Three Night Stand - Liebe ist simpel (Kapitel 17)   381

Romane/Serien · Romantisches

Von:    Ina Linger      Mehr vom Autor?

Erstveröffentlichung: 12. November 2011
Bei Webstories eingestellt: 12. November 2011
Anzahl gesehen: 1317
Seiten: 19

Diese Story ist Teil einer Reihe.

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   Teil einer Reihe


Ein "Klappentext", ein Inhaltsverzeichnis mit Verknüpfungen zu allen Einzelteilen, sowie weitere interessante Informationen zur Reihe befinden sich in der "Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht":

  Inhaltsangabe / Kapitel-Übersicht      Was ist das?


17







Manchmal war das Leben einfach nur schön. Vor allem wenn die Wogen der letzten Missverständnisse und Streitigkeiten sich langsam glätteten und alles genau so zu laufen schien, wie man sich das wünschte.

Lisa, Nick und Liam schlenderten die Third Street Promenade entlang, alberten herum und warteten auf die Ergebnisse der ersten Testvorführung von Schattenmond vor normalem Publikum, die im Anschluss an das ‚Okay‘ der Autorin stattfinden sollte. Diese hatte – wider ihrer eigenen Erwartung – ihre Zustimmung nur allzu gerne gegeben und es hatte ringsum erleichterte Blicke und Seufzer hervorgerufen. Auf Nachdrehs hatte wirklich niemand Lust gehabt, was auch verständlich war nach all dem Hin und Her. Und dennoch war die Angst natürlich da gewesen – vor allen Dingen bei den Personen, die besonders viel Arbeit und Herzblut in dieses Projekt gesteckt hatten.



„Heilige Scheiße! Ich hab’ dich die Hälfte der Zeit fixiert und deine Reaktionen zu interpretieren versucht“, hatte Cooper grinsend nach der Vorführung zugegeben. „Du solltest Poker spielen. Du täuschst gut an. Nach ungefähr einem Drittel des Films war ich der Ansicht, du fändest ihn total bescheuert und ich müsste alles noch mal drehen. Zumindest hast du so geschaut.“ Er hatte das linke Auge zusammengekniffen, die rechte Braue hochge- und den Mund verzogen und alle hatten lachen müssen.



„Nein, es war wirklich toll“, hatte Lisa zum etwa dritten Mal wiederholen müssen und das war noch untertrieben gewesen.



Sie war immer noch ganz gerührt, konnte sich noch ganz genau daran erinnern, wie sie im Vorführraum gesessen und wie gebannt auf die Leinwand gestarrt hatte, um nur ja kein Detail zu verpassen und wenn es auch noch so winzig war…





(Rückblick)

*Der Film war gut. Wirklich, wirklich gut. Nicht nur eine Verbesserung zum ersten Part, nein – sie war begeistert und ertappte sich in ihrem Enthusiasmus doch tatsächlich kurz bei der Frage, ob es wirklich ihrer Hilfe bedurfte, den dritten ähnlich gut zu gestalten. Diesen Gedanken verwarf sie selbstverständlich ganz schnell wieder. Nach dem Desaster des ersten Teils wollte sie einfach kein Risiko mehr eingehen und außerdem hatte sie ja an der Neufassung einiger Szenen mitgewirkt.
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‚Ja klar, Lisa, du hast alles gerettet‘, sagte eine ironische Stimme in ihr, doch auch diese kleine Nörglerin konnte ihr das nicht madig machen. Ja, hatte sie. Ihre Bücher waren gut und verdienten es, mit Respekt behandelt zu werden. Wenn Leute zu unfähig waren, das zu verstehen, musste sie sich eben einmischen. Wer aus anspruchsvoller Literatur ein relativ hirnloses Hau-drauf-Feelgood-Movie machen wollte, sollte sich gefälligst selber was ausdenken und sich nicht an ihrem Baby vergreifen. Lisa hätte bei diesem Gedanken fast kämpferisch die Arme vor der Brust verschränkt und laut 'HA!' gerufen, doch sie konnte sich gerade noch zurückhalten. Außerdem durfte sie sich doch nicht ablenken lassen und musste weiterhin ganz genau das Geschehen auf der Leinwand verfolgen. Dazu fehlte ihr irgendwann allerdings ein Utensil, das sie ganz unten in ihrer Tasche vergraben hatte. Hoffentlich wenigsten dort! Lisa hatte eine leichte Sehschwäche, die sich speziell dann bemerkbar machte, wenn sie zu lange am Computer saß und Stunde um Stunde auf den Bildschirm starrte, so wie es in den letzten Wochen und Monaten sehr häufig der Fall gewesen war.

Sie beugte sich ein vor, doch immer noch war das Bild ein wenig verschwommen, also wühlte sie möglichst unauffällig weiter in ihrer Tasche, bis sich ihre Finger um etwas Hartes schlossen. Zwei Sekunde später zog sie ihre Brille hervor. Sie hasste sie, doch sie erfüllte ihren Zweck und nur einen wortwörtlichen Augenblick später genoss sie klare Sicht, wenn sich ihre Augen auch noch kurz an die Umstellung gewöhnen mussten. Sie nahm eine Bewegung neben sich wahr und unterdrückte einen Seufzer. Niemand außer ihr schien hier Gläser zu tragen, es war nahezu verpönt, und so machte sie sich auf irgendeinen ironischen Kommentar gefasst, doch als sie kurz zur Seite blickte, grinste Nick sie nur verständnisvoll an und deutete auf seine eigene Nase, die ein schlichtes schwarzes Modell zierte.



„Blöde Bildschirme oder?“ flüsterte er und Lisas Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen. Was man so alles herausfand, wenn es dem Leidensdruck gelang, die Eitelkeit zu verdrängen… Sie hatte große Mühe sich davon abzuhalten, sich an Nick anzukuscheln, denn irgendwie fühlte sie sich gleich noch viel mehr zu ihm hingezogen… Herrje, was war nur aus ihr geworden?



