Falaysia - Fremde Welt - Band1: Allgrizia; Kapitel 17   124

Fantastisches · Romane/Serien

Von:    Ina Linger      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 23. Juli 2012
Bei Webstories eingestellt: 23. Juli 2012
Anzahl gesehen: 756
Seiten: 18

Diese Story ist Teil einer Reihe.

Verfügbarkeit:    Die Einzelteile der Reihe werden nach und nach bei Webstories veröffentlicht.

   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


*Da bin ich wieder mit dem nächsten Kapitel. Wünsche euch ganz viel Spaß damit. Und wer’s noch nicht getan hat – bitte für mich hier abstimmen: http://www.epubli.de/shop/buch/Falaysia---Fremde-Welt-Ina-Linger-9783844225600/16592.



Und denkt dran auf ‚Abstimmen‘ und dann ‚Zur Anwendung drücken und nicht auf ‚gefällt mir‘! Danke, danke, danke, danke, eure Ina*



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Monster







„Xi nahac treun Jenna“, murmelte Jenna leise vor sich hin, während sie sich nach einem Ast zu ihren Füßen bückte und diesen dann zu dem bereits beachtlichen Stapel an Brennholz in ihrem Arm legte. Leon und sie waren den ganzen Tag hindurchgeritten und hatten schon ein beachtliches Stück ihres langen Weges nach Trachonien hinter sich gebracht. Nun aber, da die Dämmerung eingesetzt hatte und beide ziemlich erschöpft waren, hatten sie beschlossen, endlich eine Pause einzulegen und ihr Nachtlager versteckt im dichten Wald aufzuschlagen.

Jenna hatte sich dazu bereit erklärt, Feuerholz zu sammeln, während Leon das Lager herrichtete und nutzte die Zeit, die sie allein mit sich selbst war, dazu, sich die wenigen Sätze in zyrasisch, die Leon ihr bisher beigebracht hatte, immer wieder vorzusprechen; einfache Sätze wie „Ich heiße Jenna“, „Ich habe Hunger“ oder „Wo geht es nach…“. Sie beide konnten wohl nicht die Angst abschütteln, dass sie irgendwann doch noch getrennt werden würden und in diesem Fall war es einfach notwendig, sich wenigstens minimal mit der Landbevölkerung verständigen zu können, denn die Wege in die größeren Städte waren meist weit.

Natürlich hatte Leon auch schon versucht ihr einige Verben und andere wichtige Worte beizubringen, doch viel es ihr deutlich schwerer, sich an diese zu erinnern und eigene Sätze zu konstruieren, wie sich nun wieder zeigte. Irgendetwas an ihrem Satz war verkehrt.



„Nein, besser ist xi..., verdammt, wie war noch mal das Wort für heißen?!“ Jenna kratzte sich nachdenklich an der Stirn, bückte sich dann und hob einen weiteren dicken Stock auf, den sie sich zu den anderen unter den Arm schob.
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„ Ah, ich weiß es: mijam!“



Sie freute sich wie ein kleines Kind und hätte sich am liebsten selbst auf die Schulter geklopft. Leon hatte Recht, so schwer war diese Bauernsprache dann doch nicht. Es brauchte nur ein wenig mehr Übung und Selbstvertrauen.

Jenna trat nun beinahe beschwingt auf die nächste kleine Lichtung des Waldes. „Quiit travesc xo xe?“ sprudelte die nächste Frage aus ihr heraus, was so viel hieß wie „Wie geht es dir?“.



„ Xi travesc xo ulsi. Zi xo?“



Sie lachte. Irgendwie klang es ziemlich merkwürdig, wenn sie zyrasisch sprach, zumal sie die Aussprache der einzelnen Wörter noch nicht richtig beherrschte. Sie griff erneut nach einem Ast und wog ihn abschätzend in ihrer Hand. Er war ziemlich schwer und dick und zudem noch sehr lang. Eignete sich so etwas überhaupt für ein Lagerfeuer? Jenna war nicht gerade eine Expertin, was das Anfachen von Feuer betraf. Sie betrachtete den Stock eingehend und hielt dann plötzlich inne. Ihr Nacken kribbelte so seltsam und sie hatte auf einmal das unangenehme Gefühl, dass sie nicht mehr allein war. Sie blickte auf und sah sich um. Bäume, Büsche… nichts Ungewöhnliches… Oh! Was war das?



Es war schwer zu entdecken, da sein Fell sich kaum von der Umgebung unterschied, aber da zwischen zwei Bäumen, halbwegs verdeckt von einem Busch saß etwas. Ein Tier, mit seltsamen gelben Augen. Sie hatte es schon einmal gesehen. Damals am Elfenteich. Diese Mischung aus Affe und Wolf… Aber irgendetwas an ihm war anders… seine Haltung, die Art und Weise wie es sie ansah. So hungrig und lauernd.

Jennas Herz begann schneller zu schlagen und sie hatte Mühe gegen die in ihr aufkeimende Angst anzukämpfen. Keine Panik! Was hatte Leon gesagt? Diese Unaks, oder wie sie auch hießen, waren nicht gefährlich, wenn sie allein auftraten? Prima! Dieses Tier war allein, und zudem wirkte es viel kleiner als damals am Teich. Vielleicht ließ es sich ja ganz leicht vertreiben.



„Sch-sch!“ machte sie und hob den Stock in ihrer Hand, so als wolle sie damit nach ihm werfen. Doch das Tier bewegte sich nicht, sah sie nur weiterhin starr an.



„Verschwinde!“ rief Jenna und machte einen drohenden Schritt auf es zu.
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Ein leises Pfeifen, das Jenna durch Mark und Bein ging und sie augenblicklich verharren ließ, drang aus seiner Kehle, gefolgt von einem hohen Quietschen. Sie wusste augenblicklich, dass das nichts Gutes bedeutete und fuhr blitzartig herum, als nur Sekunden später ein lautes Knacken und Rascheln hinter ihr ertönte. Sie hatte Glück, dass sie so ausgeprägte Reflexe besaß, denn wie von selbst flog ihre Hand mit dem Stock hoch, als ein riesiges Fellwesen auf sie zuschoss, und katapultierte dieses mit einem dumpfen Knall zurück ins Gebüsch. Und die Hölle brach los: Lautes Geschrei ertönte aus allen Richtungen, und der Wald um sie herum schien plötzlich lebendig zu werden. Von überall her tauchten plötzlich weitere dieser Unaks scheinbar aus dem Nichts auf, hüpften und stolperten schreiend aus dem sie umgebenden Unterholz. Doch sie griffen sie nicht sofort an, schienen erst einmal abschätzen zu wollen, mit was für einem Opfer sie es zu tun hatten, ob sie gefährlich war, schließlich hatte sie den ersten Angriff gekonnt abgewehrt. Stattdessen begannen sie Jenna mit gebleckten Zähnen einzukreisen.

