Falaysia - Fremde Welt - Band1: Allgrizia; Kapitel 12   151

Fantastisches · Romane/Serien

Von:    Ina Linger      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 11. Juni 2012
Bei Webstories eingestellt: 11. Juni 2012
Anzahl gesehen: 767
Seiten: 10

Diese Story ist Teil einer Reihe.

Verfügbarkeit:    Die Einzelteile der Reihe werden nach und nach bei Webstories veröffentlicht.

   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Macht und Ohnmacht







Marek trug sie in eine Ecke des Zelte und ließ sie dann ziemlich unsanft auf ein mit Fellen hergerichteten Schlafplatz fallen. Deutlicher konnte er sich nicht ausdrücken. Jenna richtete sich sofort halbwegs auf, schlang ihr zerrissenes Hemd eng um ihren Körper und sah ängstlich hinauf zu dem Mann, der da vor ihr stand, groß und stark, mit einem Blick in den hellen Augen, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Jenna schluckte schwer und versuchte sich innerlich zu beruhigen, irgendeinen Plan zu fassen. Nur nicht noch panischer werden. In Panik konnte man nicht mehr richtig denken und wie sollte sie dann einen Ausweg finden? Immerhin stürzte sich der Krieger nicht sofort auf sie, sondern musterte sie nur gründlich, als wäre sie ein Stück Vieh auf einem Markt und kein Mensch. Er zog ein wenig die dunklen Brauen zusammen, als müsse er angestrengt über irgendetwas nachdenken. Dann griff er ein weiteres Mal nach seinem Dolch und ging in einer fließenden Bewegung vor ihr in die Knie.

Jennas Herz setzte aus und sie erstarrte völlig, sah ihn nur mit weit aufgerissenen Augen an.



„Va he!“ brummte er, packte sie am Arm und zog sie zu sich heran. Jenna stemmte sich sofort mit einer Hand gegen seine Brust, um ihn auf Abstand zu halten und schüttelte panisch den Kopf. Sie versuchte ihn so flehentlich wie möglich anzusehen, doch anstatt auf ihre unausgesprochene Bitte zu reagieren, packte er auch ihren anderen Arm und drückte sie rückwärts in die Felle seines Schlafplatzes. Ihm gelang es, ihre beiden Handgelenke mit einer seiner großen Hände eisern festzuhalten und über ihren Kopf zurück zu drücken. Jenna unterdrückte einen Schmerzenslaut, während sie verzweifelt versuchte, ihre Arme aus dem harten Griff zu befreien. Doch es gelang ihr nicht. Marek war einfach zu stark. Er beugte sich weiter vor, brachte seine Lippen so dicht an ihr Ohr, dass sein warmer Atem unangenehm über ihren Hals blies.



„Clama!“ raunte er ihr mit Nachdruck zu. „Clama!“



Jenna biss sich auf die Unterlippe, um das Zittern ihres Kinns wieder unter Kontrolle zu bringen und die Tränen zurückzudrängen und schloss die Augen, als er sich noch ein Stück weiter über sie schob.
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„Clama!“ hörte sie ihn nun schon beinahe ungeduldig fordern und sah ihn doch wieder an. Die Verärgerung in seinen Augen, machte ihr Angst und sie stieß ein entsetzten Laut aus, als sie den Dolch in seiner Hand aufblitzen sah, kurz bevor er sich unter die erste Lage ihrer Bandagen schob. Er war so scharf, dass Marek noch nicht einmal viel Kraft aufwenden musste, um den Stoff zu teilen und nach und nach öffnete sich ihr enges Behelfskorsett.



Jenna wagte es nicht mehr sich zu bewegen, aus Angst er könne sie dann vielleicht mit der Schneide verletzten. Sie schluchzte leise.

„Bitte“, flüsterte sie, obwohl sie wusste, dass er sie nicht verstehen würde. „Lass’ mich doch gehen. Ich… ich werde dir bestimmt keine Freude bereiten.“



Zu ihrer Überraschung hielt er für ein paar Sekunden inne, zog erneut die Brauen zusammen und studierte eingehend ihr Gesicht. Vielleicht verstand er ja doch ein paar Worte aus ihrer Sprache. Immerhin schienen einige Menschen hier in dieser Welt damit vertraut zu sein.