In einem anderen Moment erwischte sich Lisa bei der Frage, ob Nick auch die nächsten Drehbücher und sie selbst sie vielleicht doch irgendwie wieder mit ihm zusammen schreiben könnte.
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Sie wusste, dass es ziemlich unwahrscheinlich war, hatte das selbst auch nie geplant gehabt und dennoch versetzte es ihr einen gehörigen Stich. Die Zusammenarbeit mit Nick machte, trotz gewisser Komplikationen, gerade so viel Spaß, dass der Gedanke, diese bald beenden zu müssen, alles andere als angenehm war. Nein – das war nicht ganz ehrlich. Der Gedanke war unerträglich, weil sie zum ersten Mal, seit sie mit Nick arbeitete, dazu in der Lage war, sich einzugestehen, dass sie sich in ihn verliebt hatte. Sie hatte sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, hatte bewusst einen Fehler nach dem anderen gemacht, ihm und sich selbst dabei so richtig wehgetan, aber es hatte nicht geholfen. Solche Gefühle ließen sich nicht so leicht abschmettern – vor allen Dingen, wenn man das Gefühl hatte, dass sie erwidert wurden. Wie sonst hatte Nick ihr nach der dummen Party-Geschichte so schnell verzeihen können? Wie sonst, sollte sie die warmen Blicke interpretieren, das sanfte, ihr so zugeneigte Lächeln, das er ihr immer wieder schenkte, wenn er sie dabei erwischte, wie sie ihn verstohlen von der Seite ansah, und diese Bataillonen von Schmetterlingen durch ihren Bauch flattern ließ?



Und dann war da auch noch Karen, die ihr gesagt hatte, dass sie das dümmste Huhn auf der ganzen Welt war, wenn sie sich einen Kerl wie Nick entgehen lassen würde. Leider konnte jedoch auch ihre beste Freundin nichts daran ändern, dass die Zeit, die Lisa und Nick noch miteinander hatten, sehr begrenzt war. Zweieinhalb Wochen und was danach kam, wusste niemand. Der Vertrag, den Lisa damals bezüglich ihrer Mitarbeit an den Scripts mit TFP abgeschlossen hatte, bezog sich nur auf die Änderung einiger Szenen des zweiten und der gemeinsamen Arbeit am dritten Teil. Danach würde sie zurück nach Deutschland fliegen und ihre anderen Projekte in Angriff nehmen müssen, die ohnehin schon auf eine längere Wartebank geschoben worden waren als geplant.

Super. Speziell, seit ihr gestern Nacht bewusst geworden war, dass sie und Nick – nein!! Nein! Nein!! An all das durfte Lisa momentan nicht denken.
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Das lenkte sie einfach zu sehr von dem Film ab, den es doch zu bewerten galt. Schnell schob sie diese Gedanken von sich. Doch sie schlichen sich immer wieder an sie heran, um sie speziell bei traurigen Sequenzen des Films zu überfallen. Aber es gelang ihr heldenhaft bis zum Schluss, weder zu weinen noch sich Nick mit einer überschwänglichen Liebeserklärung an den Hals zu werfen, sein Gesicht mit Küssen zu bedecken und ihn dann gleich hier im Vorführraum zu vernaschen.* (Rückblick Ende)





Natürlich waren Lisas Gedanken auch jetzt wieder bei Nick und dem, was da zwischen ihnen entstanden war, als sie, Liam und Nick auf dem Weg in eine kleines Lokal waren, um ein wenig zu feiern. Sie hatten sich direkt nach der so erfolgreichen Vorführung dazu entschlossen und Lisa war ganz glücklich darüber, auch wenn es ihr natürlich lieber gewesen wäre, wenn Nick und sie ein paar Minuten oder Stunden alleine hätten verbringen können. Doch sie sah dies als eine Chance etwas von dem, was sie Liam gestern angetan hatte, wiedergutzumachen und die beiden Männer wieder richtig miteinander zu versöhnen. Und offensichtlich dachte Nick genau dasselbe, das hatte sie in seinen Augen lesen können. Manchmal war es beinahe gruselig, wie gut sie sich schon ohne Worte verständigen konnten. Sie kannten sich erst so kurze Zeit…



‚Lisa, hör auf so verliebt-debil zu grinsen und versuche dich wenigstens in Liams Gegenwart auf andere Gedanken zu bringen‘, mahnte ihre nervige Stimme der Vernunft sie ungnädig. ‚Ihr habt bestimmt nachher noch genug Zeit, um allein über alles zu sprechen, was euch so aufwühlt.‘

Lisa schüttelte den Kopf über sich selbst, bereits das vierte Mal innerhalb der letzten Minuten und schließlich fiel das wohl auch den anderen auf.



„Hast du Wasser im Ohr?“ erkundigte sich Liam. „Oder übst du nur den Linda-Blair-Rundumblick?“



Oh, je. Was sollte sie jetzt sagen? Sie zuckte die Schultern und schüttelte gleichzeitig erneut den Kopf. Irgendetwas Unverfängliches, Harmloses… Ach, ja, da war ja noch die Sache mit ihrer Recherche in den letzten Tagen. Über diesen attraktiven, unwiderstehlichen Mann, der ihr Denken selbst einnahm, wenn er nicht persönlich anwesend war.
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„Ich krieg’s nicht raus“, erklärte sie, ohne dass ihre beiden Zuhörer dadurch besonders viel mehr erfuhren und sah dann Nick eindringlich an. „Ich hab dich gegoogelt, gebingt, geallthewebbt, noch mal selbst auf allen Filmseiten geschaut, die mir einfielen… aber ich komme verdammt noch mal nicht dahinter!!“



„Hinter was?“ fragte Nick und er und Liam wechselten einen neugierigen Blick.



„In welchem Film du mitgespielt hast!“



Nick lachte und auch sein Freund begann zu grinsen. „So soll es ja auch sein“, sagte ersterer dann.



„Du hattest einen anderen Namen oder?“ versuchte Lisa dennoch an weitere Informationen zu kommen.



Diesmal nickte Nick grinsend. „Liam ja auch.“



Lisa bekam ganz große Augen. „Liam hat mir dir zusammen einen Film gedreht? Was für einen?“



„Wenn ich’s dir sage, müsst ihr zu zweit feiern gehen.“



Sie runzelte die Stirn und Nick lachte auf. „Er würde mich umbringen.“



Liam setzte ein halbherziges Psychokillergesicht auf und sein linkes Auge begann zu zucken. „Nicht gleich…“, sagte er mit schriller Stimme und sie lachten, dann stockte Lisa und ihre Augen weiteten sich noch mehr. „Etwa ein Porno?“



Dieses Mal war es Nick, der sie schockiert ansah. Doch der Gesichtsausdruck hielt sich nicht lang. Stattdessen verzogen sich seine Lippen zu einem äußerst unanständigen Grinsen. „Kommst du jetzt auf so was, weil du weißt, dass ich die… sagen wir notwendigen Voraussetzungen dafür habe?“

Sie wurde rot und er hob sofort abwehrend die Hände, als ihm bewusst wurde, was er da gesagt hatte. „Oh Gott, tut mir leid, das war… das war ein ganz doofer Witz.“



„Ja, aber –“ begann Liam und verstummte dann, weil Nick Lisa ein überfreundliches Lächeln schenkte und ihm gleichzeitig den Mund zuhielt, sich aber zwei Sekunden später anders entschied und seine Hand ein wenig angewidert an seiner Hose abwischte.



