Falaysia - Fremde Welt - Band1: Allgrizia; Kapitel 13   398

Fantastisches · Romane/Serien

Von:    Ina Linger      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 18. Juni 2012
Bei Webstories eingestellt: 18. Juni 2012
Anzahl gesehen: 1207
Seiten: 19

Diese Story ist Teil einer Reihe.

Verfügbarkeit:    Die Einzelteile der Reihe werden nach und nach bei Webstories veröffentlicht.

   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Hintergründe









Es hatte nicht lange angehalten, dieses Gefühl der unendlichen Erleichterung und Freude, diese Euphorie darüber noch zu leben, diese furchtbare Situation durchgestanden zu haben, ohne einen wirklichen Schaden davonzutragen. Zu schnell war Jenna wieder bewusst geworden, dass dieser Marek ganz bestimmt nicht vergessen würde, was geschehen war, und nicht lange damit warten würde, die Verfolgung aufzunehmen. Sie hatte Leon gefragt, ob es in diesem Land so etwas wie eine Polizei gab, an die sie sich wenden konnten, doch er hatte sie nur ausgelacht und damit dafür gesorgt, dass sie für eine ganze Weile nicht mehr mit ihm geredet hatte. Sie hatte sie beide immerhin aus einer ziemlich vertrackten Situation gerettet und er tat so, als wäre sie das dümmste und naivste Huhn, das ihm jemals begegnet war.



Mittlerweile hatte Jenna einfach nicht mehr die Kraft, um wütend auf ihn zu sein. In ihrer Angst hatten sie beide bei ihrer übereilten Flucht nicht daran gedacht, sich wenigstens einen Schlauch mit Wasser mitgeben zu lassen und nun, sechs Stunden nach ihrer Flucht, bekamen sie das volle Ausmaß dieser Nachlässigkeit zu spüren. Es war leider ein sehr warmer Tag geworden und die Sonne brannte so unbarmherzig auf sie hinab, dass man meinen konnte, sie habe sich ebenfalls gegen sie verschworen.

Jenna hatte sich in ihrem ganzen Leben noch nicht so durstig und ausgezehrt gefühlt. Ihr Mund war so ausgetrocknet, dass ihre Zunge immer wieder an ihrem Gaumen kleben blieb und sie kaum noch schlucken konnte. Und der Hunger schien ein riesiges Loch in ihre Körpermitte zu graben.



Sie sah Leon an. Auch seine Lippen waren ganz spröde. Er sah ziemlich unglücklich aus, zumal ihn noch diese Verletzungen im Gesicht zeichneten, blaue Flecken und blutige Schrammen, die von der groben Behandlung der Krieger stammten. Auch er hatte seit einiger Zeit kein Wort mehr gesprochen, und die Gedanken, die ihm im Kopf herumspukten, schienen nicht allzu freundlicher Natur zu sein, denn er machte ein sehr grimmiges Gesicht. Wahrscheinlich machte er sich genauso große Sorgen wie sie und dachte auch deshalb nicht im Traum daran, mal eine Pause einzulegen, sondern wollte stattdessen den Abstand zu ihren Feinden möglichst halten oder gar vergrößern. Das war zwar sehr sinnvoll, dennoch konnte es so nicht weitergehen.
Seite 1 von 20       
Jenna hatte keine Lust vor Hunger vom Pferd zu fallen und dann im Straßengraben zu verdursten. Sie brachte ihr Pferd näher an Leon heran.



„Ich glaube, wir sollten uns langsam auf die Suche nach Wasser und etwas zu essen machen und dann eine kleine Pause einlegen“, krächzte sie. So ganz ohne Spucke im Mund zu sprechen, war eine Kunst für sich.



Leon warf ihr einen verärgerten Blick von der Seite zu. „Du vergisst wohl, dass Marek uns sehr wahrscheinlich auf den Fersen ist“, gab er mit ebenso kratziger Stimme zurück. Er sah wirklich müde aus, also hatte sie vielleicht eine Chance sich dieses Mal durchzusetzen.



„Aber wenn wir uns nicht ausruhen und etwas zu uns nehmen, werden wir ganz bestimmt nicht mehr sehr weit kommen“, wandte sie ein. „Und dann hat Marek wirklich ein leichtes Spiel mit uns!“



Leon runzelte nachdenklich die Stirn, schien angestrengt über ihren Vorschlag nachzudenken. Gut. Sie musste jetzt nur dranbleiben.



„Ausgeruht kann man sich sehr viel besser verteidigen“, fügte sie noch schnell hinzu.



Leon stieß ein tiefes Seufzen aus und knickte dieses Mal sehr viel rascher ein, als bei ihrem letzten Streitpunkt. Ihn dazu zu bringen, lieber auf einem Weg weiterzureiten, als sich durch das Gestrüpp des Waldes zu strampeln, war dagegen ein wahrer Kraftakt gewesen – obwohl sie selbst, wenn sie ehrlich war, bis jetzt nicht sicher war, dass sie damit die richtige Entscheidung getroffen hatten. Nur das Argument, dass Marek wahrscheinlich damit rechnete, dass sie sich weiter versteckt im Wald hielten, anstatt offensichtlich auf einem Weg zu reiten, und er daher dort viel eher nach ihnen suchte, hatte Leon schließlich überzeugt, die bequemerer Art der Flucht zu bevorzugen.



„Wahrscheinlich hast du Recht“, sagte er jetzt matt. „Vielleicht gibt es hier ja irgendwo einen Bauern, der uns ein paar Lebensmittel überlässt.“



„Frag doch mal den da“, schlug Jenna vor und wies auf einen Mann, den sie gerade am Rande eines der an den Weg grenzenden Felder entdeckt hatte. Er war damit beschäftigt zu säen und bemerkte die beiden Reiter erst, als sie bereits direkt auf ihn zu steuerten.
Seite 2 von 20       
Er schien überrascht und etwas verängstigt, was wohl bedeutete, dass hier nur selten Menschen vorbeikamen. Er war in abgerissene Lumpen gekleidet und trug einen großen Strohhut, der sich schon aufzulösen begann. Um die Taille hatte er sich ein Tuch gebunden, in dem die Saat verborgen lag.



„Dape!“ grüßte Leon ihn mit einem freundlichen Lächeln.



Der Mann nickte nur und lugte misstrauisch unter seinem Hut hervor.



„Xum rekatam a Bantjor“, sagte Leon.



Jenna hatte diese Sprache nun schon so oft gehört, doch dieses Mal jagte dieser seltsame Klang ihr eine Gänsehaut den Rücken hinunter, holte er doch die schrecklichen Bilder der letzten Nacht in ihren Verstand zurück. Bilder, die sie nur zu gern vergessen wollte.