Jennas Herz hämmerte hart und schmerzhaft in ihrer Brust, während ihr Gehirn auf Hochtouren arbeitete, und sich ihre Finger um die einzige, wenig wirksame Waffe krallten, die sie besaß. Zurück konnte sie nicht, auch nicht seitwärts oder nach vorne. Überall waren diese Tiere, die sich geduckt an sie heranschlichen und sich ab und zu in großer Vorfreude die merkwürdigen Mäuler leckten.

Jenna drehte sich im Kreis, um möglichst jedes im Auge zu behalten. Ihr Verstand war geschärft wie nie, ihr Körper in völliger Anspannung. Statt Verzweiflung packte sie Wut, obwohl sie innerlich tausend Tode starb. Schließlich kam sie zu dem Schluss, wild um sich schlagend, zu einer Seite auszubrechen, nur kam sie nicht mehr dazu, ihren Plan in die Tat umzusetzen, denn eines der Unaks sprang plötzlich mutig mit einem Kreischen hervor. Mit einem gezielten Schlag schoss sie es wieder zurück in die Reihen der anderen Monster. Doch für die schien der Kampf nun eröffnet und sie stürzten sich brüllend auf ihr Opfer.



Jenna schrie und schlug um sich. Sie fühlte wie Krallen ihre Kleider zerrissen, brennende Spuren auf ihrer Haut hinterließen, wie Zähne nach ihr schnappten, ihre Haut aufrissen, da wo sie sie erwischten, fühlte drahtiges Haar, fühlte die Verzweiflung und die unglaubliche Angst, aber dennoch hörte sie nicht auf sich zu wehren, und sie hörte sich schreien, tief und laut, obwohl sie glaubte, dies längst nicht mehr zu tun.
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Sie wusste, sie war verloren – bis sie den Schatten wahrnahm, eine menschliche Silhouette, eine Gestalt, die ihr Schwert in der Luft schwang und es dann in die Menge der Unaks fahren ließ. Einige Körperteile flogen durch die Luft, Schmerzensschreie, die nicht menschlicher Natur waren, ertönten, und dann ließen die Tiere von ihr ab, stürzten sich in rasender Wut auf ihren Retter.

Jenna sank keuchend in die Knie. Von Schmerzen betäubt und völlig entkräftet sah sie dem Kampf zu, der sich vor ihren Augen abspielte. Die Unaks waren in großer Überzahl. Es waren unglaublich viele, mehr als ein Dutzend. Sie waren auch nicht klein, sondern mindestens so groß wie zehnjährige Kinder und dazu schienen sie nur aus Muskeln zu bestehen und waren mit langen, scharfen Krallen an den Pranken ausgerüstet. Waffen, die an einem menschlichen Körper erheblichen Schaden anrichten konnten. Dennoch schienen sie gegen ihren neuen Gegner kaum eine Chance zu haben. Mit fließenden Bewegungen, einer Wendigkeit, die Jenna noch bei keinem anderen Menschen gesehen hatte, und kräftigen Schlägen, streckte ihr Retter jeden nieder, der ihm oder ihr auch nur zu nahe kam. Obwohl die Unaks versuchten, ihn von allen Seiten zu attackieren, gelang es keinem auch nur nahe genug heran zu kommen, um ihn ernsthaft zu verletzen. Er war zu schnell, zu konzen-triert, zu geschickt. Er war ein hervorragender Schwertkämpfer und er war der Mann, den sie die ganze Zeit so gefürchtet hatte, ihr schlimmster Feind.



Langsam ließen die Unaks von ihm ab, verschwanden heulend im Wald, und die die es nicht taten, landeten niedergestreckt im Gras.

Jenna hätte wegrennen sollen, zu Leon, ihn warnen. Aber sie konnte es nicht. Sie war am Ende ihrer Kräfte. Der Kampf mit den Unaks hatte ihr all die Energie geraubt, die ihr diese schreckliche Welt noch gelassen hatte. Jetzt konnte sie nicht mehr fliehen. Sie hatte resigniert, aufgegeben.

Der letzte Unak verschwand mit lautem Gekreische im Wald, und Jenna war allein mit dem gefürchtetsten Krieger ganz Falaysias.
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Er sah sich noch einmal kurz um, bevor sich sein Blick auf ihre Gestalt richtete. Sie konnte nicht feststellen, ob sein Blick mörderisch oder kalt war, denn ihre Augen füllten sich augenblicklich mit Tränen, während sich ihre Kehle zuzuschnüren und es in ihrer Nase verräterisch zu kribbeln begann. Was sie bemerkte, war, dass er nun auf sie zukam, schwerer atmend als es normal war, aber immer noch mit gezogenem Schwert.

Die Panik in Jenna wuchs und sie versuchte nun doch auf die Beine zu kommen, doch ihre Kraft reichte nicht aus und so wich sie am Boden auf allen Vieren vor ihm zurück, eine Hand abwehrend in seine Richtung ausgestreckt, und schüttelte verzweifelt den Kopf. Gleich würde er ihr den Kopf abschlagen. Er würde nicht zögern – das hatte Leon ihr gesagt.

Doch Marek überraschte sie. Er blieb dicht vor ihr stehen und… lächelte?! Arrogant und kühl, aber immerhin war es ein Lächeln und nicht die Hand des Todes, die sie traf.



