen Reiter bis ans Ende der Welt tragen und wieder zurück. Selbst wenn der Reiter bewusstlos werden sollte, so wird das Tier, wenn es erst einmal bemerkt hat, dass sein Reiter sich nicht mehr festhalten kann, dementsprechend achtsam vorgehen. Es sind Situationen bekannt, in denen der Krieger im Sattel starb und dann trotzdem noch von seinem Schlachtross nach Hause getragen wurde.”

Die Stimme der Frau war sehr ernst, ja sogar etwas ehrfürchtig geworden und der Wandelwolf nickte sachte.

“Ich verstehe,” meinte er leise, “so ein Pferd wird natürlich auch seinen Reiter verteidigen, nicht wahr? Und es wäre nicht ratsam so ein Tier gar stehlen zu wollen, oder?”

Alaniah nickte nur und Karm schenkte ihr ein kurzes Grinsen.

“Es wäre,” fuhr der Wandler leise fort, “aber auch nicht ratsam sich als Wolf einem solchen Tier nähern zu wollen, besonders nicht, wenn es der Meinung ist, es müsse seinen Reiter vor dem Raubtier schützen.” Mit dem Kinn nickte er zu dem großen Kaltbluthengst hin, der nun etwas unruhig mit den Hufen scharrte. “Er hat mich bereits bemerkt und ich glaube nicht, dass er sehr begeistert von meiner Anwesenheit ist.”

Alaniah betrachtet ihren vierbeinigen Freund und musste unwillkürlich grinsen.
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Tatsächlich, Karm hatte Recht. Lohme hatte den Wandelwolf bereits bemerkt und schien wirklich der Meinung, dass er sie vor diesem seltsamen Wesen, das aussah wie ein Mensch, aber roch wie ein Wolf, beschützen musste.

“Lohme,” tadelte sie ihn mit sanfter Stimme, “das ist kein Feind. Karm ist unser Freund, auch wenn er seltsam riecht.”

Das Pferd schnaubte nur und fixierte den Wandler mit aufmerksamen Blick. Noch glaubte er seiner Reiterin das nicht so wirklich. Schließlich wusste er, dass sie nicht so gut riechen konnte wie er. Wahrscheinlich hatte sie einfach noch nicht bemerkt was da unter dieser zweibeinigen Maske wirklich steckte. Unwillig schüttelte er den Kopf, als sich dieses seltsame Wesen vorsichtig nähern wollte. Schließlich scharrte er sogar drohend mit den Hufen, bereit auszutreten und diesen menschlichen Wolf zu vertreiben. Doch wieder tadelte ihn seine Reiterin mit dieser sanften Stimme und streichelte beruhigend seine Nase. Und das tat sie jedes Mal sobald er versuchte dieses seltsame, nach Wolf riechende Wesen zu vertreiben. Irgendwann kam dem großen Hengst dann der Gedanke, dass seine Freundin und Reiterin vielleicht doch wusste, welches Geschöpf der Fremde war. Schließlich war sie ja nicht dumm und er hatte gelernt, dass er ihr wahrhaftig vertrauen konnte. Erst da lies er den großen dunkelhaarigen Mann mit dem Raubtiergeruch näher an sich heran treten.

Alaniah hingegen wusste, wenn erst einmal Lohme Karm tolerieren würde, dann würden die anderen Pferde dem Beispiel des Schecken folgen.

Insgesamt dauerte es über eine Stunde bis die großen Pferde den Wandelwolf in ihrer Nähe duldeten und noch einmal so lange bis sie sich schließlich sogar berühren ließen. Alaniah mit ihrer Erfahrung mit diesen Tieren war dabei eine unschätzbare Hilfe. Mit ruhiger Hand und sanfter Stimme beruhigte sie die nervösen Pferde wieder und wieder, bis sie den Wandler endlich tolerierten.