Leons nächste Worte brachten den Mann dazu, ihm schließlich doch verbal zu antworten. „Zyed“, murmelte er und sah Leon eindringlich an.



Ihr Freund beugte sich ein wenig hinunter und griff in den Schafft seines Stiefels, um einen kleinen ledernen Beutel hervorzuholen, der verdächtig klimperte. Er öffnete ihn und brachte ein Goldstück zum Vorschein, das er dem Mann in die Hand drückte. Dieser lächelte sofort glücklich, zwei Reihen lückenhafter, gelblicher Zähne entblößend.



„Xi denai tibrem zy helx xe deyva zy trobay“, sagte er schnell. „Xe treum aro umeltio.“



Damit wandte er sich ab und fuhr mit seiner Arbeit fort, als gäbe es die beiden Fremden gar nicht mehr. Leon trieb sein Pferd bereits wieder vorwärts und Jenna schloss rasch zu ihm auf.



„Was ist das eigentlich für eine Sprache?“ fragte sie, als ihr Freund sich ihr wieder zuwandte.



„Zyrasisch“, antwortete er ohne zu zögern. „Das bedeutet so viel wie inländisch. Sie ist eine der gebräuchlichsten Sprachen in Falaysia und wird verstärkt von dem einfachen, minder gebildeten Volk benutzt, wie Bauern und Krieger. Es gibt kaum einen Bauern oder Krieger, der etwas anderes spricht – vor allem auf dem Land. In den Hafen- und Handelsstädten ist das anders, dort wird meist Velavi gesprochen, was eigentlich fast dasselbe wie unser Englisch ist und nur in der Aussprache manchmal deutlicher variiert.
Seite 3 von 20       
Du solltest aber besser auch Zyrasisch lernen, wenn du in Falaysia zurechtkommen willst. Es ist ziemlich einfach.“



Jenna nickte, obwohl das, was sie bisher von der Sprache gehört hatte, alles andere als leicht geklungen hatte. „Und was genau hat der Mann gesagt?“ erkundigte sie sich.



„Er sagte, wenn wir weiter nach Süden reiten, kommen wir am Hof seines Herrn vorbei. Wenn wir freundlich sind, wird er uns gewiss helfen.“



Jenna konnte sich schon vorstellen, welche Art von ‚Freundlichkeit‘ dieser Bauer schätzte. Sie konnten wirklich von Glück reden, dass die Krieger im Wald nicht Leons Goldsäckchen gefunden hatten – schließlich war auch das ‚Stiefelversteck‘ nicht eines der einfallsreichsten. Sonst hätten sie jetzt gewiss nichts mehr zu lachen.



„Na hoffentlich“, seufzte sie. „Ich halte nämlich nicht mehr lange durch.“



„Wir sollten uns trotzdem beeilen, wenn wir dort sind“, ermahnte Leon sie. „Die Zeit für eine lange Ruhepause ist uns einfach nicht gegeben. Ich glaube nicht, dass dieser Knecht schweigen wird, wenn Marek ihn sich zur Brust nimmt. Und er ist uns gewiss schon auf den Fersen.“



Jenna wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, außer, dass sie dasselbe dachte, und da er das momentan ganz bestimmt nicht hören wollte, schwieg sie lieber. Marek war nicht nur eine furchtbare Bedrohung für sie beide, sondern auch ein wunder Punkt in Leons Lebensgeschichte – so viel hatte sie mittlerweile mitbekommen und natürlich fragte sie sich, was dieser Mann ihm wohl in der Vergangenheit angetan hatte. Ihr Freund hasste diesen Krieger so sehr, wie ein Mensch einen anderen nur hassen konnte, das hatte sie in seinen Augen gelesen, als die beiden aufeinander getroffen waren.

Sie fragte sich auch, ob Leon Marek töten würde, wenn er die Gelegenheit dazu hatte, und was sie selbst machen würde, wenn das geschah. Würde sie zusehen können? Würde sie es überhaupt zulassen? Sie, die aus einer Welt kam, in der Mord und Totschlag ganz gewiss nicht zum Alltagsleben gehörte. Wahrscheinlich kam das ganz auf die Situation an, in der es sich abspielte. War es ein fairer Kampf, so würde sie gewiss nichts unternehmen, aber eine regelrechte Hinrichtung…



Jenna schüttelte sich innerlich.
Seite 4 von 20       
Warum dachte sie überhaupt darüber nach? Im Moment sah es doch nun wirklich nicht danach aus, als würde Leon die Gelegenheit bekommen, Marek zu überwältigen. Er folgte ihnen gewiss nicht allein, sondern mit dem ganzen Trupp kampfbereiter, blutrünstiger Krieger. Natürlich verkrampften sich Jennas Gedärme gleich wieder bei diesem erschreckenden Gedanken und sie schloss kurz die Augen, atmete tief und langsam durch. Nur keine Panik bekommen. Das brachte momentan überhaupt nichts.

Als sie die Augen wieder öffnete, musste sie feststellen, dass Leon auf einmal auf gleicher Höhe mit ihr war und sie beunruhigt ansah.



„Alles in Ordnung?“ fragte er und musterte sie besorgt.



„Ja, ich… ich hab’ nur an unsere Verfolger denken müssen“, gab sie zögernd zu.



„An Marek?“



Sie nickte. „Und die anderen…“



„Es wird nicht viele andere geben.“



Sie runzelte die Stirn. „Du meinst, er folgt uns allein?“



Dieses Mal war es Leon, der ihre Frage mit einem Nicken beantwortete. „Das ist eine persönliche Sache zwischen ihm und uns, Jenna. Er will bestimmt nicht, dass seine Krieger Wind davon bekommen, was dort in dem Lager passiert ist. Außerdem macht es keinen Sinn, uns mit der ganzen Truppe zu folgen. Die Männer haben im Lager nichts dagegen ausrichten können, dass wir fliehen, also werden sie es erst recht nicht jetzt können, wo wir auf freiem Fuße sind. Es ist viel schlauer, uns leise zu folgen und sich an uns heranzuschleichen, um sich das Amulett wieder zurückzuholen. Und Marek ist schlau. Das war er schon immer.“



„Du meinst also, da ist niemand, der versucht uns einzuholen und offen anzugreifen?“ fragte Jenna überrascht und ihr wurde gleich sehr viel leichter ums Herz.



„Ganz genau“, bestätigte Leon mit einem kleinen Lächeln. „Wenn Marek das geplant hätte, wäre es längst passiert.“ Sein Blick schweifte ein wenig ab und richtete sich in die Ferne, auf die Umrisse eines Gebäudes.



„Sieh mal, das könnte der Hof sein“, meinte er und trieb sein Pferd sogleich in den Trab.
Seite 5 von 20       
Jenna folgte ihm sofort willig. Irgendwie sah die Zukunft auf einmal ein winziges Bisschen weniger dunkel und beängstigend aus.







