Falaysia - Fremde Welt - Band1: Allgrizia; Kapitel 7   129

Romane/Serien · Fantastisches

Von:    Ina Linger      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 4. Mai 2012
Bei Webstories eingestellt: 4. Mai 2012
Anzahl gesehen: 716
Seiten: 10

Diese Story ist Teil einer Reihe.

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Leidensgenossen







Es war wirklich bereits dunkel, als sie wieder aufbrachen. Jenna hatte sich einigermaßen erholt und fühlte sich nun auch psychisch eher dazu in der Lage, ihre momentane Situation – wenn auch widerwillig – zu akzeptieren und weitere schockierende Neuigkeiten zu verkraften. Sie hatte beschlossen, das alles als einen großen nicht enden wollenden Alptraum anzusehen und einfach mitzuspielen, so gut wie ihr das möglich war. Sie musste ihren Verstand langsam an die Tatsache heranführen, dass das alles vielleicht die Realität war, wenn sie keinen Nervenzusammenbruch erleiden wollte. Auf einen Traum, eine Art seltsames mystisches Spiel konnte sie sich einlassen. Sie musste nur die Regeln kennenlernen, anfangen sich zu orientieren und körperlich und geistig fit bleiben.



Gideon führte Jenna durch die engen Gassen, der immer noch sehr belebten Stadt. In die vielen Spelunken und Gasthäusern, die Jenna schon bei ihrer Ankunft bemerkt hatte, war jetzt erst Leben eingekehrt. Stimmengewirr, Lachen und Musik drang aus den geöffneten Fenstern, und Jenna hatte beinahe Lust sich ebenfalls ins Getümmel zu stürze und sich mit einem netten Gesöff wieder fröhlich zu stimmen. Doch ihre Probleme waren einfach zu groß, um eine so dämliche Idee in die Tat umzusetzen. Außerdem gab es da noch etwas anderes, was sie daran hinderte. Die Menschen, die sie im Laufe des Tages zu Gesicht bekommen hatte, hatten allesamt nicht gerade einen vertrauenerweckenden Eindruck auf sie gemacht. Sie war noch nie in ihrem Leben in einer Stadt gewesen, die so viele Verbrecher, Gauner und Wegelagerer beherbergte. Hier gab es wohl kaum etwas, das mit rechten Dingen zuging.



Und dann diese gefährlich wild aussehenden Krieger, die sich überall herumtrieben… Riesig und bis an die Zähne bewaffnet, wirkten auch sie nicht gerade besonders vertrauensvoll. Immer noch hatte Jenna die Gruppe von Kriegern vor Auge, die ihnen vor der Stadt begegnet war, hoch oben auf ihren temperamentvollen Pferden, ungepflegt, muskelbepackt, wild und gefährlich. Beeindruckend. Gefährlich, aber beeindruckend. Die Menschen dieser Stadt handelten nach ihren Trieben, und das machte sie zu wilden, unberechenbaren Wesen, allen voran diese Krieger. Andererseits machte gerade das sie auch wieder interessant.
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Jenna beschloss trotzdem oder gerade deswegen möglichst wenig Kontakte in dieser Stadt zu knüpfen und so schnell wie möglich aus diesem Alptraum zu verschwinden.

Gideon hatte Recht gehabt, was seine Behauptung betraf, dass es in der Nacht nicht viel gefährlicher sei durch die Straßen zu spazieren, als am Tage. Die Menschen nahmen jetzt noch weniger Notiz von ihnen als zuvor. Sie waren einfach zu sehr damit beschäftigt sich ordentlich zu amüsieren. Und so kamen Jenna und Gideon völlig ohne Zwischenfälle an einem alten, baufälligen Haus an, das wohl das Ziel ihres Marsches war. Einige der Fensterläden waren abgerissen oder hingen nur noch an einem Nagel, und die Holztür war schon so vermodert, dass es Jenna wunderte, dass sie nicht aus den Angeln brach, als Gideon anklopfte.

Es dauerte eine Weile, dann öffnete sich die Tür, und eine alte Frau spähte hinaus. Sie nickte Gideon zu, als sie ihn erkannte. Dann sah sie Jenna an.



