Romane/Serien · Fantastisches

Von:    Tis-Anariel      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 28. Februar 2012
Bei Webstories eingestellt: 28. Februar 2012
Anzahl gesehen: 1366
Seiten: 9

Diese Story ist Teil einer Reihe.

Verfügbarkeit:    Die Einzelteile der Reihe werden nach und nach bei Webstories veröffentlicht.

   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


Als die Nacht sich über Kliffstein legte erreichte auch der Schneesturm die Stadt. Eisigkalter Wind fegte durch die Gassen und trieb jeden hinein ins Warme. Bald gesellte sich heftiger Schneefall zu dem Wind. Alaniah, die nun auf einem der Wachtürme der Burg stand, kniff die Augen zusammen und wickelte sich in ihren dicken Umhang. Der Wind war so kalt, so dass sich ihr Gesicht binnen kürzester Zeit gefühllos und steif anfühlte. Ihr scharfer Blick schweifte dennoch über die Stadt, deren Straßen mittlerweile wie ausgestorben waren. Alle Flüchtlinge, die es in die Stadt geschafft hatten, waren irgendwo sicher untergebracht. Jedoch war der Albaelih klar, dass es eben nicht alle Flüchtlinge bis in die Stadt geschafften hatten. Viele dieser fliehenden Menschen waren noch immer dort draußen auf der Straße nach Kliffstein und mussten sich nun mit diesem Sturm auseinandersetzen. Viele würden ihn wohl nicht überleben. Seufzend zog sie ihren Umhang noch enger um sich.

Das Geräusch, als sich die schwere Eisenbeschlagene Holztür hinter ihr öffnete, veranlasste die Frau dazu sich umzudrehen. Sie lächelte als sie Graf Gunther erkannte. Auf seine menschliche Art sah der Graf gut aus. Groß und durchtrainiert, mit kantigen Gesichtzügen und kurzen dunkelbraunen Haaren, sowie warmen, haselnussbraunen Augen. Im Gegensatz zu manch Adeligem achtete Gunther sehr auf seinen Körper und hielt sich fit. Tatsächlich trainierte er sogar regelmäßig mit seinen Soldaten und zudem mit Alaniah, von daher war er auch ein recht guter Kämpfer.

Die Frau grüßte den Mann mit einem knappen Nicken, dann wandte sie sich wieder ab und lies erneut den Blick über Stadt und Straße schweifen. Kleine Lichtpunkt offenbarten, wo einige der Flüchtlinge Feuer entzündet hatte und versuchten dem Schneesturm zu trotzen. Alaniah seufzte leise, wenigstens konnten die Dschan bei so einem Wetter nicht fliegen, das wusste sie. Das war aber auch das einzige Erfreuliche an der Situation. Ihr war klar, dass wenn sich die Dschan so verhielten, wie in den alten Geschichten und Überlieferungen beschrieben, die Mensche auch in Kliffstein nicht lange sicher sein würden. Sie fragte sich gerade, wie sie das Gunther erklären sollte, da trat der Graf neben sie und erhob die Stimme.

“Da draußen sind immer noch Menschen,” stellte er leise fest, “ich befürchte viele davon werden heute Nacht den Tod finden.
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” Der Mann seufzte traurig. “Ich habe Reiter mit Botschaften nach Hochstein und Rotkliff geschickt, in denen ich mitteile, was hier gerade geschieht und um Hilfe bitte. Ich hoffe, das Gräfin Rosamunde von Rotkliff uns vielleicht einige ihrer Söldner schickt. Sie hat eine beachtliche Truppe von Albaelih in ihren Reihen.”

Alaniah nickte zustimmend. Hochstein und Rotkliff waren die beiden anderen großen Städte am kleinen Kliff. Rotkliff war sogar noch etwas größer als Kliffstein und verfügte über ein beachtliches Söldnerheer. Zudem unterhielt die Gräfin eigenen Söldnertruppen, von denen die meisten aus Alaniahs Volk stammten. Den Anführer der Truppe kannte sie sogar sehr gut.