Es dauerte nicht lange, bis sie den Hof erreichten, und der Bauer war wirklich großzügig… nachdem Leon ihm genügend Goldstücke zugesteckt hatte. Ihr Freund zahlte willig und ohne zu murren, wodurch er die ganzen Sympathien des Hofes gewann.

Nachdem Jenna und er sich etwas gestärkt und ausgeruht hatten, verstauten sie Wasser, Lebensmittel und die anderen Dinge, die sie für ihre Weiterreise brauchten, in ihren neu erstandenen Satteltaschen und machten sich wieder auf den Weg. Die Erholung hielt jedoch nicht lange an, denn Jenna tat bald schon wieder der Hintern weh und auch ihre Schultern und ihr Rücken begannen zu schmerzen.



„Also, irgendwie war das andere Pferd bequemer, wenn man das so sagen kann“, wandte sie sich nach einer Weile stummen Dahinleidens an Leon. „Ganz davon abgesehen, dass ich es schon richtig gern hatte. Das nehme ich diesem Marek übel!“



„Und du glaubst, das stört ihn, ja?“ fragte Leon grinsend. Auch seine Laune hatte sich wohl ein wenig gehoben. „Außerdem wird wahrscheinlich nicht das Pferd unbequemer sein, sondern nur der Sattel.“



„Ist doch egal“, murrte sie. „Mir tut jedenfalls der Hintern weh.“



„Du hörst wohl nie auf zu nörgeln“, meinte er immer noch schmunzelnd. „Sei doch froh, dass du wenigstens etwas zu dir nehmen konntest.“



„Hey, dafür, dass ich erst vier Tage hier bin, benehme ich mich fabelhaft“, lobte sich Jenna selbst. „Andere hätten an meiner Stelle längst einen Nervenzusammenbruch gekriegt.“



„Nun übertreibe mal nicht“, meinte Leon leichthin.



„Übertreibe mal nicht??!“ rief Jenna fassungslos und sah ihn entrüstet an. „Man hat mich gejagt, getreten, verschleppt, fast vergewaltigt und nun bin ich schon wieder auf der Flucht, und du wagst es zu sagen, dass ich übertreibe?!!“



Leon musste lachen. „Okay, okay, du hältst dich schon recht wacker, zufrieden?“



Jenna bedachte ihn mit einem abfälligen Blick und brachte ein wenig Abstand zwischen sich und ihn.
Seite 6 von 20       
Aber sie war ihm nicht wirklich böse. Dazu hatte sie diesen Grummelbär schon viel zu gern. Es war merkwürdig, wie schnell man seinen Begleiter in einer Notsituation ins Herz schloss. Sie vertraute Leon wirklich und ihr kam es mittlerweile so vor, als würden sie sich schon eine halbe Ewigkeit kennen. Natürlich gab es immer wieder Momente, in denen er ihr plötzlich völlig fremd war, aber diese wurden mit der Zeit seltener.

Sie sah Leon verstohlen von der Seite an. Trotz der großen Anstrengung, die sich in seinem Gesicht widerspiegelte, und der blauen Flecken und Schrammen sah er noch sehr gut aus. Er war ein durchaus attraktiver Mann, mit seinen leuchtenden, blauen Augen, dem halblangen, gewellten braunen Haar und den sanft geschwungenen Lippen. Jenna musste sich eingestehen, dass er ihr gefiel. Er war zwar eher ein schlanker, drahtiger Typ als ein Muskelpaket, aber der harte Überlebenskampf in Falaysia hatte seinen Körper dennoch gut in Form gebracht.



Ja, doch, er war schon Jennas Typ, aber ob das auch umgekehrt der Fall war, wagte sie zu bezweifeln. Sie hatte schon immer Gewichtsprobleme gehabt. Sie war nie richtig dick gewesen, dafür hatte ihr Körper gesorgt, indem er die überflüssigen Pfunde wunderbar gleichmäßig überall an ihrem Körper verteilt und so für eine ausgewogene Figur gesorgt hatte. Aber dass sie ein wenig pummelig war, konnte man ihr dennoch angesehen. Und das war wohl einer der Gründe gewesen, warum sie sich damit schwer tat, mit Männern zu flirten, die ihr gefielen. Diese von sich aus anzusprechen, wie es in der heutigen Gesellschaft Gang und Gebe war. Sie besaß einfach zu wenig Selbstbewusstsein. Dabei fand sie sich selbst wesentlich attraktiver als die ganzen flachbrüstigen Stangen, die ihr in letzter Zeit immer häufiger über den Weg gestakst waren. An ihr war wenigstens etwas dran, und wenn die Männer das nicht zu schätzen wussten – ihre letzten beiden Ex-Freunde eingeschlossen –, konnten sie ihr gestohlen bleiben. Das galt ebenso für Leon. Wenn er sich nicht für sie interessierte, war er ihr auch egal. Wie war doch ihre Devise? Lieber dick als dämlich.



Jenna legte gedankenverloren ihren Kopf ein wenig schräg. Eigentlich konnte sie gar nicht so schwer sein.
Seite 7 von 20       
Schließlich hatte dieser Marek sie auf sein Pferd gehoben und später über seine Schulter geworfen, als wäre sie ein Fliegengewicht. Entweder war er besonders stark oder sie hatte vielleicht schon ein wenig abgenommen. Viel hatte sie ja in letzter Zeit nicht gerade zu sich genommen und sie war ständig in Bewegung. Das konnte schon ganz schön an den Reserven zehren.

Sie sah kurz an sich hinunter. Durch die schweren, groben Kleider war nicht viel von ihrem Körper zu erkennen. Außerdem hatte sie auf dem Bauernhof ihre Binden um die Brust erneuert und sich somit wieder zum Mann gemacht. Der Bauer hatte für sein Stillschweigen darüber zwei Goldstücke extra bekommen und war daraufhin voll überschwänglichen Lobes für ihre Verkleidung gewesen. Jenna bezweifelte, dass er sein Maul halten konnte. Er hatte auf sie eher den Eindruck einer Plaudertasche gemacht. Und Marek wusste ohnehin, was sie wirklich war. Die Verkleidung schützte sie nur noch vor anderen üblen Gesellen.

Sie zog den groben Stoff etwas fester um ihre Taille. Hm, ja, irgendwie sah es schlanker aus, aber das konnte natürlich auch ein Irrtum sein. So konnte sie das jedenfalls nicht deutlich feststellen.



„Was ist los?“ vernahm sie eine tiefe Stimme neben sich.



Jenna zuckte zusammen. Sie hatte Leon für einen Moment fast vergessen. Dabei war er doch der Grund für ihre Inspektion. Sie spürte, wie sie ein wenig errötete.



