Blutmond - Karms Reise -17-   166

Fantastisches · Romane/Serien

Von:    Tis-Anariel      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 25. Juni 2012
Bei Webstories eingestellt: 25. Juni 2012
Anzahl gesehen: 1325
Seiten: 10

Diese Story ist Teil einer Reihe.

Verfügbarkeit:    Die Einzelteile der Reihe werden nach und nach bei Webstories veröffentlicht.

   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Edendar Ranadian schreckte hoch und hätte beinnahe seinen Halt an den treibenden Ästen eingebüsst. Offenbar war er einige Zeit lang weggetreten und hatte sich in einem halbbewusstlosen Zustand nur noch instinktiv an die Äste geklammert. Irgendetwas hatte ihn erschreckt, aber er wusste nicht was. Sein Atem ging heftig und die eiskalte Luft ließ seine Zähne schmerzen. Erneut drohte er von den Ästen zu rutschen. Erschrocken versuchte der Mann seinen Griff um die Äste zu festigen und bemerkte, dass er seine Finger nicht mehr spürte. Tatsächlich spürte er auch so nicht mehr viel von seinem Körper und er zitterte auch kaum mehr. Das war ein schlechtes Zeichen, erkannte der Mann, ein richtig schlechtes sogar. Dennoch gelang es ihm seinen Halt zu festigen.

Mühsam hob er den Blick zum Himmel und erkannte überrascht, dass es bereits dunkel geworden war und weil der Schneefall aufgehört und der Himmel aufgeklart hatte, konnte der Krieger sogar Sterne sehen. Er wusste nicht wie lange er schon im kalten Wasser war, aber es war eindeutig zu lange. Er musste aus dem Fluss raus und zwar schnell und dann musste er zusehen, dass er einen Unterschlupf fand, sowie eine Möglichkeit Feuer zu machen. Denn sonst würde er entweder ertrinken, oder wohl viel eher erfrieren.

Edendar richtete seinen Blick nach vorne, dann zum Ufer und dann wieder nach vorne. Die Benommenheit nahm zu und machte es ihm schwer sich zu konzentrieren. Auch das war kein gutes Zeichen. Der Krieger blinzelte mehrmals. Irgendetwas war da vor ihm, aber was?

Ein wenig später erkannte er einen schmalen Bogen, der sich über den Sarath wölbte und ihm wurde klar, dass er eine Brücke sah. Er blinzelte noch einmal, aber die Brücke blieb wo sie war. Im Gegenteil, der Fluss trieb ihn darauf zu und deswegen wurde sie immer größer. Außerdem wurde die Strömung eindeutig langsamer. Vielleicht würde er hier einfach ans Ufer schwimmen können. Und wo es eine Brücke gab, da gab es sicher auch einen Unterschlupf. Hoffnung erfüllte den Albaelih. Vielleicht würde er diese Nacht ja sogar überleben. Je näher er der Brücke kam, um so mehr Einzelheiten konnte er ausmachen und erkannte bald die Arbeit der Dunai in den präzisen Linien des Bauwerks. Der Söldner runzelte die Stirn. Er wusste nur von zwei größeren Brücken, die hier über den Sarath führten.
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Die eine war die bei Kleinfall und die andere befand sich beim großen Steig. Konnte es wirklich sein, dass ihn der Fluss soweit getragen hatte?

Er biss die Zähne zusammen und versuchte seine Beine dazu zu überreden sich zu bewegen und tatsächlich taten sie, was er verlangte. Stechender Schmerz schoss ihm durch die kalten, starren Muskeln, aber der Mann ignorierte diesen. Langsam, aber sicher näherte er sich dem linken Ufer und damit der Flussseite, an der sich die Bruchkante befand. Wenn es hier einen Unterschlupf gab, dann war das hier vermutlich eine Höhle und wenn dies wirklich die Brücke am großen Steig war, dann war diese Höhle sogar sehr groß und sicher.

