Falaysia - Fremde Welt - Band1: Allgrizia; Kapitel 14   136

Fantastisches · Romane/Serien

Von:    Ina Linger      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 23. Juni 2012
Bei Webstories eingestellt: 23. Juni 2012
Anzahl gesehen: 752
Seiten: 10

Diese Story ist Teil einer Reihe.

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Zwangspause









Der dunkle Himmel hatte seine Tore geöffnet und schüttete alles, was er an Nässe und Kälte besaß, über den Wäldern Piladomas aus. Grollend dröhnte der Donner über den Wipfeln der Bäume und ab und an tauchte ein Blitz die Landschaft in gleißendes Licht, so dass auch die mutigsten Bewohner des Waldes sich in ihre tiefsten Höhlen verkrochen und dort wimmernd darauf warteten, dass das Unwetter vorüber zog.

Leon zog seinen Mantel noch etwas enger um seinen Körper und die Kapuze tiefer in sein Gesicht. Er hasste diese Art von Wetter, bei dem die Nässe und Kälte von allen Seiten gleichzeitig zu kommen schien und man sich kaum davor schützen konnte, wenn man keine Unterkunft aus Stein oder Holz gefunden hatte. Und ‚Unterkunft‘ konnte man das, was Leon in der Eile aus Ästen und Zweigen und Moos über ihren Köpfen zusammengebaut hatte, wohl kaum nennen. Andererseits machte dieses Wetter es ihnen auch unmöglich weiterzureiten. Sie hatten es für eine Weile versucht, doch irgendwann war der Boden unter den Hufen der Pferde so aufgeweicht gewesen, dass die Tiere immer wieder ins Rutschen geraten waren und das war auf der hügeligen Strecke, die sie momentan zurückzulegen hatten, einfach zu gefährlich. Allein hätte er es vielleicht noch gewagt weiterzureiten, aber er hatte jetzt auch noch die Verantwortung für Jenna zu tragen und konnte nicht riskieren, dass sie aufgrund seiner Sturheit unter dem schweren Leib eines stürzenden Pferdes begraben wurde. Dann war alles aus – selbst wenn sie sich nur ein paar Knochen brach.



Leons Blick glitt, wie schon so oft zuvor, hinüber zu Jenna, die sich an den breiten Stamm des Baumes hinter ihnen gelehnt hatte und blicklos ins Leere starrte, die Arme eng um ihren Körper geschlungen, um sich selbst wenigstens ein bisschen Wärme zu schenken. Sie sah müde aus und erschöpft und irgendwie… irgendwie regte sich tief in seinem Inneren das Bedürfnis, sie in die Arme zu nehmen, sie mit seinem Körper zu wärmen und ihr zu versprechen, dass alles schon irgendwie gut werden würde. Wenn er ehrlich war, sehnte auch er sich nach mehr Wärme. Seine Kleidung war wie die ihre völlig durchnässt und er fror entsetzlich. Dennoch erlaubte er es sich nicht zu zittern, wollte nicht schwächlich und unmännlich vor Jenna erscheinen, schließlich war er der Einzige, den sie in dieser Welt hatte, der einzige, der sie beschützen, auf den sie sich verlassen konnte.
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Nach all dem, was sie bisher durchgemacht hatte, war es ein Wunder, dass sie nicht langsam aber sicher durchdrehte. Und ganz sicher würde das geschehen, wenn er jetzt schlapp machte. Frauen waren nun einmal etwas zartere Geschöpfe. Sie brauchten in Notsituationen einfach die starke Schulter eines Mannes zum Anlehnen und Festhalten – das wusste er. Sie brauchte ihn. Auch wenn sie das natürlich niemals zugeben würde.



Jenna war eine ziemlich ungewöhnliche junge Frau. Ungewöhnlich stark und eigensinnig. Sara war auch eigensinnig gewesen, aber auch zarter. Ihre Dickköpfigkeit war niedlich gewesen, weil sie ihm am Ende dann doch immer nachgegeben hatte. Jennas Dickköpfigkeit war anstrengend und sie hatte einen verdammt langen Atem. Wenn ihr etwas nicht passte, dann wehrte sie sich dagegen mit aller Kraft, bis sie sich entweder durchsetzte oder beleidigt zurückzog. Nur selten gab sie ihm Recht. Meist passte sie sich ihm nur an, weil sie keine andere Option hatte und irgendwie war das ziemlich frustrierend für ihn.