„Ich glaube wir kennen uns“, brachte er etwas atemlos hervor. „Doch. Ich glaube sogar, dass du es bist, nach der ich suche. Eine kleine, lebensmüde Diebin.“



Jenna wollte es nicht, doch irgendwie war das alles zu viel für sie und ein jämmerliches Schluchzen drang aus ihrer Kehle, während ihr die Tränen in die Augen schossen, die sie bisher so tapfer hatte zurückhalten können. Und dann begann sie auch noch am ganzen Leib zu zittern.



Der große Mann vor ihr runzelte die Stirn. „Oh, bitte!“ stieß er schließlich aus und verdrehte doch tatsächlich genervt die Augen. „Muss das jetzt sein?!“



Jenna schluchzte nur weiter und wischte sich immer wieder mit zitternden Fingern die Tränen von den Wangen. „Bitte… bitte…“, hörte sie sich selbst stammeln.



„Dieses Herumgejammer – sei froh, dass du nicht tot bist“, knurrte er und stieß sein blutverschmiertes Schwert vor sich in den Boden, um sich darauf zu stützen. Jetzt erst bemerkte sie, dass sein dunkles Leinenhemd an einer Seite zerrissen war, was wohl bedeutete, dass ihn eines der Unaks doch verletzt hatte, und auch die dunkle Leinenhose, die er trug, hatte ein paar Blessuren abbekommen.
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So ungefährlich war der Kampf für ihn dann wohl doch nicht gewesen.



„Wie… wieso?“ brachte sie stockend heraus. Sie fühlte sich auf einmal so leer und leblos. Es gab keinen Grund mehr zu kämpfen. Sie allein konnte diesen Mann bestimmt nicht besiegen.



„Wieso was?“ fragte er zurück und seine dunklen Brauen zogen sich dabei ein wenig zusammen, so als würde er tatsächlich nicht verstehen, auf was sie mit ihrer Frage hinaus wollte.



„Warum… bin ich… noch am Leben?“ Sich auf das Sprechen zu konzentrieren, half ihr dabei sich wieder etwas zu beruhigen, die Verzweiflung zurückzudrängen. „Wieso… wieso hast du mich gerettet, wenn du mich ohnehin… töten willst?“



Er legte seinen Kopf schräg und sah sie an. Jenna hatte ganz vergessen, wie kalt diese blauen, katzenhaften Augen waren.

„Wie kommst du darauf, dass ich dich töten will?“ fragte er mehr interessiert als verwundert.



„Weil… weil…“ Sie brach ab. Warum sollte sie ihm einen Grund dafür nennen, sie zu töten? Sie war doch nicht lebensmüde.



„Weil du mich bestohlen und vor meinen Männern lächerlich gemacht hast?“ half er ihr und sah dann abwägend nach oben. „Ja, das dürfte ein ausreichender Grund sein.“ Er musterte sie kurz und schürzte die Lippen. „Ich überlege es mir noch. Steh auf.“



Sie blinzelte ihn irritiert an. „Was?“



„Hat dir eines der Unaks die Ohren abgebissen?“ fragte Marek verärgert. „Ich sagte: Steh auf!“



„Ich… ich kann nicht“, stammelte sie und log noch nicht einmal. Ihre Glieder waren weich wie Pudding und die Bisse und Kratzer der Unaks schmerzten enorm. Vielleicht war sie sogar schwer verletzt und würde ohnehin bald sterben.



Viel Zeit für ihr wachsendes Selbstmitleid hatte sie allerdings nicht, denn Marek verdrehte ein weiteres Mal die Augen und zog sein Schwert ruckartig aus dem Boden. Das genügte, um Jennas Panik wiederkehren und sie einen weiteren verzweifelten Versuch starten zu lassen auf die Beine zu kommen. Das Adrenalin, das vermehrt durch ihre Adern schoss, bewirkte wahre Wunder. Ihre Muskeln zitterten zwar unter der Anstrengung, doch sie kam tatsächlich wankend auf die Beine und konnte die Schmerzen, die sie dabei hatte, weitgehend ignorieren.
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Leider begann sich nur wenige Sekunden später alles um sie zu drehen und sie taumelte nach vorne und verlor das Gleichgewicht. Doch sie fiel nicht. Eine große, starke Hand hatte sich um ihren Oberarm geschlossen und hielt sie so aufrecht, bis sie selbst die Kontrolle über ihren Körper einigermaßen zurückgewonnen hatte und auch dazu fähig war, den gefährlichen Mann vor ihr anzusehen, ohne ängstlich zu wimmern.

Sein prüfender Blick ruhte noch für einen Augenblick auf ihrem Gesicht, dann erst ließ er sie wieder los und steckte das Schwert, das er in der anderen Hand gehalten hatte, zurück in die Scheide, die er um die Hüften trug. Ein seltsames Schmunzeln zuckte dabei um seine Mundwinkel und er schüttelte kaum merklich den Kopf. Dann sah er sie wieder an.



„Geht doch“, erwiderte er und musterte sie ungeniert.

Erinnerungen an ihre letzte Begegnung kochten wieder in ihr hoch. Erinnerungen an seine unangenehme Nähe, an die Dinge, die er getan hatte und noch hatte tun wollen. Ihre Gedärme verkrampften sich und natürlich blieb ihr Puls nicht auf einem normalen Level. Sie zuckte zurück, als er erneut eine Hand nach ihr ausstreckte, doch das half ihr nicht, denn er zog nur erbost die Braunen zusammen, machte einen raschen Schritt auf sie zu und packte sie dennoch am Arm.



„Bitte… ich… es tut mir leid, dass ich dich bestohlen habe“, brachte sie nur mit dünner Stimme heraus, während er ihren Arm ein wenig drehte. Wollte er ihn ihr brechen? Nein. Sie hätte beinahe erleichtert ausgeatmet, als er nur den Riss in ihrem Hemd auseinanderzog um eine ihrer noch blutenden Wunden zu betrachten.



„Tut es das – ja?“ fragte er beinahe beiläufig und ging zu ihrer Überraschung vor ihr in die Hocke, um ihre weiteren Verletzungen zu inspizieren. Sie zuckte zusammen, als seine Finger die wunde Haut neben dem tiefen Kratzer an ihrer Hüfte berührten, den Schnitt ein wenig auseinanderzogen, wohl um zu prüfen, wie tief er war. Doch sie wagte es nicht, ein weiteres Mal vor ihm zurückzuweichen, biss fest die Zähne zusammen. Sie wollte ihn auf keinen Fall wütend machen.