„Que vas ana?“ fragte sie mit einer Stimme, die große Ähnlichkeit mit dem Knarren der Tür hatte.



„Eine Verirrte“, raunte Gideon ihr zu.



Die Augen der Frau weiteten sich. Dann machte sie einen Schritt zur Seite. „Kommt herein! Schnell!“



Sie nahm Jenna am Arm, als sie nicht schnell genug reagierte und zog sie an sich vorbei. Gideon folgte ihr.

Es war dunkel im Inneren des Hauses, doch Jennas Augen gewöhnten sich schnell an das gedämpfte Licht. Der Raum, in dem sie sich befanden, war ähnlich spärlich eingerichtet wie die Hütte Gideons und Talas. Es gab einen Tisch, einen Hocker, einen nicht mehr ganz intakten Schaukelstuhl und ein Regal an der Wand, auf dem etliche Utensilien standen. In einer Ecke lag, auf Stroh gebettet, ein alter Hund. Er besaß nur noch ein Auge, mit dem er die Fremden misstrauisch beobachtete, und sein Fell war verdreckt und struppig. Im Kamin hing ein Topf, in dem ein Süppchen vor sich hin kochte.



„Die Krieger Nadirs sind in der Stadt“, erklärte die Alte ihre Eile und verriegelte die Tür mit einem schweren Holzbalken. „Und die sind im Moment nicht besonders gut auf Fremde zu sprechen, jetzt wo die Renon wieder Ärger machen.“



Gideon schien von der Nachricht etwas überrascht zu sein.
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„Gibt es wieder Kämpfe? Ich dachte, das Heer König Renons sei bei der letzten Schlacht völlig zerschlagen worden.“



„Nicht völlig“, wandte die Alte ein, „und es geht das Gerücht um, dass Renon dabei ist wieder aufzurüsten und neue Männer für den Kampf gegen Nadir anheuert. Es soll einige Überfälle auf Lager der Bakitarer gegeben haben und diese scheinen jetzt auf einem blutigen Rachefeldzug zu sein. Sie suchen nach den letzten Renon und vor allen Dingen nach den Initiatoren dieser Überfälle. Sie scheinen auch hier jemanden zu suchen. Die ganze Stadt wimmelt nur so von Kriegern.“



„Ich weiß“, erwiderte Gideon. „Wir sind am Stadtrand einer Gruppe begegnet. Ist denn wirklich jemand der Renon in der Stadt?"



Die Alte nickte. „Die meisten sind allerdings schon geflohen, bis auf einen…“ Ein seltsames Lächeln erschien auf ihren spröden Lippen. „Er wird sich bestimmt freuen, dich nach so langer Zeit wiederzusehen.“



Gideon sah sie mit großen Augen an. „Er? Er ist hier? In diesem Haus?“



Die Alte nickte wieder, legte einen Finger an die Lippen und lief in die Ecke, in der der Hund lag. Das Tier stand sofort bereitwillig auf und verzog sich unter den Tisch.

Jenna beobachtete stirnrunzelnd, wie die Alte das Stroh zur Seite schob und die Klappe öffnete, die darunter zum Vorschein kam. Ihr gefiel es gar nicht, dass sie sich in demselben Haus befand, in dem sich auch ein Flüchtling versteckte. Das brachte sie und Gideon in große Gefahr. Doch Gideon schien eher erfreut als beängstigt und das beruhigte sie etwas. Der alte Mann hatte bisher immer die richtigen Entscheidungen getroffen, also würde er es gewiss auch jetzt tun. Anscheinend wog er sich hier in Sicherheit.



„Los“, flüsterte die Alte, „geht hinunter! Ich glaube, er kann euch besser weiterhelfen als ich!“



Gideon kam ihrer Aufforderung ohne zu zögern nach und schenkte ihr noch ein Lächeln, bevor er hinunterstieg. Jenna folgte ihm mit klopfendem Herzen. Irgendwie hatte sie kein so gutes Gefühl bei der Sache. Wenn die Person dort unten die einzige war, die ihr helfen konnte, dann befand sich Jenna in einer mehr als unglücklichen Lage.
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Sie war von einem Menschen abhängig, dessen Leben am seidenen Faden hing. Wenn er getötet wurde, war sie verloren. Wunderbare Aussichten!