„Kratzt das Hemd?“



Sie schüttelte den Kopf und hoffte, dass Leon ihre Verlegenheit nicht bemerkte.

„Ich… äh…“, stotterte sie, „doch, ja, ein bisschen schon. Aber es ist auszuhalten. Das war nur nebenbei, so… beim Nachdenken.“



„Und woran hast du gedacht?“ fragte er lächelnd.



„An Marek“, sagte sie schnell, und das war ja auch nicht gelogen. „Er wird uns sicher töten, wenn er uns in die Finger bekommt.“



Leons Lächeln war so schnell verschwunden wie es gekommen war und er wich ihrem Blick aus, sah für ein paar Sekunden besorgt in die Ferne. Dann schüttelte er den Kopf.



„Nein?“ fragte Jenna irritiert.



„Ich weiß nicht“, meinte Leon zögernd.
Seite 8 von 20       
„Ich frage mich schon die ganze Zeit, warum er uns nicht getötet hat, als wir ihm ausgeliefert waren. Stattdessen wollte er dich…“ Er brach ab und sah sie entschuldigend an, sich bewusst, wie unbedacht er seine Worte gewählt hatte.



Sie versuchte, sich nicht daran zu erinnern, was in dem Zelt passiert war, bevor sie Marek das Amulett vom Hals gerissen hatte, versuchte sein grässliches Gesicht, diese kalten Augen aus ihren Gedanken zu verbannen und schüttelte schließlich ganz leicht den Kopf, Leon damit suggerierend, dass es in Ordnung für sie war, weiter darüber zu sprechen. Sie war schon immer eine Meisterin darin gewesen, schlimme Dinge zu verdrängen und zu vergessen. Das machte Vieles einfacher… aber manchmal auch schwieriger.



„Vielleicht wollte er dich einfach nur quälen, weil er dachte ich bin so was wie… wie deine Freundin…“ Natürlich wurde sie nun richtig rot und senkte schnell den Blick.



„Vielleicht“, stimmte Leon ihr sanft zu. „Aber eigentlich passt das nicht zu ihm.“



Nun sah sie ihn doch wieder an, runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“



„Marek ist wie… wie…“ Leon hatte sichtliche Probleme das richtige Wort zu finden und dabei noch weiter seine heraufkochenden Gefühle im Griff zu behalten. „… wie eine tödliche Kampfmaschine. Wenn er auf ‚Töten‘ programmiert ist, dann tut er das auch – ohne zu zögern. Ich habe ihn noch nie zögern sehen. Er hat keine Gefühle, hat noch nicht einmal Freude am Leid anderer, was viele Männer seines Kalibers haben. Er verschwendet keine Zeit damit, seine Opfer zu quälen. Und gerade das macht ihn so gefährlich, denn in einem Kampf geht es manchmal um Sekunden, die über Leben und Tod entscheiden. Ein Mensch, der so gekonnt mit einem Schwert umgehen kann wie Marek und nie zögert, nie mit seinem Gewissen hadert und sich nie ablenken lässt, so jemand ist eine der tödlichsten Waffen, die es geben kann, und nur sehr schwer zu besiegen.“



Es war erstaunlich. Leon hasste Marek so tief und dennoch konnte er nicht verbergen, dass er ihn in gewisser Weise bewunderte, vielleicht sogar beneidete.



„Dass er dich in sein Zelt schleppt, anstatt mich zu töten… dass er überhaupt mit mir geredet hat, anstatt mir gleich den Kopf abzuschlagen…“ Leon schüttelte den selbigen beinahe fassungslos.
Seite 9 von 20       
„Ich verstehe das wirklich nicht. Es passt einfach nicht zu ihm.“



„Warum hast du geglaubt, dass er dich töten will?“ erkundigte Jenna sich vorsichtig. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass Leon sie nicht abwürgen, sich ihr dieses Mal tatsächlich öffnen würde.



„Das ist eine lange Geschichte“, sagte er leise.



„Meinst du nicht, wir haben momentan genügend Zeit?“ fragte Jenna ebenso leise zurück.



Ihr Freund sah sie lange an, so als müsse er einen inneren Kampf mit sich ausfechten und stieß schließlich einen tiefen Seufzer aus. Es schien ihn wirklich zu quälen, darüber zu reden.



„Ich bin jetzt schon über fünfzehn Jahre hier“, fing er dennoch leise an. „Innerhalb dieser Zeit gab es einen Machtwechsel hier in Falaysia, einen Machtwechsel, der nur durch einen schrecklichen Krieg durchgesetzt werden konnte. Als ich hier ankam, gab es noch einige größere Königreiche, die unter den permanenten Angriffen eines Bakitarerfürsten zu leiden hatten, der versuchte, große Teile Falaysias zu erobern. Ich und viele andere nehmen an, er wollte den ganzen Kontinent beherrschen. Er war der erste, dem es gelang, die unzähligen Stämme von Nomadenkriegern, die damals verstreut in den Ländern Falaysias lebten, zu einen und mit ihnen ein riesiges Heer aufzustellen. Er wütete in Falaysia wie ein Hurrikan. Die Menschen flohen und wagten es nicht, sich gegen ihn aufzulehnen. Bis Prinz Renon, dessen Vater das Land Otbaka im Westen Falaysias regierte, die anderen noch unberührten Königreiche zum Kampf aufrief…“



Ein Lächeln glitt über Leons Gesicht, als er sich zurückerinnerte. „Kannst du dir Gideon als Krieger vorstellen?“



Jenna musste lachen. „Nein“, meinte sie schmunzelnd.



„Wir sind gemeinsam mit Tala vor den Bakitarern geflohen“, erzählte Leon weiter. „Als Gideon von dem Aufruf des Prinzen hörte, meldete er sich freiwillig. Er war damals noch ein stattlicher, kräftiger Mann mit einer unglaublichen Ausdauer. Ich ging mit ihm.
Seite 10 von 20       
Ich war damals nicht viel älter als fünfzehn…“ Leon brach ab, schien ganz in seinen Erinnerungen zu versinken, Erinnerungen, die nun einen Ausdruck tiefster Traurigkeit in seinen ausdrucksvollen Augen erscheinen ließen.