„Ja“, beantwortete sie etwas verspätet seine Frage.
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„Aber was hätte ich anderes tun können?“



Er sah zu ihr auf und das seltsame Schmunzeln war wieder da, sorgte für ein paar Lachfältchen um seine Augen herum, die ihn tatsächlich etwas menschlicher aussehen ließen. Dann wandte er sich aber auch schon wieder der nächsten Wunde zu. Irgendwie wurde die ganze Situation immer abstrakter. Erst rettete er ihr Leben und dann begann er sich auch noch um ihre Wunden zu kümmern, wollte sicherstellen, dass sie nicht ernsthaft verletzt war?



„Gar nichts“, hörte sie ihn zu ihrem blutenden Knie sagen. „Es war der einzige Weg aus deiner misslichen Lage herauszukommen. Ich hätte an deiner Stelle dasselbe getan.“



Sie runzelte die Stirn, blinzelte ein paar Mal verwirrt, bis er sich wieder erhob und ihr ins Gesicht lächelte. Es war jedoch ein Lächeln, das die Kälte in seinen Augen nicht überwinden konnte und so überraschten seine nächsten Worte Jenna auch nicht sonderlich.



„Was nichts an meinem Ärger über dieses Vergehen ändert. Du weißt vielleicht nicht, wer ich bin – und davon gehe ich aus, weil niemand, der mich kennt, so etwas jemals wagen würde – aber das schützt dich nicht davor, die Konsequenzen für dein Handeln tragen zu müssen.“



Jenna atmete stockend ein, weil die Panik schon wieder von ihrem Körper und Geist Besitz ergreifen wollte. „Und was…“ Sie schluckte schwer. „… was genau sind diese Konsequenzen?“



Aus Mareks Lächeln wurde ein boshaftes Grinsen. „Das willst du nicht wissen.“



Ihr Magen verdrehte sich, als er auf einmal wieder ihren Arm packte und sie mit sich zog.



„Wir gehen jetzt“, brummte er und sie stolperte hilflos hinter ihm her, hatte Mühe mit seinen großen Schritten durch das Unterholz mitzuhalten. Sie musste die Zähne fest zusammen beißen, weil die Wunden mit jedem Schritt, den sie tat, stärker zu schmerzen schienen und die in ihr wieder wachsende Angst ihre Glieder lähmte und ihr das Atmen und Laufen zusätzlich erschwerte. Und dennoch versuchte ihr Verstand einen Ausweg zu finden, irgendetwas, womit sie ihn aufhalten und davon abhalten konnte, sie mitzunehmen und ihr etwas Schlimmes anzutun.
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Bloß was? Was?

Irgendwo zwischen den Bäumen entdeckte sie die Umrisse eines Pferdes. Marek durfte sie auf keinen Fall von hier fortbringen. Wenn ihm das gelang, war sie verloren. Leon vermisste sie gewiss schon und war auf der Suche nach ihr. Vielleicht hatte er sogar die Geräusche des Kampfes aus der Ferne vernommen und schlich sich längst an sie heran. Sie musste Zeit gewinnen, Marek ablenken. Vielleicht gelang es ihm dann sogar, den Krieger aus dem Hinterhalt zu überwältigen. Vielleicht…



Jenna wusste, dass sie mit ihrem Leben spielte, als sie sich mit einem Aufschrei auf den Waldboden fallen ließ und sich dann mit schmerzerfülltem Gesicht den Knöchel hielt – aber sie hatte nur diese eine Hoffnung.

Marek blieb neben ihr stehen und sah sie stirnrunzelnd an. „Was ist?“ fragte er ungeduldig.



„Mein Knöchel“, stöhnte Jenna, und das Herz schlug ihr dabei bis zum Hals. „Ich bin umgeknickt. Es tut so weh!“



Der Krieger ging vor ihr in die Hocke, packte ihren Fuß und betrachtete ihn eingehend.

„Ich kann nichts sehen“, brummte er.



„Das kannst du auch nicht“, jammerte Jenna verzweifelt. „Ich sagte doch, ich bin umgeknickt.“



„Es ist aber noch nicht einmal geschwollen“, setzte Marek missgestimmt dagegen und ließ ihren Fuß fallen.



„ Au!“ schrie sie übertrieben und stöhnte.



„Vielleicht ist es eine kleine Zerrung“, meinte er leichthin. „Du wirst es überleben.“



„Aber es tut weh“, schluchzte sie. „Ich kann nicht laufen.“



Mareks Blick verfinsterte sich beängstigend.

„Steh auf!“ befahl er mit einem solch drohenden Unterton, das Jenna sich instinktiv seinem Willen unterwarf. Gemeinsam mit ihm erhob sie sich.



Sie deutete ein zaghaftes Lächeln an – eines, von dem sie hoffte, dass es ihn besänftigte. „Tut… tut ja gar nicht so weh.“



Ängstlich wartete sie auf eine Reaktion von ihm, und erst als ein kleines Schmunzeln auf seinen Lippen erschien, wagte sie es wieder zu atmen. Dieses Mal sagte er nichts weiter, sondern nickte nur in Richtung seines Pferdes und Jenna humpelte sofort los.
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Was nun? Es war gar nicht so einfach einen Mann wie Marek hinzuhalten. Doch dann fiel ihr etwas ein, was ihn tatsächlich aufhalten konnte. Sie blieb wieder stehen und wandte sich zu ihm um. Die erneut in seinen Augen aufblitzende Verärgerung machte sie nervös, doch sie musste es einfach versuchen.



„Du… du hast etwas vergessen“, krächzte sie, weil ihre Stimmbänder ihr in der Aufregung nicht so richtig gehorchen wollten.



Seine Augenbrauen wanderten in die Höhe, doch stehen blieb er nicht, schob sie stattdessen sogar weiter. „Ach so?“



Sie nickte. „Den Stein. Ich hab ihn nicht bei mir!“



„So, so“, meinte er wieder und sie sah einen seiner Mundwinkel kurz zucken.