Sie war positiv überrascht, als sie unten angekommen war. Sie befand sich nicht etwa in einem stickigen Keller, sondern in einem angenehm belüfteten Wohnraum, der durch ein paar Fackeln an den Wänden erhellt wurde. Auch hier gab es wieder einen Tisch, mehrere Stühle und sogar mit Stroh ausgefüllte Decken, die wohl als Matratzen dienten. Dieser Raum diente wohl des Öfteren als Zufluchtsort von Geächteten.

Jenna sah Gideon fragend an.



„Ich habe dir gesagt, dass ich jemanden kenne, der dir helfen kann“, erklärte er. „Nun, wie du siehst, bist du nicht die einzige, die Hilfe braucht.“



„Ja, das sehe ich“, gab Jenna zu und lächelte, während sie sich weiter im Raum umsah.



Irgendwo nahm sie eine Bewegung wahr. Sie erkannte, dass der Raum noch größer war, als sie angenommen hatte, und im hinteren dunkleren Teil saß jemand und sah misstrauisch zu ihnen hinüber. Schließlich stand er auf und ging auf sie zu. Er war groß und schlank, hatte dunkles, halblanges Haar und ausdrucksvolle Augen, die sie prüfend ansahen. Er trug im Gegensatz zu den meisten Leuten in Xadred recht gepflegte Kleider: Ein weißes Leinenhemd, eine braune Weste, weiche Wildlederhosen und eben solche Stiefel. Er war mit einem Schwert bewaffnet, das an seiner linken Seite hing, und aus einem Gürtel ragte der verzierte Griff eines Dolches.



Der Mann wandte sich ihrem Begleiter zu. „Gideon“, sagte er mit einem Nicken und lächelte.



„Leon“, gab der Ältere mit leuchtenden Augen zurück. Dann lösten sich die beiden Männer aus ihrer starren Haltung und fielen sich in die Arme.



Jenna wusste diese plötzliche Freude nicht richtig einzuordnen, bis ihr einfiel, dass sie den Namen dieses Mannes schon einmal vernommen hatte. Leon war der Junge, den Gideon damals im Wald gefunden hatte, genauso wie sie. Er war derjenige, der ebenfalls aus ihrer Welt stammen sollte. Eigentlich hätte sie sich jetzt ebenfalls freuen müssen, aber sie konnte es nicht. Dieser Mann stammte vielleicht aus ihrer Welt, aber für sie war er ein Fremder wie jeder andere Mensch in Falaysia auch.
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Leon sah nun zu ihr hinüber, mit einem Blick, der deutlich zeigte, dass er sie als Störenfried empfand.



„Ched ido ga?“ fragte er Gideon mit einem Kopfnicken in ihre Richtung.



Gideons glücklicher Gesichtsausdruck verschwand, so als hätte man ihn an eine unangenehme Sache erinnert, und Jenna war darüber ein klein wenig verärgert.



„Das ist Jenna“, erklärte Gideon auf Englisch.



Der junge Mann runzelte die Stirn.



„Eine Frau?“ fragte er nun ebenfalls erstaunt in der ihr vertrauten Sprache zurück, während er sie kurz musterte.



Jenna nickte. Sie hatte keine Lust mehr, es sich gefallen zu lassen, dass man von ihr nur in der dritten Person sprach.



„Gideon war der Meinung, dass es sicherer für mich wäre, wenn man in dieser Stadt nicht gleich erkennt, dass ich eine Frau bin“, antwortete sie, bevor es Gideon tun konnte. „Und es hat bisher ganz gut funktioniert.“



Leon dachte gar nicht daran auf sie einzugehen. Stattdessen wandte er sich wieder an seinen Freund.

