Von Jimi Hendrix nach Mike Oldfield; Teil 2 und erst mal Schluss   72

Romane/Serien · Erotisches

Von:    Ano Nymos      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 20. Mai 2012
Bei Webstories eingestellt: 20. Mai 2012
Anzahl gesehen: 1533
Seiten: 30

Diese Story ist Teil einer Reihe.

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


2tes Kapitel

Einige Jahre waren vergangen, seit er das letzte Mal in ihrer Wohnung war. Damals… Bis über beide Ohren heimlich in die Lehrerin verliebt… Es war sein bestgehütetes Geheimnis; sprach mit niemanden darüber. Weder mit seinen Freunden noch mit sonst irgendjemanden. Und erinnerte sich, wie und was er damals fühlte: Wenn sie an der Tafel stand, mit dem Rücken zu ihnen etwas anschrieb, wie sie sich dabei bewegte… Dieses Kribbeln in seinen Händen bei dem Anblick vergaß er nie. Dann ihre Augen… Wenn sie sehr konzentriert etwas erklärte, aufschaute und ihn manchmal ansah – das war dann wie ein Schlag in die Magengrube. Schlimm wurde es, sie während einer Klassenarbeit ihre Runde machte und ihm über die Schulter sah: Dann bekam er Schweißausbrüche und es ging gar nichts mehr. Was ihn immer wieder so richtig umhaute: Das war ihr Lächeln. Was aber sehr selten vorkam. ‚Damit kann sie Steine zum Schmelzen bringen‘, fuhr ihm dann durch den Kopf. Ihm war klar, dass sie unerreichbar für ihn war. Trotzdem wollte er in ihrer Nähe sein. Und sei es nur für kurze Zeit. Mit dem Vorwand wie: „Können sie mir noch mal sagen, was Sie als Hausaufgabe aufgegeben haben?“ – ging er einige Male zu ihr, um für ein paar Minuten außerhalb der Schule bei ihr zu sein. Nicht die raffinierteste Ausrede, aber immerhin! Mit Herzklopfen klingelte er dann an ihrer Haustür, wusste vorher nie, ob sie nun zu Haus war oder nicht. Aber: Sie war immer nett zu ihm. Zwar mit einer gewissen Distanz, aber nicht ganz so kühl und streng wie in der Schule.



Neugierig sah er sich um. Die mittlerweile etwas altertümliche, aber sehr gute Stereo – Anlage stand noch auf ihrem Platz. Dicht daneben nun ihr Laptop auf einem hölzernen Tisch, der mit dem Verstärker der Anlage verbunden war. Früher hatte sie dort ein altes Radio. Die Röhren hatten wohl ihren Geist aufgegeben und nun neuerer Technik Platz gemacht. Er wusste, dass sie nicht jeden Mode – Schnickschnack mitmachte: Ihre Einrichtung war zeitlos und zweckmäßig, aber nicht schmucklos. Einige Bilder hingen an den Wänden, dazwischen Zeichnungen von ihren Schülern. Unübersehbar dominierte ihre reichhaltige Büchersammlung das Zimmer, welches Küche (kleine Kochnische), Schlafzimmer (das Sofa) und Arbeitszimmer zugleich war.



Wie Frauen so sind: Sie machte mehrere Sachen gleichzeitig.
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Den Laptop hochfahren, Stereoanlage einschalten, Kaffeemaschine füllen und einschalten, Gardinen zumachen und nebenbei noch bequemere Sachen anziehen – das ging alles in Windeseile.

Der Kaffee blubberte bald durch die Maschine und Gisela klickte sich an ihrem Laptop durch die Menüs. Alte, weniger bekannte Stücke von den Rolling Stones wie „Sitting on a fence“ oder „Who’s been sleeping here“ waren nun zu hören. Dazu dann noch Sachen von Leonard Cohen, Melanie Safka und Franz Josef Degenhardt.



Eine Weile hörten sie der Musik zu, tranken ihren Kaffee und unterhielten sich über die Interpreten. „Es war damals, als dies produziert wurde, eine sehr interessante Zeit,“ meinte Bernd. „die Experimente… Was Jimi Hendrix alles mit der Analog – Technik angestellt hat… Oder John Lennon, der Tonbänder rückwärts laufen ließ und das in die Lieder einspielte. Aber es war ja nicht nur die technische Seite: Hör dir mal das Gitarrenspiel von Brian Jones oder Väterchen Franz an. Da wollte ich immer hin! Von dem meiner Meinung nach besten Musiker unserer Zeit, nämlich Mike Oldfield, ganz zu schweigen! In musikalischer Hinsicht ist er mein absolutes Vorbild! Egal, ob die Bühne bei Tubular Bells II und III überquoll von Elektronik und Computern oder ob er nur mit einem Schlagzeuger und Paddy Maloney am Irischen Dudelsack live Gitarre gespielt hat. Das ist immer einzigartig gewesen! Es hat bei mir leider nicht im Ansatz dazu gereicht…“



Sie nahm seine Hand und küsste die Innenfläche.

„Dafür kannst Du mit deinen Händen aber ganz andere Sachen…“ flüsterte sie nun, ihm tief in die Augen sehend.

„Meinst du?“

„Ich weiß es!“ flüsterte sie kaum hörbar in sein Ohr.

Ohne Worte zog sie ihn ins Bad. Im Schein der Kerzen, die dort ihr warmes Licht verbreiteten, zogen sie sich aus. Als sie sich nun völlig nackt gegenüber standen, sah sie ihn forschend an, breitete die Arme aus und sagte etwas herausfordernd:

„Ich bin so wie ich bin! Und weiß nur zu genau, dass ich nicht dem Idealbild einer Frau entspreche.“

„Gisela – das ist jetzt kein falscher Schmus… Ich mag dich ganz einfach so, wie du bist! Mit all deinen Eigenarten! Du kennst mich zu gut um zu wissen, dass ich dich nie angelogen habe!“

„Dafür hast du DAS verdient:“

Sein Gesicht in beide Hände nehmend, küsste sie ihn sehr lange, heiß und innig.
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Bei diesem Kuss bekam er weiche Knie. Aber nicht nur deshalb umarmte er sie zuerst sehr fest, um sie dann überall dort zu streicheln, wo er mit seinen Händen hinkam.

Sie glühte am ganzen Körper, konnte nur noch undeutlich die Worte „Erst Duschen“ hervorbringen und sich langsam aus der Umarmung lösen.



Das warme Wasser rann über die beiden, bis Bernd es abstellte. Ganz langsam begann er, zunächst ihre Arme und dann den Rücken mit dem Duschgel einzuseifen. Sie schnurrte dabei wie eine satte Katze, was in wohlige Seufzer überging, als seine Hände ihre Brüste erreichten. „Du Satansbraten…“ murmelte sie heiser. Übernahm nach diesen Worten ihren Part: Auch sie wollte ihn nun überall berühren, streicheln…. Ihre glatte Haut aneinander reibend steigerte sich ihre Erregung ins schier unendliche.

„Nun warte doch… Das geht doch hier nicht!“ versuchte sie sich ein wenig zu wehren. Aber nur ein bisschen, denn es gelang ihm, sie eines Besseren zu belehren…



Der Kaffee war noch nicht alle, und er schenkte ein. Nun: Nicht schnöden Kaffee pur… Viel Zucker und ein guter Schuss Weinbrand musste schon dabei sein! Wie von selbst kam das Schwelgen in alten Erinnerungen:



Da war zuerst der explodierte Abfalleimer auf dem Schulhof. Das passierte kurz vor Sylvester: Einige von Bernd seinen Schulkollegen wollten mit ihren Knallkörpern angeben. Es war zwar streng untersagt, solche Sachen in der Schule bei sich zu haben, aber das Verbotene reizt bekanntlich am meisten! Einer hatte gerade einen Kanonenschlag in der Hand und spielte mit dem Feuerzeug daran herum. Etwas unbeabsichtigt zündete der auf einmal. Und das natürlich in dem Moment, als „die wandelnde Bildzeitung“, nämlich der Hausmeister, ins Klassenzimmer kam. Geistesgegenwärtig schnappte sich Bernd das Ding und warf es aus dem Fenster, das zum Glück noch offen war. Unglücklicherweise flog er in den darunter stehenden Abfalleimer: Leere Milchtüten, Butterbrotpapier und was sonst noch so drin war, flogen durch die Gegend.
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„Ich durfte zur Strafe dann den ganzen Mist wieder einsammeln und bekam noch einen Verweis!“

Beide konnten sie nun darüber lachen, er fand das damals nicht so lustig.





Ihre Augen waren vom Alkohol schon etwas glasig. Sie küsste seine Hand, kam über seinen Arm näher ans Ohr.

„Nun erzähl mal von dir… Wie war das damals mit Katja?“

„Willst du das wirklich wissen?“

„Frauen sind nun mal neugierig! Und ich bin keine große Ausnahme, besonders was dich angeht!“



Und Bernd erzählte:

Fast jeder der pubertierenden Jungs in der Schule schwärmte von Katja. Während die meisten Mädchen noch flach wie ein Brett waren, konnte sie bereits eine stattliche Oberweite vorweisen. Unerfahren, wie man eben in dem Alter war, quatschte der eine oder andere von den Jungs sie mehr oder weniger plump an. Ihr machte das Spaß und sie ging darauf ein. Bernd hielt sich damit zurück. Das reizte sie scheinbar.

An einem Sonnabend, wenn die Schule schon nach der dritten Stunde vorbei war, ging er wie gewöhnlich mit seiner Clique zur Allee, um dort Zigaretten zu rauchen und die Zeit bis zur Abfahrt vom Bus zu überbrücken: Von halb elf bis ein Uhr war es ja lange genug hin. Dieses Mal war Katja mit dabei. Mit etwas Raffinesse schaffte sie es, mit Bernd plötzlich allein zu sein: Sie suchte die ganze Zeit seine Nähe. Dann war da plötzlich ein Stein in ihrem Schuh; der unbedingt herausgeholt werden musste: „Sonst schaffe ich das nicht zum Bus!“ jammerte sie nun. Ihren Arm um seine Schulter legend humpelte sie der nächsten Bank entgegen. Kurz vor der Bank stolperte sie und Bernd umfasste das Mädchen etwas fester. Ganz ‚aus Versehen‘ bekam er dabei ihre Oberweite zu fassen. Katja wurde rot im Gesicht, sagte aber nichts. Nachdem sie den nicht vorhandenen Stein aus ihrem Schuh geschüttelt hatte, fragte sie nach einer Zigarette. „Du rauchst doch gar nicht!“ meinte er nun. „Ich will es aber mal probieren!“ Die Glimmstengel waren für ihn teures Gut, deshalb meinte er: „Wir können uns ja eine teilen. Du einen Zug und ich einen.“ „Ok, dann machen wir das so.“ Er steckte die Zigarette an und gab sie ihr. Natürlich musste sie nach dem ersten Zug husten. Hielt dabei seine Hand fest.
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– Warum auch immer, fragte er sich in dem Moment.

