Blutmond - Karms Reise -18-   72

Fantastisches · Romane/Serien

Von:    Tis-Anariel      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 29. Juni 2012
Bei Webstories eingestellt: 29. Juni 2012
Anzahl gesehen: 1281
Seiten: 11

Diese Story ist Teil einer Reihe.

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Vorneweg eine Anmerkung von mir:



Ich bin mit diesem Teil nicht so wirklich glücklich, da ich mir nicht sicher bin, ob ich nicht zu sehr ins Detail gegangen bin. Außerdem habe ich die Sorge, dass Annabella wieder zu erwachsen rüberkommt. Ich bin von daher sehr auf eure Kommentare und Meinungen gespannt.





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Karm wandte sich ab und trug den Bewusstlosen in die hintere Kammer.

Annabella war stehen geblieben und starrte die Tür noch immer mit großen, runden Augen an. Sie konnte kaum glauben, was sie gerade getan hatten und die Dschan offenbar auch nicht, denn die flüsterten und zischten noch immer vor der Tür. Ganz offenbar waren die Kreaturen wirklich sauer.

“Annabella,” rief da Karm, “kommst du?”

Karms Ruf ließ das Kind zusammenzucken und endlich gelang es dem Mädchen sich umzudrehen und dem Wandler zu folgen. Dieser stand vor dem Feuer und betrachtete die Steinbänke, von denen die große Feuerstelle umringt wurde. Er sah auf und wirkte sehr ernst.

“Liebes,” meinte er leise, “ich brauch jetzt deine Hilfe. Der arme Kerl hier ist klatschnass, eiskalt und hat eine üble Platzwunde über der linken Schläfe. Er muss aus der nassen Kleidung raus.”

Karm wies auf einen der zwei größten dieser Steinblöcke. Dieser war so lang, dass ein Mann einigermaßen darauf liegen konnte.

“Hol mir von einem der Nachtlager einige Decken und leg sie da darauf, dann können wir ihn am Feuer versorgen. Vielleicht wird ihm dann auch schneller wieder warm.”

Annabella nickte und tat, um was sie gebeten worden war. Nur wenig später konnte Karm den Fremden sanft ablegen. Besorgt musterte er den Mann und versuchte seinen Puls und seine Atmung zu finden. Beides war, wie er befürchtet hatte, schwach und flach und ein wenig unregelmäßig. Wenigstens zitterte der Fremde noch ein wenig, das deutete daraufhin, das sein Körper noch selber versuchte warm zu bleiben. Der Wandler war dennoch besorgt. Vielleicht war er doch ein wenig zu spät gekommen und die Dschan hatten dem fremden Mann zu großen Schaden zugefügt. Dennoch nickte er dem Kind zu und zusammen begannen sie den Krieger aus seiner nassen Kleidung zu befreien.
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Als er schließlich nur noch die Hose trug, wandte sich das Kind ab und lief in den Lagerraum. Karm nahm währenddessen den fremden Krieger genau in Augenschein und stellte neben der bösen Platzwunde über der linken Schläfe weitere Verletzungen und Wunden an ihm fest. Einige Rippen hatte es dem Albaelih angeknackst, auf der linken Schulter fanden sich vier etwa Handlange Kratzwunden, die zum Glück nicht so tief waren, dass sie genäht werden müssten und auf der linken Seite des Rückens, in Höhe der Nieren befand sich ein sehr großer und dunkler Bluterguss, wobei Karm hoffte, dass die Niere nichts abbekommen hatte. Er hatte außerdem noch einige Blutergüsse und Prellungen davongetragen. Eine weiter schlimme Verletzung, die unbedingt versorgt werden musste befand sich am Linken Unterarm des Kriegers. Dort hatte etwas die Haut auf der Seite des Daumens zwischen Handgelenk und der Armbeuge regelrecht zerrissen. Diese Wunde blutete immer noch, war aber bestimmt schon zwei oder drei Stunden alt.