„Ja, ich… ich habe ihn versteckt – aber nicht hier.“



„Hast du das, ja?“



Jenna runzelte irritiert die Stirn. Irgendwie reagierte er nicht so, wie sie es erwartet hatte. „Ich… ich dachte du willst den Stein wiederhaben.“



„Das ist wahr“, gab Marek zu. „Aber warum soll ich mir die Umstände machen ihn zu suchen, wenn er auch von ganz allein zu mir kommt.“



Die Linien auf Jennas Stirn vertieften sich. „Das tut er?“ Sie war etwas verwirrt. Doch Marek nickte.



„Wieso sollte er?“ hakte sie zweifelnd nach.



„Das weißt du doch“, wich Marek ihrer Frage aus und ergriff zu ihrem Schrecken den Knauf seines Schwertes. Als er es zog, ertönte ein schleifendes Geräusch, das Jenna eine eiskalte Gänsehaut über den Rücken jagte.



„Genauso, wie mein alter Freund Leon wissen sollte, dass man sich an mich nicht heranschleichen kann, ohne dass ich es merke!“ rief er laut und drehte sich gelassen um.



Jennas Herz blieb für einen Moment stehen, dann sah auch sie sich zaghaft um, nahm endlich den Schatten zwischen den Bäumen in ihrer Nähe wahr. Der Schatten eines Menschen, der sich nun auf sie zu bewegte und im Licht der untergehenden Sonne zu ihrem Freund Leon wurde. Mit gezogenem Schwert und hasserfülltem Blick trat er zwischen den Bäumen hervor.
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„Irgendwann erwische ich dich“, presste er zwischen den Zähnen hervor.



Marek lachte kurz auf. „Das glaube ich kaum.“



Leons brennender Blick wurde sanfter und sorgenvoller, als er sich auf Jenna richtete, versuchte festzustellen, wie es ihr ging, und je länger ihr Freund sie ansah, desto wütender schien er zu werden.



„Hast du sie so zugerichtet?“ knurrte er Marek an.



„Ja“, log der Krieger, packte ihren Arm und zog sie an sich heran. Er roch nach Schweiß und Blut, und Jenna stemmte sich sofort gegen ihn, konnte es kaum ertragen, ihm so nah zu sein. „Es sieht doch wirklich verführerisch aus, oder?!“



Leon machte ein paar wütende Schritte auf ihn zu und hob drohend sein Schwert.

„Wir sollten das endlich zu Ende bringen!“ stieß er angespannt aus und übersah geflissentlich das verzweifelte Kopfschütteln Jennas.



Marek stieß sie grob von sich, und sie stürzte zu Boden. Sie überlegte, ob sie ihn kräftig in die Wade beißen sollte, um ihn abzulenken. Nahe genug war sie ihm ja noch. Doch sie bezweifelte, dass das etwas bringen würde, außer vielleicht einen schmerzhaften Fußtritt seinerseits. Etwas anderes zog schnell Jennas Aufmerksamkeit auf sich: Leon hielt sein Schwert zwar mit beiden Händen, aber irgendetwas befand sich noch in einer seiner Fäuste.



„Du wirst sterben, Rebell“, sagte Marek leise. Der dunkle Bariton seiner Stimme, ließ seine Worte wie das bedrohliche Knurren eines Raubtieres klingen.



„Da wäre ich mir nicht so sicher!“ rief Leon und warf Jenna blitzschnell etwas zu.



Jenna reagierte nur wenige Sekunden schneller als Marek und fing das Etwas vor ihm in der Luft. Für einen raschen Herzschlag umschloss Mareks Hand ihre Faust, doch in dem Moment, in dem ein ihr beinahe vertrautes Kribbeln durch ihre Adern schoss und sich rasend schnell in ihrem Körper ausbreitete, wurde er von einer unsichtbaren Kraft zurückgeworfen und ließ sie wieder los. Der Energiestoß schien so hart gewesen zu sein, dass der Krieger sogar das Gleichgewicht verlor und zu Boden ging. Leon sprang vor und ließ sein Schwert auf den am Boden liegenden Mann niedersausen.
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Doch der warf sich geistesgegenwärtig herum und die Schneide verfehlte ihr Ziel nur um Millimeter. Marek kam in einer geschmeidigen Bewegung wieder auf die Füße und entging so einem weiteren tödlichen Schwertschlag. Der nächste wurde von der Klinge seines Schwertes abgefangen und mit diesem klirrenden Misserfolg, schien die Glückssträhne Leons ein jähes Ende zu finden.



Leon hatte nicht gelogen, was die Schwertkampfkunst seines Feindes anging. Auch ein Laie wie Jenna konnte auf Anhieb erkennen, dass der gefährliche Mann ihrem Freund haushoch überlegen war. Doch sie selbst war nicht dazu in der Lage einzugreifen, war vor Schrecken über die tödliche Ernsthaftigkeit dieses Kampfes so gelähmt, dass sie es noch nicht einmal wagte zu blinzeln, nur mit weit aufgerissenen Augen das Geschehen verfolgte. Mit kräftigen Schlägen drängte Marek Leon zurück, bis schließlich Leons Schwert durch einen gewaltigen Schlag von seiner Hand brach. Mit Entsetzen starrte ihr Freund auf den Stumpf in seiner Hand. Ein Aufschrei entfuhr Jenna als Marek erneut ausholte, um den nun schutzlosen Leon zu attackieren und dann vergaß sie plötzlich alles um sich herum, sprang auf und warf sie sich ohne Nachzudenken in Leons Arme, so als könne sie damit die Mordlust des Kriegers stoppen und... das Wunder geschah. Mareks Schwert änderte nicht nur rasch seinen Kurs – aus irgendeinem Grund schien er sie tatsächlich nicht verletzen zu wollen – sondern prallte auch noch von irgendetwas ab, genauso wie Marek selbst, der mit schmerzverzerrtem Gesicht keuchend zurück taumelte.