„Und dann“ schloss Bernd „Sah sie mich mit einem Blick an, den ich damals noch nicht deuten konnte. Es war wie ein Zwang: Unsere Gesichter kamen immer näher. Ich schloss meine Augen, spürte ihre Lippen auf meinen und kurz darauf ihre Zunge.“

Bernd schwieg eine Weile. Überlegte.

„Nun spuck’s schon aus! Was willst du noch sagen?“ forderte ihn Gisela heraus.

Nach nochmaligem Zögern und einem Schluck Brandy pur:

„Ob du es glaubst oder nicht… Bei diesem ersten richtigen Kuss… Der mir viel bedeutete… Denn das ist es, was mich daran am meisten beeindruckte… Es war merkwürdig. Wie soll ich es beschreiben? Mir war so, als ob ich dich in diesem Moment im Arm halten würde!“ Und setzte hastig fort: „Ich weiß, es klingt bestimmt total bescheuert! Du denkst vielleicht ich sage das nur, um dir zu gefallen. Vielleicht hätte ich das auch gar nicht erzählen sollen. Aber es war so!“



Er sah sie dabei nicht an; stierte auf den Teppich. Gisela war klug genug, dass es besser war, auf ein anderes Thema zu kommen. – Ein wenig zumindest…



„Sag mal… Was mir gerade einfällt… Ich habe mich immer über eines gewundert: Schülerinnen mit Schülern gingen miteinander – so nennt und nannte man das ja. Aber es kam selten vor, dass dies innerhalb einer Klasse geschah. Parallelklasse, eine drüber oder drunter ja. Aber so gut wie nie in derselben.“

Bernd dachte etwas nach und meinte:

„Ich glaube, es hat damit zu tun, dass man innerhalb einer Klasse die Schwächen und Peinlichkeiten kennt. Ein paar – unter anderem auch ich – sind zum Beispiel bei irgendeiner Gelegenheit in Tränen ausgebrochen. Dazu kommt noch, dass man ja zusammen aufwächst und weiß, wie die jetzt Hübsche mit toller Figur vor ein paar Jahren ausgesehen hat. Da baut sich irgendwie eine Sperre auf. Das ist etwas vergleichbar mit einer Bruder – Schwester Beziehung.“

„Na ja – Ausnahmen bestätigen die Regel“ meinte sie.

„Du spielst jetzt auf Andrea an… Dir ist aber nicht viel entgangen!“

„Die Leute reden nun mal, und im Lehrerzimmer erfährt man auch so einiges…“



Bernd erzählte:

Die Tische im Klassenzimmer waren zu einem großen U angeordnet.
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Die Mädchen saßen links und die Jungen rechts. Bernd an der unsichtbaren Grenze der Geschlechter: Genau an der Ecke von dem U. Neben ihm oder besser vor ihm die blonde blauäugige Andrea. Der Liebling des älteren deutsch – Lehrers. Darauf bildete sie sich auch etwas ein; schrieb mit ihrer gestochenen großen Schrift meistens gute Zensuren. Bernd schrieb natürlich ab: Frühere Flüchtigkeitsfehler und grammatische Unsicherheiten wurden weniger. Aus reiner Vorsicht baute er, als seine Zensuren deutlich besser wurden, einen oder zwei Fehler ein, damit sein Abschreiben nicht auffiel: Von der sonstigen Note vier auf eins: Das wäre nicht klar gegangen! Ein paar Mal ritt ihn der Teufel: Andrea war ja nicht fehlerlos. Er versuchte sie zu berichtigen, aber sie schüttelte ablehnend den Kopf, wenn er ihr was zuzuflüstern versuchte. Er empfand das als eine gewisse Verachtung ihrerseits. Kein Wunder: Der fleißigste Schüler war er nie. Hatte oft genug seine Hausaufgaben nicht gemacht und dafür so manche vier oder fünf kassiert.

Zuerst dachte er sich überhaupt nichts dabei: In Physik war Andrea eine glatte Niete. Bernd fiel das alles quasi zu: Ihn interessierten die einfachen Versuche über Schall, Licht, Druck und Elektrizität. Als Andrea ihn fragte, wie dies und das funktionierte, beschrieb er ihr das mit eigenen Worten. Nicht ganz ohne Stolz, aber ohne Hintergedanken. Nur unterschwellig bemerkte er ihren bewundernden Blick, wenn er ihr etwas erklärte.



Ihm fiel jedoch fast der Füller aus der Hand, als er während des Unterrichts ihren Schuh auf seinen spürte, sie ihn verschämt anlächelte und etwas errötete. Das wiederholte sich in den nächsten Tagen; die heimlichen Blickkontakte wurden tiefer. Eines Nachmittags rief sie ihn von einer Telefonzelle aus an:

„Gehst du mit mir ins Kino? Da läuft ein guter Film… Ich mag aber nicht alleine reingehen!“

Sie wartete vor dem Eingang auf ihn. Beide taten so, als ob sie rein zufällig hintereinander in der Schlange standen, um die Eintrittskarten zu kaufen. Alles sehr brav und wohlerzogen.

Der Film hatte kaum angefangen, als er in ihren Armen lag. Vom Küssen konnte sie nicht genug kriegen, der Film wurde für beide völlig uninteressant; da bekamen sie das allerwenigste von mit.
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Gegen Ende des Films mühten sie sich damit ab, ihre zerzausten Haare wieder so einigermaßen in Ordnung zu bringen. Sehr gekonnt spielten beide beim Verlassen des Kinos die anständigen Jugendlichen: Im hellen Licht war noch nicht einmal „Händchen halten“ drin. Das änderte sich allerdings ganz schnell, als er sie – oder sie ihn; so genau konnte das hinterher keiner mehr sagen; in den kleinen Stadtpark führte. Zwischen den Büschen klammerte sie sich wie eine Ertrinkende an ihn. Nur zu deutlich konnte er in der Umarmung und den nicht enden wollenden Küssen ihre festen Brüste auf sich spüren. Und Andrea machte ihm mit ihren Bewegungen in seinen Armen sehr deutlich, dass sie es genau so haben wollte. Nur anfassen durfte er sie – noch nicht.

„Bitte… Nicht hier... Und nicht jetzt…“ flüsterte sie außer Atem und mit nervöser Stimme.



Seite an Seite gehend, ohne sich zu berühren, begleitete er sie nach Haus, unterhielten sich dabei über dies und das. Sie beklagte sich über das Gerede im Allgemeinen und der Klassenkameraden im Besonderen.

„Bitte häng‘ das mit uns nicht an die große Glocke, ich finde es nicht gut, wenn über mich getratscht wird.“, sagte sie zum Abschied. Und: „Lass dir in der Schule nichts anmerken…“



In den nächsten Tagen und Wochen trafen sie sich in unregelmäßigen Abständen: Manchmal rief sie ihn an oder sie schob ihm während des Unterrichts einen kleinen Brief zu. Es fiel beiden manchmal schwer, sich auf das Lernen zu konzentrieren: Immer wieder heimliche Blicke, unter der Schulbank die Hand halten und streicheln… Das lenkt schon ab, gibt Schmetterlinge im Bauch, Herzklopfen und nicht nur feuchte Hände…



Eines Sonntags gingen sie wieder ins Kino. Es lief ein sehr romantischer Film, den Bernd etwas schwülstig fand; Andrea dagegen sehr beeindruckte. Heute konnte sie länger mit ihm zusammen sein als sonst: Andrea hatte sich mit dem ‚Besuch einer Freundin‘ – also die uralte Ausrede gegenüber ihren Eltern benutzend - mehr Zeit mit ihm verschaffen können. Auf dem Weg zur Allee, wo sie das erste Mal hingingen, schwärmte sie von einem der Schauspieler in dem gerade gesehenen Film.
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Bernd gestand sich ein, dass er etwas eifersüchtig wurde. Es war fast normal, dass sie anfingen zu knutschen, als sie sich unbeobachtet fühlen konnten. An einer besonders sichtgeschützten Stelle umarmten sie sich; erst jetzt ließ sie es zu, dass er ihren Busen streichelte. Und mehr: Langsam zog er den Reißverschluss ihres Kleides herunter. Öffnete ihren BH, der in seiner Hosentasche landete, sein T-Shirt lag kurz danach im Gras. Halb nackt umarmten und küssten sie sich nun; er spürte wie sich ihre Fingernägel in seinen Rücken gruben, als er sie an ihrer feuchten intimsten Stelle berührte. Nur zu gerne wäre er weiter – viel weiter gegangen… Bei dem Versuch, ihr das Höschen auszuziehen, hielt sie seine Hand fest. Das wollte sie nicht.

„Dreh‘ dich mal mit dem Rücken zu mir…“ flüsterte er ihr nun ins Ohr. Sie tat es. Nun konnte er beide Brüste in seine Hände nehmen, deren Spitzen hart waren und wie Spieße hervorstanden. Sie schlang ihren Arm um seinen Hals, als seine Hand wieder zwischen ihren Beinen landete. Lange streichelte er sie dort. So lange, bis sie zitternd unartikulierte Laute ausstieß und sich seufzend an ihm festhielt. Und sehr leise, fast unverständlich sagte: „Ich bin dein…“

Nach sehr langem Schmusen zogen sie sich wieder an und gingen zurück in die Stadt.



Dann der Schock:



Am folgenden Montag sah sie ihn in der Schule kaum an; wich seinen Blicken aus. Er konnte an ihren roten Augen sehen, dass sie in der vergangenen Nacht viel geweint haben musste. Ein Kleinbrief von ihm mit dem Inhalt: „Was ist los mit Dir?“ blieb unbeachtet. Am Nachmittag rief sie ihn an: „Es ist aus mit uns beiden! Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben!“ Und knallte den Hörer auf.