Weiterhin übersäten mindestens ein Dutzend seltsame blasse Hautflecken den Körper des Mannes. Kreisrund waren sie, etwa so groß wie eine normale Silbermünze und eine feine Einstichstelle befand sich in der Mitte. Die Haut wirkte in diesen Bereichen etwas ausgetrocknet und Karm brauchte mehrere lange Augenblicke, um zu begreifen, dass dies die Stellen waren, an denen die Dschan ihre Tentakel durch die Haut des Kriegers getrieben hatten. Da diese Einstichstellen offenbar nicht weiterbluteten, ja noch nicht mal einen kleinen Bluterguss verursachten und anscheinend auch nicht besonders schmerzhaft waren, wandte Karm seine Aufmerksamkeit den dringlicheren Wunden zu.



Als Annabella zurückkam, hatte sie Rasierzeug, mehrer saubere Tücher, Verbandsmaterial und eine weite, etwa knielange Hose aus einem leichten Stoff dabei. Das Ding war dem Albaelih mit Sicherheit zu groß, aber mit einer Kordel konnte man den Bund zusammenziehen. Wortlos reichte das Kind dem Wandler die Dinge und bekam ein kleines Lächeln von Karm dafür.

Er wurde aber sofort wieder ernst, verband mit einem der Tücher erst einmal die schlimme Risswunde am Arm des Fremden und machte sich dann an dessen Hose zu schaffen. Während Karm den Albaelih aus seinen nassen Beinkleidern befreite und ihm die Hose anzog, die das Mädchen gebracht hatte, wandte sich Annabella ihrem Rucksack und den darin enthaltenen Heilmitteln zu.
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Sie wusste genau was man brauchte, um Wunden zu versorgen. Schließlich war ihre Mutter eine Kräuterfrau und ihre Großmutter war ebenso eine gewesen. Sogar schon die Großmutter der Großmutter und deren Großmutter waren Kräuterfrauen. Sie hatte schon oft zugesehen, wenn ihre Mutter, oder ihre Großmutter sich um Kranke und Verletzte kümmerten. Und im letzten Jahr hatte sie sogar schon helfen dürfen. So also wusste sie genau, was sie alles brauchte und packte drei kleine Messingschalen aus, sowie eine Dose, die Kampferpulver enthielt und mehrere verschiedene Phiolen mit unterschiedlichen Kräuterelixieren und Tinkturen darin. Außerdem holte sie noch die Dose mit ihrer Heilsalbe, zwei kleine, sehr scharfe Scheren, eine lange Pinzette, zwei kleine Schwämme, weiche Tücher, Nadeln und feine, weiße Wundseide hervor.

Sie gab etwas von dem Kampferpulver in die Schüsseln, dann nahm sie beide mit zum Feuer, wo in dem zuvor schon aufgesetzten Teekessel das Wasser bereits kochte. Mit dem kochenden Wasser füllte sie die Schüsseln auf. Sofort verbreitete sich der frische, etwas beißende Geruch des Kampfers. Annabella tauchte die Gerätschaften in die eine Schüssel, in die anderen füllte sie etwas kühles Wasser auf und warf in eine die Schwämme und ein weiches Tuch hinein.

Sie konnte regelrecht die Stimme ihrer Mutter hören, als sie ihr erklärte wozu das gut sein sollte. Der Kampfer, hatte sie gesagt, beseitig schädliche Säfte und anderes, was eine Infektion hervorrufen kann, die Hitze unterstützt das. Wenn man Kampfer in eine Wunde bringt, dann brennt das etwas, aber er reinigt die Wunde auch, zudem stillt er Blutungen. Die eine Schüssel gehört dem Schwamm und den Tüchern, sie sind dazu da die Wunde zu waschen und in der andren reinigt man zuerst seine Hände. Die dritte Schüssel gehört den Werkzeugen und dem Faden, wenn man welchen braucht. Sie sollten einige Zeit im kochendheißem Kampferwasser liegen, damit sie auch wirklich rein sind. Am besten bindet man an die Pinzette einen Faden, an dem kann man sie herausholen, ohne sich die Finger zu verbrennen. Mit der Pinzette holt man dann die anderen Dinge aus dem Wasser.