„Wieso hast du sie hierher gebracht?“



Der Alte seufzte schwer. „Sie hat dasselbe Problem wie du.“



Leon runzelte die Stirn. „Wieso sollten Nadirs Krieger sie suchen?“



„Das meine ich nicht“, sagte Gideon. „Ich denke dabei an dein anderes Problem.“



Nun schien der junge Mann vollends verwirrt und machte dabei ein so dummes Gesicht, dass Jenna nur mit Mühe ein Lachen unterdrücken konnte.



„Sie ist eine Verirrte, wie du“, half Gideon ihm lächelnd.



Leon sah erst ihn und dann Jenna ungläubig an und sie meinte ihn sogar etwas erblassen zu sehen. „ Nein!“ stieß er entsetzt aus. „Das kann nicht sein! Diese… diese Sache… das ist doch vorbei!“

Er stolperte in einer Art panischem Anfall ein paar Schritte zurück und zog dann sein Schwert. Jenna stockte der Atmen, denn ein fast irres Lächeln erschien auf seinem ebenmäßigen Gesicht.



„Das… das ist ein Trick“, sagte er gefährlich leise.
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„Sie ist eine Spionin Nadirs!“ Er ging mit erhobenem Schwert auf sie zu, und Jenna wich entsetzt zurück. Der Mann machte ihr Angst. Das war ja ein Wahnsinniger! Wo war sie da bloß wieder rein geraten?!

Sie stolperte und prallte mit dem Rücken gegen die Wand. Gideon reagierte schnell genug, um noch Leons Arm zu packen, was zur Folge hatte, dass dieser ihn in seiner Wut mit sich zog.



„Sie ist keine Verräterin“, versuchte der Alte ihn zu beruhigen. „Glaube mir! Wir haben sie im Wald gefunden, wie dich auch! Sie hat uns für verrückt gehalten, als wir ihr erzählt haben, wo sie sich befindet! Sie hat uns erst geglaubt, als sie die Stadt gesehen hat! Sie ist wie du! Wie du!“



Diese Worte zeigten Wirkung. Leon blieb stehen und senkte das Schwert. In seinen Blick standen jedoch immer noch große Zweifel geschrieben. Er zog die Brauen zusammen, musterte sie ein weiteres Mal mehr als kritisch.



„Woher kommst du? Welche Stadt?“ fragte er Jenna barsch.



Sie schluckte den dicken Kloß in ihrem Hals hinunter.

„Salisbury in England“, brachte sie mit einem unangenehmen Quietschen hervor.



Im Gegensatz zu Gideon schien Leon dieser Name etwas zu sagen, denn sie meinte so etwas wie Erkenntnis aus seinem bohrenden Blick lesen zu können.



„Welche große Stadt liegt in der Nähe?“ fragte er dennoch unvermindert scharf.



„Southampton“, antwortete Jenna und war froh, dass sie ihre Stimme wiedergefunden hatte.



„Wie bist du hierhergekommen?“



Sie kam sich langsam wie in einem Verhör vor, wagte es aber nicht sich zu beschweren. Dieses Schwert sah einfach zu bedrohlich aus.

„Ich... ich kann mich nicht mehr daran erinnern“, gestand sie. „Ich weiß nur, dass da dieser Mann war.“



„Ein Mann?“ Diese Feststellung schien ihn zu irritieren.



„Ja, er gab sich als ein Freund meiner Tante aus“, erklärte sie. „Aber er kam mir gleich so merkwürdig vor. Wenn ich mich recht erinnere war sein Name Demeon.“



Leon zuckte kaum sichtbar zusammen und sein Schwert hob sich wieder ein Stück.
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„Dann hat er dich also geschickt!“



„Geschickt? Nein.“ Nun war es an Jenna ihn irritiert anzusehen. „Ich vermute, dass ich es ihm zu verdanken habe, dass ich hier bin, aber ich hab’ das bestimmt nicht gewollt. Ich weiß auch nicht, wie er das gemacht hat, höchstens warum.“



„Ach, und das wäre?“



„Ich glaube, er will meine Tante damit quälen.“



Leon zog seine Augenbrauen nachdenklich zusammen. „Deine Tante... wie heißt die?“



Jenna wunderte sich über diese Frage, aber warum sollte sie sie nicht beantworten?