“Ja, du hast Recht Gunther,” stimmte Alaniah dem Mann zu, “Albaelihkrieger wären wirklich gut. Edendar Ranadian ist in Rotkliff, er führt dort die Söldner an. Zumindest tat er das, als ich ihn das letzte mal gesehen habe.” Sie schenkte dem Grafen ein schräges Lächeln und fuhr dann fort. “ Ich kenne ihn recht gut. Er ist ein ausgezeichneter Bogenschütze und Stratege. Wenn ihn Gräfin Rosamunde lässt, dann wird er bestimmt kommen um zu helfen.” Sie drehte sich von der Stadt fort und bedachte nun Gunther mit einem scharfen Blick. “Was hast du vor?”

Der Graf lächelte. Wie gut ihn doch diese Frau kannte.

“Nun,” antwortete er ,” sobald dieser Sturm einigermaßen nachlässt will ich Reiter losschicken, die nach den Menschen dort auf dieser Straße sehen sollen. Zumindest Decken und Hoffnung können sie verteilen. Außerdem will ich wissen wie die Lage weiter im Bergland aussieht und wie viele Flüchtlinge noch kommen werden. Wenn denn noch welche kommen werden.”

Alaniah nickte nachdenklich.

“Dann wirst du wirklich Albaelihkrieger brauchen.”

Der trockene Kommentar der Kriegerin entlockte dem Grafen ein Lächeln.





Als Karm erneut erwachte, sagte ihm seine innere Uhr, dass die Sonne bereits aufgegangen war. Sein scharfes Gehör vermittelte ihm jedoch, dass draußen noch immer Sturm herrschte. Der Wandelwolf blickte sich aufmerksam um, dann schälte er sich behutsam aus dem Deckennest, in dem Annabella, Schnurr und er die Nacht verbracht hatten und erkannte, das es auch in diesem Keller kühl geworden war.
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Vorsichtig erweckte er die verblassende Glut ihres Feuerchens wieder zum Leben und fütterte die Flammen mit etwas Holz. Noch während er damit beschäftigt war, erwachte auch das Mädchen. Verschlafen regte sich das Kind, dann setzte es sich erschrocken auf.

“Karm!?”

Der Wandelwolf blickte besorgt auf, hörte er doch die Panik, die im Tonfall der Kleinen mitschwang.

“Ich bin hier, Annabella.” Seine Antwort klang ruhiger, als er sich fühlte.

Das Kind starrte ihn aus großen, erschrockenen Augen an. Dann schniefte sie plötzlich.

“Ich hab was ganz schlimmes geträumt,” jammerte Annabella, “da hat jemand meine Familie in ein dunkles Loch gesperrt und dir hat er ganz furchtbar wehgetan. Du hast vor Schmerz geschrien.” Sie schniefte erneut. “Schnurr hat sich nicht mehr gerührt und irgendwo haben Wölfe ganz traurig geheult. Ich glaube sie haben geweint.”

Erneut schniefte das Mädchen. Ihre Unterlippe zitterte und bebte, gerade so als würde sie gleich anfangen loszuweinen. Karm wandte dem Feuer ganz den Rücken zu, überwand die kurze Entfernung zu Annabella und schloss das Kind tröstend in die Arme. Das war das gute an dieser zweibeinigen Erscheinung, dachte der Wolf als das Kind zu weinen anfing. Man hatte nicht nur die nützlichen Hände, sondern man konnte auch jemanden in den Arm nehmen und so trösten.

“Ist doch gut,” murmelte er leise, “alles ist gut, Annabella. Es war ein Traum, ein bestimmt schlimmer, aber eben doch nur ein Traum.” Unbeholfen streichelte er dem Mädchen über den Rücken. “Schnurr geht es gut, mit ebenso und da draußen heulen keine Wölfe, sondern nur der Sturmwind.”

Er blickte hilfesuchend zu Schnurr, die nun auch wach war und die beiden mit großen Augen anblinzelte. Als ihr Karms Blick bewusst wurde, erhob sich die Katze prompt und schmiegte sich beruhigend schnurrend an Annabella. Nur langsam beruhigte sich das Kind wieder, aber schließlich kuschelte es sich wieder in das Deckennest. Schnurr schmiegte sich sogleich in ihren Schoß und automatisch begann Annabella die schnurrende Katze zu streicheln.