Aber so leicht wollte ihn der Fluss wohl nicht gehen lassen, denn die Strömung, hier zwar langsamer und ruhiger, war dennoch recht stark. Für Edendar, der völlig erschöpft, unterkühlt und ausgelaugt war, wurde sie beinnahe unüberwindlich. Er war schon unter der Brück hindurchgetrieben, als der Krieger endlich mit seinem letzten Quäntchen Kraft der Strömung entkam und ein steiles Ufer ereichte. Als er endlich wieder Grund unter den Füßen spürte watete er langsam aus dem Wasser heraus, taumelte und kroch schließlich auf allen Vieren die steile Uferböschung hinauf. Oben angekommen, gaben seine Arme und Beine einfach nach und der Krieger brach erst einmal zusammen. Schwerfällig rollte er sich auf den Rücken und bewunderte keuchend den mittlerweile völlig klaren Sternenhimmel.

Nur wenige Augenblicke danach rollte er sich wieder herum, mühte sich auf die Knie. Er musste einen Unterschlupf erreichen, bevor die Dschan ihn entdeckten und außerdem musst er aus der Kälte heraus. Der Mann stöhnte leise und versuchte aufzustehen. Seine Beine gaben wieder nach!

Weiter lange Momente kniete der Krieger im Schnee und versuchte die nötige Kraft aufzubringen, dann versuchte er es erneut. Diesmal kam er taumelnd auf die Beine und stolperte in Richtung der Brücke los. Sobald er den befestigende Weg dort erreichte, hatte er es etwas leichter. An der Brüstung der Brücke konnte er sich abstützen und sah sich müde um. Schließlich entdeckten seine scharfen Augen den kurzen Weg zur Höhle und das geschlossene Tor.
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Ein kleines Lächeln fand den Weg in Edendars kältesteifes Gesicht. Offenbar nutzte jemand die Höhle! Das hieß vermutlich ein Feuer und vielleicht sogar etwas Warmes zu essen. Jetzt mussten ihn eigentlich die Leute dort noch hören und auch hineinlassen.

Mit neuem Mut stieß er sich von der Brüstung ab und bewegte sich auf das Tor zu, den Mund schon für einen ersten Ruf geöffnet. Doch bevor ein Laut über seine Lippen kam, hörte er ein Flüstern hinter sich. Der Mann erstarrte vor Schreck. Die feinen Nackenhaare stellten sich ihm auf und sein Herz schien einen Schlag auszusetzen. Er schluckte schwer.

“Nein,” flüsterte er, während er den Kopf drehte, “nein, nicht so kurz davor.”

Doch alle Hoffnung war vergebens. Hinter ihm schwebten drei oder vier Dschan über dem Fluss und schienen offenbar seiner Spur zu folgen. Wie die Wesen das machten, denn schließlich war er ja im Wasser gewesen, dass war dem Mann schleierhaft. Er begann so gut es ging loszulaufen, denn vielleicht würde er es ja noch bis zur Höhle schaffen. Sie war ja nicht mehr weit weg und die Dschan hatten ihn sowieso schon bemerkt, wie ihr aufgeregtes Geflüster verriet.

Etwa auf halben Weg zwischen der Höhle und der Brücke schlang sich der erste Tentakel um seinen rechten Knöchel, zog ihm das Bein weg und brachte ihn so zu Fall. Er stürzte schwer, griff aber noch am Boden nach einem abgebrochenen Ast, drehte sich herum und schlug schreiend nach dem Wesen, das ihn versuchte wegzuzerren. Verblüfft lies der erste Dschan von ihm ab, aber noch bevor er sich wieder aufrappeln konnte, waren die anderen heran. Noch immer aus Leibeskräften schreiend und fluchend hieb der Krieger mit seiner provisorischen Waffe auf die Nachttode ein.