„Warum?“ fragte Jenna sanft. „Warum hast du dich dazu entschieden mitzukämpfen, in den Krieg zu ziehen?“



Leon sah sie immer noch nicht an, zuckte nur die Schultern. „Weil ich ein dummer Junge war? Weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte? Die ganze Welt war in Aufruhr und ich wollte… irgendwie helfen… etwas tun, die richtige Seite unterstützen, das Böse bekämpfen…“



Er seufzte erneut und schüttelte mit einem bitteren Lächeln den Kopf. „Ich wusste nicht, auf was ich mich da einließ, wusste nicht, was es bedeutet, in einen Krieg zu ziehen. Und diese ganze Ausbildung im Schwertkampf, Reiten, Nahkampf… Ich war richtig begeistert, als es noch nicht darum ging, wirklich Menschen zu töten. Ich kannte das doch nur aus Filmen.“



Er sah sie nun doch wieder an, so traurig und erschüttert über das, was ihm passiert war. „Du… du vergisst das nie. Diese Geräusche um dich herum. Das Schreien… kein Mensch in einem Film kann so schreien wie ein Mensch, der wirklich schwer verletzt, der getötet wird. Und Schwerter sind keine leisen Waffen. Das denkt man immer nur. Sie machen Geräusche, wenn man damit tötet, grausame Geräusche und du… du kannst es… fühlen… wie sie…“

Leon schloss kurz die Augen und biss die Zähne zusammen, um sich wieder zu beruhigen, atmete hörbar durch die Nase ein.



„Ich weiß nicht, wie alt Marek war, als wir uns zum ersten Mal begegneten“, fuhr er mit kratziger Stimme fort. „Ich glaube, er ist einige Jahre älter als ich, aber auch er war noch recht jung. Er war jedoch schon damals ein unglaublich guter Schwertkämpfer. Sein Ruf eilte ihm voraus. Wir wussten schon, wer er war, bevor wir ihn sahen und uns wurde gesagt, dass wir uns auf dem Schlachtfeld von ihm fernhalten sollten. Unser Ausbilder wollte sich um ihn kümmern. Er glaubte, es mit ihm aufnehmen zu können. Er bezahlte diesen Irrtum mit seinem Leben… Nicht nur er…“ Er stockte und schluckte schwer.



„Ich hab noch nie in meinem Leben jemanden so kämpfen sehen wie Marek – bis heute nicht.
Seite 11 von 20       
Ich kann es noch nicht einmal beschreiben. Es… es ist fast wie ein Tanz und… es hat etwas makaber Ästhetisches an sich, wenn man das überhaupt sagen kann, weil so… so viele Menschen schon durch seine Hand gestorben sind, so viele Menschen, die…“



Wieder musste er abbrechen, weil seine Gefühle ihn zu überrollen drohten, ihm die Fähigkeit seine Gedanken in Worte zu kleiden, nahmen.

„Er hat mir an diesem einen Tag, in dieser einen Schlacht so viel genommen“, setzte er schließlich kaum hörbar hinzu.



Einen Moment blieb es still zwischen ihnen und Jenna glaubte schon, nichts weiter über Leons Geschichte zu hören, weil ihn das alles zu sehr mitnahm, doch er überraschte sie, holte schließlich wieder tief Luft.



„Renon und die anderen Könige gingen schließlich als Sieger aus diesem Kampf hervor, konnten sie doch den Bakitarerfürsten töten und seine Truppen weit zurückschlagen. Sie hatten sechs Jahre Ruhe vor den Bakitarern“, erzählte Leon. „Renon sah sie nicht mehr als Bedrohung an, weil sich die Stämme entzweit und in den Ländern verstreut hatten. Und genau das war sein Fehler. Niemand rechnete damit, dass sich ein Zauberer in diese politischen Geschichten einmischen würde. Nadir war ein Einsiedler, der, so heißt es, lange Zeit irgendwo in den Bergen Trachoniens lebte. Als seine Truppen das Heer, das in Xadred und dessen Nachbarstädten stationiert war, angriffen, waren alle so überrascht, dass es kaum Gegenwehr gab. Nadir war klug genug, um die Soldaten, die die Städte verteidigt hatten, nicht gleich alle zu töten. Stattdessen bestach er sie mit Gold und einige liefen tatsächlich zu ihm über. Auf diese Weise vergrößerte er sein Heer. Nach und nach eroberte er die größeren Städte des Landes, dann die Grenzstädte der anderen Länder und so weiter.“



„Und Renon?“ erkundigte sich Jenna, ganz gepackt von dieser tragischen Geschichte.



„Rief natürlich wieder zur Gegenwehr auf“, sagte Leon. „Aber dieses Mal war das Heer des Feindes besser organisiert und Nadir hatte einen ziemlich intelligenten Strategen zum Fürsten seines geeinten Bakitarerheeres gemacht.
Seite 12 von 20       




„Marek“, schloss Jenna sofort.



Leon nickte. „Und Marek wiederum gab die Befehle über seine Truppen nur in sehr fähige Hände. Mit der Magie des Zauberers und seinen überragenden Fähigkeiten als Heeresführer waren sie unschlagbar. Die meisten der gegnerischen Könige wurden in den Schlachten getötet oder von Meuchelmördern hinterrücks ermordet und Renon musste sich irgendwann mit starken Verlusten zurückziehen. Seitdem werden er und seine Männer wie Verbrecher verfolgt. Es gab zwar für einige Jahre trügerischen Frieden in Falaysia, doch Nadir wird nicht ruhen, bis er auch den letzten seiner Feinde getötet hat. Er weiß, dass König Renon eine große Gefahr für ihn ist, denn er kann es in seiner Intelligenz und seinem strategischen Geschick sehr gut mit Marek aufnehmen. Und momentan scheint er neu aufzurüsten und versucht Nadir mit Angriffen bewusst aus der Ruhe zu bringen. Was immer er auch damit bezwecken will – es funktioniert.“



„Aber warum verfolgen sie dich?“ fragte Jenna etwas irritiert. „Hast du auch gegen Nadir gekämpft?“



„Nein. Ich habe mich nach der ersten großen Schlacht zurückgezogen, bin umhergezogen“, erklärte er bedrückt. „Aber es ist ja auch nicht Nadir, der mich jagt.“



Jenna sah ihn nachdenklich an. „Das heißt, Marek hat ein persönliches Problem mit dir?“



Leon lachte verbittert. „Ja, so könnte man es ausdrücken. Er verfolgt mich seit jener Schlacht – immer mal wieder, wenn er gerade Zeit dafür hat. Er war mir manchmal schon so dicht auf den Fersen, dass ich dachte, mein letztes Stündlein hätte geschlagen. Dann hatte ich ein paar Jahre Ruhe vor ihm und nun fängt es wieder an.“



„Und was genau ist der Grund dafür?“



„Das hab ich mich am Anfang auch gefragt“, gab Leon zu. „Aber dann hatte ich vor einigen Jahren ein sehr interessantes Gespräch mit einem ehemaligen Kameraden. Er beglückwünschte mich dazu, eines der Oberhäupter der Bakitarer damals getötet zu haben. Ich musste wirklich darüber nachdenken und konnte mich schließlich an einen besonders kräftigen, wilden Krieger erinnern, der mich beinahe zerschmettert hätte.
Seite 13 von 20       
Doch war er damals durch eine Platzwunde an der Stirn behindert gewesen. Das Blut floss ihm in sein rechtes Auge, folglich konnte er damit nicht besonders gut sehen. Dadurch gelang es mir irgendwie in den Vorteil zu kommen und ihn zu töten. Nach der Aussage meines Freundes war er der berüchtigte Matztikshor, einer der wichtigeren Führer der Bakitarer.“



„Und was hat das mit Marek zu tun?“



„Matztikshor war Mareks Vater“, erklärte Leon knapp.