Ihr Schnurren hatte nun eine ganz bestimmte Tonlage und eine sanft auf- und abschwingende Melodie angenommen.
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Kein Mensch konnte diese wirklich bewusst wahrnehmen, jedoch wirkte sie sehr beruhigend und besänftigend. Karm hingegen hörte die feinen Modulationen im Schnurren der Katze sehr wohl und schenkte dem Tier ein kleines dankbares Lächeln.

Dann erst wandte er sich um und kümmerte sich erneut um das Feuer, bis das dieses fröhlich vor sich hinflackerte und die Kälte ein wenig vertrieb. Danach kuschelte er sich zu Annabella und Schnurr in das Deckennest und legte sanft einen Arm um das Kind, das sich sofort an ihn schmiegte. So verweilten die drei Freunde noch eine ganze Zeit lang, dann brach Schnurr das Schweigen.

“Da oben herrscht immer noch Sturm, ich kann ihn hören.”

Karm nickte nur ernst.

“Ich möchte wetten,” meinte er schließlich ernst, “dass wir so gut wie eingeschneit sind. Ich sehe dann nach, wie hoch der Schnee liegt, aber ich glaube, dass wir sobald hier nicht wegkommen. Zumindest nicht zu Fuß.”



Nur eine Stunde später setzte der Wolf seine Worte in die Tat um und stieg die Treppe hinauf um nach draußen zu sehen. Mittlerweile hatten die Leuchtsteine viel ihrer Leuchtkraft eingebüsst und glommen nur noch schwach vor sich hin. Die schwierigen Lichtverhältnisse störten Karm allerdings herzlich wenig, schließlich waren seine Sinne auch in der zweibeinigen Gestalt sehr viel schärfer, als das bei einem gewöhnlichen Menschen der Fall war. Tatsächlich waren seine Sinne sogar noch schärfer als die der Albaelih.

Er streckte die Hand aus, betätigte den Innenriegel und öffnete vorsichtig die Tür. Schon einen Augenblick später war er ehrlich froh, dass sich die Tür nach innen öffnete, denn er stand vor einer hüfthohen Mauer aus Schnee. Verblüfft blinzelt Karm. Er hatte viel Schnee erwartet, aber nicht ganz so viel. Zudem tobte der Sturm kaum vermindert weiter und erzeugte ein dichtes, herumwirbelndes Schneetreiben.

“Oh je,” meinte er leise, “das wird ein echtes Problem.”

Er schloss die Tür wieder und kehrte zu Annabella und Schnurr zurück.

Wie sollten sie bei so viel Schnee nur hier wegkommen und weg mussten sie, denn sobald der Sturm nachließ würden die Dschan wieder durch die Nacht fliegen.
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Aber bei dieser Schneehöhe hätte es Karm selbst in seiner Wolfsgestalt schwer. Besorgt betrachtete er seine beiden Begleiterinnen, die ihn erwartungsvoll anblickten. Karm schüttelte bedauernd den Kopf.

“Wir sitzen fest,” stellte er resigniert fest, “der Schnee liegt schon Hüfthoch und es schneit noch immer heftig. Selbst in meiner Wolfsgestalt bekäme ich Schwierigkeiten.” Er seufzte schwer.

Schnurr sackte in sich zusammen, doch Annabella schien nicht sonderlich erschrocken, oder gar überrascht zu sein. Karm legte den Kopf schräg und musterte das Kind aufmerksam und neugierig, bis ihm das Mädchen ein kurzes Lächeln schenkte.

“Es ist zwar früh für so einen Sturm,” meinte sie nun , “aber solche Schneemengen sind bei so einem Sturm ganz normal.” Sie deutete ein Achselzucken an. “Ich möchte wetten, dass in der Herberge oder der Mühle Schneeschuhe zu finden sind.”

“Und wie willst du da hinkommen, Annabella.”

Karm hob fragend die Augenbrauen.

“Naja durch den unterirdischen Gang natürlich.”

