Falaysia - Fremde Welt - Band1: Allgrizia; Kapitel 18   130

Fantastisches · Romane/Serien

Von:    Ina Linger      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 27. August 2012
Bei Webstories eingestellt: 27. August 2012
Anzahl gesehen: 974
Seiten: 11

Diese Story ist Teil einer Reihe.

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Neue Pläne







Jenna fühlte sich nicht besonders wohl in ihrer Haut. Die letzten Ereignisse hatten sie sowohl körperlich als auch seelisch ziemlich mitgenommen und sie sehnte sich so sehr nach ein wenig mehr Frieden und Ruhe. Zwei Dinge, die sie nicht bekommen konnte, zumindest solange Leon sich nicht wieder beruhigte und sich ihr gegenüber normal verhielt. Er saß mit einem ziemlich großen Abstand zu ihr an dem kleinen Feuer, das sie entfacht hatten, und starrte mit finsterem Blick ins Leere. Sie hatten seit seinem Wutausbruch nur das Nötigste miteinander gesprochen. Er weigerte sich, mit ihr zu reden, verhielt sich die ganze Zeit wie ein schmollendes Kind, das sich ungerecht behandelt fühlte, und sie wusste nicht, was sie tun oder sagen sollte, damit er sie endlich verstand und nicht mehr so wütend auf sie war. Wenn sie ehrlich war, hatte sie auch keine Lust, ihm noch einmal ihr Handeln genauer zu erklären. Dazu war sie einfach zu müde und außerdem war es in ihren Augen auch gar nicht so schwer zu verstehen. Es gab Dinge im Leben, die man einfach nicht tun durfte. Dinge, die jenseits jeglicher Moral und Ethik lagen. Wieso konnte er das nicht begreifen? Und wieso nahm er sich auch noch das Recht heraus, wütend auf sie zu sein?



Jenna biss die Zähne zusammen und schloss kurz die Augen, um ihre eigene Verärgerung wieder in den Griff zu bekommen. Wut war nicht unbedingt ein Gefühl, das ihr half, sich zu entspannen und auszuruhen, sich insgesamt besser zu fühlen.

Es gab da aber noch einen anderen Grund für das mulmige Gefühl in ihrem Bauch, für dieses Unbehagen, das bis in die verstecktesten Winkel ihres verspannten Körpers drang. Zwei eisblaue Augen, die schon seit geraumer Zeit auf ihr ruhten, sie unentwegt beobachteten, mit diesem merkwürdigen Ausdruck, den sie nirgendwo einzuordnen wusste. Es war weder Hass noch Wut, noch Abneigung, aber es war auch keine Dankbarkeit oder Respekt. Irgendetwas ging in diesem Mann vor, beschäftigte seinen Geist so sehr, dass auch er sich nicht entspannen, nicht schlafen konnte – obwohl sein Körper das ihrer Einschätzung nach bitter nötig hatte. Gut – vielleicht machten die festen Stricke an Händen und Füßen und die sitzende Position es auch ein wenig schwierig, die nötige Ruhe dafür zu finden, aber so wie er aussah, war es überhaupt ein Wunder, dass er noch aufrecht saß und nicht längst ins Reich der Träume gedriftet war.
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Sein Gesicht war geschwollen und mit Hämatomen übersät. Die linke Seite seines Hemdes war blutverkrustet und Jenna war sich sicher, dass auch der Rest seines durch Leons Tritte und Schläge malträtierten Körpers nicht sehr viel besser aussah.

Was brauchte es wohl, um diesen Mann wirklich klein zu kriegen, dafür zu sorgen, dass er für eine sehr lange Zeit nicht mehr aufstand? Einen Elefanten, der auf ihm herumtrampelte?



Merkwürdiger Weise verspürte Jenna auf einmal das drängende Bedürfnis mit ihm zu reden. Wahrscheinlich war ihr die Stille zu unangenehm oder es störte sie ganz einfach, dass sie noch nie ein vernünftiges Wort mit ihrem Feind gewechselt hatte. Vielleicht wollte sie auch nur ihr Gewissen erleichtern und sich einmal auf eine nette Art und Weise um ihren Gefangenen kümmern, um vorbildhaft zu zeigen, wie gute Menschen eigentlich mit anderen umgingen. Sie wusste es nicht. Es drängte sie einfach nur danach. Doch der grimmige Gesichtsausdruck Leons hinderte sie daran. Sie hatte keine Lust auf einen erneuten Streit mit ihm. Davon hatte es schon zu viele gegeben.