Leon reagierte schnell. Von irgendwoher hatte er plötzlich einen Dolch hervorgebracht, schüttelte Jenna ab und stürzte sich auf den immer noch nach Luft ringenden, mit seinem Gleichgewicht kämpfenden Krieger. Ein Tritt und das Schwert landete im Laub. Marek warf sich herum, als der Dolch auf ihn zuschoss, doch die Klinge erwischte ihn trotzdem, nicht so tödlich, wie sie eigentlich angesetzt war, doch sie schnitt ihm tief ins Fleisch. Leon verlor selbst das Gleichgewicht, prallte gegen seinen Gegner und riss ihn so zu Boden. Doch es gelang ihm sofort wieder, die Oberhand zu gewinnen. Seine Hand mit dem Messer fuhr hoch in die Luft, um seinem wieder zu Kräften kommenden Feind endlich den tödlichen Stoß zu versetzen, doch sie kam nicht weit.
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Jenna bekam selbst kaum mit, was sie tat. Aus irgendeinem drängenden Gefühl tief in ihrem Inneren heraus warf sie sich auf Leon und klammerte sich an seinen Arm, hielt ihn mit aller Kraft fest, die sie aufbringen konnte. Ihr Herz raste und die innere Angst und Verzweiflung, die sie fühlte, schien ihren Verstand zu zerfressen.



„Nicht!“ flehte sie und war schon wieder den Tränen nahe. Sie wollte das nicht erleben, wollte nicht zusehen, wie ihr Freund einen anderen Menschen tötete. „Bitte tu das nicht!“ Dieser Wahnsinn musste endlich aufhören. Aufhören!



Leon sah sie verstört an, während Marek vollkommen zu erstarren schien.

„Jenna! Dieser Mann hat mir das Leben zur Hölle gemacht. Er wollte dich und mich töten. Und du… du bettelst um sein Leben?!!“ Er spuckte die Worte geradezu aus.



Natürlich konnte er das nicht verstehen. Es war so lange her, dass er in ihrer Welt gelebt hatte, in einer Welt, in der ein tiefer Schnitt im Finger schon als eine ernstzunehmende Verletzung galt. Der tägliche Kampf ums Überleben, das Töten anderer Menschen war zu seiner Realität geworden. Aber nicht zu ihrer. Sie konnte das nicht ertragen.



„Er… er hat mich gerettet“, brachte sie mit zittriger Stimme heraus. „Die Unaks haben mir all diese Verletzungen zugefügt. Sie hätten mich getötet, wenn er nicht gekommen wäre.“



Leon sah den am Boden liegenden Marek an, der es immer noch nicht wagte, sich zu bewegen. Etwas schien ihm lähmende Schmerzen zu bereiten, denn sein Gesicht zuckte nervös.



„Er verdient den Tod!“ brachte Leon nur gepresst hervor, doch die Spannung seines Körpers ließ etwas nach und machte es Jenna leichter ihn festzuhalten.



„Ich bin es ihm schuldig, Leon!“ gab sie leise zurück. „Und manchmal ist die einfachste Lösung nicht die Beste.“



Leon sah sie endlich an und machte somit den Kampf in seinem Inneren auch für sie deutlicher sichtbar. Ihre Worte hatten ihn zum Nachdenken gebracht, sorgten dafür, dass er seinen tödlichen Hass besser unter Kontrolle bekam. Sie musste einfach weiterreden, ihn endgültig überzeugen.
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„Wenn du ihn tötest, bist du nicht besser als er“, setzte sie leise hinzu. „Was unterscheidet dich dann noch von ihm?“



Widerwillig ließ Leon seine Hand sinken. Sie fühlte genau, wie schwer ihm das fiel. „Eine ganze Menge“, sagte er und schüttelte frustriert den Kopf. „In Falaysia sind die Dinge nicht so einfach, Jenna. Auch die Guten sind manchmal gezwungen zu töten und sind dennoch die Guten. Das wirst du irgendwann noch begreifen…“ Sein Blick ruhte wieder voller Verachtung auf Marek, der sich immer noch nicht bewegte, nur schwer atmend von Leon zu Jenna sah und wohl selbst kaum begreifen konnte, dass er noch lebte.



Leon stieß ein tiefes Seufzen aus und schüttelte ein weiteres Mal den Kopf. „Du wirst es bereuen“, kam es ihm leise über die Lippen. „Wir werden es beide bereuen. Ich muss verrückt sein, auf dich zu hören.“



Jenna schüttelte nun selbst den Kopf, sagte aber nichts mehr, sondern stand gemeinsam mit ihrem Freund auf. Sie wagte es kaum, seinen Arm loszulassen, aber etwas Vertrauen musste sie ihm schon entgegen bringen.

Mareks Blick ruhte nicht mehr auf Leon. Seine hellen Augen fixierten Jennas Gesicht, als er sich vorsichtig aufrichtete und ungewohnt schwerfällig auf die Beine kam. Leon bewegte sich ein paar Schritte zur Seite, die Augen seinerseits starr auf den gefährlichen Krieger gerichtet und hob dann dessen Schwert vom Boden auf.



„An deiner Stelle würde ich mich jetzt ganz still verhalten“, sagte er.



Marek sah ihn an, mit einer solch sichtbaren Verachtung in den Augen, dass Jenna schon Angst hatte, ihr Freund könne sich gleich wieder auf den deutlich größeren Mann stürzen. Doch das tat er nicht.



„Jenna, hol sein Pferd hierher!“ wandte er sich stattdessen an sie. „Vielleicht hat er etwas dabei, womit wir ihn fesseln können.“



Jenna zögerte. Konnte sie Leon wirklich vertrauen oder war sein Hass so groß, dass er sie sogar betrügen und ihre Freundschaft deswegen riskieren würde? Es war durchaus möglich, dass sich die beiden Männer aufeinander stürzten, sobald sie sich von ihnen entfernte. Aber einer musste das Pferd holen, und sie wollte ganz gewiss nicht wieder allein mit Marek sein.
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Also band sie sich das Amulett mit dem Stein um ihren Hals und tat, was Leon ihr aufgetragen hatte, denn schließlich stand das Pferd auch ganz in der Nähe. Es war ziemlich nervös und tänzelte hin und her, doch der Strick, mit dem Marek es an einen dicken Ast gebunden hatte, hielt es davon ab, wegzurennen.