Sie blickte auf und staunte ein wenig über den seltsamen Gesichtsausdruck des Wandelwolfes, der sie verblüfft und zu gleich fragend anblinzelte. Wusste er etwa nicht, das Außenkeller auf dem Land meist durch einen unterirdischen Gang mit einem oder zwei Hauptgebäuden verbunden waren?

“Oh Karm,” meinte sie erschrocken, “bitte entschuldige, ich dachte, du weist das. Also hier im Gebiet zwischen dem kleinen Kliff und dem Heralgebirge sind Außenkeller, wie dieser hier, meist durch einen unterirdischen Gang mit einem, oder mehreren Hauptgebäuden verbunden. Weil es hier im Winter soviel Schnee hat, verstehst du. So kann man sie auch bei hohem Schnee erreichen. Zumindest auf dem Land macht man das so, in den kleinen Gehöften und Dörfern, in der Stadt geht das nicht.”

Der Wolf nickte langsam und bedächtig, Für ihn klang dass durchaus sinnvoll.

“Nun,” mischte sich Schnurr ein, “dann sollten wir wohl so langsam mal die Tür zu diesem Gang suchen und zwar bald, bevor die Leuchtsteine ganz aufhören zu glimmen und wir im Dunkeln sitzen. Nicht dass dies mir oder Karm viel ausmachen würde, aber Dir, Annabella wird es bestimmt behindern.”

Das Mädchen musste über den entschlossenen Tonfall der Katze lächeln.
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Nur wenig später entdeckten sie den Zugang, der sich hinter der Treppe befand. Zum Glück war auch diese nicht verschlossen und ließ sich ohne Probleme öffnen. Neugierig schlüpfte Schnurr in den Gang dahinter. Karm wollte ihr noch sagen, das sie vorsichtig sein solle, wurde dann aber von den Leuchtsteinen an der Decke abgelenkt, denn diese begannen nun wieder heller zu leuchten. Irritiert blinzelte er zur Kellerdecke hinauf und runzelte verwirrt die Stirn..

“Irgendwann,” murmelte er, “wirst du mir erklären müssen, wie diese Dinger funktionieren, Annabella.”

Das Kind das in den dunklen Gang hineingespäht hatte, blickte auf.

“Eigentlich,” meinte sie ,”ist das recht einfach.”

Sie musterte Karm kurz, dann zeigte sie zum oberen Rand, der Türe, die sie gerade geöffnet hatten.

“Schau, da am Eck, da ist ein Metallstift und wenn die Tür so offensteht, dann stößt er an eine kleine Metallplatte. Von dieser gehen Drähte zu jedem Leuchtstein und verbinden ihn so, mit den Energiekristallen draußen. Du hast doch die Säulen draußen gesehen?”

Karm nickte.

“Siehst du,” fuhr das Kind fort, “ in denen sind die Energiekristalle eingelassen. Diese nehmen Sonnenlicht auf und speichern es als Energie. Wie viel genau ein solcher Kristall an Energie speichern kann hängt davon ab, wie groß und wie rein er ist. Ein kleiner sehr reiner kann so viel speichern wie ein großer Unreiner. Verstehst du?”

Wieder nickte Karm nur.

“Wenn man,” fuhr das Mädchen fort, “bei der oberen Tür den Innenriegel betätigt, dann verbindet der Metallstift des Riegels die Leuchtsteine auch mit den Kristallen. Der Außenriegel hingegen tut das nicht. Wenn man also die Tür von außen zumacht bleiben die Leuchtsteine dunkel, wenn man sie von innen schließt, dann fangen sie an zu leuchten.“ Sie blinzelte zur Decke hinauf und sah sich dann suchend um.

“Es müsste hier irgendwo einen Hebel geben, mit dem man die Leuchtsteine auch so von den Kristallen trennen kann. Denn wie es aussieht verbindet diese Tür hier die Leuchtsteine mit anderen Kristallen.”

Karm nickte. Das alles klang logisch und er begriff auch worauf das Mädchen hinauswollte.
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“Du willst den Kristallen die Chance geben sich wieder aufzuladen und sie darum von den Leuchtsteinen trennen.”