Graf Gunther von Kliffstein stand auf dem großen Wachturm seiner Burg und starrte besorgt Richtung Norden. Fröstelnd zog er seinen Umhang etwas enger um sich. Der gerade aufgehenden Sonne fehlte es an Kraft und der Wind war kalt. Der Mann machte sich Gedanken um Alaniah und die Söldner aus Rotkliff, die immer noch nicht zurückgekommen waren.
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Mittlerweile kamen kaum mehr Flüchtlinge in die Stadt und die meisten Flugschiffe hatten bereits abgelegt und den Kurs auf den großen Passat gesetzt. Der große Passat war eine der stetigen, starken Luftströmungen, die sehr weit oben verliefen und die sich kaum änderte. Tatsächlich sah es am Himmel fast so aus, wie in den Meeren, wo es auch bestimmte Wasserströmungen gab, an denen man sich gut ausrichten konnte. Außerdem konnten die Nachttode offenbar nicht so weit nach oben schweben, zumindest war bisher noch keines der Wesen in solchen Höhen gesehen worden. Gunther seufzte schwer. In dieser Nacht hatten die Späher am Stadttor tatsächlich die ersten Nachttode vor der Stadt gesichtet. Das hieß, dass die Kreaturen wohl in dieser Nacht hier einfallen würden. Der Blick des Grafen schweifte über die nahegelegene Schiffswerft, wo unter Hochdruck die letzen Flugschiffe windtauglich gemacht und beladen wurden. Noch vor dem Sonnenuntergang würden sie alle ablegen und sich auf den Weg machen. Mittlerweile gab es auch ein neues Ziel. Nicht mehr nach Hohenfels, der Hauptstadt sollte die Reise führen, sondern nach Tiefentritt, der größten Stadt der Dunai, die in den Schwarzbergen lag. Das hieß, sie konnten die ganze Reise lang die großen Luftströmungen nutzen. Genauer gesagt den großen Passat und den Nord-Südwind. Der große Passat kam von südwestlicher Richtung, folgte der Westküste, traf dann vor den Heralgebirge auf einen Kaltluftwall und drehte dort Richtung Osten ab. Auf Höhe der Schwarzberge, die einen Großteil der Westküste einnahmen, vereinigte sich der Passat mit dem großen Nord-Südwind. Die Flugschiffe mussten so also nur den zwei großen Luftströmungen folgen. Einer schnellen und sicheren Reise stand also wenig entgegen. Zumindest wenn die Schiffe es in die entsprechende Höhe schafften.

Der Graf seufzte leise. Es widerstrebte ihm seine Stadt einfach so im stich zu lassen, aber was blieb ihm denn schon übrig im Angesicht solcher Gegner, wie sie die Nachttode waren. Noch vor dem Sonnenuntergang würden alle Flugschiffe unterwegs sein. Er aber würde solange es ging mit seinem eigenen Schiff der Sturmbraut warten. Er hoffte immer noch, dass Alaniah und die Albaelih es doch noch rechtzeitig nach Kliffstein schaffen würden.

Das Geräusch von sich nähernde Schritte veranlasste dem Mann dazu, sich umzudrehen und dem Neuankömmling entgegen zu blicken.
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Seine Lippen verzogen sich zu einem schmalen Lächeln als er Rosamunde, die Gräfin von Rotkliff erkannte. Die blonde, etwas ältere Frau erwiderte das Lächeln und trat die letzten Schritte zu Gunther.

“Hier also,” meinte sie ,”hast du dich versteckt.”

Der Graf von Kliffstein lachte leise.

“Nun ja versteckt nicht gerade,” antwortete er, “aber mich an einen ruhigen Ort zurückgezogen. Ich musste ein wenig alleine sein mit meinen Gedanken. Hast du etwa nach mir gesucht, Rosamunde?”

Die Frau schenkte ihm ein offenes Lächeln.

“Ja,” meinte sie schlicht, “das habe ich.”

Sie trat neben ihn und ließ nun ihren Blick ebenso wie er über die Stadt schweifen.

“Ich weiß,” meinte sie, “es ist hart seine Stadt im Stich zu lassen. Aber du kannst dir wenigstens sicher sein, dass du niemand hilflos hier zurücklässt.”

Erneut ließ sie ihren Blick schweifen, dann richtete sie ihn auf den Mann.

“Aber Gunther,” fuhr sie fort, “du hast alles getan, was du tun konntest und gegen solche Gegner helfen eben auch keine Mauern. Es ist in Ordnung das Feld zu räumen, wenn es keine Chance auf Sieg gibt. Du machst das schon richtig! Wir machen es richtig!”