Dienstag war sie nicht in der Schule; angeblich krank. Dann – eine Woche später die Ansage vom Klassenlehrer:

„Andrea ist aus dieser Klasse ausgeschieden. Sie geht jetzt zu einer anderen Schule.“



„Das war’s!“ Schloß Bernd seine Erzählung ab.

„Hast du Andrea geliebt?“ fragte Gisela nun.

„Da habe ich sehr lange drüber nachgedacht. – Schlecht zu sagen… Dass da viel reine Sexualität eine Rolle spielte, ist mir inzwischen klar. Wenn ich mir das heute so recht überlege… Im Abstand der Zeit, die nun vergangen ist: Ich kannte sie eigentlich kaum.
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Also ihre Ansichten, Wünsche und auch Träume. Und von mir wusste sie auch so gut wie nichts…“

„Ich erinnere mich an die Sache. Es war so, dass ihre Eltern auf den Schulwechsel bestanden haben. Nachdem, was über die Leute erzählt wird, sind das strenggläubige Katholiken. Du weißt ja, wie die sind: Keinen Sex vor der Ehe, Verbot von Verhütungsmitteln und der ganze andere Schwachsinn. Dazu könnte noch kommen, dass sich Andrea aufgrund ihrer Erziehung ganz einfach dafür geschämt hat. Also dass sie sich so hat gehen lassen. Und dass es ihr in dem Moment sogar sehr gefallen hat.“



„Das kann schon so gewesen sein… Ach Scheiße! Schwamm drüber!“

Und dann:

„Sag mal… Hast du noch deine alte Klampfe? Oder ist die im Mülleimer gelandet!?“

„Wo denkst du hin! Bücher und Musikinstrumente wirft man nicht einfach weg! Und ich am allerwenigsten!“

Mit einem erleichterten Lächeln, das Bernd aber nicht sah, holte sie die Gitarre aus einer Ecke hervor und gab sie ihm.

„Ich habe lange nicht mehr darauf gespielt. Ich glaube, es fehlen auch ein paar Saiten.“

Nach einigem Kramen fand sie eine Schachtel. „Hier ist ein neuer Satz!“

Er begann die alten gegen die neuen auszutauschen.

In der Zeit klickte Gisela an ihrem Notebook herum. Es kam das Lied „Die Moorsoldaten“, in der Fassung von Ernst Busch, dann dasselbe, dieses Mal allerdings eine Live – Aufnahme von Hannes Wader. Als die dritte Version kam, horchte Bernd bei dem Intro auf:

„Die Toten Hosen haben das gespielt. Aber Rammstein? Das wusste ich nicht!“

„Nee, das ist nicht Rammstein. Das hört sich nur am Anfang so an. Die Gruppe heißt Metallarbeiter.“

Als der Gesang einsetzte, winkte Bernd ab:

„Guter Start! Aber der Gesang… Also das ist nicht mein Ding!“

„Dann mach’s besser!“ forderte sie ihn heraus. Ihren Lehrer – Ton anschlagend; den er nur zu gut kannte.

„Tss… Einmal Pauker – immer Pauker!“ maulte er ein wenig.

„Würdest du es den nur für mich spielen? Bitte!“ Und setzte das Lächeln auf, dem er sich nicht widersetzen konnte.
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Nachdem die Gitarre gestimmt war, setzte er in der Ernst Busch – Version an:



Wohin auch das Auge blicket,

Moor und Heide nur ringsum

Vogelsang uns nicht erquicket

Eichen stehen kahl und krumm

Wir sind die Moorsoldaten

Und ziehen mit den Spaten

In’s Moor…



Als Gisela den Refrain „Wir sind die Moorsoldaten“ leise mitsang, hielt Bernd inne:

„Habe ich da was total vergessen? Du hast ja eine ganz phantastische Stimme!“

Nun wurde Gisela sichtlich verlegen, was bei ihr äußerst selten vorkam und wollte sein ehrlich gemeintes Lob mit einem „Ach was!“ abwehren.

„Nein – ganz im Ernst: So wie du das singst – das ist einfach unglaublich!“

„Na gut… Für den Hausgebrauch reicht es. Für uns beide. Ok?“ sagte sie mit etwas angespannter Stimme.

Er stimmte noch Leonard Cohen’s „Let it be your will“an.

„Da gibt es eine Version mit den Web – Sisters von. Sehr schön übrigens.“

Und fuhr etwas ärgerlich fort:

„ Aber so hoch komme ich mit meiner Stimme nicht. Also – dein Versuch ist zwecklos!“

„Ist doch gut… Deshalb musst du doch nicht gleich sauer werden!“

Gisela erzählte nur ganz kurz zur Erklärung ihrer Reaktion, dass während ihres Studiums in der PH ein Dozent versucht hatte, sie während eines Musikkurses auf höhere Oktaven zu trainieren.

„Das haute überhaupt nicht hin! Ich wurde heiser, bekam Kopfschmerzen bei den Übungen, die nachher nur noch ein einziger Krampf waren. Und ich habe deshalb habe keine Lust mehr, mich weiter damit zu befassen!“

„Der muss ein ziemlicher Idiot gewesen sein!“

„Stimmt! Das war er!“



Um ihre für ihn nun verständliche Verärgerung im wahrsten Sinne des Wortes zu überspielen, stimmte er einige andere Lieder an: „What have they done in the Rain?“, ein altes Lied von Joan Baez und „Mother’s natury Son“, eine Solonummer von Paul McCartney aus dem weißen Album der Beatles; mit dem Singen hielt sie sich aber zurück.

Nach ein paar anderen Sachen klappte sie ihr Sofa auf und warf die Kissen auf den Boden, holte eine große Decke hervor und meinte:

„Morgen ist auch noch ein Tag.
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Lass uns schlafen gehen.“

Und fügte mit einem verschmitzten Lächeln hinzu:

„Du musst mich aber schön wärmen!“

Was er nur zu gerne tat…



Als er aufwachte, saß Gisela bereits an ihrem Schreibtisch.

„Na, du Langschläfer? Von den Toten wieder auferstanden?“

Noch etwas verschlafen blickte er sie an.

„Ich konnte ja nicht ahnen, dass du auch am Sonntag arbeitest!“

„Na ja – ihr denkt immer, dass wir Lehrer viel Zeit haben. Manchmal stimmt das sogar. Aber – das muss ich unbedingt fertig machen.“

Ließ jetzt aber Arbeit Arbeit sein und kam mit zwei Tassen Kaffee zu ihm.

„Mmmh… so kannst du mich öfter am Morgen verwöhnen!“

Ihre Hand fuhr zerzausend durch sein Haar, das ohnehin nach allen Seiten ab stand.

„Glaub‘ man nicht, dass ich das jeden Morgen mache! Das nächste Mal bist du dran mit Kaffee ans Bett bringen!“

„Aber sehr gerne, Frau Lehrerin!“ neckte er sie etwas, wofür er sich einen liebevollen Klaps einhandelte.

„Bitte bitte!! Nicht schon am frühen Morgen schlagen!“ Bettelte er nun, sein Gesicht mit den Armen deckend.

„Dafür musst du dich freiküssen, sonst…“

Weiter kam sie nicht: Sein erster Kuss an diesem Morgen war sehr zärtlich. Der zweite war dagegen viel länger, heißer und wurde etwas fordernd, als seine Hände unter ihrem Morgenmantel nur nackte Haut fanden…



Es war nicht nur das Sexuelle, was die beiden zueinander anzog wie zwei Magneten: Beide hatten das Gefühl, noch nie so offen mit einem anderen Menschen geredet haben zu können. Egal, ob es sich dabei um Musik, Vergangenheit oder ihr Verhältnis handelte.



Nun ja: Bei Letzterem war noch etwas Sondierung nötig…



„Ich… wie soll ich anfangen… in gewisser Weise hast du mir gegenüber… ach das ist auch Mist… Also: Dass du Kondome benutzt hast… ich weiß das sehr wohl zu schätzen!“ und räusperte sich sichtlich verlegen. Überwand sich dann, grinste und fuhr fort: „Ich weiß nur nicht, wie du das immer hingekriegt hast!“

Bernd lächelte zuerst etwas geschmeichelt, wurde dann aber sehr ernst.
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Und erzählte:

Nachdem Andrea mit ihm Schluss gemacht hatte, war er am Boden zerstört. Fragte sich immer wieder, was er falsch gemacht hatte. Spielte die Zeit und besonders den letzten Abend mit ihr gedanklich immer wieder durch.

War er zu weit gegangen? Vielleicht… Oder… Hatte sie sich insgeheim mehr erhofft? Möglich!

Rein überlegungsmäßig spielte er die Konsequenzen durch. Zunächst einmal: Die Pille stand ihr nicht zur Verfügung; das hatte sie ihm – wenn sie außer zu knutschen auch mal redeten – gesagt. Auch, dass sie Kondome eklig fand. So weit so gut.

Weiter: Wenn es denn nicht beim Küssen und Petting geblieben wäre, hätten sie ‚es‘ zweifellos wiederholt. Und bekanntlich können Mädchen davon schwanger werden. Die abwertenden Sprüche der ach so klugen Erwachsenen kannte er zur Genüge: „Früher hatten die Kinder Rotznasen. Heute haben die Rotznasen Kinder!“ Oder: „Na, die beiden mussten doch heiraten!“

Dann hatte er – ohne seinen Willen – zufällig das Gespräch von zwei Mädchen mitbekommen:

„Der behandelt mich wie ein dummes kleines Mädchen! Aber ich bin doch eine junge Frau, verdammt noch mal!“

„Der bringt es halt nicht… Such dir einen anderen!“

War es das, was Andrea eigentlich wollte? Von ihm als Frau anerkannt zu werden? Sich vielleicht dadurch von ihren Eltern abzunabeln??? Und noch weiter: Wollte er wirklich für immer mit ihr zusammen bleiben oder ganz einfach nur seine Triebe mit ihr ausleben?



Er hatte an dem Morgen, als Andrea mit verheulten Augen in der Schule war, unendliches Mitleid mit ihr. Meinte, sein Herz würde zerreißen, als sie ihn am Telefon mit trotziger und wütender Stimme fast anschrie, dass es mit ihnen vorbei sei.