Sie seufzte und sah nun ihrerseits zu Marek hinüber. Als sich ihre Blicke trafen, zuckte sie zusammen. Die Intensität, mit der er sie ansah, erschrak sie. Seine Augen bohrten sich in die ihren, als wolle er auf den Grund ihrer Seele blicken, und ihr gelang es nicht, sich wieder von ihm loszureißen. Irgendetwas brachte sie dazu, seinem Blick standzuhalten. Wie hieß es noch gleich? Derjenige, der zuerst wegsah, war der Schwächere? Oder galt das nur in Bezug auf Tiere? Egal. Sie würde bestimmt nicht zuerst wegsehen. Marek war nicht mehr der Stärkere hier. Er war ihr Gefangener und sollte begreifen, dass sie keine Angst mehr vor ihm hatte... jedenfalls nicht mehr so viel.

Ein wütendes Schnaufen aus Leons Richtung ließ Jenna erneut zusammenzucken. Der junge Mann stand unbeherrscht auf, funkelte Marek hasserfüllt an, der ihn geflissentlich ignorierte und nur Jenna weiter anstarrte.

Sie bemerkte, dass Leons Blick zu ihr wanderte und war leider gezwungen, das Blickduell mit ihrem Gefangenen aufzugeben und sich stattdessen ihrem Freund zuzuwenden.
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Der versuchte gar nicht erst vor ihr zu verbergen, was in ihm vorging. Es war fast so, als würde er sie nonverbal darum bitten, einschreiten zu dürfen und Marek auf seine ‚nette‘ Art in die Schranken zu weisen. Doch sie schüttelte sofort den Kopf und machte ihn damit nur umso wütender.



Leon biss sichtbar die Zähne zusammen und schloss kurz die Augen, um dann den Kopf zu schütteln. Dann wandte er sich um und hob sein Schwert vom Boden auf.

„Ich geh neues Feuerholz holen“, antwortete er auf ihren besorgt fragenden Blick und stapfte sogleich davon.



Jenna sah ihm mit einem flauen Gefühl im Bauch nach. Wie sollte das alles nur weitergehen?



„Er scheint wütend zu sein“, erinnerte sie eine dunkle Stimme daran, dass sie nicht allein war, und sie wandte sich wieder zu ihrem Gefangenen um.

Allein. Sie war allein mit ihm. Ihre Hand wanderte automatisch zu dem Stein um ihren Hals und das warme Kribbeln, das sofort von ihm ausging, beruhigte sie schnell wieder. Ganz allein war sie dann doch nicht und solange sie den Stein hatte, war sie wohl besser geschützt als jeder andere Mensch in Falaysia.



„Er… hat heute nur einen schlechten Tag“, erwiderte sie betont gelassen.



Marek lächelte. Es war ein Lächeln, das eigentlich gar keines war, gefühllos, eine reine Attrappe, die nur dazu diente, den Anschein zu erwecken, ein netter Mensch zu sein.

„Ich glaube nicht, dass dieser Tag schlechter ist als andere“, meinte er. „Er hat eher ein anderes Problem.“



„Und das wäre?“ erkundigte sich Jenna und beugte sich ein wenig vor.



„Du“, sagte er offen. „Du bist nicht nur meins, sondern auch seins.“



Sie runzelte verärgert die Stirn. „Inwiefern?“



„Dir fehlt die Berechenbarkeit, die so vielen Menschen in Falaysia zu eigen ist. Es verwirrt ihn, dass du keine feste Seite einnehmen willst.“



„Was meinst du mit ‚Seite‘?“



Da war wieder dieses seltsame Schmunzeln, das dieses Mal besonders eigenartig aussah, weil seine Oberlippe so geschwollen und blutig war.