Irgendwo tief in sich drin hoffte er, dass ihn jemand hörte und vielleicht zu Hilfe kam, aber er glaubte nicht wirklich daran. Immer wieder traf er die Dschan und immer wieder schien es ihm, als würde er mit dem Ast auf eine Art Widerstand treffen, bevor das Holz fast wirkungslos durch die Wesen glitt. Immer mehr dieser Tentakel schlangen sich um ihn und es war ihm ein Rätsel, wie diese Kreaturen gleichzeitig fest und doch nicht fest sein konnte. Aber sie waren es und die Tentakel behinderten ihn immer mehr, hielten seine Bewegungen auf und fesselten seine Glieder.
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Schließlich wurde er kopfüber in die Höhe gerissen und hing dann, ziemlich hilflos und den Kopf nach unten in den Fortsätzen der Dschan. Der Mann zappelte und schrie noch immer und kämpfte verbissen um sein Dasein. Doch als der erste Tentakel sich in seine Haut bohrte blieb dem Albaelih der Atem weg. Keuchend rang er nach Luft. Das war ja, als hätte ihm jemand Eiswasser direkt in die Adern gespritzt. Als ein zweiter und dann noch weitere dieser Dinger seine Haut durchdrangen, entrang sich ihm ein tiefes, gequältes Stöhnen. Sekunden später begannen die Dschan zu saugen und der Krieger riss entsetzt die Augen weit auf. Es war, als würden sich seine Nervenbahnen in einem eiskalten Feuer entzünden, dass sich immer tiefer in seine Leib fraß. Glühend weiße Agonie überschwemmte seinen Geist und ganz ohne sein wollen begann er zu schreien. Sein Herz stolperte und sein Körper verfiel in qualvolle Zuckungen. Er verlor völlig das Zeitgefühl. Während dessen schraubten sich seine Schreie, immer schriller werdend in die Höhe und ein kleiner Teil des Kriegers, der noch bei klaren Verstand war, konnte es kaum glauben, dass diese Töne seiner eigenen Kehle entsprangen.

Ihm wurde klar, dass er sterben würde, ganz kurz vor der Rettung, aufgefressen von den Dschan und als vertrocknete, leere Hülle zurückgelassen. Er war traurig, doch den Tod selbst fürchtet er nicht wirklich. Er bedauerte auch nicht viel in seinem Leben, außer vielleicht, dass er nie den Kuss, den ihn Alaniah seit einer kleinen Ewigkeit schuldete, eingefordert hatte und dass er seine Familie schon so lange nicht mehr gesehen hatte und es wohl jetzt nie wieder tun würde. Sein Sichtfeld begann sich zu trüben, sein Herz stolperte erneut und sein Bewusstsein schwand ganz langsam.

Ein blenden heller Lichtblitz durchschnitt die Dunkelheit. Kreischend und fauchend rissen sich die Dschan von Edendar los und der Albaelih wurde dabei gegen die Felswand geschleudert. Ein heftiger, stechender Schmerz raste durch seinen Kopf und schockierend heiß floss Blut über seine linke Schläfe herab. Er landete verrückter Weise wie eine Katze auf den Füßen, taumelte noch zwei Schritte und brach dann zusammen. Stimmen erklangen, dann wurde der Krieger, der auf der Seite zu liegen gekommen war, herumgedreht. Er war noch so halb bei Bewusstsein, aber nun wirklich sehr durcheinander.
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Ein flirrendes, zirpendes Gefühl erfüllte seinen Kopf und er hatte keine Gewalt mehr über seinen Körper, dennoch gelang es ihm, die Augen zu öffnen. Sein Blick ließ sich nicht wirklich schärfen, die Welt schwankte um ihn herum und immer wieder drohte ihn die Schwärze am Rande seines Blickfeldes zu verschlingen.

“Lebst du noch?”