Der braunhaarige Mann seufzte schwer und im Licht des jungen Tages entdeckte Rosamunde den allerersten Anflug von Grau an seinen Schläfen. Heute merkte man ihm seine Vierundvierzig Lebensjahre deutlich an. Aber das Grau, das war neu und es machte der Gräfin ein wenig Sorgen. Gunther ähnelte zu sehr seinem Vater. Der hatte sich auch an den Sorgen um seine Stadt und der Grafschaft aufgerieben und war vorschnell gealtert. Er hatte glück, dass er die stille und ernste Alaniah an seiner Seite hatte, den obwohl diese offiziell zwar nur seine Leibwächterin darstellte, war sie darüber hinaus noch viel mehr als das. Die Albaelih war Gunthers Freundin und Ratgeberin und wenn der Graf nicht weiter wusste, dann hatte sicher die kluge Kriegerin eine Idee.

Die Gräfin musterte den Mann und erkannte, das ihn heute noch mehr bedrückte.

“Du sorgst dich auch um Alaniah und die anderen, nicht wahr?”

Gunther nickte.

“Natürlich sorge ich mich, schließlich habe ich die Albaelih da hinausgeschickt.
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Rosamunde lächelte leicht.

“Also ich glaube,” meinte sie, “um die musst du dich wirklich nicht sorgen. Albaelih sind schnell, geschickt, stark, sehr zäh, schlau und die meisten von ihnen sind deutlich pragmatischer veranlagt als ihre Schöngeistigen Vorfahren. Nicht umsonst sind sie für ihre Kriegskunst bekannt und als Söldner geschätzt.” Sie klopfte dem Mann freundschaftlich auf die Schulter. “Sie kommen schon noch und wie ich Edendar Ranadian kenne auf den letzen Drücker.” Sie musterte den Grafen ernst. “Und selbst wenn sie es nicht rechtzeitig schaffen, dann schlagen sie sich schon irgendwie durch.”

Die Frau wirkte optimistisch, doch der Graf musterte sie mit einem skeptischen Blick. Schließlich seufzte er leise.

“Ich weiß,” meinte er schließlich, “aber das ändert leider nichts daran, dass ich mir trotzdem Sorgen um sie mache.”

Rosamunde lachte leise auf und schüttelte den Kopf.

“Oh Gunther, wenn du so daherredest bist du deinem werten Herrn Vater so ähnlich.”

Dies nun entlockte auch dem Grafen ein leises Lachen.





Aridian schreckte im kalten Licht des Morgens hoch und zitterte so sehr, dass er kaum in der Lage war sich in die zerschlissen Decken zu wickeln. Als er es endlich geschafft hatte krümmte sich der junge Mann schutzsuchend zusammen. Es dauerte geraume Zeit bis sein ausgekühlter Körper aufhörte zu zittern und er an etwas anderes denken konnte. Wobei ihm letzteres irgendwie ein wenig schwer fiel. Nur langsam dämmerte ihm, dass dies vielleicht mit den Drogen, die man ihm verabreicht hatte zusammenhängen könnte. Womöglich war auch das was dieser Dschan mit ihm gemacht hatte, als der in seine Gedanken eingedrungen war Schuld an diesem seltsamen Gefühl. Oder vielleicht hatten sie es ja auch endlich übertrieben und zuviel seines Lebens genommen. Auf jeden Fall war der Zustand, in dem er sich gerade befand, gar nicht so unangenehm. Alle Sinneseindrücke schienen ein wenig gedämpft und verschwommen. Seine Erinnerung wies auch kleinere Lücken auf, so konnte er sich gar nicht mehr daran erinnern, wie er eigentlich zurück in diese Zelle gekommen war. An die weibliche Dschan jedoch konnte er sich sehr deutlich erinnern und auch daran, was sie getan hatte.
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Aber auch seine Gefühle schienen in diesem Nebel in seinem Kopf nicht ganz so deutlich zu sein. Zumindest kamen weder das zu diesem Zeitpunkt empfundene Entsetzen, noch die in ihm aufkeimende Hoffnungslosigkeit so richtig an ihn heran. Ein leises Seufzen drang ihm über die Lippen und er spürte wie sich seine Augen gegen seinen Willen wieder schlossen. Sein Geist driftete erneut ab und verlor sich in unruhigen Träumen.