„Du… du wirst dich anstecken“, platzte es sofort aus ihr heraus. „Ich… ich habe eine furchtbare, unheilbare Krankheit!“



Leider sah er nicht so aus, als hätte er sie verstanden, blieb von ihren Worten völlig unberührt und die Kälte in seinen eisblauen Augen erschütterte sie. Er würde nicht aufhören, ganz gleich, wie sehr sie auch weinte und flehte. Die Tränen ließen sich nicht mehr zurückhalten, als er, ungeachtet ihrer Bitte, die Tücher weiter aufschlitzte.



„Bitte“, brachte sie erstickt hervor. Sie fühlte, wie sie anfing zu zittern. „Lass mich doch gehen – bitte!“



Keine Reaktion. „Clama!“ stieß er nur wieder aus, mit diesem bedrohlichen Funkeln in den Augen. Dann riss er mit einem Ratschen den Rest der Tücher entzwei.

Jenna schrie auf, wand eines ihrer Beine unter ihm hervor und rammte ihr Knie in irgendeinen Bereich seines Körpers. Erfolgreich, denn Marek krümmte sich mit einem unterdrückten Stöhnen zusammen und ließ sie los. Sie sprang geistesgegenwärtig auf und wollte wegrennen, doch ihr gelangen nur zwei Schritte, denn schon hatte sich eine Hand um eines ihrer Beine geschlossen und sie schlug der Länge nach hin.
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Für einen Moment blieb ihr die Luft weg und das Stechen in ihrem Kopf und der pochende Schmerz in ihrer Nase betäubte ihr Denken, doch ihre Angst ließ sie nicht lange verharren. Sie trat mit dem anderen Fuß nach dem Krieger, dieses Mal mit wenig Erfolg, denn Marek hielt sie so eisern fest, dass es schon wehtat. Panisch sah sie sich nach irgendetwas um, was sie als Waffe benutzen konnte, und ergriff schließlich einen Krug, den sie mit Wucht auf seinem ausgestreckten Arm zerschlug. Der Krieger schrie auf und ließ sie wieder los, sodass sie taumelnd auf die Beine kam. Sie stolperte in die nächste Ecke des Zeltes – leider in die, in der nicht der Ausgang zu finden war – und sah sich hektisch nach einer weiteren Waffe um. Doch zu ihrem Entsetzen konnte sie nichts Brauchbares finden. Und schon stand er wieder vor ihr. Sein Atem ging etwas schneller als zuvor, sein Arm blutete und zu Jennas Erstaunen lag ein leichtes Schmunzeln auf seinen Lippen.



„Tale sela-he, chur alena“, sagte er fast sanft, und seine Augen glitten dabei begierig über ihren fast völlig entblößten Oberkörper, der sich bei jedem heftigen Atemzug, den sie tat, hob und senkte. Tränen liefen über ihr Gesicht und sie schluchzte leise, als sie den Kopf schüttelte. Was immer er auch von ihr wollte – sie würde es ihm nicht freiwillig geben. Und was hatte sie noch zu verlieren?



Mareks Augen nahmen wieder ihren alten, kalten Ausdruck an, dann war er schon bei ihr, packte ihre Arme und zog sie fest an seinen Körper.



„Si ker-es val rapit“, setzte er hinzu und presste seine Lippen grob auf ihren Hals.



Jennas Beine wurden ganz weich, das Blut rauschte in ihren Ohren und sie hatte das Gefühl gleich von ihm zerquetscht zu werden und keine Luft mehr zu bekommen. Fast hysterisch stemmte sie sich gegen seine Brust, versuchte sich zu befreien. Schließlich bekam sie etwas Hartes zu fassen und versuchte ihn daran von sich wegzuziehen.

Ein elektrisierendes Kribbeln schoss durch ihre Hand, den Arm hinauf, direkt bis in ihr Herz und schien von dort aus zurück in ihren Körper zu strahlen und im selben Augenblick fuhr Marek heftig von ihr zurück. Er taumelte mit schmerzerfülltem Gesicht noch ein paar Schritte rückwärts und schnappte mit weit aufgerissenen Augen nach Luft, um sich dann überrascht mit einer Hand an die Brust zu greifen.
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Sein Blick flog wieder zu ihr hinüber, nun einen Ausdruck überwältigender Fassungslosigkeit tragend.