Die Frage kam von demjenigen, der ihn umgedreht hatte und jetzt erkannte Edendar, dass ihm wirklich jemand zu Hilfe gekommen war. Die Stimme des Mannes klang rau und angespannt. Edendar hätte gerne geantwortet, brachte aber nur ein schwaches Stöhnen zustanden. Die Bernsteingelben Augen des Fremden zogen sich zusammen, er hatte wohl den Ton gehört. Dann fuhr sein Blick in die Höhe, irgendjemand rief nach Edendars Retter und dieser nickte kurz.

“Gut,” meinte er wieder Edendar zugewandt, “ich werde dich tragen und ich werde rennen. Es wird weh tun. Verstehst du?”

Der Söldner schloss kurz die Auge, denn sprechen konnte er nicht. Aber der Fremde schien ihn auch so zu verstehen. Ohne sich noch weiter aufzuhalten packte er den Albaelih am Kragen, zog ihn in eine halbstehend Position hoch und hievte ihn dann auf die Schulter. Der Schmerz explodierte hinter Edendars Stirn und die gnädige Schwärze einer Bewusstlosigkeit verschlang seinen Geist.



Als ein zweiter, schrillerer Schrei erklang, wandte sich Karm um und begab sich mit schnellen Schritten in die vordere Kammer und zu der Tür, die nach draußen führte. Schnurr und Annabella folgten dem Wandler auf dem Fuße. Jetzt hörte sogar das Kind die Schreie, die sich immer weiter in die Höhe schraubten und schluckte schwer. Ihre Augen wurden ganz groß und rund und erschrocken. Sie erkannte diese Schreie wieder, hatte sie in zahlreicher Ausführung in dieser schrecklichen Nacht gehört, als die Dschan Blaustein heimsuchten und sie von ihrer Familie getrennt wurden. Ihr Unterkiefer begann leicht zu zittern und in ihren Augen sammelten sich ungeweinte Tränen.

Auch Schnurr, die Katze erkannte diese Art der Schreie wieder, hatte sie in der selben Nacht gehört, während sie sich immer tiefer in einen Rattenbau verkroch. Interessanter Weise hatten die Nager sie damals ohne weiteres in ihrem Bau geduldet, hatten sich sogar bebend eng an die zitternde Katze gedrückt.
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Jetzt, hier in der sicheren Höhle sträubte sich ihr das Fell.

“Karm? Können wir nicht irgendwie helfen?” Annabella klang ängstlich und entsetzt.

Karm runzelte die Stirn. Er wollte auch helfen, hatte aber keine Ahnung wie. Denn jetzt dort hinausgehen war jetzt sehr, sehr gefährlich. Die Dschan, die dort draußen waren würden sich auf alles Lebendige stürzen. Er legte seine Hand auf das Metall der Tür und versuchte zu erspüren, wie viele Nachttode wohl dort draußen waren. Seinem Gefühl nach und dem lang anhaltenden Schreien nach zu urteilen konnten es nicht viele sein. Außerdem waren sie und ihr Opfer nicht weit weg, wenn sie die Kreaturen nur irgendwie verscheuchen könnten. Nur einige Minuten würden reichen. Plötzlich weiteten sich die Augen des Wandlers.

Die Dschan verabscheuten Licht, je heller um so besser.

Karm wandte sich zu Annabella um, die ihn immer noch mit großen Augen ansah.

“Annabella, wie hell leuchten diese Leuchtsteinlaternen? Sind sie heller als die normalen Leuchtsteine und kann man das Licht, wie bei anderen Laternen auch, in eine bestimmte Richtung lenken?”

Das Kind zog nachdenklich die Stirn kraus und nickte.

“Ja lenken kann man es und sie leuchten zwar schon ein wenig heller als die Leuchtsteine in der Decke, aber eben nicht sehr viel. Warum willst du das wissen, Karm?”

Der Wandelwolf wies auf die Tür.

“Nun,,” meinte er, “Dschan verabscheuen Licht. Wenn wir ein Licht produzieren können, dass hell genug ist, dann können wir sie höchstwahrscheinlich für kurze Zeit verscheuen. Sie werden nicht lange wegbleiben und auf jeden Fall wiederkommen, aber ich bin schnell, auch auf zwei Beinen.”