„Melina“, antwortete sie gelassen.



Leon stieß ein aufgebrachtes Keuchen aus. „Melina ist deine Tante?! Du bist mit dieser Hexe verwandt?!“



Jenna sah ihn entgeistert an. Woher kannte dieser ungehobelte Kerl ihre Tante? Und wieso nannte er sie Hexe? Was hatte das alles zu bedeuten?

„Hexe?“ wiederholte sie dümmlich.



Der junge Mann sah sie mit einem bitteren Gesichtsausdruck an, aber wenigstens steckte er sein Schwert weg.

„Deine liebe Tante ist daran schuld, dass ich hier sitze und um mein Leben fürchten muss. Sie hat mir diesen ganzen Mist eingebrockt!“



Jenna konnte nicht glauben, was er da sagte. Das passte einfach nicht zu Melina. Nicht zu der Melina, die sie kannte.

„Meine Tante?“ wiederholte sie deswegen ungläubig.



Er nickte, und dann machte sich ein gemeines Grinsen auf seinem Gesicht breit. „Tja, und nun ist ihre eigene Nichte dran“, trällerte er allerliebst. „So kommt es im Leben. Die gerechte Strafe folgt auf dem Fuße.“



Jenna starrte ihn für einen Augenblick nur mit offenem Mund an, konnte nicht glauben, was sie da gerade eben gehört hatte. Sie hatte so gehofft hier Hilfe zu finden, Antworten auf ihre drängendsten Fragen und nun… nun musste sie sich das anhören!



„Was… was heißt denn hier gerecht?!“ entfuhr es ihr schließlich doch noch wütend. „Was hab’ ich denn mit der ganzen Sache zu tun?! Ich bin doch nicht schuld an dem, was meine Tante angeblich verbrochen hat! Ich habe noch nicht einmal die geringste Ahnung, in was ich hier reingeraten bin!“



Leon wollte ihr gerade antworten, als Gideon ihn mit einem Wink daran hinderte.
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Der Alte wies mit dem Finger nach oben, und da hörten sie es auch: Ein lautes Klopfen an der Tür über ihnen. Dann rumpelte und polterte es bedrohlich, so als würden mehrere Personen, die Stube der alten Frau stürmen. Gedämpfte Stimmen, drohende, tiefe Stimmen und dazwischen das leise Jammern der alten Frau.

Jennas Magen verdrehte sich und ihr Herz stolperte, pochte schon im nächsten Augenblick hart in ihrer Brust. Niemand brauchte ihr zu erklären, was gerade da oben geschah.



„Gibt es hier noch einen zweiten Ausgang?“ fragte Gideon seinen Freund leise, während Jenna sich schon panisch umsah. Sie sah wie Leon nickte.



„Dann sollten hier möglichst schnell verschwinden“, meinte Gideon.



„Ganz deiner Meinung“, stimmte Leon ihm zu und eilte ihnen voraus auf die dunkle Ecke zu, in der er zuvor gesessen hatte. „Nadirs Krieger sind im Suchen sehr gründlich geworden, seit Marek sich ihrer angenommen hat. Aber was ist mit Kalia?“



Gideon sah sehr bekümmert aus. „Ich weiß nicht, was sie mit ihr machen werden, wenn sie den Geheimraum entdecken, aber wir können ihr nicht helfen. Wir können keine ganze Gruppe von schwer bewaffneten Kriegern besiegen und ich glaube, dass es auch besser für sie ist, wenn wir nicht mehr hier sind, wenn sie hinuntersteigen.“



Leon nickte wieder. Sein Blick war traurig, aber er riss sich zusammen und begann schließlich ein paar Holzlatten, in einer der Wände zu lösen. Jenna wurde gleich viel leichter ums Herz als sie erkannte, dass sich dahinter tatsächlich ein Tunnel befand. Sie hasste zwar enge Tunnel, aber es war momentan der einzige Weg in die Freiheit, weg von der Gefahr, die ihnen im Nacken saß. Wenn ihre Verfolger allerdings den Raum entdeckten, würden sie auch nicht lange brauchen, um den Gang zu finden. Also verloren sie keine Zeit damit den Ausgang wieder abzudecken und eilten stattdessen im Eilschritt durch den engen, feuchten und viel zu dunklen Tunnel – mehr blind als sehend.