Über Annabellas Lippen huschte ein winziges Lächeln, als sie daran dachte.
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Sie schützte ihre Hände mit einem dicken Lappen und wandte sie sich wieder Karm zu um ihm die Schüsseln zu bringen. Das Mädchen sah, dass er den Körper des Fremden bereits mit einer Decke zugedeckt und seinen linken Arm provisorisch mit einem der Tücher verbunden hatte. Im Moment war er damit beschäftigt die Haare rund um die lange Kopfwunde wegzurasieren. Mehrere rote Zöpfe lagen neben ihm auf dem Boden.

Annabella trat zu dem Wandler, setzte die erste Schale in Karms Nähe ab. Schnell hatte sie alle drei Schalen so hingestellt, dass der Wandler ohne Probleme alles erreichen konnte. Dann sammelte sie vorsichtig die Zöpfe auf und legte sie auf einen nahen Steinblock. Vielleicht wollte der Krieger sie ja behalten. Sie wandte sich wieder Karm und dem Albaelih zu. Ein Blick auf die Kopfwunde des Mannes lies sie schaudern und sie musste auch ein wenig schlucken. Das sah nicht gut aus, aber das taten Kopfwunden meistens. Das Mädchen riss ihren Blick von der Wunde los, sah Karm mit großen Augen an und biss sich auf die Lippen. Sie hoffte sehr, dass der Wandler wusste, wie man eine Wunde nähte, denn das hatte sie noch nie getan und traute es sich auch noch nicht wirklich zu. Immerhin war sie trotz dem Talent, dass sie für diesen Beruf hatte, gerade erst mal zehn Jahre alt.

Karm blickte kurz auf, nahm die Schalen mitsamt den Geräten wahr und schenkte dem Kind einen langen erstaunten Blick. Dann jedoch beließ er es erst einmal dabei, wusch sich die Hände in der einen, griff dann nach dem ersten Schwamm und drückte ihn leicht im warmen Wasser aus. Er würde später fragen, jetzt war erst einmal das hier wichtiger. Sorgfältig begann er die Wunde zu reinigen und erinnerte sich dabei an seine Lehrerin, die ihm dies beigebracht hatte.

Annabella atmete erleichtert auf, als sie erkannte, dass der Wandelwolf offenbar genau wusste, was er da tat. Sie beschloss, dass sie ihn später fragen würde, warum das so war. Vorsichtig tastete der Wandler den Schädelknochen rund um die Wunde ab und stellte erleichtert fest, dass dieser wohl heil geblieben war. Bald schon hatte Karm die schlimme Wunde gesäubert und mit sauberen, kleinen Stichen genäht. Nun betupfte er die Naht mit dem Kräuterelixier, das ihm Annabella reichte. Dieses hier enthielt ebenfalls Kampfer, aber auch noch andere Kräuterauszüge und diente dazu offene und genähte Wunden vor Infektionen zu beschützen.
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Außerdem stillte es kleinere Blutungen.

Dann widmete sich der Wandler mit der selben Konzentration und Sorgfalt der schlimmen Risswunde am Arm des Albaelih. Mit der Pinzette zog er weit über ein Dutzend langer, spitzer Holzsplitter aus der Wunde, dann wusch und reinigte er sie, glättete mit einer der Scheren die schrecklich ausgefransten Wundränder so gut es ging und vernähte auch diese Wunde mit den selben sauberen, kleinen Stichen. Annabella reichte Karm bei der ganzen Sache die richtigen Dinge und bewunderte dabei das Geschick des Mannes. Sie fragte sich, wo und warum sich der Wandelwolf diese Fertigkeiten angeeignet hatte.

Bei der ganzen Prozedur erlangte der fremde Mann sein Bewusstsein nicht mehr wieder, obwohl er manchmal leise aufstöhnte und sich unruhig zu bewegen begann.

Sehr bald schon konnte Karm auch die zweite Wunde mit dem selben Elixier betupfen und schließlich verbinden. Die Katzer an der Schulter brauchten nicht genäht zu werden, hier reichte es aus sie zu reinigen und mit Heilsalbe zu behandeln.

Dann reichte ihm Annabella eine andere Phiole, diese war dunkelblau, und zeigte auf den schlimmen Bluterguss, den der Albaelih am Rücken davongetragen hatte.