„Darf ich dir einen Rat geben?“ Es klang wie eine Frage, doch da Marek nicht auf eine Antwort wartete, war es wohl nicht so gemeint.
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„Mach dir das Leben hier in Falaysia nicht so schwer. Orientiere dich lieber an allen anderen und teile die Welt einfach in Gut und Böse ein, schwarz und weiß. Halte dich nicht damit auf, nach dem Grau, nach Nuancen zu suchen. Das wird hier nicht gern gesehen – auf keiner der beiden Seiten und du würdest dir am Ende nur damit schaden. Das siehst du schon an dem Verhalten deines Freundes.“



Jenna sah ihn einen Moment nachdenklich an, dann schüttelte sie den Kopf. „Es gibt kein reines Schwarz und Weiß“, erwiderte sie mit fester Stimme. „Und ich werde mein Verhalten bestimmt nicht von der Meinung anderer abhängig machen.“



„Wovon dann?“



„Davon, wie sich die Menschen mir gegenüber verhalten und von meinen eigenen Beobachtungen und Einschätzungen.“



„Kannst du das denn? Menschen gut einschätzen?“



‚Das gehört zu meinem Beruf‘, wollte sie sagen, biss sich aber noch rechtzeitig auf die Zunge. Die Menschen hier wussten ganz bestimmt nicht, was eine Familientherapeutin war. Außerdem sollte niemand wissen, dass sie aus einer anderen Welt kam und… Sie hielt inne und zog die Brauen zusammen, als sie Marek wieder ansah. Hatte er nicht gerade eben davon gesprochen, dass sie sich in dieser Welt besser anpassen sollte? Dann wusste er, dass sie nicht von hier kam. Großer Gott!



Er hob ein wenig die Brauen, weil er immer noch auf die Beantwortung seiner Frage wartete. Was war das noch gleich gewesen?



„Ich… Ja.“ Sie schwieg wieder, war einfach zu aufgewühlt, um weitere Erklärungen abzugeben.



Marek musterte sie kurz. „Tatsächlich? Was für ein Mensch bin ich?“



„Das… das weiß ich noch nicht“, stammelte sie. „Du musst zugeben, dass wir noch nicht wirklich viel Zeit miteinander verbracht haben.“



Der Laut, der aus Mareks Kehle kam, klang wie ein kurzes Auflachen, doch sie war sich nicht sicher, weil die Mimik seines Gesichts momentan so eingeschränkt war. War er wirklich amüsiert?



„Meine Schuld ist das nicht“, erwiderte er. „Es ist ja nicht so, dass ich bei unserer ersten Begegnung weggerannt bin.
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Jennas Augen weiteten sich und sie schnappte empört nach Luft. „Wie bitte?! Du… du wolltest… du wolltest mich vergewaltigen! Bezeichnest du so etwas als ein nettes ‚Sich-Kennenlernen‘?!“



„Wollte ich das?“ Er setzte einen beinahe unschuldigen Gesichtsausdruck auf und brachte sie damit so sehr aus dem Konzept, dass sie nur die Lippen bewegte, ohne auch nur einen Ton herauszubringen.



„Bei der Sache ging es doch gar nicht um dich“, setzte der Krieger gelassen hinzu und Jenna war sich sicher, dass seine Worte von einer abwinkenden Geste begleitet worden wären, wenn er seine Hände uneingeschränkt hätte bewegen können. „Aber du hast Recht, viel Zeit hätten wir bestimmt nicht miteinander gehabt. Ich wusste ja nicht, was du bist.“



Jenna hielt erneut die Luft an und ihr Herz begann sofort schneller zu schlagen. „Was bin ich denn?“



„Ein Dämon.“ Er grinste und gab damit seinem eigenen momentan ziemlich deformierten Gesicht ein beinah dämonisches Aussehen.