Annabella nickte. Karm lächelte dem Kind zu und half ihr nach diesem Hebel zu suchen. Nur wenige Minuten darauf entdeckten sie selbigen unten neben der Treppe und klappten ihn nach oben. Karm erkannte, dass eine schmale Metallplatte am unteren Rand des Hebels befestigt war. War er nach unten geklappt verschwand diese Platte in der Wand. Als der Wolf in den Schlitz linste entdeckte er auch darin Metall und begriff, dass es wohl genauso funktionierte wie die Konstruktion an den Türen.

Schnurr hingegen nahm indessen den Gang unter die Lupe.

Er erstreckte sich zu beiden Seiten fast gerade dahin. Als sie ihm in die eine Richtung folgte fand sie bald zwei weitere Türen, die wohl zu den anderen Kellern führten und gelangte dann schließlich an eine Treppe. Interessiert legte die Katze den Kopf schräg, wandte sich dann ab und folgte dem Gang in die andere Richtung, wo sich ihr am Ende das selbe Bild bot. Schließlich kehrte sie zu der offenen Tür zurück. Ihre kleine Schnauze kräuselte sich amüsiert, als sie den fragenden blick von Karm wahrnahm.

“Also offenbar,” meinte die Katze, “führt dieser Gang in zwei Gebäude.”

Annabella nickte leicht. Sie hatte sich das schon gedacht.

“Bestimmt in die Mühle,” vermutete sie, “und in die Herberge. Zumindest wäre das logisch.”

“Nun,” mischte sich nun auch Karm ein, “wir finden es nur auf eine Weise heraus.”

Und genau das taten die drei dann auch.



Etwas später starrte Karm finster aus einem der Fenster der Mühle. Der Sturm dachte gar nicht daran nachzulassen, sondern er schien sogar nochmals stärker zu werden. Und er brachte noch mehr Schnee mit sich. Annabellas Vermutung hatte sich als richtig erwiesen, denn der unterirdische Gang verband wirklich die Herberge mit der Mühle. Das Kind und die Katze durchstöberten gerade die Vorratsräume in der Mühle. Karm machte sich Sorgen. Sie mussten hier schnellstmöglich weg und soweit wie möglich von den Dschan fortkommen. Im Moment hielt der Sturm sie davon ab zu fliegen, aber sobald der Sturm nachließ wären sie wieder in der Luft.
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Der Wandelwolf seufzte leise. Schnurr, Annabella und er konnten hier nicht mehr viel länger verweilen, höchstens noch eine Nacht. Aber eigentlich wäre es besser, wenn sie irgendwie den Sturm ausnutzen. Zu Fuß aber kamen sie hier nicht wirklich weit, nicht bei dieser Masse an Schnee, den der Sturm hier abgeladen hatte und noch immer brachte. Aber womöglich konnten sie das Boot nutzen. Es lag noch immer an der Anlegestelle und war von der Mühle aus auf jeden Fall zu erreichen, trotz Schnee. Er fuhr sich mit der hand durch das noch immer für ihn fremde Gesicht und seufzte noch einmal. Karm hatte so gehofft diese Gestalt nicht länger als eine Tag zu ertragen zu müssen, aber um das Boot zu steuern brauchte er Hände.

Der Wandler wandte sich von dem Fenster ab und machte sich auf die Suche nach der Katze und dem Kind. Er musste erst einmal mit den beiden sprechen, vor allem mit Annabella. Das Mädchen kannte sich hier noch am besten aus und womöglich war der Fluss ja weiter unten gar nicht mehr zu befahren. Ja und wenn das mit dem Boot klappte, dann musste er sich unbedingt irgendwie etwas wärmere Kleidung besorgen und vor allem brauchte er dann auch Schuhe.

Ein weiteres Seufzen fand den Weg über seine Lippen.



Weit entfernt hoch im Norden, dort wo der Wind so kalt wehte, dass sich selbst der Atem noch in der Luft zu Eis verwandelte und seltsame Lichter über den dunklen Himmel tanzten, wogten Schatten um ein bizarres Schloss aus Eis. Eis und Kälte tat den Wesen, die hier zuhause waren nichts an, nur manchmal war der Wind zu heftig.