„Ein einfaches ‚Halt die Klappe, Li– ‚ “



„ – hätte es sicher nicht getan“, beendete er den Satz für den grinsenden Blondschopf.
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„‘Bittersüße Nächte in Dick City‘ muss dir aber nicht peinlich sein“, fuhr der dann fort und Nicks Kopf flog erneut zu ihm herum. Dieses Mal wich Liam seiner Hand aus. „So viel nackte Haut war doch da gar nicht zu sehen.“ Er wandte sich an Lisa. „Es war mehr ein Softsexfilmchen“, erklärte er und sie schüttelte schon wieder den Kopf. Sie musste dringend damit aufhören, denn langsam wurde ihr schwindlig.



„Du glaubst mir nicht?“ hakte Liam nach und zog sein Handy hervor, dann wies er auf seinen Kumpel. „Wie er schon sagte, wir hatten andere Namen. Nicht wahr, Nekkid Nick?“



Nicks Unterkiefer klappte herunter, doch Lisa warf den Kopf zurück und lachte. „Na klar“, sie wischte sich eine imaginäre Lachträne ab. „Und wer warst du? Latex Liam?“



Liams Grinsen erstarb und machte einem verblüfften Gesichtsausdruck Platz. „Du hast ihn gesehen?“



Nur für eine Millisekunde unterbrach ein Stocken ihren Heiterkeitsausbruch.



„Sehr witzig!“ mischte Nick sich ein und warf dann Lisa einen prüfenden Blick zu. „Hab’ ich da gerade so etwas wie Erleichterung gesehen?!“



„Ich finde es raus“, sagte Lisa und tippte sich nachdenklich gegen die Nase. „Du könntest mir aber wenigstens das Genre verraten…“



„Es war-“, begann Liam hilfsbereit, doch Nick fuhr ihm über den Mund, diesmal wohlweislich verbal: „Vergiss es. Es wird ein ewiges Geheimnis bleiben und-“ Er griff sich plötzlich an seine rechte Seite, drückte seine Hand auf die Stelle und Lisa fürchtete schon, er hätte Schmerzen, weil sein Gesicht einen so angespannten Ausdruck bekam. Seine Hände fuhren hektisch über seinen Körper und zogen schließlich mit einem entnervten Laut sein vibrierendes Handy aus der Gesäßtasche. Er entfernte sich ein paar Schritte, wohl um die Person am anderen Ende besser verstehen zu können, dann gab es einen hektischen Wortwechsel, er nickte er ein paar Mal und machte ungeduldige Handbewegungen, atmete schließlich tief durch und legte wieder auf.

„Ich muss sofort los!“ rief er als er wieder auf die beiden anderen zulief.
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Lisa und Liam sahen ihn alarmiert an, weil sich sein bis vor kurzem noch entspannter Gesichtsausdruck in einen unsicheren, aufgeregten verwandelt hatte.

„Was… was ist denn los? Was ist passiert?“ Lisa riss sich zusammen. Wieso war sie denn jetzt panisch?



„Okay, wie kann ich dir helfen?“ fragte Liam ruhig und Lisa verspürte den kindischen Wunsch, unbedingt kundzutun, dass auch sie alles tun würde, als Nick erwiderte: „Gar nichts. Ich muss jetzt babysitten gehen.“



Lisa runzelte die Stirn ob dieser noch zu vertrauten Aussagen und Nick lachte. „ICH WERDE SCHON WIEDER ONKEL!!“ strahlte er dann. „Und sie brauchen jemanden, der auf Jack aufpasst, weil Hannah zu Nat ins Krankenhaus fährt, um ihr beizustehen und…“



Umarmungen, Gratulationen und eine kurze, heftige, wenn auch freundschaftliche Diskussion der männlichen Seite des Trios darüber, ob Nick in ‚diesem Zustand‘ fahren konnte, folgten. Später sahen Lisa und Liam Nick hinterher, bis er in der Menge der anderen Spaziergänger verschwunden war und dann sich an.

„Tjaaaa…“ Liam zuckte die Schultern. „Dann bleiben wohl nur noch wir beide.“



„Die Übriggebliebenen.“



„Mit denen keiner spielt.“



Sie senkten in gespielter Trauer die Köpfe und lachten dann. Doch wenn Lisa ganz ehrlich war, war sie tatsächlich ein wenig geknickt. Sie freute sich für Nick und seine Familie, doch für sie hieß das nun, dass sie eine Weile auf das so wichtige Gespräch zwischen ihr und Nick warten musste. Geburten konnten ziemlich lange dauern. Da war es sehr wahrscheinlich, dass Nick den ganzen restlichen Tag mit seinem Neffen verbrachte und vielleicht sogar noch die Nacht. Sie konnte schlecht zu den beiden gehen und vor dem Jungen über ihre Gefühle für Nick reden. Schon gar nicht in einer so aufregenden Situation wie der Geburt eines neuen Familienmitglieds. Nein, sie würde sehr wahrscheinlich bis morgen mit dem Gespräch warten müssen. Ein weiterer Tag, der ihnen verlorenging…



‚Gut, Lisa, genug Trauer und Enttäuschung. Konzentrier dich auf das Hier und Jetzt, auf den Menschen, der die netterweise Gesellschaft leistet.‘



Und das war ja nicht irgendwer.
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Sie war ein weiteres Mal allein mit Liam Chandler. Wow, wie viele Leute wohl etwas dafür geben würden, an ihrer Stelle zu sein? Vor nicht allzu langer Zeit wäre ihr selbst ganz weich in den Knien geworden bei dieser Vorstellung und ganz eng ums Herz bei dem Gedanken daran, dass eine andere an ‚ihrem‘ Platz war. Gäbe es an dieser Stelle einen filmischen Flashback in Lisas Zimmer vor ein paar Jahren – man fände sicherlich ein Filmposter von Liam Chandler an ihren Wänden – zum Beispiel das zu ‚Dawn of Fear‘, das eher einem geheimnisvollen Gemälde glich als einem Plakat zu dem Actionfilm, der er tatsächlich war. Daneben vielleicht auch eine selbstangefertigte Zeichnung seines Gesichts. An einer Pinnwand, halb versteckt unter unzähligen Zetteln, Postkarten, Fotos und Kettchen, die Eintrittskarten zu seinem letzten Film. Auf den ersten Blick würde man annehmen, sie fände ihn ‚ganz cool‘, mit Betonung auf dem zweiten, nicht dem ersten Wort.