Sie schüttelte sofort den Kopf und stieß ein unechtes Lachen aus. „Das bin ich nicht.“



„Oh doch. In den Augen vieler Menschen hier schon“, freute er sich. „Du kommst aus einer anderen Welt – der Welt Erexos. Der Name ‚Verirrte‘ wird nichts an dieser Tatsache ändern und auch die Angst der Menschen vor dir nicht schmälern, sollten sie erfahren, was du bist.“



Jenna atmete ein wenig zittrig ein und schüttelte erneut den Kopf. „Ich komme vielleicht aus einer anderen Welt – aber ich bin kein Dämon!“



„Nur eine Frau, die einen leblosen Stein zum Glühen bringen kann und eine Wand aus unsichtbarem Feuer zwischen sich und ihren Feinden entstehen lassen kann“, setzte er hinzu und nickte scheinbar verstehend. „Ja, ich sehe ein, dass der Vergleich hinkt.“



„Ich… ich war das nicht!“ gab Jenna aufgebracht zurück. „Es ist der Stein selbst. Er muss magisch sein. Und du… du weißt das genau! Schließlich hat er dir gehört!“



„Du kannst ihn mir ja wiedergeben – dann bist du von dem ‚Fluch‘ der Magie befreit und kannst aller Welt beweisen, dass du ganz normal und mit Sicherheit kein Dämon bist.
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„Ja, natürlich“, gab sie mit einem weiteren freudlosen Lachen zurück. „Du bekommst den Stein und verschwindest ganz friedlich und jeder von uns kann in Frieden weiterleben.“



„Nein.“ Er deutete ein Kopfschütteln an. „Ich bekomme den Stein, töte Leon und nehme dich mit, um herauszufinden, was das alles mit dir auf sich hat.“



Sie war sprachlos. Sie hatte nicht mit einer solch brutalen Ehrlichkeit seinerseits gerechnet.



„Nun sieh mich nicht so an“, fuhr er fort. „Hast du geglaubt, dass deine kleine Rettungsaktion mich mit einem Mal zu einem guten Menschen gemacht hat? So dumm bist du doch nicht – jedenfalls hast du bisher nicht diesen Eindruck gemacht.“



Jenna brauchte einen Moment, um sich so weit zu sammeln, dass sie wieder sprechen konnte, ohne durchscheinen zu lassen, wie sehr seine Worte sie aufgewühlt hatten.



„Du bist mir wohl gar nicht dankbar?“ brachte sie schließlich bitter heraus, ihre Enttäuschung darüber noch viel zu augenscheinlich.



Marek lächelte wieder und dieses Mal gab er sich wirklich Mühe dabei freundlich auszusehen.

„Glaub mir, ich würde mich sehr gerne erkenntlich zeigen“, sagte er. „Aber du wirst selbst zugeben müssen, dass es mir im Moment wohl recht schwer fallen würde.“ Er hob nachdrücklich seine gefesselten Hände.



Jenna runzelte die Stirn. „Das ist doch nicht dein Ernst.“



„Sehe ich aus wie ein Lügner?“ fragte er zurück.



„Ich weiß nicht“, überlegte sie. „Steht es denen denn auf die Stirn geschrieben?“



Marek zuckte die Schultern. „Man könnte dafür sorgen.“



Jenna konnte nicht anders, sie musste schmunzeln. Der Mann hatte ja Humor.

„Du bist mir nicht wirklich dankbar, oder?“ hakte sie noch einmal nach.



Er sah nachdenklich hinauf zu den Wipfeln der Bäume über ihnen und zuckte dann die Schultern. „Sagen wir, ich befinde mich noch in einem Gefühlsfindungsprozess.“



Er grinste breit und sah für einen Moment eher wie ein großer Junge aus, als wie ein gefährlicher Krieger.
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Vielleicht war er gar nicht so alt wie er durch den wild wuchernden Bart aussah. Überhaupt wurde dieser Mann für sie immer mehr zu einem großen Rätsel, jetzt, wo sie ein paar mehr Worte mit ihm sprach… die Art, wie er sich ausdrückte, ließ ihn fast gebildet erscheinen und je länger er Englisch sprach, desto schwächer wurde sein Akzent. Leon hatte zwar gesagt, dass er klug war, aber das hier…



„Schließlich habe ich dir ja ebenfalls das Leben gerettet“, setzte er hinzu und hob nachdrücklich eine Braue.



„Ja, aber ich habe es dir zweimal gerettet“, erwiderte sie, bevor ihr klar war, wie kindisch das klang.