Jenna vergaß in ihrer Eile und Furcht vor ihren Verfolgern sogar ihre Platzangst und dachte noch nicht einmal daran, dass dieser Tunnel eigentlich die ideale Behausung für Tausende von Spinnen sein musste.
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Sie wollte nur so schnell wie möglich wieder ins Freie und dann raus aus dieser Stadt. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis sie das Ende des Ganges erreicht hatten. Gedämpftes Licht schien durch den schmalen, teilweise mit Unkraut zugewachsenen Ausgang. Ein dumpfes Rauschen war von irgendwoher zu vernehmen. Jenna schloss daraus, dass sie sich in der Nähe des Flusses befinden mussten.



Leon blieb stehen und wandte sich seinen beiden Begleitern zu.

„Ich sehe nach, ob die Luft rein ist“, sagte er leise. „Wenn ich euch zuwinke, kommt ihr nach.“



Die beiden nickten nur. Leon schlich sich leise nach vorne und verschwand dann durch das Gestrüpp. Jenna hörte das Klopfen ihres eigenen Herzens unnatürlich laut in ihrem Kopf. Sie sah unsicher in das hinter ihr liegende Dunkel des Tunnels, lauschte angespannt. Wenn die Krieger den Tunnel entdeckt hatten, konnte man sie bestimmt hören, und dann würde sie keine Sekunde mehr warten. Sie spürte, dass Gideon sie ansah und drehte sich zu ihm um. Er lächelte sie ermutigend an.



„Es wird schon alles gut gehen“, sagte er leise. „Leon ist ein kluger Junge und ein guter Schwertkämpfer. Das schaffen wir schon.“



Jenna erwiderte sein Lächeln, obwohl sie nicht imstande war ihm zu glauben. Das alles war für sie ziemlich schwer zu verkraften, und sie hatte schon seit einiger Zeit das Gefühl, dass sie vom Pech verfolgt wurde. Wieso sollte sich das plötzlich ändern? Sie beneidete Gideon um seine Zuversicht.

Endlich erschien Leon wieder am Ausgang und gab ihnen das verabredete Zeichen. Jenna war erleichtert, nicht sehr, aber wenigstens etwas. Da Leon zurückgekehrt war, konnte sie wohl davon ausgehen, dass wenigsten dort draußen niemand auf sie lauerte. Wenn sie sich jetzt bemühten, die Stadt auf dem schnellsten Wege zu verlassen, waren sie vielleicht gerettet.



Leon schien der gleiche Gedanken zu bewegen. Als sie ihn eingeholt hatten, hetzte er sie auch schon weiter. Sie waren tatsächlich in der Nähe des Flusses herausgekommen, genau genommen, in einem trocken gelegten Nebenarm am Rande der Stadt, noch innerhalb der hohen Stadtmauern. Umso anstrengender war ihr Fluchtweg.
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Der führte nämlich aus dem steilen Flussbett hinaus, in den Schatten eines großen Hauses.

Jenna fügte sich wortlos ihrem Schicksal. Wahrscheinlich war sie seit der heutigen Nacht dazu verdammt, einen Marathonlauf nach dem anderen zu absolvieren, denn sie hatte – trotz ihres eigenen inneren Widerwillens – beschlossen, Leon nicht mehr von der Seite zu weichen. Er war zwar ein unhöflicher, unverschämter Kerl, doch er stammte aus ihrer Welt und besaß eine Menge Erfahrungen, was das Leben in Falaysia betraf. Er hatte, nach Gideons Angaben, versucht aus dieser Welt zu fliehen, kannte also den Weg, den sie gehen musste, um nach Hause zu kommen. Auch wenn es ihm nicht gelungen war, gab es wohl in ganz Falaysia keine bessere Hilfe als ihn, denn er wusste Bescheid, warum sie beide hier waren – musste es einfach wissen! Er war die vorläufige Lösung ihrer Probleme. Ihr Beschluss stand fest. Sie würde Leon begleiten, wohin er auch ging. Und es war auch egal, dass er von diesen Kriegern verfolgt wurde. So leicht ließ sie sich ihre einzige Hoffnung nicht nehmen.