Ebenso fassungslos war Jenna. In ihrer Hand lag ein roter Stein, eingefasst in einer silbernen Verzierung, den Marek wohl als Amulett um den Hals getragen hatte, ohne dass sie zuvor Notiz davon genommen hatte. Das Lederband, an dem er befestigt war, war zerrissen worden, durch den Ruck, mit dem sich Marek von ihr befreit hatte. Mit großem Erstaunen bemerkte Jenna, dass innerhalb dieses Steines etwas pulsierte und zwar in demselben hektischen Rhythmus, in dem ihr Herz momentan schlug.

Sie hörte, wie der Krieger tief Luft holte und als sie den Blick wieder hob, machte er gerade einen kleinen, zögerlichen Schritt auf sie zu.



„Gib… gib das her!“ stieß er angespannt aus – nicht akzentfrei, aber in ihrer Sprache!



Jenna blinzelte verwirrt, starrte ihn nur weiterhin mit großen Augen an. Er kam noch einen Schritt näher und nun wich Jenna doch vor ihm zurück, stieß gegen die Zeltwand. Vielleicht war es wirklich besser, ihm den Stein zurückzugeben, bevor er ernsthaft wütend wurde. Aber andererseits… war es nicht der Stein gewesen, der Marek dazu gebracht hatte, von ihr abzulassen?

Der Krieger wagte es anscheinend nicht, noch näher zu kommen, sondern streckte nur die Hand aus und sah sie erwartend an. Jenna verstand die Welt nicht mehr. Ihr Verstand arbeitete auf Hochtouren, hatte große Schwierigkeiten zu begreifen, was hier geschah, warum sich der Mann vor ihr plötzlich so seltsam verhielt.



„Das ist meins“, setzte er jetzt hinzu und wies auf den Stein, streckte die Hand noch ein wenig weiter zu ihr hin. „Gib es mir wieder!“



Er wollte ihn ihr anscheinend nicht einfach aus der Hand reißen… oder konnte er es nicht? Hatte er Angst, dass sie den Stein aus Schrecken fallen ließ und er dann… kaputt ging? Ein Stein? Vielleicht war er zerbrechlicher als er aussah.



„Na, mach schon!“ knurrte Marek jetzt und Jenna zuckte heftig zusammen. „Gib ihn her, oder muss ich erst wütend werden?“



Ihr Blick flog hinüber zu dem Dolch, den Marek wohl hatte fallen lassen und der nur wenige Meter von ihr entfernt am Boden lag.
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So merkwürdig zurückhaltend der Mann auch momentan war – sicherer fühlte sie sich gewiss, wenn sie den Dolch in der Hand hielt, denn wer wusste schon, wie lange das seltsame Verhalten dieses Mannes noch anhielt und er sich von ihr fernhielt.

Sie schluckte schwer und setzte sich unter dem grimmigen Stirnrunzeln Mareks in Bewegung. Sie ging nicht auf ihn zu, sondern schob sich an ihm vorbei, an der Zeltwand entlang, ihn nicht aus den Augen lassend. Als sie ihm dabei ungewollte doch etwas näher kam, wich Marek erneut ein paar Schritte vor ihr zurück, so als wäre sie eine Bedrohung für ihn. Jenna verstand die Welt nicht mehr. Sie konnte den plötzlichen Wandel der Situation nicht nachvollziehen. Wieso ließ Marek es bloß zu, dass sie seelenruhig auf seinen Dolch zu spazierte?



„Du wirst es nicht mögen, wenn ich wütend werde“, drohte er dennoch, ohne sich vom Fleck zu rühren.

„Und das würde ich an deiner Stelle erst recht nicht tun!“ rief er verärgert, als sie den Dolch aufhob, und sie machte erschrocken ein paar Schritte rückwärts. Erstaunlicherweise folgte er ihr nicht, sondern verschränkte stattdessen seine Arme vor der Brust und musterte sie grübelnd.