Auf der anderen Seite fühlte Leon aber auch so etwas wie Respekt für diese Frau in ihm wachsen. Es gab nur wenige Menschen, die so viel Kraft und Ausdauer in sich hatten, so viel ertragen konnten ohne dabei zusammenzubrechen, und dann gab es da noch diese mysteriöse Seite an ihr, die sie selbst vor der Geschichte mit dem Stein so wenig wahrgenommen hatte wie er. Er glaubte ihr mittlerweile, dass sie nichts von ihren magischen Kräften wusste und sein Misstrauen ihr gegenüber hatte sich dadurch schnell wieder verflüchtigt und einem unterschwelligen Interesse an genau diesen Kräften Platz gemacht. Eigentlich hatte er es schon damals im Wald bemerkt, als die Zaishomas so eigenartig auf sie reagiert hatten. Nur Menschen mit einer magischen Veranlagung konnten diese winzigen Wesen hören, hieß es im Volksmund – was nicht bedeutete, dass es unbedingt wahr war. Ausschließen konnte man es jedoch nicht und da Leon ein sehr vorsichtiger Mensch war, zog er jede Möglichkeit in Betracht, natürlich ohne andere Menschen davon wissen zu lassen.



Wie schon viele Male zuvor landete ein kalter, nasser Tropfen auf seiner Stirn und er wischte ihn verärgert fort.
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Dieses Wetter machte ihn wahnsinnig! Er hasste es irgendwo festzusitzen und nichts weiter tun zu können als nachzudenken – ganz davon abgesehen, dass ein zu langes Verweilen an ein und demselben Ort in ihrer Situation sogar gefährlich war. Marek ließ sich gewiss selbst von einem solchen Unwetter nicht aufhalten. Er nahm garantiert jede Unannehmlichkeit und Gefahr in Kauf, nur um sich zu rächen und den Stein wieder in seine Klauen zu bekommen. Und vielleicht war ihm selbst das nicht mehr genug. Vielleicht wollte er auch Jenna. Er war alles andere als ein dummer Mensch und hatte gewiss bemerkt, was mit ihr los war. Wahrscheinlich wusste er sogar mehr als jeder andere, denn er war ja eigentlich der rechtmäßige Besitzer des Amuletts gewesen und er hatte direkte Verbindungen zu dem mächtigsten Magier des Landes.

Arme Jenna. Wenn er sie erwischte, stand es wirklich gar nicht gut um sie. Wer wusste schon, was dieser Teufel dann mit ihr machte? Ob er sie gleich tötete, um das Risiko, dass sie den Stein wieder stahl, zu tilgen? Oder brachte er sie zu Nadir, um herauszufinden, was es mit ihr und diesem magischen Gegenstand auf sich hatte? Eigentlich war das auch egal. Leiden würde sie in jedem Fall, denn Marek war ein furchtbar rachsüchtiger Mensch und würde ihre Tat ganz bestimmt nicht ungesühnt lassen.



Leons ganzes Inneres verkrampfte sich bei diesem Gedanken und rebellierte gegen die Bilder, die sofort in seinem Geist wachgerufen wurden. Nein, ihr durfte nichts geschehen. Er würde sich ewig Vorwürfe machen, wenn ihr etwas zustieß. Er konnte nicht schon wieder versagen, würde für sie kämpfen, sie beschützen, auch wenn alles noch so hoffnungslos erschien und es das Letzte war, was er in seinem Leben noch tat. Sara hatte er nicht retten können, aber jetzt hatte er die Chance, das irgendwie wiedergutzumachen. Jenna war noch nicht verloren.

Irgendwie sah sie aus wie ein kleines Kind, so wie sie da saß, durchnässt und frierend, so hilflos und allein gelassen. Ein Kind, das keine Ahnung von dem hatte, was auf es zukam und das Bedürfnis sie zu beschützen, komme was wolle, wurde noch stärker und drängender.