Sein Grinsen wollte noch ein klein wenig breiter werden, scheiterte jedoch anscheinend an dem Schmerz in seiner aufgesprungenen Lippe, der ihn kurz zusammenzucken ließ.



„Ich hatte überlegt, ob man damit vielleicht deinen dreisten Diebstahl aufwiegen könnte…“, gab er zurück.



„Ach so?“ Sie schenkte ihm einen kritischen Blick. „Ist dein Leben so wenig wert?“



Seine Augen blitzten amüsiert auf. „Was denkst du?“



Sie legte nachdenklich den Kopf zur Seite und schürzte abwägend die Lippen. „Sagen wir, ich befinde mich diesbezüglich noch in einem Gefühlsfindungsprozess…“



Er überraschte sie mit einem lauten, tiefen Lachen. „Touché“, grinste er, wurde dann aber schnell wieder ernst. „Doch die Frage sollte besser sein: Wie wertvoll ist das, was du mir gestohlen hast?“



„Wie wertvoll ist es denn?“ griff sie einfach seine Formulierung auf und brachte ihn erneut dazu, zumindest ein leises Lachen auszustoßen.



„Was denkst du?“ wiederholte er schmunzelnd seine Frage.



Sie dachte einen Moment nach, kratzte sich an der Schläfe. „Sagen wir es mal so: Davon abgesehen, dass der Stein in dem Amulett magische Kräfte zu haben scheint, hat es wohl auch einen persönlichen Wert für dich – so wie du dich benommen hast, als ich dir das Amulett nicht wiedergeben wollte. Aber ob es mehr Wert hat als dein Leben…“



Sie bedachte ihn mit einem zweifelnden Blick.
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„Eigentlich bin ich nicht der Meinung, dass irgendeine Sache ein Menschenleben aufwiegen könnte. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die da anders denken, aber in meinen Augen –“



„– bin ich mehr wert als das Amulett?“ Er tat überrascht. „Obwohl ich dein Feind bin?“



„Bist du das?“ begegnete sie seiner Frage mit einer Gegenfrage. Was er konnte, konnte sie auch.

Seine hellen Augen musterten sie ein weiteres Mal eingehend und ein paar nachdenkliche Falten erschienen auf seiner Stirn.



„Nun, ich würde behaupten, dass die meisten Menschen, die dieselbe Vorerfahrung mit mir gemacht hätten wie du, mich ganz gewiss als Feind sehen würden und mich unter Garantie nicht vor der Wut deines Freundes gerettet hätten. Aber du… du bist irgendwie seltsam.“



„Seltsam?“ wiederholte sie mit einem Hauch Empörung in der Stimme und brachte ihn erneut zum Lachen.



„Unberechenbar – wie ich schon sagte.“



Aus seinem Mund klang das fast wie ein Lob und Jenna senkte verlegen den Blick, ergriff einen Ast, der neben ihr lag, und stocherte damit im Feuer herum. Was tat sie hier nur? War es wirklich eine so schlaue Idee diesen Mann besser kennen zu lernen? Sie fühlte ganz genau, dass ihre Anspannung und vor allen Dingen ihre Angst vor ihm langsam verschwand und stattdessen ihrer oftmals so gefährlichen Neugierde Raum zur Entfaltung gab. Nicht gut. Gar nicht gut.



„Und wenn ich nicht dein Feind wäre“, fuhr er mit samtig weicher Stimme fort, „wäre ich dann gefesselt?“



„Das ist nur Eigenschutz“, murmelte sie und sah ihn dabei immer noch nicht an. „Ich will nicht, dass… dass so etwas wie in deinem Lager noch einmal passiert.“



„Das wird es nicht.“



Sie hob nun doch ihren Blick und war erstaunt, dass der Mann tatsächlich dazu in der Lage war, etwas mehr Wärme in seinen Augen erscheinen zu lassen. Sie wusste ganz genau, was für ein Spiel er hier mit ihr spielte, aber sie würde nicht darauf hereinfallen.