„Ich mache dir einen Vorschlag“, sagte er nach ein paar Sekunden drückender Stille zwischen ihnen. „Du gibst mir den Stein zurück, und ich lasse dich gehen.“ Seine Mundwinkel zuckten ein wenig nach oben ein Lächeln vorheuchelnd. „Was sagst du dazu?“



Er sah sie erwartend an. Jenna schluckte schwer. Ihr Gedanken überschlugen sich. Ausweg… Wo war der Ausweg? Was war die richtige Handlung in dieser Situation? Was würde sie das alles überleben lassen, sie aus dieser furchtbaren Lage befreien? Der Stein schien für diesen gefährlichen Mann wirklich einen ziemlich großen Wert zu haben und gleichzeitig machte er ihm irgendwie Angst, beschützte sie vor weiteren Attacken. Wieso? Wieso?



„Was ist?“ Seine schneidende Stimme ließ sie schon wieder zusammenzucken und einen weiteren Schritt rückwärts machen. Sie versuchte ihre Angst so weit wie möglich wegzuschieben, musste sich schnell überlegen, wie sie jetzt vorging, musste versuchen, Vorteile aus dieser Situation zu gewinnen, solange es noch ging, und sie durfte Leon nicht vergessen.
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Sie räusperte sich leise. „Alleine überlebe ich in Falaysia nicht“, sagte sie leise. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen. „Wenn du den Stein wieder haben möchtest, dann… dann musst du auch Leon gehen lassen.“



Marek runzelte die Stirn. Er überlegte einen Moment und nickte dann. „Gut. Ich lasse ihn frei – wenn ich den Stein habe.“

Er lächelte. Es war so falsch wie das vorhergegangene Lächeln.



„Nein“, brachte sie mit zitteriger Stimme hervor. Sie fragte sich, wie weit sie gehen konnte. „Ich möchte, dass er hierher gebracht wird, damit wir zusammen gehen können.“ Sie schloss die Augen. „Und ich möchte, dass er sein Schwert wiederbekommt.“



Sie öffnete die Augen und wäre fast zusammengezuckt. Der Blick, mit dem Marek sie ansah, war tödlich. Noch nie hatte jemand sie so angesehen, so voller Hass und Mordlust. Mit rasendem Herzschlag wartete sie auf seine Reaktion. Gleich würde er sie anspringen und zerfleischen. Doch es geschah nichts dergleichen. Eine Weile standen sie sich nur gegenüber und starrten sich gegenseitig an. Marek ließ schließlich ein wütendes Schnaufen vernehmen, wandte sich von ihr ab und ging mit Schritten, die seine Wut in den Boden zu stoßen schienen, auf den Ausgang des Zeltes zu. Schwungvoll riss er den Vorhang auf, und brüllte ein paar Befehle nach draußen. Dann stapfte er wieder zurück, blieb in respektvollem Abstand vor Jenna stehen und funkelte sie böse an.



„Ich warne dich“, zischte er, „wenn ich den Stein nicht wieder bekomme, wirst du dir wünschen, niemals geboren worden zu sein!“



Jenna schluckte schwer. Das konnte sie sich leibhaftig vorstellen. Und gerade deswegen verstand sie nicht, dass er auf ihre Forderungen einging. Was hier geschah, grenzte an ein Wunder. Sie war schon bald versucht an fremde Mächte zu glauben, die plötzlich in ihr Schicksal eingegriffen hatten, um sie aus Mareks Händen zu befreien.



Marek verschränkte erneut die Arme vor der Brust und betrachtete sie kritisch.
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„Dabei hätten wir so viel Spaß miteinander haben können“, brummte er fast eingeschnappt.



Jenna bezweifelte stark, dass sie dem Begriff ‚Spaß‘ dieselbe Bedeutung zukommen lassen würden, doch sie wagte es nicht, ihre Gedanken auszusprechen. Sie wollte diesen Mann auf keinen Fall noch mehr reizen. Wer wusste schon, wie lange diese fremden Mächte, oder was immer es war, ihr noch beistehen würden, und ob sie seiner Wut überhaupt standhalten konnten. Nein, es war wohl besser, wenn sie nur so wenig wie möglich mit diesem Krieger sprach und seinem stechenden Blick auswich.