Aus irgendeinem Grund erwachte sie aus ihrer geistigen Abwesenheit und sah ihn an.
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Erst schien es so, als wolle sie lächeln, doch dann nahm ihr Gesicht wieder diesen kühlen, etwas eingeschnappten Ausdruck an, den er schon seit einer ganzen Weile ertragen musste, und sie sah bewusst in eine andere Richtung. Also war sie immer noch wütend auf ihn. Wie konnte man nur so nachtragend sein? Schließlich war es nicht sie gewesen, die an ihre schmerzhafte Vergangenheit erinnert worden war. Es war nicht sie gewesen, die damit hatte kämpfen müssen, die Geschichte von Marek zu erzählen, ohne dabei Sara zu erwähnen. Es war so verdammt schwer gewesen, hatte so wehgetan…

Leon wandte sich nun ebenfalls von ihr ab und betrachtete stattdessen das behelfsmäßige Dach, das er aus ein paar großen Ästen, Zweigen und Moos über ihren Köpfen angefertigt hatte. Es war zwar etwas durchlässig, hielt jedoch den größten Teil des Regens von oben ab. Wenigstens dafür hätte Jenna ihm ein wenig dankbar sein können. Aber nein, sie musste ja weiterhin eingeschnappt sein und ihm die kalte Schulter zeigen. So musste sie halt lernen, dass man damit bei ihm nicht durchkam.



Ein wenig Verständnis hatte er ja für ihre Wut. Wenn er an ihrer Stelle gewesen wäre, hätte er sich vielleicht genauso verhalten wie sie. Es ging ihr möglicherweise gar nicht mehr um ihren letzten Streit, sondern eher darum, dass er sie, was das Ziel ihrer Reise anging, so im Unwissen ließ. Als sie am Morgen des vierten Tages nach ihrer Flucht in Ritvak statt in Bantjor angekommen waren, wäre Jenna beinahe vor Wut geplatzt. Es hatte sie furchtbar aufgeregt, dass er sie nicht in seine Pläne eingeweiht, ja, sie sogar belogen hatte, und sich weiterhin weigerte ihr Auskunft über ihr nächstes Ziel zu geben. Dabei hatte er ihr doch erklärt, warum er sich so verhielt, dass es um die Sicherheit seines Freundes, ja gar um die König Renons und seiner Männer ging. Doch sie hatte es nicht verstanden, ihm unterstellt, dass er ihr nicht vertraue und sie für ein kleines, dummes Mädchen hielt, das alles falsch mache.

Als würde er so etwas von ihr denken. Gut, sein volles Vertrauen hatte sie noch nicht, aber das wäre doch auch zu viel verlangt nach der kurzen Zeit, die sie sich erst kannten. Doch er hielt sie ganz bestimmt nicht für dumm. Sie kam noch nicht so gut klar mit dem Leben hier in Falaysia, aber dafür konnte sie nichts, und er verachtete sie bestimmt nicht dafür.
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Sie war erst einmal auf seine Hilfe angewiesen, aber das schien sie mehr zu stören als ihn. Ohne sie wäre alles vielleicht leichter gewesen, aber auf keinen Fall besser – ganz davon abgesehen, dass er ohne ihre Hilfe wahrscheinlich bereits tot sein würde. Er mochte sie doch, konnte sie das nicht erkennen? Warum konnte sie sich nicht damit zufrieden geben, ihn bei sich zu haben, als Beschützer und Freund? Warum konnte sie ihn nicht einfach alles so machen lassen, wie er wollte, wie es getan werden musste? Er hatte doch von den Dingen hier viel mehr Ahnung. Aber sie musste sich dauernd einmischen, Fragen stellen, eigene Pläne entwickeln, über alles Bescheid wissen. Er hatte es wirklich nicht leicht mit dieser eigenwilligen Frau. Und jetzt schmollte sie auch noch, wo sein Kopf bereits vor Sorgen zu platzen drohte. Frauen!



Er wandte sich wieder zu ihr um, um den nächsten bösen Blick zu erhaschen, doch zu seinem Erstaunen hatte sie die Augen geschlossen und schien eingeschlafen zu sein. Wie konnte man bei so einem Wetter schlafen? Und in so einer Haltung? Sie musste wirklich sehr müde sein. Armes Mädchen. Wahrscheinlich war das auch der Grund, warum sie im Moment so unerträglich war. Sie war mit ihren körperlichen Kräften am Ende. Der kurze Aufenthalt in Ritvak war wohl nicht besonders erholsam gewesen. Nahrung besorgen, frische Kleider, Decken, von einem Handwerksladen in den nächsten hetzen, kurzer Aufenthalt in einem Wirtshaus und dann weiter. Nein, dabei konnte man sich natürlich nicht erholen, nicht von dieser halsbrecherischen Flucht. Es war nicht ihre Schuld, dass sie sich so heftig stritten. Es war wieder einmal seine Schuld, Mareks. Oh, wie er diesen Kerl hasste.