Jenna war den Umgang mit Pferden gewohnt. Sie hatte ein Gespür für diese Tiere, schließlich besaßen ihre Großeltern einen kleinen Bauernhof mit zwei Pferden, auf dem sie sich im Sommer sehr gerne herumtrieb. Dieses Pferd hatte jedoch eindeutig kein Vertrauen zu Menschen, jedenfalls nicht zu Fremden, also musste sie sehr vorsichtig vorgehen, um es nicht noch mehr zu verstören. Als sie schon fast bei ihm war, legte es die Ohren an und die Muskeln seines Mauls zogen sich beißbereit zusammen. Es war durchaus möglich, dass es sie angriff, sobald sie noch näher kam.

Jenna sah sich um. Die beiden Männer standen noch auf ihren Plätzen, also konnte sie weiter machen.



„Hey, was ist denn los?!“ rief Leon ungeduldig. „Brauchst du Hilfe?!“



„Nein, nein, ich hab alles im Griff!“ antwortete Jenna und bewegte sich auf die Mitte des Tieres zu. Am Bauch war sie vor Bissen und Schlägen einigermaßen geschützt, solange das Tier angebunden war. Zurückweichen konnte es nicht weiter, weil ein Baumstamm quer im Weg lag. Unruhig trat es auf der Stelle, als Jenna die Hand nach ihm ausstreckte. Ihre Fingerspitzen berührten das dunkle Fell des Tieres und plötzlich wanderte ein warmes Prickeln von ihrer Brust aus durch ihren Arm, hinein in ihre Finger und der Stein in ihrer anderen Hand begann zu leuchten. Mit großem Erstaunen bemerkte sie, wie sich das Pferd innerhalb weniger Sekunden völlig beruhigte. Ein wohliges entspanntes Schnauben drang aus seiner Kehle, alle Angst war von ihm gewichen, und es ließ den Kopf hängen, um ein wenig zu dösen.

Jenna blinzelte. Das war ja unglaublich. Der Stein hatte ihr alle Arbeit abgenommen. Noch viel besser – er hatte dieses wilde Pferd nicht nur beruhigt, sondern zu einem geradezu lammfrommen Wesen gemacht. Er hatte das Vertrauen des Tieres in Sekundenschnelle gewonnen, was sie vielleicht nicht einmal in ein paar Stunden geschafft hätte, so als hätte er gefühlt, was sie bezwecken wollte.
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Vielleicht war das ja das Geheimnis des Steins: Er fühlte, was in seinem Besitzer vorging, und führte dann dessen Gedanken mit magischer Kraft aus.

Jenna schüttelte sich. Sie hatte jetzt nicht die Zeit, um weiter darüber nachzudenken.



„Jenna!“ ertönte wieder Leons Stimme. „Was ist denn da los?“



„Nichts!“ rief sie zurück, löste schnell den Strick vom Ast und ergriff dann die über dem Hals des Tieres liegenden Zügel. Als sie loslief, folgte ihr das Tier überaus willig, rieb sogar einmal seinen schweren Kopf an ihrem Arm und stupste kurz mit seinem weichen Maul gegen ihre Wange. Jenna lächelte und tätschelte ihm den breiten Hals. So schnell hatte sie einen neuen Freund gefunden. Einen außergewöhnlich schönen, neuen Freund. Es gab selten Pferde mit solch einer Färbung: Ein Dunkelfuchs mit etwas hellerer, rötlicher Mähne. Schön und gefährlich. Sie fragte sich, ob sich sein Herr wohl auch mit der Kraft des Steins besänftigen ließ.

Als Jenna wieder zu den beiden Männern trat, wäre sie fast vor der Spannung, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte, zurückgeprallt. Beide funkelten sich böse an, waren angespannt, zum Angriff bereit. Sie kam keine Sekunde zu früh zurück.



„Sehr schön“, meinte Leon zufrieden, als sie zu ihm heran trat. „Sieh mal nach, ob irgendwo am Sattel ein Seil hängt.“



Sie ließ die Zügel los und betrachtete das Gepäck eingehend. Marek hatte so einige Sachen mitgenommen und darunter befand sich auch, in einer Art Satteltasche, ein Seil. Sie brachte es Leon. Der drückte ihr sein Schwert in die Hände, das sie nur mit Mühe halten konnte, und ging dann zu Marek hinüber.



„Wenn du nur eine falsche Bewegung machst, hast du meinen Dolch zwischen den Rippen“, drohte er, packte Mareks Arme und drehte sie auf den Rücken. Dann begann er seine Hände zu fesseln.



Jenna lächelte verunsichert, als sie merkte, dass Marek sie die ganze Zeit dabei ansah. Sie schämte sich irgendwie dafür, dass Leon ihn so grob behandelte, auch wenn der Mann selbst nicht viel feinfühliger mit ihr umgegangen war, und es machte sie nervös, dass der Krieger sie, seit sie mit seinem Pferd aufgetaucht war, nicht mehr aus den Augen ließ.
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Irgendetwas beschäftigte ihn so sehr, dass er Leon gar nicht mehr richtig wahrzunehmen schien. Umso verärgerter schien er, als Leon, nachdem er seine Arbeit beendet hatte, sich dicht vor ihn stellte und ihn böse anfunkelte.



„Du solltest dich bei diesem Mädchen bedanken“, sagte ihr Freund mit einem Fingerzeig auf Jenna. „Wenn es nach mir ginge, hätte ich dich längst zur Hölle geschickt.“



Marek ließ ein geringschätzendes Lächeln auf seinen Lippen erscheinen. „Und du solltest endlich begreifen, dass das nur der Wunschtraum eines kleinen, feigen Verlierers ist.“



Leon starrte ihn für einen Moment sprachlos an, dann füllten sich seine Augen mit brennendem Zorn und er stieß ruckartig seine Faust in Mareks Magengrube. Marek krümmte sich mit einem Stöhnen zusammen, doch Leon schlug noch einmal zu, und noch einmal, wollte gar nicht mehr aufhören und bei jedem Schlag zuckte Jenna heftig zusammen. Sie konnte nicht fassen, was sie da sah, brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass die Situation völlig außer Kontrolle geriet. Sie konnte nicht glauben, dass ihr guter Freund Leon derselbe Mann sein sollte, der seine Faust nun mit solcher Wucht in Mareks Gesicht krachen ließ, dass dieser zu Boden ging; derselbe, der auf den am Boden liegenden Mann hemmungslos eintrat, wieder und wieder und wieder und sich nicht darum kümmerte, was er traf und welchen Schaden er damit anrichten konnte, weil sein Gefangener nicht einmal seine Arme benutzen konnte, um seinen Körper und sein Gesicht irgendwie zu schützen.