Einige Stunden später schreckte der junge Albaelih erneut hoch und blinzelte in das grimmige Gesicht des Kerkermeisters, der böse auf ihn herabstarrte.

Der grobschlächtige Mann hatte gerade ein Tablett mit Wasserkrug und Schüssel auf den Boden geknallt und nun Aridian in die Seite getreten, damit dieser aufwachte. Missmutig spuckte der Mann aus und trat noch einmal nach dem Gefangen, der reichlich erschocken dreinblickte.

“Essen!”

Mit diesem gefauchten Befehl wandte er sich wieder ab und verließ die Zelle mit lautem Schlüsselgerassel. Aridan blickte ihm verwirrt und noch immer erschrocken hinterher. Erst dann bemerkte er das Tablett, auf dem sich neben dem üblichen Krug Wasser eine dampfende Schüssel und tatsächlich ein Kanten Brot befanden. Der junge Mann rappelte sich auf die Knie hoch und griff mit zitternden Fingern nach dem Stück Brot. Mittlerweile hungerte er schon seit er hier war und das waren immerhin schon einige Tage. Aridian runzelte die Stirn. War er wirklich erst seit drei oder vier Tagen hier? Es kam ihm wesentlich länger vor. Sein Körper brüllte mittlerweile vor Hunger und er ignorierte den stechenden Schmerz in der Hand und dem gebrochenen Finger, als er hungrig das Brot an die Lippen führte und einen vorsichtigen Bissen nahm. Das Brot war hart und trocken, aber durchaus genießbar und der junge Mann brauchte alles was er an Selbstbeherrschung noch übrig hatte, um die Nahrung nicht gierig in sich hineinzustopfen. Er schluckte und zog nun auch das Tablett mit Krug und Schale zu sich heran. Nach einem großen Schluck von dem Wasser begutachtete er den Innhalt der Schale und verzog das Gesicht. Wenigstens roch diesmal der breiige Innhalt besser. Noch einmal schluckte Aridian trocken, dann jedoch überwand der quälende Hunger in seinen Eingeweiden die Abscheu.
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In Ermangelung eines Löffels begann der Albaeli sich das Zeug mit der Linken Hand in den Mund zu schaufeln und obwohl es kaum besser schmeckte, als es roch so war es wenigstens warm und besänftigte den heftigen Hunger. Es blieb ihm verborgen was außer etwas Getreide dieser Brei denn nun wirklich enthielt und wenn Aridian ganz ehrlich war, dann wollte er es auch gar nicht so genau wissen. Als die Schale schließlich leer war und er mit einem großen Schluck Wasser den Geschmack tatsächlich ein wenig losgeworden war, fühlte sich der junge Mann tatsächlich ein ganz klein wenig besser. Erst jetzt widmete er sich dem Stück Brot, das er die ganze Zeit nicht aus der Hand gelegt hatte. Er wickelte sich wieder in die Decken und knabberte lange an dem Stück herum, wobei er den Geschmack wirklich genoss.

Es war schon seltsam, wie gut plötzlich so ein harter und trockener Brotkanten schmecken konnte, wenn man Tagelang gehungert hatte. Noch vor einer Woche hätte er so etwas wohl eher seinem Schlachtross zum Knabbern gegeben. Ganz plötzlich musste der junge Mann an sein Pferd denken, eine schöne graue Stute mit einem weißen Fleck auf der Stirn. Sie stammte von der selben Weide wie Edendars schwarze Stute. Wie die meisten Albaelih hatte er das Tier schon als Fohlen für sich ausgesucht und dann zu sich genommen, da war sie nur wenig älter als ein Jahr. Gegen seinen Willen stiegen ihm nun die Tränen in die Augen. Sicher war seine Faiha von den Dschan getötet worden und er wollte sich so ein Ende für seine treue, vierbeinige Freundin gar nicht vorstellen.

Mühsam unterdrückte er die Trauer um sein Pferd, denn das half ihm im Moment auch nicht. Es würde ihn nur in seinem Willen schwächen. Er musste hier irgendwie raus! Nicht nur um sein Leben zu retten, sondern vor allem um seine Leute zu warnen!