Nun lief doch ein Zittern durch Leons Körper, doch es wurde dieses Mal nicht von der Kälte, sondern von unterdrückter Wut hervorgerufen. Er atmete tief durch. Das war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um sich aufzuregen, sich von seinen Mordfantasien ablenken zu lassen. Sie machten ihn meist eher noch aggressiver, als dass sie ihn beruhigten, und er wollte nicht, dass Jenna später wieder unter seinen Stimmungsschwankungen zu leiden hatte. Er sah wieder in die Dunkelheit des Waldes und musste feststellen, dass es nicht mehr ganz so dunkel war wie zuvor.
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Die Wolkendecke war aufgerissen und am Nachthimmel zeigten sich die ersten funkelnden Sterne. Der Regen zog sich langsam zurück und ließ neue Hoffnung in Leon aufflackern. Wenn das Wetter sich besserte, konnten sie den Weg nach Vaylacia endlich fortsetzen. Und wenn sie erst in Vaylacia waren und seinen Freund aufgesucht hatten, dann sah vielleicht alles schon viel besser aus.

Er würde Jenna noch eine Weile schlafen lassen, doch dann mussten sie sich unbedingt wieder auf den Weg machen. Marek schlief bestimmt nicht.







„Jenna?“ Der Klang dieser Stimme ließ Jenna wohlig erschauern. Ihr Herz zog sich vor Freude zusammen und ihr Atem stockte, während sie sich langsam umdrehte. Ganz langsam, aus Angst, dass sie sich geirrt haben könnte. Und dann sah sie sie. In ein weites seidenes Gewand gekleidet, kam sie auf sie zu. Ihr langes weißblondes Haar wehte um ihre Schultern und sie lächelte, so warm und gütig, wie sie es immer getan hatte, wenn Jenna zu ihr gekommen war.



Jenna schossen Tränen in die Augen, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Nur das leise Schluchzen, das ihre Kehle heraufdrängte konnte sie noch zurückhalten. Ihre Tante hatte sie gefunden, war irgendwie in diese Welt gelangt, um sie zurückzuholen. Sie war gerettet. Sie würde sie wieder nach Hause bringen. Endlich! Sie hatte sie nicht im Stich gelassen, wie Leon vermutet hatte.

Jenna lief ihr nicht nur entgegen, nein, sie rannte und versuchte dabei weiterhin verkrampft die Schluchzer zu unterdrücken, die so dringend aus ihr heraus wollten. Die Erschöpfung, die sie nach all den Anstrengungen verspürt hatte, war wie weggeblasen. Alles, was sie wollte, war ihrer Tante in die Arme zu fallen und bei ihr endlich wieder Ruhe und Geborgenheit zu finden, sich sicher zu fühlen. Doch irgendwie kam sie ihr nicht näher. Sie lief und lief, doch Melina blieb in der Entfernung, die sie zu ihr hatte seit sie aufgetaucht war. Etwas war hier nicht in Ordnung.



„Mel!“ rief sie verzweifelt und blieb schließlich hilflos stehen. „Hilf mir doch! Was passiert hier?“



Melina sah sie mitfühlend an und lächelte traurig. „Du kannst nicht zu mir kommen“, sagte sie sanft. „Das hier ist nicht die Realität.
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„Was?“ hauchte Jenna. Sie begriff nicht, was ihre Tante damit meinte, wollte es nicht verstehen. Was war nicht die Realität? Ihre Tante, oder die Welt in der sie sich befand?



„Du träumst, Jenna“, erklärte Melina.



Jennas Herz zog sich schmerzhaft zusammen und sie schüttelte sofort den Kopf. Ihre Erleichterung, all ihre wieder erweckten Hoffnungen schwanden mit einem Mal dahin. „Nein, sag das nicht. Oh, bitte, das… das kann nicht nur ein Traum sein!“



„Zum größten Teil schon“, gab Melina traurig zu. „Du schläfst momentan und hast zuvor wahrscheinlich etwas anderes geträumt, aber das musste ich leider verdrängen, um mit dir Kontakt aufzunehmen.“



„Aber dann bist du doch irgendwie real“, schloss Jenna hoffnungsvoll und schluckte tapfer ihre bittere Enttäuschung herunter. Ein mentaler Kontakt zur anderen Welt war immer noch besser als gar keiner.