Er hatte ihr gegenüber im Nachhinein ein sehr schlechtes Gewissen: Er wollte sie niemals auf irgendeine Art verletzten; hatte aber genau dies getan. Das konnte er drehen und wenden wie er wollte. So schön es auch mit ihr war: Das Ende hinterließ einen sehr bitteren Nachgeschmack.



Als der schlimmste Schmerz vorbei war, sagte er sich: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
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Die Vorstellung, in dem Alter Vater zu werden, bereitete ihm die schlimmsten Alpträume: Vor ihren und seinen eigenen Eltern zu Kreuze kriechen müssen, von denen endlos lange abhängig zu sein war der schlimmste Aspekt. Lebhaft und ohne viel Phantasie konnte er sich das Gerede der nächsten Nachbarn vorstellen. Es erschien ihm bei diesen Überlegungen sehr fraglich, ob es das wert war.

Die eigentliche Konsequenz, die er daraus zog war die, dass er von nun an grundsätzlich Kondome bei sich hatte.

Sich Gedanken darum machte und ausprobierte, wie man am besten damit umging.



„Das ist es eigentlich, was ich meinte: Du weißt ziemlich genau, was du willst. Bist auch oft hemmungslos, wenn es darum geht, dein Ziel zu erreichen. Das reizt mich an dir. Bei all dem hast du aber den Blick auf das, was danach kommt… kommen könnte, selten aus den Augen verloren. Du warst schon früher so… Eine Seite, wo wir uns – ähem.. die ich an dir sehr mag…“

Sprachlos hörte er ihr sehr genau zu. Hob aber langsam die Hand, um sie zu unterbrechen.

„Unterbrich mich jetzt bitte nicht!“ bat sie ihn mit fester Stimme. So wie früher in der Schule, wenn es wirklich wichtig wurde.

„Ich weiß selbst, dass ich manchmal – oder sogar ziemlich oft – ganz schön kratzbürstig sein kann. Das hängt zum Teil mit meinem Beruf zusammen, hat aber auch persönliche Gründe. Glaub‘ mir: Ich bin nicht immer so stark und selbstbewusst, wie es so oft den Anschein hat!“

„Das ist doch normal! Jeder hat doch seine schwachen Punkte… Wir sind doch keine Roboter!“

„Tja, und manchmal bin ich auch ziemlich altmodisch…“

„Inwiefern?“

„Gegenfrage! Möchtest du…“ Mit etwas zittriger Hand nahm sie einen Schluck Kaffee. „Möchtest du… etwas länger mit mir zusammen bleiben als… als nur für diese eine Nacht?“

Bernd brauchte nicht den Bruchteil einer Sekunde, um diese Frage mit leuchtenden Augen zu bejahen.

„Hast du dir einmal Gedanken darüber gemacht, was das für dich – und auch für mich bedeutet?“

„Also was die Leute reden ist mir eigentlich schnurzpiepegal!“ sagte er mit glaubwürdiger Überzeugung.
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„Nun überlege dir mal folgendes: Männer und auch Frauen wollen mit ihren Partnern nicht nur schlafen… Sondern auch – ich formuliere es einmal so: Ein wenig angeben! Was werden zum Beispiel deine Freunde sagen, wenn du mit mir im Schlepptau bei denen auftauchst?“

Er überlegte einige Sekunden, sah ihr dabei ernst und mit wachsendem Schuldbewusstsein in die Augen.

„Heilige Scheiße! Mist! Vor meinen Freunden – und das sind nicht viele – brauche und werde ich dich nicht zu verstecken. Auch nicht vor meinen Eltern und Geschwistern. Meine Alten – das ist jetzt nicht abwertend gemeint - sind altersmäßig ziemlich weit auseinander. Zwar im umgekehrten Sinne, aber trotzdem. - Woran ich nun überhaupt nicht gedacht habe: Wie du vor deinen Kollegen, Freunden und Bekannten dastehst! Vor den Eltern deiner Schüler und besonders dem Arschloch – entschuldige meine Ausdrucksweise – von Rektor!“

Wütend ballte er seine Faust, dass die Knöchel weiß hervortraten.

„Diese verfluchte Gesellschaft! Bei jedem fetten Saftsack in höheren Etagen wird akzeptiert, wenn er seine gleichaltrige Frau mit einer jüngeren tauscht, die seine Tochter sein könnte! Ist es umgekehrt, dann sind schon fünf Jahre Altersunterschied ein Grund, sich das Maul zu zerreißen!“

Mit einem etwas verzerrten Lächeln meinte sie nun: „Es liegt an uns… Ob wir bereit sind, das durchzustehen…“

„Daran hast du ärmste mit Sicherheit den dicksten Teil zu stemmen… Das ist mir Blödmann erst jetzt klar geworden.“

„Nein – Ein Blödmann bist du nicht. Nur: Lass uns schnell mit dem Durchstehen anfangen. Je eher daran so schneller davon!“

Und wurde ganz pragmatisch:

„Also – in den Klamotten, die wir jetzt anhaben, können wir wohl unmöglich bei meinen Eltern auftauchen!“

„Das… sehe ich auch so… aber vergiss nicht, die Spuren abzudecken, die ich an deinem Hals hinterlassen habe!“

„Du Satansbraten!“ schimpfte sie, etwas entsetzt den Knutschfleck an ihrem Hals im Bad betrachtend.

„Angeblich kriegt man den mit Zahnpasta schnell weg…“

„Du Herzensbrecher musst es ja wissen!“

„Äh.. nö… das hat mir meine kleine Schwester erzählt…“

„Tsss, also diese Jugend! Da meint man nach all den Jahren Erfahrung zu haben, und die Gören bringen uns hier noch was bei.
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Deine Schwester ist doch erst vierzehn!“

„Na und? Vom Küssen kriegt man bekanntlich keine Kinder!“

Sie stupste ihn mit dem Finger an der Nasenspitze und meinte nun etwas schelmisch:

„Und von diesen… also wovonmankeinekinderkriegt möchte ich jetzt einen haben!“

Dies bekam sie – und gleich in mehrfacher Ausführung. Als sie seine Hände wieder auf ihrer Haut spürte, fiel es ihr schwer, sich aus der Umarmung zu winden und ihn mit den Worten fortzuschicken: „Nun ist es genug! Ab mit dir nach Haus! Ich hole dich um vier Uhr ab!“



Gisela hatte kein eigenes Auto; bei Bedarf und Verabredung lieh sie sich das von ihrem Nachbarn.

Während der Fahrt zu ihren Eltern war Bernd sehr schweigsam.

„Nervös?“ fragte Gisela

„Du merkst auch alles!“

„Ich habe dich gewarnt! Und das ist die erste Hürde, die wir nehmen müssen… Ich kann selbst auch nicht einschätzen, wie sie reagieren werden. Übrigens: Ich habe sie geistig auf uns vorbereitet, als du zuhause warst.“

„Na ja… Ich meine – was haben wir schon verbrochen? Du bist eine erwachsene selbstständige Frau und kein Kind mehr!“,

versuchte er sich schon jetzt zu rechtfertigen.

„Du weißt doch selbst wie Eltern sind: Auch mit fünfzig bist und bleibst du noch deren Kind. Und nun guck nicht so belämmert, die werden dich schon nicht auffressen!“



Für Gisela’s Mutter hatte er auf Drängen seiner Mutter einen kleinen Blumenstrauß besorgt.

„So richtig schön Spießbürgermäßig…“ war sein Kommentar dazu.

War seiner Mutter für diesen Rat dankbar: „Mein Junge, das gehört sich so!“

Er selbst hätte nicht im Traum daran gedacht.



Bei ihren Eltern war der Kaffeetisch schon gedeckt, als sie dort ankamen.

Etwas schnippisch begrüßte die Mutter ihre Tochter: „Das ist ja nett, dass du uns mal besuchen kommst!“

„Ach Mutter – du weißt doch wie das ist. Der Job…“

„Um faule Ausreden warst du noch nie verlegen.
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Aber nun bist du ja hier, noch dazu nicht allein… Also, setzt euch und langt zu!“ Mit diesen Worten schenkte sie den Kaffee ein und verteilte den Streuselkuchen.



Die Konversation verlief dürftig und unterkühlt. Es fiel Bernd nicht leicht, seine Unsicherheit zu überspielen. Konzentriert und höflich beantwortete er die Fragen, die ihm von Gisela’s Mutter gestellt wurden: Es schien sie sehr zu interessieren, was er beruflich machte und ob er sich Gedanken um seinen weiteren Werdegang gemacht hatte.

„Ich habe meine Ausbildung als Maschinenschlosser abgeschlossen. Momentan befasse ich mich nach Feierabend mit Hydraulik und Elektronik. Das verschmilzt immer mehr und ist ein weites Gebiet, wo viel offen steht.“

„Von Technik verstehe ich nicht viel. Was heißt das jetzt konkret?“ fuhr sie ihm dazwischen.

„Nun: Das geht bei Kränen und Baggern los, und weiter in den Flugzeugbau. Man findet solche Systeme aber auch in Krankenhausbetten und Autos.“

Bedeutungsvoll sah Gisela’s Mutter ihren Mann an, der bisher geschwiegen hatte. Der räusperte sich nun und fragte:

„Und? Wie sieht es verdienstmäßig aus?“

„Das liegt wie überall an jedem selbst. Ich könnte als Monteur im Auslandseinsatz arbeiten. Das bringt dann mehr ein, als wenn ich in der Firma bleiben würde, wo ich zurzeit angestellt bin. Ich möchte aber vorerst dort bleiben…“

Und setzte jetzt in einem etwas trotzigen Tonfall hinzu:

„Und falls Sie sich materielle Sorgen um Ihre Tochter machen: Von dem Verdienst kann man leben. – Auch eine Familie ernähren!“



Erst jetzt sah er bei Gisela und ihrer Mutter ein Zucken der Mundwinkel. Die beiden Frauen brachen in schallendes Gelächter aus, in dem auch Gisela’s Vater einfiel. Bernd war zuerst völlig verdattert und sprachlos. Erst als Gisela aufsprang und ihn auf die Wange küsste, merkte er was gespielt wurde: Ihre Eltern wollten eigentlich nur wissen, ob Bernd für ihre Tochter einstehen würde und auch den nötigen Biss dazu hatte.