Aber egal wie er es drehte oder wendete, immer verstellte ihm ein wichtiges Detail die Fluchtpläne und ließ sie zerschellen. Die Nägel, die noch immer in seinen Fußsohlen steckten!

Er betrachtete nachdenklich seine Füße. An den dumpfen, pochenden Schmerz hatte er sich mittlerweile gewöhnt und nahm ihn kaum mehr bewusst wahr. Der Albaelih runzelte die Stirn und musste widerstrebend zugeben, dass diese Maßnahme ihn zuverlässig an der Flucht hinderte.
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Er seufzte tief und bedachte immer noch seine Füße mit einem nachdenklichen Blick. Es gab noch eine Möglichkeit, die ihn zumindest jede weitere Qual ersparen würde, aber davor scheute er noch zurück. Und trotzdem war der Gedanke da. Es wäre sicher schmerzhaft, aber nicht unmöglich sich zumindest einen dieser Nägel aus dem Fuß zu ziehen. Mit der scharfen Spitze wäre es bestimmt einfach sich die Pulsadern aufzuschlitzen.

Aridian schluckte und schüttelte leicht den Kopf.

Nein, dafür war er noch nicht bereit!

Aber der Gedanke blieb. Unwillig schüttelte der Albaelih erneut den Kopf und kroch langsam zum vergitterten Fenster seiner Zelle und sah lange hinaus. Der Himmel war bedeckt und ließ nicht viel Sonne durch. Offenbar hatte es in der Nacht geschneit, denn die Welt dort draußen glitzert unschuldig weiß unter einer Schicht aus Neuschnee. Müde lehnte Aridian die Stirn neben dem Gitter an die kalte Wand und blickte sehnsüchtig hinaus. Irgendwie fühlte er sich seltsam und ein wenig benommen. Vielleicht lag es ja daran, dass er wieder etwas im Magen hatte, oder hatte man ihm womöglich etwas ins Essen getan? Das konnte natürlich auch sein. Kurz ärgerte er sich etwas, dass ihm der Gedanke nicht vorher gekommen war, aber im Grunde war das auch egal. Er hätte so oder so gegessen. Müde schloss Aridian die Augen und erkannte benebelt, dass dies ein Fehler gewesen war, denn nun bekam er sie nicht mehr auf. Die Lieder waren einfach zu schwer. Ihm war auch klar, dass er sich besser von dem Fenster entfernen sollte, doch die kühle Luft auf seiner Stirn fühlte sich gut an.



Ein heftiges Zittern, das ihn schüttelte riss ihn aus dieser seltsamen Trance heraus und endlich bekam er auch die Augen wieder auf. Vorsichtig kroch er von dem Fenster fort, zurück zu dem kleinen Strohhaufen, auf dem er schlief und wickelte sich dort fest in die Decken. Ihm ging es gar nicht mehr gut und es hatte wohl gar nichts mit dem Essen zu tun. Noch immer zitterte der junge Mann am ganzen Körper, doch zugleich fühlte sich sein Gesicht furchtbar heiß an.

Ich habe Fieber, dachte er noch, bevor alles um ihn herum dunkel wurde.
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Punktestand der Geschichte:   56
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Kommentare zur Story:

  Na danke für die Meinung.

Nicht Karm muss sich an die Pferde gewöhnen, sondern umgekehrt: die Pferdemüssen sich an karm gewöhnen. Das mag zwar nur ne kleine Nebensächlichkeit sein,aber sie lässt es eben realistischer erscheinen, schließlich wird kaum ein Pferd sogleich mit jemanden, der nach Wolf riecht Freundschaft schließen. Insofern ist das schon wichtig.

Das Unnötig tat schon schön weh! Ich bin lange an diesem Teil gesessen und die ganzen "Kleinigkeiten" sind schon wichtig.
Schade das du so auf das "voran treiben, voran treiben" fixiert bist, so entgeht dir hierwohl einiges. Lass die Geschichte halt auch mal bisserl langsamerfließen. Es wird schon wieder spannender und rasanter.
Außerdem ist das hier eine unüberarbeitete Rohform. Die ist noch nicht perfekt. Muss sie auch gar nicht sein.  
   Tis-Anariel  -  23.10.12 21:54

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  Hallo Anariel,

dieses Kapitel ist... hm... so unnötig (mir fällt grad kein besseres Wort ein) Ich erkenne keine Handlung oder Information darin, welche seine Existenz rechtfertigt. Vielleicht hast du hier ein paar Andeutungen entdeckt, aber nach meinem Empfinden tritt Karms Reise hier auf der Stelle.