„In gewisser Weise schon“, stimmt Melina ihr mit einem Lächeln zu. „Meine übersinnlichen Kräfte sind es, die du siehst und hörst. Nur durch sie kann ich dich erreichen und auch nur dann, wenn du schläfst.“



„Was... was heißt das genau, Melina?“ fragte Jenna mit etwas zittriger Stimme. „Dass… dass du nicht persönlich hierher kommen kannst?“ Sie sehnte sich so nach einem Menschen, den sie kannte, dem sie vertrauen konnte, der für sie da war.



„Nicht ohne Hilfe“, gab Melina niedergeschlagen zu. „Und selbst wenn ich jemanden finden würde, der mich zu dir bringt – ich könnte uns beide nicht wieder aus dieser anderen Welt herausbringen. Dazu ist meine Magie zu schwach.“



„Aber du… du hast doch Leon hierher gebracht!“ warf Jenna ein und nun fühlte auch sie die Wut in sich aufkeimen, die sie immer in Leons Stimme vernahm, wenn er über ihre Tante sprach.



Melinas Gesicht erhellte sich. „Du hast ihn also gefunden?!“



Jenna nickte nur. Sie konnte Melinas Begeisterung nicht teilen, schließlich verstand sie sich im Moment mit diesem unfreundlichen, sturen Kerl alles andere als gut.



„Gott sei Dank!“ stieß Melina erleichtert aus.
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„Ah ja, jetzt sehe ich es auch. Du bist wütend auf ihn. Du hast bestimmt Recht, aber sei trotzdem nicht so streng mit ihm. Er hat viel durchgemacht und er war schon immer ein ziemlicher Sturkopf und Eigenbrödler. Hab Geduld mit ihm.“



Jenna starrte ihre Tante entgeistert an. „Du... du liest meine Gedanken!“



„Nein, ich sehe Bilder aus deinen Erinnerungen und fühle das Echo deiner Gefühle“, erklärte Melina schnell, besaß aber den Anstand wenigstens ein klein wenig zu erröten. „Es tut mir leid, aber ich kann nicht anders, wenn du dich so weit öffnest.“



Jennas Mund öffnete sich, doch sie war zu perplex, um etwas herauszubringen. Irgendwie war es gar kein angenehmes Gefühl, so durchschaut zu werden.



„Es ist nicht schwer den Kontakt zu finden, wenn die Menschen schlafen. Wenn sie wach sind, ist es jedoch so gut wie unmöglich“, erklärte Melina weiter. „Im Schlaf öffnen sie sich stärker und lassen ihre Energie frei. So konnte ich dich auch finden, denn jeder Mensch besitzt eine ihm ganz eigene Form von Energie…“ Sie verstummte. Anscheinend hatte sie bemerkt, dass sich Jenna nicht so ganz wohl fühlte.



„Ich werde es nicht noch einmal tun, wenn es nicht unbedingt notwendig ist“, versprach sie schnell.

Jenna nickte nur. Zu mehr war sie nicht fähig. Sie wollte es nicht, aber auf einmal war da ein gewisses Misstrauen gegenüber ihrer Tante, dass sich in ihr zu regen begann. Misstrauen und Ablehnung, Gefühle, die sie eigentlich nicht haben wollte. Sie schluckte schwer und räusperte sich.



„Es gibt nur eines, was ich unbedingt wissen muss, Mel. Kannst du... kannst du mir irgendwie helfen? Kannst du dafür sorgen, dass ich wieder nach Hause komme?“



Nun war es an ihrer Tante für einen Augenblick zu schweigen. Es fiel ihr schwer, Jenna dabei weiterhin in die Augen zu sehen, und sie wusste genau, was das bedeutete.



„Ich werde alles Menschenmögliche tun, um dir zu helfen“, erwiderte Melina schließlich. „Aber ich kann dich nicht von unserer Welt aus holen. Das kann niemand.“



„Aber wieso nicht?!“ entfuhr es Jenna aufgebracht. Ihre Kehle zog sich langsam zusammen. So war es immer, wenn sie kurz vor einem Weinkrampf stand.
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„Weil diese Welt weitaus magischer ist als unsere“, erklärte Melina leise. „Jede Art von Magie ist auch eine Art von Energie. Magische Energien ziehen sich an. Und da Falaysia den stärkeren Sog hat, ist es leichter etwas mit Magie dort hineinzubringen, als wieder wegzuholen.“



Jenna atmete schwer ein und wieder aus, blinzelte tapfer gegen ihre Tränen an.

„Das heißt, ich bin für immer in dieser Welt gefangen“, sagte sie mit gebrochener Stimme.