“Gib etwas auf ein Tuch,” erklärte das Mädchen, “und reib es vorsichtig in die Haut über dem Bluterguss, dann verschwindet er schneller und tut nicht ganz so schlimm weh.”

Karm nickte langsam und tat, was das Mädchen gesagt hatte. Diese Tinktur roch frisch und ein wenig nach Minze. Wo er sie selber auf die Haut gebracht hatte verursachte sie ein leichtes Kribbeln, das nicht unbedingt unangenehm war. Er konnte sich gut vorstellen, dass das Zeug auf solch einem Bluterguss gut tat.



Während der Wandelwolf sich weiterhin um den Albaelih kümmerte, war Annabella bereits aufgestanden und zu den Ruhestätten im hinteren Teil der Höhle gegangen. Dort richtete sie ein Lager für den Fremden her. Sie hoffte, dass der Mann bald wieder warm werden würde und auch wieder zu sich kam. Dass er bewusstlos war, gefiel ihr gar nicht, nicht bei so einer Kopfwunde. Sie hatte Angst, dass er vielleicht schwerere Verletzungen innerhalb des Schädels davongetragen hatte.
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Außerdem machte ihr der schwache, schnelle und teilweise etwas unregelmäßige Puls des Kriegers Sorgen. Er hatte wohl recht viel Blut verloren und die Dschan hatten bestimmt auch etwas damit zu tun, mal ganz abgesehen von der Kälte, der er ausgesetzt war. Ihre Großma und ihre Mama hätten sicher gewusst, wie sie ihm da helfen hätten können. Wie war der Mann wohl in diese schlimme Lage gekommen?

Kritisch betrachtet sie ihr Werk, befand es als zufriedenstellend, wandte sich ab und sah wieder auf. Neugierig betrachtet sie Karm, der nun den Fremden in die Decke wickelte und dann so einfach hochhob, als wäre der Mann kaum schwerer als ein Kind. Überrascht merkte das Mädchen auf. Der Wandelwolf war verblüffend stark. Vorsichtig trug der Wandler den Albaelih zum hinteren Teil der Höhle, bettete ihn sanft auf das Lager, dass Annabella eben vorbereitet hatte und deckte den armen Kerl mit gleich drei Decken gut zu. Dann blickte er auf und musterte Annabella schweigend.



Schließlich setzte der Wandelwolf sich wieder in Bewegung und kam die wenigen Schritt zu dem Kind herüber.

“Alles in Ordnung, Annabella?”

Das Mädchen schenkte ihm ein kleines, trauriges Lächeln.

“Ja,” antwortete sie, “ich musste nur gerade an meine Großma und meine Mama denken.”

Karm ließ sich neben ihr in die Hocke sinken.

“Haben sie dir diese Dinge beigebracht?” Er klang neugierig. “Versteh mich nicht falsch, Annabella, aber ich denke, du weißt sehr viel mehr darüber, wie man sich um Wunden kümmert, als das ein normales Mädchen deines Alters tun sollte. Willst du mir erzählen, warum das bei dir so ist?”

Annabella nickte langsam.

“Ja,” meinte sie leise, “das kann ich dir sagen. Weißt du, meine Mama war eine Kräuterfrau und meine Großma ebenso. Sogar die Großmama meiner Großma und deren Großmama waren schon Kräuterfrauen. Darum hat sich meine Mama auch so sehr gefreut, als sie mich bekommen hat.” Sie sah Karm offen an. “Sie hat mir mal gesagt, dass nur die Frauen der Blutlinie das Talent und den richtigen Instinkt dafür haben würden. Sei meinte, es würde uns im Blut liegen.”

Nun lächelte Karm sanft und nickte verstehend.

“Ich verstehe.
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Annabella legte den Kopf schräg und musterte den Wandelwolf neugierig.

“Und warum weißt und kannst du das so gut?”

Jetzt schenkte ihr der Wandler ein Augenzwinkern und ein breites Grinsen.

“Ach Annabella, stell dir einfach zwei Dutzend Jungwölfe vor, die nur wenig älter als du sind und die gerade eben zum ersten mal ihre zweibeinige Gestalt für längere Zeit haben. Da sind Verstauchungen, Prellungen, Schnitt- , Schürf- und Risswunden an der Tagesordnung. Da lernt man das ganz schnell.”