Mehr brauchte er auch nicht zu sagen. Jenna war sich sofort der Bedeutung dieses Missgeschicks bewusst und ihr wurde ganz schlecht. Kein Wunder, dass Leon erstaunt war, dass Marek ihn am Leben gelassen hatte. Sie hatte ihm nur einen Stein geklaut und war fest davon überzeugt, dass er sie töten würde, wenn er sie in die Finger bekam.



„Genau deswegen stellt sich die Frage, warum er mich nicht getötet hat“, sagte Leon nun.



Jenna schluckte mit Mühe den dicken Kloß in ihrem Hals hinunter „Hast du eine Ahnung, was der Grund dafür sein könnte?“ erkundigte sie sich, während sie selbst darüber nachdachte.



Wieder schüttelte er den Kopf. „Wie gesagt: Es ist mir unbegreiflich.“



„Warst du etwas Besonderes im Heer von König Renon?“ fragte sie.



„Nein.“



„Kanntest du ihn persönlich?“



„Du meinst, ob ich mit ihm befreundet war?“ fragte Leon zurück. „Nein. Ich hab’ ein paar Mal mit ihm gesprochen, aber das war auch alles. Worauf willst du hinaus?“



„Ich dachte, dass man ihn dann vielleicht mit dir erpressen wollte“, erklärte Jenna den Gedanken, der ihr gekommen war.



„Mit mir?“ Leon lachte laut auf. Es war nicht böse gemeint, doch sie ärgerte sich dennoch darüber

„Nein, im Ernst, ich bin zwar kein schlechter Krieger, aber einen so hohen Wert besitze ich für Renon nicht, und das weiß Marek gewiss.“



„Das heißt also, er hat keinerlei Nutzen davon, dich am Leben zu lassen“, grübelte Jenna. „Kennst du vielleicht irgendein Geheimnis, das er erfahren will? Vielleicht den Ort, wo sich König Renon versteckt?“



„Niemand kennt diesen Ort, außer Renon selbst und seine engsten Vertrauten“, antwortete Leon mit fester Überzeugung.
Seite 14 von 20       




„Und wenn du vielleicht etwas besitzt oder besessen hast, was er haben will…?“



„Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich meine… was besitze ich schon, was ein Krieger wie Marek begehren könnte?! Das kann es nicht…“ Leon erstarrte. Sein Mund öffnete sich und seine Augen wurden ganz groß. Schließlich riss er sein Hemd hoch, wühlte hektisch in seinem Geldbeutel, den er sich bei ihrer Rast um den Hals gehangen hatte und brachte schließlich das Amulett mit dem Stein hervor.



Jenna runzelte verständnislos die Stirn, während sie den Stein betrachtet. Er schwankte im Wind hin und her. Das Licht der Sonne brach sich in ihm und ließ ihn wie einen kostbaren Rubin funkeln. Er war schön und irgendwie… beängstigend. Denn irgendetwas stimmte mit diesem Ding nicht – das hatte sie gespürt. Er war etwas Besonderes, vielleicht sogar Einmaliges und besaß zumindest für Marek einen immensen Wert.



„Warum bin ich nicht gleich darauf gekommen?“ murmelte Leon nun und Jenna blinzelte ihn verwirrt an.



„Ähm… irgendwie kann ich dir gerade nicht so wirklich folgen…“



„Ich kenne diesen Stein“, erklärte Leon und um seine Lippen spielte ein kleines Lächeln. „Diesen oder einen anderen, ähnlichen. Letzteres würde erklären, warum Marek mich nicht getötet hat.“



„Würde es, ja?“ War sie jetzt besonders begriffsstutzig oder erklärte Leon sein Denken tatsächlich so schlecht, wie es ihr gerade schien?



„Ja. Mir hat auch einmal so ein Stein gehört.“



Jenna sah ihn verblüfft an. „Bist du sicher?“



Er nickte. „Ganz sicher. Ein alter Mann hat ihn mir kurz vor seinem Tod geschenkt. Er schien einen ungeheuren Wert für ihn zu haben. Ich hab selbst nie etwas Besonderes an ihm finden können und ihn dann irgendwann verschenkt.“



„Du hast ihn verschenkt?!“ wiederholte Jenna verblüfft.
Seite 15 von 20       




„Ja“, gab Leon ruhig zurück. „Vor ungefähr einem Jahr bin ich in ein Dorf gekommen, über das wilde Krieger hergefallen waren. Die Männer haben geplündert, vergewaltigt und getötet. Ausnahmsweise war das dieses Mal nicht Mareks Werk gewesen, denn dieser Stamm gehörte nicht zu dem Heer Nadirs. Na ja, in diesem Dorf gab es jedenfalls einen kleinen Jungen, dessen Bein so schwer verletzt worden war, dass es abgenommen werden musste. Ich hab mich ein wenig um ihn gekümmert und als ich gegangen bin, hab ich ihm zum Trost den Stein geschenkt. Wie schon gesagt, ich glaubte nicht an seinen Wert.“



Jenna seufzte. Sie hatte langsam wirklich genug von diesen schrecklichen Geschichten. Was war das nur für eine furchtbare Welt, in die sie da geraten war?

„Meinst du, der Stein, den wir haben, ist dein Stein?“ erkundigte sie sich.



Leon betrachtete ihn ein weiteres Mal nachdenklich und schüttelte dann den Kopf. „Nein“, sagte er fest. „Dann hätte Marek keinen Grund gehabt, mich am Leben zu lassen.“



Ganz langsam verstand Jenna, worauf Leon hinaus wollte. „Du glaubst, dass er auf der Suche nach deinem Stein ist, weil er selbst so einen hatte und von dessen Bedeutung weiß. Deswegen hat er dich verschont. Er wollte von dir erfahren, wo der zweite Stein ist!“



Leon lächelte sie an. „Ganz genau. Dann ergibt alles einen Sinn.“ Er musterte sie kurz. „Als er dich in sein Zelt gebracht hat, hat er da etwas zu dir gesagt?“



Sie musste nicht lange nachdenken. Die Bilder und Worte waren sofort wieder da, sorgten für diesen unangenehmen Druck in ihrem Bauch. „Ja. So etwas wie cla… cla…“



„Clama?“ Leon stieß ein verärgertes Lachen aus. „Das heißt ‚schrei‘. Dieser Hund!“ Er schnaufte verächtlich. „Er wollte, dass ich dich höre. Ich wette, er wäre nach ein paar Minuten wieder rausgekommen und hätte mir angeboten, dich zu verschonen, wenn ich ihm alles sage, was ich weiß.“



Jenna sagte nichts. Sie sah ihren Freund nur perplex an. Sie war selbst nicht der Meinung, dass Mareks Handeln nur gespielt gewesen war. Sein Blick war viel zu lüstern gewesen. Er hätte die Sache durchgezogen – ohne Gnade.
Seite 16 von 20       
Vielleicht hätte er später angeboten, ihr Leben zu verschonen, wenn Leon sich ihm öffnete. Aber das musste ihr Freund ja nicht wissen.