“Karm!” Schnurr mischte sich mit Entsetzen in der Stimme ein. “Du kannst doch nicht wirklich da hinauswollen. Was wenn sich die Nachttode nicht verscheuchen lassen oder zu schnell wiederkommen? Was wenn sie dich erwischen, dann hat Annabella wirklich nur noch mich und ich bin nun mal eine kleine Katze. Ich kann sie nicht beschützen!”

Karm knurrte frustriert.

“Was soll ich denn tun?” Er klang wütend. “Soll ich etwa hier drin sitzen und zuhören wie der arme Kerl da draußen stirbt, ohne nicht wenigstens versucht zu haben, ihm zu helfen?” Karms Stimme wurde laut.
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“Das geht noch bis zu zwanzig, vielleicht sogar dreißig Minuten lang so weiter. Selbst das schlimmste und grausamste Monster hat es nicht verdient so zu sterben.”

Schnurr fauchte nun ebenfalls aufgebracht und Annabella drehte sich plötzlich um und rannte in die hintere Kammer zurück. Der Wandelwolf zwang sich zur Ruhe, holte dafür tief Luft und stieß diese dann lautlos wieder aus. Schnurr seufzte.

“Ich weiß,” meinte sie, “du bist ein lieber Kerl und dir geht es gegen den Strich jemanden der deine Hilfe braucht nicht zu helfen. Aber so egoistisch es auch klingt, und sicher ist es auch egoistisch, aber wir, Annabella und auch ich brauchen dich Karm. Wenn dir da draußen was passiert, weil du einem Fremden versuchst zu helfen, dann sitzen auch das Kind und ich in der Patsche.”

Karm seufzte, wandte sich der Tür zu und lauschte unglücklich den Schreien dort draußen.

“Hört bitte auf zu streiten.” Annabellas Stimme war leise und sanft.

Als der Wandler sich zu ihr umwandte, um das Mädchen zu beruhigen sah er, dass sie die Laterne in den Händen hatte. Sie schenkte dem Mann ein kleines, etwas zittriges Lächeln.

“Ich glaube,” meinte sie, “ ich weiß, wie wir ein Licht machen können, das so hell ist, dass man sogar kurzzeitig blind werden kann, wenn man reinkuckt. Wäre das hell genug?”

Karm nickte.

“Auf jeden Fall. Erkläre mir bitte, wie man so ein Licht erzeugen kann.”

Das Kind nickte nun auch.

“Man kann,” erklärte sie, “einen Leuchtstein überladen. Wenn man ihn zum Beispiel an einen zu großen Energiekristall klemmt. Der Leuchtstein geht dabei kaputt, er zerspringt. Aber bevor er das tut, gibt er ein immer heller und greller werdendes Licht von sich. Wenn man da reinkuckt, dann kann man sogar für einige Tage blind werden. Darum weiß ich das auch. Mein Papa hat es mir und meinen Brüdern beigebracht, damit wir diesen Fehler nicht machen.”

Sie reichte ihm die Laterne, bei der sie schon drei Seiten geschlossen hatte, damit nur noch auf einer das Licht hinaus strahlen konnte. Ein Blick ins Innere zeigte Karm, dass die Innenflächen der Klappen silbern glänzten und wie Spiegel wirkten.
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“Ich hab oben in die Fassung zwei von unseren größeren Energiekristallen rein getan,” erklärte das Kind, “das wird den Leuchtstein sicher überladen. Du musst nur noch in die richtige Richtung zielen, den Deckel draufmachen und dann gleich die Augen fest zumachen.” Das Mädchen wirkte entschlossen.

Karm nickte erneut.

“Und wie lange wird dieses Licht anhalten?”

“Nicht lange,” antwortet das Kind, “höchsten so lange, bis man langsam bis zehn gezählt hat.”