Als sie jedoch begriff, dass Leon nicht so schnell wieder aufhören würde, löste sie sich aus ihrer Starre, ließ das Schwert fallen und die Zügel des Pferdes los und versuchte dazwischen zu gehen. Doch das war leichter gesagt als getan, denn Leon war völlig außer sich und stieß sie sofort weg. Hass und pure Freude an der Pein seines Opfers sprachen aus seinen Augen, während er den Mann vor sich wie ein Wahnsinniger weiter attackierte.



„Leon!“ schrie sie und klammerte sich trotz seiner Gegenwehr an seine Schultern, versuchte ihn mit all ihrer Kraft wegzuziehen.
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„Hör auf! Du bringst ihn ja um! Hör auf!“



Doch Leon reagierte nicht. Er sah und hörte nichts mehr, und er war einfach zu stark, machte ungehindert weiter. Glühende Wut stieg in Jenna auf. Sie hasste es, wenn sich Menschen an Wehrlosen abreagierten, ganz gleich, was das für Menschen waren und was sie zuvor getan hatte. Sie hasste es, hasste es so sehr… Sie würde ihm wehtun müssen. Jetzt.

Mit einem entsetzten Schrei befreite sich Leon plötzlich von ihr, stolperte panisch aus ihrer Nähe. Erstaunen und Schmerz standen in sein Gesicht geschrieben und für einen Augenblick fehlten ihm die Worte.



„Was… was…“, stammelte er, bis sein Blick auf den rot glühenden Stein in ihrer Hand fiel. Dann sah er sie wieder an. Fassungslos, enttäuscht.

Doch Jenna scherte sich nicht darum. Sie fühlte genau dasselbe aus einem ganz anderen Grund.



„Du hättest ihn töten können“, stieß sie mit hörbarem Vorwurf in der Stimme aus. Ihr tat es nicht leid, dass sich die Kraft des Steins versehentlich gegen ihren Freund gewandt hatte. Wenn sie ehrlich war, war es noch nicht einmal wirklich versehentlich geschehen. Sie hatte darauf gehofft, dass der Stein ihr helfen würde.

Sie beugte sich über den immer noch am Boden liegenden Marek. Er atmete schwer und hatte die Augen geschlossen, gab aber keinen Laut von sich. Seine Unterlippe war aufgesprungen und dunkles Blut lief sowohl aus seiner Nase, als auch aus der Platzwunde über seinem Wangenknochen. Seine Wangenmuskeln zuckten sichtbar unter der Haut und sie war sich sicher, dass er gerade einiges an Schmerzen auszustehen hatte. Sein Gesicht würde bald grün und blau sein, jedoch machte sie sich mehr Sorgen um die Stichwunde an seiner Brust, der die Tritte und Schläge nicht besonders gut getan hatten. Sie blutete viel stärker als zuvor, durchnässte bereits die ganze linke Seite seines Hemdes. Und wer wusste schon, was ihr Freund sonst noch für Schäden angerichtet hatte.

Jenna verspürte das dringende Bedürfnis, Leon ins Gesicht zu schlagen. Wie konnte man sich derart gehen lassen? Sie wusste natürlich nicht, was Marek ihrem Freund noch alles angetan hatte, aber einen gefesselten und somit wehrlosen Mann derart zu malträtieren, ging eindeutig zu weit.
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Wie konnte man sich nur so verhalten und sich selbst dennoch für einen guten Menschen halten?



Sie atmete tief durch, bevor sie sich wieder aufrichtete und sich Leon zuwandte. Sie wollte nicht auch noch die Kontrolle verlieren. Aber das alles machte sie so furchtbar wütend.

„Tu das nie wieder“, sagte sie leise und sah ihm fest in die Augen. „Er ist vielleicht unser Feind, aber er hat mir vorhin mein Leben gerettet. Ich kann es nicht zulassen, dass du ihn noch einmal so behandelst!“



Leon nickte nur. War da eine Spur von Angst in seinen Augen?

Sie sah wieder hinab zu Marek, weil sie bemerkt hatte, dass sich der Mann wieder bewegte. Er atmete immer noch schwer und hatte sichtbar Schmerzen, doch seine Augen waren geöffnet und er sah sie mit einem solch seltsamen Blick an, dass sie sich lieber wieder Leon zuwandte.



„Wir sollten jetzt besser zu unserem Lager zurückgehen, ein Feuer anfachen und in Ruhe darüber nachdenken, was wir jetzt machen“, sagte sie. „Es wird bald dunkel. Hilf ihm hoch!“



Wieder nickte Leon nur, machte einen Bogen um sie herum, packte dann Marek und stellte ihn mit Mühe wieder auf die Füße. Der Krieger wankte ein wenig und biss fest die Zähne zusammen, um aus eigener Kraft stehen bleiben zu können, doch Leon ließ ihm nicht viel Zeit dafür, packte einfach seinen Arm und zog ihn vorwärts. Seine Wut schien langsam zurückzukehren, doch Jenna war sich sicher, dass sie sich dieses Mal nicht nur gegen Marek richtete.
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Kommentare zur Story:

  Die Geschichte gefällt mir immer besser. schade, dass sie gleich zu Ende ist!
lg  
   holdriander  -  13.10.12 09:42

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  Dieser Leon zeigt nun immer mehr seine schlechten Seiten. Obwohl Marek Jenna das Leben gerettet hat, will Leon nicht auf sie hören. Zu groß ist sein Haß gegen den ausgezeichneten Schwertkämpfer, den er mit Jennas Hilfe gefangen hat. Jenna ist mit recht entsetzt, dass Leon seine ganze Wut an dem Hilflosen auslässt. Na, ich glaube zwischen den beiden wird es noch zu größeren Auseinandersetzungen kommen. Spannend und sehr überzeugend.  
   doska  -  23.07.12 17:57

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