Die beiden wurden nun sichtlich lockerer: „Also – von nun an bin ich für dich Erich.“ „Und ich die Erika!“

„So, nun lasst uns diese Kampf – Krampfrunde mal aufheben!“ meinte Gisela abschließend.
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An diesem Nachmittag lernte Bernd einige andere Seiten von Gisela kennen: Die Eltern konnten sich nicht verkneifen, von Gisela ihren „Untaten“ aus der Vergangenheit zu erzählen. Das ging nicht immer ohne ihren Protest ab: „Neiiiin! Das ist mir heute noch peinlich!“



Trotz der gemütlichen Stunden, die sie zusammen verbrachten, auch dass er ihre Eltern nun mit Vornamen anreden durfte – was er allerdings so gut er konnte vermied – blieb eine respektvolle Distanz; besonders zu Erika. So war Bernd doch überrascht, als sie ihn beim Abschied kurz beiseite nahm, kurz umarmte und meinte: „Sei lieb zu unserem Mädchen! – Ach, was rede ich altes Weib mal wieder für einen Unsinn! - Du machst das schon!“



Während der Fahrt fragte Gisela Bernd, was ihre Mutter im gesagt hat. Als er es wiederholte, pfiff sie anerkennend.

„Da kannst du dir was drauf einbilden! Mütter!!!“ Schüttelte den Kopf und lachte befreit.



Während seine Vorstellung bei ihren Eltern fast problemlos lief, hatte Bernd in seiner Familie Schwierigkeiten zu überwinden.

Mit Gisela ‚lief‘ es bereits ein paar Wochen; zuhause war Bernd kaum noch zu sehen. Aber irgendwann musste er seiner Familie Rede und Antwort stehen.



Die Bemerkung von seinem Vater machte ihn wütend:

„Dann stoß dir man bei der die Hörner ab, danach wirst du schon was Passendes finden!“

Mit seiner Mutter kam es zum Streit. Zuerst fing sie an, über Mutterkomplexe zu lamentieren.

Danach das – wie er fand – das ziemlich gemeine Argument:

„Wenn du 40 bist, ist sie 55. Das ist genau in der Midlife – Crisis. Denk mal darüber nach!“

„Na, ihr beide gebt doch das leuchtende Beispiel ab! Schließlich bist du auch jünger als der Alte!“

„Also den Ausdruck ‚der Alte‘ solltest du in diesem Zusammenhang besser weg lassen! Außerdem ist das mit mir und deinem Vater ganz was anderes!“

Gab seine Mutter nun wütend zurück. Und setzte nach:

„Ach – du musst selbst wissen, was du tust…“



Bernd bekam nun Unterstützung von einer Seite, die er nicht erwartet hatte.

Es war seine kleine Schwester, die eine Lanze für ihn brach:

„Die Gisela – oder auch Frau S.
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- … das ist eine ganz tolle Lehrerin! Auch sonst… ich meine jetzt als Mensch. Und ganz bestimmt nicht so bescheuert wie die anderen Tussen, mit denen sich Bernd sonst abgegeben hat!“

„Na, du musst es ja wissen!“ meinte die Mutter nun herablassend.

„Meint ihr, ich habe keine Augen im Kopf?! Und lesen kann ich auch schon!“

Ganz demonstrativ nahm sie vor ihren Eltern ihren Bruder in den Arm und sagte klar und deutlich:

„Bernd, mit der hast du einen guten Fang gemacht! Herzlichen Glückwunsch!“

Sein Vater meinte nun resigniert und aufgebend zu seiner Frau:

„Was sollen wir jetzt noch machen? Diese beiden! Zanken sich sonst wie die Kesselflicker. Und halten zusammen wie Pech und Schwefel, wenn es gegen einen von beiden geht. Da sind wir machtlos!“

„Das hast du aber immer so gewollt!“, erwiderte Bernd’s Mutter mit glänzenden Augen.

„Stimmt! Und deshalb bin ich verdammt stolz auf euch beide!“



Gisela war allein und dachte über alles noch einmal nach. Ließ Teile ihres Lebens Revue passieren:

Ihre Kindheit und Jugend. Die Zeit in der Pädagogischen Hochschule, was sie mit dem ersten Mann in ihrem Leben verband, verbinden musste. Und jetzt Bernd.



Mit großen Vorstellungen hatte sie sich dazu entschieden, Lehrerin zu werden. Wollte für die Kinder da sein, sich auf diese Weise kreativ in die Gesellschaft einbringen.

Mit glänzenden Augen, voller Neugier, Erwartung und dem Willen, nun schreiben, rechnen und viel mehr zu lernen, war sie mit ihren Eltern zur Eischulungsfeier gegangen. Der Rektor hielt eine Rede, an die sie sich nicht so genau erinnern konnte. Nur daran, dass er was vom Ernst des Lebens schwafelte. Aber an die Worte ihres Vaters erinnerte sie sich genau:

„Dieser Penner! Ernst des Lebens! Welch gehaltvolle Rede! Ich muss gleich kotzen!“

Gisela verstand den Spruch ihres Vaters nicht. NOCH nicht… Einige Zeit später schon. Als sie merkte, dass die Schule alles Andere als Neugier erfüllte. Sie die stickigen Klassenräume kennen lernte und Sachen eingepaukt wurden, die sie nicht interessierten. Blödsinnige Lieder und Gedichte auswendig lernen, und es wurde vor dem Unterricht gebetet:

„Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm!“

Das Schreiben und Rechnen lernte sie nicht in der Schule, sondern von ihrer Mutter.
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Als es mit Mathe komplizierter wurde, sprang ihr Vater ein. Ihre Eltern hatten viele Bücher, in denen sie manches über das las, was in der Schule gerade durchgenommen wurde. Unterhielt und diskutierte oft mit ihnen darüber. Diese oftmals sehr langen manchmal emotionalen, aber auch in heftige Streitereien ausufernden Gespräche ließen in ihr das Bedürfnis und den Willen dazu wachsen, das eines Tages besser zu machen.



Wie alle Kinder machte auch sie ihre Streiche, die nicht immer ganz ungefährlich waren: Hier einmal Reißzwecken auf den Lehrerstuhl legen (nicht erwischt worden) und dort mit den Jungs Schwarzpulver zu mixen, um Kracher und Raketen zu bauen. (nicht erwischt, aber verpetzt worden)

Später dann das Übliche: Mal in einen Jungen aus der Nachbarschaft verliebt - der beachtete sie jedoch nicht. Dann während einer Party der erste Kuss – beim Ratespiel gewonnen. Na ja, ein Engel war sie nicht: Da war im Alter von 18 noch die kurze, aber sehr heftige Affäre mit dem Mann von Mutters bester Freundin. Wofür ihre Mutter – zu ihrem damaligen grenzenlosen Erstaunen – viel Verständnis zeigte: „Den hätte ich auch nicht von der Bettkante geschubst!“



Ja – und dann das Pädagogik – Studium…

Eigentlich hatte sie nicht vor, während der Zeit ihres Studiums eine feste Bindung einzugehen. Hier und dort ein harmloser Flirt, auch mal an einer wilden Party teilnehmen. Aber mehr nicht.



Es kam anders: Sie schrieb sich für einen Kurs im Fach Musik ein. Bisher hatte sie sich kaum oder gar nicht mit klassischer Musik befasst: Opern fand sie langweilig, Bach, Beethoven und Mozart veraltet und überholt. ‚Bring‘ es hinter dich; das gehört mit zum Studium!‘ war ihr Gedanke. Das änderte sich, als sie den scheinbar etwas ausgeflippten Dozenten sah: Schulterlange glatte Haare, spärlich sprießender Vollbart. Der ganze Kerl in verwaschenen Jeans und schlabbrigen Pullover verpackt.

Zuerst erzählte er weitschweifig über die gesellschaftliche Bedeutung dieser Musik in vergangener Zeit und zeichnete die Lebenswege einiger berühmter Komponisten nach.
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Gisela fand diese Ausführungen todlangweilig. Wenn – ja, wenn er sie nicht öfter mit seinen faszinierenden Augen angesehen hätte. Es fing bei ihr an zu kribbeln und die Schmetterlinge in ihrem Bauch starteten durch, wenn er sie mit seinen Blicken quasi auszog. Nun wurde der Musikkurs schon etwas interessanter!

In ihren Träumen ‚erschien‘ er ihr: Unter seinem Blick fielen Kleid, BH und Slip wie von Zauberhand von ihr ab. Meinte nun, seine Arme um sich zu spüren… und mehr…

Die bis dahin abgelehnten Einladungen zu einem Kaffee schlug sie nach diesen Träumen nicht mehr aus: Noch war ja alles ganz harmlos! Diese harmlosen Treffen wurden bald zu einem ihr sehr angenehmen Bestandteil des Kurses. Abgesehen von seinen Augen gefiel ihr seine manchmal etwas ungeschickte und umständliche Art, sich auszudrücken, was die Gespräche mit ihm interessant machte.

Dann trafen sie sich auch, wenn kein Kurs anstand. Einmal lieh er sich von einem befreundeten Studenten die Ente, das damals absolute Statussymbol an der Hochschule. Mit diesem Gefährt zeigte er ihr die Umgebung der Stadt; während dieser Tour schliefen sie das erste Mal zusammen:



Er parkte das hochbeinige Auto an einem einsamen Waldsee und schlug vor, eine Runde mit ihr schwimmen zu gehen. Badezeug hatten beide nicht dabei, also sprangen sie nackt ins Wasser. Alberten herum wie kleine Kinder: Tauchten sich gegenseitig unter, schwammen um die Wette. Bis es anfing, so richtig zu knistern: Bis zum Hals im Wasser stehend, sah er ihr lange in die Augen. Wie unter Zwang verringerte sie die Distanz. Kam seinem Gesicht immer näher… Bis sich ihre Lippen berührten. Aus dem zaghaften Kuss wurde eine feste Umarmung. Er versuchte dabei krampfhaft, seine Erregung vor ihr zu verbergen. Genau die wollte sie aber nach ein paar weiteren Küssen spüren! Presste ihr Becken an ihn. Am Bauch zu fühlen war bald nicht genug: Sie wollte alles! Ihre Beine um ihn schlingend empfing sie ihn in sich.

Es war allerdings recht schnell vorbei: Nach wenigen Bewegungen konnte sie seinen Höhepunkt spüren.