Es dauerte nicht lange, bis sich jemand vor dem Zelteingang lautstark meldete. Marek gab eine knappe, unfreundliche Antwort, woraufhin sich ein bewaffneter Krieger durch den Zeltvorhang schob. Hinter sich her zerrte er den gefesselten Leon. Es war nicht zu erkennen, wer von den beiden erstaunter war. Jenna hatte geistesgegenwärtig den Dolch hinter ihrem Rücken versteckt, aber für die beiden Männer schien es wohl schon verwunderlich zu sein, dass sie noch stand, und Marek augenscheinlich seine Tat gar nicht vollbracht hatte.

Marek bellte dem anderen Krieger einen weiteren Befehl zu und der nickte sofort devot und reichte ihm das Schwert, das er bei sich trug. Dann verließ er rasch das Zelt.

Derweilen war Leons Blick immer wieder ungläubig von Marek zu Jenna gewandert, in deren Gesichtern nach einer Erklärung für diese merkwürdige Situation suchend. Doch Jenna konnte ihm keine geben. Sie verstand ja selbst nicht so wirklich, was hier vor sich ging. Als der andere Krieger verschwunden war, ließ sie den Dolch wieder hinter ihrem Rücken auftauchen. Sie atmete tief durch, bereit sich noch weiter vorzuwagen.



„Wir… wir brauchen Pferde“, brachte sie mit ziemlich wackeliger Stimme hervor.



Marek presste die Lippen zusammen und holte hörbar durch die Nase Luft. In ihm brodelte es sichtbar – das zeigte das Zucken seiner Wangenmuskeln und das zornige Funkeln seiner katzenhaften Augen. Dennoch ging er wieder zum Zelteingang, und gab ein weiteres Mal einige Befehle. Als er zurückkehrte, wirkte er noch wütender als zuvor. Er gab dem gefesselten Leon einen Stoß, sodass dieser fast in Jennas Arme stolperte. Ein wütendes Lachen drang aus seiner Kehle

.
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„Du spielst mit deinem Leben, Miststück“, knurrte er und seine hellen Augen bohrten sich bedrohlich in die ihren. „Aber das wird dich sicherlich nicht davon abhalten, noch weitere dreiste Forderungen zu stellen.“



Jenna schüttelte eingeschüchtert den Kopf. „Nein, nein, bestimmt nicht“, sagte sie schnell.



Er hob skeptisch die dunklen Brauen. „Dann kannst du mir den Stein ja jetzt geben.“



War da nicht etwas Lauerndes in seiner Stimme? Ja, auch in seinem Blick lag etwas Unheimliches, Beängstigendes. Er streckte ihr seine Hand entgegen, und in diesem Moment beschloss sie, ihm den Stein auf gar keinen Fall zu geben. Es war gut möglich, dass sie damit ihr Todesurteil besiegelte, doch sie war sich mittlerweile sicher, dass es der Stein war, der sie momentan beschützte, auf welche Weise auch immer. Wenn Marek ihn wieder in die Hände bekam, bevor sie aus dem Lager heraus waren, würde er sie beide töten, ganz gewiss.



„Erst müssen die Pferde vor dem Zelt stehen“, sagte sie, um noch ein wenig Zeit zu gewinnen und wagte es jetzt erst Leons Fesseln mit dem Dolch aufzuschneiden.

Fast im selben Augenblick ertönten vor dem Zelt Geräusche, die nur von Pferden stammen konnten: das dumpfe Stampfen von Hufen, das Schnauben eines Pferdes.



„Du siehst, ich halte meine Versprechen“, sagte Marek gefährlich ruhig. „ Nun musst du auch deines halten!“ Er hielt ihr immer noch die Hand entgegen.



Jennas Herz begann wieder heftiger zu schlagen. Nun würde sich zeigen, wie weit sie wirklich gehen konnte. Sie holte tief Luft, doch in diesem Moment trat Leon vor.

„Mein Schwert“, sagte er kühl.