In ihrem Kleiderschrank hing ein Männerhemd, das stark dem ähnelte, das er in ‚Y.e.a.r.s.‘ getragen hatte – einem früheren Film und der erste, in dem sie ihn gesehen hatte. Hach, damals. Wie oft hatte sie von ihm geträumt, sich seine Filme wieder und wieder angesehen, sich vorgestellt, sie wären real und sie darin an seiner Seite. Wie viele Geschichten hatte sie verfasst, in denen der Hauptcharakter seine Gesichtszüge hatte?



Und nun lief sie mit eben diesem Liam-Chandler-Superstar am Strand entlang, ganz ungezwungen und unterhielt sich. Der Zauber war wirklich verflogen, doch es war dadurch nicht weniger schön, ganz im Gegenteil. Es war echter, unverfälschter. Liam lief ganz entspannt neben ihr und hier, an einer etwas abgelegeneren Bucht sowie vorher in den Menschenmassen, die sich am Pier von Santa Monica getummelt hatten, fielen sie auch gar nicht weiter auf. Sie waren einfach zwei Freunde, die sich einen schönen Abend machten. Um nicht aufzufallen hatte Liam seine Geheimwaffe angewandt. Er nannte sie „seine beste Freundin im Kampf gegen die Wächter des Blitzlichtsgewitters“ oder so ähnlich. Sie war die Heldin. Sie war der Lebensretter. SIE WAR… die Sonnenbrille.

Bereits in der ersten Woche nach ihrem Kennenlernen war Lisa in die geheimen Fähigkeiten dieses Supergerätes eingeweiht worden.
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Und dabei ging es nicht um das maßgefertigte Gestell (Ja, bis jetzt hatte sie tatsächlich gedacht, man würde nur Kleidung und vielleicht noch Autos und Häuser ‚maßanfertigen‘. Das hatte ihre wieder einen Blick der Marke ‚dummer, kleiner Hollywoodneuling‘ eingebracht.), die doppelt entspiegelten Gläser oder derlei Dinge. Wenn Liam Chandler, der Superstar, der Mann, ER – sie aufsetzte, wurde er zu… irgendjemandem. Er hatte die Brille vor ihren Augen ein paar Mal auf und absetzen müssen und es war verblüffend: sobald sie einen Teil seines Gesichts bedeckte, wurde er zu Otto Normalverbraucher. Gut, für Kenner der Brillen- sowie seiner Klamottenmarken würde er wohl eher Otto Superverdiener sein.

In jedem Fall ermöglichte sie Liam des Öfteren ein paar ungestörte Minuten, wenn er auch nicht so verfolgt wurde wie andere Prominente. Laut Nick war er ein ‚AB-Promi‘, nicht ganz erste Liga, aber auch nicht wirklich zweite. Lisa wollte sich gar nicht vorstellen, wie es war, so berühmt zu sein, dass man auf Schritt und Tritt verfolgt wurde. Bei Liams Party waren Kamerateams vorgefahren, doch weiter als bis zum Eingangstor waren sie nicht gekommen und es hatte auch kein Helikopter über dem Anwesen gekreist oder dergleichen. Dass am Morgen danach auch noch ein paar ruhelose Paparazzi versucht hatten, ihr Gehalt aufzubessern – meine Güte. Das war alles immer noch so neu für Lisa. Natürlich las sie auch ab und an die eine oder andere Klatschzeitung oder -seite und verbrachte viel zu viel Zeit damit, sich angebliche Informationen über einige Stars anzusehen. Besonders Liam Chandler hatte wieder recht viel Aufmerksamkeit bekommen, seit bekannt geworden war, dass er die Hauptrolle in Schattenmond bekommen würde.



Schon seltsam, wie sich die Dinge entwickelt hatten. Nicht nur zwischen Nick und ihr, sondern auch zwischen Liam und ihr. Seit ihrem intensiven Gespräch in der Nacht nach der Party fühlte sie sich viel wohler in seiner Gegenwart, hatte sie wirklich das Gefühl einen Freund in ihm gefunden zu haben. Und irgendwie glaubte sie, dass es ihm genauso ging. Sie hatten über so viel Privates geredet… Wie sollte er da anders empfinden?



(Rückblick)

*„Und? Schon besser?“



Liams unverletztes Auge öffnete sich und er sah sie an; ein wenig müde, aber auch mit diesem leidenden Ausdruck, der verriet, wie sehr er es genoss, umsorgt und bemitleidet zu werden.
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Er atmete tief und sehr theatralisch durch die Nase ein und nickte dann langsam. Lisa gab dabei Acht, dass das Kühlpad, das sie immer noch vorsichtig auf sein anderes Auge drückte, nicht verrutschte. Ihr tat das alles so unendlich leid und sie war bemüht, so viel wiedergutzumachen, wie sie nur konnte.



„Hauptsache du gehst nicht“, murmelte Liam und starrte wieder auf den Fernseher, der schon vor einer kleinen Weile die einzige Lichtquelle in seinem Wohnzimmer geworden war. Der Schauspieler hatte irgendeinen Kanal eingeschaltet, auf dem rund um die Uhr Cartoons liefen und hatte behauptet, dabei könne er am besten entspannen und seinen Körper entgiften. Das Wort ‚entgiften‘ hatte Lisa etwas schockiert, doch als Liam ihr versichert hatte, dass er nur Alkohol und keine anderen Drogen zu sich genommen hatte, war sie beruhigt gewesen. Einem alkoholisierten Menschen Gesellschaft zu leisten, bis er eingeschlafen war, war etwas völlig anderes, als auf jemanden aufzupassen, der auch noch gefährlichere Drogen zu sich genommen hatte.



Gern war Lisa nicht an Liams Seite geblieben, doch nachdem er nach der kleinen Schlägerei mit Maverick (an der Lisa nicht ganz unschuldig gewesen war) die Party komplett aufgelöst und alle seine Gäste bis auf Karen und Lisa nach Hause geschickt hatte, hatte sich letztere einfach verpflichtet gefühlt, seiner Bitte nachzukommen, bei ihm zu bleiben. Er hatte ihr erklärt, dass er unter Alkoholeinfluss oft mit Angstzuständen zu kämpfen hatte, seitdem er einmal bei einem durch Alkohol herbeigeführten Kreislaufkollaps beinahe gestorben wäre und dass Nick sonst immer bei ihm schlief, wenn er betrunken war. Nur war Nick dieses Mal durch Lisas dummes Verhalten ihm gegenüber schon viel zu früh von der Party verschwunden und so wie sie Liam verstanden hatte, hatten sich die beiden so sehr gestritten, dass Liam ihn auch nicht anrufen und fragen wollte, ob er vorbeikam.