Enttäuscht war sie eigentlich nicht: „So ein Quickie hat ja auch was“, sagte sie sich; „Außerdem muss er wohl ziemlich heiß auf dich gewesen sein!“ - Was man ja auch als Kompliment werten kann…



Bei weiteren Gelegenheiten revidierte sie ihr Urteil etwas und sagte sich: ‚Also entweder hat der gar keine Erfahrung oder bisher die falschen Mädchen gehabt!‘ Da war keine Vorspeise oder Nachtisch.
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Viel zu schnell kam er zur Sache. Da war ihr ‚erster‘ doch von anderem Kaliber. – Aber sie mochte ihn; es machte ihr sogar Spaß, ihm im Bett etwas beizubringen.



Dafür – vielleicht als Gegenleistung – kümmerte er sich sehr intensiv um ihre musikalische Bildung: Schleppte sie von einem Konzert zum anderen, versuchte, ihr das Spielen auf Geige und Klavier beizubringen. Mit dem Klavier kam Gisela nach Anfangsschwierigkeiten einigermaßen zurecht, aber bei der Geige musste sie passen. Er war bei seinen Lektionen nicht der geduldigste; es kam zu ersten Streitereien. Zum eigentlichen Bruch kam es, als er sie quasi Schulbuchmäßig zur Sängerin ausbilden wollte. Dabei waren die Atemübungen noch das Geringste: Sie begann es zu hassen seiner Anweisung nachzukommen, beim Singen den Mund bis zum Anschlag aufzureißen. Bei den Arien, die er einüben wollte, war endgültig das Ende der Fahnenstange erreicht: Sie fühlte sich durch seine Forderungen erniedrigt.

„Dieses Gekreische konnte ich noch nie hören!“

„Ja – aber das ist hohe Kunst! Weltmusik!“

Nur ihm zuliebe war sie so weit gefolgt, fast bis zur Selbstaufgabe.

„Der Topf ist leer – ich kann das nicht durchhalten… Wenn ich so weiter mache, gebe ich meine Ziele und mich selbst auf!“

War das Ergebnis ihrer Überlegungen.



Man ging nicht als ‚gute Freunde‘ auseinander. In Sachen Bett hatte sich bereits seit Monaten nichts mehr getan, was sie nicht weiter kümmerte: Daran hatte sie ihren Spaß mit ihm verloren.

In einem sachlichen Gespräch kam alles noch einmal zur Sprache:

„ Ich habe dich sehr gemocht. Auch gerne mit dir geschlafen. Das kann ich nicht mehr! Mir hat Musik viel bedeutet und Freude gemacht, das ist auch vorbei! Es gibt nichts mehr zu sagen!“

„Ich wollte dir diese ganze schöne Welt zeigen, mit dir teilen…“

„Du hast mich aber nie gefragt, ob ich das will!“



Ihm gegenüber hatte sie Gefühle, die sie bisher nicht kannte: Es gab nun weder einen Rest von Sympathie noch irgendeine Art von Abneigung: Er war ihr ganz einfach gleichgültig.
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Teils, um nicht als zickige Jungfer da zustehen, teils aus Sehnsucht nach etwas Nestwärme oder zum Hormonausgleich hatte sie während des Studiums ein paar flüchtige Beziehungen; wärmte auch kurzzeitig das Verhältnis mit ihrem ‚ersten‘ auf. Das alles waren allerdings keine ernst zu nehmenden Ereignisse.



Als sie ihr Diplom in der Tasche hatte, war es mit diesen Eskapaden vorbei; sie setzte sich mit aller Energie für ihren Beruf ein.



Bereits während des Studiums wurde sie schon einiger Illusionen beraubt; die Praxis war noch frustrierender. Nur mit ihrer Beharrlichkeit, die schon an Sturheit grenzte, schaffte sie es, die ersten Jahre durchzustehen. Die viel erstickende Bürokratie im Staatsdienst, die Hierarchie in der Schule und zunehmende Auseinandersetzungen mit den Eltern der Kinder kosteten viel Kraft und Nerven. Die nette Lehrerin war nicht gefragt. Mit der Zeit baute sie um sich herum einen zwar nicht sichtbaren, aber undurchdringlichen Schutzwall auf. Das war reiner Selbstschutz: Anders war der Job nicht durchzustehen.

Es tat ihr in der Seele weh, mit ansehen zu müssen, wie die Kinder mit leuchtenden Augen eingeschult wurden und viele unter dem Leistungsdruck sowohl von der Schule als auch von den Eltern zerbrachen. Immer engmaschigere Lehrpläne und Vorgaben von „Oben“ grenzten die Freiheit ein, die Kinder Kinder bleiben zu lassen. Spielerisches Lernen blieb völlig auf der Strecke: Nur Beurteilungen nach festgelegtem Schemata und Zensuren spielten eine Rolle. Der Druck sowohl auf die Kinder als auch auf Lehrer und Eltern wuchs von Jahr zu Jahr. So mancher ihrer ehemaligen Kommilitonen litt an psychischen Problemen; einige verdrängten ihren Frust in Alkohol. Das war für die oft der Anfang vom Ende: Wer psychische oder Alkoholprobleme hatte, war wie in jedem anderen Beruf auf dem absteigenden Ast.



Jetzt, wo sie über alles noch einmal nachdachte, war sie ihren eigenen Eltern äußerst dankbar: Ohne deren Zuspruch und Unterstützung hätte sie ihre Laufbahn in diesem Beruf längst aufgegeben.



Aber: Es gab auch Lichtblicke und Erfolge! Gemeinsam mit einigen Eltern und Kollegen schaffte sie es, eine kleine Hilfsgruppe für ‚schwächelnde Kinder‘ zu bilden.
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In ihrer Freizeit konnte sie hier ein kleines bisschen grade biegen, was sonst schief gelaufen wäre. Sie empfand es immer als einen großen Erfolg, wenn einer von dem vormals Versetzungsgefährdeten wider Erwarten ihrer Kollegen oder des Rektors doch noch das Klassenziel erreichte. Natürlich war sie kein Roboter: Sie hatte ihre Lieblinge unter den Schülern, um die sie sich etwas mehr kümmerte. Mit der Zeit lernte sie, das geschickt zu verbergen: Sonst hätte ihr das viel Ärger einbringen können: Kinder, Eltern und der Rektor forderten nicht ganz zu Unrecht gleiche Behandlung aller Schüler. Mit ihrer zuweilen recht barschen Art bekam sie das aber hin. Meistens…



Bernd war einer von denen. Das mit ihm war auch jetzt im Rückblick noch merk – und denkwürdig:

Oft störte er im Unterricht, quatschte mit seinem Tischnachbarn und brachte sie mit seiner provozierenden Art derart zur Weißglut, dass ihr einmal die Hand ausrutschte. Diese Pädagogische Fehlleistung tat ihr zwar furchtbar leid, aber sie konnte und durfte sich das nicht anmerken lassen. Es brachte sie innerlich aber völlig aus der Fassung, dass er sie in der nächsten Stunde nicht etwa trotzig oder anklagend ansah, sondern mit ausdrucksloser Miene sehr genau beobachtete. Respekt? Rachepläne? Angst?

Die größte Überraschung bereitete er ihr, als er kurz darauf das erste Mal vor ihrer Haustür stand. Sie glaubte ihren Augen nicht! Wieder musste sie ihre Empfindungen verbergen, als er, nun sichtlich unsicher, nach den Hausaufgaben fragte. Am liebsten hätte sie ihn umarmt und sich bei ihm für die Backpfeife entschuldigt. Mit ihrer antrainierten Distanz bat sie ihn herein und bemerkte seine bewundernden Blicke auf ihre Stereo – Anlage und die Bücher in den Regalen.

Von nun an gab es eine Art stillen, unausgesprochenen Pakt: Er störte weniger in der Klasse. Und wenn, überhörte sie es. Ab und zu, wenn es dann doch zu viel wurde, schaffte ein warnender Blick Ruhe. Er besuchte sie noch einige Male; brach das aber schlagartig ab, als ihr damaliger Freund bei ihr war. Auch das tat ihr leid: Sie wusste, dass er sich in sie verliebt hatte. Das war unübersehbar, aber aussichtslos: Ein Paar hätten sie zu dieser Zeit aus sehr vielen Gründen nicht werden können.
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Aber warum war sie ein halbes Jahr später so krankhaft eifersüchtig auf Andrea? Eigentlich hätte sie doch froh sein müssen, dass Bernd nun seine kleine Freundin hatte! Aber: Sie hätte dem Mädchen am liebsten die Augen ausgekratzt!

Als die Sache mit ihr vorbei war und sie ihn leiden sah, tröstete sie ihn auf ihre Art und Weise:



Nach ein paar Tagen, wo er nur körperlich anwesend war und den Unterricht teilnahmslos über sich ergehen ließ, kam es zu einem kurzen unter – vier – Augengespräch.

„Bernd – nun reiß dich zusammen! Du bist nicht der einzige auf diesem Planeten, der mal Liebeskummer hat! Nimm es so hin, wie es ist! Ändern kannst du nichts mehr! Sei stark! Du… Du schaffst das! Ich weiß es genau!“

Lächelte ihn ermutigend an. Streichelte ganz kurz seine Wange. Sein Blick… Voller Dankbarkeit für ihren Trost, gemischt mit Zuversicht und noch etwas Anderem… Er ging ihr durch und durch. Fast fluchtartig wandte sie sich von ihm ab: Das durfte er auf keinen Fall merken!



Es war ihr kleines Geheimnis, dass sie ihn nach seinem Schulabschluss vermisste. Das behielt sie für sich, sprach auch nicht mit ihren Eltern darüber… Und: Sie konnte nicht anders… Unauffällig hinterfragte sie, was er so macht, was in der kleinen Stadt nicht weiter schwierig war. Drei Jahre später gratulierte sie ihm zur bestandenen Facharbeiterprüfung, freute sich mit und für ihn. Ab und zu begegneten sie sich in der Stadt – also auf der Basis, die man „Guten Tag und guten Weg!“ nannte. Wenn er sie ansah… Und wie er sie ansah… Unerfüllte Sehnsucht war ihm an der Nasenspitze anzusehen! Sie stand ganz Abseits im Publikum, wenn er seine eher wenigen Auftritte mit der Band hatte. Fragte sich: War es so etwas wie eine rosarote Brille, oder spielte er nur gut und die anderen Mist?