Annabella kicherte kurz, dann wurde sie aber wieder ernst.

“Ist sein Herzschlag immer noch so flach und unregelmäßig?”

Sie zeigte auf den rothaarigen Mann, der nun still in seinem Lager lag. Karm nickte langsam.

“Ja ,” meinte er leise, “aber es scheint, als wäre es ein klein wenig besser, als davor.”

Er sah das Kind fragend an. Das Mädchen biss sich nachdenklich auf die Lippen. Ihr war gerade eingefallen, dass sie ja mitsamt der Heilutensilien ihrer Mutter auch deren wichtigste Kräuterelixiere eingepackt hatte, darunter nicht nur die Tinktur für die Wunden und die Lösung für die Blutergüsse, sondern auch Tropfen, die das Herz stärkten. Ihre Großma hatte das Heilmittel regelmäßig zu sich genommen. Vielleicht würden die auch dem Fremden helfen?

“Ich habe,” erklärte sie leise, “die Heilmittel meiner Mama eingepackt, da waren auch ihre wichtigsten Elixiere dabei.”

Sie ging zu ihrem Rucksack, ging daneben in die Hocke und holte eine dunkelrote Phiole hervor .

“Wenn wir ihn dazu bringen einige dieser Tropfen,” sie hob die Phiole hoch, “zu schlucken, dann würde ihm das wohl ein wenig helfen. Sie stärken und stabilisieren Herz und Kreislauf.”

Der Wandelwolf nickte, kam zu ihr und streckte dem Mädchen die Hand entgegen.

“Lass es uns versuchen.”

Er zog das Kind, dass seine Hand ergriffen hatte, in die Höhe.

“Ich nehme mal an, dass diese Tropfen nicht sehr gut schmecken werden, oder?”

Annabella schüttelte den Kopf.

“Laut meiner Großma,” meinte sie, “sind sie ziemlich bitter.”

Gemeinsam begaben sie sich zu dem Bewusstlosen.
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Vorsichtig hob Karm den Kopf des Mannes an und zwang ihm sanft die Lippen auseinander, damit ihm Annabella einige Tropfen der dunkelroten Flüssigkeit einflössen konnte. Der Mann stöhnte leise auf und verzog das Gesicht, schaffte es aber wieder nicht, aus seiner Bewusstlosigkeit aufzutauchen. Zumindest aber schluckt er die Flüssigkeit. Vorsichtig ließ Karm den Krieger wieder auf das Lager zurücksinken und deckte ihn zu.



Schnurr, die das ganze Geschehen schweigend und aufmerksam beobachtet hatte, kam aus ihrer Ecke hervor und schnupperte neugierig an einer der Messingschalen. Sie schauderte vor dem Kampfergeruch zurück und nieste. Sie musterte Karm und Annabella eingehend, dann schnaubte sie leise.

“Ihr seid verrückt,” stellte sie fest, “und zwar alle beide. Und ich bin ebenso verrückt, weil ich bei euch bleibe.” Sie schenkte den beiden ein katzenhaftes Grinsen.

“Aber das war schon aufregend, was du da gemacht hast, Karm. Ich wusste gar nicht, wie schnell du rennen kannst, mal ganz zu schweigen von der Kraft, die du offenbar hast.”

Karm grinste die Katze breit an.

“Das liegt daran,” meinte er, “dass ich eigentlich ein Wolf bin, selbst wenn ich mich in meiner menschlichen Gestalt bewege sind meine Knochen, Muskeln und Sehnen die eines Wolfes.”

Schnurr legte den Kopf schräg.

“Ich verstehe.”

Die Katze kam zu ihnen herüber, sprang auf das Lager des Verletzten und musterte den Mann eingehend. Irgendwie sah er ja schon hübsch aus, auch für die Augen einer Katze und sie erkannte etwas in dem Mann, das weder Karm noch Annabella wirklich wahrnehmen konnten. Sie als Katzenwesen jedoch erkannte ein Medium, wenn sie eines sah. Vermutlich war dem Albaelih nicht einmal selber klar, was er da für ein Bluterbe in sich trug. Sie legte den Kopf schräg und fand dass er nicht mehr ganz so schrecklich blass aussah, wie eben zuvor noch. Außerdem schien sich jetzt sein Atem beruhigt zu haben.