Und wieder nickte der Wandler nur. Er stellte die Laterne ab, zog die überraschte Annabella an sich und drückte das Kind einmal fest.

“Du bist genial, Kleine.” Karm klang stolz.

“Karm!” Schnurrs Stimme klang seltsam, beinnahe ängstlich und der Wandler lächelte das Katzenwesen an.

“Da draußen sind höchsten fünf Dschan,” meinte er, “und sie werden alle mit dem armen Kerl, den sie da gefangen haben, beschäftigt sein. Ich glaube sie werden nicht einmal merken, wenn wir diese Tür öffnen.” Der Wandler klang nun ernst. “Wenn sie sich verscheuchen lassen, dann können wir womöglich jemanden das Leben retten und wenn sie sich nicht verscheuchen lassen, dann machen wir diese Tür wieder zu und haben es zumindest versucht. Verstehst du, Kätzchen?”

Die Katze seufzte gereizt.

“Du lässt dich ja sowieso nicht davon abhalten, oder?”

Karm grinste die mürrische Katze abenteuerlustig an, antwortete aber nicht. Statt dessen wandte er sich Annabella zu und wurde wieder ernst.

“Gut, Annabella,” meinte er ,”hör mir jetzt ganz genau zu. Wenn die Dschan schneller zurückkommen und ich es womöglich nicht wieder hier reinschaffe, dann machst du diese Tür zu und lässt sie auch zu. Egal was du hörst. Hast du das verstanden?”

Annabelle nickte unglücklich.

“Gut,” Karm klang immer noch ernst, “dann lass uns mal sehen, ob wir diesen Dschan da draußen nicht das Abendessen verderben können.”



Nur wenige Augenblicke später drehte der Wandler den Riegel an der Tür aus seiner Halterung im Stein und öffnete langsam und vorsichtig die Tür, froh darüber, dass sich diese so lautlos in den gut geölten Angeln bewegte.
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Er blickte vorsichtig hinaus, trat dann einen kleinen Schritt hinaus und erkannte, dass er in seiner Vermutung Recht gehabt hatte. Die Dschan, drei Stück waren es, waren ganz mit ihrem Opfer beschäftigt und hatten nicht bemerkt, dass der Wandler die Höhle verlassen hatte. Die Kreaturen waren so sehr auf ihr Opfer konzentriert, so dass sie Karm offenbar gar nicht wahrnahmen. Ihr Opfer, der Statur nach ein recht schlanker, großer Mann hing kopfüber und ziemlich hilflos in den Tentakeln der Nachttode Und schrie noch immer schrill vor Qual. Das lange, rostrote und zu vielen Zöpfen geflochtene Haar des Fremden hing ihm ins Gesicht und verwehrte dem Wandler einen genaueren Blick auf die Züge des anderen. Das Kettenhemd und die leere Schwertscheide an seinem Gürtel ließen allerdings darauf schließen, dass er ein Krieger, vielleicht auch ein Söldner war. Noch während Karm hinsah verfiel der Körper des Mannes in qualvolle Zuckungen und dem Wandler wurde klar, dass dem Fremden jetzt nicht mehr viel Zeit bleiben würde. Entschlossen hob er die Laterne, richtete sie aus, setzte den Deckel der Fassung an seinen Platz und kniff fest die Augen zu.

Der Lichtblitz der entstand war beeindruckend, fand zumindest Karm, denn selbst durch die geschlossenen Lieder drang das Licht grell in seine Augen. Er drehte den Kopf weg und hörte die Dschan erschrocken fauchen und kreischen. Sobald der Lichtschein vor seinen Lidern nachließ öffnete Karm vorsichtig die Augen. Flackernd erstarb der Leuchtstein, die Dschan stoben auf und davon und der Fremde, von dem sie sich offenbar losgerissen hatten, war dabei wohl an die Felswand geschleudert worden. Zumindest taumelte der Mann zwei Schritte von dieser zurück und klappte dann auf der Stelle zusammen, wie ein Marionette, der man die Fäden abgeschnitten hatte.