Die Mädchen, die sich in dieser Zeit an ihn ranschmissen, konnte sie nicht ernst nehmen. „Dumme Puten!“ dachte sie sich immer dabei. Allerdings nicht ohne Eifersucht und Sorge, das er an einer von denen hängen bleiben würde.



Ja – und dann die Begegnung im Zug. Und alles, was danach kam…..



Sie gestand sich ein, dass in dieser Nacht lang gehegte erotische, sexuelle und gefühlsmäßige Träume auf der Parkbank und später in ihrer Wohnung erfüllten und übertroffen wurden.
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Dieser liebe, verrückte und manchmal freche Kerl!!!



In den weiteren Wochen verbrachten sie so viel wie möglich Zeit miteinander. Das Zusammensein fand aber nicht nur im Bett statt: Es interessierte ihn brennend, ihre Sichtweise der Schule zu sehen; hielt sich dabei nicht sehr mit Kritik zurück:

„Mit dem sturen Einpauken von irgendwelchen Regeln hat man uns viel Spaß an dem Fach Deutsch genommen! Wir haben ohne Ende Diktate geschrieben. Wer macht das heute noch außerhalb der Schule? Im Beruf muss ich Berichte für Kunden oder an Vorgesetzte aufsetzen, das diktiert keiner!“

„Da hast du schon recht! Du vergisst aber, dass in den Diktaten die Fallen eingebaut sind. Also das Setzen von Kommata, Groß – und Kleinschreibung – um nur zwei Beispiele zu nennen.“

„Mag sein… Aber wenn ich an die Texte denke: So schreibt heute kein Mensch mehr.“

„Lehrplan! Ich muss mich an die Vorgaben halten!“

Das war der Anfang einer längeren Diskussion. Wobei sie ihm teilweise recht geben musste: Der Schriftverkehr mit Behörden, Arbeitgebern, Versicherungen und Banken stand nicht im Lehrplan.

Bernd brachte hier einen Herrn Bornemann ins Spiel. Dieser Autor – übrigens auch Lehrer – schrieb an Firmen, Behörden und allen möglichen Leuten Briefe, die auf dem ersten Blick völlig seriös klangen, aber Verarschung waren. Diesen Schriftverkehr hat er in dem Buch „Bornemanns Briefmacken“ veröffentlicht. Bernd zeigte ihr das Buch und beide lachten Tränen über die Samenspende, die der Autor beim Finanzamt als steuermindernd angeben wollte und die Antwort: Die nahmen es mit Humor, aber nicht ohne den Hinweis, dass Herr Bornemann auch seine Einkünfte als Autor versteuern müsse.

Bernd meinte später im vollen Ernst:

„Gisela, solche Beispiele gehören in jedes Schulbuch! Erst durch diese humorigen Geschichten habe ich wieder Lust und auch den Mut gefunden, wieder zu schreiben! Die Grammatik ist wichtig – unbestritten… Es kommt aber doch hauptsächlich darauf an, was und wie man schreibt. Also Argumentation, Rhetorik!“

„Da ist was dran… Wenn nur auf Fehler gepocht wird, verliert man das Selbstvertrauen – und bekommt unnötige Hemmschwellen.
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Das wird mit jetzt, wo du das ansprichst, auch klarer…“



Von Bernd seinen Beruf verstand Gisela wenig. Sie wusste zwar, wie Hydraulik funktioniert, aber bei Elektronik hörte es mit der Kenntnis von Dioden, Widerständen und Kondensatoren auf. Erst recht bei dem Zusammenspiel beider Techniken. Dafür konnte sie Bernd aber wertvolle Tipps im Umgang mit Vorgesetzten und Kunden geben:

„Mein lieber Rektor und Vorgesetzter hat mir manches Mal zugesetzt. Und die Eltern der Kinder kannst du mit deinen Kunden vergleichen. Was mir da so geboten wurde, das geht auf keine Kuhhaut! Grundregeln: Immer die Ruhe bewahren! Keine Angst zeigen und auch mal schweigen!“



Ihre unterschiedlichen Berufe schafften die Distanz und Freiräume, die sie beide für sich brauchten. Gisela erschauerte bei dem Gedanken, mit einem Berufskollegen zusammen zu sein: „Dann wäre ich dem Job total ausgeliefert!“ Ein grausiger Gedanke…



In Sachen Musik fanden sie sich wieder zusammen: Gemeinsam sahen sie sich Video – Clips aus dem Internet an und erweiterten die DVD – Sammlung; diskutierten darüber: So über Jimi Hendrix, wo er während des Woodstock – Konzerts „Hey Joe“ spielte.

Bernd meinte:

„Es wird hier viel verallgemeinert. Also dass die Künstler alle unter Drogen standen. Nun sieh‘ mal genau hin, wie konzentriert er spielt und seine Band mit Zeichen dirigiert. Das geht gar nicht, wenn man unter Dampf steht!“

Darauf Gisela:

„Während dem Konzert wohl nicht… Aber ohne Drogen konnten die den Stress schlecht bewältigen: Heute hier ein Gig, morgen dort… Und das über Wochen! Dann ständig neue Sachen komponieren und einspielen – der Ruhm war oft teuer erkauft!“

„Ist schon klar… Viele von denen sind arm aufgewachsen und quasi über Nacht berühmt und reich geworden. Das will man gerade dann nicht aufgeben. Entsprechend hoch ist dann der Erfolgsdruck!“

Bernd hatte noch einen Gedankengang:

„ Musik ist etwas vergleichbar mit Schreiben: Beides muss Spaß machen… So ein klassisches Konzert, wo alle im feinsten Zwirn stocksteif zuhören und sich nicht zu husten trauen… Das ist für mich so wie eine Klassenarbeit schreiben.
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Nur so – zum Vergleich: Woodstock und Jimi Hendrix. Oder Mike Oldfield… Speziell 1979 während der Exposed – Tour: Da sind junge Musiker auf der Bühne. Im Saal: Mehrere Generationen, die vor Begeisterung fast auf den Stühlen stehen, Papierflieger zur Bühne werfen. Junge Mädchen im Chor, die tanzen, lachend und singen… DAS ist Musik, wie sie sein soll! Spaß für die Band und für’s Publikum! Ich kriege jedes Mal eine Gänsehaut, wenn ich diesen Clip sehe!“



Mit der Gänsehaut ging es in ihr weiter:



Schon bei den Gedanken an die Erotik und den Sex mit ihm kribbelte es überall… Er hatte Phantasie, war rücksichtsvoll und romantisch, konnte mal unendlich zärtlich sein und dann wieder sehr, sehr leidenschaftlich. Gerade bei Letzterem ließ sie sich zu Praktiken hinreißen, die sie bisher nur widerwillig akzeptiert hatte oder strikt ablehnte. Aber jetzt - mit ihm: Oft genug konnte sie gerade davon nicht genug kriegen! Nur zu gerne ließ sie sich von ihren Gefühlen mitreißen, wenn er seinen Kopf in ihrem Schoß versenkte…

Ganz alltägliche und banale Dinge, die sie zusammen taten, konnten hocherotisch und romantisch werden… Wenn sie an das Frühstück von einem besonderen Sonntagmorgen dachte…

Der Duft von frischem Kaffee und ein Kuss auf ihrer Nasenspitze weckte sie auf. Wie so oft tranken sie die erste Tasse im Bett, schmusten ein wenig und redeten.

Splitterfasernackt sprang sie irgendwann aus dem Bett und verschwand im Bad, während er den Tisch deckte.

Jahrelang waren die Mahlzeiten für sie lediglich Nahrungsaufnahme – nun ein Genuss!

Frisch geduscht, nach Seife riechend kam sie an den Tisch. Sie mochte seine lüsternen Blicke: Unschwer war zu sehen, dass sie nur einen Slip und überlanges T-Shirt trug. Gut gelaunt griffen sie zu den aufgebackenen Brötchen und den gekochten Eiern. Als sie fertig gegessen hatten, meinte er lächelnd:

„Tsss – also mit dir kann man auch nirgends hingehen.“

„Wieso?“

„Na – du hast dich mit der Marmelade bekleckert!“

„Wo?“

„Na, hier!“ und deutete auf ihr Kinn.
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Peinlich berührt wischte sie sich übers Kinn.

„Weg?“

„Nee. Also wenn man nicht alles selbst macht…“

Ganz sanft nahm er ihr Gesicht in beide Hände. Lange sahen sie sich dabei in die Augen; es ging ihr durch und durch: Da war etwas Unbekanntes in seinem Blick… Sie spürte kaum seinen Daumen, der über ihr Kinn strich. Den Augenkontakt nicht verlierend fuhren ihre Fingerspitzen leicht wie ein Schmetterling über seinen Handrücken.

Sie fühlte, dass er ihr etwas sagen wollte. Wartete mit Hoffen und Bangen… Schloss ihre Augen, als sich seine Lippen auf sie zu bewegten. Über ihre Stirn, zu ihrem Ohr. Um dann die drei berühmten Worte zu formen.

„Ich liebe dich auch! Wir haben so lange gewartet…“ Als sie sich wieder ansahen, schämten sich keiner von beiden auch nur eine Sekunde für die Tränen, die ihnen nun in den Augen standen. Ein wenig später konnten sie befreit miteinander lachen und nun gemeinsame Pläne für ihre nahe und ferne Zukunft schmieden.



Was Gisela auch nicht von diesem Morgen vergessen konnte: Aus einem nicht erklärlichem Grund hatte sie das Lied von Yoko Ono „Who has seen the Wind?“ im Kopf, nach kurzer Suche im Netz gefunden und spielte es Bernd vor. Obwohl es wie ein Kinderlied klang, beeindruckte es ihn sehr. Gerade der ganz am Anfang des Liedes scheinbar verpatzte Einsatz von Yoko ermutigte Gisela zu der Ansage: „Das können wir auch!“ Spontan holte er die Gitarre vor; nach wenigem Probieren wusste er, wie es am besten zu spielen sei. Bereits beim zweiten Anlauf hatten sie es: Gisela sang den Part von Yoko Ono, Bernd spielte den von John Lennon. Sie nahmen es auf ihren Computer auf. Hüteten diese Aufnahme danach wie ihren Augapfel: Es war „Ihr Lied“.