Sie schwebte unruhig durch die kalten Gänge und Flure. Ihre leisen, melodischen Rufe hatten etwas verzweifeltes, ja fast ängstliches. Wieder war einer der ihren, eines ihrer Kinder verschwunden. War dem Rufen einer fremden Macht erlegen und hatte sie verlassen. Ihre violettroten Augen glühten hell auf und ihre Gestalt verlor kurzzeitig ihre Festigkeit, zerfaserte wie Nebelfetzen, nur um sich dann wieder zu einer fast festen Form zusammenzufinden. Ihre Stimme wurde lauter, ihr Gesang eindringlicher und alle die, die noch bei ihr waren suchten nun mehr ihre Nähe. Sie zehrten nun wieder von ihrer Energie, aber diese war deutlich geschrumpft. Lange konnte sie ihre Kinder nicht mehr ernähren und dann würden noch mehr dem fremden Rufen folgen und für sie verloren gehen.
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Sie schwebte auf die Balustraden und Balkone hinaus und hielt dann im Angesicht des tiefdunklen Sternenhimmels inne.

Vor langer zeit waren sie, ihre Kinder und viele andere ihrer Art durch eine Art Portal gesaugt worden. Sie waren hier nicht freiwillig hergekommen, sondern wurden eher gezwungen. Ausgehungert und zornig hatten sie alle sich dann über das Licht und das Leben auf dieser Welt hergemacht, geleitet von einer Macht, die fast gänzlich Besitz von ihnen ergriffen hatten. Aber sie, sie hatte Zweifel gehabt. Womöglich weil sie die einzige reife Königin gewesen war, die hier hin geraten war. Sie wusste es nicht und im Endeffekt war das warum auch egal. Wichtig war nur, das sie widerstehen konnte und ihre angeborene Macht nutzen konnte um die Ihren aufzuhalten. So war ihre Rasse eben. Die Arbeiter und Drohnen folgten ihrer Königin bedingungslos. Und die Königin sorgte dafür, das es ihnen gut ging. Hier jedoch ging das nicht so wirklich. Es brauchte erst ein Wesen dieser Welt, dass sich und sein Licht opferte so dass sie stark genug war, um alle die noch zu ihr gehörten zu sich zu rufen und alle anderen mithilfe einiger anderen Wesen dieser Welt gefangen nehmen und fortsperren konnte.

Zuhause, da ernährte sich ihre Rasse von Licht und Lebensenergie, die dort frei zugänglich in großen blühenden Pflanzen vorhanden war. Zuhause war es fast immer dunkel, es gab diese gleißend helle Sonne nicht. Die wenigen Tagstunden waren von dichten Nebel verhangen und bei weitem nicht so hell wie hier. Ein wehmutiger Ton schlich sich in ihr Lied. Sie hatte Sehnsucht nach ihrer Welt und wusste doch, dass es wohl keinen Weg dorthin mehr gab.

Als sie in diese Welt gezogen wurden, waren sie alle erschrocken und zornig gewesen, aber ihre Art war eigentlich nicht grausam. War es wohl irgendwann einmal gewesen, in den dunklen Urzeiten. Hier in dieser Welt, voller Angst und Zorn war wohl in vielen von ihnen dieser Urinstinkt wieder erwacht. Die fremde Macht, der sie ihre unfreiwillige Reise verdanken, hatte das in machen geschürt. Hatte diese völlig verdreht und verbogen, bis sie wahrhaftig böse und grausam geworden waren. Das waren jene, die sie weggesperrt hatte. Aber nun war dieses Gefängnis aufgebrochen!

Die bösartige Macht von damals war mit einem neuen Gesicht und einer neuen Stimme zurückgekehrt und sie stahl IHR ein Kind um das andere.
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Eine Drohne, eine Arbeiterin um die andere verschwanden. Und sie hatte ihre Energie fast aufgebraucht. Sie hatte nicht mehr die Kraft sie zu halten und bald hätte sie auch nicht mehr genug Licht um sie zu ernähren und dann würden sie alle verlassen.