Mareks Wangenmuskeln zuckten ein weiteres Mal bedrohlich. Sehr widerwillig reichte er seinem Feind die gefährliche Waffe. Dieser konnte sich ein triumphierendes Grinsen nicht verkneifen. Marek ließ sich davon wenig beeindrucken. Seine Aufmerksamkeit lag längst wieder auf Jenna. Erneut streckte er die Hand aus.



„Mein Stein“, sagte er mit Nachdruck.



Sie schluckte schwer und nahm all ihren Mut zusammen. „Nein“, sagte sie und das Herz schlug ihr bis zum Hals.



Marek erstarrte und seine Gesichtszüge entgleisten.
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„Was?!“ fragte er so leise, dass sie es mehr von seinen Lippen ablas, als wirklich hörte.



„Ich werde ihn mitnehmen“, erwiderte sie mit einer Ruhe, die in völligem Widerspruch zu ihren aufgepeitschten Gefühlen standen. „Ohne ihn kann ich das Lager nicht lebend verlassen. Das weiß ich.“



Ein paar rasche Herzschläge lang geschah gar nichts. Keiner bewegte sich, keiner sagte etwas. Da war nur diese entsetzliche, lautlose Spannung zwischen ihnen, die kaum zu ertragen war. Und dann begannen Markes Augen zu lodern, kalte eisblaue Flammen, die durch seinen Körper zu schießen schienen und ihn aus seiner fassungslosen Starre rissen. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, und seine Brust hob und senkte sich unter dem tiefen Atemzug, den er nahm, während ein leichtes Zittern durch seine Glieder zog. Und dann schrie er auf, voller rasender Wut, warf sich herum, riss ein Schwert von einem Hocker und stürmte auf Jenna zu. Kreidebleich und mit weit aufgerissenen Augen wich sie vor ihm zurück, während Leon einen Ansatz machte sich dazwischen zu stürzen.

Doch das war gar nicht nötig, denn auf einmal machte Marek auf dem Absatz kehrt, stürmte zurück und ließ sein Schwert auf seinen Schlafplatz niederschmettern. Einmal, zweimal… immer und immer wieder. Jenna zuckte bei jedem dieser Schläge heftig zusammen, denn sie wusste genau, wem sie eigentlich galten. Mit einer Hand krallte sie sich entsetzt an dem Ärmel ihres Freundes fest, der dem Wutausbruch Mareks ebenso fassungslos wie fasziniert folgte. Schwer atmend hielt der Krieger schließlich inne und starrte die beiden mordlustig an. Seine Augen waren dunkel geworden vor Hass.



Jenna schluckte schwer. Was hatte er wohl jetzt mit ihnen vor? Langsam ging er auf sie zu.

„Ich… ich kann dir den Stein ja irgendwo am Wegrand hinterlassen“, piepste sie eingeschüchtert.



Zu ihrer Verwunderung blieb Mark mit einem respektvollen Abstand zu ihnen stehen und sah sie mit hasserfüllt funkelnden Augen an.

„Das will ich dir auch raten“, knurrte er. Er hatte notgedrungen seine Beherrschung wiedergefunden, obwohl ihm immer noch anzusehen war, dass er sie am liebsten in Stücke reißen wollte.
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„Und jetzt verschwindet!“ Er wies auf den Ausgang des Zeltes. Seine Hand zitterte vor unterdrückter Wut.



Jenna konnte es nicht fassen. Er ließ sie gehen? Er ließ sie wirklich gehen, ohne ihnen auch nur ein Haar zu krümmen, ohne zu versuchen sie zu überwältigen und den kostbaren Stein zurückzugewinnen. Was war das für eine Macht, die ihn aufhielt? Irgendetwas ging hier nicht mehr mit rechten Dingen zu, und sie würde versuchen herauszufinden, was das war.



Leon packte sie einfach am Arm und zerrte sie ungeduldig mit nach draußen. „Wir sollten diese Chance nutzen“, raunte er ihr zu.