“Ich glaube deine Medizin wirkt, Annabella.” Sie sah das Mädchen an. “Er sieht etwas besser aus, als gerade eben noch.”

Karm griff über die Katze hinweg und suchte am Hals des Mannes nach dessen Puls. Augenblicke später lächelte er erleichtert.

“Sie hat Recht, der Puls ist kräftiger, regelmäßiger und nicht mehr ganz so schnell.
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Außerdem fühlt er sich wärmer an.” Er sah Annabella an. “Ich glaube, sofern er keine tieferen Schäden erlitten hat, wird er wieder gesund werden. Den Willen dazu hat er auf jeden Fall.”

Jetzt lächelte auch Annabella erleichtert.



Etwa eine Stunde später hatte Annabella ihre Heilmittel wieder eingepackt, sowie ihre Gerätschaften gereinigt und ebenfalls wieder in ihrer Tasche verstaut. Karm hatte indessen Feuerholz zu der Feuerstelle bei den Schlafstätten getragen und auch dort ein Feuer entzündet, dann hatte er die Blutdurchtränkten Tücher ausgewaschen und zum trocken ausgelegt. Danach breitete er die Kleidung des Albaelih auf den Steinblöcken zum trocknen aus. Kettenhemd und Unterwams des Kriegers waren an Schulter und Ärmel stark beschädigt. Der Mann hatte wirklich Glück gehabt, dass er diese Dinge trug, sonst wäre er noch schlimmer verletzt worden. Vom Umhang war nicht mehr viel vorhanden und Gürtel, die leeren Scheiden von Schwert und Dolch, sowie die Stiefel mussten dringend nach dem trocknen eingefettet werden, sonst würde das Leder spröder und brüchig werden. Ansonsten hatten es die wenigen Habseligkeiten des Kriegers gut überstanden.

Annabella hingegen suchte auf dem Werkzeugtisch nach einem Faden und band damit die Enden der Zöpfe, die Karm hatte abschneiden müssen zusammen. So würden sie sich nicht auflösen. Sie steckte sie in einen kleinen Stoffbeutel, den sie gefunden hatte und legte sie zu den Habseligkeiten des Fremden. Dann beschäftigte sie sich erneut mit der Leuchtsteinlaterne und erkannte, das sie einen der Energiekristalle zerstört hatten. Die Lampe selber war einfach zu reparieren und bald hatte das Kind einen neuen Leuchtstein, sowie einen passenden Energiekristall eingesetzt. Sie freute sich, als sie das Ding endlich ausprobierte und es tatsächlich funktionierte. Immer wieder jedoch wanderten ihre Blicke zu den Schlafstätten und zu dem Mann, der dort lag. Mehrmals sah sie nach ihm und stellte erfreut fest, dass es ihm wirklich etwas besser ging. Sein Gesicht war nicht mehr ganz so blass und sein Atem hatte sich vertieft und beruhigt. Offenbar war er von der Bewusstlosigkeit in einen tiefen Schlaf hinübergeglitten.

Karm indessen hatte sich wieder dem kochen zugewandt und bald lockte der Geruch seines Eintopfes Kind, sowie Katze zum Feuer.
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Als das Essen endlich fertig war, beobachteten Annabella, sowie Schnurr den Wandler mit einem hungrigen Glanz in den Augen, bei dem sich der Wandelwolf fragte, ob nicht doch ein wenig Wolf in den beiden stecken mochte. Er freute sich aber selber darauf und sein Magen meldete sich ungeduldig zu Wort, was ihm prompt schadenfrohes Grinsen einbrachte. Diesmal hatte er zwei ihrer letzten Räucherwürste hineingeschnitten, was den Eintopf etwas würziger machte.

Noch etwas später, als sie ihren ärgsten Hunger gestillt hatten, ließ ein leises Stöhnen von dem schlafenden Albaelih den Wandler aufblicken. Erfreut und erleichtert sah er, dass der Mann blinzelte. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er sich erhob.