Was sie mit Bernd empfand und verband… Glücklich sein, Befriedigung, Geborgenheit und dem Gefühl, um ihrer selbst willen von ihm geliebt zu werden… Sie war sich darüber völlig im Klaren, dass sie dafür ihren Preis bezahlen musste. Und sie hatte Angst davor, dass sie es nicht durchzustehen könnten. Wusste nur zu gut: In jeder Stadt wird geredet, das kann man nicht verhindern. Gerade wenn man in der Öffentlichkeit steht, wird man sehr schnell Zielscheibe für das Getratsche, was oft aus purem Neid und Missgunst geboren ist.
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Aber auch, um alte Rechnungen zu begleichen. Ob zu Recht oder Unrecht: Das spielt dabei die geringste Rolle.



Die Angriffe kamen prompt:

Da war ein Kollege, mit dem sie einst einen Flirt hatte. In ihrem Bett konnte der allerdings nicht landen; so groß war ihre Sympathie auch wieder nicht. Es war einfach nur ein prickelnder Flirt – mehr nicht. Ausgerechnet der sprach Gisela mit etwas mokantem Lächeln an:

„Ich habe es ja akzeptiert, dass es mit uns nichts werden konnte. Aber dass du dich jetzt auf dieses Niveau begibst…“

„Ich bin mir sehr sicher, das Richtige zu tun. Sogar noch sicherer nach deiner Aussage, die du gerade gemacht hast. Denn das Niveau, das du damit vertrittst, ist nie meins gewesen – wird es auch nie sein!“

„Wie muss ich das jetzt verstehen?!“

„Mal auf hochdeutsch – und ganz langsam zum mitschreiben: Dein Privatleben hat mich nie im Geringsten interessiert. Weil ich dich so respektiert und akzeptiert habe, wie du nun mal bist. Aber das mit dem Respekt vor dir – also das muss ich mir doch noch mal aufs Gründlichste überlegen!“

Seinen gemurmelten Spruch: „Arrogante Zicke!“ überhörte sie.



Eine Kollegin, mit der sie eigentlich wenig zu tun hatte, verwickelte sie nun öfter als sonst in Gespräche. Versuchte, Giselas Vertrauen zu gewinnen, indem sie recht offen ihre Meinung über den Schulbetrieb vertrat. Was man besser machen könnte und nicht so lief, wie es eigentlich laufen müsste. Gisela wusste, dass diese Kollegin – nennen wir sie Petra – eine fähige und engagierte Lehrerin war. Dazu zwar etwas freizügig mit ihren Partnern, was ihr die eine oder andere Schwierigkeit eingebracht hatte. Es wunderte Gisela daher nicht, dass Petra sie - aus Solidarität unter Frauen - auf Bernd ansprach:

„Mensch Gisela, da hast du dir ja einen prächtigen Fisch an Land gezogen!“

Sie lachte und meinte:

„Ich weiß nicht so genau, wer hier wen an Land gezogen hat!“

„Aber das ging doch schon länger, oder irre ich mich?“

„Nein… Eigentlich nicht so… Klar, ich kenne ihn seit Jahren. Er war ja mal mein Schüler!“

„Weißt du – so ganz im Vertrauen…. Also bei dem einen oder anderen Schüler aus den oberen Klassen weiß ich nicht, ob ich da immer nein sagen könnte! Und ich habe gehört, dass die in dem Alter ganz dankbare Liebhaber sein sollen.
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Sag mal ehrlich: War da schon früher was?“

Gisela verneinte lachend:

„Ich hatte in der Zeit ganz andere Sorgen! Du weißt selbst, wie es in den ersten Jahren in der Schule ist!“



Bald darauf wurde sie zu einem Gespräch zum Rektor zitiert. Wie üblich – das Ritual kannte sie seit Jahren – tat er sehr beschäftigt. Wühlte einige Zeit in Papieren herum und ließ sie wie ein dummes Mädchen ein paar Minuten vor seinem Schreibtisch stehen.

„Der Klassiker von Vorgesetztengehabe! Lass dir mal was Neues einfallen, du Arsch!“ Dachte sie sich dabei.

„Ach ja… aber bitte setzten Sie sich doch!“ bat er sie nun.

„Wissen Sie, eigentlich habe ich wichtigeres zu tun, als mich mit dem Privatleben des Lehrkörpers zu befassen. Wir sind alle erwachsen und sollten wissen, was wir tun. Nur… Wenn hier verantwortungsvolle Leute aus Sorge um die uns anvertrauten Kinder gewisse Befürchtungen äußern, bin ich dazu verpflichtet, dem nachzugehen. Das verstehen Sie doch, oder?“

„Das Wohl der Kinder liegt mir sehr am Herzen! Sonst wäre ich ja nicht hier!“ Gab sie mit ruhiger Stimme zurück.

„Das habe ich auch nie bezweifelt. Um es auf den Punkt zu bringen: Es wurde – von wem auch immer – die Befürchtung auf mögliche… Übergriffe… Sie wissen schon… geäußert…“

„Ich war mir immer meiner Verantwortung gegenüber der Kinder – auch deren Eltern gegenüber bewusst.“

„Das ist mir alles bekannt… Sie wissen, dass mir daran sehr gelegen ist, dass hier unter uns Kollegen… also dass wir wie eine Familie sind und uns dementsprechend verhalten sollten. Die Aufgaben, die uns auferlegt sind, müssen ja auf gangbaren Wegen bewältigt werden. Wenn mir allerdings Befürchtungen solcher Art zugetragen werden… Also… dann besteht Klärungsbedarf!“

„Ich möchte dazu folgendes klären, ohne um den heißen Brei herumzureden: Ja, es stimmt, dass ich mit Bernd seit kurzer Zeit eng befreundet bin. Zur weiteren Klärung möchte ich betonen, dass dies erst seit kurzer Zeit der Fall ist.
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Alles Weitere, wie die Tatsache dass er jünger als ich ist, dass er mal mein Schüler war et cetera ist meine Privatsache. Ich erwarte, dies zu respektieren. Damit sollte auch dies geklärt sein. Es wird von jedem Bürger zu Recht gefordert, dass die Privatsphäre eines anderen zu achten ist. Wir als Lehrer sind gefordert, dieses selbstverständliche und auch grundsätzliche Recht zu lehren!“



Der Rektor… - mochte er sein wie er wollte! Aber er war manchmal für Überraschungen gut:

„Donnerwetter! Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht! Sie können sich selbst denken, wie diese Befürchtungen oder auch Gerüchte zu mir kamen. Was ich an Ihnen immer geschätzt habe… Sie setzten Ihren Willen durch! Solche Schleimer wie Herr S. oder Petra – ähh Frau D. verpesten hier nur die Luft! Machen Sie weiter so – auch wenn‘s mal schwer fällt. Wenn Sie das nicht schaffen, wer sonst?!“

Gisela verzog keine Miene. Wusste sie doch nun durch seinen Versprecher „Petra ähh Frau S.“, dass diese Lehrerin eine Geliebte oder mindestens enge Vertraute des Rektors war und sie aushorchen sollte. Dieses Biest!

Auf sein „Weiter so!“ gab sie nicht viel: Die Phrasen ihres Vorgesetzten waren ihr aus jahrelanger Erfahrung nur zu bekannt…





Gisela und Bernd nahmen nun an, dass die Fronten geklärt seien. Das bisherige etwas nervige Versteckspiel hatte ein Ende.

Hand in Hand gingen sie nun offen in der Stadt spazieren, erledigten manchmal zusammen ihre Einkäufe. Lebten so wie viele andere Paare auch.



Epilog



An einem kalten Abend im Herbst stieg der alte Mann aus dem Zug. Die nasse Kälte ging ihn durch bis auf die Knochen. Sein Mantel wärmte ihn nur wenig. „Schneller gehen“, sagte er zu sich; aber die Füße wollten auch nicht mehr so wie früher. Viele Jahre waren nun vergangen, als er das letzte Mal diesen Weg alleine ging.



Die Straßenlampen der Dorfstraße verbreiteten ihr trübes gelbes Licht, was bald hinter ihm lag. Sein Weg führte durch die alte Allee. Knorrige Buchen und Eichen boten etwas Schutz vor dem Wind, der durch die kahlen Äste wehte. Das Murmeln des trägen Flusses konnte er nicht mehr hören. „Scheiße, wenn man alt wird!“ dachte er sich dabei.
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Es hatte hier sich so gut wie nichts verändert: Das Buschwerk zwischen den Bäumen stand noch; selbst die Bänke, die im Sommer zum Rasten einluden, waren noch da. Er versuchte sich zu erinnern, auf welcher Bank er damals seinen ersten Kuss hatte. Vergeblich… Dafür andere Erinnerungen… Sehr schöne, aber auch schmerzhafte.



Im Schutz eines Baumes zündete er sich eine Zigarette an; das grelle Aufflammen des Feuerzeuges machte ihn kurze Zeit blind. Nach ein paar Sekunden konnte er wieder den Lichtschein der Kleinstadt sehen. Die Kirchturmuhr schlug: Diesen Glockenklang kannte er von seiner Kindheit an.



„Wo Licht brennt, da ist auch Schatten!“ Sagte er mit Ironie leise zu sich selbst. Er dachte über die Auseinandersetzung mit seiner Frau nach: Es ging eigentlich um nichts. Trotzdem: Streit mit ihr setzte ihm nach all den Jahren noch genauso zu wie ganz am Anfang ihrer Beziehung. Mit schleppendem Schritt ging er weiter.



Das Smartphone meldete sich mit einer SMS: „Komm nach Haus! Es tut mir leid! ILD“ Dazu ein paar Takte von dem Lied: „Who has seen the Wind?“ Alle Müdigkeit wich von ihm. Pfeifend und beschwingten Schrittes setzte er seinen Weg fort. Nach Haus. Zu seiner geliebten Gisela.



Ano Nymos, im Mai 2012
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Punktestand der Geschichte:   72
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Kommentare zur Story:

  Der zweite Teil ist noch besser als der erste. Lebensecht wie der erste, aber detailleverliebter. Feinfühlig und leichtfüßig geschrieben. Sehr gelungen.  
   Evi Apfel  -  28.05.12 15:58

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

  Ein Meisterwerk. Hat mich zutiefst berührt. Wirklich toll geschrieben. Aber ich finde nicht, dass das unter Erotisches stehen sollte. Für mich ist es mehr, es ist etwas Romantisches, nämlich eine Erzählung über eine große Liebe. Kein bisschen kitschig und hautnah.  
   Else08  -  27.05.12 15:41

   Zustimmungen: 0     Zustimmen

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