An einer Ecke des Hauses hielten sie schließlich keuchend inne.

„Ich… ich werde uns ein paar Pferde besorgen“, brachte Leon etwas außer Atem hervor. Anscheinend war Jenna nicht die einzige, die dieser kleine Spurt angestrengt hatte.



„Ihr solltet besser hier warten. Ein Mann allein ist nicht so auffällig“, erklärte er. „Sollte hier eine Patrouille auftauchen, versteckt euch einfach im Haus. Das steht seit geraumer Zeit leer.“



Gideon nickte, während Jenna sich fragte, woher ihr er das wohl wusste. Mit leichtem Unbehagen sah sie ihn in der Dunkelheit verschwinden.



„Und was ist, wenn er nicht wiederkommt?“ wandte sie sich an Gideon.



„Er wird wiederkommen“, sagte Gideon fest. „Ich kenne ihn. Er lässt niemanden im Stich.“



„Und wenn… wenn sie ihn erwischen?“



Gideon schüttelte den Kopf. „Das werden sie nicht. Er ist ihnen bisher immer entkommen. Wie er das macht, weiß ich nicht, aber es ist so.“



Jenna wollte fragen, warum diese Männer ihn überhaupt verfolgten, doch sie wagte es nicht. Jetzt war nicht der richtige Augenblick dafür.
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Sie waren beide zu erschöpft und aufgewühlt. Sie würde es schon später noch herausfinden, wenn sie sich diesen Leon zur Brust nahm. Wenn es noch ein Später gab…
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Kommentare zur Story:

  Mich würde es trösten, jemanden zu finden der aus "meiner Welt" stammt. Und ähnlich scheint es Jenna zu ergehen. Obwohl Leon ihr eigentlich völlig fremd ist und noch dazu ein Krieger, der zudem nicht gerade die beste Meinung über ihre Verwandtschaft hat, fasst sie zu ihm vertrauen. Weil sie vielleicht hofft durch ihn eines Tages aus Falaysia irgendwie wieder hinauszukommen- falls er überlebt. Aus diesem Grunde dürfte es ihr recht wichtig erscheinen, dass Leon nichts geschieht. Spannend und flüssig geschrieben. Toll die Beschreibungen der finsteren Stadt.  
   doska  -  07.05.12 17:13

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  Gleich der erste Halbsatz hat mich etwas verwirrt. "Es war wirklich bereits dunkel,..."
Wirklich?
Das klingt so wie jemand, der schon einige Male beim Lügen erwischt wurde und jetzt schwört das es "wirklich" dunkel und nicht nur halbdunkel war.
Möglich wäre das Füllwort hinter das "bereits" zu packen um aus "dunkel" ein "wirklich dunkel" zu machen, aber das ist auch nicht so sinnvoll, also am besten ganz weg mit dem Wort. Ebenso im 2. Satz das "eher", da ein Bezugspunkt für das Wort fehlt.

Auch würde hier und da ein Synonym für "Krieger" den Text etwas auflockern.

Aber zurück zur Geschichte.
Gideon und Leon kennen sich bereits, da scheinbar alle Verirrten vor seiner Türschwelle landen, doch bislang ist das keine sonderlich gute Wendung für Jenna, da Leon sie entweder für einen Spionin oder die Nichte der verhassten Hexe hält.
Abseits der Schrecken, die sie durchlebt, und der Tatsache, dass Leon ein kampferprobter Kerl ist, der hier schon etliche Jahre entgegen aller Wahrscheinlichkeit überlebt hat, ist sie wenig eingeschüchtert von ihm und will ihn sich also demnächst "zur Brust nehmen" - na das kann ja was werden.  
   Jingizu  -  05.05.12 17:15

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