Vor dem Zelt standen tatsächlich zwei gesattelte Pferde. Außerdem waren da noch einige grimmige Krieger, die die beiden flügge gewordenen Gefangenen misstrauisch beäugten. Jenna versuchte diese, so gut es ging, zu ignorieren und ging schnell zu einem der Pferde. Sie spürte die scharfen Blicke der Krieger in ihrem Nacken, als sie aufstieg und fragte sich, ob diese es überhaupt zulassen würden, dass sie und Leon das Lager unbehelligt verließen. Die Frage erübrigte sich, als sich einer der Krieger ihr in den Weg stellte. Wenn sie sich nicht irrte, war es einer der Männer, die sie zuvor gefangen hatten. Der, der ihr ins Gesicht getreten hatte.

Er grollte irgendetwas in dieser anderen Sprache und Jenna bekam es mit der Angst zu tun.



„Lass sie in Ruhe!“ befahl Leon, dessen Pferd unruhig auf der Stelle trat. Es spürte wohl die Angst seines Reiters.



Der Krieger wurde noch lauter und ein anderer zog sein Schwert und ging kampfbereit auf ihren Freund zu. Auch Leon zog seine Waffe, mit dem verzweifelten Mut eines zum Tode Verurteilten. Jennas Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Diesen Kampf konnte Leon unmöglich gewinnen. Selbst wenn er diesen Krieger besiegte, so würden die anderen Männer ihn garantiert zerreißen.

Als der Krieger sein Schwert schon in der Luft schwang, öffnete sich der Vorhang des Zeltes und Marek trat heraus. Allein sein Erscheinen genügte, um den gerade noch kampfbereiten Krieger innehalten zu lassen. Marek erfasste die Situation wohl mit einem Blick, denn er konnte sich ein kleines, gemeines Grinsen nicht verkneifen.
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Jennas Angst schien ihn besonders zu amüsieren. War das Spiel jetzt vorbei? Hatte er sie mit dieser Hoffnung auf ein Entkommen nur quälen wollen und schleppte sie jetzt wieder zurück in sein Zelt, um zu beenden, was er angefangen hatte? Jenna war kurz vor einem Nervenzusammenbruch.



Doch Mareks Gesicht hatte längst wieder einen harten Ausdruck angenommen. Er wandte sich an seine Männer.



„Zerra le han!“ befahl er, und der Ton, den er dabei anschlug, duldete keinen Widerspruch. Was immer seine Worte auch bedeuteten – sie zeigten sofort Wirkung, denn die anderen Krieger machten ohne Widerworte Platz. Ein Gefühl der ungläubigen Freude und Erleichterung erfasste Jenna. Plötzlich war die Freiheit greifbar nahe. Sie umklammerte den Stein noch fester und trieb ihr Pferd vorwärts in die Dunkelheit des Waldes hinein. Hinter sich hörte sie die schweren Schritte von Leons Pferd und irgendwie hatte sie plötzlich das Gefühl, dass wirklich alles gut werden konnte. Wenn sie aus dieser unmöglichen Situation herausgekommen waren, wieso sollten ihr nicht auch noch andere Wunder gelingen? Mit diesem Gedanken, ließ sie ihr Pferd in den Trab fallen. Noch war sie nicht gerettet, noch war sie nicht weit genug von diesen furchtbaren Menschen entfernt.
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Kommentare zur Story:

  Ja, ich möchte auch gern wissen, was es mit diesem Stein für eine Bewandtnis hat. Ich glaube, ich bin süchtig . . .
lg  
   holdriander  -  11.10.12 10:22

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Der Anfang dieses Kapitels hat mich unweigerlich etwas an "Das Lied von Eis und Feuer" erinnert, doch dann schlägst du mit deinen Charakteren eine andere Richtung ein.
Es klärt sich immer noch nichts in der Geschichte, also kann man nur gespannt am Ball bleiben, was da noch kommen mag.  
   Jingizu  -  19.06.12 19:11

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Eine überraschende Wendung. Mit dem Stein scheint es eine besondere Bewandtnis zu haben. Gut, dass Jenna ihn behalten hat, sich nicht einschüchtern ließ. Ich hatte auch Sorge um Leon. Er scheint ebenfalls gerettet. Ein erotisches und auch spannendes Kapitel. Sehr gelungen.  
   doska  -  11.06.12 20:44

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

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