Karen hatte Lisa davon abgeraten bei Liam zu bleiben und ihre Bitte doch ebenfalls über Nacht zu bleiben, radikal abgelehnt. „Ich schlag mir doch nicht die Nacht mit diesem Riesen-Baby um die Ohren, wenn ich morgen früh eine anstrengende Gerichtsverhandlung zu führen habe!“ hatte ihre Freundin entrüstet gesagt.
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„Und du solltest dir diese Sache auch gründlich überlegen. Wenn es sich herumspricht, dass du bei Liam übernachtet hast, könnten das manche Leute vielleicht in den falschen Hals bekommen.“



Natürlich hatte Karen Recht gehabt und Lisa war bewusst, dass bei Liam zu bleiben nicht unbedingt die beste Idee war, doch sie fühlte sich zumindest für einen Teil seiner Misere verantwortlich und konnte ihm seine Bitte aus diesem Grund einfach nicht abschlagen. Und sie selbst hatte bei dieser ganzen Sache ganz bestimmt keine Hintergedanken. An irgendeinem Punkt, sie wusste nicht genau wann, hatte sie aufgehört einer von Liams Fans zu sein und ihn anzuhimmeln. Das Mysterium ‚Liam Chandler‘ hatte sich aufgelöst und einen völlig normalen Menschen mit ziemlich vielen Schwächen, aber auch sympathischen menschlichen Seiten zurückgelassen. Und irgendwie hatte sich Lisa selbst in eine seiner Vertrauten verwandelt. Zumindest vertraute er ihr so weit, dass er sich ungehemmt auf seine Couch gelümmelt und ihr gegenüber eingestanden hatte, dass er „total breit“ war und nichts weiter mehr als seine Ruhe und jemanden zum Quatschen an seiner Seite haben wollte.



Liam stieß nach einer kleinen Weile des Schweigens zwischen ihnen ein leises Seufzen aus, nahm das Kühlpad aus Lisas Hand und damit auch von seinem Auge und warf es dann auf den Couchtisch vor sich, auf dem auch schon seine Füße ruhten.

„Ich hasse das!“ brummte er und sah Lisa nun aus beiden Augen traurig an. „Dieses Gefühl, dass irgendetwas in meiner Welt nicht mehr stimmt, quer sitzt, verkehrt ist…“ Ein weiteres schweres Seufzen. „Weißt du, das kann nur er – mir dieses Gefühl geben. Niemand in dieser Welt schafft das so gut wie er… Ich ertrag es nicht, schlafen zu gehen, ohne das Gefühl zu haben, wieder im Reinen mit ihm zu sein…“ Sein Blick wanderte wieder zum Fernseher und verharrte dort für eine Weile.

Lisa wusste, dass er von Nick sprach und fragte sich, was genau zwischen den beiden vorgefallen war, doch sie äußerte diese Frage nicht selbst.



„Er kennt mich doch“, setzte Liam nun leise hinzu. „Ich mache den Leuten vielleicht etwas vor, wenn ich vor der Kamera stehe oder ab und an in Interviews, wenn mich der Schalk packt oder das Studio mich darum gebeten hat, einen bestimmten Eindruck zu erwecken, um einen Film damit zu promoten.
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Aber ich bin sonst nicht falsch! Bin ich doch nicht, oder?“



Lisa blinzelte den Schauspieler etwas verwirrt an. „Nein… ähm…“



„Ganz ehrlich, Lisa!“ Er beugte sich ein wenig zu ihr vor, sah ihr prüfend ins Gesicht, wobei er mit seinem gesunden Auge ein wenig an ihr vorbeischielte. „Du kannst mir die Wahrheit sagen. Mache ich auf dich einen verschlagenen, unechten Eindruck?“



Dass seine beiden Sehorgane nicht ganz die gleiche Sehrichtung teilten, gab ihm ein etwas seltsames Aussehen, doch das ging selbstverständlich nicht mit in die ‚Bewertung‘ ein. Sie dachte einen Augenblick über seine Frage nach, dann schüttelte sie den Kopf. „Nein. Ich meine, du drehst manchmal ein wenig zu sehr auf und gibst gern den verrückten Superstar, aber ich hatte bisher nie das Gefühl, dass du unehrlich bist. Ganz im Gegenteil. Ich finde, du denkst oft zu wenig darüber nach, was du sagst und bist beinahe gnadenlos ehrlich. Nick muss ganz schön viel ertragen. Und manchmal bewundere ich ihn dafür, dass er dir keine verpasst…“



„Ich auch“, setzte Liam zu ihrer Überraschung hinzu und stieß ein leises Lachen aus. „Ganz ehrlich: Ich finde, er frisst momentan viel zu viel. Nicht nur von meiner Seite aus. Einfach generell. Er war vor ein paar Monaten noch anders. Irgendwie hat er ein wenig seinen Kampfgeist verloren. Es wird langsam Zeit, dass er mal wieder zurückschlägt.“



„Heißt das, du bist dir jedes Mal bewusst, wenn du über die Stränge schlägst?“ fragte Lisa verblüfft.



„In gewisser Weise schon“, gab Liam zerknirscht zu. „Aber ich kann es nicht stoppen. Es sprudelt einfach so aus mir heraus und wenn Nick nichts dagegen unternimmt, dann sprudelt es noch gleich viel stärker, weil es einfach zu verlockend ist festzustellen, wohin die Grenzen gerutscht sind, wie weit ich gehen kann…“ Er lachte ein wenig unglücklich. „Ich bin manchmal ein lausiger Freund… Aber ich kann auch ein ziemlich guter sein…“



„Das glaub’ ich dir“, meinte Lisa mit einem kleinen Lächeln.



„Ja?“ War da tatsächlich ein wenig Unsicherheit in diesen braunen Augen, die sie so treuherzig ansahen?



„Ja“, gab sie fest zurück.
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„Hey, so heldenhaft, wie du mich da vorhin verteidigt hast – wie könnte ich da etwas anderes denken?“



„Auch wieder wahr.“ Liam hob stolz das Kinn. „Und das ganz ohne Superheldenkräfte! Nick hätte das mal sehen sollen!“



„Besser nicht“, entwischte es Lisa leise und Liam hob überrascht die Brauen.