„Diese… diese Steine“, begann sie nun stattdessen zögerlich. „Kann es sein, dass sie magische Kräfte besitzen. Das würde auch unser rätselhaftes Entkommen erklären.“



Leon nickte sofort, während sie noch immer deutliche Probleme hatte, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass es tatsächlich so etwas wie Magie gab.

„Und das bedeutet auch, dass Nadir seine Finger im Spiel hat“, setzte Leon weniger begeistert hinzu.



Schon war der Druck in Jennas Brust wieder da. Wahrscheinlich hatte Nadir Marek diesen magischen Stein anvertraut. Dann hatte sie einen Zauberer bestohlen. Nein, nicht irgendeinen Zauberer, sondern den mächtigsten Zauberer, den es in Falaysia gab. Furchtbar!



„Warum trägt Marek ihn dann mit sich herum?“ sprach sie die Frage aus, die sich gleich an ihre so beängstigenden Gedanken heftete.



„Wahrscheinlich hat er ihn für Nadir irgendeiner anderen Person abgejagt – Gott sei ihrer Seele gnädig“, meinte Leon. „Und wo ist ein kostbarer Gegenstand besser aufgehoben als an Mareks Körper? So nah wie du ist ihm noch keiner gekommen – jedenfalls nicht ohne größere Schäden davonzutragen. Mit dir hat er wohl nicht gerechnet. Tja, auch ein Mann wie er macht mal Fehler. Man sollte seine Gegner nie unterschätzen.“



Jenna verzog ihr Gesicht. „Erinnere mich nicht daran“, murmelte sie.



Leon dreht den Stein in seiner Hand. „Ich frag mich nur, was genau Marek davon abgehalten hat, ihn sich gleich zurückzuholen.“



„Na ja, der Stein hat doch magische Kräfte“, sagte sie. Für sie war bereits alles klar. Sie hatte genug Zeit gehabt, darüber nachzudenken und war zu dem Schluss gekommen, dass der Stein sie beschützt und ihr somit zur Flucht verholfen hatte, auf welche Weise und aus welchem Grund auch immer.



„Warum sollten die sich gegen den Träger des Amuletts wenden?“ gab Leon zurück.



Das war wirklich eine gute Frage. Darüber hatte sie noch gar nicht nachgedacht.



„Weil ich sein neuer Besitzer geworden bin“, erklärte sie etwas verunsichert.
Seite 17 von 20       
„So musste er mich beschützen.“



Leon schüttelte widerwillig den Kopf. „Das ergibt keinen Sinn.“



Ach, nein?



„Du besitzt doch keine magischen Fähigkeiten. Ich meine, kannst du zaubern?“



Dieses Mal war es an ihr, den Kopf zu schütteln.



„Wieso solltest du dann die Kräfte des Steins nutzen können? Und wenn auch normale Menschen diese Kräfte nutzen könnten, warum hat Marek sie dann nicht genutzt, warum wurde er nicht von dem Stein beschützt. Dann hättest du ihm das Amulett erst gar nicht entwenden können.“



Hm, das war wahr. Was gab es dann noch für Erklärungen?



„Vielleicht beschützt er nur die… guten Menschen“, schlug sie vor und verwarf den Gedanken im selben Moment wieder. Wer konnte schon beurteilen, welche Menschen gut und welche böse waren. Sie jedenfalls nicht und erst recht nicht so ein tumber, lebloser Stein. Aber Tatsache war, dass er auf sie reagiert hatte. Das hatte sie gespürt und sogar gesehen.



„Das glaube ich nicht“, erwiderte Leon. „Ich hab doch selbst so einen Stein besessen und bin trotzdem bei Kämpfen verletzt worden. Und sieh mal, er reagiert auf mich überhaupt nicht…“

Er berührte den Stein, dessen Inneres völlig regungslos blieb.



„Vielleicht passiert das nur, wenn du dich bedroht fühlst… oder jemand dir den Stein gewaltsam wegnehmen will“, gab sie ein wenig trotzig zurück, obwohl sie selbst gar nicht an diese Theorie glaubte.



„Dann versuch ihn mir doch wegzureißen“, forderte er sie auf, und band sich den Stein um den Hals. „Wenn du wirklich Recht hast, dürfte dir das nicht gelingen. Oder hältst du mich für eine bösen Menschen?“



„Nein, aber…“ Sie verstummte. Wieso sollte sie es nicht versuchen? Mehr als ein Reinfall konnte es nicht werden. Sie ritt näher an ihren Freund heran und hob die Hand. Doch dann hielt sie wieder inne. Sie dachte an Mareks schmerzlich verzogenes Gesicht. Wenn sie nun Recht hatte, konnte das eine ziemlich unangenehme Erfahrung für sie werden.
Seite 18 von 20       
Doch hatte sie eine andere Wahl? Sie mussten schließlich herausfinden, was mit diesem Stein los war.



Sie atmete tief durch und griff beherzt zu. Da war wieder dieses Kribbeln, das durch ihre Hand zog, hinauf in ihren Arm wanderte und schließlich in ihrem Herzen versank. Sonst geschah nichts. Als sie den Stein losließ, leuchtete er in einem warmen Rot und wurde dann wieder dunkler. Auch Leon hatte diese kleine Veränderung bemerkt und seine Augen waren ganz groß geworden.



„Fass ihn noch einmal an!“ forderte er sie etwas atemlos auf.



Jenna befolgte seine Anweisung mit sehr viel schneller klopfendem Herzen. Wieder fühlte sie dieses Kribbeln, und wieder veränderte der Stein seine Farbe, leuchtete unter ihrer Berührung auf. Nun versuchte es auch Leon. Doch als er den Stein berührte, geschah nichts.



„Merkwürdig“, murmelte er. „Sehr merkwürdig. Und du bist sicher, dass du keine magischen Fähigkeiten hast?“



Schwang da wieder so etwas wie Misstrauen in seiner Stimme mit? Bitte nicht!