„Du sagtest auch, du würdest Leon töten, wenn du frei wärst“, hielt sie ihm vor, gespannt wie er darauf reagieren würde.
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„Und das war keine Lüge“, überraschte er sie erneut mit seiner Ehrlichkeit und beugte sich ein wenig zu ihr vor. „Die Dinge, die da zwischen mir und Leon stehen, können nur auf eine Art und Weise gelöst werden: Einer von uns muss sterben. Und ich werde alles Nötige dafür tun, dass nicht ich derjenige bin. Du wirst bald feststellen, dass er dasselbe denkt, und glaube mir, wenn er die Möglichkeit hat, wenn du ihm nur für ein paar Minuten den Rücken zudrehst und nicht aufpasst, wird er wieder sein Glück versuchen.“ Marek hob demonstrativ seine gefesselten Hände. „Ich kann ihn verstehen – es gab für ihn noch nie eine bessere Gelegenheit.“



Jenna schluckte schwer und sagte erst einmal nichts. Sie hätte gern das Ganze mit einer wegwerfenden Geste von sich gewiesen, sich eingeredet, dass Marek nur versuchte sie und Leon gegeneinander auszuspielen – und sie war sich eigentlich auch sicher, dass er das tat – doch ein kleiner Teil von ihr selbst wusste, dass der Mann nicht ganz falsch lag, wusste, dass Leon solch ein Handeln durchaus zuzutrauen war. Natürlich brachten diese Gedanken sofort das Unbehagen und den unangenehmen Druck in ihrem Bauch zurück, wurde sie dadurch doch daran erinnert, dass sie momentan keinen Plan hatten, nicht wussten, was sie mit Marek machen und wie sie ihre Reise nach Trachonien fortsetzen sollten.



„Ich lasse das nicht zu“, sagte Jenna schließlich leise und sah ihm dabei fest in die Augen. „In meiner Gegenwart wird niemand getötet – weder du noch Leon noch sonst irgendjemand!“



„Und du meinst, du kannst dich wirklich damit durchsetzen? Hier in diesem Land?“



Sie nickte entschlossen, ergriff das Amulett und hielt es etwas in die Höhe. „Ich denke, solange ich das hier habe, habe ich auch das Sagen.“



Mareks Augen fixierten den Schmuckstein, bevor sie sich wieder auf ihr Gesicht richteten. „Dann solltest du gut darauf aufpassen“, riet er ihr mit einem erstaunlich sanften Lächeln. „Denn ohne das Amulett wirst du mit deiner Einstellung nicht lange in dieser Welt überleben.“



Seine Worte zerschlugen ihre neu gewonnene Zuversicht viel zu rasch wieder, weil sie genau fühlte, dass er damit Recht hatte.
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Zweimal schon war sie nur knapp mit ihrem Leben davongekommen. Die Wunden an ihrem Körper erinnerten sie schmerzhaft daran, dass sie eigentlich nur Glück gehabt hatte. Und das Glück war kein verlässlicher Kamerad – das hatte sie schon früh in ihrem Leben gelernt.



„Dann wird sie es halt nicht mehr ablegen“, ertönte Leons Stimme auf einmal aus der Dunkelheit des Waldes und ließ Jenna heftig zusammenzucken. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass er sich wieder an sie herangeschlichen hatte. Und warum war er so leise gewesen? Hatte er sie beide belauscht?

Ihr Freund trat mit einem Stapel Holz in das Licht des Feuers und legte diesen dann neben Jenna ab. Er wirkte irgendwie verändert, nicht mehr so bekümmert und angespannt. Und spielte da nicht sogar ein kleines Lächeln um seine Lippen?



„Lass dich von ihm nicht einschüchtern“, wandte er sich an sie. „Er wird uns bald nichts mehr anhaben können.“



Jenna runzelte die Stirn, gewann aber schnell den Eindruck, dass Leon dieses Mal nicht davon sprach, Marek zu töten. „Heißt das, du hast eine gewaltfreie Lösung für unser Problem gefunden?"



Er nickte und sein Lächeln wurde zu einem zufriedenen Grinsen.



„Und?“ Sie konnte kaum die Aufregung aus ihrer Stimme heraushalten. „Wie lautet diese?“



„Du kannst dich gewiss noch daran erinnern, wohin wir reiten wollten, oder?“



Sie nickte etwas zu eifrig.