„Warum nicht?“



„Ich glaube, Nick muss ohnehin immer vor dir zurückstecken, weil du der berühmte Star bist und sofort immer die Aufmerksamkeit aller Personen herum auf dich ziehst. Wenn du dich auch noch als Held in der Realität feiern lässt, tut das seinem Ego bestimmt nicht gut.“



Liam runzelte die Stirn. „Meinst du?“



„Ach, komm schon, Liam – bist du noch nie auf den Gedanken gekommen, dass es vielleicht nicht so leicht ist, mit einer Berühmtheit befreundet zu sein? Wenn man ständig im Schatten einer anderen Person steht, die es geschafft hat, die berühmt, reich und beliebt ist, und man selbst noch an seiner eigenen Karriere bastelt, man immer noch kämpfen muss und von anderen abhängig ist? Ich stelle es mir unglaublich schwierig vor, nicht eifersüchtig zu sein, dir deinen Erfolg zu gönnen und dich als Freund weiterhin zu unterstützen. Dass Nick da mal ausflippt und sich mit dir streitet, finde ich ganz natürlich.“



„So habe ich das noch gar nicht gesehen“, gab Liam beeindruckt zurück und kratzte sich nachdenklich an der Stirn. „Er ist nur so… so ein großartiger Mensch. Ich meine, alle lieben ihn! Und ich…“ Er blies seine Wangen auf und ließ die Luft mit einem kleinen Seufzen entweichen. Dann schüttelte er den Kopf. „Ich dachte immer, er ist der Coolste von allen und weiß das auch. Deswegen suggeriere ich ihm ja auch immer gerne, dass er mir sehr viele Dinge in seinem Leben zu verdanken hat. Weil ich… Im Grunde ist es doch so, dass… dass ich derjenige bin, der völlig abhängig von ihm ist. Ich würde ohne ihn diesen… diesen Wahnsinn, zu dem mein Leben geworden ist, doch gar nicht überleben. Freunde wie ihn zu finden und an sich zu binden, ist schon als normaler Mensch ziemlich schwierig.
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Als Star ist das fast ein Ding der Unmöglichkeit und ich kann mich wirklich glücklich schätzen, dass wir uns schon auf der Schauspielschule begegnet und dort Freund geworden sind und er mein innerstes Wesen kennenlernen konnte – nicht Liam, den Superstar. Den hätte er wahrscheinlich überhaupt nicht ausstehen können. Ich kann mich ja selbst manchmal kaum ertragen und wundere mich oft, wie er das schafft…“ Liam stieß ein trauriges Lachen aus und betrachtete seine Füße, wackelte ein wenig mit den nackten Zehen und ließ seinen Kopf dann schwer gegen die Rückenlehne der Couch sinken, bevor er wieder Lisas Blick suchte. „Nick ist… wie der Bruder, den ich nie hatte“, fuhr er mit einem warmen Lächeln fort. „Und ich liebe ihn aus tiefstem Herzen. Wirklich. Und ich… ich will, dass er glücklich ist. Hier in L.A., an meiner Seite. Du nimmst ihn mir nicht weg, oder? Da rüber nach Deutschland…“



Lisa blinzelte ihn verwirrt an. „Ich? Wieso? Wie kommst du darauf?“



„Du könntest das, weißt du“, erwiderte Liam immer noch lächelnd. „Du müsstest dich nur ein wenig anstrengen, klarer sein… wissen, was du willst…“



Lisa wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Das kam ein wenig überraschend und dennoch… das war sofort so ein freudiges Flattern in ihrer Bauchregion.



„Er ist so ein guter Kerl…“, brabbelte Liam weiter. „Viel zu gut für diese ganzen herzlosen Weiber. Die machen ihn nur kaputt. Jedes Mal ein kleines Stückchen mehr. Weil er ihnen immer sein Herz schenkt – so vertrauensselig… und dann nehmen sie es, reißen ein Stück heraus und laufen damit weg. Und er bekommt es nicht wieder zurück.“ Er schüttelte zur Betonung seiner Worte den Kopf. „Irgendwann wird nichts mehr übrig sein und dann ist er genauso wie ich. Und, ganz ehrlich, braucht die Welt noch jemanden wie mich?“



Liams Brustkorb weitetet sich unter einem tiefen Atemzug und er beantwortete seine eigene Frage mit einem frustrierten Kopfschütteln. „Ihr Frauen denkt immer, dass wir Männer so anders sind, weniger sensibel und gefühlvoll. Aber ihr selbst wollt das so, wollt den kernigen Macho, den Macher, den Aufreißer, der sich nicht davor scheut anderen die Fresse zu polieren und erst danach zu überprüfen, ob sie das auch verdient haben….
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Und die Männer, die nicht so sind, schlagt ihr einfach kaputt, reißt ihre Herzen in Stücke und tut dann noch so, als wärt ihr die Opfer, als würdet ihr mehr an dem Zerbrechen einer Beziehung leiden als wir. Männer, die Gefühle zeigen, die die Dinge mehr mit dem Herzen entscheiden als mit den Fäusten haben in dieser Welt doch gar keine Chance – weder bei den dominanten Machos, die die Welt regieren, noch bei euch Frauen. Man muss sie schützen… vor euch und vor sich selbst…“



„Ich gehöre aber nicht zu diesen Frauen“, empörte sich Lisa nun. „Und ich weiß, dass Männer nicht so sehr viel anders fühlen und denken würden als Frauen, wenn man ihnen das nur erlauben würde. Ich habe nicht nur einen Bruder, der zu der sensiblen Sorte der Männer gehört – und mit Erlaub trotzdem ein richtiger Kerl ist – sondern ich gehe auch mit offenen Augen und Ohren durch die Welt. Man braucht sich doch nur einmal die Songtexte vieler Rockballaden anzuhören, um zu wissen, wie romantisch und gefühlvoll die härtesten Rocker sein können. Deren Texte sind manchmal sogar mir als Frau zu kitschig – also hör auf damit mir von Dingen zu erzählen, die mir längst bekannt sind. Und hör auf mich mit den Frauen in einen Sack zu stecken, die dich und auch Nick in der Vergangenheit so verletzt haben. Ich gehöre nicht dazu!“



Liam lächelte sie warm an. „Das habe ich fast befürchtet.“



Sie schenkte ihm einen irritierten Blick. „Befürchtet?“



„Ja, weil ich kein Problem damit hätte einen Keil zwischen dich und Nick zu treiben, wenn du eine weitere Patty oder Tara wärst“, erklärte Liam leise. „Ich dachte das erst und hatte auch schon einen schönen Plan entwickelt, wie ich Nick dazu bringe, zu erkennen, dass er dich nicht braucht. Nur leider bist du wirklich anders und je besser ich dich kennenlerne, desto klarer wird mir, dass du und Nick… dass ihr wirklich gut zusammenpassen würdet. Ihr… ihr schwingt irgendwie miteinander und du bist wirklich… nett. Natürlich, lustig, sexy und so… warm.“



Ja, warm war ihr nun wirklich.
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Allerdings eher im Gesicht.