“Unser neuer Freund hat beschlossen aufzuwachen.”

Die Feststellung ließ auch Annabella aufsehen. Während Karm sich vorsichtig dem Krieger näherte, stand sie jedoch nur auf und schaute neugierig zu ihm hinüber. Karm hingegen räusperte sich leise.

“Na, wieder unter den Lebenden?”

Die Stimme des Wandelwolfes klang sanft. Erleichtert atmete er auf, als sich der Blick des Fremden auf ihn richtete und tatsächlich klar war. Der Mann stöhnte erneut leise, schloss die Augen und verzog aufgrund der Schmerzen, die er wohl haben musste, das Gesicht.

“Ich glaube,” flüsterte er heiser, “ich hätte besser Bewusstlos bleiben sollen. Mir tut alles weh.”

Karm lachte leise und ließ dem Krieger Zeit, damit ihn dieser wieder ansah. Erneut richteten sich diese grünen, schmalen Augen auf Karm.

“Ihr habt mich gerettet?”

Der Wandler nickte.

“Ja,” bestätigte er, “das haben wir wohl. Mein Name ist Karm.”

Mit einer kleinen Geste wies er hinter sich, wo Annabella nun mit Schnurr auf den Armen dastand und noch immer neugierig zu ihnen herüber sah.

“Und das,” fuhr Karm fort, “sind Annabella und die Katze Schnurr.”

Der Albaelih blinzelte erstaunt, dann lächelte er plötzlich leicht.

“Mein Name,” meinte er leise, “ist Edendar Ranadian und ich glaube, ich schulde euch mein Leben.”



Als er erwachte, geschah das ganz langsam und in mehreren Stufen.
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Zuerst wusste Edendar nicht wer er war oder wo und schon gar nicht, wie er dort gelandet war. Aber immerhin war er zumindest vorhanden, sein Bewusstsein kehrte zurück. Zuerst bemerkte er, das ihm nicht mehr kalt war, sondern sogar warm. Augenblicke später kehrte sein Körpergefühl ganz zurück und damit kamen auch die Schmerzen. Ein leises Stöhnen drang ihm aus der wunden Kehle. Nur Momente darauf überrollten ihn die Erinnerungen. Er wusste wieder wer er war, erinnere sich an den Kampf gegen die Schneebestien, den Sturz, den Fluss, die Brücke am großen Steig und an die Dschan. Gleichzeitig kam auch die Erinnerung daran, wie sich die Dschan von ihm losgerissen hatten, an den Zusammenprall mit dem Fels und an den Mann, der ihn gerettet hatte. Das erklärte natürlich die Schmerzen.

Der Albaelih verzog das Gesicht und öffnete blinzelnd die Augen. Sein Blick fiel auf eine Höhlendecke, an der sich die flackernden Schatten eines Feuers bewegten. Tiefe Erleichterung erfüllte den Krieger. Er hatte nicht nur überlebt, sondern er war auch noch in Sicherheit.

“Na wieder unter den Lebenden?”

Die Stimme klang sanft und Eden erkannte sie wieder. Sie gehörte dem Mann, der ihn gerettet hatte. Langsam drehte er den Kopf und sah dem Fremden an. Die Bewegung entfachte neue Schmerzen in seinem malträtieren Körper, was ihm ein weiteres Stöhnen entlockte. Er verzog das Gesicht und dann konnte er einfach nicht widerstehen.

“Ich glaube,” flüsterte er heiser, “ich hätte besser Bewusstlos bleiben sollen. Mir tut alles weh.”

Alaniah hätte ihn jetzt sicher für so einen Spruch ausgeschimpft, doch der dunkelhaarige Mann lachte nur leise. Hinter dem Fremden, erkannte er, stand ein etwa zehn oder zwölf Jahre altes, blondlockiges Mädchen mit einer dreifarbig gescheckten Katze auf dem Arm. Edendar blinzelte, aber der Anblick blieb bestehen. Plötzlich machte sich der Albaelih ein wenig Sorgen, ob er nicht halluzinierte, denn wie bitte sollte ein Kind, noch dazu mit einer Katze hier herkommen? Er richtete seinen Blick wieder auf den Mann, der ihm die Zeit gelassen hatte.