Eine traurige Note mischte sich in ihr Lied und alle die ihr noch geblieben waren, summten begütigend. Versicherten ihr so, dass sie bleiben und sie nicht verlassen würden.

Wieder suchte ihr Blick den Sternenhimmel. Zuhause waren die Nächte auch immer klar gewesen, dunkel und voller Sterne. Sie vermisste den Ort so sehr!
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Punktestand der Geschichte:   90
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Kommentare zur Story:

  Hallo Gerald,

freut mich, dass es auch dir gefällt.
Schön, dass auch meine Schattenkönigin gut rüberkommt.
Nun da darf man auch gespannt sein, was da noch alles auf unsre drei Freunde zukommt.  
   Tis-Anariel  -  05.03.12 02:56

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  Liest sich gut. Besonders die finstere Königin hat mir gefallen. Da wird man neugierig, wie es die drei Freunde anstellen wollen, gegen solche gefährlichen Gegner anzutreten.  
   Gerald W.  -  04.03.12 22:12

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  Hallo Ingrid,
das freut mich, dass auch du an der Fortsetzung Gefallen findest.
Ja Gunther und Alaniah werden noch im weiteren Verlauf der Geschichte wichtig werden. Besonders diese Albaelihkriegerin ;-)  
   Tis-Anariel  -  04.03.12 02:17

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  graf gunter gefällt mir gut, auch seine kriegerische freundin, die albaelih. ich hab’s noch mal nachgelesen: sie stammt von den hochelfen ab.
aber auch karm, annabella und schnurr bereiten mir viel freude, sie harmonieren so wunderbar zusammen. ich hoffe, dass die drei alles in den griff kriegen... doppelter kommentar, weil eben noch in teil 9... ;-)  
   Ingrid Alias I  -  03.03.12 15:47

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  Hallo Petra,
schön, dass es dir auch gefällt.
Nun Annabella ist ja was besonderes, womöglich aber war es "nur" ein böser Traum.
Ja diese Königin soll einem auch ein wenig leid tun, aber andererseits auch sehr unheimlich rüberkommen. Freut mich, dass mir das wohl gelungen ist.  
   Tis-Anariel  -  01.03.12 21:38

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  Na, ob wohl Annabellas Traum die Wahrheit erzählt? Du klärst uns hier weiter über einige deiner fantastischen Gestalten auf, besonders diese schattenhafte Königin erscheint mir einesteils unheimlich, andernteils tut sie mir aber auch ein wenig leid. Sehr spannend, da ist man echt neugierig wie es weitergeht.  
   Petra  -  01.03.12 13:00

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  Huhu Jingizu,
da freu ich mich, dass es dir wohl gefällt.
Nun wenigstens muss du "nur" 10 Teile nachholen..ich muss bei dir 44(!) nachlesen -lach-

Ne im ernst, ich freu mich sehr über deinen Kommentar.  
   Tis-Anariel  -  01.03.12 03:13

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  So setzen sich die Abenteuer von Karm, Anabella und Schnurr nun also fort. Sehr schön - ich glaub aber ich muss noch einmal von vorn anfangen um mich wieder reinzufinden.  
   Jingizu  -  01.03.12 01:27

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  Hallo Doska,

wie schön, dass auch dieser Teil dein Gefallen findet. Freut mich, dass ich es weiterhin spannend halten kann.
Ja absolut böse Böse finde ich ein wenig langweilig. Wenn sie es nicht so absolut sind, dann haben sie mehr Tiefe, finde ich.
Und diese Königin wird sowieso noch für einige Überraschungen sorgen.  
   Tis-Anariel  -  29.02.12 17:34

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  Wie immer sehr schön authentisch und spannend geschrieben. Wunderschöne fantastische Welt und deine Gestalten darin gefallen mir und der gute Karm ist wie immer mein absoluter Liebling. Schön, auch dass selbst die Bösen nicht absolut böse sind. Deine Schattenkönigin will zum Beispiel nur in die Heimat zurück. Erwarte mit Freude das nächste Kapitel.  
   doska  -  28.02.12 22:01

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