Das Tempo ist ja nun schon seit einigen Kapiteln raus aus der Geschichte und du scheinst dich jetzt immer mehr in Kleinigkeiten zu verlieren, die die Handlung einfach nicht mehr vorantreiben - zumindest kommt es mir gerade so vor.

Aridians Gefangenschaft kommt jetzt zwar in jedem Kapitel vor, aber irgendwie passiert auch dort nichts, was die ständigen Wiederholungen seines erbärmlichen Zustands rechtfertigt. Das er hungert und verletzt ist, hatten wir doch schon ein paar Mal - hier muss mal etwas Neues her. Eine Information, die er aufschnappt, ein Fluchtversuch, ein Kommunikationsversuch - etwas, dass sich von den anderen Beschreibungen seiner Lage unterscheidet.

Einzig der 2. Teil um Gunther von Kliffstein bietet etwas Neues, indem ein kleiner Einblick in eine etwas globalere Geschichte gewährt wird.

Der erste Teil, so die Gewöhnung Karms an die Pferde von Bedeutung ist, ist entweder überflüssig oder er fällt viel zu kurz aus. Dieser ganze Absatz ist eigentlich nur Vorgeplänkel, um die Handlung zu rechtfertigen, dass Karm an Pferde gewöhnt werden muss - und wenn es dann endlich zur Handlung kommt, nämlich wie es gelingt, ihn an die Tiere zu gewöhnen, gibt es nur noch drei knappe Sätze und der Teil ist vorbei.
Wenn es wichtig ist - mehr davon. Ansonsten - weg damit.

Nimm mir die strenge Kritik bitte nicht übel, wenn ich den tieferen Sinn des Kapitels überlesen habe, lass ich mich natürlich gern eines Besseren belehren.

Liebe Grüße
Chris  
   Jingizu  -  23.10.12 20:17

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  Huhu Petra,

na das freut mich ja, dass du Karm so magst. Schön wennich diese Szene bildlich hinbekommen habe, wie gesagt, ich fand es etwas schwierig zu schreiben.
Ja um den armen Aridian siehts im Moment grad reichlich finster aus. Ob er da wohl jemals wieder rauskommt?

Liebe Grüße  
   Tis-Anariel  -  09.09.12 15:34

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  Ich mag deinen Karm und konnte mir die Szene, wo die Pferde sich ersteinmal an ihnen gewöhnen mussten, sehr gut vorstellen. Ich drücke Aridian die Daumen, dass er endlich befreit wird. Auch wenn alles so chancenlos für ihn aussieht. Bin sehr gespannt wie es weitergeht.  
   Petra  -  08.09.12 21:45

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  hallo Doska,

freut mich, dass dir das gefällt. Ich persönlich fand es wirklich schweirig zu schreiben, da ich auch von Pferden keine große Ahnung habe.
Ja was wird wohl jetzt mit Aridian passieren? Da dürft ihr gespannt sein, was da noch alles in diesem Turm passiert.

Liebe Grüße  
   Tis-Anariel  -  07.09.12 22:43

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  Schön, wie du erzählst, wie sich die Pferde an den Wandelwolf gewöhnen. Der zweite Teil dieses Kapitels handelt von dem Grafen von Kliffstein, der mit Flugschiffen fliegen kann. Ich verstehe seine Trauer, darüber, dass er die Stadt räumen muß.
Der dritte Teil versetzt einen in Sorge um Aridian. Der arme Kerl muss wirklich viel durchmachen.  
   doska  -  06.09.12 21:47

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  Hallo Gerald,

wie schön, dass du dran bleibst. Freut mich, dass ich es spannend hinbekommen habe und dich neugierig machen konnte.

Liebe Grüße an dich...  
   Tis-Anariel  -  06.09.12 19:37

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  Na ich denke doch, dass etwas Sonderbares in Aridians Essen war. Sehr spannend. Was hat man mit ihm vor? Auch die übrigen Teile dieses Kapitels lassen einen neugierig werden.  
   Gerald W.  -  06.09.12 16:34

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