„Ganz sicher“, sagte sie fest. Melina hatte vielleicht magische Kräfte, aber sie doch nicht!



„Immerhin ist deine Tante eine Hexe“, warf er ein.



„Sie ist keine Hexe“, gab Jenna verärgert zurück. „Sie… sie… ich hab keine Ahnung, was sie ist. Aber sie ist keine Hexe! Und außerdem sind wir nur sehr entfernt miteinander verwandt.“ Das war zwar eine Lüge, aber Leon ließ ihr keine andere Wahl.



„Na ja, vielleicht reicht das schon“, sagte er und studierte dabei eingehend ihr Gesicht. „Bist du sicher, dass du es Demeon zu verdanken hast, dass du hier bist?“



Sie schnappte entrüstet nach Luft. „Was willst du damit andeuten?“ brachte sie nur mühsam beherrscht hervor.



„Dass sie dich vielleicht selbst hierher gebracht hat“, sagte er gerade heraus. „Mit ein wenig Zauberkraft kann man hier sehr viel mehr bewirken als ein normaler Mensch.“



„Ich kann nicht zaubern!!“ rief sie wütend. „Außerdem würde meine Tante mir das niemals antun!"



„Wieso? Mir hat sie es doch auch angetan“, gab er giftig zurück und ließ den Stein wieder unter seinem Hemd verschwinden.
Seite 19 von 20       
Sie hatte also Recht gehabt. Er vertraute ihr schon wieder nicht mehr – und das nur wegen der Reaktion dieses verfluchten Steines. Wundervoll!



„Das glaube ich nicht“, erwiderte sie genauso zickig wie er. „Das würde sie nie tun. Jedenfalls nicht freiwillig!“



„Oh, doch. Das hat sie. Wäre sie nicht gewesen, hätte ich einen guten Schulabschluss gemacht, Physik studiert und würde jetzt eine Menge Geld machen. Aber stattdessen sitze ich hier, werde von einem wahnsinnigen Mörder verfolgt und diskutiere mit der Nichte einer Hexe über die magischen Kräfte eines Steins!!“ Die letzten Worte spuckte er geradezu aus. „Du solltest endlich begreifen, dass deine Tante eine verrückte, böse Frau ist, die es eigentlich verdient, für das, was sie getan hat, lebenslänglich in den Knast zu wandern!!“



Jenna zügelte ihr Pferd und starrte ihn mit offenem Mund an. Etwas Derartiges hatte ihr noch niemand an den Kopf geworfen. Es tat weh – sehr. Vor allem, weil ihre familiäre Situation so schwierig und ohnehin schon von Misstrauen und bitteren Geheimnissen belastet war. Doch Leon scherte sich gar nicht weiter um sie. Er ritt einfach weiter, ohne sich auch nur nach ihr umzusehen.

Jenna war versucht, ihr Pferd herumzureißen und davon zu galoppieren. Doch sie tat es nicht. Das, was sie sonst noch in Falaysia erwartete, war viel schlimmer, als das, was Leon ihr jemals antun konnte. Sie war zwar wahnsinnig wütend auf ihn und furchtbar enttäuscht über sein Verhalten, aber jetzt zu verschwinden und womöglich Marek in die Arme zu laufen, kam dem Wahnsinn noch viel näher. Also biss sie die Zähne zusammen und trieb ihr Pferd wieder vorwärts, einen großen Abstand zu Leon haltend, der sich mittlerweile doch schon ein paar Mal nach ihr umgedreht hatte – ganz unauffällig natürlich. Reden würde sie jedoch eine ganze Weile nicht mehr mit ihm.
Seite 20 von 20       
Punktestand der Geschichte:   398
Dir hat die Geschichte gefallen? Unterstütze diese Story auf Webstories:      Wozu?
  Weitere Optionen stehen dir hier als angemeldeter Benutzer zur Verfügung.
Ich möchte diese Geschichte auf anderen Netzwerken bekannt machen (Social Bookmark's):
      Was ist das alles?

Kommentare zur Story:

  Wie ich hörte, hat diese Geschichte einen Preis gewonnen? Völlig zu Recht!
lg  
   holdriander  -  11.10.12 10:24

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Nun erfährt man so einiges mehr über die Vergangenheit Leons und auch darüber, wer Marek eigentlich ist und was er schon damals war. Da wird einem erst richtig klar, weshalb Leon derart hartnäckig von ihm verfolgt wird. Marek scheint ein hevorragender Schwertkämpfer zu sein. Auch kommt immer mehr heraus, was es eigentlich mit dem Stein auf sich hat. Man kann nicht sagen, dass Jenna und Leon ein harmonisches Verhältnis zueinander haben. Und man hat den Eindruck, dass Jenna nicht nur feindliche Empfindungen für Marek hat. Sie fürchtet ihn zwar, will aber auch nicht, dass ihm Ungerechtigkeit widerfährt. Ich bin gespannt, was du noch aus dieser Geschichte machen wirst.  
   doska  -  19.06.12 21:28

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

Stories finden

   Hörbücher  

   Stichworte suchen:

Freunde Online

Leider noch in Arbeit.

Hier siehst du demnächst, wenn Freunde von dir Online sind.

Interessante Kommentare

Kommentar von "Aya" zu "Zirkuslöwenleben"

Erinnert mich sehr an das berühmte Gedicht über den Panther, wirklich auch sehr schön geschrieben.

Zur Story  

Aktuell gelesen

  In Arbeit

Funktion zur Zeit noch inaktiv. Über ein Konzept zur sicheren und möglichst Bandbreite schonenden Speicherung von aktuell gelesenen Geschichten und Bewertungen, etc. machen die Entwickler sich zur Zeit noch Gedanken.

Tag Cloud

  In Arbeit

Funktion zur Zeit noch inaktiv. In der Tag Cloud wollen wir verschiedene Suchbegriffe, Kategorien und ähnliches vereinen, die euch dann direkt auf eine Geschichte Rubrik, etc. von Webstories weiterleiten.

Dein Webstories

Noch nicht registriert?

Jetzt Registrieren  

Webstories zu Gast

Du kannst unsere Profile bei Google+ und Facebook bewerten:

Letzte Kommentare

Kommentar von "Dieter Halle" zu "Hamster-Käufe"

Lieber Wolfgang, von mir kommt nun auch ein dickes Lob. Meisterhaft gereimt und am Ende bleibt das Schmunzeln nicht aus.

Zur Story  

Letzte Forenbeiträge

Beitrag von "Tlonk" im Thread "Winterrubrik 2019"

schön Weihnachten gefeiert? Einen Tag habt ihr ja noch. Ich wünsche euch viel Spaß für heute Abend und auch noch für morgen. Genießt die freie Zeit. Macht etwas Sch&oum ...

Zum Beitrag