„Nein!“ wehrte sich Melina heftig gegen diese Aussage. „Das darfst du nicht glauben. Es gibt einen Weg. Er ist nur sehr gefährlich und du brauchst Hilfe von einigen Menschen. Menschen, denen du vertrauen kannst.“



„Wie Leon?“ fragte Jenna und wunderte sich selber über ihren sarkastischen Ton.



„Sei nicht ungerecht, Jenna“, mahnte ihre Tante sie. „Er ist ein guter Junge. Ihr müsst euch nur erst einmal aneinander gewöhnen.“



„Er traut mir nicht“, erwiderte Jenna und spürte wie ganz langsam ihre Wut wieder in ihr zu schwelen begann, die sich ganz eindeutig gegen ihre Tante richtete. „Und das ist deine Schuld!“



„Ich weiß.“ Melina sah sie bekümmert an. „Und es tut mir unendlich leid. Ich… ich war damals so dumm, so naiv. Und als es zu spät war… Ich konnte nicht mehr anders handeln…“



„Was genau ist passiert?“ hakte Jenna knurrig nach und rieb sich die Augen. Warum war das Bild von Melina plötzlich so verschwommen. „Warum ist er hier? Warum bin ich hier?“



Melina reagierte nicht auf ihre so wichtigen Fragen, sondern sah sich nur nervös um. „Jenna, du darfst niemals die Hoffnung verlieren!“



Ihre Tante sah sie durch den plötzlich aufsteigenden Nebel eindringlich an. „Du musst kämpfen! Höre niemals auf zu kämpfen und verliere deine Hoffnung nicht!“



„Hoffnung? Woher soll ich die nehmen!“ rief Jenna aufgebracht und begann wieder zu laufen, weil sich ihre Tante zu entfernen begann. „Was passiert hier?! Lass mich nicht allein!!“



„Du bist nicht allein!“ erwiderte Melina.
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„Ich werde in deinen Träumen für dich da sein und Leon in der Realität. Du wirst noch mehr Menschen finden, die dir helfen werden. Du darfst bloß nicht aufgeben! Und letztendlich hast du immer noch dich selbst, deine eigenen Kräfte!“



„Ich war mir selbst bisher noch keine große Hilfe!“ erwiderte Jenna und lief weiter, begann zu rennen, um den Kontakt zu ihrer Tante nicht zu verlieren. „Wie denn auch? Ich habe doch immer noch keine Ahnung, was ich hier soll und was hier los ist!“



„In dir steckt mehr als du glaubst!“ drang Melinas Stimme ihr nur noch sehr leise entgegen. „Deine Kräfte warten nur darauf geweckt zu werden. Du kannst das alles schaffen. Du musst nur an dich glauben. Mit deiner Stärke und Willenskraft kannst du es schaffen!“



„Ich… ich bin nicht so stark, wie du glaubst!“ rief Jenna verzweifelt und stolperte weiter hinter ihrer Tante her, die sich langsam aufzulösen begann.



„Oh, doch, das bist du!“ gab Melina mit einem Lächeln zurück.



„Bitte sag mir doch, was ich tun muss!“ flehte Jenna. „Wie kann ich Falaysia verlassen?“



„Ich kann dir nicht mehr sagen, als ich es schon getan habe.“ Melinas Stimme war nun kaum mehr als ein Flüstern, ihre Gestalt ein durchsichtiger Hauch.



„Mel! Bitte! Bleib bei mir!“ rief Jenna und nun liefen die Tränen doch. „Du darfst mich noch nicht verlassen! Ich habe noch so viele Fragen! Ich brauche dich doch!“



„Jenna, du wachst auf“, drang ein letztes Flüstern an ihr Ohr. Dann war sie verschwunden.



„Mel…“, schluchzte Jenna leise, „… ich... ich habe solche Angst...“
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Punktestand der Geschichte:   136
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Kommentare zur Story:

  Da kann man dir nur noch zu deinem schriftstellerischen Talent gratulieren.
lg  
   holdriander  -  11.10.12 10:38

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Ein dramatischer Schluss. Jenna fühlt sich in dieser fremden Welt von ihrer Tante Mel in Stich gelassen. Mit Leon hat Jenna nicht gerade ein hamonisches freundschaftliches Verhältnis. Sie traut ihm nicht viel zu und ihm geht es wohl genauso. Na ich denke, irgendwann werden sich die beiden schon noch zusammenraufen. Freue mich schon auf den nächsten Teil.  
   doska  -  24.06.12 14:15

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Interessante Kommentare

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