Karm verlor keine Zeit. Noch bevor der Mann den Boden erreicht hatte, rannte der Wandler auch schon los. Nur wenige Augenblicke später war er bei dem Fremden angelangt, beugte sich hinab und drehte den Mann auf den Rücken.

“Lebst du noch?” Karm klang besorgt.

Erstaunt erkannte er, dass er einen Albaelih vor sich hatte. Der Mann öffnete die schräg stehenden, schmalen Augen und brachte ein leises Stöhnen zustanden. An der rechten Kopfseite floss ihm eine große Menge dunklen Blutes über die Schläfe.
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Offensichtlich war er mit dem Kopf gegen die Felsen geprallt und hatte sich eine üble Platzwunde zugezogen. Außerdem schien der Krieger gehörig durcheinander zu sein und keine Gewalt mehr über seinen Körper zu haben. Nach so einem Zusammenstoß war das auch bestimmt keine Wunder.

“Karm,” Annabellas Schrei klang ein wenig schrill, “ich glaub sie kommen wieder zurück.”

Der Wandler riss den Kopf hoch und starrte konzentriert in die Richtung, in die die Dschan verschwunden waren. Tatsächlich sah es so aus, als hätten die Kreaturen kehrt gemacht. Karm nickte kurz, dann betrachtete er erneut den Albaelihkrieger.

“Gut,” meinte er, “ich werde dich tragen und ich werde rennen. Es wird weh tun. Verstehst du?”

Der Mann schloss kurz und betont die Augen. Karm wertete das einfach als ein Ja.

Ohne weitere Umschweife packte er den Fremden am Kragen, zog ihn in eine halb stehende Position hoch und hievte ihn dann auf die Schulter. Dem Mann entfuhr ein tiefes, schmerzerfülltes Stöhnen und noch während sich Karm umdrehte und losrannte, spürte er, wie der Körper des Kriegers in seinem Griff erschlaffte.

Der Wandler konnte sich aber darum jetzt keine Gedanken machen, hörte er doch hinter sich schon das Geflüster der Dschan. Aber er hatte nicht gelogen. Karm war schnell und stark obendrein, wenn man bedachte, wie leicht es ihm fiel, den Fremden zu tragen. Er erreichte ohne Probleme die Tür, trat ein und drehte sich mit der rechten Hand auf dem Metall herum. Böse starrte er den Dschan entgegen, ein tiefes Knurren entwich seine Kehle und wütend fletschte er die Zähne. Erst dann schloss er die Tür und Annabella drehte schnell den Riegel zurück, so dass sie fest verschlossen blieb. Eilig wichen das Kind, die Katze und der Wandelwolf von der Tür, tiefer in die Höhle zurück.

Die Dschan rüttelten heftig an dieser und zischten und fauchend dabei aufgebracht. Offenbar waren sie ziemlich wütend. Skeptisch behielt Karm den Eingang im Auge, aber schon sehr bald war klar, dass die Nachttode ihre Aversion gegen unterirdische Räume nicht überwinden würden.
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Kommentare zur Story:

  Hallo Gerald,

es freut mich, dass es auch dir so gut gefällt. Vielen Dank für das schöne Lob.
Nun, es ist ja so, dass innerhalb der Höhle gleichzeitg etwas anderes passiert,wie außerhalb der Höhle. Es ist ein kleines Experiment, dieser Wechsel der Perspektive, so wiederhole ich zwar einige Dinge, vermeide aber gerade bei so einer Szene die immer wiederkehrenden Ausdrücke wie "zur gleichen Zeit", "während" und "währendessen" und so weiter.
Freut mich, das mir das gelungen ist.  
   Tis-Anariel  -  30.06.12 00:37

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  Das ist aber auch wirklich ein tolles Kapitel. Ich muss zugeben, erst war ich etwas skeptisch, als du dieselbe Szene nur aus einer anderen Perspektive zu schildern begannst. Aber da kam so vieles Neues und die Spannung steigerte sich schließlich auch dort. Sehr spannend auch am Schluss. Einfach gelungen.  
   Gerald W.  -  29.06.12 18:22

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  Wow!
Ich bin baff! Offenbar gefällt euch dieser Teil wirklich sehr gut.
Herzlichen Dank für die vielen Grünwertungen.
Na dann hoffe ich, dass ich euch mit der Fortsetzung nicht enttäuschen werde.