“Ihr habt mich gerettet?”

Edendars Stimme wurde langsam kräftiger. Der Fremde nickte.

“Ja,” bestätigte er, “das haben wir wohl. Mein Name ist Karm.
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Mit einer kleinen Geste wies er hinter sich, wo das Kind mit der Katze dastand und noch immer neugierig zu ihnen herüber sah.

“Und das,” fuhr Karm fort, “sind Annabella und die Katze Schnurr.”

Der Albaelih blinzelte erstaunt, dann lächelte er plötzlich leicht. Halluzinationen hatten keine Namen und wenn, dann teilten sie diesen bestimmt selber mit. Er hatte sich die Kleine also nicht eingebildet, das war schon ein wenig erleichternd. Irgendwie war er jetzt doch sehr auf seine Retter und ihre Geschichte gespannt. Er sah Karm wieder an.

“Mein Name,” meinte er leise, “ist Edendar Ranadian und ich glaube, ich schulde euch mein Leben.”
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Punktestand der Geschichte:   72
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Kommentare zur Story:

  Hallo Jingizu,

danke dir für den Kommentar.
Na dann bin ich ja froh, dass Annabellas Verhalten noch im vorstellbaren Rahmen ist. Ich bin da manchmal ein wenig unsicher, weil sie mein erster kindliche Held in einem Roman ist. Das Wort gibts übrigens wirklich.
Ja ich weiß, es ist bisserl länger geworden, dabei habe ich schon einiges rausgekürzt. Die Urfassung war nämlich noch detailierter und länger.  
   Tis-Anariel  -  03.07.12 21:38

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  Das Kapitel zieht sich ein bisschen, aber ich find es nicht ungewöhnlich, wenn selbst ein Kind in einer solchen Welt ungewöhnlich schnell erwachsen werden muss. Ich würd mir darüber also keine großartigen Gedanken machen, da der Kontrast Kindlichkeit(gibts das Wort überhaupt?)-Erwachsensein doch einiges her macht.  
   Jingizu  -  03.07.12 16:35

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  Hallo Petra,

wie schön, dass es auch dir gefällt.
Ja, da hat er schon gnaz schön Glück gehabt, dieser Krieger. Das hätte auch viel schlimmer ausgehen können.  
   Tis-Anariel  -  02.07.12 00:46

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  Ein Glück, dass die Verletzungen nicht allzu schwer gewesen sind, sonst hätte es das entgültige aus für Edendar Ranadian bedeutet. So wie es momentan ausschaut, werden Karm und Annabella es wohl schaffen, den tapferen Krieger wieder gesund zu pflegen. Ich freue mich schon auf das nächste Kapitel.  
   Petra  -  01.07.12 21:15

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  Hallo doska,
schön, dass es dir auch gefällt.
Ja, etwas ruhiger, man muss doch auch wieder zu Atem kommen, oder?
Oh ja, Edendar, der hat einiges durch. Mal sehen, was ich mit dem armen Kerl noch alles anstellen werde. ;-)  
   Tis-Anariel  -  01.07.12 03:54

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  Dieses Kapitel ist nun ein wenig ruhiger als das vorherige. Das ist auch gut so. Der Leser sollte ja auch mal zur Ruhe kommen. Edengar hat viel durchgemacht, aber Karm und Annabella helfen ihm so gut sie können. Was er wohl von diesen drei Freunden halten wird ?  
   doska  -  30.06.12 21:47

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  Huhu Gerald,

wie schön, dass dir auch die Fortsetzung gefällt.
Ja Edendar ist schon ein wenig erstaunt über seine Retter. Und er wird im nächsten Teil noch ein wenig mehr staunen.  
   Tis-Anariel  -  30.06.12 00:47

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  Musste ich doch gleich die Fortsetzung lesen. Nun muss erstmal Edengar aus seiner Bewusstlosigkeit geweckt und seine Wunden müssen behandelt werden. Er scheint sehr erstaunt über seine Retter zu sein. Bin schon jetzt gespannt wie es weitergeht  
   Gerald W.  -  29.06.12 18:36

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