„Nick tut das gut… diese Wärme“, fuhr Liam nun noch ein wenig leiser fort. „Er braucht sie, nach all den Geschichten, die er durchgemacht hat. Er braucht deine Nähe. Er braucht dich…“



Jetzt war die Wärme auch hinab in ihre Brust gewandert, weckte die Schmetterlinge in Lisas Bauch wieder aus ihrem leichten Schlaf und brachte ein kleines Lächeln auf ihre Lippen. Nick brauchte sie. Es war nicht nur der Sex, der ihn zu ihr hinzog. Es war viel mehr!



„Natürlich weigert er sich, das zu erkennen“, seufzte Liam nun. „Und ich dachte auch am Anfang, dass das besser so für euch beide ist. Aber ihr tut euch dadurch gegenseitig weh und bringt euch in einen Zustand, den man schon in Richtung ‚bedenklich‘ einordnen könnte. Von daher bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es besser für euch wäre, eure Gefühle zuzulassen und einfach zu sehen, was passiert.“



„Na, ja, also ich…“ begann Lisa jetzt ausweichend, doch Liam hob mahnend den Finger und hinderte sie so daran weiterzusprechen.



„Sag jetzt nicht, du hättest keine tiefer gehenden Gefühle für Nick. Denn das ist absolut lächerlich – so wie du dich heute und auch in anderen Situationen verhalten hast.“



Lisa holte Luft, doch Liam ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen. „Außerdem sprechen die Szenen deines neuen Teils der Schattenwelt-Reihe in deinem kleinen Notizbuch Bände.“



„Du… du hast in meinem Notizbuch herumgestöbert?“ stieß Lisa empört aus.



Liam nickte fröhlich. „Übrigens auch schon in der Rohfassung sehr schön geschrieben. Aber worauf ich eigentlich hinauswill, ist Devon.“



„Wieso? Was… was ist mit ihm?“



Liam grinste sie breit an. „Er hat ein wenig sein Äußeres verändert.“



Lisa schüttelte den Kopf. „Hat er nicht!“ erwiderte sie mit fester Überzeugung.



„Dunkles, leicht gelocktes Haar, blaue Augen, markante Gesichtszüge, athletischer Körper“, zählte Liam auf und hob vielsagend die Brauen.



„So sah er doch schon immer aus!“ entrüstete sich Lisa.
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Was wollte Liam ihr denn da unterstellen?



Der Schauspieler sagte nichts mehr, sondern stand stattdessen auf und ging hinüber zu einem der Bücherregale die sich in einer gemütlichen Nische in seinem Wohnzimmer befanden. Lisa beobachtete stirnrunzelnd, wie er ein Buch herausnahm und kurz darin herumblätterte. Dann räusperte er sich und wandte sich zu ihr um.

„Devon drehte sich zu ihr um. Seine braunen Augen funkelten sie amüsiert an und das Lächeln, zu dem sich seine Lippen verzogen, gab seinem so jungenhaften Gesicht ein Leuchten, das Beckys Herz zum stolpern brachte“, las Liam laut vor, während er sich wieder auf Lisa zubewegte. Schattenmond. Er hielt tatsächlich Schattenmond in seinen Händen. „Und ein paar Absätze weiter: Er fuhr sich mit den Fingern durch sein momentan etwas zu langes, dunkelblondes Haar.“



Lisa schluckte schwer. Er hatte Recht. Devon war in ihrer Vorstellung immer Liam Chandler gewesen. Natürlich! Wann hatte Nick angefangen ihre Fantasievorstellungen an sich zu reißen? Und sie hatte das auch noch aufgeschrieben. Peinlich!



„Ganz davon abgesehen, hat Devon neuerdings auch ein Grübchen im Kinn“, setzte Liam auch noch hinzu und klappte das Buch lautstark zu, um es dann auf den Couchtisch zu legen und sich schwer auf die Couch fallen zu lassen. Er kuschelte sich zufrieden in das weiche Polster und grinste Lisa ein weiteres Mal breit an. „Beweisführung abgeschlossen. Hat die Staatsanwaltschaft noch irgendwelche Einwände oder Fragen?“



Lisa sah ihn nicht an, sondern starrte nur ihr Buch vor sich auf dem Tisch an. Liam hatte Recht. Sie war überführt. Lisa George hatte sich wirklich und wahrhaftig in Nicolas Jordan verliebt.* (Rückblick Ende)





„Was hältst du eigentlich von Fernbeziehungen?“ brach Liam das Schweigen nach einer Weile und riss Lisa damit abrupt aus ihren Erinnerungen. Sie hätte sich beinahe an ihrem Rieseneis verschluckt, das sie und Liam sich anstelle eines Abendessens geholt hatten. Nüsse und Früchte zierten die Kugeln in der großen Waffel – da sollte noch mal einer sagen, dass nicht alle wichtigen Nahrungsmittelgruppen vertreten waren.