Liebe Grüße  
   Tis-Anariel  -  28.06.12 16:43

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  Hallöchen Jürgen,
Uiii, welch ein großes Lob. Herzlichen Dank erst mal dafür und es freut mich sehr, dass dich der Text so begeistern konnte. Das lacht mein Schreiberherz. Dann hoffe ich mal, der Rest der Geschichte gefällt dir eben so gut.


Huhu Jingizu,
wie schön, dass es auch dir noch gefällt. Danke auch dir für das Lob. Hmm...mit den Leuchtsteinen hat es noch mehr auf sich, aber das kommt erst später.
Das ich gerade diesem Teil und auch dem nächsten ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenke liegt vor allem daran, dass ich mich in der Geschichte hier an einem kleinen Wendepunkt befinde. Ab jetzt sind Karm, Annabella und Schnurr nicht mehr alleine unterwegs.  
   Tis-Anariel  -  26.06.12 23:24

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  Na wie ich sehe, begeistert dieses Kapitel ja auf ganzer Linie.
Du widmest diesem kleinen Kampf ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit und meisterst die Action mit bravour. Die Bilder sind klar, die Handlungen nachvollziehbar und keiner der Charaktere kommt zu kurz. Es ist ein netter Einfall das Ganze mit der kleinen Geschichte um die Bastelei mit den Leuchtsteinen zu erweitern, denn so rückst du auch Anna wieder mehr ins Geschehen, dass sonst nur von Kämpfern dominiert wird.

Alles in Allem also ein sehr gelungenes Kapitel.  
   Jingizu  -  26.06.12 19:40

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  WOW, was ist DAS denn...durch Zufall gesehen gelesen und TOTAL begeistert.Den Spannungsbogen ungewöhnlich lange hochgehalten, märchenhaft sicher blütenede lyrische Sprache und wahnsinnig schöne Bilder...Meisterwerk... sehe gerade ist ja schon ein BUCH...hab so wenig zeit...aber DAS hier MUSS ich mir reintun, und wenns nicht anders geht ...die ganze Nacht...bin total begeistert...beste Grüße...  
   Jürgen Hellweg  -  26.06.12 19:01

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  Huhu doska,

wie schön, dass es auch dir gefällt.
Herzlichen Dank für das schöne Lob.
Es freut mich, wenn ich dir Bilder vors geistige auge zaubern konnte.  
   Tis-Anariel  -  26.06.12 16:18

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  Da muss ich Petra zustimmen. Dieses Kapitel ist Spitze. Spannend vom Anfang bis zum Ende und du kannst die grausigen Dschan sehr gut beschreiben. Ich sah alles wie in einem Film vor mir.  
   doska  -  25.06.12 21:55

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  Hallo Petra,

es freut mich, dass es dir gefällt.
Ja die Dschan, die sind eben doch sehr, sehr unheimlich und gruselig. Ich freu mich, wenn mir ihre Darstellung offenbar so gut gelingt.  
   Tis-Anariel  -  25.06.12 21:20

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  Ein sehr gutes Kapitel. Spannend, authentisch und detailliert geschrieben. Huuuuh! Die Dschan sind ja echt grässlich. Denen möchte ich nicht im dunklen und auch nicht mal im hellen begegnen.  
   Petra  -  25.06.12 17:17

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Interessante Kommentare

Kommentar von "Aya" zu "Der kleine Vogel"

finde ich auch echt gut.

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