„Kannst du dich auch daran erinnern, was ich dir über Alentara bezüglich Mareks erzählt habe?“ Sein Grinsen wurde noch breiter, doch er sah nicht sie an, sondern Marek, der ihr Gespräch interessiert verfolgt hatte und nun ein ziemlich entsetztes Gesicht machte.



„Das wagst du nicht, Shuzma!“ stieß er unbeherrscht aus und bewegte sich ein wenig vor, was dazu führte, dass Leons Hand sich sofort auf den Knauf seines Schwertes legte.



„Du hast mir gar nichts zu befehlen, Tashor!“ zischte ihr Freund zurück. „Ich kann mit dir machen, was ich will. Du bist mein Gefangener!“



„Hey! Stopp!“ fuhr Jenna dazwischen und erhob sich, sah verärgert von einem zum anderen.
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„Könnte mir mal einer erklären, um was genau es hier geht?!“



Widerwillig unterbrach Leon das Blickduell und wandte sich ihr wieder zu. „Alentara versucht angeblich schon seit Jahren, an Marek heranzukommen, um den Zwist zwischen ihnen zu… klären.“



Er hob sofort beschwichtigend die Hände, als er bemerkte, wie seine Worte bei ihr ankamen. „Keine Sorge. Sie wird ihn nicht töten. Sie ist nicht so verrückt, sich mit Nadir anzulegen, aber vielleicht können wir sie dazu bewegen, ihn für eine ganze Weile wegzusperren. Sie soll sehr wütend auf ihn sein – und Nadir wird sie deswegen nicht gleich angreifen.“



„Ihr habt nicht den Hauch einer Ahnung, in was ihr euch da einmischt!“ knurrte Marek bedrohlich und seine Augen schossen tödliche Blitze auf Leon ab, doch das störte Jenna im Moment wenig. Ihre Gedanken überschlugen sich und je mehr sie darüber nachdachte, desto besser gefiel ihr Leons Idee. Sie barg zwar ein gewisses Risiko, aber in ihrer momentanen Lage gab es wohl kaum einen Plan, der nicht riskant sein würde.



„Das ist die dümmste Idee, die ein Mensch mir gegenüber je geäußert hat“, fuhr Marek erregt fort. „Und ich habe leider schon eine ganze Menge dummer Menschen kennen gelernt.“



„Wie oft muss ich es noch sagen?“ fauchte Leon zurück. „Du hast hier gar nicht mitzureden. Und allein, dass du dich so aufregst, zeigt mir, dass die Idee alles andere als dumm ist. Hast du etwa Angst – hä?“



„Leon“, mischte sich Jenna schnell wieder ein und schob sich rasch in sein Blickfeld. „Ich denke, wir sollten das zumindest probieren. Es könnte funktionieren.“



„Das wird es nicht!“



„Halt einfach dein Maul, Marek!“



Leon konzentrierte sich wieder auf Jenna und nickte. „Das wird es“, versprach er ihr, hob eine Hand an ihre Wange und strich sanft mit dem Daumen über ihre vom Feuer erhitzte Haut. Es war eine Geste der Versöhnung und brachte ein warmes Lächeln auf ihre Lippen. Ihre Hand fand rasch die seine und drückte sie sanft und irgendwie kehrte damit auch das Gefühl der Zuversicht und Hoffnung zurück in ihr Inneres.
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Wenn sie zusammenhielten, Seite an Seite versuchten das Beste aus ihrer misslichen Lage zu machen, dann war zwar nicht alles, aber so vieles möglich… so vieles.

Sie durften sich nur nicht wieder entzweien lassen, nicht von Marek und nicht von allen anderen Gefahren und Versuchungen, die hier in Falaysia noch auf sie lauerten. Und irgendwann würde alles wieder gut werden…
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Punktestand der Geschichte:   130
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Kommentare zur Story:

  Es tut geradezu weh, an dieser Stelle die Protagonisten verlassen zu müssen. Wann gibbet die Fortsetzung?
lg  
   holdriander  -  13.10.12 09:51

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Ich habe mir dieses Buch ja schon durchgelesen. Das ist ein sehr interessantes Kapitel bei dem einem Marek immer sympathischer wird.  
   doska  -  28.08.12 11:55

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