„Was?“ fragte sie nicht sehr geistreich.
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Er sah sie an, ein wenig kritisch, beugte sich dann langsam zu ihr vor, die Augen auf ihre Lippen gerichtet und-

Sie hielt entsetzt die Luft an und er brach in schallendes Gelächter aus. „Du hast da was“, erklärte er und fuhr mit seinem Finger über ihre linke Wange. Als er ihn wieder in Sichtweite brachte, zierte ihn ein Streifen giftgrünen Eises sowie ein Stückchen Erdbeere. „So erschrocken wie du geguckt hast, könnte man meinen, ich hätte versucht-“ Er stutzte und hauchte versuchsweise in seine gewölbte Hand. „Hab' ich Mundgeruch?“ Wie um seine eigene Frage zu beantworten schüttelte er den Kopf und fuhr fort: „Hör zu, ich bin nicht sonderlich gut in so was, weil die meisten meiner Beziehungen doch recht kurzlebiger Natur gewesen sind und mir daher vielleicht gewisse Erfahrungswerte fehlen, aber wie dem auch sei: So etwas kann durchaus klappen. Ich meine, LA und Berlin sind jetzt auch nicht so weit voneinander entfernt. Ich habe Drehtage, die länger sind. Außerdem hockt man sich auch dann nicht ständig auf der Pelle, was auch von Vorteil sein kann. So bleibt‘s immer spannend. Und in Zeiten von Skype und Smartphones und Privatjets… ich bitte dich.“ Er blieb stehen und nahm Lisas Hand, was sie ein wenig irritiert geschehen ließ, während sich in ihrer Magengrube ein unangenehmes Gefühl einzunisten begann. „Versprich mir, dass du wenigsten darüber nachdenkst und es nicht gleich abhakst. Ich meine, ich habe keinerlei Erfahrungen mit Fernbeziehungen, aber wenn man es wirklich versucht, vielleicht…“ Er schenkte ihr einen so treuherzigen Blick, dass ihr ganz warm ums Herz wurde. Allerdings nicht auf die Art, bei der das Herz gleichzeitig hüpfte sondern die, bei der sich eher der Magen verkrampfte, weil man etwas sagen musste, was der andere ganz gewiss nicht hören wollte.



„Liam… das ist so süß… wirklich, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll… ich… aber…“



Seine Brauen zogen sich zusammen.



„Nun ja, ich fürchte –“



„Wieso fühlt sich das so an wie damals, als mir Lindsay Stevens einen Korb –“ Er starrte sie entgeistert an. „AchduheiligeScheiße, Lisa!!“ Er ließ ihre Hand los und legte seine Hände stattdessen auf ihre Schultern.
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„Hey, das ist fast schon ein wenig beleidigend, weißt du? Klar, jeder steht auf Liam Chandler und auch du kannst dich einer gewisse Anziehungskraft nicht erwehren, aber ich fische doch nicht in fremden freundschaftlichen Gewässern. Ich liebe meinen Nicky!“



Oh.

Mein.

Gott.

Lisa hielt sich die Hände vors Gesicht. Oh Gott. Oh Gott, war das peinlich!! Das waren ganz neue Dimensionen des Unangenehmen! Blöden! Furchtbaren! OH GOTT!



„Ist doch nicht so schlimm“, versuchte Liam, sie zu beruhigen. „Ich weiß, dass du das nicht so gemeint hast. Jetzt schieb mal den peinlichen Ausrutscher gerade zur Seite und versprich mir, dass du einfach mal einen Gedanken daran verschwendest. Schiefgehen kann alles, aber man muss gewisse Dinge einfach versuchen und wenn sie dann nicht gleich klappen, dann kommt man wenigstens nie in die Situation, sich fragen zu müssen, ob sie nicht vielleicht doch hätten funktionieren können. Wenn ich eins gelernt habe, dann, dass nichts so schlimm ist wie Ungewissheit. Oder meinst du im Ernst, wenn ich nach…“ er suchte nach einem Vergleich. „… nicht enden wollenden Angeboten für Hämorrhoiden-Werbespots oder ‚See des Todes 4‘ anstatt guter Angebote aufgegeben hätte, wäre ich heute, wo ich bin?“ Er seufzte und setzte sich neben sie in den Sand, durch den sie sich so gerne einen Tunnel gegraben hätte, um ungesehen verschwinden zu können. „Ich könnte auch heute noch der falschen Frau hinterher trauern und vielleicht tue ich das sogar. Ich habe mich für all diese lockeren Bettgeschichten entschieden, weil ich eben nicht der Ansicht bin, dass die große Liebe, von der ich so lange geträumt habe auch mir bestimmt ist und so konnte ich endlich damit aufhören, mich in meinem Mauseloch zu verkriechen, auch wenn Nick mir erfolglos einzureden versucht, dass ich genau das immer noch tue.“ Er seufzte erneut und nahm wieder ihre Hand. „Ein Versuch, Lisa. Was hast du denn zu verlieren?“



Alles. Alles und nichts und doch so viel und –

Sie atmete tief ein und aus. Und ein. Und aus. ‚Immer so weiter, Lisa, die Erde dreht sich noch und in ein paar Wochen wirst du diesen Vorfall entweder vergessen haben oder darüber lachen.‘ Was würde sie in etwa fünf Jahren denken, wenn sie zurückschaute? Wenn sie nicht blieb, alle gerade entstehenden Brücken abbrach und einfach in ihr altes Leben zurückkehrte? Einfach.
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Ha! Würde sie damit klarkommen oder sich die ewige ‚was wäre gewesen wenn‘-Frage wieder und wieder stellen, so wie Liam gesagt hatte?

Aber eine Fernbeziehung? Zweimal Sex und ein paar Wochen komplikationsbeladenen Kennenlernens waren doch keine Grundlage!! Und doch ließ der Gedanke daran, Nick nach Ablauf der sechs Wochen nicht völlig loslassen zu müssen, den Kontakt zu ihm aufrecht zu erhalten, ihr Herz sofort schneller schlagen und sorgte für ein Warmes, hoffnungsvolles Glühen in ihrer Brust.



Sie schenkte Liam ein scheues Lächeln. „Was denkt Nick denn über das Thema Fernbeziehung?“



Liam stieß ein erleichtertes Lachen aus, legte einen Arm um ihre Schulter, drückte sie kurz und herzlich an sich und auch noch einen Kuss auf ihre Schläfe. „Ich werd’ schon dafür sorgen, dass er das Richtige denkt!“ erwiderte er mit einer solchen Überzeugung in der Stimme, dass sie ihm einfach glauben musste. Manchmal war das Leben wirklich einfach nur schön…
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Kommentare zur Story:

  Auch mir wird Liam immer sympathischer. Zwar ist er frech wie zuvor, aber im Grunde hat er eine sensible Seele und vor allem mag er Nick sehr.  
   doska  -  15.11.11 23:06

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  In diesem Kapitel wird sehr eindrucksvoll deutlich, dass Liam nicht nur ein gefeierter Star - sondern auch ein Mensch wie jeder andere sein kann. Hinter einer rauen Schale verbirgt sich nicht selten ein weicher Kern. Lisa mag zwar auch weiterhin Nick, aber auch Liam findet sie mittlerweile sehr sympathisch. Wieder sehr humorvoll - mit herrlichen Metaphern - geschrieben. Weitere Spannung ist also vorprogrammiert.
LG. Michael  
   Michael Brushwood  -  14.11.11 17:36

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